Monseigneur hatte einen wahrhaft edlen Begriff von allgemeinen

Staatsgeschäften und dieser war, Jegliches in seiner Weise seinen Weg

gehen zu lassen; und von besonderen Staatsgeschäften hatte Monseigneur

den andern edlen Begriff, daß sie alle seinetwegen dawären, zur

Vergrößerung seiner Macht und Bereicherung seiner Tasche. Von seinen

allgemeinen und besonderen Genüssen und Freuden hatte Monseigneur die

wahrhaft edle Meinung, daß die Welt ihretwegen dasei. Der Text seines

Buches (von dem Original nur in einem einzigen Worte abweichend, was

nicht viel bedeuten will) lautete: „die Erde und ihre Fülle sind mein,

sagt Monseigneur.“ Trotzdem entdeckte Monseigneur langsam, daß seine

Privat- und Staatsangelegenheiten in eine gemeine Verwirrung geriethen;

und er hatte sich für beide einen Generalpächter zum Compagnon

genommen. Für die Staatsfinanzen, weil Monseigneur durchaus Nichts mit

denselben ausrichten konnte und sie daher Jemandem verpachten mußte,

der mit ihnen fertig ward; für die Privatfinanzen, weil Generalpächter

reich waren und Monseigneur, nachdem Generationen in großem Luxus

und großer Verschwendung gelebt hatten, arm wurde. Demgemäß hatte

Monseigneur seine Schwester aus einem Kloster genommen, so lange es

noch Zeit war, dem Tod im Schleier, der billigsten Tracht, die sie

tragen konnte, zu entgehen, und hatte mit ihrer Hand einen sehr reichen

Generalpächter, der arm an Ahnen war, beglückt. Dieser Generalpächter,

ausgerüstet mit einem vorschriftsmäßigen Rohrstock, mit einem goldenen

Apfel oben darauf, befand sich jetzt unter den Wartenden in den

Vorzimmern; demüthig verehrt von den Menschen, -- immer mit Ausnahme

der höheren Menschen vom Geblüt Monseigneurs, der eben so wie die

eigene Gemahlin auf ihn mit der großartigsten Verachtung herabblickte.

Der Generalpächter war ein glanzvoller Mann. Dreißig Pferde standen

in seinen Ställen, vierundzwanzig Bediente saßen in seinem Palaste,

sechs Frauen bedienten seine Gemahlin. Als Einer, der keinen andern

Beruf vorschützte, als zu rauben und Beute zu machen, wo er konnte, war

der Generalpächter -- wie viel immer seine ehelichen Verhältnisse zur

Sittlichkeit im Allgemeinen beitragen mochten -- wenigstens die größte

Wirklichkeit unter allen den Personen, die heute im Hotel Monseigneurs

auf Audienz warteten.

Denn die Gemächer, obgleich sie einen schönen Anblick darboten und

mit jeder Verschiedenheit von Decoration ausgeschmückt waren, welche

Geschmack und Kunst jener Zeit ersinnen konnten, waren in Wahrheit

betrachtet keine gesunde Sache; in Bezug auf die Vogelscheuchen

in Lumpen und Nachtmützen anderswo (und nicht so weit weg, daß

die Wartthürme von Notre-Dame, von beiden Extremen fast gleich

weit entfernt, sie nicht beide hätten sehen können) wären sie eine

ausnehmend unbehagliche Sache gewesen -- wenn das in Monseigneurs

Palast überhaupt hätte Jemandes Sache sein können. Offiziere ohne

militärische Kenntnisse; Schiffscapitäne, die nie ein Schiff gesehen

hatten; Beamte, die keinen Begriff von Geschäften hatten; Geistliche

mit eherner Stirn in der schlimmsten Welt weltlich gesinnt, wollüstigen

Blicks, lockerer Zunge und noch lockerern Lebenswandels; Alle für

ihren Beruf vollständig unfähig, Alle der frechsten Lüge schuldig,

indem sie behaupteten, ihrem Berufe anzugehören, aber Alle in näherem

oder fernerem Grade Standesgenossen Monseigneurs und deshalb in alle

Staatsstellen gepfropft, bei denen Etwas zu verdienen war, konnten

dutzendweise abgezählt werden. Leute, die mit Monseigneur oder dem

Staat in keiner unmittelbaren Verbindung standen, aber ebenso wenig

mit irgend Etwas, was echt und wirklich war, und die nie in ihrem

Leben versucht hatten, ein wahres irdisches Ziel auf geradem Wege

zu erreichen, waren in Ueberfluß vorhanden. Aerzte, die sich große

Vermögen mit Geheimmitteln für eingebildete Krankheiten, die es

nicht gab, erworben, lächelten in den Vorzimmern Monseigneurs ihre

hochgebornen Patienten an. Projectenmacher, die jegliches Mittel zur

Heilung der kleinen Krankheiten, an welchen der Staat litt, erfunden

hatten, mit Ausnahme des Mittels, ernstlich an’s Werk zu gehen, um eine

einzige Sünde mit der Wurzel auszurotten, betäubten bei der Audienz

Monseigneurs mit ihrem bethörenden Geschwätz jedes Ohr, dessen sie

habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, welche die Welt mit

Worten neu erschufen und babylonische Thürme aus Karten erbauten, um

den Himmel damit zu erstürmen, sprachen in dieser glänzenden, bei

Monseigneur versammelten Gesellschaft mit ungläubigen Chemikern, die

sich mit Goldmachen beschäftigten. Feine Herren von der feinsten

Erziehung, welche in jener merkwürdigen Zeit -- wie auch jetzt noch

-- erkannt ward an ihren Früchten der Gleichgültigkeit gegen Alles,

was werth ist, die Theilnahme des menschlichen Herzens in Anspruch zu

nehmen, befanden sich in dem Hotel Monseigneurs in dem musterhaften

Zustande geistiger Erschöpfung. Was die Häuslichkeiten betrifft,

welche diese verschiedenen angesehenen Leute in der vornehmen Welt von

Paris verlassen hatten, so wäre es den Spionen unter den versammelten

Anbetern Monseigneurs -- die eine gute Hälfte der ganzen feinen

Gesellschaft ausmachten -- schwer geworden, unter den Engeln dieser

Sphäre ein einziges Weib zu entdecken, das sich durch ihr Aussehen oder

ihr Benehmen als Mutter bekannt hätte. Ueberhaupt war über den bloßen

Act hinaus, einem solchen kleinen Störenfried das Leben zu geben --

womit der Name Mutter lange noch nicht verdient ist -- in der modischen

Welt so Etwas gar nicht bekannt. Bauerfrauen behielten die unmodischen

Bälger bei sich und zogen sie auf, und reizende Großmütter von sechszig

Jahren kleideten sich und soupirten, als ob sie zwanzig wären.

Der Aussatz der Unwirklichkeit entstellte jedes Menschenkind, das bei

Monseigneur auf Audienz wartete. In den vordersten Vorzimmern befand

sich ein halbes Dutzend Ausnahmemenschen, welche seit einigen Jahren

eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Welt im Allgemeinen eher

schief ginge. Um sie wieder auf den geraden Weg zu bringen, waren die

Hälfte desselben Dutzend Mitglieder einer phantastischen Secte von

Convulsionären geworden und überlegten eben jetzt bei sich, ob sie

nicht auf der Stelle mit schäumendem Munde und Gebrüll in Epilepsie

verfallen sollten -- um damit zu Monseigneurs Leitung für die Zukunft

einen außerordentlich verständlichen Wegweiser zu setzen. Außer diesen

Derwischen gab es noch drei andere, Mitglieder einer andern Secte,

welche die Welt mit einem Kauderwälsch von dem „Centrum der Wahrheit“

bessern wollte und behauptete, die Menschheit wäre aus dem Centrum der

Wahrheit herausgekommen -- was nicht vielen Beweises bedurfte --, aber

noch nicht aus der Peripherie, und damit sie nicht über die Peripherie

hinausfliege und sogar wieder in den Mittelpunkt komme, müsse man

fasten und Geister citiren. Diese Leute hatten demnach einen lebhaften

Verkehr mit der andern Welt -- und verrichteten damit außerordentlich

viel Gutes, das man nur leider nie zu sehen bekam.

Aber der Haupttrost war, daß die ganze Gesellschaft im Hotel

Monseigneurs tadellos angezogen war. Wenn man nur hätte sicher sein

können, daß der Tag des Gerichts ein Gallatag sein werde, so hätte

jeder der Versammelten in alle Ewigkeit die Prüfung bestanden.

Ein solches Frisiren und Pudern und Pomadisiren des Haares und so

kunstvolles Schminken und Malen, so tapfere Degen für das Auge und so

zartes Huldigen des Geruchssinnes mußten sicherlich alles Mögliche

in alle Ewigkeit im besten Glanze erhalten. Die feinsten Herren von

der feinsten Erziehung trugen an ihren Uhren niedliche Kleinodien,

welche klimperten, wie sie sich schläfrig bewegten; diese goldenen

Fesseln läuteten wie liebliche Glöckchen; und mit diesem Läuten und dem

Rauschen von Brocat und Seide und feinem Linnen ging ein Regen durch

die Luft, welches St. Antoine und seinen nagenden Hunger weit hinweg

wehte.

Costüm war der eine unfehlbare Talisman und Zauber, der jegliches Ding

auf seinem Platze erhalten mußte. Jedermann war für eine Maskerade

costümirt, die nie aufhören sollte. Vom Tuilerienpalaste durch

Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtshöfe

und die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme der Vogelscheuchen) stieg die

Maskerade bis zum Henker herab, der, um den Zauber nicht zu brechen,

frisirt, gepudert, in goldbetreßtem Rock, Schuhen und weißseidenen

Strümpfen sein Amt verrichten mußte. An Galgen und Rad -- das Beil

war eine Seltenheit -- verrichtete Monseigneur Paris, wie nach

bischöflichem Brauche seine Collegen aus der Provinz, Monsieur Orleans

und die Andern, ihn nannten, in diesem schmucken Aufzuge sein Amt.

Und wer unter der Gesellschaft an Monseigneurs Audienztag in diesem

1780sten Jahre unseres Herrn hätte zweifeln können, daß ein System, das

seine Wurzel in einem frisirten und gepuderten Henker im Tressenrock,

Schuhen und weißseidenen Strümpfen hatte, nicht selbst die Sterne

überdauern würde!

Nachdem Monseigneur seine vier Leute ihrer Lasten entledigt und

seine Chocolade zu sich genommen hatte, ließ er die Flügelthüren des

Allerheiligsten aufthun und trat hinaus. O, die Unterwürfigkeit, die

krummen Rücken und schmeichelnden Gesichter, die Servilität, die

niedere Kriecherei, die jetzt zu sehen waren! Was das Demüthigen,

körperlich und geistig, betrifft, so blieb in dieser Hinsicht Nichts

für den Himmel übrig -- was einer von den vielen Gründen gewesen sein

mag, warum die Anbeter Monseigneurs ihn niemals belästigten.

Mit einem Worte der Verheißung hierhin und einem Lächeln dorthin, einem

geflüsterten Wort für einen glücklichen Sclaven und einem Gruß mit

der Hand für einen andern, wandelte Monseigneur leutselig durch seine

Gemächer bis in die entlegene Region der Peripherie der Wahrheit. Dort

kehrte Monseigneur um und ging desselbigen Weges zurück und schloß sich

im gehörigen Verlauf der Zeit wieder ein in sein Allerheiligstes mit

den Chocoladengeistern und ward nicht mehr gesehn.

Nachdem das Schauspiel vorüber war, wurde das Regen in der Luft fast zu

einem kleinen Sturm und die lieblichen Glöckchen läuteten die Treppen

hinunter. Bald blieb von dem ganzen Gedränge nur ein einziger Herr

zurück und dieser, mit dem Hute unter dem Arm und der Tabaksdose in der

Hand, ging langsam an den Spiegeln vorüber hinaus.

„Ich widme Euch dem Teufel!“ sagte dieser Herr, indem er in der letzten

Thür stehen blieb und das Gesicht dem Allerheiligsten zukehrte.

Damit schüttelte er den Tabak von seinen Fingerspitzen, als ob er den

Staub von seinen Füßen geschüttelt hätte und ging ruhig die Treppe

hinab.

Er war ein Mann von ungefähr sechszig Jahren in schönen Kleidern, von

stolzem Benehmen und mit einem Gesicht, gleich einer schönen Maske.

Ein Gesicht von durchsichtiger Blässe; jeder Zug in demselben deutlich

ausgeprägt, ein feststehender Ausdruck auf demselben. Die Nase, sonst

tadellos geformt, hatte über jedem Nasenflügel eine kleine Vertiefung.

In diesen beiden Vertiefungen ging die einzige kleine Veränderung vor

sich, welche das Gesicht überhaupt jemals zeigte. Sie veränderten

manchmal die Farbe und sie erweiterten und zogen sich manchmal

zusammen durch Etwas wie ein schwaches Pulsiren; dann verliehen sie

dem ganzen Gesicht einen Ausdruck der Falschheit und Grausamkeit.

Betrachtete man es genauer, so entdeckte man, daß dieser Ausdruck durch

die Linien des Mundes und die viel zu gerade und dünne Abgrenzung der

Augäpfel unterstützt ward. Dennoch war das Gesicht in der Wirkung, die

es hervorbrachte, ein schönes Gesicht und ein merkwürdiges Gesicht.

Der Besitzer desselben ging die Treppe hinunter in den Hof, stieg in

seinen Wagen und fuhr fort. Während der Audienz hatten nicht Viele von

den Versammelten mit ihm gesprochen; er hatte einen kleinen freien Raum

um sich gehabt und Monseigneur hätte wärmer gegen ihn sein können.

Unter diesen Umständen that es ihm fast wohl, das gemeine Volk vor

seinen Pferden Platz machen und oft kaum dem Ueberfahrenwerden entgehen

zu sehen. Sein Kutscher fuhr, als ob er auf einen Feind losstürmte

und sein wüthendes Jagen vermochte den Herrn weder zu einer Miene

noch zu einem Worte des Tadels. Selbst in dieser tauben Stadt und in

diesem stummen Zeitalter war manchmal die Klage laut geworden, daß in

den engen Straßen ohne Fußweg die rücksichtslose Patriziergewohnheit

schnellen Fahrens das gewöhnlichere Volk in Gefahr brachte, die

gesunden Glieder oder gar das Leben zu verlieren. Aber Wenige kümmerten

sich so sehr darum, um ein zweites Mal daran zu denken und in dieser

Weise, wie in allen andern, überließ man es dem großen Haufen, sich aus

seiner Noth zu finden, so gut er konnte.

[Illustration: ~Der Aufenthalt am Brunnen.~]

Mit wildem Rasseln und Klappern und einer unmenschlichen

Rücksichtslosigkeit, die man heutzutage nicht gut begreift, jagte

der Wagen durch die Straßen und um Ecken herum, während Weiber laut

schreiend vor ihm aus einander stoben und Männer einander bei dem Arm

packten und Kinder aus dem Wege rissen. Endlich beim Umbiegen um eine

Straßenecke bei einem Brunnen kam einem der Räder Etwas in den Weg, ein

lauter Schrei ertönte aus dem Volke und die Pferde stiegen und schlugen

aus.

Wenn letzteres nicht gewesen wäre, hätte der Wagen wahrscheinlich

nicht gehalten; oft schon waren Wagen weiter gefahren und hatten ihre

Verwundeten liegen lassen, und warum auch nicht? Aber der erschrockene

Diener sprang hastig herunter und zwanzig Hände hatten die Zügel der

Pferde gefaßt.

„Was ist geschehen?“ sagte Monsieur und sah ruhig aus dem Wagen heraus.

Ein langer Mann in einer Nachtmütze hatte ein Bündel unter den Hufen

der Pferde hervorgerissen, hatte es auf den Unterbau des Brunnens

gelegt, kniete in dem Schmutze und der Nässe der Straße nieder und

heulte darüber wie ein wildes Thier.

„Pardon, Monsieur le Marquis!“ sagte ein zerlumpter Mann mit

unterwürfiger Geberde, „es ist ein Kind.“

„Wozu macht er diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?“

„Entschuldigen Sie, Monsieur le Marquis -- es ist recht traurig -- ja.“

Der Brunnen stand in einiger Entfernung; denn die Straße öffnete sich,

wo er stand, auf einen kleinen freien Platz von fünfzehn oder zwanzig

Schritten Breite. Wie der lange Mann plötzlich vom Erdboden aufsprang

und auf den Wagen zugelaufen kam, legte Monsieur le Marquis einen

Augenblick die Hand an den Degen.

„Todt!“ schrie der Mann in wilder Verzweiflung, indem er beide Arme gen

Himmel erhob und den vornehmen Mann mit starrem Blick ansah. „Todt!“

Die Menge drängte sich um den Wagen und heftete die Blicke auf Monsieur

le Marquis. In den vielen Augen, die ihn ansahen, zeigte sich Nichts,

als Neugier und Spannung; kein Drohen und kein Zorn. Das Volk sagte

auch Nichts; nach dem ersten Schrei war es stumm und blieb auch so. Die

Stimme des unterwürfigen Mannes, der gesprochen hatte, war in ihrer

übermäßigen Unterwürfigkeit tonlos und matt. Monsieur le Marquis ließ

seine Blicke über sie hinschweifen, als ob sie Alle Nichts als Ratten

wären, eben aus ihren Löchern hervorgekrochen.

Er zog die Börse.

„Ich kann mich nicht genug wundern,“ sagte er, „daß Ihr Leute Euch

selbst und Eure Kinder nicht mehr in Acht nehmt. Einer oder der Andere

von Euch ist immer im Wege. Wie kann ich wissen, welchen Schaden Ihr

meinen Pferden gethan habt? Hier, gebt ihm das.“

Er warf ein Goldstück hinaus, daß der Diener es auflese und alle Hälse

wurden lang, um zu sehen, wo es hinfiel. Der lange Mann schrie wieder

in einem Tone, der nicht aus einer Menschenbrust zu kommen schien.

„Todt!“

Die rasche Ankunft eines andern Mannes, dem die Uebrigen Platz machten,

unterbrach ihn. Als der Arme diesen sah, fiel er schluchzend und

weinend an seine Brust und wies auf den Brunnen, wo einige Frauen die

kleine Leiche umstanden und sich scheu und sanft darum bewegten. Aber

sie waren so stumm wie die Männer.

„Ich weiß Alles, ich weiß Alles,“ sagte der zuletzt Angekommene. „Faßt

Euch, mein Gaspard! Besser für das arme kleine Wesen, so zu sterben,

als zu leben. Es ist in einem Augenblick ohne Schmerz gestorben. Hätte

es eine Stunde so glücklich leben können?“

„Ihr seid ein Philosoph, Freund,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.

„Wie heißt Ihr?“

„Ich heiße Defarges.“

„Was seid Ihr?“

„Monsieur le Marquis, Weinschenk.“

„Hier nehmt, Philosoph und Weinschenk,“ sagte der Marquis und warf ihm

ein Goldstück hin, „und verthut es nach Belieben. Kutscher, fahr’ zu!“

Ohne die versammelte Menge eines zweiten Blickes zu würdigen, lehnte

sich Monsieur le Marquis in den Wagen zurück und es sollte eben weiter

gefahren werden mit der Miene eines vornehmen Herrn, der zufällig etwas

ganz Gemeines zerbrochen und es bezahlt hatte und das Geld entbehren

konnte, als seine Seelenruhe plötzlich dadurch gestört wurde, daß ein

Geldstück in den Wagen flog und klimpernd auf den Boden fiel.

„Halt!“ sagte Monsieur le Marquis. „Halt, Kutscher: Wer hat geworfen?“

Er blickte nach der Stelle, wo Defarges, der Weinschenk, noch vor einer

Secunde gestanden hatte; aber der unglückliche Vater kniete auf dieser

Stelle suchend auf dem Pflaster, und die Gestalt, welche neben ihm

stand, war eine brunette, starke Frau, welche strickte.

„Ihr Hunde!“ sagte der Marquis, aber ruhig und mit unverändertem

Gesicht, außer um die Vertiefung über den Nasenflügeln. „Ich würde ohne

Anstand über Jeden von Euch wegfahren und ihn von der Erde vertilgen.

Wenn ich wüßte, welcher Lump geworfen hat, und wenn er nahe genug wäre,

wollte ich ihn mit den Rädern meines Wagens zermalmen.“

So gedrückt waren diese Menschen und so lange und so schlimme Erfahrung

hatten sie von dem, was ein solcher Mann innerhalb des Gesetzes und

über dasselbe hinaus ihnen anthun konnte, daß sich kein Mund, keine

Hand, nicht einmal ein Auge regte. Unter den Männern nicht bei einem

Einzigen. Aber die strickende Frau erhob die Augen und sah den Marquis

fest in’s Gesicht. Es war nicht seiner Würde gemäß, das zu beachten;

verachtungsvoll schweifte sein Blick über sie und alle die andern

Ratten weg, und er legte sich wieder in den Wagen zurück und gab wieder

den Befehl: „Fahr’ zu!“

Er fuhr fort und andere Kutschen fuhren ebenfalls in rascher

Aufeinanderfolge vorüber; der Minister, der Staatsprojectenmacher, der

Generalpächter, der Arzt, der Jurist, der Geistliche, die große Oper,

das Lustspiel, der ganze Maskenball im bunten, ununterbrochenen Zuge

fuhren vorüber. Die Ratten waren aus ihren Löchern hervorgekrochen,

um das Schauspiel anzusehen und sie sahen ihm stundenlang zu, wobei

Soldaten und Polizei oft zwischen sie und das Schauspiel traten und

eine Kette bildeten, hinter welche sie sich verkrochen und durch die

sie lugten. Der Vater hatte schon längst die kleine Leiche aufgehoben

und war damit davon geschlichen, als die Frauen, welche sie mitleidig

umstanden hatten, wie sie auf dem Unterbau des Brunnens lag, noch dort

saßen und dem Rieseln des Wassers und dem Vorbeifahren des Maskenballes

zusahen, -- als das eine Weib, das, vor allen andern bemerklich,

strickend dagestanden hatte, immer noch mit dem ruhigen Ausharren des

Schicksals fortstrickte. Das Wasser des Brunnens rinnt dahin, der

schnelle Fluß rinnt dahin, der Tag verrinnt in den Abend, so viel Leben

in der Stadt verrinnt in den Tod, nach der Regel, „Zeit und Fluth

warten auf Niemand.“ Die Ratten schliefen dicht zusammengedrängt wieder

in ihren dunkeln Löchern, der Maskenball saß im hellen Kerzenschein

beim Souper und jegliches Ding ging seines Weges.

Achtes Kapitel.

Monsieur le Marquis auf dem Lande.

Eine schöne Landschaft, von goldenen, aber nicht dichtbestandenen

Weizenfeldern unterbrochen, Fleckchen dünn stehenden Roggens, wo

Weizen hätte stehen sollen, Fleckchen kümmerlicher Bohnen und Erbsen,

Fleckchen anderer geringer Stellvertreter für Weizen. Die unbelebte

Natur war wie die Männer und Frauen, welche sie bewirthschafteten, mit

einer vorherrschenden Neigung behaftet, sich als widerwillig vegetirend

darzustellen,-- mit einer niedergedrückten Stimmung sich aufzugeben und

zu verwelken.

Monsieur le Marquis in seiner Reisekutsche (welche leichter hätte

sein können), gefahren von vier Postpferden und zwei Postillons,

fuhr langsam einen steilen Hügel hinauf. Ein rother Schimmer auf dem

Antlitze Monsieurs le Marquis konnte seiner Vornehmheit keinen Eintrag

thun; er kam nicht von inwendig; er rührte von einem außer seiner

Controle stehende äußeren Umstande her, von der untergehenden Sonne.

Der Sonnenuntergang schien so glänzend in die Reisekutsche, als sie

die Höhe erreichte, daß der darin Sitzende wie mit Purpur übergossen

war. „Es wird gleich vorbei sein,“ sagte Monsieur le Marquis, mit einem

Blick auf seine Hände.

In der That stand die Sonne so tief, daß sie gleich darauf unter den

Horizont versank. Als der schwere Hemmschuh an das Rad gelegt war und

der Wagen mit einem brenzlichen Geruch in einer Staubwolke den Berg

hinabrutschte, verschwand die rothe Gluth rasch; da die Sonne und der

Marquis mit einander bergunter gingen, war keine Gluth mehr vorhanden,

als der Hemmschuh wieder entfernt ward.

Aber es blieb noch eine wellenförmige Landschaft, malerisch und weit,

ein Dörfchen am Fuße eines Hügels, ein Abhang und Hügelrücken dahinter,

ein Kirchthurm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Fels

mit einer Burg auf der Spitze, die als Gefängniß diente. Auf alle diese

allmälig in der niedersinkenden Dämmerung verschwimmenden Gegenstände

blickte der Marquis mit der Miene eines Mannes, der sich der Heimath

nähert.

Das Dörfchen hatte eine einzige ärmliche Straße, mit einer ärmlichen

Brauerei, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einer

ärmlichen Stallung für die Relais der Postpferde, einem ärmlichen

Brunnen und allem andern gewöhnlichen ärmlichen Zubehör. Es hatte

auch seine armen Einwohner. Alle seine Bewohner waren arm und viele

derselben saßen vor ihren Hausthüren und schnitten Zwiebeln und

Aehnliches zum Abendessen, während viele an dem Brunnen standen und

Blätter und Gras und andere ähnliche Früchte der Erde, welche zur Noth

gegessen werden konnten, wuschen. Ausdrucksvolle Anzeichen von dem,

was sie arm machte, fehlten nicht; die Abgaben für den Staat, die

Abgaben für die Kirche, die Abgaben für den Grundherrn, Localabgaben

und Staatsabgaben mußten hier und dort bezahlt werden, wie ein großes

Schild im Dörfchen sagte, so daß man sich wunderte, wie vom Dörfchen

überhaupt noch Etwas übrig blieb.

Wenige Kinder waren sichtbar und keine Hunde. Was Männer und Weiber

betrifft, so war ihre Wahl auf Erden sehr beschränkt -- ein Leben unter

den niedrigsten Bedingungen, unter denen es erhalten werden konnte,

unten in dem Dörfchen unter der Mühle; oder Gefangenschaft und Tod in

dem dräuenden Gefängniß auf dem Felsen.

Verkündet durch einen vorausreitenden Courier und von dem Klatschen der

Peitschen seiner Postillone, die sich in der Abendluft schlangenartig

um ihre Köpfe bewegten, als ob die Furien ihn begleiteten, ließ

Monsieur le Marquis den Reisewagen an der Thür der Post anhalten. Sie

war dicht beim Brunnen und die Landleute unterbrachen neugierig ihre

Beschäftigung. Er ließ seine Blicke über sie wegschweifen und sah in

ihnen, ohne es zu wissen, das langsame und sichere Abzehren von Antlitz

und Gestalt durch Noth und Kummer, welches die Magerkeit der Franzosen

zu einem englischen Aberglauben machte, der die Wahrheit fast hundert

Jahre überleben sollte.

Monsieur le Marquis sah hinaus auf die unterwürfigen Gesichter, die

sich vor ihm beugten, wie er sich vor Monseigneur gebeugt hatte --

der einzige Unterschied war, daß diese Häupter sich nur beugten,

um zu dulden und nicht um zu schmeicheln, -- als ein ergrauter

Chausseearbeiter unter die Umstehenden trat.

„Bringt mir den Kerl her!“ sagte der Marquis zu dem Courier.

Der Kerl wurde mit der Mütze in der Hand hergebracht und die andern

Kerle drängten sich heran, um zuzuhören, ganz wie die Leute am Brunnen

in Paris.

„Ihr standet an der Straße, als ich vorüber fuhr?“

„Ja, Monseigneur. Ich hatte die Ehre zu sehen, wie Euer Gnaden fuhren

vorüber.“

„Wie ich die Höhe herauffuhr und oben auf der Höhe, nicht?“

„Ja, Monseigneur.“

„Wonach blicktet Ihr mit so starrem Auge?“

„Monseigneur, ich starrte den Mann an.“

Er bückte sich ein Wenig und wies mit seiner zerlumpten blauen Mütze

unter den Wagen. Alle die Andern bückten sich auch, um unter den Wagen

zu sehen.

„Was für ein Mann, Kerl? Und warum dorthin sehen?“

„Verzeihung, Monseigneur; er hing an der Kette des Hemmschuhs.“

„Wer?“ fragte der Reisende.

„Monseigneur, der Mann.“

„Der Teufel soll diese Esel holen! Wie hieß der Mann! Ihr kennt ja alle

Leute dieser Gegend. Wer war der Mann?“

„Verzeihen Sie, Monseigneur! Er war nicht aus dieser Gegend. In meinem

ganzen Leben habe ich ihn nie gesehen!“

„Er hing an der Kette? Um im Staube zu ersticken?“

„Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, Monseigneur, das war eben das Wunder.

Der Kopf hing herunter. -- So!“

Er drehte sich halb um und bog sich zurück, so daß das Gesicht zum

Himmel gewendet war und der Kopf hinten über hing; dann stellte er

sich wieder gerade, zerdrückte die Mütze in der Hand und machte eine

Verbeugung.

„Wie sah er aus?“

„Monseigneur, er war weißer, als ein Müller. Ueber und über mit Staub

bedeckt, weiß wie ein Gespenst, groß wie ein Gespenst!“

Zwei Städte · 第 10 / 36 段