„Immer finden sich allerlei Leute, die nicht im Mindesten meines

Herzblättchens würdig sind,“ sagte Miß Proß. „Als Sie damit anfingen --“

„Ich soll damit angefangen haben, Miß Proß?“

„Nun, wer denn? Wer hat denn ihren Vater wieder lebendig gemacht?“

„Ach! Wenn das der Anfang war, --“ sagte Mr. Lorry.

„Nun, das Ende war es doch gewiß nicht, sollte ich meinen? Ich sage,

als Sie damit anfingen, war es hart genug; nicht daß ich an _Dr._

Manette Etwas auszusetzen habe, außer daß er einer solchen Tochter

nicht würdig ist, was keine Schande für ihn ist, denn es war unter

keinen Verhältnissen zu erwarten, daß Jemand ihrer würdig sein sollte.

Aber es ist wahrhaftig doppelt und dreifach hart, wenn nach ihm (dem

ich es hätte verzeihen können) noch eine Unzahl Leute kommen, um mir

meines Herzblättchens Liebe wegzunehmen.“

Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, aber er wußte

jetzt auch, daß sie unter der Decke ihrer Excentricität eins jener

selbstlosen Geschöpfe war, die man nur unter Frauen findet, die aus

reiner Liebe und Bewunderung sich der Jugend, die sie längst verloren,

der Schönheit, die sie nie besessen, Fähigkeiten, deren sie sich

nie rühmen konnten, schönen Hoffnungen, die ihrem düstern Leben nie

leuchteten, zum willenlosen Sclaven ergeben. Er kannte genug von der

Welt, um zu wissen, daß es nichts Köstlicheres giebt, als den treuen

Dienst des Herzens; und so, wie er hier geleistet ward und so frei,

wie er hier von jedem Schatten der Selbstsucht war, hatte er eine so

hohe Achtung davor, daß er in der Austheilung von Belohnungen, die

er innerlich vornahm, -- wir Alle beschäftigen uns oft mit solchen

Gedanken -- Miß Proß den Engeln viel näher stellte, als viele Damen,

für welche Natur und Kunst viel mehr gethan hatten und die ein Conto

bei Tellsons hatten.

„Es hat nie einen Mann gegeben und wird nie einen geben, der meines

Herzblättchens würdig ist, mit Ausnahme eines einzigen,“ sagte Miß

Proß, „und das war mein Bruder Salomo, wenn er nicht in seinem Leben

fehl gegangen wäre.“

Das war wieder ein Beispiel. Mr. Lorry’s Nachforschungen über Miß Proß’

Lebensgeschichte hatten die Thatsache festgestellt, daß ihr Bruder

Salomo ein herzloser Lump war, der ihr Alles, was sie hatte, genommen,

um damit zu speculiren und sie dann in ihrer Armuth, ohne das geringste

Mitleid zu fühlen, hatte sitzen lassen. Miß Proß’ fester Glaube an

Salomo (mit Abrechnung einer bloßen Kleinigkeit für diesen Irrthum) war

eine sehr ernsthafte Sache für Mr. Lorry, und trug nicht wenig dazu

bei, seine gute Meinung von ihr zu mehren.

„Da wir jetzt gerade für den Augenblick allein und Beide praktische

Leute sind,“ sagte er, als sie wieder in das Empfangszimmer

zurückgekehrt waren und freundschaftlich neben einander Platz genommen

hatten, „so erlauben Sie mir die Frage -- erwähnt der Doctor in seinen

Gesprächen mit Lucien niemals seiner Schuhmacherzeit?“

„Nie!“

„Und doch behält er diese Bank und das Handwerkszeug bei sich?“

„Ah!“ erwiderte Miß Proß mit Kopfschütteln. „Aber ich will nicht sagen,

daß er nicht bei sich selbst daran denkt.“

„Glauben Sie, daß er viel daran denkt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Miß Proß.

„Können Sie sich einbilden --“ fing Mr. Lorry an, als Miß Proß ihn kurz

unterbrach.

„Bilden Sie sich nie Etwas ein?“

„Sie haben Recht; meinen Sie -- Sie meinen doch manchmal?“

„Dann und wann,“ sagte Miß Proß.

„Meinen Sie also,“ fuhr Mr. Lorry mit einem stillen Lächeln in seinen

hellen Augen fort, wie er sie wohlwollend anblickte, „daß _Dr._

Manette seine Meinung über die Ursache seines harten Schicksals und

vielleicht über den Namen seines Feindes hat?“

„Ich weiß Nichts davon, als was mir Herzblättchen davon sagt.“

„Und was sagt sie?“

„Daß sie glaubt, er hat seine Meinung.“

„Nun, seien Sie nur nicht böse, daß ich Ihnen alle diese Fragen

vorlege, weil ich ein einfacher, langweiliger, praktischer Mann bin und

Sie eine praktische Frau sind.“

„Langweilig?“ fragte Miß Proß ruhig.

Mr. Lorry hätte das bescheidene Beiwort gern ungesagt gemacht und

gab zur Antwort: „Nein, nein, nein. Gewiß nicht. Um wieder zur Sache

zu kommen: ist es nicht merkwürdig, daß _Dr._ Manette, der

jedenfalls, wie wir Alle überzeugt sind, kein Verbrechen begangen

hat, niemals diese Frage berührt? Ich will nicht sagen mir gegenüber,

obgleich er seit vielen Jahren mit mir Geschäftsbeziehungen hat und wir

jetzt mit einander befreundet sind; ich will sagen mit der Tochter,

die ihn so innig liebt und die er selbst so innig liebt? Glauben Sie

mir, Miß Proß, ich rege die Sache nicht aus Neugier an, sondern aus

aufrichtiger Theilnahme.“

„Nun, so viel ich weiß, und wenig genug ist das, werden Sie sagen,“

sagte Miß Proß, besänftigt durch seinen apologetischen Ton, „er

fürchtet sich vor der ganzen Sache.“

„Er fürchtet sich?“

„Ich sollte meinen, es wäre einfach genug, warum er sich fürchtet. Es

ist eine schreckliche Erinnerung. Außerdem verdankt er jener Zeit, daß

er sich selbst verloren hat. Da er nicht weiß, wie er sich verloren

oder wie er sich wiedergefunden hat, so ist er vielleicht niemals

sicher, ob er sich nicht wieder verliert. Das allein würde die Sache

nicht angenehm machen, sollte ich meinen.“

Das war eine tiefere Bemerkung, als Mr. Lorry erwartet hatte.

„Richtig,“ sagte er, „und es ist ein schrecklicher Gedanke. Dennoch

quält mich ein Zweifel, Miß Proß, ob es gut für _Dr._ Manette

ist, daß er darüber immer bei sich allein brütet. Der Zweifel und

die Unruhe, die mir dieser Gedanke verursacht, haben mich eigentlich

veranlaßt, mich Ihnen heute anzuvertrauen.“

„Es läßt sich dem nicht abhelfen,“ sagte Miß Proß kopfschüttelnd.

„Schlagen Sie diese Saite an, und es wird sofort schlimmer mit

ihm. Besser, Sie rühren sie gar nicht an. Mit Einem Worte, sie muß

unangerührt bleiben, mag man wollen oder nicht. Manchmal steht er

mitten in der Nacht auf, und wir hören ihn hier über uns in seinem

Zimmer auf- und abgehen, auf- und abgehen. Herzblättchen weiß, daß er

dann im Geiste in seinem alten Gefängniß auf- und abgeht, auf- und

abgeht. Sie eilt hinauf und sie gehen mit einander auf und ab, auf und

ab, bis er wieder ruhig ist. Aber er sagt ihr nie ein Wort von dem

wahren Grunde seiner Ruhelosigkeit, und sie hält es für das Beste,

gegen ihn Nichts davon zu erwähnen. Schweigend gehen sie auf und ab,

auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Anwesenheit ihn wieder zu sich

gebracht hat.“

Obgleich Miß Proß Nichts von Einbildungskraft wissen wollte, lag doch

in ihrem Wiederholen der Worte auf und ab ein Bewußtsein der Qual, ohne

Abwechslung von einem einzigen traurigen Gedanken verfolgt zu werden,

welches Zeugniß dafür ablegte, daß sie selbst Einbildungskraft besaß.

Wir haben schon erwähnt, daß der Straßenwinkel wunderbar im Besitz von

Echo’s war; der Widerhall kommender Schritte war so laut geworden, daß

es schien, als ob das bloße Erwähnen des müden Auf- und Abgehens ihn

geweckt hätte.

„Da sind sie!“ sagte Miß Proß, indem sie aufstand und das Gespräch

abbrach, „und jetzt werden wir bald Hunderte von Leuten hier haben.“

Es war ein so merkwürdiger Winkel in seinen akustischen Eigenschaften,

daß, wie Mr. Lorry an dem offenen Fenster stand, und dem Kommen von

Vater und Tochter, deren Schritte er hörte, entgegensah, er sich

einbildete, sie würden nie kommen. Nicht nur hörte der Widerhall auf,

als ob die Schritte vorübergegangen wären, sondern man vernahm statt

ihrer den Widerhall anderer Schritte, die nie kamen und die plötzlich

wieder verhallten, wenn sie ganz nahe zu sein schienen. Doch Vater und

Tochter erschienen endlich und Miß Proß stand an der Hausthür bereit,

sie zu empfangen.

Es sah gar hübsch aus, wie Miß Proß, sonst so wild und roth und

unwirsch, oben im Zimmer angekommen, ihrem Herzblatt den Hut abnahm

und ihn mit den Zipfeln ihres Taschentuchs wischte und den Staub davon

abblies und ihr den Mantel abnahm und diesen zusammenlegte, und ihr das

reiche Haar mit einem Stolze glatt strich, als ob das Haar ihr eigenes

und sie das eitelste und schönste aller Frauenzimmer wäre. Auch war

es gar hübsch anzusehen, wie Lucie sie umarmte und ihr dankte und gar

nicht dulden wollte, daß sie sich so um sie bemühte -- welches letztere

sie aber nur scherzender Weise sagen durfte, sonst hätte sich Miß Proß,

tief verletzt, auf ihr Zimmer zurückgezogen und hätte geweint.

Es war auch hübsch anzusehen, wie der Doctor ihnen zusah und zu Miß

Proß sagte, daß sie Lucien verziehe und dies mit einem Ton und mit

Blicken sagte, welche ebenso viel und mehr Verzeihendes in sich hatten,

als Miß Proß, wenn es möglich gewesen wäre. Auch Mr. Lorry war ein gar

hübscher Anblick, wie er in seiner kleinen Perrücke Alle wohlwollend

ansah und seinem Junggesellenstern dankte, daß er ihm in seinen alten

Tagen in ein solches Heimwesen geleuchtet. Aber keine Hunderte von

Leuten kamen, um zuzusehen und Mr. Lorry erwartete vergeblich die

Erfüllung von Miß Proß’ Voraussagung.

Essenszeit kam und immer noch keine Hunderte von Leuten.

In der Einrichtung des kleinen Haushaltes hatte Miß Proß die Aufsicht

über die untern Regionen übernommen und verrichtete stets Wunderdinge.

Ihre Diners, obgleich auf sehr bescheidenem Fuße, waren immer so gut

gekocht und so gut servirt, und so sinnreich in ihrer halb englischen,

halb französischen Einrichtung, daß Nichts besser sein konnte. Da Miß

Proß’ Freundschaft von ganz und gar praktischer Art war, hatte sie Soho

und die angrenzenden Provinzen nach verarmten Franzosen durchstöbert,

die, mit Schillingen und halben Kronen bestochen, ihre culinarischen

Geheimnisse verriethen. Von diesen versprengten Söhnen und Töchtern

Galliens hatte sie so wunderbare Künste gelernt, daß die Frau und das

Mädchen, welche ihren Küchenstab bildeten, sie für eine Zauberin oder

Aschenbrödels Pathe hielten, die ein Huhn, ein Kaninchen, oder etwas

Grünzeug aus dem Garten holen ließ und daraus machte, was sie wollte.

An Sonntagen aß Miß Proß mit am Tisch des Doctors, aber an andern

Tagen bestand sie darauf, ihr Mahl zu unbekannten Stunden entweder in

den untern Regionen, oder in ihrem Zimmer im zweiten Stock zu sich zu

nehmen, -- in einer blauen Stube, wo Niemand außer ihrem Herzblättchen

jemals Zutritt fand. Bei solchen Gelegenheiten wurde Miß Proß, durch

Herzblättchens freundliches Gesicht und freundliche Bemühungen, ihr

zu gefallen, erweicht, sehr gemüthlich und so verging das heutige

Sonntagessen auch sehr gemüthlich.

Es war ein schwüler Tag und nach dem Essen schlug Lucie vor, den Wein

hinaus unter die Platane zu tragen und dort im Freien zu sitzen.

Da sich Alles um sie drehte und bewegte, gingen sie hinaus unter

die Platane und sie trug den Wein zum besondern Besten Mr. Lorry’s

hinunter. Sie hatte sich seit einiger Zeit zu Mr. Lorry’s Mundschenk

gemacht und während sie unter der Platane saßen und mit einander

plauderten, sorgte sie dafür, daß sein Glas beständig voll war.

Geheimnißvolle Rückseiten und Enden von Häusern lugten herein, während

sie plauderten, und die Platane über ihren Häuptern flüsterte ihnen in

ihrer eigenen Weise zu.

Aber die Hunderte von Leuten stellten sich immer noch nicht ein. Mr.

Darnay erschien, während sie unter der Platane saßen, aber das war nur

Einer.

_Dr._ Manette empfing ihn freundlich, und das that auch Lucie.

Aber Miß Proß ward plötzlich von einem Zucken in ihrem Gesicht und

ihrem Körper befallen und zog sich in das Haus zurück. Sie war nicht

selten ein Opfer dieses Leidens, welches sie im vertrauten Gespräch

ihre Laune nannte.

Der Doctor war in seiner besten Stimmung und sah besonders jung aus.

Die Aehnlichkeit zwischen ihm und Lucie war bei solchen Gelegenheiten

besonders groß, und wie sie neben einander saßen und sie das Köpfchen

auf seine Schulter lehnte, während er den Arm auf die Lehne ihres

Stuhls gelegt hatte, war es sehr wohlthuend, die Aehnlichkeit zu

verfolgen.

Sie hatten den ganzen Tag über vielerlei Gegenstände und mit

ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. „Sagen Sie, _Dr._

Manette,“ sagte Mr. Darnay, wie sie unter der Platane saßen -- und er

sagte es im natürlichen Verlauf des Gesprächs, das sich um die alten

Gebäude Londons drehte -- „haben Sie sich den Tower einmal von Innen

angesehen?“

„Lucie und ich sind dort gewesen; aber nur im Fluge. Wir haben jedoch

genug gesehen, um zu wissen, daß es ein sehr interessanter Ort ist;

wenig mehr.“

„Ich war dort, wie Sie wissen,“ sagte Darnay mit einem Lächeln, aber

doch dabei vor Entrüstung erröthend, „in einer andern Eigenschaft und

nicht in einer Eigenschaft, welche das Umsehen besonders begünstigt.

Sie erzählten mir aber eine seltsame Geschichte, als ich dort war.“

„Und die war?“ fragte Lucie.

„Bei einem Umbau stießen die Maurer auf einen alten Kerker, der seit

vielen Jahren zugemauert und vergessen war. Jeder Stein der innern

Wände war mit Inschriften bedeckt, welche Gefangene hineingeschrieben

hatten -- mit Jahreszahlen, Namen, Klagen und Gebeten. Auf einem

Eckstein in einem Winkel hatte ein Gefangener, wahrscheinlich ehe

er zur Hinrichtung geführt worden, als letztes Wort fünf Buchstaben

eingegraben. Das dazu verwendete Werkzeug war unvollkommen gewesen

und die Arbeit war hastig und mit unsicherer Hand verrichtet worden.

Anfangs las man die fünf Buchstaben _GRABJ_, aber als man genauer

hinsah, stellte sich der letzte Buchstabe als ein _T_ heraus.

Von einem Gefangenen mit diesem Anfangsbuchstaben war nirgends Etwas

verzeichnet, und man erschöpfte sich in Vermuthungen, wie er wohl

geheißen haben möchte. Endlich sprach Jemand die Meinung aus, die

Buchstaben wären keine Anfangsbuchstaben, sondern das vollständige

Wort „Grabt“. Man untersuchte sehr sorgfältig den Fußboden unter der

Inschrift und fand in der Erde unter einem Stein die Asche eines

Papiers, vermischt mit der Asche eines ledernen Beutels oder Gehäuses.

Was der unbekannte Gefangene geschrieben hatte, wird nie gelesen

werden; aber er hatte Etwas geschrieben und es vergraben, um es vor dem

Schließer zu verstecken.“

„Vater!“ rief Lucie aus. „Sie sind unwohl!“

Er war plötzlich aufgesprungen und hielt die Hand vor die Stirn. Sein

Aussehen und sein Blick erfüllten sie Alle mit Schrecken.

„Nein, Liebe, ich bin nicht unwohl. Es fallen große Regentropfen und

die haben mich erschreckt. Es ist besser, wir gehen hinein.“

Er erholte sich fast augenblicklich wieder. Der Regen fiel wirklich in

großen, schweren Tropfen und er zeigte, daß seine Hand davon benetzt

war. Aber er äußerte kein einziges Wort in Bezug auf die Entdeckung,

von der Darnay eben erzählt, und wie sie in das Haus gingen, wurde das

geschäftliche Auge Mr. Lorry’s auf seinem Gesicht, wie es sich gegen

Charles Darnay wendete, denselben eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es

sich in den Gängen des Gerichtsgebäudes ihm zugewendet hatte, gewahr

oder glaubte es wenigstens.

Er erholte sich jedoch so rasch wieder, daß Mr. Lorry der Sicherheit

seines geschäftlichen Auges nicht ganz sicher war. Der Arm des goldenen

Riesen in der Halle war nicht ruhiger, als er selbst, als er unter

ihm stehen blieb, um zu äußern, daß er vor kleinen Schreckanfällen

noch nicht sicher sei, wenn er es je sein werde, und daß der Regen es

gewesen, was ihn erschreckt habe.

Es wurde Theezeit und Miß Proß bereitete den Thee mit einem andern

Anfall ihrer Laune, aber immer noch waren nicht Hunderte von Leuten da.

Mr. Carton hatte sich eingefunden, aber nun waren es blos Zwei.

Die Nacht war so drückend schwül, daß, obgleich sie bei offenen Thüren

und Fenstern saßen, die Wärme lästig wurde. Als sie mit dem Thee fertig

waren, rückten sie Alle an eins der Fenster heran und sahen hinaus in

die trübe Dämmerung. Lucie saß neben ihrem Vater; Darnay saß neben ihr;

Carton lehnte an einem Fenster. Die Vorhänge waren weiß und lang und

die Windstöße, die in dem Winkel wirbelten, machten sie bis zur Decke

hinauf fliegen und bewegten sie wie Gespensterflügel.

„Der Regen fällt immer noch in großen, schweren und seltenen Tropfen,“

sagte _Dr._ Manette. „Es kommt langsam.“

„Es kommt sicher,“ sagte Carton.

Sie sprachen leise, wie es Leute, die auf Etwas mit Spannung warten,

meistens thun; wie Leute, die in einem dunkeln Zimmer auf den Blitz

warten, immer thun.

Auf den Straßen war großes Laufen von Leuten, die nach Hause eilten,

um ein Obdach zu haben, ehe das Gewitter losbrach; der Winkel mit den

wunderbaren Echo’s hallte wider von dem Schalle kommender und gehender

Schritte, aber Niemand kam.

„Eine Unzahl Leute, und doch eine Einsamkeit!“ sagte Darnay, als sie

eine Weile gelauscht hatten.

„Macht es nicht einen bänglichen Eindruck, Mr. Darnay?“ äußerte Lucie.

„Manchmal habe ich hier Abends gesessen, bis es mir vorgekommen ist, --

aber selbst bei dem bloßen Schatten einer thörichten Einbildung wird

es mir heute, wo Alles so schwarz und feierlich ist, schauerlicher zu

Muthe --“

„Lassen Sie es uns auch schauerlich werden. Sie dürfen doch sagen, was

es ist?“

„Sie werden es für ein Nichts halten. Solche Einfälle machen nur auf

Den Eindruck, dem sie zuerst kommen, glaube ich; sie lassen sich

nicht mittheilen. Ich habe manchmal des Abends hier allein gesessen

und gelauscht, bis es mir klar war, daß die Echo’s nur der Widerhall

aller Schritte aller Menschen wären, die auf unser Leben Einfluß haben

würden.“

„Wenn dem so ist,“ warf Sidney Carton in seiner gleichgültig mürrischen

Weise ein, „so werden wir es einmal mit einer großen Menge zu thun

haben.“

Die Schritte hörten nicht auf und wurden immer rascher und rascher.

Der Winkel hallte von ihrem Schalle wider; einige, wie es schien, in

der Ferne; einige, wie es schien, in dem Zimmer; einige kamen, andere

gingen, einige wurden unterbrochen, andere standen ganz still; alle

aber in entfernteren Straßen und kein einziger im Bereich des Auges.

„Sind alle Schritte bestimmt, zu Jedem von uns zu kommen, Miß Manette,

oder haben wir sie unter uns zu theilen?“

„Das weiß ich nicht, Mr. Darnay, ich sagte Ihnen gleich, es sei eine

thörichte Einbildung, aber Sie verlangten es zu wissen. So oft ich mich

ihrem Eindrucke hingegeben habe, war ich allein und dann habe ich mir

eingebildet, es wären die Schritte der Leute, die auf mein Leben und

auf das meines Vaters Einfluß haben würden.“

„Sie mögen nur zu mir kommen,“ sagte Carton. „Ich lege ihnen keine

Fragen vor und stelle keine Bedingungen. Ein großer Menschenhaufe

wälzt sich auf uns zu, Miß Manette und ich sehe -- Beim Blitz!“ Er

setzte die letzten Worte hinzu, nachdem ein heller Strahl vom Himmel

heruntergeschossen war, der ihn, am Fenster lehnend, sehen ließ.

„Und ich höre ihn!“ setzte er hinzu, nachdem ein Donnerschlag verhallt

war. „Sie kommen in Hast, voll Wildheit und Wuth!“

Es war das laute Niederrauschen des Platzregens, das er damit bildlich

darstellte und es unterbrach ihn, denn es übertönte jede Stimme. Ein

heftiges Unwetter brach mit diesem Regenguß aus und Donner und Blitz

und Regen kannten keinen Augenblick Unterbrechung, bis der Mond um

Mitternacht aufgegangen war.

Die große Glocke der St. Paulskirche dröhnte Eins durch die kühl

und hell gewordene Luft, als Mr. Lorry, geleitet von Jerry in hohen

Stiefeln und mit einer Laterne versehen, den Rückweg nach Clerkenwell

antrat. Es gab einsame Stellen auf dem Wege zwischen Soho und

Clerkenwell und Mr. Lorry, ihrer Unsicherheit eingedenk, hatte Jerry

für diese Begleitung regelmäßig in Dienst genommen, obgleich dieser

Dienst gewöhnlich zwei gute Stunden früher geleistet wurde.

„Was das für eine Nacht war, Jerry! Fast eine Nacht,“ sagte Mr. Lorry,

„um die Todten aus ihren Gräbern aufstehen zu machen.“

„Ich habe nie ’was mit der Nacht zu schaffen, Master -- und hoffe es

auch in der Zukunft nicht -- sie geht mich Nichts an,“ gab Jerry zur

Antwort.

„Gute Nacht, Mr. Carton!“ sagte der Buchhalter. „Gute Nacht, Mr. Darnay.

Werden wir jemals eine solche Nacht zusammen durchleben?“

Vielleicht. Vielleicht, daß der große Menschenhaufe sich brausend und

brüllend auch auf sie zuwälzt.

~Ende des ersten Theils.~

Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.

Boz (Dickens)

Sämmtliche Werke.

Hundertundvierter Band.

Zwei Städte.

Zweiter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.

Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Aus dem Englischen von Julius Seybt.

Zweiter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.

Siebentes Kapitel.

Monsieur le Marquis in der Stadt.

Monseigneur, einer der großen Herren von Macht und Einfluß bei

Hofe, gab in seinem großen Hotel in Paris seine alle vierzehn Tage

wiederkehrende Audienz. Monseigneur befand sich in seinen innern

Gemächern, in dem Allerheiligsten für das Gedränge von Verehrern in

der Reihe der Vorzimmer. Monseigneur war im Begriff, seine Chocolade

zu sich zu nehmen. Monseigneur konnte mit Leichtigkeit gar Vielerlei

zu sich nehmen, und einige wenige Unzufriedene behaupteten, er zehre

ziemlich rasch Frankreich auf; aber die Morgen-Chocolade konnte nicht

einmal ohne die Hülfe von vier starken Männern, außer dem Koch, über

die Lippen Monseigneurs gelangen.

Ja. Es gehörten vier Männer dazu, alle vier von goldenen Treffen

strahlend und der Oberste derselben außer Stande, mit weniger als

zwei goldenen Uhren in der Tasche zu leben, nach dem schönen und

geschmackvollen Beispiel Monseigneurs, alle vier dazu angestellt, die

glückselige Chocolade bis an Monseigneurs Lippen zu bringen.

Ein Lakai brachte die Chocoladenkanne in die erhabene Gegenwart; ein

zweiter quirlte sie zu Schaum mit dem kleinen Instrument, das er zu

diesem Zwecke bei sich trug; ein dritter überreichte die Serviette;

ein vierter (der mit den beiden goldenen Uhren) schenkte die Chocolade

ein. Unmöglich konnte Monseigneur einen dieser Bedienten der Chocolade

entbehren und seine hohe Stellung unter dem bewundernden Himmelsgewölbe

behaupten. Einen schwarzen Flecken hätte es auf sein Wappenschild

geworfen, wenn seiner Chocolade schmählich genug nur drei Leute

aufgewartet hätten; von zweien wäre er gestorben.

Monseigneur war vergangene Nacht bei einem kleinen Souper gewesen,

wo das Lustspiel und die große Oper in reizender Weise vertreten

waren. Monseigneur war fast alle Nächte in bezaubernder Gesellschaft

bei kleinen Soupers. So höflich und empfänglich war Monseigneur, daß

Lustspiel und große Oper bei ihm viel mehr Einfluß auf die langweiligen

Geschichten von Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnissen

hatten, als die Bedürfnisse und Nöthen ganz Frankreichs. Ein

glückliches Verhältniß für Frankreich, wie das stets so ist bei allen

gleichbegünstigten Ländern! Wie es immer war für England (um ein

Beispiel zu nehmen) in den vielbeklagten Tagen des lustigen Stuarts,

der es verkaufte.

Zwei Städte · 第 9 / 36 段