Charles Darnay stand auf, nachdem er die Rechnung bezahlt hatte und

wünschte dem Andern gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand auch

Carton auf und sagte mit fast drohender oder herausfordernder Miene:

„Noch ein Wort, Mr. Darnay: Sie glauben, ich bin betrunken?“

„Ich glaube, Sie haben getrunken, Mr. Carton.“

„Sie glauben? Sie wissen, daß ich getrunken habe.“

„Da ich es einmal sagen muß, ja.“

„Dann sollen Sie auch wissen, warum. Ich bin ein blasirtes Plackholz,

Sir. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden und kein Mensch auf

Erden kümmert sich um mich.“

„Sehr zu bedauern. Sie hätten Ihre Talente besser benutzen können.“

„Vielleicht, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Seien Sie jedoch nicht

stolz auf Ihr nüchternes Gesicht; Sie wissen nicht, wozu Sie noch

kommen können. Gute Nacht!“

Als er allein war, nahm der seltsame Mann ein Licht, trat vor einen

Spiegel an der Wand und betrachtete sich in demselben genau.

„Findest Du besondern Gefallen an dem Menschen?“ redete er halblaut

sein Bild an; „warum solltest Du besondern Gefallen an einem Menschen

finden, der Dir ähnlich sieht? An Dir ist Nichts, was gefallen könnte,

das weißt Du. Hol Dich der Kukuk! Was Du aus Dir gemacht hast! Ein

guter Grund, Dich zu Jemand hingezogen zu fühlen, weil er Dir zeigt,

wie Du Dich heruntergebracht hast und was aus Dir hätte werden können!

Tausche den Platz mit ihm; würden dann diese blauen Augen Dich

angesehen haben, wie ihn und würde Dich dann dieses aufgeregte Gesicht

bemitleidet haben, wie ihn? Sei nicht blöde und sage es offen heraus.

Du hassest den Burschen.“

Er setzte sich, um Trost zu suchen, zu seiner halben Flasche Wein,

trank sie in wenigen Minuten aus, legte dann den Kopf auf den Tisch und

schlief ein, während sein Haar in wirren Locken auf seine Arme fiel und

ein großer Räuber im Lichte Unschlitttropfen auf ihn herabfallen ließ.

Fünftes Kapitel.

Der Schakal.

Jene Zeit war eine Zeit des Zechens, und die meisten Männer zechten

stark. So sehr hat sich dieses seitdem gebessert, daß eine mäßige

Angabe der Quantität Wein und Punsch, die damals ein Mann im Verlauf

einer Nacht hinuntertrinken konnte, ohne seinem Ruf als vollkommner

Gentleman im Mindesten Eintrag zu thun, heutzutage wie eine lächerliche

Uebertreibung erschiene. Der gelehrte Stand der Juristen blieb in

seinen bacchantischen Neigungen gewiß nicht hinter andern Ständen

zurück; und auch Mr. Stryver, der sich bereits auf dem raschen Wege zu

einer ausgedehnten und gewinnbringenden Praxis befand, gab in dieser

Hinsicht seinen Collegen ebenso wenig nach, wie in den trockneren

Zweigen der Jurisprudenz.

Beliebt in Old Bailey und auch in den Assisen, hatte Mr. Stryver

bereits begonnen, vorsichtig die untern Stufen der Leiter wegzuhauen,

auf welcher er emporstieg. Die Assisen und Old Bailey hatten jetzt

ihren Günstling ausdrücklich in ihre sehnsüchtigen Arme zu rufen, wenn

sie ihn sehen wollten und täglich konnte man das geröthete Gesicht

Mr. Stryvers dem Lord-Oberrichter in dem Gerichtshof der Kingsbench

gegenüber erblicken, wie er aus einem Perrückenbeet sich hervordrängte,

einer großen Sonnenblume gleich, die aus einem verwilderten Garten voll

grell bunter Blumen zur Sonne emporstrebt.

Die Collegen hatten früher von Mr. Stryver gesagt, daß er zwar

zungengeläufig sei und sich keine Bedenken mache und keck angreife,

was er in die Hand nehme, daß er aber nicht jene Fähigkeit besitze,

den wesentlichen Inhalt aus einem Haufen von Daten herauszuziehen,

welche einer der wesentlichsten und auffälligsten Züge advocatorischer

Begabung ist. Aber in dieser Hinsicht hatte er sich merkwürdig

gebessert. Je größer seine Praxis ward, desto größer schien seine

Fähigkeit zu werden, den Kern und das Mark jedes Geschäfts zu finden;

und so spät des Nachts er auch mit Sidney Carton poculirte, konnte

er doch am Morgen die Hauptpunkte seiner Rechtssache an den Fingern

herzählen.

Sidney Carton, der trägste und zukunftsloseste Mann aller Männer, war

Stryvers großer Verbündeter. Was die Beiden zwischen dem Hilariustag

und dem Michaelstag zusammen tranken, hätte ein königliches Schiff

flott machen können. Stryver hatte nie in einer Rechtssache zu thun,

ohne daß Carton dabei saß, die Hände in den Taschen und die Decke des

Gerichtssaales anstarrend; sie bereisten denselben Assisenbezirk und

verlängerten selbst da ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht,

und Manche wollten Carton am hellen lichten Tage verstohlen und nicht

ganz fest auf den Beinen gleich einer liederlichen Katze nach Hause

schleichen gesehen haben. Endlich wurde es unter denen, die an der

Sache Interesse nahmen, ruchbar, daß zwar Sidney Carton nie ein Löwe

werden würde, daß er aber ein erstaunlich guter Schakal sei, und daß er

in dieser bescheidenen Eigenschaft Stryver treue Dienste leiste.

„Zehn Uhr, Sir!“ sagte der Kellner, dem er aufgetragen hatte, ihn zu

wecken. -- „Zehn Uhr, Sir!“

„Was giebt’s?“

„Zehn Uhr, Sir!“

„Was soll das? Zehn Uhr Nachts?“

„Ja, Sir! Euer Ehren befahlen mir, Sie zu wecken.“

„Ah! ich besinne mich. Gut, gut.“

Nach ein Paar halben Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner

geschickt dadurch vereitelte, daß er fünf Minuten lang beständig das

Feuer schürte, stand er auf, warf den Hut auf den Kopf und ging fort.

Er ging in den Tempel, erfrischte sich einigermaßen, indem er zweimal

auf dem Pflaster von Kingsbench-walk und Paper-buildings auf und ab

ging und suchte Mr. Stryvers Expedition auf.

Stryvers Schreiber, der diesen Conferenzen nie beiwohnte, war nach

Hause gegangen und der Principal machte selbst die Thüre auf. Er

hatte Hausschuhe an und einen weiten Schlafrock, und der Hals war der

größeren Bequemlichkeit wegen bloß. Er hatte das etwas verstörte,

angegriffene Aussehen um die Augen, welches man bei allen flott

Lebenden, aber angestrengt Arbeitenden von Jeffries abwärts bemerkt,

und welches man unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch

die Portraits jedes zechenden Zeitalters verfolgen kann.

„Ihr kommt etwas spät, Gedächtniß,“ sagte Stryver.

„Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht eine Viertelstunde später.“

Sie gingen in ein schwarz geräuchertes Zimmer, dessen Wände von

Büchern und dessen Tische und Fußboden von Papieren bedeckt waren und

wo ein helles Feuer brannte. Ein Theekessel dampfte vor demselben und

mitten unter Stößen Akten stand ein Tisch mit mehreren Flaschen Wein

und Cognac und Rum und Zucker und Citrone.

„Ihr habt schon Eure Flasche getrunken, sehe ich, Sidney.“

„Zwei, glaube ich. Ich habe mit dem Clienten von heute gegessen; oder

ihm zugesehen -- s’ ist Alles Eins!“

„Das war ein schöner Einfall, Sidney, Eure Aehnlichkeit zu benutzen.

Wie kamt Ihr darauf? Wann ist es Euch aufgefallen?“

„Ich dachte, er wäre eigentlich ein hübscher Kerl und dachte mir, ich

wäre ungefähr auch so ein Bursch gewesen, wenn ich nur etwas Glück

gehabt hätte.“

Mr. Stryver lachte, bis sein frühgekommenes Bäuchlein wackelte. „Ihr

und Euer Glück, Sidney! Geht an die Arbeit, geht an die Arbeit!“

Mürrisch genug machte es sich der Schakal mit seinem Anzug bequem,

ging in ein anstoßendes Zimmer und trat mit einem großen Krug kaltem

Wasser, einem Waschbecken und ein oder zwei Handtüchern wieder heraus.

Er tauchte die Handtücher in das Wasser, rang sie wieder aus und legte

sie dann zusammengebrochen in einer scheußlich aussehenden Weise auf

den Kopf. So setzte er sich an den Tisch hin und sagte. „Jetzt bin ich

fertig.“

„Es ist nicht viel zu thun, Gedächtniß,“ sagte Mr. Stryver munter, wie

er sich unter seinen Papieren umsah.

„Wie viel?“

„Nur zwei Sachen.“

„Gebt mir die schwerste zuerst.“

„Hier ist sie, Sidney. Nun vorwärts!“

Der Löwe legte sich dann bequem auf das Sopha auf der einen Seite des

Tisches mit den Flaschen, während der Schakal an seinem besondern mit

Papieren bedeckten Tische auf der andern Seite saß, so daß er die

Flaschen und Gläser bei der Hand hatte. Mit letzteren beschäftigten

sich Beide fleißig, aber jeder auf eine andere Art; der Löwe lag

meistens sinnend da, die Hände im Hosenbund und in das Feuer blickend

oder gelegentlich ein leichteres Actenstück durchmusternd, wogegen der

Schakal mit gerunzelter Stirn und aufmerksamem Gesichte so vertieft

in seine Aufgabe war, daß seine Augen nicht einmal der Hand folgten,

die er nach dem Glase ausstreckte, sondern daß er oft eine oder zwei

Minuten lang umhertappte, ehe er das Glas fand.

Ein oder zweimal stieß der Schakal auf so schwierige Punkte, daß er

sich genöthigt sah, aufzustehen und die Handtücher von Neuem naß zu

machen. Von diesen Wanderungen nach dem Wasserkrug und dem Waschbecken

kam er mit so wunderbaren Variationen seines nassen Turbans zurück,

daß Worte sie nicht beschreiben können, und sein Aufzug wurde noch

lächerlicher durch das ernsthafte, in Gedanken vertiefte Gesicht.

Endlich hatte der Schakal ein tüchtiges Mahl für den Löwen und brachte

es ihm dar. Der Löwe nahm es mit Ueberlegung und Vorsicht, traf seine

Auswahl, machte seine Bemerkungen darüber und der Schakal unterstützte

ihn dabei. Als das Mahl verzehrt war, steckte der Löwe die Hände wieder

in den Hosenbund und streckte sich aus, um zu überlegen. Der Schakal

erfrischte dann die Kehle mit einem vollen Glase und den Kopf mit

frischgenäßten Handtüchern und beschäftigte sich mit der Zurechtmachung

eines zweiten Mahles; dieses wurde dem Löwen in derselben Weise

dargebracht und war nicht eher verzehrt, als bis die Glocken drei Uhr

früh verkündeten.

„Und jetzt, da wir fertig sind, Sidney, schenkt Euer Glas Punsch ein,“

sagte Mr. Stryver.

Der Schakal nahm die nassen Handtücher vom Kopf, die ihre Feuchtigkeit

ausdampften, schüttelte sich, gähnte, fröstelte und schenkte ein Glas

voll.

„Eure Rathschläge über das Verhör der Kronzeugen waren sehr solid

heute, Sidney. Jede Frage zog.“

„Meine Rathschläge sind immer solid, sollt’ ich meinen?“

„Das ziehe ich nicht in Zweifel. Was hat Euch übler Laune gemacht?

Trinkt ein Glas Punsch und spült die üble Laune hinunter.“

Mit einem entschuldigenden Brummen schenkte sich der Schakal abermals

das Glas voll.

„Der alte Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule,“ sagte Stryver

und wiegte nachdenklich den Kopf, wie er sich den Schulkameraden in

der Gegenwart und in der Vergangenheit betrachtete. „Der alte grillige

Sidney. In einer Minute heiter und in der nächsten niedergeschlagen.“

„Ja wohl,“ entgegnete der Andere mit einem Seufzer, „derselbe Sidney,

mit demselben Glück. Selbst damals machte ich die Arbeiten für die

Andern und selten meine eigenen.“

„Und warum nicht?“

„Das weiß der Himmel. Es war meine Art so, vermuthe ich.“

Er saß da, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine vor sich

ausgestreckt und sah in das Feuer.

„Carton,“ sagte sein Freund und stellte sich mit herausfordernder Miene

vor ihn hin, als ob das Kamin der Ofen wäre, in welchem ausdauernder

Fleiß geschmiedet würde und das Beste, was man für den alten Sidney

Carton von der alten Shrewsbury-Schule thun könne, wäre, ihn

hineinzustoßen. „Eure Art ist und war immer eine lahme Art. Ihr bringt

keine Energie und kein Wollen mit. Seht mich an.“

„Ach, dummes Zeug!“ entgegnete Sidney mit einem unbefangenen und

gutmüthigen Lachen, „spielt nur nicht den Prediger.“

„Wie bin ich geworden, was ich geworden bin?“ sagte Stryver; „wie

bring’ ich zu Stande, was ich zu Stande bringe?“

„Zum Theil dadurch, daß Ihr mich bezahlt, um Euch zu helfen, glaube

ich. Aber es ist nicht der Mühe werth, mir oder der Luft darüber Reden

zu halten; was Ihr thun wollt, das thut Ihr. Ihr war’t immer in der

vordersten Reihe, und ich war immer in der letzten.“

„Ich mußte auch erst in die vorderste Reihe kommen; ich war nicht darin

geboren, sollt’ ich meinen.“

„Ich war bei dem wichtigen Vorfall nicht Zeuge; aber meiner Meinung

nach seid Ihr in der ersten Reihe geboren.“ Dabei lachte er wieder und

der Andere stimmte ein.

„Vor Shrewsbury und in Shrewsbury und seitdem wir aus Shrewsbury weg

sind,“ fuhr Carton fort, „habt Ihr von selbst Euren Platz gefunden und

ich den meinigen. Selbst als wir zusammen im Quartier latin wohnten und

Französisch lernten und französisches Recht und andere französische

Sachen, die uns nicht viel nutzten, wart Ihr immer am Platze und ich

war immer nirgends.“

„Und wessen Schuld war das?“

„Bei meiner Seele, ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht Eure Schuld

war. Ihr stießet und drängtet und triebt immer in einer so rastlosen

Weise vorwärts, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als zu ruhen und

zu rosten. S’ist übrigens eine trübselige Sache, von der eigenen

Vergangenheit zu sprechen, wenn der Tag anfängt zu grauen. Bringt mich

auf etwas Anderes, ehe ich gehe.“

„Gut! Stoßt mit mir auf die hübsche Zeugin an,“ sagte Stryver und hielt

ihm das Glas hin. „Bringt Euch das nicht in gute Stimmung?“

Allem Anschein nach nicht, denn sein Gesicht verdüsterte sich wieder.

„Hübsche Zeugin,“ brummte er vor sich hin und sah in das Glas. „Ich

habe heute den ganzen Tag mit Zeugen zu thun gehabt; was für eine

hübsche Zeugin meint Ihr?“

„Des malerischen Doctors Tochter, Miß Manette.“

„Die hübsch!“

„Meint Ihr nicht?“

„Nein.“

„Aber, Mensch, sie war die Bewunderte des ganzen Gerichtshofes.“

„Zum Kukuk mit der Bewunderung des ganzen Gerichtshofes! Wer hat

Old Bailey zu einem Schönheitsrichter gemacht? Den blondgelockten

Puppenkopf meint Ihr?“

„Wißt Ihr was, Sidney,“ sagte Mr. Stryver, indem er ihn forschend ansah

und langsam mit der Hand über sein geröthetes Gesicht strich, „wißt

Ihr, daß ich fast glaubte, Ihr sympathisirtet mit dem blondgelockten

Puppenkopf und entdecktet sehr rasch, was dem blondgelockten Puppenkopf

zustieß?“

„Entdeckte rasch, was ihm zustieß! Wenn ein Mädchen, Puppenkopf oder

nicht, ein Paar Ellen vor eines Mannes Nase in Ohnmacht fällt, so kann

er es ohne Perspectiv sehen. Ich stoße mit Euch an, aber ich leugne die

Schönheit. Und jetzt mag ich nicht mehr trinken; ich gehe zu Bett.“

Als Stryver ihn mit einem Lichte hinausbegleitete, um ihm die Treppe

hinunter zu leuchten, sah der Morgen mit kaltem Schimmer durch die von

Staub und Ruß blind gewordenen Fenster. Als er aus dem Hause trat, war

die Luft kalt und still, der Himmel trübe, der Fluß dunkel und ohne

Leben, die ganze Umgebung wie eine menschenleere Wüste. Und Staubwirbel

kräuselten in dem Morgenwinde, als ob der Wüstensand in weiter Ferne

aufgewirbelt sei und die erste vorausgeschickte Welle desselben die

Stadt zu überschütten beginne.

Unbenutzte Kräfte in sich und eine Wüste ringsum, blieb dieser Mann

unterwegs stehen und sah einen Augenblick aus der Wüste vor sich eine

Fata morgana ehrenwerthen Strebens und selbstverleugnender Ausdauer

emporsteigen. In der schönen Stadt dieses Gesichtes waren luftige

Gallerien, von wo Liebe und Anmuth auf ihn herabsahen, Gärten, in

welchen die Lebensfrüchte reich am Baume hingen, Gewässer der Hoffnung,

die vor seinen Augen funkelten. Ein Augenblick -- und Alles war

verschwunden. Er kletterte eine hohe Treppe in einem Häuserhaufen

hinauf in sein Stübchen, warf sich in seinen Kleidern auf ein

verwahrlostes Bett und das Kissen wurde feucht von vergeblichen Thränen.

Traurig, traurig ging die Sonne auf, und sie sah kein traurigeres

Schauspiel, als den Mann von guten Fähigkeiten und guten Regungen,

unfähig, sie geregelt zu benutzen, unfähig, sich zu helfen und sein

Glück zu gründen, erfüllt von dem Bewußtsein seiner Schwächen und in

bitterer Verzweiflung sich in sein Loos ergebend.

Sechstes Kapitel.

Hunderte von Leuten.

Die stille Wohnung _Dr._ Manette’s lag in einem stillen

Straßenwinkel nicht weit von Soho-square. Am Nachmittag eines schönen

Sonntags, wo die Wellen von vier Monaten über die Verhandlungen wegen

der Hochverrathsanklage gerollt waren und sie, was das Interesse

und das Gedächtniß des Publikums betrifft, weit hinaus in das

Meer getragen hatten, wandelte Mr. Jarvis Lorry durch die sonnigen

Straßen, um von Clerkenwell, wo er wohnte, zu dem Doctor zu gehen,

bei dem er essen sollte. Nach verschiedenen Rückfällen in seine

Geschäftsgleichgültigkeit war Mr. Lorry des Doctors Freund geworden und

der stille Straßenwinkel war der sonnige Theil seines Lebens.

An diesem schönen Sonntag wandelte Mr. Lorry zeitig des Nachmittags

aus drei verschiedenen Gewohnheitsgründen Soho zu. Erstens weil er an

schönen Sonntagen vor dem Essen oft mit dem Doctor und Lucien spazieren

ging; zweitens weil er an nicht schönen Sonntagen gewohnt war, bei

ihnen als Hausfreund zu verweilen und mit Plaudern, Lesen, aus dem

Fenster Sehen und Aehnlichem den Tag zu verbringen; drittens trug er

sich mit gewissen kleinen Zweifeln und wußte, daß die Lebensweise des

Doctors diese Zeit zu der geeignetsten machte, wo er ihre Lösung finden

könnte.

Ein gemüthlicherer Winkel, als der Winkel, wo der Doctor wohnte, war in

London nicht zu finden. Es war eine Sackgasse, und die vordern Fenster

der Wohnung des Doctors hatten eine angenehme kleine Perspective einer

Straße vor sich, die etwas Abgeschiedenes hatte. Es standen damals

wenig Gebäude nördlich von Oxfordroad und Waldbäume gediehen und

Waldblumen und Hagedorn blühten in den jetzt verschwundenen Feldern. In

Folge davon wehte frische Landluft mit kräftiger Freiheit in Soho und

ganz in der Nähe gab es manche gegen Süden gewendete Mauer, an welcher

die Pfirsiche zu ihrer Zeit reif wurden.

Die Sommersonne traf in den frühen Stunden des Tages mit hellem Scheine

den Winkel; aber wenn die Straße heiß wurde, lag die Ecke im Schatten,

obgleich nicht so tief im Schatten, daß man nicht hätte in den hellen

Sonnenglanz hineinsehen können. Es war eine kühle Stelle, ruhig, aber

heiter, ein wunderbarer Ort für Echo’s und ein wahrer Rettungshafen vor

dem wüsten Straßenlärm.

Ein ruhiges Schiff gehörte auf einen solchen Ankerplatz und es war auch

vorhanden. Der Doctor bewohnte zwei Stockwerke eines großen, stillen

Hauses, wo der Sage nach bei Tage verschiedene Gewerbe betrieben

wurden, aber sehr wenig von sich hören ließen, während sie sich bei

Nacht ganz und gar fern hielten. In einem Hintergebäude, zu dem man

durch einen Hof gelangte, in welchem eine Platane mit ihren grünen

Blättern rauschte, sollten Orgeln gebaut und Silber getrieben und

Gold geschlagen werden, und zwar von einem geheimnißvollen Riesen,

der einen goldenen Arm aus der Mauer an der Vorderseite herausreckte

-- als ob er sich selbst zu Gold geschlagen hätte, und alle Besucher

mit einem ähnlichen Schicksal bedrohte. Von diesen Gewerben oder von

einem einsamen Miethsmann, der angeblich im dritten Stock wohnte,

oder von einem Fabrikanten von Kutschenbeschlag, der ein Contor im

Hofe haben sollte, wurde sehr wenig gehört oder gesehen. Gelegentlich

sah man einen vereinzelten Arbeitsmann, der den Rock anzog, durch

den Hof gehen, oder einen Fremden sich umsehen, oder man hörte ein

fernes Pochen von dem goldenen Riesen. Dies waren jedoch die einzigen

Ausnahmen, die zum Beweise der Regel erforderlich waren, daß die

Sperlinge in der Platane hinter dem Hause und die Echo’s in dem

Winkel vor demselben vom Sonntag Morgen bis zum Sonnabend Abend freie

Verfügung über den Ort hatten.

Doctor Manette empfing die Patienten, welche sein alter Ruf und das

Wiederaufleben desselben durch das Lautwerden seiner wunderbaren

Geschichte ihm verschaffte. Seine wissenschaftlichen Experimente

führten ihm ebenfalls einige Kunden zu und er verdiente so viel, als er

brauchte.

An alle diese Dinge dachte Mr. Jarvis Lorry, als er an der Thür des

stillen Hauses in der Ecke an dem schönen Sonntag Nachmittag klingelte.

„Ist _Dr._ Manette zu Hause?“

„Er muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Lucie zu Hause?“

„Sie muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Proß zu Hause?“

Möglicherweise zu Hause, aber jedenfalls unmöglich zu bestimmen, ob Miß

Proß wünsche, die Thatsache des Zuhauseseins zuzugeben oder nicht.

„Da ich selbst hier zu Hause bin,“ sagte Mr. Lorry, „will ich

hinaufgehen.“

Obgleich die Tochter des Doctors von dem Lande ihrer Geburt Nichts

gewußt hatte, schien sie doch von diesem die Fähigkeit geerbt zu haben,

Viel mit geringen Mitteln zu machen, welche eine der nützlichsten und

angenehmsten Eigenheiten der Franzosen ist. So einfach der Hausrath

war, so war derselbe durch viele kleine verzierende Zuthaten, die an

sich ohne Werth waren, aber von Geschmack und Empfindung zeugten,

gehoben, sodaß die Gesammtwirkung höchst angenehm war. Die Aufstellung

aller Gegenstände, von dem Größten bis zum Kleinsten, in den Zimmern,

der Zusammenklang der Farben, die anmuthige Verschiedenartigkeit

und die nicht minder anmuthigen Gegensätze, welche hier bei sehr

bescheidenen Mitteln durch geschickte Hände, urtheilende Augen und

verständigen Takt erreicht worden, waren zugleich so hübsch an sich und

erinnerten so lebhaft an die junge Dame, die sie hergestellt hatte, daß

es Mr. Lorry vorkam, als ob selbst die Stühle und Tische ihn mit einem

Anklang von dem Ausdrucke, den er jetzt so gut kannte, fragten, ob es

ihm auch so recht sei?

Drei Zimmer befanden sich in einem Stockwerk, und da die Zwischenthüren

alle offen standen, damit die Luft frei durch dieselben ziehen könne,

ging Mr. Lorry aus einem in’s andere und verfolgte mit einem stillen

Lächeln die Aehnlichkeit, die sich der ganzen Umgebung, wie er meinte,

aufgeprägt hatte. Das erste Zimmer war das Empfangszimmer und in ihm

befanden sich Luciens Vögel und Blumen und Bücher, ihr Arbeitstisch

und ihr Malkasten; das zweite war das Consultationszimmer des Doctors,

das zugleich als Speisezimmer diente; das dritte, abwechselnd licht

und dunkel bemalt von dem Schatten des Platanenbaumes im Hofe, war

das Schlafzimmer des Doctors -- und dort in einer Ecke stand die

nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug daneben,

ungefähr in demselben Zustand, wie ehedem in dem fünften Stockwerk des

unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt St. Antoine

in Paris.

„Ich wundere mich,“ sagte Mr. Lorry und blieb stehen, „daß er diese

Erinnerung an seine Leiden hier behält!“

„Und warum wundern Sie sich darüber?“ war die kurz angebundene Frage,

die ihn überraschte.

Sie kam aus dem Munde der Miß Proß, des wilden, rothen Frauenzimmers

mit der kräftigen Hand, dessen Bekanntschaft er zuerst in dem Gasthaus

„König Georg“ in Dover gemacht und seitdem cultivirt hatte.

„Ich sollte meinen,“ fing Mr. Lorry wieder an.

„Pah! Sie wollen meinen!“ sagte Miß Proß; und Mr. Lorry redete nicht

weiter.

„Wie gehts Ihnen?“ fragte dann die Dame mit einiger Schärfe und doch

so, als wollte sie ausdrücken, daß sie ihm nicht böse sei.

„Ich befinde mich ziemlich wohl, ich danke Ihnen,“ antwortete Mr. Lorry

bescheiden, „wie geht es Ihnen?“

„Nicht übermäßig gut,“ sagte Miß Proß.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich,“ sagte Miß Proß. „Mein Herzblättchen macht mir viel

Sorgen.“

„Wirklich?“

„Um des Himmels Willen, sagen Sie etwas Anderes, als Ihr ewiges

Wirklich, oder Sie peinigen mich zu Tode,“ sagte Miß Proß, deren

Charakter, abgesehen von ihrer Statur, äußerste Kürze war.

„Also in der That,“ sagte Mr. Lorry, der Veränderung wegen.

„In der That ist schlecht genug,“ entgegnete Miß Proß, „aber besser.

Ja, ich mache mir sehr viel Sorgen.“

„Darf ich nach der Ursache fragen!“

„Mir kann es nicht gleich sein, wenn Leute, die meines Herzblättchens

durchaus nicht werth sind, dutzendweise hierher kommen, um sie zu

sehen,“ sagte Miß Proß.

„Kommen Dutzende zu diesem Zwecke?“

„Hunderte,“ sagte Miß Proß.

Es war dieser Dame eigenthümlich (wie einigen andern Leuten vor ihrer

Zeit und seither), daß sie, so oft ihre ursprüngliche Behauptung in

Frage gestellt wurde, dieselbe übertrieb.

„Du meine Güte!“ bemerkte Mr. Lorry, als das Sicherste, was er thun

konnte.

„Ich habe mit dem guten Kinde zusammengewohnt -- oder das gute Kind hat

bei mir gewohnt und mich dafür bezahlt, was ich gewiß nicht verlangt

hätte, darauf können Sie schwören, wenn ich mir oder ihr mit Nichts das

Leben hätte fristen können, -- seitdem sie zehn Jahre alt war. Und es

ist wirklich sehr hart,“ sagte Miß Proß.

Da Mr. Lorry nicht mit Bestimmtheit errathen konnte, was sehr hart sei,

schüttelte er den Kopf, indem er diesen wichtigen Theil seines Selbst

als eine Art Feenmantel brauchte, der jeglichem Dinge paßte.

Zwei Städte · 第 8 / 36 段