Wenn man abzieht, daß der gelehrte Freund vernachlässigt und

verliederlicht, wenn nicht gar etwas verlumpt aussah, so waren

sie allerdings einander ähnlich genug, um nicht nur den Zeugen,

sondern auch alle Anwesenden zu überraschen, als sie einander so

gegenübergestellt wurden. Nachdem Mylord ersucht worden war, den

gelehrten Freund zu veranlassen, seine Perrücke abzulegen und er keine

sehr gnädige Einwilligung gegeben hatte, wurde die Aehnlichkeit noch

viel auffälliger. Mylord fragte Mr. Stryver (den Vertheidiger des

Angeklagten), ob nun zunächst Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes)

wegen Hochverraths angeklagt werden solle? Nein, entgegnete Mr. Stryver

dem Oberrichter; aber er wollte den Zeugen fragen, ob nicht das, was

einmal geschehen sei, zweimal geschehen könne; ob er so zuversichtlich

gesprochen haben würde, wenn er einen solchen schlagenden Beweis für

seine Uebereilung eher gesehen hätte; ob er, nachdem er ihn gesehen,

noch so zuversichtlich sei, und Aehnliches mehr. Das Ergebniß von dem

Allen war, daß dieser Zeuge rein vernichtet war und dieser Theil der

Beweisführung vollständig in’s Wasser fiel.

Mr. Cruncher hatte um diese Zeit, während er den Zeugenaussagen

aufmerksam zuhörte, ein ganzes Frühstück von Rost von seinen Fingern

abgesaugt. Er hatte nun aufzumerken, wie Mr. Stryver die Sache des

Angeklagten den Geschwornen anpaßte, gleich einem vollständigen

Anzug, und ihnen zeigte, wie der Patriot Barsad ein bezahlter Spion

und Verräther, ein schamloser Seelenverkäufer und einer der größten

Schurken auf Erden seit Judas sei -- und in der That schien er dieses

Lob durch sein Aussehen zu rechtfertigen. Wie der tugendsame Diener

Cly sein Freund und Compagnon und dieser Stelle ganz würdig sei; wie

die Spüraugen dieser Fälscher und Meineidigen sich den Angeklagten

als Opfer ausersehen hätten, weil ihn, der von französischer Herkunft

sei, gewisse Familienangelegenheiten in Frankreich oft nöthigten,

Reisen über den Canal zu machen, -- obgleich Rücksichten auf Andere,

die seinem Herzen nahe stünden, ihm verböten, zu sagen, von welcher

Art diese Familienangelegenheiten wären, auch wenn er damit sein

Leben retten könnte. Wie die Aussagen, welche sie der jungen Dame

abgepreßt, deren Seelenangst dabei sie Alle gesehen, gar Nichts

bewiesen als daß die kleinen unschuldigen Galanterien und Höflichkeiten

zwischen den Beiden stattgefunden, welche zwischen einem jungen

Herrn und einer jungen Dame, die sich zufällig begegnen, vorzukommen

pflegen -- mit Ausnahme jener Hindeutung auf George Washington, die

gar zu ausschweifend und unmöglich sei, um für etwas Anderes als

einen colossalen Spaß gelten zu können. Wie es eine Schwäche für

die Regierung sein würde, mit diesem Versuch durch Ausbeutung der

niedrigsten Nationalantipathien und Besorgnisse nach Popularität zu

haschen, nicht zum Ziele zu gelangen und deshalb der Generalanwalt so

Viel daraus gemacht habe, als nur möglich sei; wie dessenungeachtet die

Anklage sich auf Nichts gründe, als auf Aussagen so niederträchtiger

und ehrloser Art, wie sie nur zu oft derartige Anklagen schändeten und

von welchen die Hochverrathsprocesse dieses Landes nur zu reichliche

Beispiele gäben. Aber hier unterbrach ihn Mylord mit einem so

ernsthaften Gesicht, als ob es nicht wahr gewesen wäre und sagte, daß

er nicht ruhig auf der Richterbank sitzen und derartige Anspielungen

anhören dürfe.

Mr. Stryver rief dann seine paar Zeugen auf, und Mr. Cruncher hatte

dann aufzupassen, wie der Herr Generalanwalt den ganzen Anzug, den Mr.

Stryver den Geschwornen angepaßt hatte, um und um wendete, und zeigte,

wie Barsad und Cly sogar noch hundert Mal besser wären, als er geglaubt

hätte und der Angeklagte noch hundert Mal schlechter. Zuletzt kam

Mylord selbst, der dem Anzug bald das Auswendige nach innen, bald das

Inwendige nach außen kehrte, aber doch im Ganzen sehr entschieden ein

Sterbekleid für den Angeklagten daraus zurecht schnitt.

Und jetzt traten die Geschwornen zusammen, um das Urtheil zu erwägen,

und die Schmeißfliegen fingen wieder an zu summen.

Mr. Carton, der so lange die Decke des Gerichtssaals angesehen hatte,

wechselte selbst in dieser Pause der Aufregung weder seinen Platz, noch

seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver seine Papiere

vor sich auf einen Stoß zusammenlegte, mit den in seiner Nähe Sitzenden

flüsternd sprach und von Zeit zu Zeit mit banger Erwartung nach den

Geschwornen hinblickte, während alle Zuhörer und Zuschauer sich mehr

oder minder bewegten und in neue Gruppen zusammentraten; während sogar

Mylord von seinem Sitz aufgestanden war und langsam auf der Estrade

auf- und abging, nicht ohne in dem Publicum den Verdacht zu erwecken,

daß er in einigermaßen fieberhafter Aufregung sei, saß dieser eine

Mann gleichgültig zurückgelehnt da, den zerrissenen Talar halb von der

Schulter gerissen, die ungekämmte Perrücke schief auf den Kopf gesetzt,

die Hände in den Taschen und die Augen an die Decke geheftet, wie den

ganzen Tag über. Ein Gebahren, das mit allen Rücksichten auf Welt und

Menschen gebrochen zu haben schien, gab ihm nicht nur etwas Abstoßendes

und Gemeines, sondern verminderte die große Aehnlichkeit, die zwischen

ihm und dem Angeklagten unzweifelhaft bestand (welche durch den

gesammelten Ernst, den er einen Augenblick angenommen, als sie mit

einander verglichen worden, noch vermehrt war), so sehr, daß mehrere

von dem Publikum, die ihn jetzt betrachteten, zu einander sagten,

sie hätten kaum geglaubt, daß die Beiden sich so ähnlich wären. Mr.

Cruncher theilte die Bemerkung seinem nächsten Nachbar mit und setzte

hinzu: „Ich wette eine halbe Guinee, daß der nicht viele Processe hat.

Sieht nicht aus wie ein Mann, dem sich viele anvertrauen, nicht wahr?“

Und doch war dieser Mr. Carton viel aufmerksamer auf das, was geschah,

als er zu sein schien; denn jetzt, als Miß Manette’s Köpfchen ihrem

Vater auf die Brust gesunken war, wurde er es zuerst gewahr und sagte

laut: „Thürsteher! Springen Sie der jungen Dame bei. Helfen Sie dem

Herrn, sie hinauszuführen. Sehen Sie nicht, daß sie gleich niedersinken

wird?“

Laut äußerte sich das Bedauern, wie sie hinausgebracht wurde und ebenso

lebhaft die Theilnahme für ihren Vater. Es hatte ihm offenbar großen

Schmerz verursacht, daß man ihn an die im Kerker verlebte Zeit erinnert

hatte. Während des Verhörs verrieth er starke innere Aufregung und

der sinnende oder brütende Gesichtsausdruck, der ihn alt machte, war

seitdem wie eine schwere Wolke auf seinem Antlitz liegen geblieben. Wie

er hinaus ging, sprachen die Geschwornen, die sich umgedreht und kurze

Zeit berathen hatten, durch ihren Vormann.

Sie konnten nicht einig werden und wünschten abzutreten. Mylord (der

vielleicht immer noch nicht George Washington vergessen hatte) zeigte

sich etwas verwundert, daß sie nicht einig waren, aber er gab seine

huldvolle Einwilligung, daß sie unter Verschluß und Bewachung abtreten

könnten und trat selbst ab. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag

gedauert und die Lampen im Saal wurden jetzt angebrannt. Es machte

sich die Meinung geltend, daß die Geschwornen lange ausbleiben würden.

Die Zuhörer verloren sich, um Erfrischungen zu sich zu nehmen und der

Angeklagte zog sich in den Hintergrund der Angeklagten-Loge zurück und

setzte sich.

Mr. Lorry, der der jungen Dame und ihrem Vater gefolgt war, erschien

jetzt wieder und winkte Jerry, der bei der verminderten Theilnahme des

Publikums leicht zu ihm kommen konnte.

„Jerry, wenn Ihr Etwas genießen wollt, so habt Ihr jetzt Zeit dazu.

Aber haltet Euch in der Nähe. Ihr hört jedenfalls, wenn die Geschwornen

wieder eintreten. Ihr müßt mit ihnen wieder hier sein, denn Ihr sollt

den Wahrspruch nach der Bank tragen. Ihr seid der rascheste Bote, den

ich kenne und könnt lange vor mir am Tempelthor sein!“

Jerry hatte gerade genug Stirn, um die Hand daran zu legen, und er

legte sie daran in Anerkennung dieser Mittheilung und eines Schillings.

Mr. Carton trat in diesem Augenblick zu den Beiden und legte die Hand

auf Mr. Lorry’s Arm.

„Was macht die junge Dame?“

„Sie ist sehr bekümmert, aber ihr Vater tröstet sie und sie fühlt sich

sehr erleichtert, seitdem sie nicht mehr im Saale ist.“

„Ich werde es dem Angeklagten sagen. Für einen respectabeln Herrn von

der Bank, wie Sie sind, schickt es sich natürlich nicht, mit ihm vor

Anderer Augen zu sprechen.“

Mr. Lorry wurde roth, als ob er sich bewußt wäre, dieses Bedenken bei

sich erwogen zu haben und Mr. Carton ging auf die Angeklagten-Loge zu.

Da der Ausgang aus dem Saale in derselben Richtung lag, so folgte ihm

Jerry, ganz Auge, Ohr und in Spitzen emporstehendes Haar.

„Mr. Darnay!“

Der Angeklagte trat sofort hervor.

„Es wird Ihnen natürlich daran gelegen sein, Etwas von dem Befinden der

Zeugin Miß Manette zu hören. Sie erholt sich rasch. Sie ist schon viel

besser geworden.“

„Es thut mir unendlich weh, die Ursache ihrer Aufregung zu sein. Können

Sie ihr das mit meinem innigsten Danke mittheilen?“

„Das könnte ich wohl. Ich werde es auch thun, wenn Sie es verlangen.“

Mr. Carton war in seinem Benehmen so gleichgültig und rücksichtslos,

daß es fast verletzte. Er stand da, dem Angeklagten halb den Rücken

zugekehrt, und stützte sich mit dem Ellbogen bequem auf die Schranke

vor der Anklagebank.

„Ich bitte Sie darum. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank dafür an.“

„Was erwarten Sie, Mr. Darnay?“ fragte Carton, immer noch halb von ihm

abgewendet.

„Das Schlimmste.“

„Das ist das Klügste, was Sie thun können und das Wahrscheinlichste,

was Ihnen widerfahren kann. Aber ich glaube, daß sie abgetreten sind

spricht zu Ihren Gunsten.“

Da Stehenbleiben während des Hinausgehens aus dem Saale nicht erlaubt

war, so hörte Jerry weiter Nichts, sondern verließ sie, wie sie Beide

unter dem ihre Gestalten zurückgebenden Spiegel neben einander standen,

einander so ähnlich im Gesicht, und so unähnlich im Wesen.

Anderthalb Stunden vergingen langsam in den von Dieben und Gesindel

erfüllten Gängen unten, obgleich Fleischpastetchen und Ale die Zeit

vertreiben halfen. Der heisere Bote, der unbequem auf einer Bank saß,

nachdem er dieses Erfrischungsmittel zu sich genommen, war eingeduselt,

als Stimmenbrausen und ein Strom von Menschen, welche die Richtung nach

der im Gerichtssaal hinaufführenden Treppe einschlugen, ihn mit sich

fortriß.

„Jerry, Jerry!“

Mr. Lorry rief ihn bereits an der Thür, als er dort eintrat.

„Hier, Sir! S’ist kaum zum Durchkommen. Hier bin ich, Sir!“

Mr. Lorry reichte ihm ein Papier über das Gedränge hinweg. „Rasch! Habt

Ihr’s?“

„Ja, Sir.“

Mit hastigen Zügen war auf das Papier geschrieben: „Freigesprochen.“

„Wenn Sie diesmal die Botschaft „Wiederauferstanden“ geschickt hätten,“

brummte Jerry im Fortgehen vor sich hin, „so würde ich dasmal gewußt

haben, was Sie meinten.“

Er hatte keine Gelegenheit, etwas Anderes zu sagen, oder nur zu denken,

bis er aus Old Bailey hinaus war; denn das Gebäude entleerte sich

mit einem Ungestüm, daß ihn der Menschenstrom fast umgerissen hätte

und ein lautes Gesumme verbreitete sich in der Straße, als ob die

getäuschten Schmeißfliegen sich zerstreuten, um anderes Aas aufzusuchen.

Viertes Kapitel.

Zum Glückwunsch.

Aus den schwach erleuchteten Gängen des Gerichtsgebäudes verliefen

sich die letzten Reste des Menschengedränges, das den ganzen Tag

über dort zusammengepreßt gewesen war, als _Dr._ Manette, Lucie

Manette, seine Tochter, der Sachwalter für die Vertheidigung und sein

Rechtsbeistand, Mr. Stryver, den eben freigelassenen Mr. Charles Darnay

umstanden und ihn zu seiner Rettung vom Tode beglückwünschten.

Es wäre bei viel hellerem Lichte schwierig gewesen, in _Dr._

Manette mit dem geistvollen Gesicht und der aufrechten Haltung den

Schuhmacher des Dachstübchens in Paris wiederzuerkennen. Aber Niemand

konnte ihn zweimal ansehen, ohne seine Aufmerksamkeit gefesselt zu

fühlen, selbst wer nicht Gelegenheit gehabt hatte, seine Beobachtung

auf den trauervollen Tonfall seiner gedämpften, ernsten Stimme und die

Zerstreutheit auszudehnen, deren Ausdruck sich mitunter ohne jeden

sichtbaren Grund unvorbereitet über sein Gesicht verbreitete. Während

ein äußerer Anlaß, und zwar eine Hindeutung auf seine langjährige

Qual, stets -- wie während der Gerichtsverhandlung -- diese Stimmung

aus den Tiefen seiner Seele heraufbeschwor, stellte sie sich auch von

selbst ein und verbreitete ein Düster über ihn, das denen, welche seine

Geschichte nicht kannten, so unbegreiflich war, als hätten sie den

Schatten der wirklichen Bastille im Sommersonnenschein auf ihn fallen

sehen, während der Körper der Bastille dreihundert Meilen weit entfernt

war.

Nur seine Tochter besaß die Fähigkeit, diesen schwarzen Schatten von

seinem Gemüth zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer

Vergangenheit und mit einer Gegenwart verknüpfte, die beide auf der

andern Seite seines Leidenslebens lagen; und der Klang ihrer Stimme,

das Licht ihres Antlitzes, die Berührung ihrer Hand hatten fast immer

einen höchst wohlthätigen Einfluß auf ihn. Fast immer, denn sie konnte

sich einiger Fälle erinnern, wo ihre Macht wirkungslos geblieben war,

aber dies waren nur wenige und unbedeutende Fälle und sie glaubte, sie

würden nicht wiederkehren.

Mr. Darnay hatte ihr mit Inbrunst und dankbar die Hand geküßt, und sich

zu Mr. Stryver gewendet, dem er mit Wärme dankte. Mr. Stryver, ein

Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, der aber zwanzig Jahre älter

aussah, als er war, wohlbeleibt, laut, roth, geradezu und frei von

jedem störenden Zartgefühl, hatte eine Art, sich moralisch und physisch

in Gesellschaften und Unterhaltungen vorzudrängen, die Bürgschaft dafür

gab, daß er sich auch seinen Weg in der Welt bahnen würde.

[Illustration: ~Glückwünsche.~]

Er hatte noch nicht die Perrücke und den Talar abgelegt und sagte,

indem er sich vor seinem Clienten so breit hinstellte, daß er

den unschuldigen Mr. Lorry ganz aus der Gruppe drängte: „Es freut

mich, Sie mit Ehren durchgebracht zu haben, Mr. Darnay. Es war eine

über die Maaßen schändliche und niederträchtige Anklage, die aber

nichtsdestoweniger leicht hätte zu einer Verurtheilung führen können.“

„Sie haben mich für mein Leben verpflichtet -- in zweifachem Sinne,“

sagte sein Client, indem er seine Hand ergriff.

„Ich habe mein Möglichstes für Sie gethan, Mr. Darnay; und mein

Möglichstes ist so gut wie das eines Andern, glaube ich.“

Da hier offenbar Jemand sagen mußte, viel besser, so sagte es

Mr. Lorry; vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern mit der

eigennützigen Absicht, wieder in die Gruppe hineinzukommen.

„Meinen Sie?“ sagte Mr. Stryver. „Nun, Sie sind den ganzen Tag dabei

gewesen und müssen’s wissen. Sie sind übrigens auch Geschäftsmann.“

„Und als solcher,“ sprach Mr. Lorry, den der Vertheidiger des

Angeklagten jetzt in die Gruppe zurückgedrängt hatte, wie er ihn vorher

hinausgedrängt, „als solcher bitte ich _Dr._ Manette, diese

Conferenz abzubrechen und uns Alle nach Hause zu schicken. Miß Lucie

sieht leidend aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, wir

sind Alle fertig.“

„Sprechen Sie für sich, Mr. Lorry,“ sagte Stryver; „ich habe noch die

Nacht zu arbeiten. Sprechen Sie für sich.“

„Ich spreche für mich,“ gab Mr. Lorry zur Antwort, „und für Mr. Darnay

und für Miß Lucie und -- Miß Lucie, meinen Sie nicht, daß ich für

uns Alle sprechen darf?“ Er legte einen Nachdruck auf die Frage und

begleitete sie mit einem Blick auf ihren Vater.

Auf seinem Antlitz war ein seltsamer Ausdruck, mit dem er Darnay ansah,

gewissermaßen festgefroren: Ein forschender Ausdruck, der sich allmälig

zu einem Ausdruck der Abneigung und des Mißtrauens vertiefte und in

welchen sich sogar Furcht mischte. Während dieser seltsame Ausdruck auf

seinem Gesicht lag, waren seine Gedanken in die Ferne geschweift.

„Vater,“ sagte Lucie, indem sie sanft die Hand auf seinen Arm legte.

Er schüttelte langsam den Schatten von sich ab und drehte sich nach ihr

um.

„Wollen wir nach Hause gehen, Vater?“

Mit einem langen, tiefen Athemzug gab er zur Antwort: „Ja.“

Die Freunde des freigesprochenen Angeklagten waren in der von ihm

selbst ausgegangenen Meinung fortgegangen, daß er diesen Abend noch

nicht werde in Freiheit gesetzt werden. Die Lampen in den Gängen

waren fast alle ausgelöscht, die eisernen Thüren wurden klappernd und

rasselnd zugeschlossen und der unheimliche Ort war verödet bis morgen

früh, wo Galgen, Pranger, Prügelpfahl und Brandmarkungseisen von Neuem

ihren Zehnten forderten.

Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay trat Lucie Manette hinaus in die

freie Luft. Man rief einen Fiacre und Vater und Tochter fuhren darin

von dannen.

Mr. Stryver war in den Gängen von ihnen geschieden, um die Garderobe

aufzusuchen. Noch eine Person, welche sich der Gruppe nicht zugesellt

und ebenso wenig mit einem von den Andern ein Wort getauscht hatte,

die sich aber an die Wand gelehnt hatte, wo der Schatten derselben

am dunkelsten war, war schweigend den Uebrigen gefolgt und hatte

zugesehen, bis der Wagen fortfuhr. Er trat nun zu Mr. Lorry und Mr.

Darnay, die auf der Straße stehen geblieben waren.

„Aha, Mr. Lorry! Geschäftsleute können jetzt mit Mr. Darnay sprechen.“

Niemand hatte ein anerkennendes Wort für Mr. Cartons Antheil an den

Verhandlungen des Tages gehabt; Niemand hatte darauf Acht gegeben.

Er hatte den Advocatentalar abgelegt, ohne daß sein Aussehen dadurch

besser geworden wäre.

„Wenn Sie wüßten, welche Kämpfe der Geschäftsmann zu bestehen hat,

wenn sein Inneres getheilt ist zwischen gutmüthigem Wollen und

Geschäftsrücksichten, so würden Sie lachen, Mr. Darnay.“

Mr. Lorry wurde roth und sagte mit Wärme: „Sie haben das schon einmal

gesagt, Sir. Wir Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht

unsere eigenen Herren. Wir müssen an das Haus mehr als an uns selbst

denken.“

„Das weiß ich, das weiß ich,“ warf Mr. Carton gleichgültig ein. „Seien

Sie nicht ärgerlich, Mr. Lorry. Sie sind so gut wie die Andern, das

bezweifle ich nicht; besser, wage ich zu sagen.“

„Und ich muß wahrhaftig sagen, Sir,“ fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf

ihn zu hören, „ich weiß eigentlich nicht, was Sie die Sache angeht.

Wenn Sie mir, der ich so viel älter bin als Sie, erlauben wollen, es

auszusprechen, so glaube ich kaum, daß dies Sache Ihres Geschäfts ist.“

„Meines Geschäfts! Mein Gott, ich habe kein Geschäft,“ sagte Mr. Carton.

„Es ist schade, daß Sie keins haben, Sir.“

„Das glaube ich auch.“

„Wenn Sie ein Geschäft hätten,“ fuhr Mr. Lorry fort, „so würden Sie

vielleicht sich demselben widmen.“

„Du meine Güte, nein! -- Ich gewiß nicht,“ sagte Mr. Carton.

„Ich sage Ihnen, Sir,“ sagte Mr. Lorry, ganz ärgerlich über seine

Gleichgültigkeit, „ein Geschäft ist eine sehr gute Sache und eine sehr

respectable Sache. Und ich sage Ihnen, Sir, wenn das Geschäft seine

Rücksichten fordert und manchen Zwang auflegt, so weiß Mr. Darnay, als

junger Mann von Herz, diesen Umstand zu berücksichtigen. Mr. Darnay,

gute Nacht. Gott segne Sie, Sir! Ich hoffe, Sie sind heute für ein

gedeihliches und glückliches Leben aufbewahrt worden. -- Heda, Sänfte!“

Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst, wie über den

Sachwalter, stieg Mr. Lorry hastig in die Sänfte und ließ sich nach

Tellsons Bank tragen. Carton, der nach Portwein roch und nicht ganz

nüchtern zu sein schien, lachte dann und sagte zu Darnay:

„Ein seltsamer Zufall ist’s, der Sie und mich zusammenführte. Es muß

eine seltsame Nacht für Sie sein, hier auf der Straße allein mit Ihrem

Doppelgänger zu stehen?“

„Es kommt mir noch gar nicht recht vor, als ob ich dieser Welt

angehörte,“ entgegnete Charles Darnay.

„Das wundert mich nicht; es ist nicht lange her, daß Sie ziemlich weit

auf Ihrem Wege nach einer andern waren. Nach Ihrer Sprache sind Sie

angegriffen.“

„Mir kommt es vor, als wäre ich sehr angegriffen.“

„Warum, zum Kukuk, gehen Sie dann nicht zu Tisch? Ich für meinen Theil

habe gegessen, während diese Strohköpfe mit einander zu Rathe gingen,

welcher Welt Sie angehören sollten -- dieser oder einer andern. Ich

will Ihnen aber wenigstens das nächste Gasthaus zeigen, wo man gut ißt.“

Er nahm ohne Umstände den Arm Darnay’s, führte ihn Ludgate-Hill hinab

nach Fleet-Street und dort durch einen langen, überbauten Gang in ein

Wirthshaus. Dort wies man sie in ein kleines Zimmer, wo Charles Darnay

sich bald bei einem guten, einfachen Diner und gutem Weine stärkte,

während Carton ihm gegenüber an demselben Tisch saß, seine besondere

Flasche Portwein vor sich hatte und ihm mit seiner halb insolenten

Manier zusah.

„Nun, fühlen Sie jetzt, daß Sie wieder diesem irdischen Schauplatz

angehören, Mr. Darnay?“

„Ich bin schrecklich verwirrt über Zeit und Ort; aber soweit bin ich

hergestellt, um das zu fühlen.“

„Es muß Ihnen zur unendlichen Befriedigung gereichen.“

Er sagte das mit Bitterkeit und schenkte sich sein Glas wieder voll,

das ziemlich groß war.

„Was mich betrifft, so ist mein größter Wunsch, zu vergessen, daß ich

zu dieser Welt gehöre! Sie hat nichts Gutes für mich -- außer Wein,

gleich diesem -- und ich habe nichts Gutes für sie. So gleichen wir uns

in diesem Punkte nicht sehr. In der That fange ich an zu glauben, daß

wir uns in keiner Einzelheit sehr ähnlich sind.“

Von der Aufregung des Tages noch verwirrt und von der Anwesenheit

seines Doppelgängers mit dem gemeinen Betragen wie von einem Traum

befangen, wußte Charles Darnay nicht, was er antworten sollte und

antwortete zuletzt gar nicht.

„Da Sie jetzt mit dem Essen fertig sind,“ fuhr Carton gleich darauf

fort, „so sollten Sie doch eine Gesundheit ausbringen, Mr. Darnay;

warum thun Sie es nicht?“

„Auf wen soll ich eine Gesundheit ausbringen?“

„Mein Gott, der Name schwebt Ihnen auf der Zunge. Es sollte wenigstens

und es muß der Fall sein, ich schwöre darauf.“

„Miß Manette also!“

„Gut, Miß Manette!“

Carton sah seinen Begleiter fest an, während er den Toast trank und

warf dann das Glas über die Schulter an die Wand, wo es in tausend

Stücke zerbrach; dann klingelte er und bestellte ein neues Glas.

„Eine schöne junge Dame, um sie im Dunkeln nach der Kutsche zu

geleiten, Mr. Darnay!“ sagte er und schenkte sich sein neues Glas voll.

Ein kaum merkbares Runzeln der Stirn und ein kurzes Ja war die Antwort.

„Und von einer so schönen jungen Dame bedauert und beweint zu werden!

Wie mag das wohl thun? Ich glaube, es ist werth, sich einen Proceß

um sein Leben machen zu lassen, wenn man dafür Gegenstand solchen

Erbarmens und Mitleids wird. Nicht wahr, Mr. Darnay?“

Abermals zog Darnay vor, keine Antwort zu geben.

„Ihre Botschaft machte ihr schreckliche Freude, als ich sie ihr

überbrachte. Nicht, daß sie dieselbe besonders an den Tag legte, aber

meiner Meinung nach war es entschieden der Fall.“

Die Anspielung erinnerte Darnay noch zur rechten Zeit, daß dieser

unangenehme Gesell ihm aus eigenem Antrieb im Laufe des Tages aus einer

Verlegenheit geholfen hatte. Er brachte das Gespräch darauf und dankte

ihm für seine Vermittelung.

„Ich verlange weder Ihren Dank, noch verdiene ich ihn,“ sagte der

Andere gleichgültig. „Erstens war keine Mühe dabei, und zweitens weiß

ich gar nicht, weshalb ich es eigentlich gethan habe. Mr. Darnay,

erlauben Sie mir eine Frage?“

„Mit Vergnügen, und die Antwort ist nur ein geringfügiger Dank für Ihre

freundlichen Dienste.“

„Glauben Sie, daß ich Sie besonders gern habe?“

„Wahrhaftig, Mr. Carton, ich habe mir diese Frage selbst noch nicht

vorgelegt,“ entgegnete der Andere, einigermaßen von der Anrede in

Verwirrung gebracht.

„Nun, so legen Sie sich jetzt einmal die Frage vor.“

„Sie haben gehandelt, als ob Sie mich gern hätten; aber ich glaube

nicht, daß es der Fall ist.“

„Ich glaube es auch nicht,“ sagte Carton. „Ich fange an, von Ihrem

Urtheil eine sehr gute Meinung zu bekommen.“

„Nichtsdestoweniger,“ fuhr Darnay fort, indem er aufstand, um zu

klingeln: „zürnen Sie nicht, hoffe ich, daß ich die Rechnung bestelle

und daß wir ohne böses Blut zwischen uns von einander scheiden.“

Carton erwiderte: „Durchaus nicht!“ Darnay klingelte. „Bezahlen Sie

die ganze Rechnung?“ sagte Carton. Auf seine bejahende Antwort fuhr er

fort: „Dann bringen Sie mir noch eine halbe Flasche von diesem Wein,

Kellner, und wecken Sie mich dann um 10 Uhr.“

Zwei Städte · 第 7 / 36 段