wendete, die sich ihm zur linken Hand befand. Fast auf einer Höhe mit
seinen Augen saßen in der Ecke der Richterbank zwei Personen, auf denen
sein Auge sofort haften blieb, so auffällig und mit einer solchen
Veränderung seines Gesichts, daß alle Augen, die sich auf ihn gewendet
hatten, sich auf diese Beiden wendeten.
Die Zuschauer sahen in den beiden Gestalten eine junge Dame von
kaum mehr als zwanzig Jahren und einen Herrn, der offenbar ihr
Vater war; einen Herrn von sehr merkwürdigem Aussehen, wegen seines
schlohweißen Haares und einer gewissen unbeschreiblichen Intensivität
des Gesichtsausdrucks; nicht der Außenwelt zugewendet, sondern grübelnd
und mit sich selbst beschäftigt. Wenn dieser Ausdruck auf seinem
Gesicht lag, sah er aus, als wäre er alt; verschwand er aber manchmal
vorübergehend, -- wie z. B. jetzt, wie er mit seiner Tochter sprach, so
wurde er ein schöner Mann, der noch nicht über das kräftige Mannesalter
hinaus ist.
Seine Tochter hatte die eine ihrer Hände durch seinen Arm gezogen,
wie sie neben ihm saß und die andere darauf gelegt. Eingeschüchtert
von dem Schauspiel, das sie vor sich sah, und voller Mitleid für den
Angeklagten, hatte sie sich dicht an den Vater herangedrängt. Auf ihrer
Stirn las man deutlich eine Alles vergessende Angst und ein Mitleid,
die für Nichts Sinn hatten, als für die Gefahr des Angeklagten. Dies
war so deutlich zu lesen, so natürlich und lebendig ausgedrückt, daß
Neugierige, die kein Mitleid mit ihm gehabt hatten, sich von ihrem
Anblick rühren ließen; und durch den Saal ging ein Geflüster, wer sind
sie?
Jerry, der Ausläufer, der seine Beobachtungen für sich in seiner Weise
gemacht hatte und der in seinem tiefen Nachdenken den Rost von seinen
Fingern gesogen hatte, machte den Hals lang, um zu hören, wer sie
wären. Das Gedränge um ihn hatte sich noch dichter zusammengedrängt und
die Anfrage an den nächsten Gerichtsdiener befördert und von diesem kam
die Antwort langsam zurück; endlich kam sie auch an Jerry:
„Zeugen.“
„Auf welcher Seite?“
„Gegen.“
„Gegen welche Seite?“
„Gegen den Angeklagten.“
Der Richter, dessen Auge der allgemeinen Richtung gefolgt war, sammelte
sich wieder, lehnte sich in seinem Sitz zurück und hielt sein Auge
auf den Mann geheftet, dessen Leben in seiner Hand lag, wie der Herr
Generalanwalt aufstand, um den Strick zu drehen, die Axt zu schärfen
und die Nägel in das Schaffot zu schlagen.
Drittes Kapitel.
Eine Enttäuschung.
Der Herr Generalanwalt hatte den Geschwornen mitzutheilen, daß der
Angeklagte vor ihnen, obgleich jung an Jahren, doch alt sei in den
hochverrätherischen Praktiken, wegen deren jetzt das Gesetz seinen
Kopf fordere. Daß sein Verkehr mit dem Landesfeinde nicht ein Verkehr
von heute oder von gestern oder nur vom vorigen oder vorvorigen Jahre
sei. Daß es unzweifelhaft sei, daß der Angeklagte schon seit längerer
Zeit als dieser zwischen Frankreich und England in geheimen Geschäften,
über die er keine ehrliche Auskunft geben könne, hin- und hergereist
sei. Daß, wenn es in der Natur hochverrätherischer Umtriebe liege,
zum Ziele zu führen (was glücklicher Weise nie der Fall sei), die
wirkliche Boshaftigkeit und Strafbarkeit dieses Unterfangens noch
unentdeckt sein könnte. Daß jedoch die Vorsehung es einer Person ohne
Furcht und ohne Tadel eingegeben habe, den verbrecherischen Plänen des
Angeklagten nachzuspüren und sie, erfüllt von Entsetzen, Sr. Majestät
oberstem Staatssecretär und höchst ehrenwerthem Geheimen Rath zu
enthüllen. Daß er diesen Patrioten ihnen vorführen werde. Daß seine
Stellung und Haltung in der That und im Ganzen erhaben sei. Daß er
des Angeklagten Freund gewesen, aber nachdem er in einer glücklichen
und einer bösen Stunde seine Niederträchtigkeit entdeckt, beschlossen
habe, den Verräther, den er nicht länger an seinem Busen wärmen
konnte, auf dem geheiligten Altar des Vaterlandes zu opfern. Daß, wenn
in Großbritannien wie im alten Griechenland und Rom Wohlthätern des
Gemeinwesens Bildsäulen errichtet würden, dieser ausgezeichnete Bürger
sicherlich durch eine geehrt werden würde. Daß dies aber wahrscheinlich
nicht der Fall sein würde, da es hier nicht Sitte sei. Daß die Tugend,
wie die Dichter sagten (in vielen Stellen, von denen er wüßte, daß die
Geschwornen sie Wort für Wort auswendig kännten; worauf die Gesichter
der Geschwornen ein Schuldbewußtsein, daß sie kein Wort von den Stellen
wüßten, verriethen), gewissermaßen ansteckend sei, vor Allem aber die
herrliche Tugend, welche man Patriotismus oder Vaterlandsliebe nenne.
Daß das erhabene Beispiel dieses fleckenreinen und untadelhaften Zeugen
für die Krone, von dem zu sprechen für Jeden eine Ehre sei, nicht
ohne Eindruck auf den Bedienten des Angeklagten geblieben sei und in
diesem einen heiligen Entschluß erzeugt habe, die Kästen und Taschen
seines Herrn zu durchsuchen und seine Papiere bei Seite zu schaffen.
Daß er (der Herr Generalanwalt) auf einen Versuch gefaßt sei, über
diesen bewundernswürdigen Bedienten tadelnde und geringschätzende
Bemerkungen zu machen; aber daß im Allgemeinen er ihn seinen (des
Herrn Generalanwalts) Brüdern und Schwestern vorziehe und ihn mehr
als seinen (des Herrn Generalanwalts) Vater und seiner Mutter ehre.
Daß er mit Zuversicht die Geschwornen auffordere, dasselbe zu thun.
Daß die Aussage dieser beiden Zeugen, verbunden mit den von ihnen
entdeckten, schriftlichen Beweisen, die ihnen vorgelegt werden würden,
beweisen könnten, daß der Angeklagte im Besitz von Standeslisten der
Streitkräfte Sr. Majestät und Nachweisen über ihre Standquartiere
und Ausrüstung, sowohl zu Wasser wie zu Lande gewesen, die keinen
Zweifel übrig lassen würden, daß er regelmäßig diese Nachweise einer
feindlichen Macht mitgetheilt habe. Daß nicht nachgewiesen werden
könne, daß diese Schriften von der Hand des Angeklagten seien; daß
dies aber ganz gleichgültig sei, oder vielmehr um so besser für die
Anklage, da daraus hervorgehe, wie schlau der Angeklagte in seinen
Vorsichtsmaßregeln sei. Daß die Beweise fünf Jahre zurückgehen und den
Angeklagten mit seinen strafbaren Plänen bereits wenige Wochen vor dem
allerersten Gefecht zwischen den englischen Truppen und den Amerikanern
beschäftigt zeigen würden. Daß aus diesen Gründen die Geschwornen, als
loyale Geschworne (als welche er sie kenne) und als verantwortliche
Geschworne (wie sie selbst wüßten) unbedingt den Unglücklichen schuldig
finden und mit ihm ein Ende machen müßten, ob sie wollten oder nicht.
Daß sie niemals ihr Haupt ruhig auf ihr Kissen legen könnten; daß sie
nie den Gedanken ertragen könnten, daß ihre Weiber den Kopf ruhig auf
ihre Kissen legten; daß es ihnen niemals in den Sinn kommen könnte, daß
ihre Kinder ruhig den Kopf auf das Kissen legten; mit Einem Worte, daß
sie und die Ihrigen in Zukunft nie auch nur eine Stunde ruhigen Schlafs
genießen würden, wenn dem Angeklagten nicht das Haupt abgeschlagen
würde. Diesen Kopf verlangte der Herr Generalanwalt schließlich von
ihnen im Namen von Allem mit einem vollen Klange was ihm einfiel, und
auf seine feierliche Versicherung hin, daß er den Angeklagten bereits
als einen todten Mann betrachte.
Als der Generalanwalt schwieg, ging ein Gesurre durch den Hof, als ob
den Angeklagten, in Vorausahnung dessen, was er bald sein werde, eine
Wolke von großen Schmeißfliegen umschwärme. Als es sich wieder legte,
erschien der fleckenreine Patriot auf der Zeugenbank.
Der Generalfiscal verhörte nun nach der Einleitung seines Vorgängers
den Patrioten. Name: John Barsad, Gentleman. Die Geschichte seiner
reinen Seele war genau so, wie der Herr Generalanwalt sie beschrieben
hatte -- vielleicht ein Wenig zu umständlich, wenn sie einen Fehler
hatte. Nachdem er seinen edlen Busen dieser Bürde entledigt, hätte er
sich gern bescheiden zurückgezogen, aber der Herr in der Perrücke mit
den Papieren vor sich, der nicht weit von Mr. Lorry saß, wünschte ihm
einige Fragen vorzulegen. Der Herr in der Perrücke gegenüber sah immer
noch die Decke des Saales an.
War er vielleicht selbst früher Spion gewesen! Nein, er wies diese
niedrige Verleumdung mit Entrüstung zurück. Wovon lebte er? Von seiner
Besitzung. Wo seine Besitzung liege? Das könne er so genau nicht sagen.
Worin sie bestehe? Das ginge Niemanden Etwas an. Ob er sie geerbt
habe? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Von einem sehr
entfernten? Von einem ziemlich entfernten. Jemals im Gefängniß gewesen?
Gewiß nicht. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Wüßte nicht, daß das
hierher gehöre. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Sprechen Sie. Niemals?
Ja. Wie viele Mal? Zwei oder drei Mal. Nicht fünf oder sechs Mal?
Vielleicht. Welchen Standes? Gentleman. Jemals mit Fußtritten regalirt?
Wäre vielleicht möglich. Häufig? Nein. Jemals einen Fußtritt bekommen
und die Treppe hinuntergeworfen worden? Ganz gewiß nicht; bekam
einmal einen Fußtritt oben an der Treppe und fiel aus eigenem Antrieb
hinunter. Damals hinuntergeworfen worden, weil er mit falschen Würfeln
gespielt? Etwas der Art habe der betrunkene Lügner gesagt, der sich der
Realinjurie schuldig gemacht, aber es sei nicht wahr. Ob er schwören
könne, daß es nicht wahr sei? Ganz bestimmt. Ob er jemals von falschem
Spiele gelebt? Niemals. Ob er vom Spielen gelebt? Nicht mehr als andere
Herren. Ob er von dem Angeklagten Geld geborgt? Ja. Ob er es ihm
wiederbezahlt? Nein. War nicht die Bekanntschaft mit dem Angeklagten,
die im Grunde eine sehr oberflächliche war, dem Angeklagten in
Postkutschen, Wirthshäusern und Packetschiffen aufgedrängt worden?
Nein. Weiß er bestimmt, daß er bei dem Angeklagten diese Musterrollen
gesehen? Gewiß. Wisse Nichts weiter von den Musterrollen? Nein. Hätte
sie z. B. nicht selbst herbeigeschafft? Nein. Erwarte nicht für sein
Auftreten als Zeuge bezahlt zu werden? Nein. Sei nicht im regelmäßigen
Sold und Anstellung der Regierung zum Schlingenlegen? O, bei Leibe
nicht. Oder sonst Etwas zu thun? O, bei Leibe nicht. Ob er das
beschwören könne? Noch zwei- und dreimal. Sei von keinen andern bewegt
und bestimmt, als von Beweggründen des reinen Patriotismus? Von keinen
andern.
Der tugendhafte Bediente, Roger Cly, schwur sich mit großer
Behendigkeit durch das Verhör. Er war in gutem Glauben und
Herzenseinfalt vor vier Jahren in die Dienste des Angeklagten getreten.
Er hatte den Angeklagten am Bord des Calais-Packetschiffs gefragt, ob
er einen gewandten Burschen brauche und der Angeklagte hatte ihn in
Dienst genommen. Er hatte den Angeklagten nicht gebeten, den gewandten
Burschen aus Barmherzigkeit in Dienst zu nehmen, -- hatte nie an so
Etwas gedacht. Bald darauf fing er an, Verdacht hinsichtlich des
Angeklagten zu schöpfen und ein Auge auf ihn zu haben. Beim Ordnen
seiner Kleider auf der Reise hatte er ähnliche Papiere wie diese
wiederholt in den Taschen des Angeklagten gesehen. Diese Papiere hatte
er aus dem Schubkasten in dem Pulte des Angeklagten genommen. Er hatte
sie nicht erst dorthin gelegt. Er hatte gesehen, wie der Angeklagte
dieselben Papiere französischen Herren in Calais zeigte, und ähnliche
Papiere französischen Herren in Calais und in Boulogne. Er liebe sein
Vaterland und hätte so Etwas nicht ertragen können und hätte Anzeige
gemacht. Er sei nie in Verdacht gewesen, eine silberne Theekanne
gestohlen zu haben; er sei hinsichtlich einer Senfbüchse verleumdet
worden, aber es hätte sich gefunden, daß sie nur plattirt gewesen sei.
Er kenne den vorigen Zeugen seit sieben oder acht Jahren; das sei
bloßes zufälliges Zusammentreffen. Er nenne es nicht ein merkwürdig
seltsames Zusammentreffen; die Zusammentreffen wären meistens
merkwürdig. Auch nenne er es kein merkwürdiges Zusammentreffen, daß
reine Vaterlandsliebe auch ~sein~ einziger Beweggrund sei. Er sei
ein echter Britte und hoffe, es gebe noch viele gleich ihm.
Die Schmeißfliegen summten wieder und der Generalanwalt rief Mr. Jarvis
Lorry auf.
„Mr. Jarvis Lorry, Sie sind Handlungsdiener in Tellsons Bank?“
„Ja.“
„Veranlaßten Sie an einem gewissen Freitag Nachts im November 1775
Geschäfte, von London nach Dover mit der Postkutsche zu reisen?“
„Ja.“
„Waren noch andere Passagiere in der Kutsche?“
„Zwei.“
„Stiegen sie unterwegs im Verlaufe der Nacht aus?“
„Allerdings.“
„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten an. War er einer der beiden
Passagiere?“
„Ich getraue mir nicht, Ja zu sagen.“
„Sieht er einem dieser beiden Passagiere ähnlich?“
„Beide waren so eingewickelt, und die Nacht war so finster, und wir
waren Alle so zurückhaltend, daß ich mir nicht einmal getrauen kann,
diese Frage zu beantworten.“
„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Denken Sie ihn
sich so eingewickelt, wie jene beiden Passagiere, würde dann sein
Aussehen oder sein Wuchs es unwahrscheinlich machen, daß er Einer
derselben gewesen wäre.“
„Nein.“
„Sie wollen nicht beschwören, Mr. Lorry, daß er keiner von den Beiden
gewesen sei?“
„Nein.“
„So sagen Sie wenigstens, er könnte Einer von den Beiden gewesen sein?“
„Ja. Ausgenommen, daß ich mich erinnere, daß die Beiden -- ebenso wie
ich -- sich vor Straßenräubern fürchteten und der Angeklagte sieht
nicht aus, als ob er sich fürchtete.“
„Haben Sie jemals ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr. Lorry?“
„Ei, gewiß.“
„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Wissen Sie mit
Bestimmtheit, ihn früher schon einmal gesehen zu haben?“
„Ja.“
„Wann?“
„Wenige Tage nach jener Reise kehrte ich aus Frankreich zurück und
in Calais kam der Angeklagte an Bord des Packetschiffs, auf dem ich
zurückfuhr und machte die Reise mit mir.“
„Um welche Zeit kam er an Bord?“
„Kurz nach Mitternacht.“
„Mitten in der Nacht. War er der einzige Passagier, der zu dieser
ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?“
„Er war zufällig der einzige.“
„Das „zufällig“ ist hier gleichgültig, Mr. Lorry. Er war der einzige
Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?“
„Ja.“
„Reisten Sie allein, Mr. Lorry, oder hatten Sie Begleitung?“
„Ich hatte zwei Begleiter. Einen Herrn und eine Dame. Sie sind hier.“
„Sie sind hier. Haben Sie mit dem Angeklagten gesprochen?“
„Kaum einige Worte. Das Wetter war stürmisch, die Ueberfahrt lang und
beschwerlich, und ich lag fast während der ganzen Zeit auf einem Sopha.“
„Miß Manette!“
Die junge Dame, auf welche sich vorhin alle Blicke gewendet hatten und
sich jetzt wieder wendeten, stand auf. Ihr Vater erhob sich mit ihr und
behielt ihre Hand unter seinem Arme.
„Miß Manette! Sehen Sie den Angeklagten an.“
Solchem Mitleid und so tief fühlender Jugend und Schönheit
gegenübergestellt zu werden, war eine viel härtere Prüfung für den
Angeklagten, als dem ganzen Gedränge gegenüber zu stehen. Er stand
mit ihr, so zu sagen, allein an dem Rande seines Grabes und alle die
neugierig starrenden Augen ringsum konnten ihm für den Augenblick
nicht die Kraft geben, ganz unbefangen zu bleiben. Seine unruhige
rechte Hand vertheilte die vor ihm gestreuten Kräuter in eingebildete
Blumenbeete in einem Garten; unter seinen Bemühungen, sein Athmen im
regelmäßigen Zuge zu erhalten, zitterten die Lippen, aus welchen das
Blut nach dem Herzen zurückströmte. Das Gesumme der Schmeißfliegen
erhob sich lauter als vorhin.
„Miß Manette, haben Sie den Angeklagten früher gesehen?“
„Ja, Sir.“
„Wo?“
„Am Bord des Packetschiffs, von dem eben gesprochen worden und bei
derselben Gelegenheit.“
„Sie sind die junge Dame, von der eben gesprochen worden?“
„O, unglücklicherweise bin ich es!“
Der klagende Ton ihres Mitleids verlor sich in die weniger wohltönende
Stimme des Richters, wie er ziemlich schroff sagte: „Beantworten Sie
die Fragen, die Ihnen vorgelegt werden und machen Sie keine Bemerkungen
dazu.“
„Miß Manette, haben Sie auf der Fahrt über den Canal mit dem
Angeklagten gesprochen?“
„Ja, Sir.“
„Was haben Sie mit ihm gesprochen?“
Während ringsum das tiefste Schweigen herrschte, begann sie mit
schwacher Stimme:
„Als der Herr an Bord kam --“
„Meinen Sie den Angeklagten?“ fragte der Richter mit gerunzelter Stirn.
„Ja, Mylord.“
„Dann sagen Sie, der Angeklagte.“
„Als der Angeklagte an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater“ -- sie
wendete ihm einen liebevollen Blick zu, wie er neben ihr stand -- „sehr
erschöpft und angegriffen war. Mein Vater war so angegriffen, daß ich
nicht wagte, ihn aus der freien Luft zu entfernen, und ich ließ auf dem
Deck, neben der Kajütentreppe, ein Bett für ihn machen und setzte mich
auf das Deck neben ihn, um auf ihn Acht zu haben. Es waren keine andern
Passagiere auf dem Schiffe, als wir vier. Der Angeklagte war so gütig,
um Erlaubniß zu bitten, mir einen Rath geben zu dürfen, wie ich meinen
Vater vor Wind und Wetter, besser als ich es gethan, schützen könnte.
Was ich gethan hatte, reichte nicht aus, da ich nicht wußte, wie der
Wind stehen würde, nachdem wir den Hafen verlassen hatten. Er half
mir dem Mangel abhelfen. Er sprach sich sehr theilnehmend und gütig
über meinen Vater aus und ich bin überzeugt, es kam ihm von Herzen. In
dieser Weise wurden wir mit einander bekannt.“
„Erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick zu unterbrechen. War er allein
an Bord gekommen?“
„Nein.“
„Wie Viele kamen mit ihm?“
„Zwei französische Herren.“
„Sprachen sie viel mit einander?“
„Sie sprachen mit einander bis zum letzten Augenblick, wo die
französischen Herren wieder mit dem Boote an’s Land fahren mußten.“
„Machten sie sich unter einander mit Papieren zu thun, gleich diesen
Papieren hier?“
„Einige Papiere gingen bei ihnen von Hand zu Hand, aber ich weiß nicht,
was für Papiere es waren.“
„Sahen sie in Gestalt und Format wie diese aus?“
„Das ist wohl möglich, aber ich weiß es wahrhaftig nicht, obgleich sie
ganz in meiner Nähe flüsternd miteinander sprachen: weil sie oben an
der Kajütentreppe standen, um das Licht der dort hängenden Laterne zu
benutzen; die Laterne brannte trübe und sie sprachen sehr leise und ich
konnte nicht verstehen, was sie sprachen und sah nur, daß sie Papiere
durchgingen.“
„Was sprach der Angeklagte mit Ihnen, Miß Manette?“
„Der Angeklagte sprach sich ebenso offen gegen mich aus, wie er in
Folge meiner hülflosen Lage gütig und freundlich und meinem Vater
hülfreich war. Ich hoffe,“ sagte sie in Thränen ausbrechend, „daß ich
ihm nicht schlechten Dank zahle, indem ich ihn heute zu Schaden bringe.“
Großes Gesumme der Schmeißfliegen.
„Miß Manette, wenn der Angeklagte nicht klar erkennt, daß Sie die
Aussagen, welche zu machen Ihre Pflicht ist -- welche Sie machen müssen
-- und welchen Sie sich gar nicht entziehen können -- mit großem
Widerwillen abgeben, so steht er einzig unter den Anwesenden da. Bitte,
fahren Sie fort.“
„Er sagte mir, daß er in schwierigen und wichtigen Geschäften reise,
welche den Betheiligten leicht Ungelegenheiten verursachen könnten
und daß er deshalb unter falschem Namen reise. Er sagte, daß ihn sein
Geschäft veranlaßt habe, nach Frankreich zu reisen und daß es ihn
möglicherweise noch auf lange Zeit nöthigen werde, zu wiederholten
Malen zwischen Frankreich und England hin und her zu reisen.“
„Sagte er Nichts von Amerika, Miß Manette? Besinnen Sie sich genau.“
„Er versuchte, mir auseinanderzusetzen, wie der Streit entstanden
und sagte, daß, soweit er urtheilen könnte, es englischer Seits ein
ungerechter und thörichter Streit sei. In scherzendem Tone setzte er
hinzu, daß George Washington sich vielleicht in der Geschichte einen so
großen Namen erwerben werde, als Georg III. Aber er meinte das nicht
böse: er sagte es mit Lachen und um die Zeit zu vertreiben.“
Jeder stark ausgeprägte Gesichtsausdruck des Haupthandelnden in
einem Auftritt von großem Interesse, dem viele Augen zusehen, wird
unwillkürlich von dem Zuschauer nachgeahmt werden. Peinlich und
angstvoll gespannt war der Ausdruck ihrer Züge, wie sie ihr Zeugniß
abgab und während der Pausen, die sie machen mußte, um dem Richter Zeit
zu lassen, es niederzuschreiben, den Eindruck beobachtete, den ihre
Aussagen auf die Advocaten für und gegen die Anklage machten. Unter
den Zuschauern im ganzen Saale zeigte sich derselbe Gesichtsausdruck
und zwar in so hohem Grade, daß eine große Mehrzahl der Gesichter
Spiegelbilder der Zeugin hätten sein können, als der Richter von seinen
Notizen aufschaute, um mit einem fürchterlichen Blick die schreckliche
Ketzerei wegen George Washington zu bestrafen.
Der Generalanwalt erklärte jetzt dem Richter, daß er es der Vorsicht
und der Form wegen für nothwendig halte, den Vater der jungen Dame,
_Dr._ Manette, als Zeugen aufzurufen. Er wurde demnach aufgerufen.
„_Dr._ Manette, sehen Sie den Angeklagten an. Haben Sie ihn früher
einmal gesehen?“
„Einmal. Als er mich in meiner Wohnung in London besuchte. Es mag drei
oder drei und einhalb Jahr her sein.“
„Erkennen Sie ihn als Ihren Reisegefährten am Bord des Packetschiffs,
oder können Sie uns Etwas von seiner Unterhaltung mit Ihrer Tochter
sagen?“
„Nein, Sir, weder das Eine noch das Andere.“
„Ist ein eigenthümlicher und besonderer Grund vorhanden, daß Sie Keines
von Beiden thun können?“
Er gab mit gedämpfter Stimme zur Antwort. „Ja.“
„Sie haben das Unglück gehabt, in Ihrem Vaterlande ohne Proceß und
sogar ohne Anklage eine lange Haft zu erleiden, _Dr._ Manette?“
Er antwortete in einem Tone, der Jedem zu Herzen ging. „Eine lange
Haft.“
„Sie waren zu jener Zeit erst vor Kurzem frei geworden?“
„Das sagt man mir.“
„Können Sie sich aus jener Zeit an gar Nichts erinnern?“
„Nein. Mein Gedächtniß ist wie verschwunden von einem Zeitpunkt an --
ich kann nicht einmal sagen, welcher Zeitpunkt das war, wo ich mich in
meiner Gefangenschaft mit dem Verfertigen von Schuhen beschäftigte,
bis zu der Zeit, wo ich mich in London mit meiner guten Tochter hier
wiederfand. Sie war mir vertraut geworden, als ein gnädiger Gott mir
die Kräfte meines Geistes wiedergab; aber ich bin sogar außer Stande zu
sagen, wie sie mir vertraut geworden ist. Ich kann mich durchaus nicht
besinnen, wie es gegangen ist.“
Der Generalanwalt setzte sich nieder und Vater und Tochter nahmen
ebenfalls wieder Platz.
Ein merkwürdiger Zwischenfall trat jetzt ein. Das Ziel der
Beweisführung war, zu zeigen, daß der Angeklagte mit einem noch
unbekannten Mitschuldigen in jener Freitag-Nacht im November vor
fünf Jahren mit der Dover Postkutsche gereist und, um Entdeckung
zu vermeiden, des Nachts an einem Orte ausgestiegen sei, wo er
nicht geblieben, sondern von wo er einige Dutzend Meilen nach
einer Garnisons- und Hafenstadt zurückgereist sei, und daß er dort
Erkundigungen eingezogen habe. Ein Zeuge war da, welcher ihn zu der
erforderlichen Stunde im Frühstückszimmer eines Gasthauses in dieser
Garnisons- und Hafenstadt, wo er auf Jemanden wartete, gesehen haben
wollte. Die Kreuzfragen des Vertheidigers des Angeklagten lockten keine
andern Antworten hervor, als daß er den Angeklagten nie bei einer
andern Gelegenheit gesehen, als der Herr in der Perrücke, der die ganze
Zeit über die Decke des Saales angesehen hatte, ein oder zwei Worte
auf ein Zettelchen schrieb, es zusammendrehte und dem Vertheidiger
hinüberwarf. Dieser wickelte das Zettelchen in der nächsten Pause aus
einander und betrachtete den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit
und Neugier.
[Illustration: ~Die Aehnlichkeit.~]
„Sie bleiben also dabei, daß Sie ganz sicher sind, daß es der
Angeschuldigte gewesen?“
Der Zeuge war seiner Sache ganz gewiß.
„Haben Sie jemals Jemanden gesehen, der dem Angeklagten sehr ähnlich
sah?“
Nicht so ähnlich, sagte der Zeuge, daß er sie hätte verwechseln können.
„Sehen Sie sich genau jenen Herrn an, meinem gelehrten Freund
gegenüber,“ sagte er, indem er auf Denjenigen deutete, der ihm
das Zettelchen zugeworfen hatte, „und dann sehen Sie sich den
Angeschuldigten genau an. Was sagen Sie nun? Sehen sie sich einander
sehr ähnlich?“