In allerlei Ställe und unbegreifliche Winkel eingepfercht, besorgten

bei Tellsons die ältesten aller Männer das Geschäft mit ernster Würde.

Bekam ein junger Mann eine Stelle in Tellsons Londoner Geschäft, so

versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt wurde. Sie hoben ihn an einem

finstern Orte auf, gleich einem Käse, bis er den echten Tellsonduft und

-Schimmel bekommen hatte. Erst dann durfte er sich sehen lassen, mit

großer Brille über großen Büchern brütend und mit seinen Kniehosen und

Gamaschen die allgemeine Würde der Firma erhöhend.

Vor Tellsons -- nie, um keinen Preis darin, außer wenn er gerufen

-- hatte ein Mann seinen Posten, der als gelegentlicher Ausläufer

und zugleich als das lebendige Schild des Hauses diente. Während der

Geschäftsstunden war er nie abwesend, außer wenn er ausgeschickt

worden, und dann war er durch seinen Sohn vertreten, einen unheimlichen

Gnomen von zwölf Jahren, der sein Ebenbild war. Die Leute erzählten

sich, daß Tellsons von ihrer Höhe herab den Ausläufer duldeten. Das

Haus hatte immer Jemanden dieses Berufs geduldet und der Verlauf der

Zeit hatte diesen Mann an die Stelle gebracht. Sein Geburtsname war

Cruncher, und als er in kindlicher Unschuld durch Stellvertreter in

der ostwärts gelegenen Pfarrkirche von Houndsditch den Werken des

Teufels entsagt hatte, hatte man diesem Namen noch den Taufnamen Jerry

beigefügt.

Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hanging-Sword-alley,

Whitefriars; die Zeit halb acht Uhr an einem windigen Maimorgen _anno

Domini_ 1780. (Mr. Cruncher nannte das Jahr unseres Herrn immer

_Anna Domino_, offenbar in der Meinung, daß die christliche

Zeitrechnung von der Erfindung eines beliebten Spieles durch eine Dame,

welche demselben ihren Namen gegeben, beginne.)

Mr. Crunchers Zimmer lagen in keiner saubern Nachbarschaft und waren

blos zwei der Zahl nach, selbst wenn man eine Kammer mit einer einzigen

Glasscheibe als eins zählte. Aber sie waren sehr reinlich gehalten. So

früh es noch am windigen Maimorgen war, war doch das Zimmer, in welchem

er im Bett lag, ganz sauber gefegt; und der schwerfällige, hölzerne

Tisch, auf dem die zum Frühstück geordneten Tassen standen, war mit

einem sehr reinen, weißen Tuch überbreitet.

Mr. Cruncher ruhte unter einer Decke von bunten Musterflecken wie

ein Harlekin im Schooße seiner Familie. Anfangs schlief er fest, aber

allmälig fing er an, sich im Bette herumzuwälzen, bis er sich, das

starre Haar so spitz in die Höhe stehend, als ob es die Bettlaken in

lauter Streifen zerreißen müßte, langsam erhob. Als er das gethan, rief

er im Tone äußerster Entrüstung aus:

„Verdammt will ich sein, wenn sie’s nicht schon wieder thut!“

Eine Frau von ordentlichem und sauberm Aussehen stand mit Hast und

Aufregung genug, um zu zeigen, daß sie die Gemeinte war, vom Knien in

einer Ecke auf.

„Was!“ sagte Mr. Cruncher, und sah sich nach seinem Stiefel um. „Du

thust es schon wieder. -- Du?“

Nachdem er dem Morgen diesen zweiten Gruß geweiht hatte, warf er als

dritten einen Stiefel nach der Frau. Es war ein sehr schmutziger

Stiefel, der zugleich den Leser mit der merkwürdigen Thatsache aus

Mr. Crunchers häuslicher Einrichtung bekannt machen mag, daß er sehr

oft nach dem Schluß des Contors mit reinen Stiefeln nach Hause kam

und doch, wenn er nächsten Morgen aufstand, dieselben Stiefeln sehr

schmutzig vorfand.

„Na!“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er das Ziel verfehlt hatte -- „was

treibst Du denn eigentlich, Du Teufelscreatur?“

„Ich sagte nur mein Morgengebet her.“

„Sagt ihr Morgengebet her. Du bist mir eine Schöne! Was willst Du damit

sagen, daß Du Dich hinwirfst und gegen mich betest?“

„Ich bete nicht gegen Dich, ich bete für Dich.“

„Das ist nicht wahr. Und wenn es wahr wäre, so ließ ich mir es nicht

gefallen. Sieh, Jerry! Deine Mutter ist eine schöne Creatur, wirft sich

auf die Knie hin und betet gegen Deines Vaters Glück. Du hast eine gute

Mutter, mein Sohn. Du hast eine fromme Mutter, mein Sohn; rutscht auf

ihren Knien herum und betet, daß der liebe Gott dem eigenen, einzigen

Kinde Brod und Butter aus dem Munde nehmen möge!“

Der kleine Cruncher, der noch im Hemd war, nahm dies sehr übel und

verbat sich sehr ernstlich bei seiner Mutter, daß sie ihm Etwas von

seiner Leibesnahrung wegbete.

„Und was denkst Du denn, Du eingebildetes Geschöpf,“ sagte Mr. Cruncher

mit unbewußter Inconsequenz, „was Deine Gebete werth sind? Sag’ mir

einmal, wie hoch Du Deine Gebete anschlägst!“

„Sie kommen nur aus dem Herzen, Jerry. Mehr sind sie nicht werth.“

„Mehr sind sie nicht werth,“ wiederholte Mr. Cruncher. „Dann sind sie

nicht viel werth. Aber mag dem sein, wie ihm wolle, ich sage Dir, ich

lasse nicht gegen mich beten. Meine Mittel erlauben mir das nicht. Ich

will mich nicht durch Dein Winseln unglücklich machen lassen; wenn Du

auf den Knien herumrutschen willst, so thue es für Deinen Mann und

Dein Kind, und nicht gegen sie. Hätte ich nur nicht eine unnatürliche

Frau und dieser Junge nur nicht eine unnatürliche Mutter, so hätte ich

vorige Woche was verdient, anstatt daß mir Dein frommer Firlefanz nur

Unglück gebracht hat. Verdammt will ich sein!“ sagte Mr. Cruncher, der

sich während dieser ganzen Zeit angezogen hatte, „ob mich nicht theils

das Beten, theils das oder jenes verwünschte Ding für die ganze vorige

Woche in das ärgste Pech gebracht hat, das jemals ein armer Teufel von

einem ehrlichen Gewerbsmann gehabt hat. Jerry, zieh Dich an, Junge, und

während ich mir die Stiefeln putze, hab’ ein Auge auf die Mutter und

rufe mich, wenn sie wieder Lust zeigt, auf den Knien herumzurutschen.

Denn ich sage Dir,“ sprach er weiter zu der Frau gewendet, „ich lasse

mir’s in dieser Weise nicht gefallen. Ich bin so zusammengeschüttelt,

wie ein Fiakerwagen, ich bin so schläfrig, wie Laudanum, und meine

Gliedmaßen sind so überarbeitet, daß ich ohne die Schmerzen darin gar

nicht wüßte, welche mir und welche einem Andern gehörten, und doch habe

ich deshalb keinen Dreier mehr in der Tasche; und ich will wetten, Du

hast vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend Alles gethan, um zu

verhindern, daß Etwas in meine Tasche kommt, und ich lasse es mir nicht

gefallen, Du Höllenbraten! Und was sagst Du jetzt?“

Weiter machte sich nun sein Zorn mit halblautem Vorsichhinbrummen

Luft. „Ja, ja, jawohl! Und fromm bist Du auch. Du willst Dich dem

Wohlergehen Deines Mannes und Kindes widersetzen, Du? Wirklich?“ und

mit ähnlichen sarkastischen Aeußerungen widmete sich Mr. Cruncher

wieder dem Stiefelputzen und den allgemeinen Vorbereitungen für das

Tagesgeschäft. Unterdeß hatte sein Sohn, dessen Haupt mit etwas

kleineren eisernen Spitzen besetzt war und dessen junge Augen dicht bei

einander standen, wie die seines Vaters, seine Mutter, wie befohlen,

wachsam im Auge behalten. Er erschreckte diese arme Frau von Zeit zu

Zeit höchlichst dadurch, daß er aus einer Schlafkammer, wo er seine

Toilette machte, mit einem unterdrückten Ausruf. „Du willst schon

wieder ’rumrutschen, Mutter -- heda, Vater!“ herausgeschossen kam und,

nachdem er diesen falschen Lärm gemacht, mit einem unkindlichen Grinsen

wieder hineinschoß.

Mr. Crunchers Laune hatte sich nicht im Mindesten verbessert, als

er zum Frühstück kam. Er rügte mit besonderer Bitterkeit, daß Mrs.

Cruncher im Stillen ein Tischgebet sprach.

„Was, Du Höllenbraten! Was machst Du da? Fängst Du schon wieder an!“

Seine Frau entschuldigte sich, daß sie blos ein Tischgebet gesprochen.

„Das lässest Du bleiben!“ sagte Mr. Cruncher und sah um sich, als ob er

eher erwartete, das Brod in Folge des Gebets seiner Frau verschwinden

zu sehen. „Ich lasse mir’s nicht gefallen, aus Haus und Hof gebetet zu

werden, ich lasse mir das bischen Brod nicht vom Tische wegbeten. Daß

du mir’s bleiben lässest!“

Ausnehmend roth und grimmig um die Augen, als ob er die ganze Nacht

in einer Gesellschaft gewesen, die durchaus kein gemüthliches Ende

genommen, zerzauselte Jerry Cruncher sein Frühstück mehr, als daß er

es aß und knurrte dabei wie der vierfüßige Inwohner einer Menagerie.

Gegen neun Uhr legte sich sein borstiges Wesen etwas und mit einem so

respectabeln und geschäftsmäßigen Aeußern, als er über sein wahres Ich

decken konnte, ging er seiner Tagesbeschäftigung nach.

Es konnte kaum ein Gewerbe genannt werden, trotzdem daß er sich so gern

„einen ehrlichen Gewerbsmann“ nannte. Sein Geschäftscapital bestand in

einem hölzernen Sessel, verfertigt aus einem Stuhle, von dem man die

zerbrochene Lehne abgesägt hatte, welchen Sessel der junge Jerry, neben

seinem Vater herlaufend, jeden Morgen unter das Contorfenster zunächst

dem Tempelthore stellte, wo er mit Hinzufügung der ersten Hand voll

Strohs, das von einem vorübergehenden Wagen geraubt werden konnte, um

die Füße des Ausläufers vor Kälte und Nässe zu bewahren, den Lagerplatz

für den Tag bildete. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher in

Fleetstreet und im Tempel ebenso bekannt, wie das Thor selbst und fast

ebenso häßlich von Aussehen.

Ein Viertel vor neun Uhr auf seinem Posten eingetroffen, noch zur

rechten Zeit, um vor den ältesten Männern, wie sie zu Tellsons

hineingingen, grüßend an den dreieckigen Hut zu fassen, saß Jerry

an diesem windigen Maimorgen auf seinem Sessel und der junge Jerry

stand neben ihm, wenn er es nicht vorzog, Streifzüge durch das

Thor zu machen, um vorübergehenden Jungen, die klein genug zu

diesem liebenswürdigen Zweck waren, körperliches und geistiges Leid

schmerzlichster Art zuzufügen. Vater und Sohn, die sich einander

außerordentlich ähnlich sahen, hatten, wie sie schweigend dem Verkehr

in Fleetstreet zusahen und dabei ihre beiden Köpfe so nahe an einander

brachten, wie die Augen bei Beiden waren, eine merkwürdige Aehnlichkeit

mit ein Paar boshaften Affen. Die Aehnlichkeit wurde durch den

zufälligen Umstand nicht vermindert, daß der ältere Jerry Stroh zerbiß

und ausspuckte, während die beweglichen Augen des jungen Jerry ihn so

ruhelos beobachteten, wie alles Andere in Fleetstreet.

Einer der angestellten Ausläufer in Tellsons Contor steckte jetzt auf

einmal den Kopf durch die Thür und rief:

„Heda, Jerry!“

„Hurrah, Vater! das fängt heute Morgen frühzeitig mit der Arbeit an!“

Nachdem sein Vater in das Contor hineingetreten war, setzte sich der

junge Jerry auf den Stuhl, trat die Erbschaft des Strohs an, das sein

Vater zerkaut hatte und dachte nach:

„Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!“ brummte der junge Jerry

vor sich hin. „Wo kriegt mein Vater all den Rost her? Hier kriegt er

doch keinen Rost an die Finger?“

Zweites Kapitel.

Ein Schauspiel.

„Ihr seid jedenfalls in Old Bailey wohlbekannt?“ sagte einer der

ältesten Contordiener zu Jerry, dem Ausläufer.

„Ja--a, Sir!“ entgegnete Jerry in etwas mürrisch-stockender Weise. „Ich

~bin~ in Bailey bekannt.“

„Richtig. Und Ihr kennt Mr. Lorry?“

„Ich kenne Mr. Lorry viel besser, als Old Bailey, Sir, viel besser,“

sagte Jerry, fast wie ein widerwilliger Zeuge in dem fraglichen

Gerichtslocal, „viel besser, als ich, ein ehrlicher Gewerbsmann, Old

Bailey zu kennen wünsche.“

„Sehr gut. Sucht also die Thür, wo die Zeugen hineingehen und zeigt dem

Thürsteher dieses Billet für Mr. Lorry. Er wird Euch dann hineinlassen.“

„In den Saal, Sir?“

„In den Saal.“

Mr. Crunchers Augen schienen noch ein Wenig näher zusammenzurücken und

mit einander die Frage zu tauschen: Was denkst du davon?

„Habe ich im Saale zu warten, Sir?“ fragte er als Ergebniß dieser

Conferenz.

„Das will ich Euch gleich sagen. Der Thürsteher schickt das Billet

zu Mr. Lorry und Ihr macht Euch durch irgend eine Geberde Mr. Lorry

bemerklich und zeigt ihm, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter Nichts zu

thun, als zu warten, bis er Euch braucht.“

„Ist das Alles, Sir?“

„Das ist Alles. Er wünschte einen Boten bei der Hand zu haben. Durch

dieses Billet wird er benachrichtigt, daß Ihr da seid.“

Als der alte Handlungsdiener überlegsam das Billet zusammenbrach

und mit der Adresse versah, bemerkte Mr. Cruncher, nachdem er ihm

stillschweigend zugesehen, bis er zum Abtrocknen auf dem Löschpapier

kam:

„Es wird sich wohl heute um Fälschung handeln?“

„Um Hochverrath!“

„Da steht Viertheilen drauf. Barbarei!“

„Es ist Gesetz und Recht,“ bemerkte der alte Diener und sah ihn

überrascht durch die Brille an.

„S’ist hart vom Gesetz, einen Menschen zu verunstalten, meine ich. Es

ist hart genug, ihm das Leben zu nehmen, aber es ist sehr hart, ihn zu

verunstalten, Sir.“

„Ganz und gar nicht,“ entgegnete der alte Diener. „Sprecht gut vom

Gesetz. Tragt Sorge für Eure Brust und Eure Stimme, guter Freund, und

laßt das Gesetz für sich selber Sorge tragen. Den Rath gebe ich Euch.“

„S’ist die Nässe, Sir, die sich mir auf Brust und Stimme legt,“ sagte

Jerry. „Daran können Sie selbst sehen, auf welchem nassen Wege ich mir

mein tägliches Brod verdienen muß.“

„Schon gut, schon gut,“ sagte der alte Diener; „jeder hat seinen

eigenen Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Manche thun es

auf nassem Wege und manche auf trockenem Wege. Hier ist der Brief.

Sputet Euch!“

Jerry nahm den Brief und sprach zu sich mit viel weniger innerer

Ehrerbietung, als er äußerlich zur Schau trug, „Ihr wollt ein

Geriebener sein,“ machte seine Verbeugung, unterrichtete seinen Sohn im

Vorbeigehen von seiner Bestimmung und ging seines Wegs.

Sie henkten zu jener Zeit in Tyburn. Die Straße vor dem Newgatekerker

vorüber hatte noch nicht jene gräßliche Notorität erlangt, die jetzt

an ihr haftet. Aber das Gefängniß war ein greuelvoller Ort, wo fast

jegliche Ausschweifung und Schlechtigkeit verübt ward und wo böse

Krankheiten sich erzeugten, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal

kamen und manchmal von der Verbrecherbank geraden Wegs auf den

Lord-Oberrichter losstürzten und ihn von seinem Sitz herunterzerrten.

Mehr als einmal war es geschehen, daß der Richter in der schwarzen

Mütze sein eigenes Urtheil so sicher wie das des Gefangenen sprach

und sogar noch vor ihm starb. Im Uebrigen war Old Bailey berühmt als

eine Art von Sterbestation, von wo leichenblasse Reisende beständig in

Karren und Kutschen eine gewaltsame Reise in die andere Welt antraten,

wobei sie zwei und eine halbe englische Meile Stadt- und Landstraße

durchfuhren, und wenn überhaupt, nur in wenigen guten Bürgern einen

heilsamen Abscheu erregten. So mächtig ist die Gewohnheit und so

wünschenswerth, daß sie von Anfang an gute Gewohnheit sei. Auch war Old

Bailey berühmt wegen des Prangers, eine weise und uralte Einrichtung,

welche eine Strafe verhängte, deren Schärfe Niemand ermessen konnte;

auch wegen des Prügelpfahls, eine andere liebe und altbewährte

Einrichtung, deren Wirksamkeit anzusehen sehr vermenschlichend und

mildernd auf das Gemüth wirkte; auch wegen ausgedehnter Geschäfte in

Blutgeld, ein anderes Bruchstück der Weisheit unserer Vorväter, das

systematisch zu den schrecklichsten für Geld begangenen Verbrechen

führte. Im Ganzen war zu jener Zeit Old Bailey eine auserlesene

Erläuterung des Spruchs: „Was ist, ist Recht“; ein Spruch, der ebenso

Alles abschließend sein würde, als er die Trägheit fördernd ist, wenn

er nicht die unangenehme Consequenz in sich schlösse, daß Nichts, was

jemals war, Unrecht sein könne.

Der Bote bahnte sich einen Weg durch das unsaubere Gedränge mit der

Geschicklichkeit eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Aufsehen zu machen

vorwärts zu kommen, fand die Thüre, welche er suchte und gab durch

eine Klappe in derselben seinen Brief hinein. Denn damals bezahlten

die Leute, um das Schauspiel in Old Bailey zu sehen, gerade wie sie

bezahlten, um das Schauspiel in Bedlam zu sehen -- nur daß die erstere

Unterhaltung viel theurer zu stehen kam. Deshalb waren alle Thüren von

Old Bailey gut bewacht, mit einziger Ausnahme der gefälligen Thüren,

durch welche die Gesellschaft die Verbrecher hinein ließ, denn diese

standen immer weit offen.

Nach einigen Worten und Besinnen ging die Thüre widerwillig ein

ganz klein Wenig auf und erlaubte Mr. Jerry Cruncher, sich in den

Gerichtssaal hineinzuquetschen.

„Was ist dran?“ fragte er flüsternd den Mann, der sein Nachbar geworden

war.

„Noch Nichts.“

„Was kommt dran?“

„Der Hochverrath.“

„Der zum Viertheilen, he?“

„Jawohl,“ entgegnete der Mann mit Gusto; „er wird auf einer Hürde

hinausgeschleift, um halb gehängt zu werden und dann wird man ihn

abschneiden und vor seinen eigenen Augen aufschlitzen und dann wird man

seine Eingeweide herausnehmen und verbrennen, während er zusieht und

dann wird man ihm den Kopf abhacken und sein Rumpf wird geviertheilt.

So lautet das Urtheil.“

„Wenn sie ihn schuldig finden, wollt Ihr sagen?“ setzte Jerry als

Vorbehalt hinzu.

„O! Sie werden ihn schuldig finden,“ sagte der Andere. „Da braucht Ihr

nicht zu sorgen.“

Mr. Crunchers Aufmerksamkeit zog jetzt der Thürsteher auf sich, der mit

dem Billet in der Hand auf Mr. Lorry zuging. Mr. Lorry saß an einem

Tisch unter den Herren in den Perrücken, nicht weit von einem Herrn

in der Perrücke, dem Vertheidiger des Angeklagten, der einen großen

Stoß Papiere vor sich hatte und fast gerade gegenüber einem andern

Herrn in der Perrücke, der beide Hände in den Hosentaschen hatte und

dessen ganze Aufmerksamkeit, wenn Mr. Cruncher ihn jetzt oder später

anblickte, von der Decke des Gerichtssaals in Anspruch genommen zu sein

schien. Nachdem Jerry einigemal mürrisch gehustet und sich das Kinn

gerieben und Zeichen mit der Hand gemacht hatte, zog er die Beobachtung

Mr. Lorry’s auf sich, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen

und ihm ruhig zunickte und sich wieder setzte.

„Was hat der in der Sache zu thun?“ fragte der Mann, mit dem er

gesprochen hatte.

„Das weiß ich nicht,“ sagte Jerry.

„Und was habt Ihr dabei zu thun, wenn man fragen darf?“

„Das weiß ich auch nicht,“ sagte Jerry.

Der Eintritt des Richters und eine darauf folgende große Bewegung und

allmäliges Beruhigen im Gerichtssaal unterbrachen das Zwiegespräch.

Im nächsten Augenblick wurde die Angeklagtenloge der Brennpunkt des

allgemeinen Interesses. Zwei Schließer, die dort gestanden hatten,

gingen hinaus und der Gefangene wurde hereingebracht und vor seine

Richter gestellt.

Alle Anwesenden, mit Ausnahme des einen Herrn in der Perrücke, der sich

die Decke betrachtete, hefteten neugierig ihre Augen auf ihn. All’ der

menschliche Athem in dem Saale rollte auf ihn zu wie ein Meer, oder ein

Wind, oder ein Feuer. Neugierige Gesichter sahen um Pfeiler und Ecken,

um einen Blick auf ihn zu werfen. Zuschauer in den hinteren Räumen

standen auf, um sich auch nicht ein Haar von ihm entgehen zu lassen;

Leute, die in der Mitte des Saals standen, legten ihre Hände auf die

Schultern der vor ihnen Stehenden, um sich auf irgend Jemandes Unkosten

einen Anblick von dem Manne zu verschaffen -- stellten sich auf die

Zehenspitzen, stiegen auf Simse, standen auf fast Nichts, um jeden

Zoll von ihm zu sehen. Besonders bemerklich unter diesen Letzteren

machte sich Jerry, welcher aussah wie ein lebendig gewordenes Stück

der mit eisernen Spitzen besetzten Mauer von Newgate. Er zielte nach

dem Angeklagten mit dem biergeschwängerten Duft eines Trunkes, den er

unterwegs zu sich genommen und hauchte ihn aus, daß er sich mit den

Wellen andern Bieres und Gins und Thee’s und Kaffee’s und was sonst

noch vermische, welche auf den Angeklagten zuflutheten und sich bereits

in einem schmutzigen Nebel und Regen an den großen Fenstern hinter ihm

brachen.

Der Zielpunkt aller dieser neugierig stierenden und aufgeregten Blicke

war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, von hübschem

Wuchs und hübschem Gesicht, mit sonnenverbrannten Wangen und dunklen

Augen. Dem Stande nach war er ein Gentleman. Er war einfach schwarz

oder sehr dunkel grau gekleidet, und sein langes und dunkles Haar war

hinten im Nacken mit einem Bande zusammengebunden, mehr um nicht zu

belästigen, als zur Zierde. Wie sich eine Gemüthsbewegung durch jede

körperliche Umhüllung ausdrückt, so machte sich die Blässe, welche

seine Lage rechtfertigte, durch das Braun seiner Wange erkennbar und

zeigte, daß die Seele stärker war, als die Sonne. Im Uebrigen war er

ganz unbefangen, er verbeugte sich vor dem Richter und blieb ruhig

stehen.

Die Theilnahme, mit welcher dieser Mann angestiert und angehaucht

ward, machte der Menschheit keine Ehre. Wäre er von einem weniger

entsetzlichen und grausenhaften Urtheil bedroht gewesen, -- wäre

eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß ihm eine einzige der

Scheußlichkeiten desselben erspart worden wäre -- so hätte er ebenso

viel an Anziehungskraft verloren. Die Gestalt, die verurtheilt werden

sollte, so gräßlich zerstückt zu werden, war der anziehende Anblick;

das unsterbliche Wesen, das geschlachtet und zerfleischt werden sollte,

rief die Aufregung hervor. Mit welchem Firniß auch die verschiedenen

Zuschauer diese, jenachdem sie in der Selbsttäuschung geschickt waren,

übertünchen mochten, im Grunde war es nur scheußliche Blutgier.

Schweigen im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte gestern „nicht

schuldig“ eingewendet gegen eine Anklage, die ihn (mit endlosem

unverständlichem Wortgeklingel) beschuldigte, ein falscher Verräther an

unserm erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unserm

Herrn, dem König, zu sein, indem er bei verschiedenen Gelegenheiten

und durch verschiedene Mittel und Wege Ludwig, König von Frankreich,

in seinen Kriegen gegen unsern gedachten erlauchten, erhabenen,

vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unsern Herrn, den König, Beistand

geleistet; indem er nämlich zwischen den Besitzungen unseres gedachten

erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unseres Herrn,

des Königs und denen des gedachten Ludwigs von Frankreich hin- und

hergereist, und boshafter, hinterlistiger, verrätherischer Weise (und

noch mit andern bösen Adverbien) dem gedachten Ludwig von Frankreich

verrathen habe, welche Streitkräfte unser gedachter erlauchter,

erhabener, vortrefflicher u. s. w. Fürst, unser Herr, der König, für

Canada und Nordamerika auszurüsten im Begriff stehe. Soviel verstand

Jerry, dessen Haar immer spitzer empor stieg, wie die juristischen

Worte sich häuften, zu seiner ungeheuren Befriedigung, und er kam

so allmälig zu dem Verständniß, daß der vorgenannte und wieder und

wieder vorgenannte Charles Darnay dort vor ihm stand, um sein Urtheil

zu empfangen; daß die Geschwornen vereidigt wurden; und daß der Herr

Generalanwalt sich bereit machte, zu sprechen.

Der Angeklagte, der im Geiste von jedem Einzelnen der Anwesenden

gehängt, geköpft und geviertheilt wurde und sich Alles recht wohl

bewußt war, ließ sich weder von dieser Umgebung einschüchtern, noch

trat er ihr mit einer theatralischen Miene entgegen. Er war ruhig und

aufmerksam; beobachtete die einleitenden Verhandlungen mit ernstem

Interesse und ließ seine Hände auf dem Bret vor sich so gefaßt ruhen,

daß sie auch nicht ein Blättchen von den Kräutern, mit denen es

bestreut war, von der Stelle rückten. Ueberhaupt war der ganze Saal

mit Kräutern bestreut und mit Essig besprengt, als Schutzmittel gegen

Kerkerluft und Kerkerfieber.

Ueber dem Haupte des Angeklagten hing ein Spiegel, um das Licht auf

ihn herabzuwerfen. Eine Unzahl von Verworfenen und Unglücklichen

hatten ihr Bild darin gesehen und waren von seiner Oberfläche und von

der Erde verschwunden. Von welch einer gräßlichen Gespensterschaar

müßte dieser Saal heimgesucht sein, wenn der Spiegel die Bilder, die

er auf seiner glatten Fläche gezeigt, jemals zurückgeben wollte, wie

das Meer seine Todten wieder von sich giebt. Ein flüchtiger Gedanke an

die Ehrlosigkeit und die Schmach, die das Glas widergespiegelt, mochte

dem Angeklagten in den Sinn kommen. Wie dem immer sein möge, eine

Veränderung seiner Stellung ließ ihn gewahr werden, daß ein Streifen

Licht auf sein Gesicht falle und er blickte in die Höhe, und als er den

Spiegel sah, röthete sich sein Gesicht und seine rechte Hand schob die

Kräuter weg.

Zwei Städte · 第 5 / 36 段