Frage übertragen; aber da keine Hülfe von dorther kam, wendeten sie
sich wieder auf den Fragenden zurück, nachdem sie erst den Fußboden
gesucht hatten.
„Ob ich ein gelernter Schuhmacher bin? Nein, ich war kein gelernter
Schuhmacher. Ich -- ich habe es hier gelernt. Ich habe es mir selbst
gelehrt. Ich frug um Erlaubniß --“
Er bekam wieder seinen Anfall von Zerstreuung, der mehrere Minuten
dauerte und während dessen er ganz wie vorhin mit den Händen spielte.
Endlich wendeten sich seine Augen wieder langsam dem Gesichte zu, von
dem sie abgeschweift waren; als sie wieder darauf ruhten, zuckte er
zusammen und fing die abgebrochene Rede wieder an, ungefähr wie ein
eben Aufwachender auf einen Gegenstand von voriger Nacht zurückkommt.
„Ich fragte um Erlaubniß, es mir lehren zu dürfen und ich erhielt sie
nach langer Zeit und nach vielen Schwierigkeiten und ich habe seitdem
fortwährend Schuhe gemacht.“
Wie er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, den man ihm abgenommen
hatte, sagte Mr. Lorry zu ihm, während er ihn immer noch fest ansah:
„Monsieur Manette, können Sie sich meiner nicht entsinnen?“
Der Schuh fiel dem Gefragten aus der Hand und dieser sah dem Fragenden
starr in’s Gesicht.
„Monsieur Manette;“ Mr. Lorry legte seine Hand auf Defarge’s Arm;
„können Sie sich nicht auf diesen Mann besinnen? Sehen Sie ihn an.
Sehen Sie mich an. Dämmert keine Erinnerung an einen alten Banquier,
ein altes Geschäft, an einen alten Diener, an eine alte Zeit in Ihrem
Geiste auf, Monsieur Manette?“
Wie der viele Jahre Gefangengehaltene abwechselnd mit starrem Blick Mr.
Lorry und Defarge ansah, drängten sich allmälig einige lange verlöschte
Zeichen eines lebhaft denkenden Verstandes auf der Mitte der Stirn
durch den schwarzen Nebel, der sich auf ihn gesenkt hatte. Sie waren
wiederum überwölkt, sie waren schwächer, sie verschwanden; aber sie
waren dagewesen. Und genau so wiederholte sich der Ausdruck auf dem
schönen jugendlichen Gesicht der Tochter, die an der Wand sich nach
einer Stelle hingeschlichen, wo sie ihn erblicken konnte und von wo sie
ihn jetzt ansah, anfangs die Hände nur in entsetztem Mitleid erhoben,
wenn nicht gar, um ihn entfernt zu halten und sich vor dem Anblick zu
bewahren; aber jetzt, nach ihm ausgestreckt und vor heißer Inbrunst
zitternd, das gespensterhafte Gesicht an ihre warme junge Brust zu
legen und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung wiederzugewinnen
-- so genau wiederholte sich der Ausdruck (obgleich in deutlicherem
Gepräge) auf ihrem schönen jugendlichen Gesicht, daß es aussah, als ob
er wie ein sich bewegendes Licht sich von ihm auf sie verpflanzt hätte.
Dafür umfing ihn wieder Finsterniß. Er sah die Beiden immer weniger
aufmerksam an und seine Augen suchten in düsterer Zerstreuung den
Fußboden und blickten in der alten Weise um sich. Endlich nahm er mit
einem tiefen, langen Seufzer wieder seinen Schuh her und ging von Neuem
an seine Arbeit.
„Haben Sie ihn wiedererkannt, Monsieur?“ fragte Defarge halblaut.
„Ja; für einen Augenblick. Anfangs hielt ich es für ganz hoffnungslos,
aber ich habe ohne alle Frage auf einen einzigen Augenblick das Gesicht
gesehen, das ich früher so gut kannte. Still! Wir wollen weiter
zurücktreten. Still.“
Sie war von der Wand der Dachkammer ganz nahe an die Bank
herangetreten, auf der er saß. Es lag etwas Grauenhaftes in seinem
Nichtswissen von der Gestalt, die ihre Hand hätte ausstrecken und ihn
berühren können, wie er sich über die Arbeit bückte.
Kein Wort ward gesprochen, kein Geräusch gemacht. Sie stand wie ein
Geist neben ihm, und er bückte sich über seine Arbeit.
Endlich traf es sich zufällig, daß er das Werkzeug, das er in der Hand
hatte, mit seinem Schusterkneif vertauschen mußte. Er lag auf der Seite
der Bank, wo sie nicht stand. Er hatte ihn hergenommen und bückte sich
eben wieder, um fortzuarbeiten, als sein Blick auf den Saum ihres
Kleides fiel. Er blickte empor und sah ihr Antlitz. Die beiden Andern
wollten vorspringen, aber sie winkte ihnen mit einer Bewegung ihrer
Hand. Sie hatte keine Angst, daß er mit dem Messer nach ihr stoßen
könnte, obgleich sie so Etwas befürchteten.
Er starrte sie mit furchterfülltem Blick an und nach einiger Zeit
fingen seine Lippen an, einige Worte zu bilden, obgleich man keinen
Laut hörte. Allmälig hörte man ihn im Brausen seines keuchenden und
mühsamen Athmens sagen:
„Was ist das?“
Während die Thränen ihre Wangen herabströmten, drückte sie ihre beiden
Hände an seine Lippen und warf ihm Küsse zu; dann legte sie dieselben
auf ihrer Brust zusammen, als ob sie seinen alten, schwachen Kopf
dorthin legte.
„Ihr seid nicht des Kerkermeisters Tochter?“
Sie machte eine verneinende Bewegung.
„Wer seid Ihr?“
Da sie dem Tone ihrer Stimme noch nicht genug zutraute, setzte sie sich
auf die Bank neben ihn. Er wich zurück, aber sie legte die Hand auf
seinen Arm. Ein seltsamer Schauer durchzuckte ihn, wie sie dies that
und man sah, wie er ihn überlief; er legte das Messer sanft hin, wie er
sie anstierend dasaß.
Ihr goldnes Haar, welches sie in langen Locken trug, hatte sie hastig
zurückgestrichen und es fiel jetzt über ihre Achseln herab. Schüchtern
und zögernd streckte er die Hand danach aus, nahm einige Locken davon
und musterte sie forschend. Noch während er dies that, verfiel er
wieder in seine Zerstreuung und begann mit einem neuen tiefen Seufzer
wieder, an seinem Schuh zu arbeiten.
Aber nicht lange. Sie ließ seinen Arm los und legte die Hand auf seine
Schulter. Nachdem er zwei- oder dreimal zweifelnd danach geblickt,
als ob er sich vergewissern wollte, daß er wirklich dort sei, legte
er seine Arbeit weg, griff nach seinem Halse und nahm eine von Alter
geschwärzte Schnur mit einem zusammengefalteten Lappen davon ab. Er
machte das Packetchen sorgfältig auf seinem Knie auf und brachte den
Inhalt heraus; nur eine oder zwei lange goldene Haare, die er vor
langer, langer Zeit auf seinem Finger aufgewunden hatte.
Er nahm ihr Haar wieder in die Hand und betrachtete es aufmerksam. „Es
ist dasselbe. Wie ist dies möglich? Wo war das? Wie war das!“
Wie der sich zusammenfassende Ausdruck auf seine Stirn zurückkehrte,
schien er sich bewußt zu werden, daß er auch auf ihrem Antlitz lag. Er
drehte sie voll nach dem Lichte und schaute sie an.
„An jenem Abend, wo man mich hinausrief, hatte sie ihren Kopf auf meine
Schulter gelegt, -- sie war besorgt über mein Ausgehen, ich jedoch
nicht, -- und als man mich nach dem Nordthurm brachte, fanden sie diese
auf meinem Aermel. „Die werdet Ihr mir doch lassen? Sie können nie die
Flucht meines Leibes unterstützen, wohl aber die meines Geistes.“ Das
waren die Worte, die ich sprach. Ich erinnere mich ihrer noch recht
gut.“
Er bildete die Worte dieser Rede viele Male mit den Lippen, ehe er
sie aussprechen konnte. Als er aber laute Worte dafür fand, kamen sie
zusammenhängend, obgleich langsam.
„Wie war das? ~Wart Ihr’s~?“
Abermals wollten die beiden Zuschauer vorspringen, wie er sich mit
erschreckender Plötzlichkeit gegen sie wendete. Aber sie blieb ganz
ruhig sitzen, während er sie fest packte, und sagte nur mit gedämpfter
Stimme:
„Ich bitt’Euch, gute Herren, kommt uns nicht zu nahe, sprecht nicht,
bewegt Euch nicht.“
„Hört!“ rief er aus. „Wessen Stimme war das?“
Seine Hände ließen sie los, wie er diesen Schrei ausstieß und fuhren
in sein weißes Haar, welches sie in wilder Wuth zerrissen. Der Schrei
verklang wieder, wie Alles, außer seinem Schuhmachen, sich wieder
verlor, und er faltete das kleine Packet wieder zusammen und versuchte
es wieder um seinen Hals zu hängen; aber er sah sie immer noch an und
schüttelte trübe den Kopf.
„Nein, nein, nein; Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein.
Seht, was der Gefangene geworden ist. Das sind nicht die Hände, die sie
hatte, das ist nicht das Gesicht, das sie kannte, diese Stimme hat sie
nie gehört. Nein, nein. Sie war -- und er war vor den langsamen Jahren
des Nordthurms -- Jahrhunderte vorher. Wie heißt Ihr, holder Engel?“
Seinen sanfteren Ton und sein gemildertes Wesen als ein glückliches
Zeichen begrüßend, sank die Tochter vor ihm auf die Knie und legte ihm
die flehenden Hände auf die Brust.
„O Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr meinen Namen erfahren und
wer meine Mutter war und wer mein Vater, und wie ich ihre traurige
Geschichte nie gekannt habe. Aber ich kann es Euch jetzt nicht sagen
und nicht hier. Alles, was ich hier und jetzt sagen darf, ist, daß ich
Euch bitte, Eure Hände auf mein Haupt zu legen und mich zu segnen.
Küsset mich, küsset mich! O mein Geliebtester!“
Ueber sein winterlich weißes Haupt fielen ihre goldenen Locken, die es
erwärmten und erleuchteten, als glänze das Licht der Freiheit auf ihn
nieder.
[Illustration: ~Der Schuhmacher.~]
„Wenn Ihr in meiner Stimme -- ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich
hoffe, es ist so -- wenn Ihr in meiner Stimme eine Erinnerung an eine
Stimme hört, die Euch einst wie liebliche Musik in’s Ohr klang, so
weinet darüber! Wenn Ihr beim Befühlen meines Haares Etwas fühlt, was
Euch an ein geliebtes Haupt erinnert, das an Eurer Brust lag, als Ihr
jung und frei war’t, so weinet darüber! Wenn ich durch das Hindeuten
auf ein Heimwesen, das unser harrt, ein Heimwesen, wo ich Euer mit
aller meiner Pflicht und all meinem treuen Dienst gewärtig sein will,
die Erinnerung an ein Heimwesen zurückbringe, das verödet blieb,
während Euer armes Herz verschmachtete, so weinet darüber!“
Sie hielt ihn fester umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein
Kind.
„Wenn ich Dir, Geliebtester, sage, daß Deine Qual vorbei ist, und daß
ich hergekommen bin, um Dich von hier zu erlösen und daß wir nach
England gehen, um in Frieden und Ruhe zu leben, und wenn ich dadurch in
Dir den Gedanken hervorrufe, daß Dein nützliches Leben mit so frecher
Hand brach gelegt worden ist und daß Dein heimathliches Frankreich
so grausam an Dir gehandelt hat, so weine darüber! Und wenn ich Dir
sage, wie ich heiße und Dir von meinem noch lebenden Vater und meiner
verstorbenen Mutter erzähle und Du erfährst dabei, daß ich vor meinem
geehrten Vater niederknien und ihn um Verzeihung flehen muß, weil ich
nie um seinetwegen den ganzen Tag lang gerungen und die ganze Nacht
gewacht und geweint habe, weil die Liebe meiner armen Mutter diese Qual
vor mir verbarg, so weine darüber! Beweine sie und beweine mich! Dankt
Gott, Ihr guten Herren! Ich fühle seine heiligen Thränen auf meinem
Gesicht und sein Schluchzen trifft mich in’s Herz. O seht! Dankt Gott
für uns, dankt Gott!“
Er war in ihre Arme gesunken und verbarg das Antlitz an ihrer Brust:
ein so rührender Anblick und doch so schrecklich in dem ungeheuren
Unrecht und Leiden, das vor ihm her gegangen war, daß die beiden
Zuschauer sich das Gesicht verhüllten.
Als die Stille der Dachkammer lange ungestört geblieben war und die
stürmisch bewegte Brust und erschütterte Gestalt endlich die Ruhe
gewonnen hatte, die allen Unwettern folgen muß -- für die Menschheit
ein Sinnbild der Ruhe und des Schweigens, in welche der Sturm, genannt
Leben, sich schließlich verlieren muß -- traten sie heran, um den
Vater und die Tochter vom Boden aufzuheben. Er war allmälig auf die
Ziegelflur gesunken und lag da in müder Halberstarrung. Sie hatte sich
neben ihn gesetzt, so daß sein Haupt auf ihrem Arm liegen konnte und
ihre langen Locken ihn wie ein Vorhang vor dem Lichte schützten.
„Wenn wir es,“ sagte sie und reichte ihre Hand Mr. Lorry, wie er sich
über sie beugte, nachdem er sich mehrere Male geräuschvoll die Nase
geputzt hatte, „ohne ihn zu stören, einrichten könnten, Paris sogleich
zu verlassen, so daß er gleich vor der Hausthüre von hier wegführe --“
„Aber, bedenken Sie. Wird die Reise gut für ihn sein?“ fragte Mr. Lorry.
„Gewiß besser, glaube ich, als hier in dieser Stadt zu bleiben, die so
schrecklich für ihn ist.“
„Es ist wahr,“ sagte Defarge, der neben dem Alten kniete und zuhörte.
„Mehr als das, es ist aus allen Gründen das Beste für Monsieur Manette,
wenn er nicht mehr in Frankreich ist. Soll ich einen Wagen und
Postpferde miethen?“
„Das ist Geschäft,“ sagte Mr. Lorry und nahm auf der Stelle seine
methodischen Manieren wieder an; „und wenn Geschäfte zu verrichten
sind, so ist es am besten, ich nehme sie in die Hand.“
„Dann haben Sie die Güte, uns hier zu verlassen,“ drang Miß Manette in
ihn. „Sie sehen, wie ruhig er geworden ist und Sie brauchen Nichts zu
besorgen, wenn Sie mich mit ihm allein lassen. Warum auch? Wenn Sie
die Thür zuschließen wollen, damit wir nicht gestört werden, bezweifle
ich nicht, daß Sie ihn bei Ihrer Rückkehr so ruhig finden, wie Sie ihn
verlassen haben. Jedenfalls will ich ihn unter meine Obhut nehmen, bis
Sie wiederkommen und dann wollen wir ihn sogleich fortschaffen.“
Sowohl Mr. Lorry wie Defarge waren nicht recht geneigt, auf diesen
Vorschlag einzugehen und hätten es lieber gesehen, wenn einer von ihnen
zurückgeblieben wäre. Aber da nicht nur Pferde und Wagen, sondern
auch Reisepapiere zu besorgen waren, und da die Zeit drängte, denn der
Tag neigte sich seinem Ende zu, so einigte man sich schließlich dahin,
die zu besorgenden Geschäfte zu theilen und fortzueilen, um sie zu
verrichten.
Dann, wie der Abend anbrach, legte die Tochter ihr Haupt auf den harten
Fußboden dicht neben ihren Vater und bewachte ihn. Die Finsterniß wurde
dichter und dichter, und sie lagen Beide still da, bis ein Licht durch
die Risse in der Mauer glänzte.
Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten Alles zur Reise fertig gemacht
und außer Reisemänteln und Umhüllungen Brod und Fleisch, Wein und
heißen Kaffee besorgt. Monsieur Defarge setzte Speisen und Getränke und
die Lampe, die er mitgebracht, auf die Schuhmacherbank (es war sonst
Nichts in der Dachkammer, als eine Bettmatratze), und er und Mr. Lorry
weckten den Gefangenen und halfen ihm auf die Beine.
Kein menschlicher Verstand hätte in dem scheuen, leeren Staunen seines
Gesichts die Geheimnisse seiner Seele lesen können. Ob er wußte, was
geschehen war, ob er sich besann, was sie zu ihm gesagt hatten, ob er
wußte, daß er frei war, das waren Fragen, die kein Scharfsinn hätte
lösen können. Sie versuchten, ihn anzureden, aber er war so verlegen
und so außerordentlich langsam im Antworten, daß sie über seine
Verwirrung besorgt wurden und übereinkamen, vor der Hand keine weiteren
Versuche mit ihm zu machen. Er hatte eine heftige scheue Art, den Kopf
in die Hände zu nehmen, die man früher nicht an ihm bemerkt hatte. Aber
der bloße Klang der Stimme seiner Tochter machte ihm einige Freude und
so oft sie sprach, wendete er sich nach ihr hin.
In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der seit Langem gewohnt ist,
dem Zwange zu gehorchen, aß und trank er, was sie ihm zu essen und zu
trinken gaben und legte den Mantel und die andern Umhüllungen an, die
sie ihm hinreichten. Er ließ sich es gern gefallen, daß seine Tochter
ihren Arm durch den seinigen zog und nahm und behielt ihre Hand in
seinen beiden Händen.
Sie fingen an hinabzusteigen; Monsieur Defarge voran mit der Lampe, Mr.
Lorry zum Schluß der kleinen Procession. Sie waren noch nicht viele
Stufen die lange Haupttreppe hinuntergekommen, als er stehen blieb und
das Dach und ringsum die Wände anstarrte.
„Du erinnerst dich des Ortes, Vater? Du erinnerst Dich, hierhergekommen
zu sein?“
„Was sagtest Du?“
Aber ehe sie die Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort,
als ob er sie wiederholt hätte.
„Mich erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht daran. Es ist so lange
Zeit her.“
Daß er nicht das Mindeste davon wußte, aus seinem Gefängniß nach
diesem Hause gebracht worden zu sein, war offenbar. Sie hörten ihn vor
sich hinmurmeln: Einhundert und Fünf, Nordthurm; und wenn er sich
umsah, suchte er sichtlich die starken Festungsmauern, die ihn so
lange eingeschlossen hatten. Als sie den Hof erreichten, veränderte er
instinktmäßig seinen Schritt, als erwartete er, auf eine Zugbrücke zu
treten; und als keine Zugbrücke kam und er den Wagen auf offener Straße
warten sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und griff wieder
nach dem Kopfe.
Es stand kein Gedränge um die Thür; man bemerkte Niemand an den vielen
Fenstern; nicht einmal ein zufällig Vorübergehender befand sich auf der
Straße. Eine unnatürliche Stille und Verlassenheit herrschten daselbst.
Nur Eine Seele war zu sehen und das war Madame Defarge, die gegen das
Thürgewände lehnte, strickte und Nichts sah.
Der Gefangene war in den Wagen gestiegen und seine Tochter war
ihm gefolgt, als Mr. Lorry’s Fuß auf dem Wagentritt von der mit
kläglicher Stimme vorgebrachten Bitte aufgehalten ward, ihm das
Schuhmacherhandwerkszeug und die halbfertigen Schuhe mitzugeben. Madame
Defarge rief sogleich ihrem Mann zu, daß sie sie holen wolle und ging
strickend aus dem Laternenschein durch den Hof. Sie brachte sie sehr
bald herüber und reichte sie hinein; -- und unmittelbar darauf lehnte
sie wieder am Thürgewände, strickte und sah Nichts.
Defarge stieg auf den Bock und sagte dem Postillon: „Nach der
Barrière!“ Der Postillon klatschte mit der Peitsche und sie rasselten
unter den trübe brennenden, über ihnen sich schaukelnden Laternen hin.
Unter den über ihnen sich schaukelnden Laternen -- die immer heller in
den bessern Straßen und immer trüber in den schlechtern Straßen sich
schaukelten -- und vorbei an hellerleuchteten Läden und Kaffeehäusern,
fröhlichem Menschengewühl und Theaterthüren nach einem der Thore der
großen Stadt. Soldaten mit Laternen standen dort an der Wache. „Ihre
Papiere!“ „Hier sind sie, Herr Offizier!“ sagte Defarge, indem er
abstieg und ihn ernst bei Seite nahm. „Das sind die Papiere des Herrn,
dem mit dem weißen Kopf. Sie sind mir mit ihm übergeben worden im --“
er ließ seine Stimme sinken -- die militärischen Laternen bewegten sich
aufgeregt, eine von ihnen streckte sich mit einem Arm in Uniform in den
Wagen hinein und die zu dem Arm gehörenden Augen sahen sich nicht mit
einem alltäglichen oder allnächtlichen Blick Monsieur mit dem weißen
Kopf an. „Es ist gut. Kann passiren!“ von der Uniform. „Adieu!“ von
Defarge. Und so unter einer bald zurückgelegten Allee von schwächer und
schwächer brennenden, sich oben schaukelnden Laternen hinaus unter den
großen Sternenhain.
Unter diesem Gewölbe unbeweglicher und ewiger Sonnen, einige so
entfernt von dieser kleinen Erde, daß die Gelehrten uns erzählen, es
sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen sie bis jetzt als einen Punkt im
Weltenraume, wo Etwas gethan oder gelitten wird, entdeckt hätten, waren
die Schatten der Nacht breit und schwarz. Durch den ganzen, kalten,
ruhelosen Zwischenraum bis zum Tagen flüsterten sie abermals Mr. Jarvis
Lorry -- der dem begrabenen und wiederausgegrabenen Manne gegenüber
saß und darüber grübelte, was für geistige Kräfte ihm für immer
verloren gegangen und welche der Wiederherstellung fähig sein möchten
-- die alte Frage zu:
„Ich hoffe, Sie treten gerne wieder in’s Leben ein?“
Und die alte Antwort:
„Das weiß ich nicht.“
Zweites Buch.
Das goldene Haar.
Erstes Kapitel.
Fünf Jahre später.
Tellsons Bank am Tempelthor war ein altmodischer Ort, selbst im
Jahre 1780. Es war ein sehr kleines, sehr dunkles, sehr häßliches,
sehr unbequemes Local. Es war auch altmodisch in der moralischen
Eigenschaft, daß die Compagnons des Hauses stolz auf seine Kleinheit,
stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf seine Häßlichkeit, stolz auf
seine Unbequemlichkeit waren. Sie rühmten selbst seine ausgezeichneten
Leistungen nach diesen Seiten hin und waren von der tiefen Ueberzeugung
erfüllt, daß, wenn weniger an ihm auszusetzen wäre, es weniger
respectabel wäre. Das war kein passiver Glaube, sondern eine active
Waffe, welche sie gegen bequemer eingerichtete Geschäftslocale
schwangen. „Tellsons (sagten sie) brauchen keinen Platz, um sich
umzudrehen, Tellsons brauchen kein Licht, Tellsons brauchen keine
Verschönerung. Das wäre vielleicht bei Noakes u. Comp. der Fall, oder
bei Snooks Gebrüder; aber bei Tellsons Gott sei Dank nicht!“
Jeder der Compagnons hätte seinen Sohn enterbt, wenn er sich
unterfangen hätte, von dem Umbau von Tellsons Local zu sprechen. In
dieser Hinsicht war es mit dem Hause ziemlich ebenso, wie mit dem
Lande, welches sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen
in Gesetzen und Gebräuchen vorschlugen, die seit Langem zu den größten
Uebelständen gezählt hatten, aber deshalb nur um so respectabler waren.
So war es gekommen, daß Tellsons Geschäftslocal die Alles übertreffende
Vollkommenheit der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine Thür von
blödsinniger Halsstarrigkeit mit einem schwachen Geröchel in der Kehle
aufgebrochen, fiel man zwei Stufen hinab in das Local selbst und
kam in einem elenden kleinen Laden mit zwei kleinen Zahltischen zur
Besinnung, wo in der Hand der ältesten Männer die Anweisung zitterte,
als ob der Wind sie bewegte, während sie die Unterschrift am trübsten
aller Fenster, das ein beständiges Regenbad von Schmutz von Fleetstreet
auszuhalten hatte und noch dunkler wurde durch das dicke, schwere
Eisengitter vor demselben und den dunkeln Schatten des Tempelthors,
besichtigten. Verlangte das Geschäft, „unser Haus“ zu sehen, so wurde
man in eine Art Carcerzelle hinten hinaus gebracht, wo man über ein
übelangewendetes Leben nachdachte, bis „unser Haus“, die Hände in den
Taschen, hereintrat und man ihn in dem unheimlichen Zwielicht kaum mit
blinzelnden Augen ansehen konnte.
Das Geld, das man bekam, hielt sich in wurmzerfressenen, alten,
hölzernen Schubkästen auf, von denen Theilchen in die Nase oder in die
Kehle kamen, wenn man sie auf- oder zumachte. Die Banknoten hatten
einen dumpfigen Geruch, als ob sie schleunigst wieder zu Lumpen
vermoderten. Das Silberzeug, das man dem Hause anvertraut hatte,
war in Kellern mitten unter Senkgruben untergebracht und schlechte
Ausdünstungen verdarben seine gute Politur in ein oder zwei Tagen.
Die Documente fanden ihren Aufenthalt in aus Küchen und Waschhäusern
extemporirten Archiven und schwitzten vor Verdruß sämmtliches Fett aus
ihren Pergamenten in die Luft des Contors hinaus. Die leichteren Kästen
mit Familienpapieren kamen eine Treppe hoch in einen geräumigen Saal,
in welchem immer eine große Speisetafel stand und nie ein Diner war und
wo selbst noch im Jahre 1780 die Erstlingsbriefe deiner alten Geliebten
oder deiner kleinen Kinder vor Kurzem erst von dem Schrecken erlöst
waren, durch die Fenster von den mit einer Abyssiniens oder Ashanties
würdigen sinnlosen Brutalität auf dem Tempelthor aufgesteckten Köpfen
beliebäugelt zu werden.
Aber freilich war damals vom Leben zum Tode bringen ein in allen
Gewerben und Ständen, und nicht am Mindesten bei Tellsons, sehr
beliebtes Recept. Der Tod ist das Heilmittel der Natur für alle Dinge,
und warum nicht auch das der Gesetzgebung? Demnach ward der Fälscher
hingerichtet; wer eine falsche Banknote ausgab, wurde hingerichtet;
wer einen Brief unrechtmäßig aufbrach, wurde hingerichtet; wer vierzig
Schilling und sechs Pence entwendete, wurde hingerichtet; der, dem
ein Pferd vor Tellsons Thür zum Halten übergeben worden und der sich
damit aus dem Staube machte, wurde hingerichtet; der Falschmünzer, und
hatte er nur einen falschen Schilling geprägt, wurde hingerichtet;
drei Viertheile von denen, welche die Töne in der ganzen Scala des
Verbrechens anschlugen, wurden hingerichtet. Nicht etwa, daß damit im
Mindesten dem Verbrechen vorgebeugt wurde -- man hätte fast behaupten
können, daß das Gegentheil der Fall war -- aber man wurde dadurch
wenigstens für diese Welt die Mühe und Beschwerde jedes einzelnen
Falles los und schnitt jede weitere damit verbundene Sorge ab. So
hatten Tellsons in ihrer Zeit, wie andere größere Geschäfte unter ihren
Zeitgenossen, so oft dem Halsabschneiden obgelegen, daß, wenn die davon
betroffenen Köpfe, anstatt im Stillen beseitigt zu werden, auf dem
Tempelthore aufgesteckt worden wären, sie wahrscheinlich das wenige
Licht, welches das Erdgeschoß hatte, in einer ziemlich bedeutsamen
Weise abgesperrt hätten.