„Was soll das heißen? Bist Du ein Candidat für’s Irrenhaus?“ sagte der

Weinwirth, indem er auf die andere Seite der Straße ging und den Witz

mit einer Hand voll Straßenschlamm, nach dem er sich zu diesem Zwecke

gebückt, auslöschte und überstrich. „Warum schreibst Du auf offener

Straße? Giebt es keinen andern Ort, um solche Worte zu schreiben, he?“

Während er so sprach, ließ er seine andere, reine Hand (vielleicht

zufällig, vielleicht nicht) auf das Herz des Spaßmachers fallen. Der

Spaßmacher schlug mit seiner Hand darauf, machte einen hurtigen

Luftsprung und kam wieder auf die Beine in einer phantastischen

Tänzerstellung, den einen seiner Schuhe, den er beim Springen vom Fuße

geschleudert, in der Hand und vor sich ausgestreckt haltend. Unter

diesen Umständen nahm er sich wie ein Spaßmacher von äußerst, um nicht

zu sagen grausam, praktischem Charakter aus.

„Ziehe ihn wieder an, ziehe ihn wieder an,“ sagte der Andere. „Nenne

Wein, Wein und mache der Sache ein Ende.“ Mit diesem Rath wischte er

sich seine schmutzige Hand auf dem Aermel des Spaßmachers ab -- ganz

überlegt, da er sich die Hand seinetwegen beschmutzt hatte; und ging

dann wieder über die Straße und trat in die Weinschenke.

Dieser Weinwirth war ein kriegerisch aussehender Mann von dreißig

Jahren mit einem Stiernacken, der heißes Blut haben mußte, denn

obgleich es bitter kalt war, hatte er doch keinen Rock an, sondern

hatte ihn über die Schulter geworfen. Auch die Hemdärmel hatte er

aufgestreift und die braunen Arme waren bis an die Ellbogen bloß.

Ebenso wenig trug er auf dem Kopfe etwas Anderes, als sein eigenes

kurzgelocktes und kurzgeschnittenes, schwarzes Haar. Er war überhaupt

ein schwarzer Mann mit guten Augen und einer guten offenen Breite

zwischen ihnen. Im Ganzen von gutmüthigem, aber auch unerbittlichem

Aussehen; offenbar ein Mann von starkem Entschluß und festem Willen;

ein Mann, dem man nicht begegnen möchte, wenn er durch einen engen

Paß, mit einem Abgrund an jeder Seite, eilt, denn Nichts würde ihn zum

Umkehren bewegen.

Madame Defarge, seine Frau, saß im Laden hinter dem Ladentisch, als

er eintrat. Madame Defarge war eine wohlbeleibte Frau von ungefähr

demselben Alter wie er, mit einem aufmerksamen Auge, das selten

etwas Bestimmtes anzusehen schien, einer großen, mit vielen Ringen

geschmückten Hand, einem gefaßten Gesicht, starken Zügen und großer

Ruhe im Benehmen. Aus dem Aussehen der Madame Defarge war man geneigt

zu prophezeien, daß sie sich sehr selten in den Rechnungen, die sie zu

besorgen hatte, zu ihrem Schaden irrte. Da Madame Defarge empfindlich

gegen Kälte war, war sie in Pelz eingewickelt und hatte einen großen

bunten Shawl um den Kopf gewunden, der aber immer noch ihre großen

Ohrringe sehen ließ. Ihr Strickzeug lag vor ihr, aber sie hatte es

weggelegt, um sich mit einem Zahnstocher die Zähne zu stochern. So

beschäftigt und den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt, sagte

Madame Defarge Nichts, als ihr Eheherr eintrat, sondern ließ nur ein

kaum hörbares Husten vernehmen. Dies und das kaum eine Linie breite

Emporziehen ihrer scharfgezeichneten schwarzen Augenbrauen sagten ihrem

Manne, daß er gut thun würde, sich im Laden unter den Gästen nach

etwaigen neuen Gästen umzusehen, welche gekommen waren, während er

draußen auf der Straße gestanden hatte.

Der Weinwirth ließ demgemäß seine Blicke umherschweifen, bis sie

auf einem ältlichen Herrn und einer jungen Dame haften blieben, die

in einer Ecke saßen. Auch noch andere Gesellschaft war da: zwei

Kartenspieler, zwei Dominospieler, drei, die am Ladentisch standen

und einen kleinen Rest Wein zögernd austranken. Als er hinter den

Ladentisch trat, bemerkte er, daß der ältliche Herr mit einem Blick zu

der jungen Dame sagte. „Das ist unser Mann.“

„Was zum Teufel wollt ihr in dieser Galeere!“ sagte Monsieur Defarge zu

sich; „ich kenne euch nicht.“

Aber er stellte sich, als ob er die beiden Fremden nicht beachtete

und ließ sich mit den drei Gästen, die am Ladentisch tranken, in ein

Gespräch ein.

„Wie geht es, Jacques?“ sagte einer von den Dreien zu Monsieur Defarge.

„Ist der verschüttete Wein alle aufgetrunken?“

„Bis auf den letzten Tropfen, Jacques“, antwortete Monsieur Defarge.

Als die Beiden mit diesem Austausch der Taufnamen fertig waren, ließ

Madame Defarge, die sich immer in den Zähnen stocherte, ein anderes

kaum hörbares Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen um eine andere

Linienbreite in die Höhe.

„Nur selten,“ sagte der Zweite von den Dreien zu Monsieur Defarge,

„haben diese elenden Lastthiere Gelegenheit, den Geschmack von Wein,

oder von etwas Anderem als schwarzem Brod und Tod kennen zu lernen.

Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques,“ entgegnete Monsieur Defarge.

Bei diesem zweiten Austausch des Taufnamens ließ Madame Defarge, immer

noch mit ruhigster Fassung ihren Zahnstocher gebrauchend, wieder einen

kaum hörbaren Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen noch um eine

Linie empor.

Der Letzte von den Dreien kam jetzt an die Reihe, zu sprechen, wie er

das leere Glas hinsetzte und mit den Lippen schmatzte.

„Ach, um so schlimmer! Ewig haben diese armseligen Lastthiere einen

bittern Geschmack im Maule und ein beschwerliches Leben müssen sie

führen. Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques“, war die Antwort Monsieur Defarge’s.

Dieser dritte Austausch des Taufnamens war eben vollzogen, als Madame

Defarge den Zahnstocher weglegte, die Augenbrauen noch weiter in die

Höhe zog und sich kaum merklich auf ihrem Stuhl bewegte.

„Ja so! Richtig!“ brummte der Mann vor sich hin. „Meine Herren -- meine

Frau --“

Die drei Gäste zogen vor Madame Defarge die Hüte ab und machten einen

Kratzfuß. Sie nahm die Huldigung durch ein Neigen des Kopfes an und

warf einen raschen Blick auf sie. Dann sah sie sich wie zufällig einmal

im Laden um und nahm mit großer Ruhe und Fassung ihr Strickzeug her und

vertiefte sich ganz in dasselbe.

„Guten Tag, meine Herren!“ sagte ihr Mann, der sie mit seinem hellen

Auge aufmerksam beobachtet hatte. „Das möblirte Zimmer für ledige

Herren, das Sie zu sehen wünschten und nach dem Sie sich erkundigten,

als ich hinausging, ist im fünften Stock. Der Thorweg zur Treppe ist

in dem kleinen Hofe, dicht nebenan, links -- er wies mit seiner Hand

nach dieser Richtung -- gleich bei dem Fenster meines Ladens. Aber ich

besinne mich jetzt, Einer von Ihnen ist schon dort gewesen und kann

den anderen Herren den Weg zeigen. Leben Sie wohl, meine Herren!“

Sie bezahlten ihren Wein und verließen den Laden. Die Augen Monsieur

Defarge’s beobachteten seine Frau beim Stricken, als der ältliche Herr

aus seiner Ecke hervorkam und ihn um ein paar Worte bat.

„Sehr gern“, sagte Monsieur Defarge und trat ohne Weiteres mit ihm an

die Thür.

Ihre Unterredung war sehr kurz, aber sehr entschieden. Fast bei

dem ersten Worte fuhr Monsieur Defarge auf und zeigte die tiefste

Aufmerksamkeit. Es hatte noch keine Minute gedauert, so nickte er und

ging hinaus. Der Herr winkte dann der jungen Dame und auch sie ging

hinaus. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und unbeweglichen

Augenbrauen und sah Nichts.

Als Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette in dieser Weise die Weinschenke

verlassen hatten, gesellten sie sich Monsieur Defarge in dem Thorweg

bei, nach welchem er soeben erst die anderen Gäste gewiesen hatte.

Es war der Ausgang eines stinkenden, kleinen, finstern Hofes und der

allgemeine Zugang zu einer großen Häusermasse, in der eine Unzahl Leute

wohnte. In dem dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Eingang zu der

dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Treppe ließ sich Monsieur

Defarge auf ein Knie vor dem Kinde seines alten Herrn nieder und

drückte ihre Hand an seine Lippen. Es war ein sanftes Beginnen, aber

durchaus nicht sanft gethan; binnen wenigen Secunden war eine sehr

merkwürdige Umwandlung mit ihm vorgegangen. Es war keine Gutmüthigkeit

oder Offenheit mehr in seinem Gesicht zu sehen, sondern er war ein

heimlicher, zorniger, gefährlicher Mann geworden.

„Es ist sehr hoch und schwer zu steigen. Besser, wir fangen langsam

an,“ so sprach Monsieur Defarge in hartem Tone zu Mr. Lorry, wie sie

anfingen, die Treppe zu ersteigen.

„Ist er allein?“ flüsterte Letzterer.

„Allein! Gott helfe ihm, wer sollte bei ihm sein?“ entgegnete der

Andere in demselben gedämpften Tone.

„Er ist also immer allein?“

„Ja.“

„Nach eigenem Wunsch?“

„Aus eigener Nothwendigkeit. Wie er damals war, als ich ihn zuerst sah,

nachdem sie mich aufgefunden und gefragt hatten, ob ich ihn zu mir

nehmen und auf meine Gefahr verschwiegen sein wollte -- so ist er jetzt

noch.“

„Hat er sich sehr verändert?“

„Verändert!“

Der Weinwirth blieb stehen, um mit der Hand an die Mauer zu schlagen

und einen fürchterlichen Fluch auszusprechen. Eine directe Antwort

hätte nicht denselben Eindruck gemacht. Mr. Lorry’s Gemüth fühlte sich

immer gedrückter, wie er und seine beiden Gefährten höher und höher

stiegen.

Eine solche Treppe mit ihren Beigaben in dem ältern und stärker

bevölkerten Theile von Paris wäre jetzt schlimm genug; aber damals war

sie für ungewohnte und nicht abgehärtete Sinne geradezu abscheulich.

Jede kleine Wohnung in diesem großen schmutzstrotzenden Haufen von

einer hohen Gebäudemasse -- das will sagen, das Zimmer oder die

Zimmer innerhalb jeder Thür, die sich auf die allgemeine Treppe

öffnete -- ließ ihrem eigenen Kehrichthaufen auf ihren eigenen

Treppen Platz, außer daß sie noch andern Kehricht zum Fenster

hinauswarfen. Die dadurch erzeugte, gar nicht mehr zu beherrschende

und hoffnungslose Fäulnißmasse hätte die Luft verpestet, selbst wenn

Armuth und Entbehrung sie nicht mit ihren unfaßbaren Unreinigkeiten

erfüllt hätten; diese beiden bösen Quellen im Verein machten sie

fast unerträglich. Durch eine solche Atmosphäre, einen steilen,

dunklen Schacht voll Schmutz und Gift hinauf, führte der Weg. Seiner

eigenen und seiner jungen Gefährtin Aufregung nachgebend, die mit

jedem Augenblicke größer wurde, machte Mr. Jarvis Lorry zweimal Halt,

um zu rasten. Bei jedem dieser Ruhepunkte öffnete sich ein enges

Fenstergitter, durch welches die wenigen guten Lüfte, die vielleicht

noch unverdorben vorhanden waren, zu entweichen und alle verdorbenen

und garstigen Dünste hereinzuschleichen schienen. Zwischen den

verrosteten Stäben konnte man in einzelnen Streifen den Anblick der in

wüster Unordnung übereinandergehäuften Gebäude erhaschen; und Nichts

im Bereich des Auges, das näher oder tiefer war, als die Spitzen der

beiden großen Thürme von Notredame, verrieth eine Spur von gesundem

Leben oder gedeihlicher Zukunft.

Endlich war die letzte Stufe der Treppe erreicht und sie ruhten zum

dritten Male aus. Noch eine Treppe, die noch steiler und schmäler

war, mußte erstiegen werden, ehe sie das Dachgeschoß erreichten. Der

Weinwirth, der immer ein Wenig vorausging, und immer auf der Seite, wo

sich Mr. Lorry befand, als ob er fürchtete, daß die junge Dame eine

Frage an ihn richten möchte, drehte sich hier um, fühlte in den Taschen

des Rockes herum, den er über die Achsel geworfen hatte, und brachte

einen Schlüssel heraus.

„Die Thür ist also verschlossen, Freund?“ sagte Mr. Lorry überrascht.

„Jawohl“, war die bitterernste Antwort Monsieur Defarge’s.

„Sie halten es für nothwendig, den Unglücklichen so einsam zu lassen?“

„Ich halte es für nothwendig, ihn einzuschließen.“ Monsieur Defarge

flüsterte es ihm, sich dichter an ihn andrängend, ins Ohr und zog

finster drohend die Stirne zusammen.

„Warum?“

„Warum! Weil er so lange eingeschlossen gelebt hat, daß er sich

fürchten -- wüthen -- sich in Stücke zerreißen -- sterben -- ich weiß

nicht, zu welchem Schaden kommen würde -- wenn man seine Thür aufließe.“

„Ist es möglich?“ rief Mr. Lorry aus.

„Ist es möglich?“ wiederholte Defarge mit Bitterkeit. „Ja, und in einer

schönen Welt leben wir, wenn es möglich ist und wenn viele andere

solche Dinge nicht nur möglich sind, sondern auch geschehen -- wirklich

geschehen! -- Unter diesem Himmel, und zwar jeden Tag. Lange lebe der

Teufel! Vorwärts!“

Dieses Zwiegespräch war in so leisem Flüstern gehalten worden,

daß kein Wort davon das Ohr der jungen Dame erreicht hatte. Aber

sie zitterte jetzt von so starker Aufregung, und auf ihrem Gesicht

drückte sich so tiefe Seelenangst aus und vor Allem solches Grauen und

Entsetzen, daß Mr. Lorry sich verpflichtet fühlte, ihr mit ein paar

Worten Beruhigung zuzusprechen.

„Muth, liebe Miß! Muth! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem

Augenblick vorbei sein. Wir brauchen blos die Zimmerthür hinter uns

zu haben und das Schlimmste ist vorbei. Dann fängt alles Gute, aller

Trost, alles Glück an, das Sie ihm bringen. Unser guter Freund hier

wird Sie auf der andern Seite unterstützen. So ist’s recht, Freund

Defarge. Nun vorwärts. Geschäft! Geschäft!“

Sie stiegen langsam und vorsichtig hinauf. Die Treppe war kurz

und sie waren bald auf der letzten Stufe. Weil sie sich dort kurz

wendete, standen sie auf einmal vor drei Männern, deren Köpfe dicht

nebeneinander an eine Thür herabgebeugt waren und die durch ein paar

Spalten oder Löcher in der Wand mit gespannter Aufmerksamkeit in das

Zimmer blickten, zu welchem die Thür gehörte. Als sie dicht hinter

sich Fußtritte vernahmen, drehten sich die Drei um, richteten sich auf

und ließen sich als die drei Gäste Eines Namens erkennen, die unten im

Weinschank getrunken hatten.

„Ueber der Ueberraschung Ihres Besuches habe ich sie ganz vergessen“,

erklärte Monsieur Defarge. „Geht jetzt, Ihr guten Freunde, wir haben

Geschäfte hier.“

Die Drei glitten an ihnen vorüber und gingen still hinunter.

Da keine andere Thür auf diesem Flur zu erblicken war und der Besitzer

der Weinschenke gerade auf diese eine zuging, als sie wieder allein

waren, fragte ihn Mr. Lorry halblaut mit einiger Schärfe:

„Lassen Sie Monsieur Manette wie eine Merkwürdigkeit sehen?“

„Ich zeige ihn in der Weise, wie Sie gesehen haben, einigen wenigen

Auserwählten.“

„Ist das gut?“

„Ich glaube, es ist gut.“

„Wer sind die Wenigen? Wie wählen Sie sie aus?“

„Ich wähle sie als echte Männer meines Namens -- Jacques ist mein Name

--, denen das Schauspiel wahrscheinlich nützlich sein wird. Genug; Sie

sind Engländer; das ist etwas Anderes. Warten Sie gefälligst hier einen

Augenblick.“

Mit einer sie zum Zurückbleiben mahnenden Geberde bückte er sich und

guckte durch einen Spalt in der Mauer. Bald richtete er sich wieder auf

und schlug zwei- oder dreimal an die Thür -- offenbar zu keinem andern

Zweck, als ein Geräusch zu machen. In derselben Absicht strich er drei-

oder viermal mit dem Schlüssel darüber, ehe er ihn mit derber Hand in

das Schloß stieß und so geräuschvoll als möglich umdrehte.

Die Thür ging langsam nach innen auf, er blickte in das Zimmer hinein

und sagte Etwas. Eine schwache Stimme gab eine Antwort zurück. Wenig

mehr als eine einzige Silbe konnte von beiden Seiten gesprochen worden

sein.

Er blickte über die Achsel zurück und winkte den beiden Anderen,

einzutreten. Mr. Lorry umschlang die Tochter fest mit seinen Armen und

hielt sie; denn er fühlte, daß sie zusammensinken werde.

„Eh -- Eh -- Eh -- Geschäft -- Geschäft!“ sprach er ihr zu, mit einer

Feuchtigkeit auf den Wangen, die durchaus nicht geschäftsmäßig war.

„Treten Sie ein, treten Sie ein!“

„Ich fürchte mich“, antwortete sie zusammenschauernd.

„Wovor? Vor wem?“

„Ich meine vor ihm. Vor meinem Vater.“

Durch ihren Zustand und durch die Mahnungen seines Führers

gewissermaßen zur Verzweiflung gebracht, legte er den Arm, der auf

seiner Schulter zitterte, sich um den Hals, hob sie empor und trug sie

in das Zimmer. Er setzte sie gleich innerhalb der Thür wieder hin und

unterstützte sie, während sie sich an ihn anklammerte.

Defarge zog den Schlüssel aus dem Schlosse, machte die Thür zu,

verschloß sie inwendig, zog den Schlüssel wieder heraus und behielt

ihn in der Hand. Alles dies that er methodisch und mit so lautem und

klirrendem Lärm, als ihm hervorzubringen nur möglich war. Zuletzt ging

er mit schwerem Tritt quer über die Stube nach dem Fenster hin. Dort

blieb er stehen und drehte sich um.

Die Dachkammer, zu einer trockenen Niederlage für Brennholz und

Aehnliches bestimmt, war eng und dunkel. Denn das Fenster, ein

Giebelfenster, war eigentlich eine Thür im Dache mit einem Krahnbalken

darüber, um das Holz von der Straße heraufzuwinden, ohne Glasscheiben

und in der Mitte mit zwei Flügeln schließend, wie andere Thüren nach

französischer Einrichtung. Um die kalte Luft hinauszusperren, war

der eine Flügel dieser Thür fest zugeschlossen und der andere stand

nur ein ganz klein Wenig auf. Ein so dürftiges Licht ward auf diese

Weise hereingelassen, daß es beim ersten Hereintreten schwierig war,

überhaupt Etwas zu sehen, und nur lange Gewohnheit konnte langsam in

einem Menschen die Fähigkeit ausbilden, in solcher Dunkelheit eine die

Augen in Anspruch nehmende Arbeit zu verrichten. Und doch wurde Arbeit

dieser Art in der Dachkammer verrichtet; denn mit dem Rücken gegen

die Thür und mit dem Gesicht nach dem Fenster, von wo der Besitzer

des Weinschankes ihm zusah, saß ein Mann mit weißem Haar auf einer

niedrigen Bank, über einen Schuh gebückt, an dem er fleißig nähte.

Sechstes Kapitel.

Der Schuhmacher.

„Guten Tag!“ sagte Monsieur Defarge, indem er auf den weißen Kopf

herabsah, der sich tief auf den Schuh herabbückte.

Er hob sich für einen Augenblick und eine sehr schwache Stimme

beantwortete den Gruß, als ob sie aus der Ferne käme:

„Guten Tag!“

„Ich sehe, Sie arbeiten immer noch angestrengt.“

Nach einer langen Pause hob der Kopf sich wieder und die Stimme

antwortete. „Ja -- ich arbeite.“ Diesmal hatten ein Paar hohle Augen

den Fragenden angeblickt, ehe das Gesicht sich wieder senkte.

Die Tonlosigkeit der Stimme war Mitleid erregend, und schrecklich.

Es war nicht die Tonlosigkeit physischer Schwäche, obgleich lange

Einsperrung und karge Kost jedenfalls ihren Theil daran hatten.

Ihre beklagenswerthe Eigenthümlichkeit war, daß es die Tonlosigkeit

der Einsamkeit und des Nichtgebrauchs war. Sie war wie das letzte

schwache Echo eines vor langer, langer Zeit erklungenen Tones. So

ganz vollständig hatte er das Leben und das Metall der menschlichen

Stimme verloren, daß er auf die Sinne denselben Eindruck machte,

wie eine ehedem schöne Farbe, die zu einem kaum sichtbaren fahlen

Flecken verblichen ist. So fahl und dumpf war sie, daß sie wie

eine unterirdische Stimme klang. So deutlich sprach sie von einem

hoffnungslosen und verlorenen Wesen, daß ein verhungerter Reisender,

vom langen einsamen Wandern in einer Wüste erschöpft, sich an Heimath

und Freunde in einem solchen Tone erinnert haben würde, ehe er sich zum

Sterben hinlegte.

Einige Minuten stiller Arbeit waren verstrichen und die hohlen Augen

hatten wieder aufgeschaut: nicht mit irgend einer Theilnahme oder

Neugier, sondern mit einer stumpfen, mechanischen Wahrnehmung, daß die

Stelle, wo der einzige Besuch, von dem sie Etwas wußten, gestanden

hatte, noch nicht leer sei.

„Ich möchte etwas mehr Licht herein lassen,“ sagte Defarge, der seinen

Blick nicht von dem Schuhmacher abgewendet hatte. „Sie können noch

etwas mehr ertragen?“

Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne; schaute dann mit dem

leeren Blick eines Menschen, der Worte vernimmt, ohne sie zu verstehen,

auf den Fußboden auf der einen Seite neben sich nieder; dann ebenso auf

die andere Seite; dann sah er den Sprechenden an.

„Was sagten Sie?“

„Sie können etwas mehr Licht ertragen?“

„Ich muß es ertragen, wenn Sie es hereinlassen.“ Er legte den

schwächsten Schatten eines Nachdrucks auf das zweite Wort.

Der geöffnete Flügel wurde noch ein Wenig mehr geöffnet und alsdann

befestigt. Ein breiter Streifen Licht fiel in die Dachkammer und

zeigte den Arbeiter, mit einem halbfertigen Schuh auf dem Schooße, in

seiner Beschäftigung innehaltend. Sein Arbeitszeug und verschiedene

Stückchen Leder lagen auf dem Fußboden und auf der Bank. Er hatte

einen weißen Bart, unordentlich geschnitten, aber nicht sehr lang,

hohle Wangen und ausnehmend glänzende Augen. Die Hohlheit seiner

Wangen und die Abgezehrtheit seines Gesichts hätten die Augen unter

seinen noch dunkeln Augenbrauen und seinem wirren, weißen Haar groß

aussehen lassen, wenn sie wirklich anders gewesen wären; aber sie

waren von Natur groß und sahen jetzt unnatürlich groß aus. Das gelbe,

zerrissene Hemd war vorn auf der Brust offen und zeigte, wie abgezehrt

und ausgemergelt sein Körper war. Er selbst und seine alte Jacke von

Segeltuch und seine herabhängenden Strümpfe und alle seine armseligen

Fetzen von Kleidern waren in der langen Absperrung von Tageslicht

und Tagesluft zu einer so stumpfen Eintönigkeit von Pergamentgelb

verblichen, daß es schwer war, eines von dem andern zu unterscheiden.

Er hielt die eine Hand zwischen seine Augen und das Licht, und sogar

die Knochen derselben schienen durchsichtig zu sein. So saß er da mit

starrem, leerem Blick und hatte seine Arbeit unterbrochen. Er sah die

vor ihm stehende Gestalt nie an, ohne vorher auf die eine und dann auf

die andere Seite neben sich auf den Fußboden zu blicken, als ob er die

Gewohnheit verloren, Oertlichkeit und Ton mit einander in Verbindung

zu bringen; er sprach niemals, ohne zu vergessen, erst auf diese Weise

zerstreut herumzuschweifen und zu sprechen.

„Wollen Sie heute noch die Schuhe fertig machen?“ fragte Defarge und

winkte Mr. Lorry, vorzukommen.

„Was sagten Sie?“

„Wollen Sie diese Schuhe heute noch fertig machen?“

„Ich kann nicht sagen, daß ich es will. Ich glaube. Ich weiß nicht.“

Aber die Frage erinnerte ihn an seine Arbeit und er bückte sich wieder

über dieselbe.

Mr. Lorry trat jetzt geräuschlos vor, ließ aber die Tochter an der

Thür. Als er eine oder zwei Minuten lang neben Defarge gestanden hatte,

blickte der Schuhmacher auf. Er verrieth kein Erstaunen über den

Anblick einer zweiten Gestalt, aber die unruhigen Finger einer seiner

Hände bewegten sich wie bewußtlos nach seinen Lippen, wie er den neuen

Ankömmling ansah (seine Lippen und seine Nägel waren von derselben

blassen Bleifarbe), und dann sank die Hand auf die Arbeit herab, und er

bückte sich wieder über den Schuh. Der Blick und die Handlung hatten

nur einen Augenblick in Anspruch genommen.

„Sie haben Besuch, wie Sie sehen,“ sagte Monsieur Defarge.

„Was sagten Sie?“

„Hier ist Besuch.“

Der Schuhmacher blickte wie vorhin auf, aber ohne eine Hand von der

Arbeit zu entfernen.

„Hören Sie doch!“ sagte Defarge. „Hier ist Monsieur, der einen

gutgemachten Schuh zu beurtheilen versteht, wenn er einen sieht. Zeigen

Sie ihm den Schuh, an dem Sie arbeiten. Nehmen Sie ihn, Monsieur.“

Mr. Lorry nahm den Schuh.

„Sagen Sie Monsieur, was für ein Schuh es ist und wie der Verfertiger

heißt.“

Es folgte eine längere Pause, als gewöhnlich, ehe der Schuhmacher

antwortete.

„Ich vergesse, was Sie mich gefragt haben. Was sagten Sie?“

„Ich sagte, können Sie nicht, um Monsieur zu unterrichten, näher

beschreiben, was das für ein Schuh ist?“

„Es ist ein Damenschuh. Es ist ein Promenadenschuh für eine junge Dame.

Er ist nach der neuesten Mode. Ich habe die Mode nie gesehen. Ich habe

ein Muster in der Hand gehabt.“ Er blickte mit einer vorübergehenden,

leisen Regung von Stolz nach dem Schuh hin.

„Und wie heißt der Verfertiger?“ fragte Defarge.

Jetzt, wo seine Hände von keiner Arbeit in Anspruch genommen waren,

legte er die Knöchel der rechten in die Hohle der linken, und dann die

Knöchel der linken in die Hohle der rechten und strich dann mit einer

Hand sich den Bart und so in regelmäßiger Aufeinanderfolge weiter, ohne

einen Augenblick Unterbrechung.

Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit herauszureißen, in welche er

stets versank, nachdem er gesprochen hatte, war ziemlich dieselbe, wie

wenn man einen sehr Schwachen aus einer Ohnmacht zu erwecken hat oder

sich bemüht, in der Hoffnung, noch Etwas zu entdecken, die Seele eines

rasch Sterbenden aufzuhalten.

„Fragten Sie mich nach meinem Namen?“

„Ja, freilich.“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

„Weiter Nichts?“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

Mit einem matten Ton, der kein Seufzer und kein Gestöhn war, bückte er

sich wieder über seine Arbeit, bis das Schweigen abermals gebrochen

ward.

„Sie sind kein gelernter Schuhmacher?“ fragte Mr. Lorry, indem er ihn

mit festem Blicke ansah.

Zwei Städte · 第 3 / 36 段