„Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann. Ich habe einen

Geschäftsauftrag auszuführen. Während Sie denselben anhören, bitte ich,

mich nur als eine Sprechmaschine zu betrachten, -- ich bin wahrhaftig

nicht viel mehr. Ich will Ihnen, mit Ihrer Erlaubniß, die Geschichte

eines unserer Kunden erzählen.“

„Geschichte!“

Er schien absichtlich das von ihr wiederholte Wort nicht zu verstehen,

als er eilig hinzusetzte: „Ja, von einem unserer Kunden; im

Banquiergeschäft nennen wir die Leute so, mit denen wir zu thun haben.

Er war ein französischer Herr; ein Gelehrter; ein Herr von vielen

Kenntnissen -- ein Arzt.“

„Nicht aus Beauvais?“

„Doch ja, aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, war der Herr

aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, hatte der Herr in Paris

großen Ruf und großes Ansehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort zu kennen.

Wir standen in Geschäftsbeziehungen zu einander, aber in vertraulichen.

Ich war damals in unserm französischen Hause und zwar wohl -- ach,

schon seit zwanzig Jahren.“

„Damals -- darf ich fragen, wann das war, Sir?“

„Vor zwanzig Jahren, Miß. Er verheirathete sich mit einer englischen

Dame, für die ich mit als Vormund eintrat. Seine Angelegenheiten,

wie die Angelegenheiten vieler anderer französischer Herren und

französischer Familien, befanden sich ganz in Tellson’s Händen. In

einer ähnlichen Weise bin ich Vormund oder Curator in der einen oder

der andern Art für eine Menge, ach, eine Menge unserer Kunden gewesen.

Das sind reine Geschäftsverhältnisse, Miß; es ist keine Freundschaft

dabei, kein persönliches Interesse, kein Herz. Ich bin im Verlaufe

meines Geschäftslebens von Einem zum Andern gegangen, gerade wie ich

im Verlaufe meines Geschäftstages von einem unserer Kunden zum andern

gehe; mit Einem Worte, ich habe keine Gefühle; ich bin eine bloße

Maschine. Um fortzufahren --“

„Aber das ist meines Vaters Geschichte, Sir, und ich fange an zu

glauben,“ -- die merkwürdig nachdenkliche Stirne wendete sich ihm noch

nachdenklicher zu -- „daß, als ich als Waise zurückblieb, obgleich

meine Mutter meinen Vater nur zwei Jahre überlebte, Sie mich nach

England gebracht haben. Ich bin fast überzeugt, daß Sie es waren.“

Mr. Lorry nahm das zögernde Händchen, das sich ihm vertrauend

entgegenstreckte und drückte es mit einiger Förmlichkeit an seine

Lippen. Er führte die junge Dame dann wieder nach ihrem Stuhle, blieb

hinter demselben stehen, die Stuhllehne mit der linken Hand fassend und

die Rechte abwechselnd gebrauchend, um sich das Kinn zu streichen, die

Perrücke an den Ohren zurechtzurücken, oder seinen Worten Nachdruck zu

geben, und sah hernieder in ihr Gesicht, während sie zu dem seinigen

hinaufschaute.

„Miß Manette, ich weiß. Und Sie werden anerkennen, wie wahr ich

vorhin gesprochen habe, als ich sagte, ich hätte keine Gefühle und

alle Beziehungen, in denen ich zu meinen Mitmenschen stehe, seien

reine Geschäftsbeziehungen, wenn Sie bedenken, daß ich Sie seitdem

nie gesehen habe. Nein; Sie sind seitdem das Mündel von Tellsons Haus

gewesen und ich war seitdem in andern Geschäften von Tellsons Haus

beschäftigt. Gefühle! Ich habe keine Zeit und keine Gelegenheit dazu.

Ich verbringe mein ganzes Leben, Miß, mit dem Drehen einer ungeheuren

geldmachenden Drehrolle.“

Nachdem Mr. Lorry diese seltsame Beschreibung der täglichen Routine

seines Geschäftslebens gegeben, drückte er seine flachsblonde Perrücke

mit beiden Händen auf dem Kopfe fest, -- was ganz unnöthig war, denn

Nichts konnte fester und glatter sitzen, als die Perrücke -- und nahm

seine frühere Stellung wieder ein.

„Soweit also, Miß, wie Sie richtig bemerkt haben, wäre dies die

Geschichte Ihres vielbeklagten Vaters. Aber jetzt kommt der

Unterschied. Wenn Ihr Vater nicht gestorben wäre, als er starb --

erschrecken Sie nicht! wie Sie auffahren!“

Sie fuhr in der That auf. Und sie faßte seine Hand mit ihren beiden

Händen krampfhaft.

„Bitte,“ sagte Mr. Lorry in besänftigendem Tone, indem seine linke Hand

die Stuhllehne losließ und sich auf die bittenden Finger legte, welche

sich so heftig zitternd an ihn anklammerten. „Bitte, beruhigen Sie sich

-- eine reine Geschäftssache -- wie ich eben sagte.“

Der Ausdruck ihres Blickes brachte ihn so außer Fassung, daß er inne

hielt und erst nach einer verlegenen Pause wieder anfing:

„Wie ich eben sagte -- wenn Monsieur Manette nicht gestorben wäre;

wenn er plötzlich und spurlos verschwunden wäre; wenn man ihn entführt

hätte; wenn es schwer gewesen wäre, zu errathen, nach welchem

schrecklichen Ort, obgleich der größte Scharfsinn keine Spur von ihm

entdecken konnte; wenn er unter seinen Landsleuten irgend einen Feind

hatte, welcher ein Vorrecht ausüben konnte, von dem zu meiner Zeit

die kühnsten Leute drüben kaum in einem Flüstern zu sprechen wagten

-- z. B. das Vorrecht, unterzeichnete Verhaftsbefehle mit jedem Namen

nach Belieben auszufüllen und den so Verhafteten auf jede beliebige

Zeit der Vergessenheit eines Kerkers anheimzugeben; wenn seine Frau

den König, die Königin, den Hof, die Geistlichkeit um Nachrichten von

ihm angefleht hätte und Alles vergeblich; -- dann wäre die Geschichte

Ihres Vaters die Geschichte dieses unglücklichen Herrn, des Arztes von

Beauvais.“

„Ich bitte Sie angelegentlichst, mir mehr zu sagen, Sir.“

„Ich werde gleich fortfahren. Können Sie es ertragen?“

„Ich kann Alles eher ertragen, als die Ungewißheit, in der Sie mich

jetzt lassen.“

„Sie sprechen gefaßt und Sie sind wirklich gefaßt. Das ist gut!“

Obgleich sich in seinen Worten viel mehr Beruhigung aussprach, als in

seinen Mienen. „Eine reine Geschäftssache. Betrachten Sie es als eine

reine Geschäftssache -- als eine Sache, die abgewickelt werden muß.

Wenn die Gattin dieses Arztes, obgleich eine Dame von großem Muthe und

starkem Charakter, unter diesem Unglück so schwer gelitten hätte, ehe

ihr Kind geboren ward --“

„Das Kind war eine Tochter, Sir.“

„Eine Tochter. Eine -- eine reine Geschäftssache. Beunruhigen Sie sich

nicht, Miß, wenn die arme Dame vor der Geburt ihres Kindes so schwer

gelitten hätte, daß sie zu dem Entschlusse kam, das arme Kind mit der

Erbschaft nur des kleinsten Theils der Folter zu verschonen, deren

Qual sie gekannt hatte, indem sie die Tochter in dem Glauben erzog, ihr

Vater sei gestorben -- nein, knien Sie nicht! In des Himmels Namen,

knien Sie nicht vor mir.“

„Die Wahrheit. O guter, lieber Herr, wenn Sie ein Herz haben, die

Wahrheit!“

„-- reine Geschäftssache. Sie bringen mich ganz in Verwirrung, und

wie kann ich eine Geschäftssache verhandeln, wenn ich in Verwirrung

bin? Wir müssen ruhig und kaltblütig bleiben. Wenn Sie z. B. jetzt

gütigst sagen wollten, wie viel neun mal neun Pence sind oder wieviel

Schillinge zwanzig Guineen geben, so würde das für mich sehr erfreulich

sein. Ich würde dann viel ruhiger sein über Ihren Gemüthszustand.“

Ohne unmittelbar diese Ansprache zu beantworten, saß sie so still, als

er sie sehr sanft aufgehoben hatte, und die Hände, welche immer noch

krampfhaft die seinigen umklammerten, zitterten so viel weniger, als

vorhin, daß sich Mr. Jarvis Lorry etwas beruhigter fühlte.

„So ist’s recht, so ist’s recht. Muth! Geschäft! Sie haben ein Geschäft

zu verrichten; ein nützliches Geschäft. Miß Manette, Ihre Mutter machte

das so mit Ihnen. Und als sie starb -- ich glaube an gebrochenem Herzen

-- nachdem sie nie müde geworden war, ihre vergeblichen Nachforschungen

nach Ihrem Vater fortzusetzen, ließ sie Sie, ein zweijähriges Kind,

zurück, daß Sie zu einer blühenden, schönen und glücklichen Jungfrau

heranwüchsen, ohne die düstere Sorge, in beständiger Ungewißheit zu

leben, ob Ihr Vater bald im Gefängniß verkümmerte oder lange, lange

Jahre traurig dahinsiechte.“

Wie er diese Worte sprach, blickte er mit bewunderndem Mitleid auf das

reiche, goldene Haar herab, als ob er bei sich dächte, daß es schon

mit Grau durchzogen sein könnte. „Sie wissen, daß Ihre Eltern nicht

sehr reich waren und daß das, was sie hatten, Ihrer Mutter und Ihnen

gesichert wurde. Geld oder anderes Vermögen ist nicht entdeckt worden,

aber --“

Er fühlte, daß die Händchen sich krampfhafter schlossen und hielt inne.

Der Ausdruck auf der Stirn, der seine Aufmerksamkeit so sehr auf sich

gezogen hatte, hatte sich zu einem Ausdruck der Seelenqual und des

Schreckens vertieft.

„Aber er -- er ist gefunden worden. Er lebt. Sehr verändert, wie nur zu

wahrscheinlich ist; möglicherweise nur ein traurigster Rest von dem,

was er war, obgleich wir das Beste hoffen wollen. Aber er lebt doch

noch. Ihr Vater hat eine Zuflucht in dem Hause eines alten Dieners

in Paris gefunden und dorthin gehen wir: ich, um ihn womöglich zu

identificiren; Sie, um ihn dem Leben, der Liebe, der häuslichen Pflege

und dem häuslichen Glück wiederzugeben.“

Ein Schauer überlief ihren Körper und ging auf ihn über. Sie sagte mit

leiser, deutlicher, von feierlichem Grauen gedämpfter Stimme, als ob

sie es in einem Traume sagte:

„Ich soll seinen Geist sehen! Es wird sein Geist sein -- nicht er

selbst!“

Mr. Lorry rieb in stiller Fassung die Hände, welche sich an seinen

Arm klammerten. „So, so! Nur ruhig, nur ruhig! Sie wissen jetzt das

Beste und das Schlimmste. Sie sind unterwegs zu dem armen Dulder und

bei glücklicher See- und Landreise werden Sie bald an seiner geliebten

Seite sein.“

Sie wiederholte mit derselben, von feierlichem Grauen gedämpften

Stimme. „Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen, aber sein Geist hat

mich nie heimgesucht!“

„Nur noch Eins,“ sagte Mr. Lorry, mit besonderem Nachdruck, um damit

in wohlthuender Weise ihre Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken;

„man hat ihn unter einem andern Namen gefunden; sein eigener ist

seit langer Zeit vergessen oder verborgen gehalten worden. Es wäre

schlimmer als nutzlos, danach zu forschen; schlimmer als nutzlos,

zu fragen, ob er selbst seit Jahren vergessen oder absichtlich als

Gefangener festgehalten wurde. Es wäre schlimmer als nutzlos, jetzt

überhaupt Nachforschungen anzustellen, weil es gefährlich wäre. Besser

kein Wort weiter von der Sache zu sagen und ihn wenigstens auf einige

Zeit aus Frankreich zu entfernen. Selbst ich, so sicher ich als ein

Engländer bin und selbst Tellsons, so wichtig sie für den französischen

Credit sind, vermeiden, die Sache nur mit Einem Worte zu erwähnen.

Ich habe auch kein Zettelchen Schriftliches, was sich darauf bezieht,

bei mir. Es ist ganz und gar eine Sendung im geheimen Dienst. Meine

Beglaubigungsschreiben, Notizen und Aufzeichnungen sind alle in der

Einen Zeile zusammengefaßt „Wiederauferstanden“; was sonst wer weiß was

sagen kann. Aber was ist das! Sie hört kein Wort! Miß Manette!“

Ganz regungslos und stumm und nicht einmal in ihren Stuhl

zurückgesunken saß sie gänzlich gefühllos da, mit offenen und auf ihn

gehefteten Augen und mit dem letzten Ausdruck auf ihrer Stirn wie

eingeschnitten, oder wie eingebrannt. So krampfhaft hielt sie noch

seinen Arm umklammert, daß er aus Furcht, ihr wehe zu thun, gar nicht

wagte, sich von ihr los zu machen; deshalb rief er, ohne sich zu

bewegen, laut um Hülfe.

Eine wild aussehende Frau, von der Mr. Lorry sogar in seiner Aufregung

bemerkte, daß sie über und über roth war und rothes Haar hatte, und

nach einer merkwürdigen, knapp anliegenden Mode gekleidet war und auf

ihrem Kopf einen höchst wunderbaren Hut hatte, ungefähr von der Form

eines hölzernen Metzenmaßes, oder eines großen Stiltonkäses, kam der

Bedienung des Wirthshauses ein gut Stück voraus in das Zimmer gelaufen

und schlichtete bald die Frage seiner Loslösung von der armen jungen

Dame dadurch, daß sie eine muskulöse, sonnenverbrannte Hand auf seine

Brust legte und ihn mit einem Schub an die nächste Wand warf.

(„Ich denke wirklich, das muß ein Mann sein!“ sagte Mr. Lorry athemlos

bei sich, während er an die Wand flog.)

„Wo habt ihr denn die Augen!“ herrschte diese Gestalt die Bedienung

des Gasthauses an. „Warum lauft ihr nicht und holt das Nöthige,

anstatt hier zu stehen und mich anzustarren? Ich bin doch nichts so

Merkwürdiges? Warum lauft ihr nicht und holt, was nöthig ist? Ihr sollt

es schon kriegen, wenn ihr nicht auf der Stelle Riechsalz, kaltes

Wasser und Essig bringt, und rasch!“

Sofort zerstreute sich die Dienerschaft, um diese Wiederbelebungsmittel

herbeizuschaffen und sie legte sanft die Kranke auf ein Sopha und

behandelte sie mit großer Geschicklichkeit und Zärtlichkeit. Sie nannte

sie nur „mein Schäfchen!“ und „mein Täubchen!“ und breitete mit großem

Stolz und großer Sorglichkeit ihr goldnes Haar auf ihren Schultern aus.

„Und Sie Brauner da!“ sagte sie, sich voller Zorn gegen Mr. Lorry

wendend; „konnten Sie ihr nicht, was Sie ihr zu sagen hatten, sagen,

ohne sie zum Tod zu erschrecken? Sehen Sie sie nur an, mit ihrem

hübschen blassen Gesichtchen und ihren kalten Händen. Nennen Sie das

ein Banquier sein?“

Mr. Lorry kam so ganz außer Fassung durch eine so schwierig zu

beantwortende Frage, daß er nur von Weitem mit viel schwächerer

Theilnahme und Demuth zusehen konnte, während die starke Frau, nachdem

sie die Dienerschaft des Gasthauses durch die geheimnißvolle Androhung

„es sie kriegen zu lassen,“ wenn sie neugierig und unthätig dablieben,

davongescheucht hatte, durch ihre geschickten Bemühungen die Jungfrau

nach und nach wieder zu sich brachte und zuletzt liebkosend ihr mattes

Haupt an ihren Busen legte.

„Ich hoffe, sie wird sich jetzt erholen,“ sagte Mr. Lorry.

„Sie Braunem hat sie’s nicht zu danken, wenn sie sich wieder erholt.

Mein Herzensschatz!“

„Ich hoffe,“ sagte Mr. Lorry, nach einer neuen Pause schwacher

Theilnahme und Demuth, „daß Sie Miß Manette nach Frankreich begleiten?“

„Sehr wahrscheinlich, nicht wahr?“ entgegnete die starke Frau. „Wenn

es jemals beabsichtigt gewesen wäre, daß ich über’s Salzwasser gehen

sollte, glauben Sie dann, daß die Vorsehung mir meine Heimath auf einer

Insel angewiesen hätte?“

Da dies eine andere schwer zu beantwortende Frage war, so zog sich Mr.

Jarvis Lorry zurück, um sie sich zu überlegen.

Fünftes Kapitel.

Der Weinschank.

Ein großes Faß Wein war auf die Straße gefallen und geplatzt. Der

Unfall war beim Abladen geschehen; das Faß war mit großer Raschheit

heruntergerollt, die Reifen waren gesprungen und es lag auf dem

Pflaster, unmittelbar vor der Thür des Weinschanks, zertrümmert wie

eine zerknackte Nuß.

Alle Leute der Nachbarschaft hatten ihre Beschäftigung oder ihr

Nichtsthun unterbrochen, um herbeizueilen und den Wein zu trinken.

Das holprige, aus unregelmäßigen Steinen zusammengesetzte Pflaster

der Straße, das mit seinen nach allen Seiten gerichteten Spitzen, wie

man hätte meinen sollen, ausdrücklich bestimmt war, jedes lebendige

Wesen, das ihnen zu nahe kam, lahm zu machen, hatte den Wein in kleine

Pfützen vertheilt; und um diese standen, je nach der Größe, größere

oder kleinere Gruppen. Einige Männer knieten nieder, schöpften mit

beiden zusammengehaltenen Händen die Flüssigkeit auf, und schlürften

oder versuchten es, Frauen, die sich über ihre Achseln vorbeugten,

von dem Getränk mitzutheilen, ehe es ganz durch die Finger lief.

Andere Männer und Weiber tauchten in die Pfützen halbzerbrochene

Obertassen oder sogar Kopftücher der Weiber, die dann in dem Munde von

Säuglingen trocken ausgequetscht wurden; andere legten kleine Dämme

von Straßenschlamm an, um den Wein aufzuhalten; andere, von aus hohen

Fenstern Zuschauenden benachrichtigt, schossen hierhin und dorthin,

um kleinen Nebenströmen, die sich neue Richtungen eröffneten, den Weg

abzuschneiden; noch andere widmeten sich den von Wein gesättigten und

von Weinhefen gefärbten Dauben des Fasses und leckten oder zerkauten

selbst die am meisten durchfeuchteten Bruchstücke mit heißer Begierde.

Ein Abzugscanal, um den Wein ablaufen zu lassen, war nicht vorhanden,

aber dennoch ward er vollständig aufgeschlürft, freilich mit einer

tüchtigen Portion Straßenkoth vermischt.

Gellendes Lachen und fröhliches Plaudern -- Stimmen von Frauen,

Männern und Kindern durch einander -- durchschallte die Straße, so

lange dieser Weinscherz dauerte. Es war wenig Rohheit in dem Spiele

und viel gute Laune. Es war etwas besonders Gemüthliches darin, eine

sichtliche Neigung bei einem Jeden, sich zu einem Andern zu gesellen,

was vorzüglich bei den Glücklichern oder Leichtblütigern zu lustigen

Umarmungen, Händeschütteln und selbst Reihentänzen von einem Dutzend

auf einmal führte. Als der Wein aufgetrunken war und die Stellen, wo er

am reichlichsten geflossen hatte, von Fingern mit einem Gittermuster

durchzogen waren, hörten diese Demonstrationen ebenso plötzlich auf,

als sie angefangen hatten. Der Holzmacher, der seine Säge in dem

Brennholz, das er sägte, hatte stecken lassen, setzte sie wieder in

Bewegung; die Frau, die auf einer Hausthürstufe den Topf mit heißer

Asche hatte stehen lassen, mit dem sie versucht hatte, ihre abgezehrten

Hände oder Füße oder die ihres Kindes zu erwärmen, kehrte zu ihm

zurück; Männer mit nackten Armen, verwirrten Locken und leichenfarbigen

Gesichtern, die aus Kellern an das Wintertageslicht getreten waren,

suchten wieder ihre unterirdischen Wohnungen auf und ein Düster

verbreitete sich über die Umgebung, das ihr natürlicher zu sein schien,

als Sonnenschein.

Der Wein war Rothwein gewesen und hatte das Pflaster der engen Straße

in der Vorstadt St. Antoine in Paris, wo er vergossen worden, gefärbt.

Er hatte viele Hände und viele Gesichter und viele bloße Füße und

viele Holzschuhe gefärbt. Die Hand des Holzmachers ließ rothe Zeichen

auf den Scheiten, die er zersägte, zurück; und die Stirn der Frau,

die ihr Kind säugte, war gefärbt von dem alten Fetzen, den sie sich

wieder um den Kopf gewickelt hatte. Die gierig an den Dauben des

Fasses genagt hatten, hatten einen tigerhaften Blutmund; und ein so

beschmierter langer Lustigmacher, dessen Kopf mehr außerhalb eines

langen schmutzigen Sackes von einer Nachtmütze saß, als darin, malte

mit seinem in die schmutzigen Weinhefen getauchten Finger an eine Wand

-- ~Blut~.

Die Zeit war im Anzuge, wo auch dieser Wein auf dem Pflaster verspritzt

werden und die Flecken desselben manchen Stein röthen sollten.

Und jetzt, wo das Düster sich wieder über St. Antoine sammelte,

welches ein rasch vorübergehender Sonnenschein von seinem heiligen

Gesicht verjagt hatte, wurde die Finsterniß gar schwer und Kälte,

Schmutz, Krankheit, Unwissenheit und Mangel waren die Kammerherren,

die den hohen Heiligen bedienten -- lauter Edelleute von großer Macht,

vornehmlich aber der letztgenannte. Musterstücke von einem Volke, das

sich ein schreckliches Mahlen und wieder Mahlen in der Mühle hatte

gefallen lassen, aber gewiß nicht in der märchenhaften Mühle, welche

Alte wieder zu Jungen macht, standen vor Frost schüttelnd an jeder

Ecke, gingen in jedem Thorweg aus und ein, sahen aus jedem Fenster

heraus, flatterten in jedem Lumpenkleid, das der Wind in Bewegung

setzte. Die Mühle, welche sie zu Schanden gemahlen hatte, war die

Mühle, welche junge Leute alt mahlt; die Kinder hatten alte Gesichter

und ernste Stimmen; und auf den Gesichtern der Erwachsenen und tief

eingeprägt in jeder Falte des Alters war das Wort Hunger zu lesen. Es

herrschte überall vor. Hunger ragte aus den hohen Häusern hervor in den

jämmerlichen Kleidungsstücken, die auf Stangen und Stricken hingen;

Hunger war in die Häuser selbst mit Stroh und Lumpen und Holz und

Papier geflickt; Hunger wiederholte jedes Stückchen des Bettelrestes

Brennholz, welches der Holzmacher zersägte. Hunger stierte hernieder

von den rauchlosen Schornsteinen und sprang empor von der schmutzigen

Straße, unter deren Kehricht sich kein Abfall von etwas Eßbarem

befand. Hunger war die Firma des Bäckerladens, niedergeschrieben von

jedem kleinen Laib seines kärglichen Vorraths von schlechtem Brod

und in dem Wurstladen von jeder Zubereitung von Hundefleisch, das zum

Verkauf angeboten ward. Der Hunger klapperte mit seinen dürren Knochen

unter den Kastanien, die in dem Blechcylinder geröstet wurden; Hunger

wurde in kleine Theilchen in jeden Dreierteller Suppe, in winzigen

Kartoffelstückchen, geröstet von ein Paar widerwilligen Tropfen Oel,

hinein geschnitten.

Seine Heimath war in allen Dingen für ihn geeignet. Eine enge, krumme

Straße, voll ekelhaften Schmutz und Gestank, von der andere enge krumme

Straßen ausliefen, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, und alle

nach Lumpen und Nachtmützen riechend, und alle sichtbaren Dinge von

einem unheimlich brütenden Aussehen, das Unheil ahnen ließ. In der

abgehetzten Miene des Volkes lauerte noch ein Raubthiergedanke auf die

Möglichkeit, sich gegen den Verfolger zu stellen. Obgleich die Leute

gedrückt und gedemüthigt waren, fehlte es doch auch nicht an feurigen

Augen unter ihnen; noch an zusammengepreßten Lippen, weiß von dem, was

sie niederdrückten; oder an Stirnen, mit langen Runzeln, ähnlich den

Galgenstricken, von denen sie träumten, als Dulder oder als Rächer.

Die Schilder (und es gab deren fast so viele, als Läden waren) lauter

schauerliche Bilder der Noth. Der Fleischer malte nur die magersten

Knochenenden; der Bäcker die gröbsten, allerwinzigsten Brode. Die

rohgemalten Zecher in den Weinläden raisonnirten über ihr knappes

Maaß dünnen Weins oder Biers, und flüsterten unheimlich vertraulich

mit einander. Nichts war in gutem und blühendem Zustande dargestellt,

als Werkzeuge und Waffen; die Messer und Beile des Messerschmieds

waren scharf und funkelnd, die Hämmer des Schmieds waren schwer

und die Vorräthe des Büchsenmachers mörderisch. Die lahmmachenden

Steine des Pflasters mit ihren vielen kleinen Pfützen von Schlamm und

Wasser duldeten keine Bürgersteige, sondern gingen bis unmittelbar

an die Hausthüren. Um das wieder gut zu machen, lief die Gosse die

Mitte der Straße herab, wenn sie überhaupt lief, was aber nur nach

schwerem Regen geschah, und dann lief sie mit vielen launenhaften und

unberechenbaren Stößen in die Häuser. Quer über die Straße hingen in

weiten Zwischenräumen schwerfällige Laternen an einem Strick und einem

Flaschenzuge; Nachts, wenn der Laternenwärter diese heruntergelassen

und angezündet und wieder hinaufgewunden hatte, wackelte eine Reihe

düster brennender Dochte in schwächlicher, Schwindel erregender Weise

hoch oben, als ob sie auf dem Meere wären. Und sie waren auch wirklich

auf dem Meere und das Schiff und seine Mannschaft war von einem

schweren Sturme bedroht.

Denn die Zeit war im Anzuge, wo die abgezehrten Vogelscheuchen dieser

Region dem Laternenmann in ihrem Nichtsthun und ihrem Hunger so lange

zugesehen hatten, daß sie auf den Gedanken kamen, seine Methode zu

verbessern und an diesen Stricken und Flaschenzügen Menschenkinder

hinaufzuwinden, um ein grelles Licht auf die Finsterniß ihres Zustandes

zu werfen. Aber gekommen war die Zeit noch nicht, und jeder Wind, der

über Frankreich wehte, setzte vergebens die Lumpen der Vogelscheuchen

in Bewegung, denn die Vögel, gar schön von Gesang und Gefieder, ließen

sich nicht warnen.

Der Weinschank lag an einer Ecke und war seinem äußeren Ansehen und

seinen Gästen nach besser als die meisten andern, und der Herr des

Weinschanks stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor seiner

Thür und sah dem Kämpfen um den verschütteten Wein zu. „S’ist nicht

meine Sache,“ sagte er zuletzt mit einem Achselzucken. „Die Leute vom

Markt haben’s verschüttet. Sie mögen ein anderes Faß bringen.“

Jetzt fielen seine Augen zufällig auf den langen Lustigmacher, der

seinen Spaß an die Wand schrieb und er rief ihm über die Straße zu:

„Heda, Gaspard, was machst Du da?“

Der Bursche wies mit prahlerischer Bedeutsamkeit, wie es Leute seines

Gelichters oft machen, auf seinen Witz. Aber er verfehlte sein Ziel

und machte gar keinen Eindruck, wie es ebenfalls oft Leuten seines

Gelichters geht.

Zwei Städte · 第 2 / 36 段