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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1859/60 erschienenen
Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
Ungewöhnliche, altertümliche und regional gefärbte Ausdrücke
wurden nicht korrigiert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke
wurden unverändert übernommen, sofern die Verständlichkeit dadurch
nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B.
erwidern/erwiedern; fünfzig/funfzig; gelegentliche Verwendung von
Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden nicht vereinheitlicht.
In Zitaten innerhalb der wörtlichen Rede wurde ein doppelter
Satz Anführungszeichen („„ ... ““) verwendet; in fortlaufenden
Erzählsträngen wurden diese dabei nur einfach geschlossen. Umlaute
in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung (Ae, Oe und Ue)
dargestellt.
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um einen Roman in vier
Teilen, welche ursprünglich in getrennten Büchern herausgegeben,
schließlich aber zu einem Band zusammengefasst wurden. Die
Seitennummerierung beginnt aber, entsprechned der ursprünglichen
Textstruktur, in jedem Teil wieder von neuem. Sowohl das
Inhaltsverzeichnis als auch das Verzeichnis der Illustrationen
waren im Original im ersten Teil abgedruckt; in der vorliegenden
Fassung wurden beide Verzeichnisse vor den gesamten Text gestellt,
da diese auf alle vier Teile gleichermaßen verweisen.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: ~Tilden~
Antiqua: _Unterstriche_
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[Illustration]
ZWEI STÄDTE
von
CHARLES DICKENS.
[Illustration]
LEIPZIG
Verlag von J. J. Weber.
Zwei Städte.
Eine Erzählung in drei Büchern.
Von
Boz (Charles Dickens).
Mit
Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.
Aus dem Englischen von Julius Seybt.
Erster Theil.
[Illustration]
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Inhalts-Verzeichniß.
Erster Theil.
Erstes Buch: Wiederauferstanden.
Seite
1. Kapitel: Die Periode 3
2. „ Die Postkutsche 7
3. „ Die Schatten der Nacht 16
4. „ Die Vorbereitung 24
5. „ Der Weinschank 43
6. „ Der Schuhmacher 61
Zweites Buch: Das goldene Haar.
1. Kapitel: Fünf Jahre später 83
2. „ Ein Schauspiel 93
3. „ Eine Enttäuschung 104
4. „ Zum Glückwunsch 127
5. „ Der Schakal 138
6. „ Hunderte von Leuten 147
Zweiter Theil.
7. Kapitel: Monsieur le Marquis in der Stadt 1
8. „ Monsieur le Marquis auf dem Lande 15
9. „ Das Medusenhaupt 24
10. „ Zwei Versprechen 42
11. „ Ein Seitenstück 55
12. „ Der Mann von Zartgefühl 62
13. „ Der Mann ohne Zartgefühl 74
14. „ Der ehrliche Gewerbsmann 83
15. „ Stricken 100
16. „ Immer noch stricken 117
17. „ Eine Nacht 135
18. „ Neun Tage 143
Dritter Theil.
19. Kapitel: Eine Meinung 1
20. „ Eine Bitte 13
21. „ Wiederhallende Schritte 19
22. „ Die Fluth steigt immer noch 37
23. „ Feuer! 46
24. „ Vom Magnetfelsen angezogen 57
Drittes Buch. Des Sturmes Wüthen.
1. Kapitel: Zu geheimer Haft 79
2. „ Der Schleifstein 98
3. Kapitel: Der Schatten 109
4. „ Eine Pause im Sturm 117
5. „ Der Holzmacher 126
6. „ Triumph 136
7. „ Ein Klopfen an der Thür 147
Vierter Theil.
8. Kapitel: Gute Karte 1
9. „ Das Spiel ist gemacht 22
10. „ Das Wesen des Schattens 43
11. „ Dämmerung 67
12. „ Nacht 74
13. „ Zweiundfünfzig 88
14. „ Ausgestrickt 108
15. „ Die Schritte verhallen für immer 128
Illustrationen-Verzeichniß.
Erster Theil.
Seite
Titel und Titelbild 1
Die Postkutsche 14
Der Schuhmacher 73
Die Aehnlichkeit 119
Glückwünsche 129
Zweiter Theil.
Der Aufenthalt am Brunnen 11
Mr. Stryver in Tellsons Comptoir 64
Das Leichenbegängniß des Spions 87
Der Weinschank 100
Dritter Theil.
Die Mitschuldigen 12
Der Sturm bricht los 34
Zu geheimer Haft 87
Das Klopfen an der Thür 154
Vierter Theil.
Zwiefaches Erkennen 3
Nach der Verurtheilung 70
Erstes Buch.
Wiederauferstanden.
Erstes Kapitel.
Die Periode.
Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das
Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Thorheit; es war die
Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es waren die
Tage des Lichts, es waren die Tage der Finsterniß; es war der Lenz
der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung. Wir hatten Alles zu
erwarten, wir hatten Nichts zu erwarten. Wir gingen Alle schnurstracks
dem Himmel zu, wir gingen Alle schnurstracks den andern Weg -- kurz,
die Zeit war insofern der gegenwärtigen gleich, als einige ihrer
lärmendsten Kenner behaupteten, es könnte im Guten oder Bösen nur in
Superlativen von ihr gesprochen werden.
Ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin von
gewöhnlichem Aussehen saßen auf dem Throne von England; ein König mit
einer großen Unterkiefer und eine Königin mit einem schönen Gesicht
saßen auf dem Throne von Frankreich. In beiden Ländern erkannten die
Magnaten des Landes, für welche die Fische und Brote des Landes
aufbewahrt werden, auf das Klarste, daß Alles auf ewig in bester
Ordnung sei.
Es war das Jahr unseres Herrn 1775. England kamen in jener glücklichen
Zeit Enthüllungen aus der andern Welt zu, ebenso wie jetzt. Mrs.
Southcott hatte vor Kurzem ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag
gefeiert, dessen erhabenes Tagen ein prophetischer Gemeiner aus der
Leibgarde durch die Verkündigung gefeiert hatte, daß London und
Westminster auf dem Punkte stünden, von der Erde verschlungen zu
werden. Selbst das Cock-lane-Gespenst war seit einem vollen Dutzend
Jahren zur Ruhe gegangen, nachdem es seine Botschaften durch Klopfen
kundgethan, genau wie es die Geister des vorletzten Jahres thaten,
so übernatürlich war ihr Mangel an Originalität. Einfache irdische
Botschaften hatte neuerdings die englische Krone und das englische Volk
von einem Congreß britischer Unterthanen in Amerika bekommen, die,
seltsam genug, viel wichtiger für das Menschengeschlecht geworden sind,
als alle Botschaften, welche von Geistern aus dem Cock-lane-Gelichter
herstammen.
Frankreich, in Sachen der Geisterwelt weniger begünstigt, als ihre
Schwester mit dem Schilde und dem Dreizack, rutschte ganz gemächlich
bergab, machte Papiergeld und verthat es. Unter der Anleitung
seiner christlichen Seelenhirten unterhielt es sich außerdem mit
so menschenfreundlichen Thaten, wie z. B. mit dem Verurtheilen
eines Jünglings, daß ihm die Hände abgehackt, die Zunge mit Zangen
ausgerissen und er selbst lebendig verbrannt werde, weil er nicht vor
einer Prozession schmutziger Mönche, die in seinem Gesichtsbereich in
einer Entfernung von fünfzig bis sechszig Schritt vorbeigegangen, im
Regen niedergekniet war. Es ist wohl möglich, daß, während dieser arme
Junge hingerichtet ward, in den Waldungen Frankreichs und Norwegens
Bäume wuchsen, die der Holzfäller Verhängniß schon gezeichnet hatte,
um sie zu fällen und zu Brettern zu sägen, um daraus ein gewisses
in schrecklicher Erinnerung lebendes bewegliches Gerüst, mit einem
Sack und einem Messer daran, zu verfertigen. Es ist wohl möglich, daß
unter dem hinfälligen Schuppen einiger Bebauer des schweren Bodens um
Paris an demselben Tage unbehülfliche Karren standen, besprützt mit
Straßenschmutz, beschnüffelt von Schweinen und dem Federvieh als Sitz
dienend, welche der Pächter Tod bereits bestimmt hatte, seine Karren
in der Revolution zu sein. Aber dieser Holzfäller und dieser Pächter
arbeiteten zwar unaufhörlich, aber stumm, und Niemand hörte sie, wie
sie leisen Schrittes sich herumbewegten, um so mehr, da es reine
Gottlosigkeit und Hochverrath war, nur den Verdacht zu hegen, daß sie
thätig sein könnten.
In England war kaum so viel Ordnung und Schutz von Leben und Eigenthum,
daß die Nation sich sehr hätte dessen rühmen können. Verwegene
Hauseinbrüche von Bewaffneten und Straßenraub kamen allnächtlich in
der Hauptstadt selbst vor; Familien wurden öffentlich gewarnt, die
Stadt nicht zu verlassen, ohne ihren Hausrath der Sicherheit wegen dem
Möbelhändler zum Aufbewahren zu geben; der Straßenräuber im Dunkel
der Nacht war bei Tage ein ehrsamer Bürger der City, der, wenn er
von seinem Gevatter als „Capitain“ angehalten, erkannt und genannt
ward, diesem ohne Weiteres durch den Kopf schoß und davonritt; die
Postkutsche wurde von sieben Räubern angehalten, der Conducteur schoß
drei todt und die anderen vier schossen dann den Conducteur selbst
todt, „weil er alle seine Munition verschossen hatte“, worauf die
Plünderung der Postkutsche in Frieden vor sich ging; den gewaltigen
Potentaten, den Lord Mayor von London, hielt ein einziger Straßenräuber
auf Turnham Green an und nahm ihm Angesichts seines Gefolges die Börse
ab; in Londoner Gefängnissen kam es zu Gefechten zwischen Gefangenen
und Schließern und die Majestät des Gesetzes feuerte mit Donnerbüchsen,
geladen mit Schrot und Kugeln, unter die Gefangenen; Diebe schnitten
an Hofcourtagen Diamantkreuze von dem Halse edler Lords; Musketiere
marschirten nach St. Giles, um nach geschmuggelten Waaren zu suchen,
und das zusammengelaufene Volk feuerte auf die Musketiere, und die
Musketiere feuerten auf das zusammengelaufene Volk; und keines dieser
Ereignisse hielt irgend Jemand für etwas Ungewöhnliches. Während
sie vor sich gingen, war der Henker, immer geschäftig, und immer
schlimmer als nutzlos, in beständiger Arbeit; jetzt hing er ganze
Reihen von allerhand Verbrechern auf; dann richtete er Sonnabends einen
Hauseinbrecher hin, der Dienstag gefangen worden war; jetzt brandmarkte
er in Newgate Leute dutzendweise in die Hand und dann verbrannte er vor
der Thür der Westminster-Halle Flugschriften; heute brachte er einen
blutgierigen Mörder vom Leben zum Tode und morgen einen armseligen
Wicht, der einem Bauernknecht sechs Pence gestohlen hatte.
Alle diese Dinge und tausend ähnliche geschahen in und um das liebe
alte Jahr 1775. Von ihnen umgeben und während Holzfäller und Pächter
unbeirrt fortarbeiteten, machten die Beiden mit dem großen Unterkiefer
und die beiden Andern mit dem gewöhnlichen und dem schönen Gesicht Lärm
genug in der Welt und machten ihre göttlichen Rechte mit hochfahrendem
Sinne geltend. So führte das Jahr 1775 seine größten und Myriaden von
kleinen Geschöpfen -- die Geschöpfe dieser Geschichte unter den übrigen
-- die Straßen entlang, die vor ihnen lagen.
Zweites Kapitel.
Die Postkutsche.
Die Straße nach Dover war es, die in einer Freitagsnacht spät im
November vor der ersten der Personen lag, mit welchen diese Geschichte
zu thun hat. Die Straße nach Dover lag für diesen Mann vor der Dover
Postkutsche, wie sie Shooter’s Hill hinauf rumpelte. Er ging wie die
übrigen Passagiere bergab in dem Straßenschlamm, neben der Postkutsche
her; nicht, weil sie die mindeste Vorliebe für Spazierengehen unter
diesen Umständen hatten, sondern weil der Hügel so steil, der Schmutz
so tief, und das Geschirr und die Kutsche so schwer waren, daß die
Pferde schon dreimal stecken geblieben waren und einmal den Wagen quer
über die Straße gezogen hatten, in der meuterischen Absicht, nach
Blackheath umzukehren. Zügel und Peitsche und Kutsche und Conducteur
hatten jedoch im Verein den Kriegsartikel verlesen, welcher ein
sonst sehr zu Gunsten der Behauptung, daß einige Thiere mit Vernunft
ausgestattet sind, sprechendes Thuen verbot; und das Gespann hatte
capitulirt und war zu seiner Pflicht zurückgekehrt.
Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen wateten sie durch den
dicken Schlamm und stolperten und wankten zuweilen, als ob sie in den
größeren Gelenken in Stücke gehen wollten. So oft der Kutscher ihnen
eine kurze Rast gestattete und sie mit einem beruhigenden Brr! So, so!
anhielt, schüttelte das Handpferd von den beiden Stangenpferden heftig
den Kopf mit Allem, was darumhing -- als ein ungewöhnlich emphatisches
Pferd entschieden seine Meinung aussprechend, daß die Kutsche gar nicht
den Berg hinauf gebracht werden könnte. So oft das Stangenpferd sich
so klappernd schüttelte, fuhr der Passagier zusammen, wie es einem
nervenschwachen Passagier wohl geschehen mag und zeigte sich besorgt im
Gemüthe.
Ein dampfender Nebel lag in allen Tiefen, und er war in seiner
Verlassenheit den Hügel hinauf gewandert, wie ein böser Geist, der Ruhe
sucht und keine findet. Feucht und kalt kam er durch die Luft langsam
in kräuselnden Streifen herangezogen, die sichtbar einander folgten und
übereinander stürzten, wie die Wellen eines ungesunden Meeres. Er war
dick genug, um Alles, außer seinem eigenen Wirbel und ein Paar Ellen
von der Straße, von dem Lichte der Kutschenlaternen abzusperren; und
der Dunst von den sich abarbeitenden Pferden dampfte, als ob der Nebel
erst daraus entstanden wäre.
Zwei andere Passagiere außer dem einen erstiegen neben der Postkutsche
mühsam den Hügel. Alle drei waren bis an die Backen und über die Ohren
eingewickelt und trugen hohe Reitstiefel. Keiner von den dreien hätte
nach dem, was er sah, sagen können, wie die beiden andern aussahen, und
jeder war unter fast so vielen Verhüllungen vor den Augen des Geistes,
wie vor den Augen des Körpers seiner beiden Gefährten versteckt.
In jenen Tagen hüteten sich die Reisenden gar sehr, nach kurzer
Bekanntschaft einander Vertrauen zu schenken, denn Jeder, den man auf
der Straße traf, konnte ein Räuber oder im Bunde mit Räubern sein. Was
das Letztere betrifft, so war es das Allerwahrscheinlichste zu einer
Zeit, wo jede Poststation und jede Schenke Jemand aufweisen konnte,
der in des Capitains Sold stand; und diese Stufenleiter des Vertrauens
ging vom Wirth bis herunter zum niedrigsten Stalljungen. So dachte der
Conducteur der Dover-Postkutsche bei sich selbst in jener Freitagnacht
im November 1775, wie er auf seinem ihm angewiesenen Posten hinten auf
der Kutsche stand, in der eine geladene Donnerbüchse über sechs oder
acht geladenen Reiterpistolen und einigen Säbeln lag.
Die Dover-Postkutsche war in ihrer gewöhnlichen gemüthlichen Stimmung,
wo der Conducteur den Passagieren mißtraute, die Passagiere von
einander und von dem Conducteur Arges dachten, Alle auf die Uebrigen
einen Argwohn geworfen hatten und der Kutscher nur seiner Pferde sicher
war; in Bezug auf welche Pferde er mit reinem Gewissen auf beide
Testamente hätte schwören können, daß sie für die Reise nicht geeignet
waren.
„Brr!“ sagte der Kutscher. „Brr! noch einmal ins Geschirr gelegt und
ihr seid oben, und dann sollt ihr verdammt sein, denn es hat mir Mühe
genug gekostet, euch so weit zu bringen! -- Joe!“
„Heda“, erwiderte der Conducteur.
„Welche Zeit mag’s wohl sein, Joe?“
„Gute zehn Minuten über elf.“
„Teufel!“ rief ärgerlich der Kutscher aus, „und noch nicht auf der
Höhe! Vorwärts!“
Das emphatische Pferd, von der Peitsche in einer höchst entschiedenen
Verneinung unterbrochen, legte sich ins Geschirr und die drei anderen
Pferde folgten. Noch einmal rumpelte die Dover-Kutsche fort und die
hohen Reitstiefel der Passagiere wateten neben ihr her. Sie waren
stehen geblieben, wie die Kutsche stehen blieb und hielten sich dicht
bei einander. Wenn einer von den dreien keck genug gewesen wäre,
einem andern vorzuschlagen, im Nebel und in der Nacht ein Wenig
vorauszugehen, hätte er sich der nicht unwahrscheinlichen Gefahr
ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.
Die letzte Anstrengung brachte die Postkutsche bis auf die Höhe. Die
Pferde machten Halt, um zu verschnaufen, und der Conducteur stieg ab,
um das Rad für die Hinabfahrt zu hemmen, den Kutschenschlag aufzumachen
und die Passagiere einsteigen zu lassen.
„Heda, Joe! Horch, Joe!“ rief der Kutscher warnend vom Bock herunter.
„Was meint Ihr, Tom?“
Sie lauschten Beide.
„Ein Reiter kommt im Galopp uns nach, Joe.“
„S’ ist ein Reiter in gestrecktem Galopp, Tom“, gab der Conducteur
zurück, indem er die Kutschenthür losließ und rasch auf seinen Platz
kletterte. „Ihr Herren! In des Königs Namen, Alle für Einen!“
Nach dieser eiligen, aber eindringlichen Aufforderung spannte er den
Hahn seiner Donnerbüchse und stand kampfbereit da.
Der für diese Geschichte eingeschriebene Passagier stand auf dem
Kutschentritt, im Einsteigen begriffen; die beiden anderen Passagiere
waren dicht hinter ihm, um ihm zu folgen. Er blieb halb in der Kutsche
und halb außerhalb derselben auf seinem Platze; die andern blieben auf
der Straße unter ihm stehen. Sie alle sahen abwechselnd den Kutscher
und den Conducteur an und horchten.
Der Kutscher sah zurück und der Conducteur sah zurück, und selbst
das emphatische Handpferd spitzte die Ohren und sah zurück, ohne zu
widersprechen.
Das durch das Aufhören des Rumpelns und Polterns der Kutsche
eintretende Schweigen, verbunden mit dem Schweigen der Nacht, machte
es wirklich still. Das Keuchen der Pferde theilte der Kutsche eine
zitternde Bewegung mit, als ob sie sich in einem Zustande der Aufregung
befände. Die Herzen der Passagiere schlugen laut genug, um gehört zu
werden; aber jedenfalls die Ruhepause sprach hörbar von Leuten außer
Athem und Leuten, die den Athem anhalten und deren Blut vor Erwartung
rascher pulsirt.
Der Hufschlag eines scharf galoppirenden Pferdes kam den Hügel herauf
immer näher und näher.
„Halloh!“ rief der Conducteur, so laut er brüllen konnte. „Heda! Steht,
oder ich schieße!“
Das Pferd ward plötzlich angehalten und mit vielem Klatschen und
Stampfen hörte man eine Mannsstimme aus dem Nebel herauf tönen: „Ist
das die Dover-Post?“
„Kümmert Euch nicht drum, was es ist!“ erwiderte der Conducteur. „Wer
seid Ihr?“
„Ist das die Dover-Post?“
„Warum wollt Ihr’s wissen?“
„Ich suche einen Passagier, wenn sie’s ist.“
„Wie heißt der Passagier?“
„Mr. Jarvis Lorry.“
Der uns wohlbekannte Passagier gab sofort kund, daß dies sein Name sei.
Der Conducteur, der Kutscher und die beiden anderen Passagiere warfen
argwöhnische Blicke auf ihn.
„Bleibt, wo Ihr seid“, rief der Conducteur der Stimme im Nebel zu,
„weil, wenn ich einen Irrthum beginge, er während Eurer Lebenszeit
nicht wieder gut gemacht werden könnte. Der Herr, der Lorry heißt,
antworte auf der Stelle.“
„Was giebt’s?“ fragte darauf der Passagier, mit etwas zitternder
Stimme. „Wer fragt nach mir? Ist es Jerry?“
„Mir gefällt Jerry’s Stimme nicht, wenn es Jerry ist“, brummte der
Conducteur vor sich hin. „Er ist heiserer, als mir gefällt, der Jerry.“
„Ja, Mr. Lorry.“
„Was giebt’s?“
„Eine Depesche für Sie von drüben. Von T. u. Comp.“
„Ich kenne den Mann, Conducteur,“ sagte Mr. Lorry, indem er wieder
auf die Straße hinabtrat, wobei ihm die beiden anderen Passagiere
mehr rasch als höflich beistanden und darauf sofort in die Kutsche
kletterten, die Thür zumachten und das Fenster hinaufzogen. „Er kann
herankommen; es ist Alles in Ordnung.“
„Ich will das hoffen, gar zu sicher sieht es mir noch nicht aus“, sagte
der Conducteur, immer noch vor sich hinbrummend. „Heda, Mann!“
„Nun ja, hier bin ich!“ sagte Jerry, noch heiserer als vorher.
„Kommt im Schritt heran! Hört Ihr’s? Und wenn Ihr Halfter an Eurem
Sattel habt, so nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht mit der Hand ihnen zu
nahe kommt. Denn ich bin ein Teufel im Falschverstehen, und wenn ich
was falsch verstehe, so wird gleich Blei daraus. Nun wollen wir einmal
sehen, wen wir haben.“
Ein Pferd und ein Reiter kamen langsam aus dem wirbelnden Nebel und an
die Seite der Postkutsche, wo der Passagier stand. Der Reiter beugte
sich herab und übergab, indem er den Conducteur ansah, dem Passagier
ein kleines zusammengebrochenes Papier. Das Pferd des Reiters war außer
Athem, und sowohl Pferd wie Reiter waren von den Hufen des Pferdes bis
zu dem Hute des Mannes mit Koth bespritzt.
„Conducteur!“ sagte der Passagier in ruhigem und zuversichtlichem
Geschäftstone.
Der wachsame Conducteur, mit der rechten Hand am Kolben der halb
erhobenen Donnerbüchse, mit der linken am Rohr und mit dem Auge auf dem
Reiter, antwortete kurz: „Sir!“
„Es ist Nichts zu fürchten. Ich bin von Tellson’s Bank. Ihr müßt
Tellson’s Bank in London kennen. Ich reise in Geschäften nach Paris.
Eine Krone Trinkgeld. Ich kann dies lesen?“
„Wenn Ihr rasch macht, Sir!“
Er brach den Brief beim Lichte der Kutschenlampe auf und las, erst
für sich und dann laut: Warten Sie in Dover auf Mademoiselle. „Es ist
nicht lang, wie Ihr seht, Conducteur. Jerry, sagt, meine Antwort wäre:
~Wiederauferstanden~.“
Jerry fuhr im Sattel empor. „Das ist eine verwünscht seltsame Antwort“,
sagte er mit seiner heisersten Stimme.
„Meldet, was ich gesagt habe und sie werden wissen, daß ich diesen
Brief bekommen habe, so gut, als ob ich geschrieben hätte. Haltet Euch
möglichst dazu. Gute Nacht!“
[Illustration: ~Die Postkutsche.~]
Mit diesen Worten machte der Passagier die Kutschenthür auf und stieg
ein, ohne den mindesten Beistand von Seiten seiner Mitpassagiere
zu finden, welche eiligst ihre Uhren und Geldbeutel in den Stiefeln
versteckt hatten und sich jetzt alle schlafend stellten. Mit keiner
bestimmteren Absicht, als der Gefahr zu entgehen, sich zu einem andern
Verhalten entschließen zu müssen.
Die Kutsche rumpelte weiter und schwerere Wirbel Nebel umkräuselten
sie, wie sie bergab zu fahren begann. Der Conducteur legte die
Donnerbüchse bald wieder in die Waffenkiste, und nachdem er sich den
übrigen Inhalt derselben betrachtet und nach den Pistolen, die er im
Gürtel trug, gesehen hatte, sah er auch nach einem kleinern Kasten
unter seinem Sitz, in welchem sich Hammer und Zange, ein Paar Fackeln
und ein Feuerzeug befanden. Denn er war so vollständig ausgerüstet,
daß, wenn der Wind die Kutschenlaternen ausgeblasen hätte, was manchmal
geschah, er weiter Nichts zu thun brauchte, als sich einzuschließen,
sich zu hüten, die Funken von Stahl und Stein in Stroh fallen zu lassen
und mit leidlicher Sicherheit und Leichtigkeit (wenn er glücklich war)
in fünf Minuten Licht zu machen.
„Tom!“ klang es halblaut über das Dach des Wagens.
„Was giebt’s, Joe?“
„Hörtet Ihr, was er sagte?“
„Ja wohl, Joe.“
„Habt Ihr was davon verstanden, Tom?“
„Ne, Joe.“
„Das trifft sich merkwürdig zusammen“, sagte der Conducteur
nachdenklich vor sich hin, „denn ’s ist mir auch so gegangen.“
Jerry, im Nebel und in der Dunkelheit allein gelassen, stieg
unterdessen ab, nicht nur seinem todtmüden Pferde zu Liebe, sondern
auch, um sich die Kothflecken aus dem Gesicht zu wischen und den
angesammelten Regen aus dem Hutrande, der etwa eine halbe Gallone
halten mochte, zu schütteln. Nachdem er mit dem Zügel über dem Arm
dagestanden hatte, bis man die Räder der Postkutsche nicht länger hörte
und die Nacht wieder ganz still war, führte er langsam das Pferd den
Hügel hinab.
„Nach dem scharfen Galopp vom Templethor, Alter, will ich’s deinen
Vorderläufen nicht eher wieder zumuthen, als bis wir wieder auf ebenem
Wege sind,“ sagte der heisere Bote mit einem Blicke auf sein Roß.
„Wiederauferstanden. Das ist eine verteufelt seltsame Antwort. Das
würde dir nicht allzu gut passen, Jerry! Nicht wahr, Jerry, du wärst
verteufelt schlecht daran, wenn Wiederauferstehen Mode würde!“
Drittes Kapitel.
Die Schatten der Nacht.
Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werthe Thatsache, daß jedes
Menschen Wesen darnach angethan ist, ein tiefes Geheimniß und Räthsel
für jedes andere zu sein. Ein feierlicher Gedanke, wenn ich bei Nacht
in eine große Stadt komme, daß jedes dieser sich in dunkle Gruppen
zusammendrängenden Häuser sein eigenes Geheimniß in sich schließt; daß
jedes Zimmer in jedem derselben sein eigenes Geheimniß besitzt; daß
jedes pulsirende Herz in den Hunderttausenden von Menschenbusen in
einigen seiner Träume ein Geheimniß für das ihm am nächsten stehende
Herz ist! Etwas von dem erhabenen Grauen, das der Tod einflößt, ist
dem zuzuschreiben. Nicht mehr kann ich die Blätter dieses theuren
Buches umwenden, das ich liebte, und vergeblich war die Hoffnung, es
mit der Zeit ganz durchzulesen. Nicht mehr kann ich in die Tiefen
dieses unergründlichen Wassers schauen, in welchem ich, als flüchtige
Strahlen darauf fielen, einen Blick auf begrabene Schätze und andere
versunkene Herrlichkeiten erhaschte. Es war beschlossen, daß das Buch
sich auf immer und ewig verschließen sollte, als ich nur eine einzige
Seite gelesen hatte. Es war beschlossen, daß ein ewiger Winterfrost das
Wasser erstarren machen sollte, als das Licht noch auf seinem Spiegel
spielte und ich, ohne Arges zu ahnen, am Ufer stand. Mein Freund ist
todt, mein Nachbar ist todt, meine Geliebte, das Kleinod meiner Seele,
ist todt; es ist die unerbittliche Besiegelung des Geheimnisses,
welches immer in dieser Individualität war und welches ich bis an
meines Lebens Ende in mir tragen werde. Giebt es auf einem einzigen
der Friedhöfe der Stadt, durch welche ich gehe, einen Schlummernden,
der unerforschlicher wäre, als mir ihre geschäftigen Bewohner in ihrer
innersten Persönlichkeit sind, oder als ich ihnen bin?
Was nun dies, seine natürliche und nicht zu entfremdende Erbschaft
betrifft, so besaß der berittene Bote davon genau so viel, wie der
König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann in London.
Ebenso war’s mit den drei Passagieren, die in den engen Raum einer
schwerfälligen, alten Postkutsche eingesperrt waren; sie waren einander
so vollständig ein Geheimniß, als ob Jeder für sich in seiner eigenen
sechs- oder sechszigspännigen Kutsche gesessen hätte, durch die ganze
Breite einer Grafschaft von einander getrennt.
Der Bote ritt im bequemen Trab zurück und machte ziemlich oft bei
Schenken an der Straße Halt, um zu trinken, wo er aber immer eine
Neigung zeigte, seine Sache für sich und den Hut tief in die Stirn
gezogen zu behalten. Er hatte Augen, welche zu dieser Neigung sehr gut
paßten, schwarz, ohne Tiefe in Farbe oder Form, und viel zu nahe bei
einander -- als ob sie fürchteten, einzeln bei Etwas ertappt zu werden,
wenn sie zu weit auseinander blieben. Unter einem dreieckigen Hut,
gleich einem dreieckigen Spucknapf, und über einem großen Wickeltuch
für das Kinn und den Hals, das fast bis zu dem Knie des Reiters
herabfiel, hatten sie einen finstern Ausdruck. Wenn der Reiter anhielt,
um zu trinken, schob er mit der linken Hand das Wickeltuch zurück, aber
nur so lange, als er mit der rechten das Getränk hinuntergoß; sowie
dies geschehen war, hüllte er sich wieder ein.
„Nein, Jerry, nein“, sagte der Bote, immer noch mit diesem einen
Gegenstande beschäftigt. „Das paßte nicht für dich, Jerry. Jerry,
für einen so ehrsamen Bürgersmann paßte das nicht ins Geschäft!
Wiederauferstanden! Soll mich Der und Jener holen, wenn ich nicht
glaube, er hatte Eins getrunken.“
Die Botschaft verursachte ihm so viel Kopfzerbrechen, daß er mehrere
Male sich genöthigt sah, den Hut abzunehmen und sich hinter den
Ohren zu kratzen. Außer auf dem Scheitel, der fast kahl war, hatte
er steifes, schwarzes Haar, das in einzelnen Spitzen rund um ihn
herumstand und niederwärts fast bis an seine breite, stumpfe Nase
herabgewachsen war. Es war Schlosserarbeit so ähnlich und sah so viel
mehr dem Rande einer mit starken eisernen Spitzen besetzten Mauer, als
einem wohlbehaarten Kopfe ähnlich, daß der geschickteste Bockspringer
sich geweigert haben würde, einen Sprung über ihn zu wagen.
Während er mit der Botschaft, die er dem Nachtwächter in seinem
Schilderhaus an der Thür von Tellson’s Bank am Tempelthor übergeben
sollte, welcher sie höheren Behörden drinnen zu überbringen hatte,
zurücktrabte, nahmen die Schatten der Nacht vor ihm solche Gestalten
an, wie sie aus der Botschaft entstanden, und nahmen für das Pferd
Gestalten an, wie sie aus dessen Privatveranlassungen zur Unruhe
hervorgingen. Sie schienen zahlreich zu sein, denn es scheute vor jedem
Schatten auf der Straße.
Unterdessen rumpelte, polterte und ächzte die Postkutsche auf ihrem
langweiligen Wege mit ihren drei unerforschlichen Passagieren weiter.
Auch diesen zeigten sich die Schatten der Nacht in den Gestalten,
welche ihre halbschlummernden Augen und herumschweifenden Gedanken
ihnen eingaben.
Tellson’s Bank spielte in der Postkutsche eine große Rolle. Wie der
Bankpassagier -- den einen Arm in die lederne Schleife gelegt, welche
ihr Möglichstes that, ihn abzuhalten, auf den nächsten Passagier zu
fallen und ihn in eine Ecke zu schieben, so oft die Kutsche einen ganz
besondern Stoß erhielt -- auf seinem Platze mit halbgeschlossenen Augen
nickte, wurden die kleinen Kutschenfenster und die matt durch dieselben
schimmernden Kutschenlaternen und der in seinen Mantel gehüllte
Passagier gegenüber die Bank, die ganz gewaltige Geschäfte machte. Das
Klappern des Geschirres wurde zum Geldklimpern und binnen fünf Minuten
wurden mehr Tratten honorirt, als selbst Tellson’s Bank mit aller ihrer
Kundschaft im Auslande und im Inlande jemals in der dreifachen Zeit
bezahlt hatte. Alsdann thaten sich vor ihm die festen Keller unter der
Bank mit den kostbaren Vorräthen und Geheimnissen, welche der Passagier
wußte (und er wußte nicht wenige derselben), vor ihm auf, und er ging
mit großen Schlüsseln und dem schwach brennenden Lichte hinein und fand
Alles sicher und unbesehen und unverrathen, gerade, wie er es zuletzt
gefunden.
Aber obgleich die Bank ihm fast immer Gesellschaft leistete und
obgleich die Kutsche (in einer verwirrten Weise, wie das Schmerzgefühl
unter dem Einflusse eines Opiats) sich nie von ihm trennte, blieb
auch noch eine andere Reihe von Eindrücken die ganze Nacht hindurch
lebendig. Er war unterwegs, um Jemanden aus einer Gruft herauszuholen.
Welches von den vielen Gesichtern, die sich ihm zeigten, das wahre
Gesicht des Begrabenen sei, verriethen die Schatten der Nacht nicht;
aber sie waren alle Gesichter eines Mannes von fünfundvierzig Jahren
und unterschieden sich hauptsächlich in den Leidenschaften, welche
sie ausdrückten und in dem Grauenhaften ihres abgelebten und elenden
Aussehens. Stolz, Verachtung, Herausforderung, Trotz, Unterwürfigkeit,
Jammer folgten auf einander; ebenso viele Abstufungen von eingefallenen
Wangen, leichenhafter Farbe, abgezehrten Händen und Gesichtern. Aber
im Ganzen war das Gesicht ein Gesicht und jedes Haupt war vor der
Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der Passagier aus seinem
Halbschlummer heraus dieses Gespenst: „Wie lange begraben?“
Die Antwort war immer dieselbe: „Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
„Sie wissen, daß Sie wiederauferstanden sind?“
„So höre ich sagen.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
„Soll ich sie Ihnen zeigen?“
„Wollen Sie sie sehen?“
Die Antworten auf diese Fragen lauteten verschieden und widersprechend.
Manchmal lautete sie mit gebrochener Stimme: „Warten Sie! Es könnte
mein Tod sein, wenn ich sie zu früh sähe.“ Manchmal kam sie mit einem
Strom von rührenden Thränen und lautete dann: „Bringen Sie mich zu
ihr.“ Manchmal war sie von weitgeöffneten Augen und verwirrten Blicken
begleitet und war dann: „Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, was Ihr
von mir wollt.“
Nach dieser Unterhaltung im Traum fing der Passagier in seinem
Weiterträumen an zu graben und zu graben und zu graben -- bald mit
einem Spaten oder mit einem großen Schlüssel, oder mit den Händen --
um den Unglücklichen auszugraben. Wie er endlich wieder, mit Erde um
Gesicht und Haar, herausgeholt war, zerfiel er urplötzlich in Staub.
Dann fuhr der Passagier aus seinem Halbschlummer auf und ließ das
Fenster herab, um die Wirklichkeit des Nebels und Regens auf seiner
Backe zu fühlen.
Aber selbst wenn seine wachen Augen den Nebel und Regen, den sich
vorwärts bewegenden Streifen Licht von der Laterne und die in Stößen
zurückweichenden Hecken an der Straße sahen, mischten sich die
Schatten der Nacht außerhalb der Kutsche in den Zug der Schatten der
Nacht innerhalb derselben. Das wirkliche Bankhaus am Tempelthor, das
wirkliche Geschäft des gestrigen Tages, die wirklichen Kassenräume,
der wirkliche Bote, der ihm nachgeschickt worden und die wirkliche
Botschaft, die er zurückgeschickt hatte, waren alle vorhanden. Aber
mitten unter ihnen tauchte das gespenstische Gesicht empor und er mußte
es wieder anreden.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
Graben, graben, graben, bis eine ungeduldige Bewegung von einem der
Passagiere ihn ermahnte, das Fenster in die Höhe zu ziehen, den Arm
wieder fest und sicher in die lederne Schleife zu legen und über die
beiden schlummernden Gestalten zu speculiren, bis seine Gedanken
wieder von ihnen abkamen und sich wieder unmerklich der Bank und dem
Grabe zuwendeten.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
Die Worte klangen ihm immer noch im Ohre, als ob sie eben erst
gesprochen worden -- so deutlich, als er jemals gesprochene Worte
hatte nachklingen hören --, als der müde Passagier zum Bewußtsein
des Tageslichtes aufwachte und fand, daß die Schatten der Nacht
verschwunden waren.
Er ließ das Fenster herab und sah hinaus auf die aufgehende Sonne. Vor
ihm lag ein Abhang Ackerland mit einem Pflug darauf, noch auf derselben
Stelle, wo die Pferde gestern Abend ausgespannt worden waren; darüber
ein stilles Niederholz, in welchem viele Blätter von brennendem Roth
und goldenem Gelb noch auf den Büschen hingen. Obgleich der Erdboden
kalt und feucht war, war doch der Himmel heiter und die Sonne ging
hell, ruhig und schön auf.
„Achtzehn Jahre!“ sagte der Passagier, die Augen der Sonne zugewendet.
„Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig
begraben!“
Viertes Kapitel.
Die Vorbereitung.
Als die Postkutsche im Laufe des Vormittags allmälig nach Dover
gelangt war, machte der Oberkellner des Hotels zum „König Georg“ den
Kutschenschlag auf, wie es seine Gewohnheit war. Er that es mit einer
gewissen Feierlichkeit, denn eine Reise in der Postkutsche von London
im Winter war eine Heldenthat, wegen der man einem kühnen Reisenden
gratuliren durfte.
Es war jetzt aber nur noch ein kühner Reisender zum Gratuliren
übrig; denn die beiden andern waren an verschiedenen Orten unterwegs
ausgestiegen. Das kellerartige Innere der Kutsche mit dem feuchten
und schmutzigen Stroh, dem unangenehmen Geruch und der Finsterniß sah
eher wie ein großer Hundestall aus. Mr. Lorry, der Passagier, sah,
wie er, mit einzelnen Strohhalmen behangen, das zottige Wickeltuch
nachschleppte und mit schlappem Hut und schmutzigen Stiefeln
herausstieg, eher wie ein großer Hund aus.
„Geht morgen ein Packetschiff nach Calais ab, Kellner?“
„Ja, Sir, wenn sich das Wetter hält und der Wind leidlich günstig wird.
Fluth wird ziemlich scharf gegen zwei Uhr Nachmittags eintreten, Sir.
Ein Bett, Sir?“
„Ich gehe nicht vor Nachts schlafen; aber ich will ein Schlafzimmer und
einen Barbier.“
„Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier herauf, Sir, wenn’s beliebt.
Nummer zwei! Den Mantelsack des Herrn und warmes Wasser nach Nummer
zwei. Zieht dem Herrn in Nummer zwei die Stiefeln aus. (Es brennt dort
schon ein gutes Steinkohlenfeuer, Sir.) Ein Barbier für Nummer zwei.
Rührt Euch, für Nummer zwei!“
Da Nummer zwei immer für Postpassagiere bestimmt war und Postpassagiere
immer vom Kopf bis zum Fuß dick eingewickelt waren, so hatte für die
Inwohner des Königs Georg dieses Zimmer das merkwürdig Interessante,
daß, obgleich man nur eine Art Mensch hineingehen sah, alle
verschiedenen Arten von Menschen wieder heraustraten. Daher hielten
sich auch ein anderer Kellner und zwei Portiers und verschiedene
Stubenmädchen und die Wirthin aus Zufall an verschiedenen Punkten des
Weges zwischen Nummer zwei und dem Frühstückszimmer auf, als ein Herr
von etwa sechszig Jahren in einem ziemlich getragenen, aber sehr gut
gehaltenen braunen Anzug mit großen Aufschlägen an den Armen und großen
Patten über den Taschen zum Frühstück wieder aus Nummer zwei kam.
Das Frühstückszimmer hatte an diesem Vormittag keinen andern Gast als
den Herrn im braunen Anzug. Sein Frühstückstisch stand vor dem Feuer
und wie er da saß, während der Schimmer der Flamme auf ihn fiel und
er auf das Frühstück wartete, saß er so still, daß man hätte glauben
können, er säße für sein Bild.
Er sah so ordentlich und methodisch aus, wie er dasaß, eine Hand auf
jedes Knie gelegt, während eine laute Uhr eine eintönige Predigt unter
seiner langen Schooßweste pickte, als ob sie ihren Ernst und ihre
Langlebigkeit gegen Leichtsinn und die Vergänglichkeit des raschen
Feuers einsetzte. Er hatte ein gutes Bein und war etwas eitel darauf,
denn seine braunen Strümpfe saßen glatt und knapp und waren von feinem
Gewebe; auch Schuhe und Schnallen waren, obgleich einfach, doch
schmuck. Er trug eine merkwürdige kleine, saubergehaltene, lockige,
flachsblonde Perrücke, die wohl von natürlichem Haar gemacht sein
mochte, aber weit mehr aussah, als wäre sie von Fäden aus Seide oder
Glas gesponnen. Seine Wäsche, obgleich nicht so fein, um mit seinen
Strümpfen übereinzustimmen, war so weiß wie der Kamm der Wellen,
welche an dem nahen Strande zerschellten, oder wie die Segel, die fern
draußen auf dem Meere im Sonnenschein glänzten. Das für gewöhnlich
gefaßte und ruhige Gesicht beleuchteten immer noch unter der seltsamen
Perrücke hervor ein Paar feuchte, glänzende Augen, deren Eigenthümer
in vergangenen Zeiten einige Mühe gehabt haben muß, ihnen den ruhigen
und zurückhaltenden Ausdruck von Tellsons Bank zu geben. Seine Wangen
hatten eine gesunde Farbe und das Gesicht, obgleich gefurcht, zeigte
wenig Spuren von Sorgen. Aber vielleicht waren die unverheiratheten
vertrauten Commis von Tellsons Bank vornehmlich von den Sorgen anderer
Leute in Anspruch genommen und vielleicht lassen sich Sorgen zweiter
Hand, wie Kleider zweiter Hand, besser an- und ablegen.
Um einem Mann, der für sein Bild sitzt, ganz ähnlich zu werden, schlief
jetzt Mr. Lorry ein. Das Erscheinen des Frühstücks weckte ihn wieder
auf und er sagte zum Kellner, als er den Stuhl näher an den Tisch
setzte:
„Halten Sie ein Zimmer bereit für eine junge Dame, die hier jede Stunde
eintreffen kann. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry oder
vielleicht auch nur nach einem Herrn von Tellsons Bank. Bitte, melden
Sie es mir.“
„Ja, Sir, Tellsons Bank in London, Sir.“
„Ja.“
„Ja, Sir. Wir haben oft die Ehre, Herren aus Ihrem Hause auf ihren
Reisen zwischen London und Paris zu beherbergen, Sir. Sehr viel
unterwegs, Sir, die Herren Tellson u. Comp.“
„Ja. Wir sind ebenso gut ein französisches wie ein englisches Haus.“
„Ja, Sir. Sie selbst reisen wohl nicht viel, Sir?“
„In der letzten Zeit nicht. Es sind fünfzehn Jahre, seitdem wir --
seitdem ich zum letzten Male von Frankreich herüber kam.“
„Wirklich, Sir. Das war vor meiner Zeit hier, Sir. Vor unseres Herrn
Zeit hier, Sir. Der „König Georg“ hatte damals einen andern Besitzer,
Sir.“
„Ich glaube, ja.“
„Aber ich möchte schon was Ordentliches wetten, Sir, daß ein Haus, wie
Tellson u. Comp., nicht vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren
geblüht hat?“
„Sie können das verdreifachen und hundertfünfzig Jahre sagen und nicht
weit von der Wahrheit sein.“
„Wirklich, Sir?“
Mit bewunderndem Gesicht trat der Kellner von dem Tisch zurück, legte
die Serviette von dem rechten Arm auf den linken, nahm eine behagliche
Stellung an und sah dem Gaste, wie er aß und trank, zu. Wie von einem
Observatorium oder Wartthurm. Ganz, wie es seit unvordenklichen Zeiten
bei Kellnern Gebrauch ist.
Als Mr. Lorry mit seinem Frühstück fertig war, machte er einen kleinen
Spatziergang nach dem Strande. Die kleine Stadt Dover mit ihren engen
und krummen Gäßchen versteckte sich allseits vor dem Strande und
steckte den Kopf in die Kreideklippen, wie ein Meerstrauß. Der Strand
war eine Wüste von Meereswellen und Steinen, die wild über einander
kollerten, und das Meer that, was ihm gefiel, und was ihm gefiel, war
Zerstörung. Es donnerte gegen die Stadt und es donnerte gegen die
Klippen und zertrümmerte durch seine wüthenden Schläge die Küste. Die
Luft zwischen den Häusern hatte einen so starken Fischgeruch, daß man
hätte glauben können, kranke Fische gingen darin baden, wie kranke
Menschen in das Meer baden gehen. Im Hafen beschäftigte man sich mit
etwas Fischerei und sehr viel Herumwandern bei Nacht und seewärts
Gucken: vorzüglich zu den Stunden, wo die Fluth fast ihren Höhepunkt
erreicht hatte. Kleine Handelsleute, deren Geschäft sehr still ging,
brachten es manchmal ganz unerklärlicherweise zu großem Reichthum und
es war merkwürdig, daß Niemand in der Nachbarschaft einen Laternenmann
ausstehen konnte.
Wie der Tag sich zum Abend neigte und die Luft, die zu Zeiten hell
genug gewesen war, um die französische Küste erblicken zu lassen,
sich wieder mit Dunst und Nebel füllte, schien sich auch Mr. Lorry’s
Stirn wieder zu umwölken. Als es dunkel war und er vor dem Feuer im
Frühstückszimmer saß und auf sein Essen wartete, wie er auf sein
Frühstück gewartet hatte, war sein Geist eifrig beschäftigt, in den
rothglühenden Kohlen zu graben, zu graben, zu graben.
Eine Flasche guten Rothweins nach dem Essen schadet einem in den
glühenden Kohlen Grabenden nichts, außer daß sie eine Neigung hat,
ihn seine Arbeit vergessen zu machen. Mr. Lorry war eine lange Zeit
unbeschäftigt geblieben und hatte soeben sein letztes Glas Wein mit
einer so vollständigen Befriedigung eingeschenkt, als man nur bei einem
ältlichen Herrn von lebhafter Gesichtsfarbe erwarten konnte, der seine
Flasche ausgetrunken hat, als ein Wagen die enge Straße heraufrasselte
und in den Hof des Gasthauses einfuhr.
Er setzte das Glas unberührt wieder hin. „Das ist Mamsell!“ sagte er.
Nach sehr wenig Minuten trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß
Manette von London angekommen sei und sich glücklich schätzen werde,
den Herrn von Tellsons zu sehen.
„So bald?“
Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen,
wollte jetzt Nichts essen und wünschte sehr angelegentlich, den Herrn
von Tellsons-Bank sofort zu sprechen, wenn es ihn nicht belästige.
Der Herr von Tellsons konnte weiter Nichts thun, als sein Glas mit
einer Miene hülfloser Verzweiflung austrinken, seine seltsame kleine
Flachsperrücke an den Ohren zurecht rücken und dem Kellner nach
Miß Manettens Zimmer folgen. Es war ein großes dunkles Zimmer, mit
schwarzen Roßhaarmöbeln ausgestattet und mit schweren dunkeln Tischen.
Diese waren so oft geölt und wieder geölt worden, bis die beiden hohen
Leuchter auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers sich düster von jedem
Blatte wiederspiegelten, als ob sie in tiefen Grüften von schwarzem
Mahagony begraben lägen und kein erwähnenswerthes Licht von ihnen
erwartet werden könnte, bis sie ausgegraben worden.
So dämmerig dunkel war das Zimmer, daß Mr. Lorry, während er vorsichtig
über den abgeschabten türkischen Teppich schritt, glaubte, Miß Manette
befinde sich für den Augenblick in einem Nebenzimmer, bis er die
beiden hohen Leuchter passirt hatte und an dem Tisch zwischen ihnen
und dem Feuer eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn Jahren in
einem Reitmantel, und den Reisestrohhut an seinem Bande immer noch in
der Hand haltend, stehen sah, zu seinem Empfange bereit. Wie seine
Augen auf die kleine hübsche Gestalt mit vollen goldenen Locken, einem
blauen Augenpaar, das dem seinen mit forschendem Blick begegnete und
einer Stirn von merkwürdiger Fähigkeit (wenn man ihre Jugend und ihre
Glätte bedenkt), sich in einem Ausdruck zusammenzuziehen, der nicht
ganz Verlegenheit, oder Verwunderung, oder Erschrecken, oder nur
aufgeweckte, gefesselte Aufmerksamkeit war, obgleich er alle diese vier
Ausdrücke in sich schloß -- als seine Augen auf alles Dieses fielen,
wurde plötzlich das Bild eines Kindes in ihm lebendig, das er in einer
kalten Nacht, wo der Hagel in schweren Schauern hernieder rauschte
und die See hoch ging, auf der Ueberfahrt über denselben Canal auf
den Armen getragen hatte. Das Bild schwand wieder, ungefähr wie ein
Hauch von der Fläche des hohen Pfeilerspiegels hinter ihr, auf dessen
Rahmen eine Procession von Mohren-Amoretten, mehrere ohne Kopf, und
alle Krüppel, schwarze Körbe mit Früchten vom todten Meer schwarzen
Göttinnen darboten, und er begrüßte Miß Manette mit einer förmlichen
Verbeugung.
„Bitte, nehmen Sie Platz, Sir,“ sagte sie mit einer sehr hellen und
angenehmen jugendlichen Stimme, und ein wenig, aber sehr wenig fremd im
Accent.
„Ich küsse Ihnen die Hand, Miß,“ sagte Mr. Lorry, mit der Höflichkeit
einer entschwundenen Zeit, während er seine förmliche Verbeugung
wiederholte und Platz nahm.
„Ich erhielt gestern einen Brief von der Bank, Sir, mit der Nachricht,
daß eine neue Kunde -- oder Entdeckung --“
„Das Wort ist unwesentlich, Miß; eins ist so gut wie das andere.“
„-- in Bezug auf das kleine Vermögen meines armen Vaters -- den ich nie
gesehen habe -- der schon so lange todt ist --“
Mr. Lorry rückte in seinem Stuhle hin und her und warf einen
beunruhigten Blick nach der Procession von Mohren-Amoretten. Als ob sie
mit ihren albernen Körben Jemandem Hülfe bringen könnten!
„-- für mich eine Reise nach Paris nothwendig machte, um mich dort in
Einvernehmen mit einem Herrn von der Bank zu setzen, der zu diesem
Zwecke nach Paris unterwegs ist.“
„Das bin ich selbst.“
„Das dacht’ ich mir, Sir.“
Sie machte ihm einen Knix. (Junge Damen knixten damals noch.) Mit einem
sich hübsch ausdrückenden Wunsch ihn merken zu lassen, daß sie fühle,
wie viel älter und weiser er sei, als sie.
Er antwortete abermals mit einer Verbeugung.
„Ich antwortete der Bank, Sir, daß, da diejenigen, die es wissen, und
die so gütig sind, mir mit ihrem Rathe beizustehen, eine Reise nach
Frankreich für nothwendig hielten, ich, als eine Waise und ohne einen
Freund, der mich begleiten könnte, mich sehr verpflichtet fühlen würde,
wenn ich mich während der Reise unter den Schutz dieses würdigen Herrn
stellen dürfte. Der Herr war bereits von London abgereist, aber ich
glaube, ein Bote wurde ihm nachgeschickt, ihn um die Gefälligkeit zu
bitten, mich hier zu erwarten.“
„Mir ist das Glück zu Theil geworden,“ sagte Mr. Lorry, „mit dem
Auftrage betraut zu werden. Ich werde mich noch glücklicher schätzen,
ihn auszuführen.“
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir. Ich danke Ihnen auf das Herzlichste.
Man sagte mir auf der Bank, der Herr werde mir die Einzelnheiten des
Geschäfts auseinandersetzen und ich müßte mich darauf gefaßt machen,
etwas sehr Ueberraschendes zu hören. Ich habe mein Möglichstes gethan,
mich darauf vorzubereiten und bin natürlich sehr begierig, das Nähere
zu erfahren.“
„Natürlich,“ sagte Mr. Lorry. „Ja -- ich --“
Nach einer Pause setzte er hinzu, während er sich die flachsblonde
Perrücke über den Ohren zurecht rückte:
„Der Anfang ist sehr schwer.“
Er fing nicht an, sondern begegnete in seiner Unentschiedenheit ihrem
Blick. Die jugendliche Stirn nahm wieder jenen eigenthümlichen Ausdruck
an -- aber er war nicht blos eigenthümlich, sondern auch hübsch und
charakteristisch -- und die Dame erhob die Hand, als ob sie mit einer
unwillkürlichen Bewegung einen vorübereilenden Schatten aufhielte.
„Habe ich Sie früher nie gekannt, Sir?“
„O nein,“ sagte Mr. Lorry, indem er die Hände mit einem ablehnenden
Lächeln ausbreitete.
Zwischen den Augenbrauen und gerade über dem Mädchennäschen, dessen
Umrisse so zart und fein waren, als man sich nur denken konnte,
vertiefte sich der Ausdruck, wie sie gedankenvoll auf dem Stuhle Platz
nahm, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er beobachtete sie, wie sie
nachdachte, und fuhr in dem Augenblicke, wo sie wieder den Blick erhob,
fort:
„In Ihrem Adoptivvaterlande, glaube ich, kann ich nichts Besseres thun,
als Sie als eine junge englische Dame, Miß Manette anzureden?“
„Haben Sie die Güte, Sir!“