Hinreise vorgenommenen Beobachtung auf 83° 6´ 30´´ östlicher Länge
und 30° 27´ 30´´ nördlicher Breite bestimmen konnte, wurde mir ein
großes Glück zuteil. An diesem Punkte treffen nämlich die beiden
Hauptquellflüsse des Brahmaputra zusammen und vereinigen sich zum
Hauptfluß; den einen Nebenfluß aus Nordwest hatte ich schon verfolgt,
der andere kommt aus Westnordwest. Zu meiner Freude wählten die
Tibeter den südlichern Weg und gaben mir dadurch Gelegenheit, die
zweite Hauptquelle des großen Flusses zu besuchen. Dieser zweite Strom
entspringt in einer Ebene und hat seinen Ursprung in einem kleinen See,
der auf annähernd 82° 47´ östlicher Länge und 30° 33´ nördlicher Breite
gelegen ist. Ich gab der nördlichen Quelle meinen eigenen Namen, ein
Verfahren, das, wie ich hoffe, nicht für unbescheiden angesehen werden
wird angesichts der Tatsache, daß ich der erste Europäer war, der sie
besucht hat, und auch angesichts der besondern Umstände meiner Reise. --
Dieser Abschnitt unserer Gefangenschaft war wohl schrecklich, aber doch
interessant und belehrend; denn es gelang mir, die Soldaten unterwegs
dazu zu bringen, mich einige tibetische Lieder zu lehren, die denen der
Schokas ganz ähnlich sind. Von den weniger bösartigen Leuten unserer
Wache sammelte ich durch wohlüberlegte Fragen eine beträchtliche Menge
von Angaben über Land und Leute, von denen ich einige in diesem Buche
wiedergegeben habe.
Über einen Paß, der weiter südlich gelegen und niedriger war als der
Maiumpaß, auf dem wir gesund, hoffnungsvoll und frei in die Provinz
Yu-tsang gekommen waren, verließen wir sie jetzt verwundet, gebrochen,
nackt und gefangen.
Wir gingen in nordwestlicher Richtung weiter, und als wir die heilige
Provinz Yu-tsang glücklich hinter uns hatten, wurden unsere Wachen
weniger grausam gegen uns. Man erlaubte uns, mit dem wenigen Geld, das
mir der Pombo zu behalten gestattet hatte, so viel Lebensmittel zu
kaufen, daß wir häufiger Mahlzeiten einnehmen konnten, und während wir
aßen, nahmen die Soldaten unsere Handschellen ab und legten sie uns
einstweilen um die Fußknöchel. Mit Gerätschaften, die uns von unsern
Wachen geliehen wurden, konnten wir uns etwas kochen, und wenn wir es
auch anstatt auf Schüsseln auf flachen Steinen servieren mußten, schien
es uns doch köstlich.
Nachdem wir unsern frühern Weg gekreuzt hatten, gingen wir fast
parallel mit ihm, nur wenige Kilometer weiter nördlich, über ein
wellenförmiges Plateau mit tonigem Boden und vermieden so die sumpfige
Ebene, deren Überschreiten uns auf der Hinreise so viel Beschwerde
gemacht hatte. Wir fanden da und dort zahlreiche schwarze Zelte.
Als wir eines Abends in der Nähe einiger kleiner Seen das Lager
aufgeschlagen hatten, erlaubte man uns, ein Schaf zu kaufen. Ein
Soldat, ein guter Kerl, der gegen uns schon sehr freundlich gewesen
war, suchte ein schönes und fettes Tier für uns aus, und wir freuten
uns schon auf eine solide Mahlzeit, als wir zu unserer Enttäuschung
fanden, daß es uns unmöglich war, das Tier zu töten. Abstechen konnten
wir es nicht, da uns die Tibeter kein Schwert oder Messer anvertrauen
wollten, und sie selbst weigerten sich, das Schaf auf irgendeine andere
Weise für uns zu töten. Schließlich ließ unser Freund, der Soldat,
seine Gewissensskrupel durch das Geschenk einer Rupie besiegen und
schickte sich an, das Tier auf äußerst grausame Weise zu töten. Er
band ihm die Beine zusammen und hielt die Schnauze des armen Schafes,
nachdem er ihm die Nasenlöcher mit Schlamm verstopft hatte, mit einer
Hand fest zu, bis es erstickte. Während dieser Arbeit drehte der
sündige Soldat mit der freien Hand sein Gebetrad und betete die ganze
Zeit inbrünstig.
Dreiundvierzigstes Kapitel.
Wieder bei den Freunden.
Endlich befanden wir uns auf der Ebene, wo wir das aus etwa zweihundert
Zelten bestehende Lager eines Tarjum sahen und wo wir die Nacht über
blieben. Eine große Menge von Lamas und Soldaten war versammelt. Mitten
in der Nacht wurden wir plötzlich ungestüm aus dem Schlafe geweckt und
veranlaßt, unser Lager ungefähr zwei Kilometer von der Niederlassung
fortzuverlegen. Am nächsten Morgen aber gingen wir, nachdem wir zuerst
einen großen Strom überschritten hatten, in südwestlicher Richtung
weiter und erreichten am Abend desselben Tages das Lager des Tarjum von
Toktschim. Hier kamen uns die Offiziere entgegen, die uns bei einer
frühern Gelegenheit Geschenke überbracht und die wir mit allen ihren
Soldaten in die Flucht geschlagen hatten, als sie anfingen uns zu
bedrohen.
Diesmal benahmen sie sich sehr anständig; der älteste von ihnen
erwies uns alle mögliche Höflichkeit und bezeigte große Bewunderung
für den Mut, mit dem wir uns gegen eine so starke Übermacht behauptet
hatten. Der alte Herr tat alles, was er konnte, um es uns behaglich
zu machen, und rief zu unserer Unterhaltung sogar zwei herumziehende
Musikanten heran. Einer von diesen trug eine eigentümliche viereckige
Kopfbedeckung aus Fell; er spielte mit einem Bogen auf einem Instrument
mit zwei Saiten, während sein Begleiter, ein Kind, tanzte und plumpe
Gliederverrenkungen ausführte und alle paar Minuten mit ausgestreckter
Zunge rundherum ging, um bei den Zuhörern um Tsamba zu betteln.
Die Tibeter sind gegen Bettler sehr wohltätig, und nicht nur bei
dieser, sondern auch bei andern Gelegenheiten habe ich bemerkt, daß,
wenn ihre Gaben auch oft sehr klein waren, sie sich selten weigerten,
den Bettlern Tsamba, Stücke Butter oder Tschura zu geben.
Der ältere Musikant hatte eine viereckige Keule durch den Gürtel
gesteckt, und von Zeit zu Zeit legte er sein Instrument nieder und
führte uns, die Keule als Schwert benutzend, eine Art kriegerischen
Tanzes vor. Ab und zu schwang er die Keule auch gegen Rücken und Kopf
des armen Knaben, um ihn zu größerer Lebhaftigkeit zu ermuntern, was
unter den Zuschauern gewöhnlich schallendes Gelächter hervorrief.
Am nächsten Tage machten wir uns unter wiederholtem Lebewohlsagen und
Freundschaftsbezeigungen von seiten unserer Wirte und Kerkermeister
auf den Weg nach dem Mansarowar und erreichten spät am Abend Dorf und
Gomba Tucker, wo wir in demselben Serai einkehrten, in dem ich auf
meiner Hinreise übernachtet hatte. Hier wurden uns alle unsere Fesseln
abgenommen, und wir genossen verhältnismäßige Freiheit, trotzdem vier
Mann an meiner Seite marschierten, wohin ich auch ging; die gleiche
Zahl beaufsichtigte Tschanden Sing und Man Sing. Natürlich erlaubte
man uns nicht, weit von dem Serai fortzugehen, doch durften wir im
Dorfe umherstreifen. Ich benutzte die Gelegenheit, ein Schwimmbad im
Mansarowarsee zu nehmen, und auch Tschanden Sing und Man Sing begrüßten
die Götter wieder mit neuen Salaams und sprangen in das heilige Wasser
hinein.
Die Lamas, die bei meinem ersten Besuche so freundlich gewesen, waren
jetzt außerordentlich mürrisch und grob. Nachdem sie bei unserer
Ankunft zugegen gewesen waren, kehrten sie alle in das Kloster zurück
und schlugen das Tor heftig hinter sich zu. Auch alle Dorfbewohner
zogen sich eilig in ihre Häuser zurück, so daß der Ort bis auf die paar
Soldaten, die uns umgaben, ganz verödet schien.
Der arme Man Sing, der ganz entkräftet und von Schmerzen gepeinigt
dicht neben mir saß und wie träumend auf den See blickte, hatte eine
seltsame Vision, die vielleicht die Folge von Fieber oder Erschöpfung
war.
[Illustration:
_Aquarellskizze von H. S. Landor._ _F. A. Brockhaus, Leipzig._
~DIE FESTUNG TAKLAKOT.~]
»O Sahib,« sagte er wie im Traume, obgleich er ganz wach war, »sieh,
sieh! Sieh die Menge Leute, die auf dem Wasser gehen. Es müssen mehr
als tausend Männer sein. O wie groß werden sie ... Und da ist Gott
... Siwa ... Nein, es sind Tibeter, sie kommen uns zu töten, es sind
Lamas! O komm, Sahib, sie sind so nahe ... O sie fliehen!« ...
»Wo sind sie?« fragte ich. Ich sah, daß der arme Bursche eine
Halluzination hatte. Seine Stirn brannte, er hatte hohes Fieber.
»Sie sind alle verschwunden!« rief er, als ich ihm die Hand auf die
Stirn legte und ihn aus seiner Verzückung weckte.
Einige Augenblicke schien er ganz betäubt zu sein, und als ich ihn
später fragte, ob er die gespenstische Menge wiedergesehen habe, konnte
er sich nicht erinnern, sie überhaupt gesehen zu haben.
Abends kamen die Eingeborenen, uns in dem Serai zu besuchen, und wir
hatten vielen Spaß mit ihnen, denn die Tibeter sind voll Humor. Was uns
anbetrifft, so war es nur natürlich, daß wir jetzt, da wir nur noch
zwei Tagemärsche bis Taklakot hatten, bei sehr guter Laune waren. Nur
noch zwei Tage Gefangenschaft, dann waren wir frei!
Es war noch dunkel, als wir geweckt wurden und den Befehl erhielten,
augenblicklich aufzubrechen. Die Soldaten zogen uns aus dem Serai
heraus. Wir baten sie, uns noch ein Bad in dem heiligen Mansarowar
nehmen zu lassen, was uns schließlich allen dreien erlaubt wurde. Das
Wasser war bitter kalt, und wir hatten nichts, womit wir uns abtrocknen
konnten.
Es war eine Stunde vor Sonnenaufgang, als wir auf unsere Jake gesetzt
wurden und, von etwa dreißig Soldaten umgeben, fortritten.
Als wir mehrere Stunden unterwegs waren, hielten unsere Wachen,
um ihren Tee einzunehmen. Nahe bei uns hatte ein Mann namens Suna
mit seinem Bruder und seinem Sohne, den ich in Garbyang getroffen,
ebenfalls haltgemacht. Von ihnen erfuhr ich, daß die Nachricht
über die Grenze gedrungen sei, ich und meine beiden Diener seien
enthauptet worden, und daß darauf ~Dr.~ Wilson und der politische
Peschkar Charak Sing über die Grenze gekommen seien, um sich über die
Tatsache zu vergewissern und den Versuch zu machen, mein Gepäck usw.
zurückzuerlangen.
Als ich hörte, daß sie noch in Taklakot seien, war meine Freude groß.
Ich überredete Suna, so schnell er könne zurückzukehren, um Wilson
mitzuteilen, daß ich gefangen sei und wo ich mich befände. Kaum hatte
ich Suna diesen Auftrag gegeben, als unsere Wachen den Mann und seinen
Bruder ergriffen und sie fortschickten, um sie an jeder weitern
Unterredung mit uns zu verhindern. Als wir wieder unterwegs waren, kam
ein Reiter auf uns zugeritten, der einen strengen Befehl von dem Jong
Pen von Taklakot brachte, uns nicht über den Lippupaß, den wir jetzt in
zwei Tagen erreichen konnten, nach der Grenze gehen zu lassen; sondern
uns über den entfernten Lumpiyapaß zu führen.
Um diese Jahreszeit mußte der Lumpiya fast unpassierbar sein, und
wir hätten eine weitere Reise von wenigstens sechzehn Tagen machen
müssen, zumeist über Eis und Schnee, was bei unserm ausgehungerten,
geschwächten Zustande unvermeidlich unser Tod gewesen wäre! Wir
verlangten nach Taklakot gebracht zu werden, aber unsere Wache
verweigerte dies. Inzwischen hatte der Jong Pen von Taklakot schon
andere Boten und Soldaten gesandt, die die Ausführung seiner Befehle
sichern und unser weiteres Vorgehen hindern sollten. Durch die Leute
von Taklakot verstärkt, zwangen uns unsere Wachen jetzt, den Weg
nach Taklakot zu verlassen, und so traten wir die Reise nach dem
eisigen Lumpiyapaß an. Dies war Mord; die Tibeter wußten dies wohl und
rechneten darauf, den indischen Behörden sagen zu können, daß wir im
Schnee eines natürlichen Todes gestorben seien.
Man teilte uns mit, unsere Begleiter sollten uns an der Stelle, wo der
Schnee anfing, verlassen, die Tibeter würden uns keine Lebensmittel,
keine Kleider und keine Decken geben, und wir sollten ganz auf uns
selbst angewiesen bleiben. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß dies
unsern sichern Tod bedeutete!
So beschlossen wir denn, uns nicht in unser Schicksal zu ergeben und
unsere letzte Karte auszuspielen. Als wir etwa vier Kilometer weit
nach Westen, in der Taklakot entgegengesetzten Richtung, marschiert
waren, weigerten wir uns, noch weiter in dieser Richtung zu gehen.
Wir sagten, wenn unsere Wachen etwa versuchen wollten, uns mit Gewalt
vorwärtszubringen, seien wir bereit, den Kampf mit ihnen aufzunehmen,
da es uns ganz gleichgültig sei, ob wir durch ihre Schwerter und
Luntenflinten sterben oder auf dem Lumpiyapaß erfrieren müßten.
Ganz verblüfft entschlossen sich die Wachen, für die Nacht an dieser
Stelle mit uns haltzumachen und einen Boten nach Taklakot zu senden,
der den Jong Pen benachrichtigen und um weitere Instruktionen bitten
sollte.
Während der Nacht kam der Befehl, daß wir weitergehen sollten;
infolgedessen rüsteten sich die Wachen am nächsten Morgen, uns wieder
auf den Weg nach dem Lumpiya zu bringen. Da nahmen wir drei halben
Leichen denn das letzte bißchen Kraft, das noch in uns war, zusammen
und machten mit Steinen einen plötzlichen Angriff auf die Tibeter.
Und so unglaublich es scheinen mag -- unsere feigen Wachen machten
kehrt und rissen aus! Während wir nun in der Richtung auf Taklakot
gingen, folgten uns die Schurken in einiger Entfernung und baten uns
flehentlich, uns nicht mehr zu widersetzen und mit ihnen dahin zu
gehen, wo sie uns hin haben wollten. Täten wir es nicht, so würden,
sagten sie, ihnen allen die Köpfe abgeschlagen. Wir hörten nicht auf
sie und hielten sie uns dadurch vom Leibe, daß wir weiter mit Steinen
nach ihnen warfen.
Unglücklicherweise begegneten wir, als wir erst wenige Kilometer
zurückgelegt hatten, einem großen Trupp Soldaten und Lamas, die vom
Jong Pen ausgeschickt waren, um Anstalten zu unserer Hinrichtung zu
treffen. Unbewaffnet, verwundet, ausgehungert und erschöpft, wäre
es für uns gänzlich nutzlos gewesen, gegen eine solche Übermacht zu
kämpfen. Als sie jedoch sahen, daß wir frei dahergingen, schickten sie
sich an auf uns zu schießen.
An der Spitze dieser Gesellschaft waren der erste Minister, ein Mann
namens Lapsang, und der Privatsekretär des Jong Pen. Ich ging auf
sie zu, um ihnen die Hand zu geben, und hielt eine lange, stürmische
Unterredung mit ihnen; sie blieben aber fest und bestanden darauf, daß
wir jetzt, da wir kaum mehr als einen Steinwurf von der Grenze entfernt
waren, wieder umkehren und über den hohen Lumpiyapaß gehen müßten.
Dies sei der Befehl des Jong Pen, dem sie ebenso wie ich zu gehorchen
hätten. Sie wollten uns weder Reittiere noch Kleider schenken oder
verkaufen, wozu die kleine Geldsumme, die ich noch bei mir trug, genügt
hätte: sie wollten uns nicht einmal das kleinste bißchen Proviant
geben. Dagegen protestierten wir nachdrücklich, indem wir sagten, daß
wir es vorzögen, zu sterben, wo wir seien. Wir forderten sie auf, uns
gleich auf der Stelle zu töten, da wir nicht einen Schritt weiter nach
Westen gehen würden.
Jetzt machten Lapsang und der Privatsekretär des Jong Pen den schlauen
Vorschlag, ich solle ihnen die Namen der Schokas, die mich nach Tibet
begleitet hatten, schriftlich geben; wahrscheinlich beabsichtigten sie,
deren Land und fahrende Habe zu konfiszieren. Da ich sagte, ich könne
nicht tibetisch oder hindostanisch schreiben, baten sie mich, englisch
zu schreiben. Dies tat ich denn, setzte aber an Stelle der Namen meiner
Leute höhnische Bemerkungen, die den Tibetern wohl einige Überraschung
bereitet haben werden, als sie sich das Dokument übersetzen ließen.
Weil sie sich jedoch weigerten, uns auf der Stelle zu töten, und weil
Lapsang sich uns gegenüber sehr höflich zeigte und es sich sogar als
persönliche Gunst für sich ausbat, daß wir über den Lumpiyapaß gingen,
beschloß ich nach einigem Widerstreben, doch lieber ihre Bedingungen
anzunehmen, als jetzt, da wir dem britischen Boden so nahe waren, noch
mehr Zeit zu verlieren. --
Wir waren unter der Eskorte dieser großen Streitmacht bis dicht vor
Kardam gekommen, als ein Reiter in vollem Galopp auf uns zusprengte und
unsere Gesellschaft anrief. Wir hielten an, der Mann holte uns ein und
übergab Lapsang einen Brief. Dieser enthielt den Befehl, uns sogleich
nach Taklakot zu bringen.
Nun gingen wir auf demselben Wege wieder zurück, überschritten das
wellenförmige Plateau über dem Gakkonflusse und erreichten spät abends
das Dorf Dagmar, eine eigentümliche Niederlassung. Die Eingeborenen
wohnen in Höhlen, die in die hohen Lehmwände des engen Tales gegraben
sind.
Nachdem Lapsang, der Privatsekretär des Jong Pen und der größere Teil
ihrer Soldaten die Pferde gewechselt hatten, ritten sie nach Taklakot
weiter. Wir aber mußten hier haltmachen, als ein neuer Brief vom Jong
Pen kam, in dem er sagte, daß er sich anders besonnen habe und daß wir
trotz alledem über den Lumpiyapaß gehen müßten!
Während der Nacht entstand in dem Orte eine große Aufregung; die Leute
rannten schreiend hin und her, und eine große Menge Reiter kam an.
Das tibetische Land ist sozusagen an Beamte verpachtet, die allmählich
kleine Lehnskönige geworden sind und gewöhnlich miteinander in
Feindschaft leben. Dieser Eifersucht und gewissen Streitigkeiten über
das Wegerecht hatten wir auch das nächtliche Erscheinen dieser neuen
Armee zuzuschreiben.
Es waren im ganzen 150 Mann, alle mit Luntenflinten und Schwertern
bewaffnet. Der Anführer der Bande kam mit acht oder zehn Offizieren zu
mir und sprach so aufgeregt, daß ich befürchten mußte, es stünden uns
Unannehmlichkeiten bevor. Dem war in der Tat so. Die neuen Ankömmlinge,
Offiziere und Soldaten aus Gyanema, Kardam und Barka, brachten den
strengen Befehl von dem Tarjum von Barka, daß wir unter keiner
Bedingung durch seine Provinz oder über den Lumpiyapaß gehen dürften.
Dies war spaßhaft und peinlich zugleich; denn nun war für uns gar kein
Weg über die Grenze offen.
Als unsere Wachen und einige von den Leuten des Jong Pen, die
zurückgeblieben waren, sahen, daß sie sich in der Minderheit befanden,
hielten sie es für geraten, sich zu verziehen; ich aber, natürlich
nur darauf bedacht, so schnell als möglich aus dem Lande zu kommen,
stimmte allem bei, was die Leute von Gyanema sagten, und ermutigte
sie sogar, für den Fall, daß der Jong Pen noch weiter darauf bestehen
sollte, daß ich des Tarjums Provinz passieren müsse, den Kampf gegen
ihn aufzunehmen. Alle Wege, die aus dem Lande führten, waren uns jetzt
verschlossen, und ich sah ein, daß wir, wenn wir nicht unsere Zuflucht
zur Gewalt nähmen, überhaupt nie entkommen würden.
Die Leute aus Gyanema fragten mich, ob ich sie im Falle eines Kampfes
mit den Soldaten des Jong Pen anführen würde. Obgleich ich kein sehr
großes Zutrauen zu ihrem Mut hatte, nahm ich doch den Posten als
zeitweiliger Oberfeldherr an, wobei ich Tschanden Sing und Man Sing auf
der Stelle zu meinen Adjutanten beförderte. Wir verbrachten den größten
Teil der Nacht mit dem Ausbrüten unsers Angriffsplanes auf die Truppen
des Jong Pen. Als alles in Ordnung war, überreichten mir die Tibeter
zum Zeichen ihrer Dankbarkeit eine Hammelkeule, etwas Tsamba und zwei
Stück Ziegeltee.
Der Morgen kam, und ich erhielt ein schönes Reitpferd; ebenso Tschanden
Sing und Man Sing. Dann machten wir uns fröhlich auf den Weg nach
Taklakot, gefolgt von meinen tibetischen Truppen, einer schönen
Kavalkade. Wir hatten erfahren, daß der Jong Pen seine Leute an einem
gewissen Punkte der Straße konzentrierte, um uns den Weg zu versperren,
und diesen Punkt wollten wir mit Gewalt nehmen. Meine Tibeter sagten,
sie haßten des Jong Pens Leute und sie würden sie alle niedermetzeln,
wenn sie Widerstand leisteten.
»Aber sie sind solche Feiglinge,« erklärte einer der tibetischen
Offiziere, »daß sie ausreißen werden.«
Alle diese Reden hörten plötzlich auf, als wir das ferne Geläute der
Pferdeglocken unserer Feinde hörten. Obgleich ich meine Leute so gut
ich konnte ermutigte, brach eine förmliche Panik unter ihnen aus. Die
Mannschaften des Jong Pen kamen in Sicht, und gleich darauf wurde ich
Zeuge des seltsamen Schauspiels von zwei einander gegenüberstehenden
Armeen, von denen jede vor der andern Todesangst hatte.
Ungeachtet meiner Vorstellungen legten beide Parteien mit ängstlichem
Eifer die Luntenflinten und Schwerter auf die Erde, um zu zeigen,
daß sie nur friedliche Absichten hegten. Dann wurde eine stürmische
Konferenz abgehalten, bei der jeder bereit schien, jedem gefällig zu
sein, nur nicht mir.
Während dies noch vor sich ging, kam ein Reiter mit einer Botschaft von
dem Jong Pen an, durch die uns endlich zu allgemeiner Befriedigung die
Erlaubnis gegeben wurde, nach Taklakot weiterzuziehen.
Mein Heer ging seinen Weg wieder nach Nordwest zurück, und ich,
von dem hohen militärischen Posten, den ich nur für wenige Stunden
innegehabt, abgesetzt, wurde wieder ein Zivilist und Gefangener.
Über kahle Felsen wurden wir auf einem steinigen Wege unter großer
Eskorte am Gakkonflusse entlang geführt. Nachdem wir auf steilem Pfade
hinabgestiegen waren, gelangten wir in einen dichtbevölkerten Distrikt,
wo aus Stein gebaute Häuser über die ganze Landschaft verstreut waren.
Zu unserer Linken sahen wir das große Kloster von Delaling, in einiger
Ferne die Gomba von Sibling. Dann gingen wir in einem großen Bogen
zwischen Steinen und Blöcken um den hohen, schön geformten Berg herum,
auf dessen Gipfel die Festung und die Klöster von Taklakot standen.
An dieser Stelle angelangt, überfiel uns plötzlich so große Angst, daß
abermals Zwischenfälle eintreten und wir wieder zurückgebracht werden
könnten, daß Tschanden Sing und ich, sobald wir die hölzerne Brücke
über den Gakkon glücklich passiert und das große Schokalager am Fuße
des Hügels bemerkt hatten, unsern Pferden die Peitsche gaben und unsern
Wachen entflohen. So schnell wir konnten, galoppierten wir an der hoben
Wand entlang, wo Hunderte von Menschen in Lehmhöhlen wohnen, und --
befanden uns endlich wieder unter Freunden!
Vierundvierzigstes Kapitel.
In die Heimat.
Die Schokas, die hierher zum Markte gekommen waren, um ihre Waren gegen
tibetische einzutauschen, waren starr vor Staunen, als sie uns sahen,
und sie erkannten uns kaum.
Wir fragten natürlich sofort nach ~Dr.~ Wilson, und als wir ihn sahen,
fanden wir, daß auch er uns kaum mehr erkannte, so verändert sahen wir
aus. Er schien über unser Aussehen tief bewegt.
Als die Nachricht von unserer Ankunft sich im Lager verbreitete, wurde
uns von allen, die nicht Tibeter waren, die größte Freundlichkeit
erwiesen. In einer Ecke von Wilsons Zelt befand sich eine große
Quantität Kandiszucker, mehrere Pfund; ich war so verhungert, daß
ich davon große Stücke schnell verschlang. Später brachten meine
Schokafreunde Geschenke aller Art in Gestalt von Eßwaren herbei, aus
denen des Doktors Koch ein üppiges Mahl zu bereiten hatte.
Der politische Peschkar Charak Sing erschien schleunig mit einem Anzuge
zum Wechseln für mich, und ~Dr.~ Wilson gab mir andere Kleidungsstücke.
Mein eigener zerlumpter Anzug wimmelte buchstäblich von Läusen, denn
unsere Wachen hatten uns nie erlaubt, die Kleider zu wechseln, noch je
davon hören wollen, daß wir uns wüschen. Nur durch eine ganz besondere
Gunst war uns damals gestattet worden, in dem heiligen Mansarowarsee zu
baden.
[Illustration:
_Aquarellskizze von H. S. Landor._ _F. A. Brockhaus, Leipzig._
~DER TARJUM VON TOKTSCHIM.~]
Später am Tage untersuchte ~Dr.~ Wilson meine Wunden und Verletzungen
und sandte darüber ausführliche Berichte direkt an die indische
Regierung und an verschiedene Landesbehörden.