Er gab den Befehl, in einiger Entfernung ein Loch in den Boden zu
graben und die Platten sofort hineinzuversenken. Aber die Soldaten,
denen der Befehl erteilt wurde, schienen keine Lust zu haben, die
Platten zu berühren, und mußten erst von den Lamas gescholten und
geschlagen werden, ehe sie gehorchten. Endlich schoben sie den Kasten
mit den Negativen mit den Füßen nach einer etwas abgelegenen Stelle.
Dort gruben sie nach Hundeart mit den Händen ein tiefes Loch in den
schlammigen Boden. Ich mußte sehen, wie meine Arbeit von mehreren
Wochen für immer mit Erde bedeckt wurde! Es war ein harter Schlag für
mich.
Jetzt kam mein Malkasten mit seinen Wasserfarben an die Reihe.
»Was tust du mit diesen?« rief der zornige Lama und wies auf die
harmlosen Farben.
»Ich male Bilder.«
»Nein, du lügst! Mit dem Gelb findest du, wo Gold im Lande ist, und mit
dem Blau entdeckst du, wo Malachit ist.«
Ich versicherte ihm, daß dem nicht so sei, und sagte, daß, wenn
man mich losbinden wolle, ich, sobald ich den Gebrauch meiner Arme
wiedererlangt hätte, von ihm ein Bild malen würde. Klugerweise zogen
die Lamas aber vor, mich gebunden zu lassen.
Jetzt wurde ihre ganze Aufmerksamkeit durch eine beträchtliche Summe in
Silber und Gold in Anspruch genommen, die sie in den Kisten fanden; der
Pombo warnte das Volk, daß keine einzige Münze gestohlen werden dürfe.
Diese Gelegenheit benutzte ich, dem Lamakloster eine Opfergabe von
500 Rupien anzubieten; dem Pombo aber sagte ich, daß es mich freuen
würde, wenn er mein Henry-Martini-Gewehr, das, wie ich bemerkt hätte,
ihm gefiele, als ein Geschenk annehmen wolle.
Beide Geschenke wurden abgelehnt, da das Lamakloster, wie sie sagten,
sehr reich sei, und des Pombo Stellung als Beamter ihm nicht erlaube,
ein Gewehr zu tragen. Indessen war der Pombo von dem Anerbieten ganz
gerührt und kam, sich persönlich bei mir zu bedanken.
In ihrer Art waren die Schurken in ihrem Betragen anständig genug, und
ich konnte nicht umhin, die Höflichkeit und Grausamkeit an ihnen zu
bewundern, die sie in jedem Augenblick ein- und ausschalten konnten.
Sie waren auf dem Grunde der wasserdichten Kiste angelangt, und mit
großem Mißtrauen zog der Pombo einen sonderbaren plattgedrückten
Gegenstand heraus.
»Was ist das?« fragte er und hob den Gegenstand wie gewöhnlich in die
Höhe.
Meine Sehkraft war so geschwächt, daß ich nicht deutlich unterscheiden
konnte, was es war. Aber als sie das Ding vor meiner Nase schwenkten,
erkannte ich es als meinen lange verlegten, jetzt trockenen und
plattgedrückten Badeschwamm, den Tschanden Sing mit seiner gewöhnlichen
Geschicklichkeit im Packen auf dem Boden der Kiste untergebracht
hatte, um dann die schweren Kästen mit den photographischen Platten
daraufzutürmen. Infolge der Last, die wochenlang auf ihm gelegen hatte,
war der Schwamm, der eigentlich sehr groß war, auf weniger als zwei
Zentimeter Dicke zusammengedrückt.
Den Tibetern machte dieser neue Fund, der, wie sie sagten, dem Zunder
glich, viel Kopfzerbrechen; er wurde mit großer Vorsicht angefaßt, da
einige der Lamas sagten, er könnte explodieren.
Als ihre Neugier befriedigt war, nahmen sie ihn und warfen ihn fort. Er
fiel in meiner Nähe in eine kleine Wasserlache. Das war eine goldene
Gelegenheit, meine Kerkermeister zu erschrecken, und so redete ich den
Schwamm in englischer Sprache und mit beliebigen Worten, die mir in den
Mund kamen, an, indem ich tat, als ob ich Zauberformeln ausspräche.
Natürlich richtete sich die Aufmerksamkeit der Lamas und Soldaten
augenblicklich auf mein sonderbares Benehmen, und sie konnten ihren
Schrecken nicht verbergen, als der Schwamm, indem ich lauter und immer
lauter zu ihm sprach, allmählich durch das eingesogene Wasser zu seiner
normalen Größe aufschwoll.
Die Tibeter, die bei diesem unverständlichen Vorgang erst ihren Augen
nicht trauen wollten, wurden bei dieser vermeintlichen Bekundung meiner
geheimen Kräfte von solchem Schrecken ergriffen, daß eine allgemeine
eilige Flucht nach allen Seiten erfolgte.
Alles dies war unterhaltend und diente jedenfalls dazu, die Zeit zu
vertreiben. Die ergötzlichste Szene dieses Nachmittags sollte jedoch
noch kommen.
Einundvierzigstes Kapitel.
Der Tanz des Pombo.
Nach einiger Zeit rafften die Lamas ihren Mut wieder zusammen und
gingen nach der Stelle zurück, wo mein Gepäck durchstöbert worden war.
Einer von ihnen nahm mein Henry-Martini-Gewehr, und die andern drängten
ihn, es abzuschießen. Nun kam er zu mir, und als ich ihm erklärt hatte,
wie es geladen würde, legte er eine Patrone in die Kammer, bestand aber
darauf, das Schloß nicht fest zu schließen. Als ich ihn vor den Folgen
warnte, schlug er mich mit dem Kolben des Gewehrs über den Kopf.
Bei dem Zielen mit ihren Luntenflinten, an denen eine Stütze befestigt
ist, ist es tibetischer Brauch, den Kolben vor die Nase zu halten,
anstatt ihn, wie wir es tun, fest an die Schulter zu legen. So zielte
auch der Lama in dieser Weise auf einen meiner Jake, die ungefähr
dreißig Meter von uns friedlich grasten. Während alle ängstlich
aufpaßten, um zu sehen, welchen Erfolg der Schuß haben würde, drückte
er ab; das Gewehr ging mit einem besonders lauten Knall los, und siehe,
der Lauf zerplatzte, und der heftige Rückschlag gab dem Lama einen
furchtbaren Stoß ins Gesicht. Das aus seinen Händen fliegende Gewehr
beschrieb einen Purzelbaum in der Luft, und der Lama fiel rückwärts auf
die Erde, wo er, lang ausgestreckt, über und über blutend, liegenblieb
und wie ein Kind jämmerlich schrie. Seine Nase war zerquetscht, ein
Auge ausgeschlagen, und die Zähne waren ihm zertrümmert!
Ich muß erwähnen, daß der verwundete Lama an der Spitze der Partei
stand, die meine Enthauptung verlangte, und so war es denn natürlich,
daß ich in lautes Gelächter ausbrach, um meiner Freude darüber Luft zu
machen, daß er jetzt so bestraft wurde. Ich war froh, daß sie mich noch
einen Tag länger hatten leben lassen, und wäre es auch nur gewesen, um
den Unfall des Lamas sehen zu können!
Der Pombo, der mich fast während des ganzen Nachmittags mit einer
halb mitleidigen, halb ehrerbietigen Miene angesehen hatte, als ob
er gegen seinen Willen gezwungen wäre, mich so brutal zu behandeln,
konnte nicht umhin, in mein Gelächter über des Lamas jämmerliche Lage
einzustimmen. In einer Art, glaube ich, war er froh, daß der Unfall
geschehen war. Denn, wenn er bis dahin noch ungewiß gewesen war, ob er
mich töten solle oder nicht, so sah er nach dem, was vorgefallen war,
ein, daß es nicht klug sein würde, es zu versuchen. Von einem goldenen
Ringe, den man mir am Tage unserer Gefangenschaft genommen und den
ich immer wieder zurückverlangt hatte, da er mir von meiner Mutter
geschenkt war, glaubten sie, daß er wunderbare Kräfte besäße, solange
ich ihn am Finger trüge; aus Furcht, daß ich mit seiner Hilfe meine
Fesseln brechen und entfliehen könnte, hielten sie ihn nun fern von
mir verborgen. Eine aufgeregte Beratung, die von dem Pombo, den Lamas
und den Offizieren abgehalten wurde, endigte gegen Sonnenuntergang
damit, daß mehrere Soldaten kamen und mir die Beine von dem Streckblock
losmachten; meine Hände wurden, wenn auch noch in den Handschellen,
doch von dem Pfahl hinter mir heruntergelassen.
Als die um meine Knöchel gebundenen Stricke aus den Rinnen, die sie ins
Fleisch geschnitten hatten, gelöst wurden, gingen große Stücke Haut mit
ihnen ab. So endeten die schrecklichsten vierundzwanzig Stunden, die
ich je erlebt habe. --
Zuerst, als ich platt auf dem Boden lag, fühlte ich nur sehr wenig
Erleichterung; denn Körper und Beine waren steif und wie tot, und als
die Zeit hinging, ohne daß sich auch nur eine Spur von wiederkehrendem
Leben in ihnen zeigte, fürchtete ich, daß gänzliches Absterben
eingetreten sei und daß ich den Gebrauch meiner Füße für immer verloren
hätte. Es dauerte zwei oder drei Stunden, bis das Blut wieder in
meinem rechten Fuße zu zirkulieren begann, und die Schmerzen dabei
waren furchtbar. Hätte man mir eine Handvoll Messer langsam durch die
Innenseite des Beines gezogen, der Schmerz hätte nicht entsetzlicher
sein können. Meine Arme waren nicht ganz so schlimm, obgleich auch sie
erstarrt waren, aber der Blutumlauf kam schneller wieder in Gang.
Mittlerweile hatte der Pombo, ich weiß nicht, um mich zu amüsieren
oder um mit seinen Reichtümern zu prunken, den Befehl gegeben, daß
etwa hundert Pferde, einige darunter mit prächtiger Aufzäumung,
herbeigebracht würden. Er bestieg das schönste und ritt, das furchtbare
Taram, den Eisenstab, in der Hand haltend, um den Hügel herum, auf dem
das Kloster und die Festung standen.
Bei seiner Rückkehr hielt er seinen Leuten eine Rede, und dann begann
eine Folge von Spielen, wobei der Pombo sich in meine Nähe setzte und
mich gespannt beobachtete, um zu sehen, wie mir die Schaustellung
gefiel. Zuerst wurden die besten Schützen ausgewählt, die einer nach
dem andern mit ihren Luntenflinten auf meine nur wenige Schritt
entfernten Jake schossen; aber trotzdem sie sorgfältig und bedächtig
zielten, gelang es ihnen nicht, sie zu treffen. Ich merkte, daß sie mit
Kugeln schossen, denn ich konnte das Zischen der Geschosse hören.
Hierauf folgte eine sehr interessante Vorführung von Reiterkünsten.
Hätte ich nicht während der ganzen Zeit unter qualvollen Schmerzen
gelitten, so würde ich mehr Vergnügen daran gehabt haben, indessen trug
das Schauspiel doch viel dazu bei, mich aufzuheitern. Zuerst fanden
Wettrennen statt, bei denen nur je zwei Pferde zugelassen wurden;
zuletzt rannten die beiden Gewinner der letzten Einzelrennen; dem
Sieger wurde eine Kata überreicht. Dann ritt ein Reiter, der eine Kata
in der Luft schwenkte, in tollem Galopp voran, während zwanzig andere
dicht hinter ihm folgten. Er ließ die Kata aus der Hand fliegen, und
als sie auf den Boden niedersank, folgten die Reiter dem ersten und
ritten mit ihm eine kleine Strecke weit; dann galoppierten sie auf
ein gegebenes Zeichen alle wieder stürmisch nach der Stelle zurück
und versuchten, indem sie sich von den Pferden herabbogen, die Kata
aufzunehmen, ohne vom Pferde zu steigen. Einige der jüngern Männer
zeigten hierbei viel Geschick.
Eine andere Übung bestand darin, daß ein Reiter in vollem Galopp auf
einen stillstehenden Fußsoldaten zuritt, ihn bei den Kleidern ergriff
und in den Sattel emporhob.
Die Schaustellung interessierte mich sehr, und ich äußerte so große
Bewunderung für die Pferde, daß der Pombo den Befehl gab, mir die
besten vorzuführen, und daß er mich dann in eine sitzende Stellung
aufrichten ließ, damit ich sie besser sehen könne. Der Pombo war jetzt
sehr aufmerksam und höflich.
Es war mir eine große Erleichterung, denn ich litt mehr unter meiner
demütigenden Lage als unter den Folterqualen selbst. Nun sagte mir der
Pombo, daß ich nach dem Zelte blicken solle; dann stand er auf und ging
auf dasselbe zu.
Die Öffnung des Zeltes war über 6 Meter breit. Damit ich alles sehen
könne, was drinnen vor sich ging, kamen einige Soldaten und zogen mich
dicht davor.
Zwei dicke Lamas traten mit dem Pombo in das Zelt; die andern Leute,
die darin waren, wurden hinausgewiesen. Nachdem sie das Zelt für ein
paar Minuten geschlossen hatten, öffneten sie es wieder. Inzwischen
rief ein Gong die Lamas aus dem Kloster herab; es dauerte nur wenige
Minuten, bis eine Schar von ihnen kam und ihre Plätze im Zelt einnahm.
In seinem gelben Rocke und ebensolchen Hosen, den spitzen Hut auf dem
Kopfe, saß der Pombo auf einer Art von hochlehnigem Stuhl in der Mitte
des Zeltes; neben ihm standen die beiden Lamas, die zuerst mit ihm
eingetreten waren. Ohne Zweifel befand sich der Pombo in hypnotischer
Verzückung. Er saß regungslos da, die Hände flach auf die Knie gelegt
und den Kopf hoch aufgerichtet. Seine Augen starrten unbeweglich.
Einige Minuten lang blieb er in diesem Zustand, und alle Soldaten und
das Volk, die sich vor dem Zelte versammelt hatten, warfen sich auf
die Knie, legten ihre Mützen auf die Erde und murmelten Gebete. Nun
legte der eine der beiden Lamas, ein Bursche von anscheinend großer
magnetischer Kraft, seine Hand auf die Schulter des Pombo, dessen Arme
sich langsam mit ausgestreckten Händen erhoben und lange Zeit wie in
einem kataleptischen Zustande so blieben, ohne sich auch nur um eines
Zolles Breite zu rühren.
Darauf berührte der Lama den Hals des Pombo mit seinen Daumen und rief
dadurch eine schnelle, von links nach rechts gehende kreisförmige
Bewegung des Kopfes hervor.
Während der Hypnotiseur gewisse Beschwörungsformeln sprach, fing der
Pombo an, die außerordentlichsten Gliederverrenkungen zu machen, indem
er die Arme, den Kopf, den Rumpf und die Beine wie eine Schlange
bewegte. Er arbeitete sich in eine Raserei hinein oder wurde vielmehr
in diese hineingearbeitet, welcher Zustand einige Zeit dauerte. Die
Menge der Gläubigen zog sich immer näher an den Pombo heran, wobei sie
inbrünstig betete und tiefe Seufzer und Rufe der Bewunderung und fast
des Schreckens bei einigen der unmöglichsten Verrenkungen ausstieß.
Dann und wann schloß diese unheimliche Art von Tanz mit einer seltsamen
Stellung ab; der Pombo klappte dann so zusammen, daß sein Kopf fast
den Boden berührte und sein langer Hut flach auf dem Boden ruhte. Wenn
er sich in dieser Stellung befand, gingen die Zuschauer einer nach dem
andern hin, berührten seine Füße mit den Fingern, warfen sich nieder
und begrüßten ihn mit feierlichen Salaams. So ging es einige Zeit fort,
bis schließlich der Hypnotiseur den Kopf des Pombo zwischen seine
Hände nahm, ihm in die Augen starrte, seine Stirn rieb und ihn aus der
Hypnose erweckte.
Der Pombo war bleich und erschöpft. Er lehnte sich auf dem Stuhl
zurück, und sein Hut fiel ihm vom Kopfe, der glatt geschoren war, ein
unverkennbares Zeichen, daß er ein Lama von hohem Range war.
Nach dieser religiösen Vorstellung wurden an alle anwesenden Tibeter
Katas verteilt, die sie zusammenfalteten und in ihre Röcke steckten.
Als der Pombo aus seinem Prunkzelte herauskam, sagte ich ihm, daß der
Tanz wunderschön sei, aber daß ich großen Hunger hätte. Er fragte mich,
was ich essen wolle, und ich sagte, daß ich gern etwas Fleisch und Tee
haben möchte.
Bald darauf wurde mir ein großes Gefäß mit köstlichem gedämpftem
Jakfleisch und auch Tsamba im Überfluß gebracht. Aber trotzdem ich
ganz ausgehungert war, hatte ich die größte Mühe, auch nur einige
Bissen hinunterzuschlucken. Dies rührte, wie ich glaube, von den
Verletzungen meines Rückgrats und von dem Absterben der Glieder her,
das augenscheinlich meinen ganzen Organismus angegriffen hatte.
Als der Pombo sich zurückgezogen hatte und die Nacht herankam, wurde
ich wieder an den Streckblock gebunden, diesmal aber mit nicht so weit
auseinandergezerrten Gliedern. Auch meine Hände wurden wieder hinten an
den Pfahl gebunden, doch ohne sie besonders anzuspannen.
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Plötzliche Wendung meines Schicksals.
Spät am Abend kam ein halbes Dutzend Lamas aus dem Kloster mit einem
Lichte und einer großen Messingschale, die, wie sie sagten, Tee
enthielt. Unter ihnen war der verwundete Lama mit ganz verbundenem
Kopfe. Er wünschte so dringend, daß ich etwas davon tränke, um mich
während der kalten Nacht warm zu erhalten, daß ich mißtrauisch wurde.
Als sie mir eine Schale mit dem Tranke an die Lippen brachten, nippte
ich nur ein wenig davon und lehnte es ab, mehr zu trinken, wobei ich
das, was sie mir in den Mund gezwungen hatten, ausspie. Ein paar
Tropfen hatte ich hinuntergeschluckt, und nach wenigen Minuten empfand
ich schneidende, qualvolle Schmerzen im Magen, die noch mehrere Tage
danach anhielten. Ich kann daraus nur schließen, daß das dargebotene
Getränk vergiftet gewesen sein muß.
Am folgenden Tage begann mein linker Fuß, der, seitdem ich zum
erstenmal von der Streckfolter losgebunden worden, leblos geblieben
war, sich zu bessern, und der Blutumlauf stellte sich allmählich wieder
ein; die Schmerzen waren unerträglich.
Am Morgen schien Unentschiedenheit darüber zu herrschen, was mit
uns geschehen sollte. Mehrere Lamas wünschten immer noch, daß wir
enthauptet würden, der Pombo und die andern indessen hatten sich schon
am vorigen Abend fest entschlossen, uns an die Grenze zurückzuschicken.
[Illustration: Höhlendorf Dagmar.]
Unglücklicherweise hatte aber der Pombo, wie später Lamas dem
britischen Peschkar Charak Sing erzählten, während der Nacht eine
Vision gehabt, in der ihm ein Geist sagte, daß, wenn er uns nicht töte,
er und sein Land von einem großen Unglück betroffen werden würden.
[Illustration: Soldat ein Schaf durch Ersticken tötend.]
»Du kannst den Plenki töten«, soll der Geist gesagt haben, »und niemand
wird dich strafen, wenn du es tust. Die Plenkis fürchten sich, gegen
die Tibeter zu kämpfen.«
[Illustration: Der Unglücksprophet.]
Da unter den Lamas kein wichtiger Schritt ohne Beschwörungen getan
wird, so befahl der Pombo einem Lama, eine Locke meines Haares
abzuschneiden, was er mit einem sehr stumpfen Messer tat. Mit ihr
in der Hand ritt der Pombo zum Lamakloster hinauf, um das Orakel zu
befragen. Die Locke wurde zur Untersuchung abgegeben, und es scheint,
als habe das Orakel nach gewissen Beschwörungen geantwortet, ich müsse
enthauptet werden oder das Land würde in große Gefahr geraten.
Scheinbar enttäuscht ritt der Pombo zurück und befahl jetzt, einen
meiner Fußnägel abzuschneiden; nach dieser Operation wurde das Orakel
wieder gefragt, was zu tun sei, und leider gab es dieselbe Antwort.
Der hohe Gerichtshof der versammelten Lamas hält gewöhnlich drei
solcher Beratungen ab; beim drittenmal bringen die Tibeter, um die
Entscheidung des Orakels zu erlangen, ein Stück von einem Fingernagel
mit. Der Lama, der im Begriff stand, mir dieses Stück abzuschneiden,
untersuchte meine nach hinten gebundenen Hände, und als er meine Finger
ausspreizte, äußerte er große Überraschung und Erstaunen. Im nächsten
Augenblick kamen alle Lamas und Soldaten herangelaufen, um meine
gefesselten Hände zu untersuchen: eine Wiederholung dessen, was ich in
dem Kloster von Tucker erlebt hatte. Auch der Pombo kam, als er davon
benachrichtigt wurde, unverzüglich herbei und betrachtete meine Finger;
das Gerichtsverfahren wurde sofort eingestellt.
Als ich einige Wochen später befreit worden war, gelang es mir, von
den Tibetern den Grund ihres Erstaunens zu erfahren. Meine Finger sind
etwas höher zusammengewachsen, als gewöhnlich der Fall ist, und diese
Eigentümlichkeit wird in Tibet sehr hoch geschätzt. Wer solche Finger
besitzt, dessen Leben ist nach tibetischem Glauben durch Zauber gefeit;
was auch die Menschen versuchen mögen, ihm kann kein Leid geschehen. Es
kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser lächerliche Aberglaube
viel dazu beitrug, des Pombo Entscheidung über unser Schicksal zu
beschleunigen.
So befahl denn der Pombo, daß mein Leben geschont werden und daß
ich noch an demselben Tage meine Rückreise nach der indischen Grenze
antreten solle. Von meinem eigenen Gelde nahm er 120 Rupien, die er
mir für meine Bedürfnisse während der Reise in die Tasche steckte, und
befahl, daß ich, wenn auch noch gefesselt, doch freundlich behandelt
werden sollte, ebenso meine Diener.
Als alles bereit war, wurden Man Sing und ich zu Fuß nach Toxem
geführt; unsere Wache bestand aus ungefähr fünfzig Reitern. Trotz
unserer schlimmen, zerfleischten Füße, trotz unserer schmerzenden
Knochen und der Wunden, mit denen wir bedeckt waren, mußten wir
mit großer Eile marschieren. Die Soldaten hatten mich wie einen
Hund am Halse gebunden und zogen mich vorwärts, wenn ich keuchend,
erschöpft und elend mit den Pferden nicht Schritt halten konnte. Wir
durchschritten mehrere kalte Ströme und sanken bis zu den Hüften in
Wasser und Schlamm.
In Toxem sah ich zu meiner großen Freude Tschanden Sing noch am Leben.
Er war in dem Lehmhause gefangengehalten worden, wo er drei Tage lang
aufrecht an einen Pfahl gebunden war und vier Tage lang weder etwas
gegessen noch getrunken hatte!
Man hatte ihm gesagt, ich sei enthauptet worden. Er war in einem
furchtbaren Zustand; infolge seiner Wunden, der Kälte und des Hungers
war er dem Tode nahe.
Wir mußten die Nacht über hierbleiben. Wir erstickten fast vor Rauch
in einem der Zimmer des Lehmhauses, das mit Soldaten vollgepfropft
war, die in Gesellschaft einer Frau von anscheinend leichten Sitten
die ganze Nacht spielten, sangen, fluchten und rauften und uns dadurch
hinderten, auch nur ein paar Minuten zu schlafen.
Am nächsten Morgen wurden Tschanden Sing und ich bei Sonnenaufgang
auf Jake gesetzt. Der arme Man Sing mußte zu Fuß gehen und wurde
unbarmherzig geschlagen, wenn er, müde und erschöpft, hinfiel oder
zurückblieb. Sie banden ihm wieder einen Strick um den Hals und rissen
ihn in brutalster Weise vorwärts. Wir hatten starke Wachen, die uns
am Entfliehen hindern sollten; diese forderten an allen Lagerplätzen
frische Relais von Jaken und Pferden und Nahrungsmittel für sich, so
daß wir sehr schnell vorwärtskamen. In den ersten fünf Tagen legten
wir 295 Kilometer zurück, wobei die beiden längsten Tagemärsche je 70
und 75 Kilometer betrugen; nachher machten wir keine so großen Märsche
mehr.
Auf diesen langen Märschen litten wir viel, da die Soldaten uns
mißhandelten und aus Furcht, daß wir zu kräftig werden könnten, uns
nicht erlauben wollten, täglich zu essen. Sie gaben uns nur alle zwei
oder drei Tage etwas. Unsere Erschöpfung und die Schmerzen, die das
Reiten auf den elenden Jaken uns bei unsern Wunden verursachte, waren
schrecklich.
Man hatte uns all unsere Habe genommen; unsere Kleider waren zerlumpt
und wimmelten von Ungeziefer. Wir waren barfuß und fast nackt. Die
ersten paar Tage marschierten wir manchmal von vor Sonnenaufgang
bis ein oder zwei Stunden nach Sonnenuntergang. Wenn wir das Lager
erreichten, wurden wir von unsern Jaken heruntergerissen; dann legten
uns unsere Wächter zu den eisernen Handschellen, die wir um unsere
Handgelenke hatten, auch noch Fesseln um die Fußknöchel. Da sie uns
so für ganz sicher hielten, ließen sie uns im Freien schlafen ohne
irgendeine Art von Bedeckung, oft genug auf dem Schnee liegend oder
vom Regen durchweicht. Unsere Wachen schlugen gewöhnlich ein Zelt auf,
unter dem sie schliefen. Aber selbst wenn sie keins hatten, gingen sie
meist etwa 50 Meter von uns weg, um Tee zu brauen.
[Illustration: Ein Reiter aus meiner Wache.]
Von meinen beiden Dienern unterstützt, die bei mir saßen, um
aufzupassen und mich gegen die Blicke der Wachen zu schirmen, brachte
ich es unter steter Gefahr fertig, einen vorläufigen Bericht unserer
Rückreise auf ein kleines Stück Papier niederzuschreiben, das in
meiner Tasche geblieben war, als ich von den Tibetern durchsucht
wurde. Wie ich es auf der Streckfolter getan hatte, zog ich auch
jetzt die rechte Hand aus der Handschelle und zeichnete mit einem
kleinen Stückchen Knochen, das ich aufgelesen hatte, als Feder und mit
meinem Blut als Tinte kurze chiffrierte Notizen und eine Karte unsers
Rückweges auf. Natürlich mußte ich, da ich keine Instrumente hatte, um
genaue Beobachtungen anzustellen, meine Ortsbestimmungen nach der Sonne
machen, deren Stand ich ziemlich genau durch beständiges Beobachten des
Schattens fand, den mein Körper auf den Boden warf. Begreiflicherweise
konnte ich mich, wenn es regnete oder schneite, nicht zurechtfinden
und mußte meine Peilungen nach den Beobachtungen des vorigen Tages
berechnen.
Unsere Wachen waren sehr streng und mißhandelten uns in jeder Weise.
Ein paar Soldaten jedoch erwiesen uns große Freundlichkeit und
Teilnahme und brachten uns, so oft sie es tun konnten, ohne von ihren
Kameraden gesehen zu werden, etwas Butter und Tsamba.
Da unsere Wachen sehr häufig wechselten, hatten wir keine Möglichkeit,
uns mit den Soldaten zu befreunden, und jede neue Ablösung war
schlimmer als die vorhergehende.
Eines Tages trug sich ein spaßhafter Zwischenfall zu, der unter
unsern Wachen großen Schrecken verursachte. Wir hatten in der Nähe
einer Felswand haltgemacht; die Soldaten waren etwa 20 Meter von
uns entfernt. Um meine Diener und mich zu belustigen, machte ich
einige bauchrednerische Kunststücke und tat so, als ob ich zur Wand
hinaufspräche und von dort Antwort erhielte. Die Tibeter wurden von
Schrecken ergriffen. Sie fragten mich, wer dort oben sei. Ich sagte, es
sei jemand, den ich kenne.
»Ist es ein Plenki?«
»Ja.«
Da stießen sie uns schnell auf unsere Jake und bestiegen ihre Pferde,
und Hals über Kopf verließen wir den Ort.