Das Schauspiel vor mir machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dort,

bei dem Zelte des Pombo, standen in einer Reihe die schändlichsten

Schurken, die meine Augen je gesehen haben. Der eine, ein kräftiges,

widerwärtiges Individuum, hielt einen großen knotigen Holzschlegel

in der Hand, der zum Zerbrechen der Knochen gebraucht wird; ein

anderer trug einen Bogen und Pfeile; ein dritter hielt ein großes

zweischneidiges Schwert, während wieder andere verschiedene gräßliche

Folterinstrumente zur Schau stellten. Die nach meinem Blute dürstende

Menge stellte sich in einem Halbkreise auf und ließ mich diese Parade

der Martern sehen, die mich erwarteten, und als ich meine Blicke von

einer Gestalt zur andern schweifen ließ, schüttelten die Lamas ihre

Folterinstrumente, um zu zeigen, daß sie sich zur Tat rüsteten.

Am Eingange des Zeltes stand eine Gruppe von drei Lamas. Es waren die

Musiker. Der eine hielt ein riesenhaftes Horn, das donnernde Töne

von sich gab; von seinen Gefährten hatte der eine eine Trommel, der

andere Becken. In einiger Entfernung schlug ein anderer Bursche auf ein

ungeheures Gong.

Von dem Augenblick an, als man mich vom Pferde gerissen hatte, hallten

die betäubenden Töne dieses diabolischen Trios durch das ganze Tal

wider und machten das Schauspiel besonders unheimlich.

Jetzt wurde ein Eisenstab mit einem in rotes Tuch eingewickelten

Holzgriff in einem Kohlenbecken rotglühend gemacht. Der Pombo, der

sich wieder irgend etwas in den Mund gesteckt hatte, um künstliches

Schäumen hervorzubringen und so seinen Grimm zu zeigen, arbeitete sich

in einen Zustand wahnsinniger Wut hinein. Ein Lama überreichte ihm das

jetzt rotglühende Folterinstrument, das Taram, und der Pombo nahm es am

Griffe.

»~Ngaghi kiu meht taxon!~ Wir wollen dir die Augen ausbrennen!« rief

der Chor der Lamas.

Der Pombo schritt auf mich zu, indem er das gräßliche Instrument

schwenkte. Ich starrte ihn an, aber er hielt seine Augen von mir

abgewandt. Er schien zu zögern, doch die Lamas um ihn feuerten ihn an.

»Du bist in dieses Land gekommen, um zu sehen« (dies bezog sich auf

das, was ich am Tage zuvor ausgesagt hatte, nämlich, daß ich ein

Reisender und Pilger und nur gekommen sei, um das Land zu sehen).

»Darum sollst du geblendet werden!« Mit diesen Worten erhob der Pombo

seinen Arm und hielt mir den rotglühenden Eisenstab in einer Entfernung

von 3 bis 5 Zentimeter quer vor die Augen, so daß er beinahe meine Nase

berührte.

Instinktiv hielt ich die Augen krampfhaft geschlossen, aber die Hitze

war so ungeheuer, daß es mir vorkam, als ob meine Augen, besonders

das linke, ausgedörrt und meine Nase versengt würde. Obgleich die

Zeit mir endlos schien, glaubte ich doch nicht, daß die heiße Stange

in Wirklichkeit länger als etwa dreißig Sekunden vor meinen Augen

war. Doch war dies schon lange genug, denn als ich meine schmerzenden

Augenlider aufhob, sah ich alles in einem roten Nebel. Mein linkes

Auge schmerzte mich furchtbar, und alle paar Sekunden schien es mir,

als ob etwas Dunkles vor ihm das Sehen hinderte. Mit dem rechten Auge

konnte ich noch ziemlich gut sehen, wenn auch alles, anstatt in seinen

gewöhnlichen Farben, rot erschien.

Das heiße Eisen lag jetzt ein paar Schritt von mir auf dem feuchten

Boden und zischte in der Nässe.

Als ich mit weit auseinandergereckten Beinen, an Rücken, Händen und

Beinen blutend, dastand und alles in gräßlich roter Färbung sah,

inmitten des betäubenden, wahnsinnig machenden Lärms des Gongs, der

Trommeln, Becken und des Horns, von der feigen Menge beschimpft und

angespien und von Nerba so fest an den Haaren gehalten, daß er mir

ganze Hände voll aus dem Kopfe riß, hätte ich selbst meinen bittersten

Feinden nicht wünschen mögen, sich je in einer ähnlichen Lage befinden

zu müssen! Alles, was ich tun konnte, war, ruhig und gefaßt zu bleiben

und mit scheinbarer Gleichgültigkeit die Vorbereitungen für die

nächsten Qualen, die sie mir auferlegen wollten, und ihre Teufeleien zu

beobachten.

»~Miumta nani sehko!~ Töte ihn mit einer Flinte!« rief eine heisere

Stimme.

Eine Luntenflinte wurde von einem Soldaten geladen, und als ich die

Masse Pulver sah, die er in den Lauf schüttete, war ich sicher, daß sie

dem, der sie abschießen würde, den Kopf kosten müsse. So sah ich denn

auch mit einer gewissen Befriedigung, wie sie dem Pombo überreicht

wurde. Dieser Beamte aber legte mir die Waffe gegen die Stirn, die

Mündung nach oben gerichtet! Dann zündete ein Soldat die Lunte an.

Es erfolgte eine Entladung, die meinem Kopfe einen kolossalen Stoß

versetzte; die übermäßig geladene Flinte aber flog zu jedermanns

Erstaunen dem Pombo aus der Hand.

Ich mußte lachen; und ihre Verwirrung, der sich die Enttäuschung über

das Mißlingen aller Versuche, mich zu verletzen, beimischte, versetzte

die Menge in rasende Wut.

»~Ta kossaton, ta kossaton!~ Töte ihn, töte ihn!« riefen wütende

Stimmen um mich.

»~Ngala mangbo schidak majidan!~ Wir können ihn nicht schrecken!«

»~Ta kossaton, ta kossaton!~ Töte ihn, töte ihn!« Das ganze Tal hallte

von diesem wilden Geschrei wider!

Ein gewaltiges zweihändiges Schwert wurde jetzt dem Pombo gereicht, der

es aus seiner Scheide zog.

»Töte ihn, töte ihn!« schrie der Pöbel abermals, um den Scharfrichter

anzuspornen, dessen abergläubische Natur das böse Omen von vorhin, als

ihm die Flinte aus der Hand geflogen war, noch nicht verwunden hatte

(wahrscheinlich schrieb er den Vorfall dem Eingreifen einer höhern

Macht und nicht dem übermäßigen Laden zu) und der deshalb abgeneigt

schien, fortzufahren.

[Illustration: Bettelmusikanten.]

Diesen Augenblick benutzte ich, um zu sagen, daß sie mich töten

möchten, wenn sie wollten, aber daß, wenn ich heute stürbe, sie alle

morgen sterben würden -- eine nicht zu leugnende Tatsache, da wir ja

alle eines Tages sterben müssen. Einen Augenblick lang schien sie

dies abzukühlen; aber die Aufregung der Menge war zu groß, und es

gelang ihr endlich, den Pombo in leidenschaftliche Wut zu bringen.

Sein Zorn war so heftig, daß sein Gesicht ganz unkenntlich wurde. Er

sprang gleich einem Rasenden herum. In diesem Augenblick näherte sich

ein Lama und schob dem Henker geschickt etwas in den Mund, dem nun

sogleich der Schaum vor die Lippen trat. Ein Lama hielt das Schwert,

während der Pombo, um die Arme freizumachen, einen Ärmel seines Rockes

zurückschlug; den andern schlugen ihm die Lamas zurück. Dann schritt er

mit langsamen, gewichtigen Schritten auf mich zu, wobei er mit den

ausgestreckten nackten Armen die glänzende scharfe Klinge hin- und

herschwenkte.

[Illustration: Unser plötzlicher Angriff auf die tibetische Wache.]

Nerba, der mich noch an den Haaren hielt, bekam den Befehl, mich zum

Beugen des Nackens zu zwingen. Mit der geringen Kraft, die mir noch

übrig war, und mit dem nervösen Mute eines dem Tode verfallenen Mannes

widersetzte ich mich, entschlossen, den Kopf aufrecht und die Stirn

hochzubehalten. Gewiß, sie konnten mich töten, sie konnten mich, wenn

sie wollten, in Stücke zerhacken, aber bis ich das letzte Atom meiner

Kraft verloren hätte, sollten diese Schurken mich nie dazu bringen, den

Nacken vor ihnen zu beugen. Ich wollte sterben, aber nur, indem ich auf

den Pombo und seine Landsleute herabsah!

Der Henker, der jetzt, das Schwert in den nervigen Händen, dicht bei

mir stand, hob es hoch über seine Schultern empor. Dann führte er es

bis an meinen Hals hinunter, den er mit der scharfen, kalten Klinge

berührte, wie um die Entfernung für einen wirksamen Streich zu messen.

Dann einen Schritt zurücktretend, erhob er das scharfe Schwert wieder

schnell und führte mit aller Kraft einen Hieb nach mir. Das Schwert

ging scharf an meinen Hals heran, berührte mich aber nicht. Ich wollte

weder ausweichen noch sprechen, und mein gleichgültiges Benehmen

imponierte ihm so, daß er fast erschrak. Er zögerte wirklich, sein

teuflisches Beginnen fortzusetzen, aber die Ungeduld und die Unruhe der

Menge hatten jetzt ihren Höhepunkt erreicht, und die in seiner Nähe

stehenden Lamas gestikulierten wie wahnsinnig und feuerten ihn weiter

an.

Während ich dies niederschreibe, wird ihr wildes Geschrei, der

blutdürstige Ausdruck ihrer Gesichter wieder vor meinem Geiste

lebendig. Augenscheinlich gegen seinen Willen wiederholte der Henker

dasselbe Verfahren noch einmal auf der andern Seite meines Kopfes.

Diesmal kam die Klinge so nahe, daß die Schneide des Schwertes nicht

weiter als vielleicht einen Zentimeter von meinem Halse entfernt

gewesen sein kann.

Es schien nun alles bald vorbei zu sein; aber sonderbarerweise fiel

es mir in diesem kritischen Moment nicht ein, daß ich sterben sollte.

Woher ich dieses Gefühl hatte, kann ich nicht sagen, da alles, was

geschah, darauf hindeutete, daß mein Ende sehr nahe war. Es tat mir

ja leid, daß, wenn mein Ende wirklich nahe bevorstand, ich sterben

sollte, ohne meine Verwandten und Freunde wiedergesehen zu haben, und

daß sie möglicherweise nie erfahren würden, wo und wie ich gestorben

war. Natürlich war ich nicht sehr geneigt, eine Welt zu verlassen,

in der ich nie einen langweiligen Augenblick gehabt hatte. Aber nach

all den schlimmen Erfahrungen, schrecklichen Leiden und Aufregungen,

die wir seit unserm Betreten Tibets erduldet hatten, machte ich mir

meine jetzige Lage nicht so klar, wie ich es getan haben würde, wenn

ich aus meiner behaglichen Londoner Wohnung direkt auf den Richtplatz

geschleppt worden wäre.

Es ist natürlich, daß ich dieses Schauspiel nie vergessen werde, und

man muß es den Tibetern lassen, daß das Ganze malerisch inszeniert

wurde. Sogar die gräßlichsten Zeremonien können ihre künstlerischen

Seiten haben, und gerade diese, die mit außerordentlichem Pomp und

Gepränge vollzogen wurde, war wirklich großartig.

Es scheint, daß in Tibet diese unangenehmen Schwertübungen vor der

wirklichen Enthauptung ausgeführt werden, um das Opfer noch mehr leiden

zu machen, ehe ihm der Todesstreich gegeben wird. Ich wußte das damals

noch nicht und erfuhr erst einige Tage später, daß das Opfer bei dem

dritten Streiche gewöhnlich wirklich enthauptet wird.

Noch immer verlangten die Lamas stürmisch nach meinem Kopf; aber

diesmal blieb der Pombo standhaft und weigerte sich, mit der Exekution

fortzufahren. Nun scharten sie sich um ihn und schienen sehr zornig

zu sein; sie schrien, kreischten und gestikulierten aufs ungestümste.

Der Pombo aber hielt noch immer seine Augen halb ehrfurchtsvoll, halb

erschreckt auf mich geheftet und weigerte sich, vorzugehen ...

Eine erregte Beratung folgte.

Vierzigstes Kapitel.

Ein Fluchtversuch.

Inmitten dieses barbarischen Schauspiels langte mein Kuli Man Sing

an. Er war oft von seinem ungesattelten Pferde gefallen und weit

zurückgeblieben. Jetzt ließ Nerba mein Haar los, während ein anderer

mich heftig von vorn stieß, so daß ich hintenüber fiel und mir dadurch

eine schmerzhafte Zerrung aller Sehnen meiner Beine zuzog. Man Sing,

der über und über zerschlagen und von Schmerzen gepeinigt war, wurde

herangebracht und mit den Beinen an denselben Balken gebunden, an dem

ich befestigt war. Mir wurde gesagt, daß mein Kuli zuerst getötet

werden würde, und ein roher Lama packte ihn brutal am Halse. Mit

einem Stoße wurde ich in sitzende Stellung gebracht und mir eine

Decke über den Kopf geworfen, so daß ich nicht sehen konnte, was sie

vorhatten. Ich hörte den armen Man Sing jämmerlich stöhnen, dann

folgte Totenstille. Ich rief ihn, bekam aber keine Antwort; so schloß

ich, daß sie ihn in ein besseres Jenseits befördert hätten. Über eine

Viertelstunde wurde ich in dieser schrecklichen Spannung gelassen; dann

endlich nahmen sie mir das Tuch vom Kopfe, und ich erblickte meinen

Kuli, der vor mir lag, an den Balken gebunden und fast bewußtlos, aber

-- Gott sei Dank! -- noch am Leben. Er sagte mir, daß ihm, als ich

ihn gerufen, ein Lama die Hand auf den Mund gelegt habe, um ihn am

Antworten zu verhindern, während er ihm mit der andern Hand den Hals so

fest zusammengedrückt habe, daß er beinahe erstickt sei.

Nach einiger Zeit erholte sich Man Sing; die Kaltblütigkeit und

Tapferkeit, die der arme Bursche in diesen schrecklichen Prüfungen

erwies, war wunderbar.

Jetzt sagte man uns, unsere Hinrichtung sei bis zum nächsten Tag

aufgeschoben, damit wir gefoltert werden könnten, bis die Stunde käme,

wo man uns zum Tode führen würde. Eine Menge Lamas und Soldaten umstand

und verhöhnte uns. Ich benutzte die günstige Gelegenheit, die diese

Pause bot, um einen großtuerischen Lama anzurufen und ihn um eine

Erfrischung zu bitten.

»~Ortscheh, ortscheh nga dappa tugu duh, tschuen deh, dang jak,

guram tscha, tsamba pin.~ Ich bin sehr hungrig, bitte, gib mir etwas

Reis, Jakfleisch, Ghur, Tee und Hafermehl!« Ich bat in meinem besten

Tibetisch.

»~Hum murr, Maharaja!~ Ich möchte Butter, Ew. Majestät«, fügte Man Sing

halb in tibetischer, halb in hindostanischer Sprache hinzu.

Diese natürliche Bitte um Nahrung schien unsern Peinigern, die einen

Kreis um uns gebildet hatten, außerordentliches Vergnügen zu bereiten.

Sie lachten herzlich; aber Man Sing und ich fühlten uns, ausgehungert

und in einer höchst qualvollen Stellung gebunden sitzend, zu allem

andern aufgelegt als zum Lachen.

Der Tag ging jetzt zur Neige; unsere Peiniger unterließen es nicht,

uns beständig daran zu erinnern, daß uns am nächsten Tage der Kopf vom

Halse getrennt werden sollte. Ich sagte ihnen darauf, das würde uns

nicht wehe tun, weil wir, wenn sie uns nichts zu essen gäben, dann

schon längst Hungers gestorben sein würden.

Ob sie sich nun vorstellten, daß dies wirklich der Fall sein könnte,

oder ob andere Gründe sie dazu bewogen, kann ich nicht sagen;

jedenfalls wurden mehrere der Lamas, die die Brutalsten gewesen waren,

unter ihnen auch der eine, der sich am Tage vorher an Tschanden Sings

Geißelung beteiligt hatte, jetzt ganz höflich und behandelten uns

mit überraschender Ehrerbietung. Zwei Lamas wurden nach dem Kloster

geschickt und kamen nach einiger Zeit mit Säcken voll Tsamba und einem

großen Topfe heißen Tees zurück. Kaum je in meinem Leben habe ich mehr

Genuß von einer Mahlzeit gehabt, obgleich die Lamas mir mit ihren

ungewaschenen Fingern das Essen so schnell in den Hals stopften, daß

sie mich fast damit erstickten.

»Iß, iß, soviel du kannst!« sagten sie grimmig, »es wird dein letztes

Mahl sein.«

Und ich aß und spülte die Tsamba mit ungeheuren Mengen

buttergemischten Tees hinab, den sie mir ziemlich unachtsam in den Mund

gossen.

Man Sing, dem seine Religion nicht gestattete, Speisen zu essen, die

von Leuten einer andern Kaste berührt waren, erhielt die Erlaubnis, das

Mahl aus der hölzernen Schale auszulecken. Was mich betrifft, so war

ich nicht zu stolz, auch meine Zuflucht zu diesem Mittel zu nehmen, als

mein demütiges »~Ortscheh, ortscheh, tschuan mangbo teroktschi!~ Bitte,

bitte, gib mir etwas mehr!« durch ein mißbilligendes Kopfschütteln der

Lamas beantwortet wurde und ihnen die ständige Verneinung »~Middu,

middu~« entlockte. Da ich noch zu hungrig war, um etwas von der

kostbaren Speise verschwenden zu können, drehten mir die Tibeter die

hölzerne Schale wieder und wieder um den Mund, bis ich sie so rein

geleckt hatte, als ob sie nie gebraucht worden wäre!

Nach der Aufregung des Tages fühlten wir uns etwas wohler, um so mehr

als wir, wenn auch nur für ein paar Augenblicke, etwas weniger schlecht

behandelt wurden. Aber dieser Verbesserung unserer Lage, so klein sie

war, wurde bald Einhalt getan.

Von dem Kloster kam ein Lama, der nach rechts und links Befehle gab,

und wieder geriet das ganze Lager in Bewegung. Man stürzte sich auf uns

und ergriff uns, und während mehrere Männer mich niederhielten, wurden

mir die Beine schnell losgebunden. Dann hoben sie mich wieder in die

Höhe, bis ich aufrecht auf der scharfen Kante des prismatischen Balkens

stand; zwei Männer packten mein eines Bein, zwei das andere und rissen

sie so weit auseinander, als irgend möglich war. Hierauf wurde mir von

vier oder fünf kräftigen Männern ein Strick nach dem andern um Füße und

Knöchel gewunden und mit aller Macht angezogen, so daß ich wieder wie

vorher an dem Balken festgemacht war.

Da meine Beine diesmal viel weiter auseinandergezerrt waren, empfand

ich, als sie mich jetzt nach rückwärts hinabstießen, noch viel größere

Schmerzen in den Beinmuskeln als zuvor. Aber ehe ich noch Zeit hatte,

mir dessen ganz bewußt zu sein, rissen mir die Lamas, die jetzt wieder

so wild waren, wie ich sie anfangs gesehen hatte, die gefesselten Arme

nach hinten, um einen Strick an die Kette der Handschellen zu binden.

Hiermit fertig, zogen sie den Strick durch ein Loch am obersten Ende

eines hohen, hinter mir stehenden Pfahles und rissen, indem sie kräftig

daran zerrten, meine Arme in einer Weise nach oben, daß sie, wäre ich

weniger gelenkig gewesen, sie mir sicher gebrochen hätten. Als ihre

vereinte Kraft mich keinen Zoll weiter emporziehen konnte, ohne mich

in Stücke zu zerreißen, machten sie den Strick fest; so blieb ich halb

hängen und hatte das Gefühl, als ob alle Knochen meiner Glieder sich

aus den Gelenkpfannen lösten oder schon gelöst hätten. Da das Gewicht

des Körpers nach unten zog, mußte, das fühlte ich, jeder Augenblick die

Qual dieser schrecklichen Tortur vergrößern, die eine primitive Form

der Streckfolter war.

Man Sing war auf der andern Seite ebenso aufgehängt worden; mit

den Füßen war er an denselben Balken gebunden, an dem die meinigen

befestigt waren.

Zuerst war der Schmerz sehr heftig, denn die Sehnen der Beine und Arme

wurden furchtbar angespannt und das Rückgrat so gebogen, daß es fast

brach. Die nahe aneinandergezwängten Schulterblätter drückten die

Wirbel einwärts, und längs des Lendenwirbels, wo die Anspannung am

größten war, empfand ich furchtbare Schmerzen.

Als ob dies noch nicht genug wäre, wurde noch ein Strick von Man Sings

Hals zu meinem gezogen, um unsere Hälse in eine höchst unbequeme Lage

zu bringen.

Es fing heftig zu regnen an, wir wurden aber trotzdem im Freien

gelassen. Unsere Kleider, d. h. die Lumpen, in die sie sich bei dem

Ringkampfe vor unserer Gefangennehmung aufgelöst hatten, wurden

gänzlich durchnäßt. Halbnackt und verwundet, erstarrten wir bald vor

Kälte, bald brannten wir im Fieber. Eine Wache umgab uns, die zwei an

Pflöcke gebundene Wachhunde bei sich hatte. Augenscheinlich verließen

sich die Soldaten so fest auf die Unmöglichkeit unsers Entfliehens, daß

sie sich ihre schweren Decken über die Köpfe zogen und schliefen. Einer

von ihnen bewegte sich im Schlafe und stieß dabei sein Schwert unter

der Decke hervor, in die er sich fest eingerollt hatte. Dies brachte

mich auf den Gedanken eines Fluchtversuchs.

Es war inzwischen sehr dunkel geworden. Dank der außerordentlichen

Gelenkigkeit meiner Hände gelang es mir, die rechte Hand aus den

Handschellen zu ziehen, und nach ungefähr einer Stunde heimlicher,

ängstlicher Arbeit brachte ich es fertig, die Stricke, mit denen

Man Sings Füße gebunden waren, zu lösen. Dann flüsterte ich ihm

zu, er solle langsam aufstehen und das Schwert mit dem Fuße zu mir

hinschieben, bis ich so weit reichen könne. Wenn dies gelang, konnte

ich bald meine Fesseln und die um Man Sings Hände durchschneiden; mit

einer Waffe in unserm Besitz würden wir dann einen kühnen Streich zur

Erlangung unserer Freiheit ausführen können.

Man Sing aber war kein Meister in der Gelenkigkeit. In seiner Freude,

sich teilweise frei zu fühlen, bewegte der arme Kuli seine Beine

ungeschickt. Die wachsamen Hunde bemerkten es und schlugen an. In einem

Augenblick sprangen die Wachen auf; furchtsam wie immer, verließen sie

uns eiligst, um Licht zu holen und unsere Fesseln zu untersuchen.

Durch die Dunkelheit der stürmischen Nacht begünstigt, gelang es mir

inzwischen, meine Hand in die Handschellen zurückzuzwängen. Sie wieder

hineinzustecken war schwieriger, als sie herauszuziehen; aber ich hatte

gerade Zeit genug, die Sache auszuführen. Jetzt kamen die Leute, die

nach dem Kloster gegangen waren, mit Lichtern zurück. Ich stellte mich

fest schlafend, was allerdings sehr unwahrscheinlich war, wenn ich in

jedem Knochen meines Körpers das Gefühl hatte, als ob er lose geworden

sei, wenn jedes Glied starr und kalt, jede Sehne und jedes Band so

angespannt war, daß ich vor Schmerzen fast wahnsinnig wurde!

Die Tibeter fanden die Fesseln um Man Sings Füße gelöst. Sie

untersuchten meine Hände und fanden sie noch ebenso, wie sie sie

gelassen hatten. Sie betrachteten meine Füße. Die Stricke waren noch

da und schnitten tief in mein Fleisch ein. Sie betrachteten Man Sings

Hände und fanden auch sie noch immer an dem hinter ihm stehenden Pfahl

befestigt.

Der geheimnisvolle Vorgang erschien den Tibetern so rätselhaft, daß

sie ernstlich erschraken. Sie fingen an, aufgeregt zu schreien und um

Hilfe zu rufen. Kaum hatten sie Lärm geschlagen, so stürzte auch schon

eine Schar auf uns los und stellte sich mit gezogenen Schwertern um uns

auf. Einer, der tapferer als die übrigen war, gab Man Sing ein paar

Peitschenhiebe und drohte uns, daß wir auf der Stelle enthauptet werden

sollten, wenn man unsere Stricke noch einmal gelöst finden würde. Der

Kuli wurde wieder gebunden, diesmal noch fester als zuvor.

Zur Vorsicht wurde jetzt ein Licht zwischen mich und Man Sing

gestellt, und da es noch heftig regnete, brachten die Tibeter ein

leinenes Schutzdach über uns an, damit das Licht nicht ausgelöscht

würde. Gegen 6 oder 7 Uhr morgens wurden Man Sings Füße losgebunden,

seine Hände aber nicht. Mich ließen sie noch in derselben qualvollen

Stellung. So vergingen mir die Stunden sehr langsam. Meine Beine, Arme

und Hände waren allmählich ganz abgestorben, und ich fühlte, nachdem

ich die ersten sechs, sieben Stunden in der Streckfolter zugebracht

hatte, keinen eigentlichen Schmerz mehr. Die Erstarrung kroch langsam

durch jedes Glied meines Körpers, bis ich das eigentümliche Gefühl

hatte, als hätte ich einen lebenden Kopf auf einem toten Leibe.

Es ist merkwürdig, wie das Gehirn unter solchen Umständen tätig bleibt

und so gut arbeitet, als ob es durch das Absterben aller übrigen Organe

gar nicht angegriffen würde. --

Der Tag, der jetzt heraufdämmerte, war reich an seltsamen Ereignissen.

Als die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel stand, kam der Pombo mit

einer großen Schar von Lamas von dem Kloster geritten, obgleich die

Entfernung nur sehr gering war. Er ging nach seinem Zelt; gleich

darauf wurden meine Kisten mit den wissenschaftlichen Instrumenten

herausgebracht und geöffnet, wobei die Soldaten ein ergötzliches

Gemisch von Neugier und Vorsicht zeigten. Ich mußte den Gebrauch

jedes Instruments erklären, eine schwierige Sache, wenn man ihre

Unwissenheit und meine sehr begrenzte Kenntnis des Tibetischen

bedenkt, die mir nicht erlaubte, wissenschaftliche Vorträge zu

halten. Mit großem Mißtrauen wurde der Sextant angesehen, mit noch

größerm der hypsometrische Apparat, den sie mit seinen Thermometern

in Messingröhren für irgendeine Art von Feuerwaffe hielten. Dann kam

eine Partie von noch nicht entwickelten photographischen Platten, von

denen sie einen Kasten nach dem andern im hellen Tageslichte öffneten

und so in wenigen Augenblicken die wertvollen Negative zerstörten, die

ich seit meinem Aufbruch vom Mansarowar aufgenommen hatte. Der Pombo,

der genauer beobachtete als die andern, bemerkte, daß die Platten eine

gelbliche Färbung annahmen, als sie dem Lichte ausgesetzt wurden.

»Was ist das?« fragte er.

»Das ist ein Zeichen, daß du für das, was du mir antust, zu leiden

haben wirst.«

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 25 / 28 段