Daß mein Vater in den Himmel gegangen ist,
Aber meine Mutter ist jetzt am Leben (wörtlich: im Hause).
Zuerst sündigte meine Mutter,
Und du nahmst alle Menschen in den Himmel,
Dann sündigten mein Vater und meine Mutter,
Und ich werde in den Himmel gehen.
Wenn alle andern Menschen und ich sündigen,
Und wir unsere Sünden zurücknehmen,
Sind wir alle der Sünde unterworfen
Und das Wumboo-Holz spricht frei von allen Sünden;
In dem Nordwesten (Lassan) und dem Südosten (Lussan)
Sind die beiden Wege zum Himmel.
Ich lese das heilige Buch und reinige mich;
Mein Armknochen[1] ist der heilige Knochen (Gottesknochen),
Und das Zeichen der Mannheit mein linker Arm.
O mein Gott, der du über meinem Haupte bist,
Und in dem heiligen Kujernath, Banzah und Nattitti.
Ich bete jeden Tag um Gesundheit und Reichtum (Silber und Gold).
[1] Die Tibeter glauben, daß bei Männern der linke, bei Frauen
der rechte Arm Gott gehöre. Sie betrachten die Arme als
heilig, weil mit ihnen die Nahrung zum Munde geführt und
dadurch dem Körper Leben gegeben wird, und auch, weil man
sich mit den Armen gegen seine Feinde verteidigen kann.
Auch das Nasenbein wird als heilig angesehen.
Gegen Mitternacht kam der Rupun zurück. Ich bemerkte, daß er sehr
aufgeregt war. Er setzte sich neben mich, und bei dem Lichte des
flackernden Feuers und eines Dochtes, der in einer mit Butter gefüllten
Messingschale brannte, konnte ich den Ausdruck großer Sorge auf seinem
Gesicht wahrnehmen. Aus dem mitleidigen Blicke, mit dem er mich ansah,
erkannte ich, daß er mir ernste Nachrichten zu bringen hatte. Ich
täuschte mich nicht. Er nahm mich von dem verpesteten Platze fort, auf
den mich die Soldaten hilflos niedergeworfen hatten, und brachte mich
an eine bequemere, reinlichere Stelle des Zeltes. Dann befahl er einem
Soldaten, mir eine Decke zu geben. Gleich darauf wurde er zu meinem
Erstaunen sehr streng und sagte, daß er meine Fesseln untersuchen
müsse. Er geriet sogar in Zorn, schalt die Soldaten, daß sie mich so
wenig fest gebunden hätten, und ging selbst daran, die Knoten fester zu
machen, was, wie ich fühlte, unmöglich war. Obgleich er scheinbar seine
ganze Kraft daran wendete, fühlte ich zu meiner großen Überraschung,
daß meine Fesseln gelockert wurden. Dann deckte er mich schnell mit der
schweren Decke zu.
Die Soldaten waren am andern Ende des großen Zeltes und schienen durch
eine laute Erörterung über irgendeinen geringfügigen Gegenstand in
Anspruch genommen zu sein. Der Rupun aber bückte sich tief herab, und
indem er so tat, als ob er mich in die Decke einwickelte, flüsterte er:
»Dir soll morgen der Kopf abgeschlagen werden. Entfliehe heute abend!
Draußen sind keine Soldaten.«
Der gute Mann bereitete wirklich alles für meine Flucht vor. Er löschte
das Licht aus und legte sich an meiner Seite zum Schlafen nieder. Es
wäre verhältnismäßig leicht gewesen, unter dem Zelte durchzuschlüpfen
und mich fortzustehlen, da alle Soldaten eingeschlafen waren. Ich hätte
meine Hände leicht aus den Stricken herausbekommen und würde keine
Schwierigkeit gehabt haben, alle meine andern Fesseln aufzumachen.
Aber der Gedanke, daß ich meine beiden Leute in der Gewalt der Tibeter
lassen würde, hinderte mich, meine Flucht ins Werk zu setzen.
Nachdem sich der Rupun erhoben hatte, um zu sehen, ob die Wachen
schliefen, legte er sich wieder dicht an mich heran und murmelte:
»~Nelon, nelon; palado.~ Sie schlafen, geh!«
So verführerisch dieses Anerbieten auch war, zwang mich meine Pflicht
doch, zu bleiben.
Da ich die Hände frei hatte, war es mir möglich, während der Nacht
etwas zu schlafen; als der Morgen kam, steckte ich die Hände wieder in
die Stricke hinein.
Scheinbar sehr enttäuscht, band der Rupun die Stricke um meine
Handgelenke wieder fest, und obgleich er ziemlich ärgerlich schien,
daß ich die Gelegenheit zur Flucht, die er mir gegeben, nicht benutzt
hatte, behandelte er mich doch mit immer größerer Achtung und
Ehrerbietung. Er brachte sogar sein Puku zum Vorschein, das er mit
dampfendem Tee aus dem Raksang füllte, einem Gefäße, in dem der mit
Butter und Salz gemischte Tee über dem Feuer im Kochen erhalten wird,
und führte es mir an den Mund, um mich daraus trinken zu lassen.
Als er bemerkte, wie hungrig und durstig ich war, füllte der gute Mann
die Schale nicht nur einmal nach dem andern, bis mein Durst gelöscht
war, sondern er mischte noch Tsamba und Klümpchen Butter hinein, die er
mir mit den Fingern in den Mund stopfte.
Es war in der Tat rührend zu sehen, wie die freundlicher gewordenen
Soldaten seinem Beispiel folgten und einer nach dem andern Hände voll
Tsamba und Tschura holten und mir in den Mund steckten. Zwar waren ihre
Hände nicht übermäßig reinlich; aber bei solchen Gelegenheiten ist es
nicht angebracht, es damit zu genau zu nehmen; auch war ich so hungrig,
daß mir das Essen, das sie mir gaben, köstlich schien. Ich war zwei
Nächte und einen Tag lang ohne Nahrung geblieben, und mein Appetit
war durch die Anstrengung des Kampfes wie durch die verschiedenen
Aufregungen, die ich durchgemacht hatte, sehr rege geworden.
Diese große Höflichkeit und die Teilnahme, mit der nicht nur der Rupun,
sondern auch die Soldaten mich jetzt behandelten, ließen mich vermuten,
daß in der Tat mein Ende nahe sei. Daß es mir nicht möglich war,
Nachrichten über Tschanden Sing und Man Sing zu erhalten, betrübte mich
sehr, und das Schweigen der Soldaten, wenn ich nach ihnen fragte, legte
mir die Befürchtung nahe, daß etwas Schreckliches geschehen sein müsse.
Indessen verriet ich keine Angst, trotzdem meine Wächter freundlich
waren, sondern gab mir den Anschein, als ob ich alles, was geschähe,
für etwas ganz Natürliches hielte. So verbrachte ich den ersten Teil
des Tages in lebhafter Unterhaltung mit den Soldaten, bemüht, meine
Kenntnisse im Tibetischen dadurch zu fördern.
Bald nach Mittag kam ein Soldat in das Zelt und schrie, indem er mich
mit seiner schweren Hand auf die Schulter schlug:
»~Ohe!~« (Es ist dies ein tibetischer Ausruf, den die ungebildeten
Volksklassen immer beim Anfang einer Unterhaltung gebrauchen. Er
entspricht unserm »Hör’ mal!«)
»~Ohe!~« wiederholte er, »ehe die Sonne untergeht, wirst du gepeitscht
werden. Beide Beine werden dir gebrochen werden[2]; man wird dir die
Augen ausbrennen und dir dann den Kopf abschlagen!«
[2] Eine Form der Tortur, bei der beide Beine auf zwei
parallele Holzblöcke gelegt werden, worauf ein heftiger
Schlag mit einem Holzschlegel geführt wird, der beide Beine
zerbricht.
Der Mann, der ganz ernsthaft zu sein schien, begleitete jeden Satz mit
einer angemessenen Gebärde, die seine Worte illustrierte. Ich lachte
ihn aus und tat so, als ob ich das Ganze für einen großen Scherz nähme,
teils weil ich dies für das beste Mittel hielt, sie zu erschrecken
und an Gewalttätigkeiten zu verhindern, teils weil das mir vorgelegte
Programm so reichhaltig schien, daß ich glaubte, es könne damit nur
beabsichtigt sein, mich einzuschüchtern.
Indessen brachten die Worte des Soldaten eine gewisse Verstimmung bei
meinen freundlichen Wachen im Zelte hervor, und als ich mich bemühte,
sie aufzuheitern, antworteten sie kurz, daß ich nicht sehr lange mehr
lachen würde. Sicherlich ging irgend etwas vor, denn die Leute stürzten
in das Zelt hinein und wieder hinaus und flüsterten miteinander. Wenn
ich zu ihnen sprach, antworteten sie nicht mehr, und als ich darauf
bestand, gaben sie mir durch Zeichen zu verstehen, daß ihre Lippen von
jetzt an verschlossen bleiben müßten.
Etwa eine halbe Stunde später stürzte ein anderer Mann in großer
Aufregung ins Zelt und gab meinen Wachen ein Zeichen, mich
hinauszuführen. Dies taten sie, nachdem sie meine Fesseln fester als
je gemacht und mir noch Stricke um Brust und Arme gelegt hatten. So
gebunden wurde ich nach dem Lehmhaus abgeführt und in eins der Zimmer
gebracht. Draußen versammelte sich eine große Menge von Soldaten und
Landleuten. Als wir einige Zeit gewartet hatten, wurde Man Sing fest
gebunden in dasselbe Zimmer gebracht. Meine Freude, meinen Diener
wiederzusehen, war so groß, daß ich alles, was vorging, vergaß und die
Beleidigungen des Pöbels, der durch die Tür guckte, nicht beachtete.
Mit lächelndem Gesicht kam jetzt ein Lama herein und sagte, er habe mir
gute Nachrichten zu bringen.
»Wir haben Pferde hier«, sagte er, »und wir werden dich an die Grenze
zurückbringen; aber vorher wünscht der Pombo dich noch heute zu sehen.
Widersetze dich dem nicht. Laß uns die Stricke um deinen Handgelenken
mit diesen eisernen Handschellen vertauschen.«
[Illustration: Meine Handschellen.]
Hiermit brachte er ein schweres Paar Schellen zum Vorschein, die er
unter seinem Rocke verborgen gehalten hatte.
»Du wirst sie nicht länger als einige Augenblicke zu tragen haben,
während wir dich vor sein Angesicht führen. Dann wirst du frei sein.
Bei der Sonne und bei Kontschok-sum schwören wir dir, daß wir dich
freundlich behandeln werden.«
Ich versprach, mich nicht zu widersetzen; hauptsächlich, weil ich keine
Möglichkeit hatte, es zu tun. Zur größern Sicherheit banden sie mir die
Füße und legten mir eine Schlinge um den Hals; dann wurde ich ins Freie
hinausgetragen, wo ein Kreis von Soldaten mit gezogenen Schwertern sich
um mich stellte. Während ich mit dem Gesicht nach unten platt auf dem
Boden lag, von vielen kräftigen Händen fest niedergehalten, wickelten
sie die Stricke von meinen Handgelenken ab und ersetzten sie durch die
kalten, eisernen, mit einer schweren Kette verbundenen Fesseln. Sie
brauchten einige Zeit, um das plumpe Vorlegeschloß zu befestigen;
dann, als alles fertig war, banden sie meine Beine los.
Nun stellten sie mich wieder auf die Füße, und da sie wußten, daß
ich meine Hände unmöglich freibekommen konnte, fing das feige Pack
an, mich mit Beleidigungen und Schimpfreden zu überhäufen, die nicht
mir als Individuum, sondern als Engländer galten. Sie spien auf mich
und warfen mit Kot nach mir. Schlimmer als alle andern benahmen sich
die Lamas, und der eine, der mir geschworen hatte, daß ich in keiner
Weise mißhandelt werden sollte, wenn ich mich ruhig der Anlegung von
Handschellen unterwürfe, tat sich unter meinen Quälern am meisten
hervor und feuerte die Menge am eifrigsten zu weiteren Roheiten an.
Die Aufmerksamkeit der Menge wurde jetzt durch den Rupun, der mit einer
Anzahl von Soldaten und Offizieren näherkam, in Anspruch genommen. Er
schien sehr niedergeschlagen, und sein Gesicht war von geisterhaft
blasser Farbe. Mit zu Boden gerichteten Augen und sehr leiser Stimme
gab er den Befehl, daß ich wieder in das Lehmhaus gebracht werden solle.
Einige Augenblicke darauf kam er herein und verschloß die Tür
hinter sich, nachdem er zuvor alle Leute, die in dem Zimmer waren,
hinausgewiesen hatte. Wie ich schon früher erwähnte, haben tibetische
Gebäude dieser Art eine viereckige Öffnung in der Decke, durch die sie
Luft und Licht erhalten.
Der Rupun legte zum Zeichen der Anteilnahme seine Stirn an meine und
schüttelte dann traurig den Kopf.
»Es ist keine Hoffnung mehr«, flüsterte er. »Heute abend wirst du
enthauptet werden. Die Lamas sind schlecht, und das Herz tut mir weh.
Du bist wie mein Bruder, und ich bin betrübt.«
Der gute alte Mann wollte mich die Rührung, die ihn erfaßt hatte, nicht
sehen lassen, und so gab er mir durch Zeichen zu verstehen, daß er
nicht länger bleiben könne, damit er nicht etwa der Freundschaft für
mich beschuldigt würde. Der Pöbel drang in das Zimmer ein, und wieder
wurde ich von den Lamas und Soldaten ins Freie hinausgeschleppt. Es
folgte nun eine längere Erörterung darüber, wer den Schlüssel zu meinen
Handschellen verwahren solle; schließlich wurde er einem der Offiziere
übergeben, der sein Pferd bestieg und spornstreichs in der Richtung
nach Lhasa davonritt.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Ein qualvoller Ritt.
In diesem Augenblick hörte ich die Stimme meines Dieners Tschanden
Sing, der mit schwacher Stimme mir zurief:
»~Hazur, Hazur, hum murgiaega!~ Herr, Herr, ich sterbe!« Und als ich
meinen Kopf nach der Seite umwandte, von wo diese Klagetöne kamen,
erblickte ich meinen treuen Träger, der, die Hände auf den Rücken
gebunden, auf dem Bauche zur Tür eines der andern Zimmer des Lehmhauses
kroch. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen: es trug die Spuren
furchtbaren Leidens.
Dies konnte ich nicht mehr ertragen. Meine Wachen mit den Schultern
beiseiteschiebend, versuchte ich, zu dem armen Burschen zu gelangen.
Ich hatte ihn eben erreicht, als die dabeistehenden Soldaten auf mich
losstürzten, mit mir rangen und mich vom Boden aufhoben. Nun warfen sie
mich auf den Rücken eines Pferdes.
Obgleich ich das Schlimmste befürchtete, versuchte ich meinen tapfern
Diener dadurch zu ermutigen, daß ich ihm zurief, ich würde jetzt nach
Taklakot geführt und er würde mir am nächsten Tage nachgebracht werden.
Tschanden Sing hatte den letzten Rest seiner Kraft erschöpft, indem er
nach der Tür kroch. Er wurde ungestüm gepackt und mit roher Gewalt in
das Zimmer des Lehmhauses zurückgeschleudert; so konnten wir kein Wort
mehr wechseln. Mein Kuli Man Sing aber wurde mit gefesselten Armen auf
ein ungesatteltes Pferd gesetzt.
Der Sattel des Pferdes, auf das sie mich geworfen hatten, verdient
beschrieben zu werden. Er war nur das hölzerne Gestell eines Sattels
mit sehr hohem Rückenteil, aus dessen hinterm Teil sechs scharfe
Eisenstacheln horizontal herausragten. Während ich auf diesem
Folterinstrument saß, bohrten sich mir die Stacheln ins Kreuz.
Meine Wache war durch zwanzig oder dreißig berittene Soldaten mit
Musketen und Schwertern vermehrt worden. In wütendem Galopp ritten wir
ab. Da meine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren, führte ein vor
mir herreitender Mann mein Pferd an einem Stricke; so ritten wir viele
Meilen durchs Land.
Wären jene furchtbaren Stacheln im Sattel nicht gewesen, so hätte der
Ritt ganz angenehm sein können; denn das Pferd, auf dem ich saß, war
ein schönes, lebhaftes Tier, und das Land ringsum war merkwürdig und
interessant. Wir ritten an einer scheinbar endlosen Folge von gelben
Sandhügeln entlang, deren einige 60 bis 100 Meter, während andere
nicht mehr als 6 bis 10 Meter hoch waren. Es schien, als ob der Sand
eher vom Winde als vom Wasser abgelagert worden sei, obgleich es auch
möglich ist, daß dieses flache Land, das sich nur wenig über das
Niveau des großen Stromes erhebt, einst unter Wasser gewesen ist. Mit
Ausnahme gewisser Stellen, wo der Boden außerordentlich sumpfig war
und unsere Pferde tief in den weichen Schlamm einsanken, war der ganze
Raum zwischen dem Gebirgszuge im Norden des Brahmaputra und dem Flusse
selbst mit diesen Sandhügeln bedeckt. Wir kreuzten mehrere kleine
Flüsse und ritten um viele Teiche herum. Von dem Gipfel einer Anhöhe,
auf die ich geführt wurde, konnte ich sehen, daß die Hügel in der Nähe
des Flusses von größerem Umfang und bedeutend höher waren und immer
kleiner wurden, je mehr sie sich dem Gebirgszuge im Norden näherten.
Außerdem nahm ihre Zahl und Größe auch zu, je weiter wir nach Osten
kamen.
[Illustration:
_Aquarellskizze von H. S. Landor._ _F. A. Brockhaus, Leipzig._
~DIE FOLTER MIT DEM GLÜHENDEN EISEN.~]
Die Umstände, unter denen ich »reiste«, erlaubten mir weder, mich
über die Beschaffenheit des Sandes zu vergewissern noch irgendwelche
Untersuchungen darüber anzustellen, von wo der Sand herkam. Aber ein
Blick über das Land ringsum ließ mich als sicher annehmen, daß der Sand
von Süden her dahin gekommen sein müßte. Man konnte dies deutlich an
Vertiefungen und wellenförmigen Erhebungen sehen, die zeigten, daß der
Sand in ungefähr nördlicher Richtung gewandert war. Und wenn ich auch,
da es mir nicht möglich war, dies bestimmt festzustellen, nicht
beabsichtige, meine persönliche Ansicht über die Bewegungen und den
Ursprung dieser Sandablagerungen als durchaus richtig hinzustellen, so
bin ich doch ziemlich fest davon überzeugt, daß der Sand dort durch den
Wind abgelagert worden ist, der ihn aus den heißen Ebenen Indiens über
die Kette des Himalaja gebracht hat.
Von dem hohen Aussichtspunkte, zu dem wir emporgestiegen waren,
durchforschten meine Wachen das Land nach allen Richtungen. Nach Osten
hin sahen wir in weiter Ferne eine große Schar von Reitern, die Wolken
von Staub aufwirbelten. Wir ritten den Hügel wieder hinab, wobei unsere
Tiere in den weichen Sand einsanken, und machten uns, als wir am Fuße
angelangt waren, wo der Boden härter war, wieder auf unsern Weg, in der
Richtung auf die herankommende Schar.
[Illustration: Sattel mit Stacheln.]
Meile nach Meile wurde in unangenehm schnellem Trab zurückgelegt, bis
wir an einer Stelle anlangten, wo wir die Reiterschar, die wir von dem
Gipfel des Hügels gesehen hatten, in einer Linie aufgestellt fanden. Es
war ein schöner Anblick, als wir näher kamen, wenn auch die Schmerzen,
die ich zu erdulden hatte, dem Vergnügen, das dieses malerische
Schauspiel mir sonst wohl gewährt hätte, einigen Abbruch taten.
Ungefähr hundert rote Lamas standen in der Mitte, mit Bannerträgern
neben sich, die merkwürdige flache Hüte auf dem Kopfe trugen, und
etwa die gleiche Anzahl Soldaten und Offiziere in grauen, roten und
schwarzen Tunikas, im ganzen etwa zweihundert Reiter.
Vor der Menge der Lamas und Soldaten, etwas von ihnen entfernt, hielt
der Pombo in gelbem Rocke und Hose und den sonderbaren spitzigen Hut
auf dem Kopfe, auf einem prächtigen Pferde.
Seltsamerweise ließ der Reiter, der mein Pferd führte, den Strick los,
als wir dicht an diese neue Menschenmenge herangekommen waren. Mit
grausamen Peitschenschlägen angetrieben, wurde das Tier seiner Laune
überlassen. Die Soldaten meiner Wache lenkten ihre Pferde zur Seite.
Mein Pferd stürzte fort, gerade auf den Pombo los. Als ich dicht an ihm
vorbeikam, kniete der schon erwähnte Nerba, der »Privatsekretär« des
Tarjum von Toktschim, nieder, zielte mit seiner auf der Stütze ruhenden
Luntenflinte nach mir und feuerte ohne weiteres einen Schuß auf mich ab.
Aber trotzdem dieser Nerba, wie ich später erfuhr, einer der
Meisterschützen des Landes war und die Entfernung von seiner
Luntenflinte bis zu mir nicht mehr als vier Meter betrug, traf mich
die Kugel doch nicht, sondern sauste an meinem linken Ohr vorbei. Das
Geschoß verursachte ein merkwürdiges zischendes Geräusch, dem einer
kleinen Rakete nicht unähnlich. Wahrscheinlich hatte die Schnelligkeit,
mit der mein Pferd vorwärts rannte, mich gerettet, da der Schütze auf
keinen festen Punkt zielen konnte. Mein Pferd, durch die Entladung der
Luntenflinte in solcher Nähe erschreckt, scheute und fing an, sich zu
bäumen und nach hinten auszuschlagen. Ich konnte mich aber im Sattel
behaupten, trotzdem die Eisenstacheln des Sattels den untern Teil
meines Rückens schrecklich zerfleischten.
Jetzt kamen mehrere Reiter näher und fingen mein Pferd ein; dann wurden
die Vorbereitungen für eine neue aufregende Nummer in dem Programm
meiner Martern getroffen. In ihrer Art waren diese edlen Lamas große
Sportsfreunde! Ich schwur mir selbst, mochten sie mir antun, was sie
wollten, ich würde ihnen nicht die Genugtuung bereiten, zu zeigen, daß
sie mir wehe täten.
Diesem Grundsatz getreu, gab ich mir den Anschein, als fühlte ich
nicht die Wirkung der Stacheln, die mir das Fleisch vom Rücken rissen.
Als man mich vor den Pombo führte, um ihm zu zeigen, wie ich mit Blut
bedeckt war, sprach ich meine Zufriedenheit darüber aus, auf einem so
vorzüglichen Pferde reiten zu dürfen.
Mein Betragen schien die Tibeter gänzlich irrezumachen. Jetzt wurde ein
ungefähr vierzig bis fünfzig Meter langer Strick aus Jakhaaren gebracht
und der an dem einen Ende befestigte Ring an meinen Handschellen
festgemacht; das andere Ende wurde von einem Reiter gehalten.
Nun fing die wilde Jagd wieder an. Diesmal folgte uns nicht nur die
Wache, sondern auch der Pombo mit allen seinen Leuten. Ein- oder
zweimal konnte ich nicht umhin, mich umzudrehen, um zu sehen, was sie
anfingen. Die Kavalkade bot einen unheimlich malerischen Anblick.
Die Reiter mit ihren bunten Kleidern, ihren Luntenflinten mit roten
Fähnchen, ihren juwelenbesetzten Schwertern, ihren Bannern mit langen,
im Winde flatternden vielfarbigen Bändern, alle in wütendem Galopp,
schreiend, kreischend und zischend, inmitten eines betäubenden
Geklingels von Tausenden von Pferdeglocken.
[Illustration: Tibetischer Bannerträger.]
Um unsere Eile zu beschleunigen, ritt ein Soldat an meiner Seite, der
wütend auf mein Pferd peitschte, um es in schnellstem Gang zu erhalten.
Inzwischen tat der Reiter, der den Strick hielt, alles was er konnte,
mich aus dem Sattel zu ziehen, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß ich
von den Reitern hinter mir totgetreten würde. Wenn ich, um meinen
Sitz zu behaupten, den Körper nach vorn bog und mit dem Strick an den
Armen heftig nach hinten gezogen wurde, rieben die Handschellen mir
das Fleisch von den Händen und Knöcheln ab. An einzelnen Stellen
wurde der Knochen bloßgelegt; natürlich brachte mich jeder Ruck auch
in gewaltsame Berührung mit den Stacheln des Sattels und verursachte
mir tiefe Wunden. Schließlich gab der Strick, so stark er auch war,
unerwartet nach, der Soldat, der am andern Ende zog, flog plump vom
Pferde, und ich war nahe daran, durch den unerwarteten Ruck abgeworfen
zu werden. Zuerst erregte dieser spaßhafte Vorfall meiner Eskorte große
Heiterkeit, aus der aber ihre abergläubischen Gemüter sofort ein böses
Omen machten.
Als mein Pferd sowie der davongelaufene Gaul des abgeworfenen Reiters
angehalten wurden, benutzte ich ihre Furcht, um ihnen noch einmal zu
versichern, daß jedes Leid, das sie mir anzutun versuchten, sich immer
gegen sie selbst richten würde. Der Strick wurde mit verschiedenen
starken Knoten wieder zusammengebunden, und nach einer Unterbrechung
von wenigen Minuten begannen wir unsern halsbrecherischen Galopp von
neuem, wobei ich wieder als Vorderster zu reiten hatte.
Gegen Ende unseres Rittes mußten wir im Bogen um einen Sandhügel
herumreiten; zwischen ihm und einem großen Teiche führte ein schmaler
Pfad hindurch. An diesem Punkte sah ich mich plötzlich einem Soldaten
gegenüber, der seine Luntenflinte schußbereit hielt. Das Pferd sank
tief in den Sand ein und konnte hier nicht schnell vorwärts. Es war
dies, wie ich vermute, der Grund, weshalb man gerade diese Stelle
gewählt hatte. Der Mann feuerte, als ich nur ein paar Schritte an ihm
vorbeikam; aber das Glück wollte, daß auch dieser zweite Mordversuch
mich unversehrt ließ.
Aus dem weichen Sande glücklich herausgekommen und auf härtern Boden
gelangt, begannen wir wieder unsern ungestümen Lauf. Von hinten
wurden mehrere Pfeile auf mich abgeschossen; aber wenn auch einige
sehr nahe an mir vorbeigingen, traf mich doch keiner. Endlich kamen
wir nach einem an Ereignissen und Aufregungen reichen Ritte gegen
Sonnenuntergang an unserm Bestimmungsort an.
Neununddreißigstes Kapitel.
Die Folterung.
Eine Festung und ein großes Lamakloster standen auf dem Gipfel eines
Hügels, an dessen Fuß vor einem andern großen Gebäude das Prunkzelt
des Pombo aufgeschlagen war. Der Name dieses Ortes war, soweit ich ihn
später feststellen konnte, Namj Laccé Galschio oder Gyatscho.
Zwei oder drei Leute zogen mich ungestüm vom Sattel herunter. Die
Schmerzen im Rücken, die die Stacheln verursacht hatten, waren
furchtbar. Ich bat um einen Augenblick Ruhe. Sogar dies wurde mir
von meinen Wächtern verweigert, die mich brutal vorwärts stießen
und sagten, daß ich sofort enthauptet werden würde. Das ganze um
mich versammelte Volk verhöhnte mich und machte mir Zeichen, daß mir
der Kopf abgeschlagen werden würde; die feige Menge der Lamas aber
überschüttete mich mit Beleidigungen aller Art. Ich wurde nach dem
Richtplatze gedrängt, der sich auf der linken Seite des Zeltes befand.
Ein langer dreikantiger Balken lag auf dem Boden. Man stellte mich auf
die scharfe Kante desselben, und mehrere Männer hielten mich fest,
während vier oder fünf andere unter Aufbietung ihrer vereinten Kräfte
meine Beine so weit auseinanderzogen, als möglich war. In dieser
peinvollen Stellung festgehalten, wurden mir von den Unholden die
Füße mit Stricken aus Jakhaaren an den Balken festgebunden. Mehrere
Männer mußten diese Stricke anziehen, und zwar so fest, daß sie an
verschiedenen Stellen um die Knöchel herum und an den Füßen tiefe
Rinnen in Haut und Fleisch schnitten; viele von diesen Schnitten, die
~Dr.~ Wilson einige Wochen später maß, waren bis zu 8 Zentimeter lang!
Als ich so festgebunden war, kam der Schurke Nerba, der auf mich
geschossen hatte, und ergriff mich von hinten bei den Haaren. Mein Haar
war lang, da es seit mehr als fünf Monaten nicht geschnitten worden war.