blickte ich um mich, um meinen Leuten mein Bedauern auszusprechen.
Wir trugen unsere Bande mit Stolz und nicht mit Beschämung. Wenn ich
bedachte, daß die Tibeter im ganzen -- Lamas, Landleute und verkleidete
Soldaten mit eingerechnet -- 500 Mann dazu gebraucht hatten, _einen_
verhungerten Europäer und seine beiden halbtoten Diener festzunehmen,
und daß sie sogar unter diesen Umständen nicht gewagt hatten, offen
vorzugehen, sondern ihre Zuflucht zu niedrigem Verrat hatten nehmen
müssen; wenn diese Soldaten, wie sich später herausstellte, auserlesene
Truppen aus Lhasa und Schigatse und zu dem Zwecke ausgesandt waren,
unsern Weitermarsch aufzuhalten und uns gefangenzunehmen, -- da konnte
ich wirklich nur ein Lächeln der Verachtung für diejenigen haben, in
deren Hände wir endlich gefallen waren.
Mein Blut kochte vor Empörung, als jetzt auf Befehl des Lamas, der am
Abend zuvor sich für unsern Freund ausgegeben hatte, mehrere Männer
vortraten und unsere Taschen durchsuchten. Sie raubten uns alles, was
wir besaßen, und fingen an, unser Gepäck zu durchstöbern. Die Uhren und
Chronometer wurden mißtrauisch angesehen, und ihr Ticken verursachte
Angst und Neugierde zugleich. Wieder und wieder wurden sie im Kreise
herumgegeben und unbarmherzig vom einen dem andern zugeworfen, bis sie
stehenblieben. Dann wurden sie für »tot« erklärt. Die Kompasse und
Aneroide, die sie von den Uhren nicht unterscheiden konnten, wurden
bald beiseitegeworfen, da sie »kein Leben in sich hatten«. Aber bei der
Berührung unserer Flinten, die, als das Zelt heruntergerissen worden
war, auf unserm Bettzeug lagen, zeigten sie die äußerste Vorsicht.
Man hatte die größte Furcht, sie könnten von selbst losgehen, und erst
auf meine Versicherung -- die unsere Besieger noch zehnmal vorsichtiger
machte --, daß sie nicht geladen seien, nahmen sie sie endlich auf und
verzeichneten sie in der Liste unsers konfiszierten Eigentums. Ich trug
einen goldenen Ring, den mir meine Mutter geschenkt hatte, als ich noch
ein Kind war. Ich bat um die Erlaubnis, ihn behalten zu dürfen; ihre
abergläubische Natur brachte sie sofort auf den Gedanken, der Ring
müsse verborgene Kräfte haben, wie etwa die Zauberstäbe, von denen man
in den Feenmärchen liest.
Mein Ring wurde einem Manne namens Nerba anvertraut, der später noch
eine wichtige Rolle in unsern Leiden spielen sollte, und es wurde ihm
eingeschärft, mich den Ring nie wieder sehen zu lassen. Wie wir drei
Gefangenen so dasaßen, gefesselt und von Wächtern niedergehalten,
war es ein herzzerreißender Anblick! Es hatte aber auch wieder seine
humoristische Seite, zu sehen, wie die Lamas und Offiziere alle
unsere Sachen so plump anfaßten, daß sie fast alles verdarben, was
sie berührten. Besonders ekelhaft war ihre Gier, als sie bei dem
Durchsuchen der Taschen des Rockes, den ich täglich trug, aber an jenem
Morgen nicht angezogen hatte, eine Summe in Silbermünzen, im ganzen
etwa 800 Rupien, fanden. Lamas, Offiziere und Soldaten stürzten sich
auf das Geld. Und als die Ordnung wiederhergestellt war, sah man da, wo
die Summe gelegen hatte, nur noch ein paar Münzen. Dasselbe Schicksal
hatten auch andere Geldbeträge, die sich in einer unserer Lasten fanden.
Unter den Gegenständen, die die größte Neugier erregten, befand sich
ein voll aufgeblasenes Gummikissen. Die weiche, glatte Oberfläche des
Gummis schien ihnen zu gefallen, und einer nach dem andern rieb seine
Backen an dem Kissen, indem er dem Wohlgefallen an dem angenehmen
Gefühl, das er dabei empfand, lauten Ausdruck gab. Als sie jedoch mit
der Messingschraube spielten, die die Öffnung des Kissens verschloß,
drehten sie daran, und die eingeschlossene Luft entwich mit zischendem
Geräusch. Dies rief eine förmliche Panik unter den Tibetern hervor,
und es fehlte nicht an vielen seltsamen Vermutungen, die sie in
ihrem abergläubischen Sinne auf diesem einfachen, für sie jedoch
unerklärlichen Vorgang aufbauten. Sie betrachteten ihn als ein böses
Zeichen. Natürlich benutzte ich jeden kleinen Vorfall solcher Art, um
auf ihren Aberglauben einzuwirken und sie soviel als möglich in Furcht
zu versetzen.
Als die Tibeter alles bis auf meine wasserdichten Kisten mit den
Instrumenten, photographischen Platten und Skizzen untersucht
hatten, schienen sie über ein paar kleine Zwischenfälle und einige
Bemerkungen, die ich machte, so außer Fassung zu geraten, daß sie
eilig meinen ganzen Besitz in Säcke und Decken einschnürten und Befehl
gaben, daß die Sachen auf Jake geladen und in das Wachthaus bei der
Niederlassung gebracht würden. Nachdem dies geschehen war, befestigten
sie die um unsern Hals geschlungenen Stricke an ihren Sattelknöpfen,
machten unsere Füße los, sprangen dann auf ihre Reittiere und ritten
unter Jubelrufen, Zischen und Siegesgeschrei davon, wobei sie ihre
Luntenflinten in die Luft abschossen, während sie uns als Gefangene in
die Ansiedelung hineinschleppten.
Bei unserer Ankunft im Lager waren die letzten Worte, die ich vor
unserer Trennung an meine Leute richtete: »Was sie euch auch zufügen
mögen, laßt sie nicht sehen, daß ihr leidet«, und sie versprachen mir,
zu gehorchen. Dann wurden wir in verschiedene Zelte gebracht.
Mich schleppten sie in eins der größten Zelte, wo nicht nur draußen,
sondern auch drinnen Soldaten als Wache aufgestellt wurden. Die in
meiner Nähe Stehenden waren anfangs mürrisch und grob, aber ich ließ
es mir angelegen sein, ihnen so ruhig und höflich zu antworten, als
ich nur konnte. Ich hatte bei vielen früheren Gelegenheiten gefunden,
daß im Verkehr mit Asiaten nichts förderlicher ist als ein ruhiges,
kaltblütiges Verhalten; und so sah ich auch sofort ein, daß, wenn uns
überhaupt etwas aus unserer jetzigen schlimmen Lage heraushelfen könne,
dies nur dadurch geschehen würde, daß wir bei allem ein vollständig
gleichgültiges Benehmen bewahrten.
Da das Zelt verschlossen gehalten wurde, wußte ich nicht, was draußen
geschah. Nach dem Lärm, den ich vernahm und der durch das eilige Hin-
und Herlaufen von Menschen, durch laute Befehlsrufe und daneben durch
das beständige Geklingel der Glöckchen an den Pferden der vor dem Zelte
vorbeigaloppierenden Soldaten verursacht wurde, schloß ich jedoch, daß
das Lager sich in einem Zustande großer Aufregung befinden müsse.
Ich war ungefähr drei Stunden in dem Zelte, als ein Soldat eintrat, der
den Befehl hatte, mich herauszubringen.
»Sie werden ihn enthaupten«, sagte er zu seinen Kameraden, und, indem
er sich nach mir umwandte, machte er mit der Hand eine bezeichnende
Bewegung über seinen Hals.
»~Nikutza.~ Schon gut«, sagte ich trocken.
Man darf nicht vergessen, daß, wenn einem Tibeter so schwerwiegende
Worte gesagt werden, er gewöhnlich auf die Knie fällt und mit
Tränen und Schluchzen und mit überreichlichen Bitten um sein Leben
fleht. So kann es nicht überraschen, daß die Tibeter über meine
Antwort einigermaßen erstaunt waren und nicht recht wußten, was sie
daraus machen sollten. Jedenfalls hatte sich der erste Eifer des
Boten merklich abgekühlt, und ich wurde mit mehr Widerwillen als
Entschiedenheit hinausgeführt.
Während ich eingeschlossen war, hatte man ein ungeheueres weißes Zelt
mit blauen Verzierungen vor dem Lehmhause aufgeschlagen, das Hunderte
von Soldaten und Dorfleuten umstanden. Es war ein äußerst malerischer
Anblick.
Als ich näher herangeführt wurde, sah ich, daß die Vorderseite des
Zeltes weit geöffnet war und daß eine große Anzahl roter Lamas mit kahl
rasierten Köpfen und langen wollenen Tunikas drinnen stand. Ungefähr
zwanzig Meter von dem Zelte hießen die Soldaten mich stillstehen.
Die Stricke, die mir schon in Handgelenke, Ellenbogen und Brust
einschnitten, wurden noch durch neue vermehrt und die erstern fester
angezogen. Jetzt sah ich, wie Tschanden Sing vorgeführt wurde. Mich
stieß man, anstatt mich vor die Lamas zu bringen, hinter das abgelegene
Lehmhaus, um mich nicht zum Augenzeugen der folgenden Szene zu machen.
Ich hörte, daß Tschanden Sing in lautem, zornigem Tone ausgefragt
und beschuldigt wurde, mein Führer gewesen zu sein. Darauf vernahm
ich wildes Geschrei der Menge, dann folgte Totenstille. Ein paar
Augenblicke danach brachte mir das Klatschen von Peitschenhieben, denen
heiseres Stöhnen meines armen Trägers folgte, klar zum Bewußtsein, daß
schwere Zeiten für uns gekommen waren!
Ich zählte die Streiche, deren widerlicher Ton noch heute fest in
meinem Gedächtnis eingeprägt ist, wie sie einer nach dem andern
regelmäßig und ununterbrochen niederfielen, bis zu zwanzig, dreißig,
vierzig und fünfzig. Dann trat eine Pause ein.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Das Verhör.
Nun kam eine Abteilung Soldaten zu mir, und ich wurde zuerst langsam,
dann unter heftigen Stößen vor das Tribunal geführt. Ich leistete
keinen Widerstand.
Auf einem hohen Sitze in der Mitte des Zeltes saß ein Mann, der weite
Hosen von schreiend gelber Farbe und einen kurzen gelben Rock mit lang
herabhängenden Ärmeln trug. Auf dem Kopfe hatte er einen ungeheuern
vierspitzigen, über und über vergoldeten Hut, auf den drei große Augen
gemalt waren. Er sah jung aus; sein Kopf war glatt rasiert, da er
ein Lama vom höchsten Range war, ein Groß-Lama und Pombo, d. h. der
Gouverneur einer Provinz, mit Machtbefugnissen gleich einem Lehnskönig.
Zu seiner Rechten stand ein dicker, kräftiger roter Lama, der ein
gewaltiges zweihändiges Schwert hielt, und auf beiden Seiten waren
zahlreiche andere Lamas, Offiziere und Soldaten. Als ich schweigend
und hocherhobenen Hauptes vor ihm stand, stürzten zwei oder drei Lamas
auf mich zu und befahlen mir, niederzuknien. Sie versuchten mich dazu
zu zwingen, indem sie mich auf die Knie niederdrücken wollten, aber es
gelang mir, meine aufrechte Stellung zu bewahren.
Der Pombo, der vor Wut buchstäblich schäumte, redete mich in Worten
an, die sehr heftig klangen; aber da er klassisches Tibetisch sprach
und ich nur die Umgangssprache, konnte ich kein Wort von dem, was er
sagte, verstehen, und so bat ich ihn demütig, nicht so schöne Worte zu
gebrauchen.
Dieses unerhörte Ersuchen machte den großen Mann ganz verdutzt, und mit
drohender Miene gab er mir ein Zeichen, nach links zu blicken.
Die Soldaten und Lamas traten zur Seite, und ich gewahrte meinen
treuen Diener Tschanden Sing, der vor einer Reihe von Lamas und
Militärpersonen mit dem Gesicht nach unten und von den Hüften abwärts
gänzlich unbekleidet platt auf dem Boden lag. Nun begannen zwei
starke Lamas, einer von jeder Seite, ihn von neuem mit geknoteten,
mit Bleistücken besetzten Lederriemen zu züchtigen, indem sie ihn mit
kräftigen Armen von der Taille bis zu den Füßen mit wuchtigen Hieben
bearbeiteten. Er blutete jämmerlich.
Jedesmal, wenn ein Hieb auf seine zerrissene Haut niederfiel, war es
mir, als würde mir ein Dolch in die Brust gestoßen; aber ich kannte
die Orientalen zu gut, als daß ich mein Mitleid mit dem Manne gezeigt
hätte, weil ihm dies nur eine noch härtere Strafe zugezogen haben
würde. So sah ich seiner Tortur zu, wie man auf ein alltägliches
Vorkommnis blickt. Die in meiner Nähe stehenden Lamas schüttelten
ihre Fäuste vor meiner Nase und erklärten mir, daß ich gleich an die
Reihe kommen würde, worauf ich lächelte und das gewöhnliche »~Nikutza,
nikutza~« wiederholte.
Wie ich auf ihren Gesichtern deutlich sehen konnte, wußten der Pombo
und seine Offiziere nicht, was sie aus mir machen sollten; je mehr ich
bemerkte, wie gut mein Plan einschlug, desto höher schraubte ich meinen
Mut, um meine Rolle so gut ich irgend konnte durchzuführen.
Wenigstens zwei Minuten lang saß der Pombo, ein weibischer,
jugendlicher, hübscher Mensch von hysterischem Wesen, der
wahrscheinlich ein vorzügliches Objekt für hypnotische Experimente
abgegeben hätte, wie in einer Verzückung da, seine Augen fest auf die
meinigen gerichtet.
Es war eine wunderbare, plötzliche Veränderung mit dem Manne
vorgegangen, und seine vor wenigen Augenblicken noch so anmaßende und
zornige Stimme klang jetzt sanft und gütig. Die Lamas, die ihn umgaben,
waren augenscheinlich bestürzt, als sie ihren Herrn und Meister aus
einem schäumenden Wüterich in das sanfteste Lamm verwandelt sahen.
Sie ergriffen mich daher und brachten mich ihm aus den Augen, an die
Stelle, wo Tschanden Sing gezüchtigt wurde. Hier konnten sie mich
wieder nicht zum Niederknien zwingen, weshalb mir schließlich erlaubt
wurde, mich vor den Offizieren des Pombo auf die Erde zu kauern.
Die beiden Lamas verließen Tschanden Sing und begannen, nachdem sie
meine Notizbücher und Karten hervorgezogen hatten, mich scharf zu
verhören, wobei sie sagten, daß ich verschont bleiben sollte, wenn ich
die Wahrheit spräche; im andern Falle würde ich erst gepeitscht und
dann enthauptet werden.
Ich antwortete, daß ich die Wahrheit sprechen würde, gleichviel, ob sie
mich straften oder nicht.
Darauf sagte mir einer der Lamas, ein großer, dicker, roher Kerl, der
mit einem prächtigen rotseidenen Rock mit Goldstickerei am Kragen
aufgeputzt war und der sich an dem Durchpeitschen Tschanden Sings
beteiligt hatte, ich solle aussagen, daß mein Diener mir den Weg durch
Tibet gezeigt und daß er die Landkarten und Skizzen gemacht habe. Wenn
ich dies sagen wollte, wären sie willens, mich freizugeben und mich
mit dem Versprechen, mir kein weiteres Leid anzutun, an die Grenze
zurückbefördern zu lassen. Sie wollten meinen Diener enthaupten: das
wäre alles; mir persönlich sollte aber kein Schaden zugefügt werden.
[Illustration: Der Pombo.]
Ich machte den Lamas klar, daß ich allein verantwortlich sei für die
Karten und Skizzen sowie für die Auffindung des Wegs, der mich so weit
ins Land geführt habe. Langsam und deutlich wiederholte ich mehrmals,
daß mein Diener unschuldig sei und daß deshalb kein Grund vorliege, ihn
zu strafen. Indem er mir nach Tibet folgte, habe er nur meinen Befehlen
gehorcht; wenn irgend jemand strafbar wäre, müßte ich allein, nicht
meine beiden Diener bestraft werden.
Die Lamas wurden hierüber zornig, und der eine von ihnen schlug mich
mit dem dicken Ende seiner Reitpeitsche heftig auf den Kopf. Ich tat,
als ob ich es nicht fühlte, trotzdem meine arme Kopfhaut noch lange
davon schmerzte und brannte.
»Dann werden wir dich und deinen Diener schlagen, bis ihr aussagt, was
wir wollen«, rief der Lama ärgerlich aus.
»Ihr könnt uns schlagen, wenn ihr wollt,« erwiderte ich dreist; »aber
wenn ihr uns unrecht bestraft, wird es zu euerm Schaden sein. Ihr könnt
uns die Haut herunterreißen, ihr könnt uns zu Tode bluten lassen, aber
ihr könnt nicht machen, daß wir Schmerzen fühlen.«
Ando, der Verräter, der fließend Hindostanisch sprach, diente
als Dolmetscher, wenn irgendein Hindernis in unserer tibetischen
Unterhaltung eintrat; so wurde mit dem, was ich von der Sprache wußte,
und mit Hilfe dieses Mannes den Tibetern alles so deutlich als möglich
erklärt. Nichtsdestoweniger fuhren sie unbarmherzig fort, meinen armen
Diener zu peitschen, der in seiner Todesangst in die Erde biß, wenn ein
Schlag nach dem andern ihn traf und Stücke Haut und Fleisch abriß.
Tschanden Sing benahm sich heldenmütig. Kein Wort der Klage, keine
Bitte um Gnade kam über seine Lippen. Er sagte, er habe die Wahrheit
gesprochen und habe nichts weiter zu sagen. Von allen Lamas und
Soldaten aufmerksam bewacht, saß ich mit erheucheltem Gleichmut vor
diesem grausamen Schauspiel, bis sie, über mein Phlegma ärgerlich, den
Soldaten Befehl gaben, mich wegzuschleppen. Wieder führten sie mich
hinter das Lehmhaus, von wo ich deutlich das zornige Schreien der Lamas
vernehmen konnte, die mit Tschanden Sing ein Kreuzverhör anstellten,
und jenes furchtbare Klatschen der Peitschenhiebe, die ihm noch erteilt
wurden.
Es fing an zu regnen, was ein Glück für uns war; denn ein Regenschauer
übt in Tibet wie in China großen Einfluß auf das Volk aus, und man
weiß, daß sogar Schlachten Einhalt getan worden ist, bis der Regen
aufgehört hatte.
Dies war auch an jenem Tage der Fall. Sobald die ersten Tropfen fielen,
stürzten die Soldaten und Lamas hier- und dorthin und in die Zelte
hinein; ich wurde eilig in das entlegenste Zelt geschleppt, das bald
vollgepfropft war von Wächtern, unter deren Aufsicht man mich gegeben
hatte.
Im Hintergrunde des Zeltes saß mit untergeschlagenen Beinen ein
Offizier von hohem Rang. Er trug ein schönes, rotes, mit Gold
und Leopardenfell besetztes Gewand und an den Füßen hohe Stiefel
chinesischer Form von schwarzem und rotem Leder. Durch den Gürtel hatte
er ein prächtiges Schwert gesteckt, dessen massive Silberscheide mit
großen Korallen- und Malachitstücken eingelegt war.
Dieser Mann, der ein Alter von fünfzig bis sechzig Jahren zu haben
schien, hatte ein intelligentes, vornehmes, ehrliches und gutmütiges
Gesicht. Ich fühlte denn auch beinahe vom ersten Augenblick an, als
ich ihn sah, daß er mir ein Freund sein würde. Und in der Tat war es
dieser Offizier allein, der, während die Lamas und Soldaten mich mit
übermäßiger Härte behandelten und mich soviel sie konnten in gemeiner
Weise ausbeuteten, mir etwas Ehrerbietung bewies und mein Benehmen zu
würdigen schien. Er machte mir neben sich Platz und gab mir durch ein
Zeichen zu verstehen, daß ich mich an seine Seite setzen solle.
»Ich bin ein Soldat«, sagte er in würdevollem Tone, »und kein Lama. Ich
bin mit meinen Leuten von Lhasa gekommen, um dich festzunehmen, und
jetzt bist du mein Gefangener. Doch du hast keine Furcht gezeigt, und
ich achte dich.«
Indem er dies sagte, neigte er den Kopf, legte seine Stirn dicht an
meine und streckte die Zunge heraus, um nach tibetischer Art große
Betrübnis und Teilnahme auszudrücken. Dann machte er eine Gebärde, die
andeutete, daß er noch mehr zu sagen wünschte, dies aber wegen der
Gegenwart der Soldaten jetzt nicht tun könne.
Wir fingen nun eine sehr freundschaftliche Unterhaltung an, in deren
Verlauf er mir sagte, er sei ein Rupun, nehme also den nächsten Rang
nach einem General ein. Ich bemühte mich, ihn über englische Soldaten
und Waffen aufzuklären; er zeigte auch das lebhafteste Interesse für
alles, was ich ihm erzählte. Dafür gab er mir interessante Auskünfte
über die tibetischen Soldaten. Jedermann in Tibet wird in Kriegszeiten
oder wenn er zur Dienstleistung herangezogen wird, als Soldat
betrachtet. Für das reguläre Heer können sich alle kräftigen, gesunden
Burschen im Alter von über 17 Jahren anwerben lassen; die krüppelhaften
oder schwächlichen werden als dienstuntauglich zurückgewiesen. Die bei
den tibetischen Soldaten am meisten geschätzten Eigenschaften sind
Geschicklichkeit im Reiten und unbegrenzter Gehorsam. Der Rupun schwur
auf die tibetischen Luntenflinten, die er für die brauchbarsten Waffen
der Welt hielt; denn seiner Meinung nach könne man, solange man genug
Pulver habe, alles als Geschoß verwenden; Kieselsteine, Erde oder Nägel
täten ebenso gute Dienste wie eine Bleikugel.
Wie er mir erzählte, würden in Lhasa und Schigatse große Mengen dieser
Waffen hergestellt, von denen die meisten tibetischen Männer außerhalb
der Stadt eine besäßen. Auch Schießpulver werde aus Salpeter und im
Lande selbst gefundenem Schwefel gemacht.
Es machte dem Rupun, als er sah, wie behende ich im Aufschnappen von
Worten war, ein besonderes Vergnügen, mir wie einem Kinde die Namen der
verschiedenen Rangstufen in der tibetischen Armee beizubringen.
Der niedrigste Rang ist der des Tschupun, der nur zehn Mann unter
sich hat; dann kommt der Kiatsambapun oder Kiapun, der Offizier, der
hundert Mann befehligt, und der Tungpun oder Anführer von tausend
Mann. Nur selten jedoch bekommen diese Offiziere die ihrem Range
entsprechende volle Zahl von Mannschaften angewiesen, und sehr oft hat
der »Befehlshaber von Tausend« höchstens drei- oder vierhundert Mann
unter sich. Über dem Tungpun steht der Rupun, eine Art Generaladjutant;
dann kommt der Dahpun oder Großoffizier; der höchste von allen ist der
Magpun, der Obergeneral.
Einen dieser Generale hatten wir schon in Gyanema kennengelernt.
Trotzdem mein Berichterstatter mir sagte, daß die Offiziere nach
ihrer Tapferkeit im Kriege und ihrer Kraft und Geschicklichkeit im
Sattel und mit der Waffe gewählt würden, wußte ich gut genug, daß dem
nicht so war. Die Offiziersstellen werden hauptsächlich denjenigen
gegeben, die dafür am meisten bezahlen können, und dann auch Leuten
aus solchen Familien, die unter der besondern Protektion der Lamas
stehen. In andern Fällen werden die Stellen auch tatsächlich öffentlich
versteigert.
Die große Masse des tibetischen Volkes glaubt indessen, daß die von dem
Rupun beschriebene Methode bei der Wahl von Offizieren wirklich befolgt
werde.
Der Rupun besaß viel trockenen Humor, und als ich ihm erzählte,
wie schnell die tibetischen Soldaten bei frühern Gelegenheiten
davongelaufen seien, als ich ihnen mit meiner Flinte entgegentrat,
konnte er ein herzliches, verständnisvolles Lachen, in das wir alle
einstimmten, nicht unterdrücken. Er zeigte sich aber der Lage gewachsen
und rief aus: »Ja, ich weiß, daß sie davonliefen, aber es geschah
nicht aus Furcht. Sie liefen, weil sie dir kein Leid antun wollten.«
Ich erwiderte, daß sie, wenn dies der Fall gewesen wäre, doch nicht so
schnell hätten zu laufen brauchen!
Diese sarkastische Bemerkung belustigte den Rupun aufs höchste, und er
mußte so darüber lachen, daß ihm die Tränen die Backen hinabliefen. Er
klopfte mir auf den Rücken und meinte, ich hätte recht. Dann sagte er,
es tue ihm leid, mich gefesselt zu sehen, er habe aber strengen Befehl
erhalten, mir weder Nahrung zu geben noch meine Bande zu lösen.
Die Soldaten, die der höflichen, freundschaftlichen Unterhaltung
zwischen dem Rupun und mir als einem zwischen Sieger und Gefangenen
nicht gewöhnlichen Brauch mit offenem Munde zugehört hatten, folgten
dem Beispiel ihres Befehlshabers und verwandelten ihre mürrische, grobe
Art in ein ganz freundliches, ehrerbietiges Betragen. Sie legten mir
ein Kissen unter und bemühten sich, es mir so behaglich zu machen, als
sie es unter den Umständen konnten.
Gegen Abend wurde der Rupun vor den Pombo gerufen und die Wache
durch neue Mannschaften abgelöst. Dies bedeutete eine Veränderung
zum Schlimmern. Die Soldaten benahmen sich außerordentlich grob
und zogen mich von dem erhöhten Sitze, den ich am Ehrenplatze des
Zeltes eingenommen hatte, fort, um mich heftig auf einen Haufen Dung
niederzustoßen, den sie als Brennmaterial verwendeten.
»Das ist der richtige Platz für Plenkis!« schrie einer der Männer,
»nicht der an der besten Stelle des Zeltes!«
[Illustration: Grausames Spiel.]
Dann fielen sie ungestüm über mich her, banden mir, trotzdem ich gar
keinen Widerstand leistete, die Füße wieder zusammen und knüpften mir
noch einen Strick um die Knie. Die Enden dieser Stricke ließen sie
hängen und übergaben jedes der Enden einem Soldaten.
[Illustration: In der Streckfolter.]
In einem tibetischen Zelte ist keine Stelle reinlich, aber der Platz,
an dem ich die Nacht über bleiben sollte, war der allerschmutzigste. So
fest gebunden, daß die Stricke tief ins Fleisch einschnitten, konnte
ich an Schlafen nicht denken; aber zehnmal schlimmer als dies war der
ekelhafte Umstand, daß ich bald mit dem Ungeziefer bedeckt war, von
dem das Zelt wimmelte. Von dieser Stunde an bis an das Ende meiner
Gefangenschaft, fünfundzwanzig Tage lang, habe ich unsägliche Qualen
von dieser Plage erdulden müssen.
[Illustration: Der tanzende Pombo.]
Im Zelte standen die Wachen rings um mich mit gezogenen Schwertern, und
andere waren draußen postiert.
[Illustration: Finale des Tanzes.]
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Hoffnungslos.
Diese Nacht war reich an seltsamen Vorkommnissen. Aus der Ferne hörte
man in Pausen Rufe, die einer der Wächter im Zelte beantwortete. Sie
sollten die Leute wach erhalten und die Sicherheit geben, daß ich
noch dort sei. Der eine der im Zelt befindlichen Soldaten drehte sein
Gebetrad und murmelte das hier folgende Gebet so oft, daß ich es
auswendig lernte. In fast wörtlicher Übersetzung lautet es: