der Ankunft in einem Lagerplatze so wählen muß, daß man ihn vor
Sonnenuntergang erreicht, wenn man nicht sein Kommen schon im voraus
hat ankündigen lassen. Leuten, die mitten in der Nacht ankommen, traut
man nie gute Absichten zu, und darum knüpfen sich an ihr Erscheinen
alle möglichen schlimmen Vorstellungen von Mord, Raub und Erpressung.
Ich versuchte, die Gemüter dieser guten Leute dadurch zu beruhigen,
daß ich ihnen sagte, ich führte nichts Böses im Schilde; aber ihre
Aufregung und Verwirrung war so groß, daß ich niemand dazu bekommen
konnte, auf mich zu hören.
Jetzt kamen zwei alte Weiber mit einem Eimer Milch zu uns, stellten
ihn mir vor die Füße und flehten mich an, ihr Leben zu schonen. Wie
groß war ihr Erstaunen, als sie, anstatt ermordet zu werden, eine
Silberrupie als Bezahlung dafür erhielten! Dies war der erste Schritt
zu einer friedlichen Beilegung des Aufruhrs.
Nach einiger Zeit war die Ruhe wiederhergestellt, und wenn man uns auch
noch mit großem Mißtrauen ansah, wurden wir doch höflich behandelt.
Leider war es uns jedoch auch hier nicht möglich, einen Vorrat von
Tsamba, Mehl und Reis zu kaufen, da die Eingeborenen erklärten, daß sie
nicht einmal für sich selbst genug hätten.
Nachdem wir uns an dem Schaf, das wir schlachteten, und an Jakmilch
gütlich getan hatten, trafen wir in der Frühe des nächsten Morgens
unsere Vorkehrungen, ein Lager aufzuschlagen. Die Eingeborenen zeigten
wie gewöhnlich eine widerwärtige Gier nach Geld, für dessen Erlangung
sie stets bereit waren, sich den erniedrigendsten Zumutungen zu fügen.
Nordwestlich von dem Lagerplatze strömte durch eine Schlucht ein
breiter Fluß, der am Fuße der Berge entlang floß. Er wurde von Schnee
gespeist, denn nachts war die Strömung stark und tief, während früh
am Morgen der Wasserstand um etwa ein Meter niedriger war; doch war
der Strom selbst dann noch bei Tarbar nicht zu durchwaten. Nachts fiel
das Thermometer auf 3 Grad unter Null, und die Kälte war sehr groß.
Wir kauften von den Eingeborenen etwas Dung und machten am Morgen ein
schönes Feuer, und als wir nach mehrtägigen Entbehrungen ein gutes Mahl
eingenommen hatten, fühlten wir uns glücklicher als je.
Nachdem wir Tarbar verlassen hatten, folgten wir eine Zeitlang dem
Laufe des Flusses, und da es ein herrlicher Tag war, genossen wir
das prachtvolle Panorama des mächtigen Gebirgszuges im Südwesten von
uns. Fast alle höhern Gipfel waren von pyramidenförmiger Gestalt. In
Südwesten bemerkte ich einen riesenhaften viereckigen Berg. Links neben
ihm befand sich ein pyramidenförmiger Gipfel, der auch sehr hoch, aber
weder an Höhe noch an Schönheit seinem Nachbar zu vergleichen war.
Die Hauptrichtung des Kurses, den ich verfolgte, war ostsüdöstlich.
Der Fluß, an den wir uns mehr oder minder gehalten hatten, beschrieb
jetzt einen so großen Bogen nach Südsüdost, daß ich beschloß, ihn zu
überschreiten. Wir durchwateten ihn, wobei das Wasser uns bis an den
Hals ging, und nun befanden wir uns wieder auf sumpfigem Terrain, wo
sich unsere Erfahrungen vom vorigen Tage wiederholten.
Wir überschritten noch drei Nebenflüsse des großen Stromes, die alle
ziemlich breit und tief waren; dann mußten wir noch einmal über den
Hauptfluß gehen, der jetzt so tief und reißend war, daß er uns viel
Beschwerde und nicht geringe Gefahr verursachte. Da der Fluß die Ebene
im Zickzack durchströmt, war dies der einzige für uns mögliche Weg,
wenn wir nicht seinen Ufern folgen und dadurch unsere Wanderung um das
Doppelte und Dreifache verlängern wollten.
So stand uns in unserm Bemühen, in gerader Richtung vorzugehen, zum
drittenmal dieser große Fluß feindlich entgegen, der jetzt, noch durch
andere, vom Schnee gespeiste Flüsse angeschwollen, eine ungeheure
Wassermenge führte. Es war überdies nachmittags, wo das Wasser am
höchsten stieg.
Wir versuchten an verschiedenen Stellen den Übergang, fanden ihn aber
überall unmöglich. So entschloß ich mich, bis zur Frühe des nächsten
Morgens zu warten, ob sich mir bei niedrigerem Wasserstande eine
günstigere Gelegenheit bieten würde.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Ein harter Schlag.
Augenscheinlich war dieser Teil des Landes meinen Jaken wohlbekannt.
Ich hatte bemerkt, daß, wenn ich einmal den Pfad verlor, ich nichts
anderes zu tun hatte, als ihnen zu folgen, da sie mich immer wieder
auf den Weg zurückbrachten. So zeigten sie auch, wenn ich sie von dem
Pfade forttrieb, große Abneigung, vorwärts zu gehen, während sie munter
dahinschritten, wenn wir auf der Straße waren. Diese ist aber keine
eigentliche Straße in europäischem Sinne, denn nirgends ist ein Pfad zu
sehen, außer hier und da, wo die letzten Reisenden mit ihren Schafen,
Pferden und Jaken das Gras zertreten haben. In etwa ein Kilometer
Entfernung befand sich auf der andern Seite des Flusses ein Lager von
einigen fünfzig oder sechzig Zelten; Hunderte von Jaken und Schafen sah
man daneben grasen.
An dieser Stelle nahmen meine beiden Jake, die munterer als gewöhnlich
gegangen waren, plötzlich Reißaus, als ich Tschanden Sing und Man Sing
eben anwies, die Lasten herabzunehmen, und gingen geradeswegs ins
Wasser.
Bei dem Versuche, sie zum Umkehren zu veranlassen, warf Man Sing mit
einem Stein nach ihnen, was sie nur um so schneller hineinlaufen ließ.
Die Strömung war so stark und der Boden des Flusses so weich, daß sie
beide sanken, und als sie wieder auf der Oberfläche erschienen, trieben
sie reißend schnell stromabwärts. Wir beobachteten sie mit immer
wachsender Besorgnis, denn sie schienen ganz hilflos. Keuchend rannten
wir am Flußufer entlang und feuerten sie mit Zurufen an, um sie auf
die andere Seite zu treiben. Aber in ihrem verzweifelten Bestreben,
sich schwimmend zu erhalten, stießen die beiden Jake, ohnmächtig gegen
die Strömung, in der Mitte des Stromes heftig zusammen; dieser Stoß
brachte den Packsattel und die Lasten des kleinern Jaks zum Umkippen.
Das so aus dem Gleichgewicht gebrachte Tier sank unter und erschien
in seinem Kampfe um Luft und Leben noch zwei- oder dreimal auf der
Oberfläche.
Es war ein furchtbarer Augenblick. Ich warf meine Kleider ab und sprang
ins Wasser. Schnell schwamm ich auf das Tier zu und zog es mit nicht
geringer Anstrengung etwa 200 Meter stromabwärts an das Ufer. Nun waren
wir beide sicher, wenn auch atemlos; aber die Stricke, mit denen das
Gepäck an dem Sattel befestigt war, hatten sich gelöst, und Sattel
und Lasten blieben verschwunden. Dieses Unglück war ein entsetzlicher
Schlag für uns. Ich bemühte mich, durch wiederholtes Tauchen in dem
Flusse meine Habe wiederzuerlangen, bis ich fast erfroren war. Aber das
Wasser war so tief, reißend und schlammig, daß es mir nicht gelang,
sie zu finden oder auch nur die Stelle genau zu bestimmen, wo sie sein
konnten. Da, wo ich sie vermutete, war das Wasser über 6 Meter tief
und der Boden des Flusses weicher Schlamm, so daß die Lasten durch ihr
Gewicht sinken und ganz mit Schlamm bedeckt werden mußten.
Das Tauchen in so hoch gelegenen Regionen verursacht ein
eigentümliches, unangenehmes Gefühl. In dem Augenblick, als ich
ganz unter Wasser kam, war mir, als ob ich unter einer furchtbaren
Last zusammengepreßt würde, die mich zu zermalmen schien. Wäre die
Flüssigkeit über mir und um mich Blei gewesen anstatt Wasser, sie
könnte nicht schwerer auf mir gelastet haben. Dieses Gefühl machte
sich besonders im Kopfe bemerkbar; denn mir war, als ob mein Schädel
in einen Schraubstock gezwängt sei. Das Hämmern in meinen Schläfen war
so stark, daß ich, trotzdem ich unter gewöhnlichen Umständen mehr als
eine Minute unter Wasser bleiben kann, dort nicht länger als 15 bis
20 Sekunden aushalten konnte. Jedesmal, wenn ich nach Luft schnappend
von unten heraufschoß, schlug mein Herz beängstigend heftig, und meine
Lungen schienen bersten zu wollen.
Ich war so erschöpft, daß ich mich nicht imstande fühlte, meine beiden
Leute über den Fluß hinüberzubefördern; so verfiel ich auf ein anderes
Auskunftsmittel. Ich nahm dem stärkern Jak seine Last ab und trieb ihn
und seinen Genossen mit unendlicher Mühe wieder ins Wasser. Unbelastet
trieben sie als gute Schwimmer mit der Strömung fort und fanden ihren
Weg hinüber. Nun stiegen Tschanden Sing und Man Sing, ihre und meine
Kleider in einem Bündel über die Schultern gehängt, auf den Rücken der
Tiere und kamen nach einem etwas ängstlichen Übergang sicher auf meiner
Seite an.
Wir lagerten auf dem linken Ufer des Flusses. Die ganze Nacht hindurch
trauerten meine Leute über das verlorene Eigentum. Am nächsten Morgen
machte ich neue Versuche, die Lasten wiederzufinden. Vergebens! Sie
blieben für immer verloren. Unglücklicherweise hatten sie alle meine
Büchsenkonserven und die wenigen andern Lebensmittel für meine Leute
und mich enthalten. Überdies befanden sich in ihnen 800 Rupien in
Silber, der größere Teil meiner Munition, Kleider zum Wechseln und
drei Paar Schuhe, meine kupferne Sturmlaterne und verschiedene Rasier-
und andere Messer. Den Packsattel fanden wir wieder. Er war ungefähr
600 Meter weiter abwärts an das Ufer des Flusses gespült worden.
Unsere Lage kann in wenigen Worten zusammengefaßt werden: Wir waren
jetzt in der Mitte von Tibet, ohne jede Nahrung, ohne nennenswerte
Kleidung, ohne Stiefel oder Schuhe, außer denen, die wir trugen und die
schon in Stücke zerfielen. Auf die geringe Munition, die mir geblieben
war, konnte ich nicht rechnen, da sie zu verschiedenen Malen naß
geworden war. Rings um uns hatten wir nichts als Feinde; zwar _feige_
Feinde, aber doch _Feinde_.
Was nützt es aber, sich mit Grübeleien über Ereignisse zu plagen, die
man nicht vorhersehen oder vermeiden kann. Schließlich hatte bei all
dem Mißgeschick doch ein glückbringender Stern über mir gewaltet, denn
die wasserdichten Kisten mit meinen wissenschaftlichen Instrumenten,
meinen Aufzeichnungen, Skizzen und Karten waren wenigstens gerettet,
und sie waren mir mehr wert als alles andere, was ich besaß.
Hungrig, erschöpft, mit wunden Füßen gingen wir weiter; aber trotz
alledem blieben wir guten Mutes. Wenn wir auch nichts anderes mehr
besaßen, so hatten wir doch entschieden noch Sinn für Humor, der uns
über vieles hinweghalf. Wir lachten über unsere Beschwerden; wir
lachten über die Tibeter und ihre komischen Sitten, wir lachten über
alles und alle, bis wir schließlich über uns selbst lachten.
Wenn man hungrig ist, scheint es einem, als ob die Sonne ihren
täglichen Halbkreis von Osten nach Westen sehr langsam beschreibe.
Und unfreiwilliges Fasten wird, wenn es einem auch zuerst einen
heftigen Schmerz im Magen verursacht, doch erst nach mehreren
Tagen vollständigen Nahrungsmangels unerträglich, falls man, wie
wir es waren, an außerordentlich lange Pausen zwischen Mahlzeiten
gewissermaßen gewöhnt ist. Als wir bei unserm dritten Fasttage
anlangten, würden wir uns über eine Mahlzeit gefreut haben, in
Wahrheit, wir sehnten uns nach einer; und da wir, ungefähr 7 Kilometer
von unserm Weg, dicht am Abhang des Berges einige schwarze Zelte
erblickten, gingen wir freudigen Herzens auf sie los. Wir kauften zwei
Eimer voll Jakmilch, von denen ich einen auf der Stelle austrank,
während der zweite zu gleichen Teilen meinen beiden Dienern verabfolgt
wurde. Das war alles, was wir bekommen konnten; die Tibeter wollten uns
durchaus nichts anderes verkaufen.
[Illustration: Eine gründliche Labung.]
Hiernach gingen wir wieder weiter und kamen, stetig fortschreitend, im
Hinblick auf die große Höhe, in der wir uns befanden, verhältnismäßig
schnell vorwärts, wobei ich unsere Route aufzeichnete.
Wir begegneten angenehmen und auch einigen unangenehmen Leuten, aber ob
ihr Betragen höflich war oder das Gegenteil, nirgends konnten wir für
Geld und gute Worte Nahrungsmittel erhalten.
Man Sing und Tschanden Sing waren jetzt in einem furchtbaren Zustande;
sie hatten ja kein solches Interesse, wie ich es an meiner Arbeit
hatte, das ihren Mut aufrecht erhalten hätte. Erfroren, ermüdet und
ausgehungert, hatten die armen Schelme kaum noch Kraft, auf den Füßen
zu stehen, deren Sohlen bös zerschnitten und ganz wund gelaufen waren.
Mir blutete wirklich das Herz, wenn ich diese beiden tapfern Burschen
um meinetwillen so leiden sah. Und doch ließen sie kein Wort der Klage
laut werden; nicht ein einziges Mal kam ein Vorwurf über ihre Lippen.
»Laß es dich nicht kümmern, wenn wir leiden oder selbst sterben,«
sagten die armen Burschen, als ich ihnen mein Mitgefühl aussprach;
»solange wir noch Kraft haben, uns zu bewegen, werden wir dir folgen,
und wir werden zu dir stehen, was auch kommen möge.«
Ich mußte Tschanden Sing seine Flinte abnehmen, da er nicht mehr
imstande war, sie zu tragen. Als die Tage hingingen und ich nichts zu
essen hatte, fühlte ich mich selbst auch schwach und erschöpft. Ich
kann nicht sagen, daß ich irgendeinen heftigen körperlichen Schmerz
empfunden hätte. Wie ich glaube, war dies dem Umstande zuzuschreiben,
daß ich infolge von Erschöpfung Fieber hatte. Indessen hatte ich ein
eigentümliches Gefühl im Kopfe, als ob mein Verstand, der nie zu hell
war, jetzt gänzlich stumpf geworden wäre. Auch mein Gehör nahm an
Schärfe ab; ich fühlte, wie meine Kraft allmählich erlosch, der Flamme
einer Lampe gleich, in der kein Öl mehr ist. Nur die Aufregung hielt
mich aufrecht; ich ging mechanisch vorwärts.
Wir kamen an einen Lagerplatz von etwa achtzig schwarzen Zelten mit
einem aus Lehm erbauten Wachthaus. Jetzt waren wir buchstäblich
ausgehungert und am Ende unserer Kräfte. Der elende Zustand meiner
beiden Leute machte es durchaus unmöglich, weiterzugeben. Sie baten
mich, ihnen Pferde zum Reiten zu verschaffen, denn ihre Füße waren so
wund, daß sie trotz ihres Verlangens, mir zu folgen, keinen Schritt
mehr tun konnten.
Die Eingeborenen empfingen uns sehr freundlich und willigten, als ich
darum bat, ein, mir Pferde, Kleider und Lebensmittel zu verkaufen. Wir
schlugen ungefähr 4 Kilometer jenseits der Niederlassung unser Lager
auf. Am Abend kamen mehrere Leute, uns in unserm Zelte zu besuchen, und
brachten uns Geschenke an Mehl, Butter und Tsamba, denen Schleier der
Freundschaft beigefügt waren. Ich ließ es mir stets angelegen sein, den
Tibetern als Erwiderung für ihre Gaben eine Summe Silbergeld zu geben,
die drei- oder viermal größer war als der Wert der uns geschenkten
Gegenstände; sie gaben auch vor, sehr dankbar dafür zu sein. Ein Mann
namens Ando, der sich für einen Gurkha ausgab, aber die Kleidung
der Tibeter trug, besuchte uns in unserm Zelt und versprach, uns am
nächsten Morgen mehrere Pferde zu verkaufen. Er übernahm es auch, mir
eine hinreichende Menge Lebensmittel zu liefern, um damit nach Lhasa
kommen zu können, und brachte, um seine Rechtschaffenheit zu zeigen,
schon abends einen Teil der Vorräte, wobei er sagte, er würde uns den
Rest am nächsten Morgen geben.
Danach empfingen wir den Besuch eines Lamas, der ebenso höflich wie
intelligent zu sein schien und der uns mit etwas Butter und Käse
beschenkte. Wie er uns erzählte, war er in Indien gereist und bis
Kalkutta gekommen, und befand sich jetzt auf dem Wege von Gartok nach
Lhasa, wo er in vier oder fünf Tagen anzukommen hoffte, da er ein
vortreffliches Pferd hätte. Andere Lamas und Männer, die uns besuchten,
gaben an, daß sie in derselben Zeit von Lhasa hierher gekommen seien,
und ich glaube nicht, daß sie sich darin geirrt haben, da man die ganze
Entfernung vom Lippupaß an der Grenze, in der Nähe von Garbyang, nach
Lhasa zu Pferd in 16 Tagen zurücklegen kann.
Wie gewöhnlich zeigten sich die Eingeborenen sehr verschwiegen, wenn
es sich darum handelte, den Namen des Lagerplatzes zu verraten; einige
nannten ihn Toxem, andere Taddju.
Nördlich von der Stelle, wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten,
befand sich ein niedriger Paß in dem Höhenzuge. Es war meine Absicht,
wenn es mir gelänge, Proviant und Pferde zu kaufen, diesen Paß zu
überschreiten und nach der heiligen Stadt vorzugehen, indem ich den
Weg an der Nordseite des Gebirgszuges verfolgte; denn von den Tibetern
hatte ich schon so viel gesehen, als ich wollte, und die Landstraße
nach Lhasa wurde jetzt so dicht bevölkert, daß ich es für ratsam hielt,
durch weniger bewohnte Gegenden zu reisen. Bis einige Meilen vor Lhasa
gedachte ich als Engländer gekleidet zu bleiben. Dann wollte ich meine
beiden Leute an irgendeinem abgelegenen Orte verborgen zurücklassen
und selbst in einer Verkleidung während der Nacht allein in die Stadt
eindringen.
[Illustration: Nerbas Mordanschlag.]
Dies würde leicht genug gewesen sein, da Lhasa keine Tore hat und nur
von einer verfallenen Mauer umgeben ist. Es war mir hier gelungen,
einige Kleidungsstücke und Stiefel von den Tibetern zu kaufen, und
den Zopf, dessen ich bedurfte, um für einen Tibeter zu gelten,
hätte ich mir leicht aus dem seidigen Haar meiner Jake machen und
an meinem eigenen Haar befestigen können. Um mich nicht etwa durch
meine Unfähigkeit, das Tibetische so fließend wie ein Eingeborener zu
sprechen, zu verraten, beabsichtigte ich, mich taubstumm zu stellen.
[Illustration: Die Lamas mit den Folterwerkzeugen.]
So berechtigte jetzt alles zu guten Hoffnungen, und wir waren in
gehobener Stimmung; ich sah mich schon in der heiligen Stadt.
[Illustration: Quälerischer Sport meiner Wache.]
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Gefangen.
Während der Nacht wurde ich mehrmals durch Geräusche gestört, aber
so oft ich aus dem Zelte trat, um mich nach den ungebetenen Gästen
umzusehen, gelang es mir nicht, irgend jemand zu entdecken. Da ich
diese Geräusche allnächtlich hörte, hatte ich mich gewöhnt, ihnen keine
Wichtigkeit beizumessen.
Am Morgen kamen Ando und zwei oder drei Tibeter, um uns Lebensmittel
und Pferde zu verkaufen, und während meine beiden Diener und ich
beschäftigt waren, das, was wir brauchten, einzuhandeln, sah ich eine
Menge von Dorfbewohnern in Gruppen herankommen. Einige spannen Wolle,
andere trugen Säcke mit Tsamba und Mehl, und wieder andere führten
eine Anzahl schöner Pferde herbei. Als wir so viel Proviant gekauft
hatten, um damit zwei Monate auskommen zu können, machten wir uns an
die Auswahl von Reittieren.
Natürlich waren meine Diener und ich von Herzen froh über unser
unerwartetes Glück, das uns nach unzähligen Leiden und Entbehrungen
aller Art jetzt einen Überfluß von alledem entgegenbrachte, was wir
nur irgend wünschen konnten. Die Tibeter waren so freundschaftlich
in ihrem Benehmen und schienen so lustig, daß ich nicht daran denken
konnte, Verrat zu befürchten. Tschanden Sing und Man Sing, die
Sportsleute ersten Ranges und bei der Aussicht, Reitpferde zu bekommen,
überglücklich waren, ritten ein Pferd nach dem andern, um passende
zu finden. Und als Tschanden Sing ein schönes Tier zu seinem eigenen
Gebrauch ausgesucht hatte, rief er mich, damit ich es vor Bezahlung der
Kaufsumme versuche und prüfe.
Ohne jeden Verdacht falschen Spieles auf seiten der Tibeter und weil
es auch unbequem gewesen wäre, die verschiedenen lebhaften Pferde mit
umgehängter Flinte zu probieren, ging ich unbewaffnet nach dem ungefähr
100 Meter vor meinem Zelte entfernten Platze, wo das unruhige Tier am
Zügel gehalten wurde, um von mir geprüft zu werden. Die Eingeborenen
folgten mir; aber da das in jedem Lande üblich ist, wenn man öffentlich
ein Pferd kauft, dachte ich mir nichts dabei. Ich erinnere mich wohl
des Ausdruckes von Entzücken auf Tschanden Sings Gesicht, als ich so
mit den Händen auf dem Rücken dastand und seine Wahl guthieß, während
die Menge hinter mir, wie es bei solchen Gelegenheiten meist der Fall
ist, ihre Meinung über die Vorzüglichkeit des gewählten Pferdes gratis
im Chore äußerte.
Eben hatte ich mich gebückt, um die Vorderbeine des Pferdes zu besehen,
als ich plötzlich von hinten von mehreren Personen ergriffen wurde,
die mich am Halse, an den Handgelenken und Beinen packten und mit dem
Gesicht auf die Erde warfen. Ich rang und kämpfte, bis ich einige
meiner feigen Angreifer abschüttelte und wieder auf die Füße kam; aber
nun stürzten andere heran, und ich wurde von einigen dreißig kräftigen
Männern umringt, die mich von allen Seiten ergriffen und sich mit aller
Macht an mich festklammerten, sobald es ihnen gelang, mich an den
Armen, den Beinen und am Kopfe zu packen. Schwach wie ich war, wurde
ich dreimal von ihnen niedergestoßen, und dreimal kam ich wieder auf
die Füße. Jedesmal, wenn ich eine Hand oder ein Bein aus ihren Klauen
freibekommen konnte, kämpfte ich mit Fäusten, Füßen, Kopf und Zähnen
bis zum äußersten, rechts und links überallhin auf sie losschlagend, wo
ich sie kampfunfähig machen konnte. Ihre Furchtsamkeit war, selbst wenn
sie sich in solcher Übermacht befanden, wirklich unbeschreiblich, und
lediglich ihr, nicht etwa meiner Kraft -- denn die besaß ich ja kaum
noch -- war es zuzuschreiben, daß ich imstande war, mich etwa zwanzig
Minuten lang gegen sie zu behaupten! Meine Kleider wurden bei dem
Kampfe in Fetzen gerissen.
Die Tibeter gingen nach Verabredung zu Werke, und als ein gellender
Pfiff als Signal ertönte, strömte von allen Seiten Hilfe herbei.
Augenscheinlich waren wir in einen Hinterhalt gefallen. Jetzt nahmen
die Tibeter ihre Zuflucht zu einer List.
Von allen Seiten wurden lange Stricke nach mir geworfen, bis ich so in
diese verwickelt war, daß ich mich nicht bewegen konnte. Ein Strick,
den sie mir um den Hals warfen und den sie geschickt herumdrehten,
machte den Sieg vollständig. Sie zogen mit aller Macht an den beiden
Enden, und während ich in der Anstrengung des Kampfes keuchte und nach
Luft schnappte, rissen sie daran, um mich zu strangulieren, bis es mir
schien, als sollten meine Augen aus ihren Höhlen treten und meine Lunge
bersten!
Ich war dem Ersticken nahe. Die Augen wurden mir trübe. -- Wie tapfer
wurden die Tibeter, als ich ohnmächtig und hilflos in ihrer Gewalt war!
Ich wurde zu Boden gerissen, und dann stampften, stießen und trampelten
sie mit ihren schweren genagelten Stiefeln auf mir herum, bis sie
glaubten, ich sei betäubt. Darauf banden sie mir die Handgelenke fest
hinter dem Rücken zusammen, fesselten meine Ellenbogen, meine Brust,
meinen Hals und meine Fußknöchel! _Ich war ein Gefangener!_
[Illustration: Gefangen!]
Sie hoben mich auf und stellten mich aufrecht hin. Auch der tapfere
Tschanden Sing hatte mit allen Kräften gegen fünfzehn oder zwanzig
Feinde gekämpft und mehrere von ihnen kampfunfähig gemacht. Sie hatten
sich in demselben Augenblick wie auf mich auch auf ihn gestürzt, und er
hatte sich tapfer gewehrt, bis er gleich mir umgarnt, zu Boden geworfen
und mit Stricken gefesselt worden war. Während meines Ringens hörte
ich ihn mehrmals rufen: »~Banduk, banduk, Man Sing, jaldi, banduk!~
Die Flinte, die Flinte, Man Sing, schnell die Flinte!« Aber ach, auf
den armen aussätzigen Man Sing, den schwachen, entkräfteten Kuli,
waren vier mächtige Tibeter losgesprungen, die ihn fest auf den Boden
hinunterdrückten, als ob er der grimmigste Räuber wäre. Man Sing war
ein Philosoph; er hatte sich die Mühe gespart, auch nur einen Versuch
zum Widerstand zu machen; aber auch er wurde schlecht behandelt,
geschlagen und festgebunden. Bei Beginn des Kampfes hatte ein schriller
Pfiff bewaffnete Soldaten -- nach den spätern Angaben der Lamas waren
es nicht weniger als 400 -- herbeigerufen, die hinter den zahllosen
Sandhügeln und in den Bodensenkungen rings um uns im Hinterhalt gelegen
hatten. Sie stellten sich in kriegerischer Ordnung um uns auf und
richteten ihre Luntenflinten auf uns.