Wenn sich ein Tempel in der Nähe befindet, werden Kata, Speisen und

Geld den Göttern dargebracht, und die Beteiligten gehen rings um das

Innere des Tempels. Sollte kein Kloster nahe sein, so umschreiten Gatte

und Gattin den nächsten Hügel, und in Ermangelung eines solchen das

Zelt, wobei sie immer von links nach rechts gehen. Diese Zeremonie

wird mit Gebeten und Opfern vierzehn Tage hindurch täglich wiederholt,

während zugleich Weinlibationen und allgemeine Schmausereien

stattfinden; danach bringt der Gatte seine bessere Hälfte in sein Zelt.

Die Vorschriften hinsichtlich der Werbung sind in Tibet nicht sehr

streng, doch wird der Verkehr mit Mädchen als ungesetzlich betrachtet,

und in gewissen Fällen haben die Beteiligten, wenn sie entdeckt werden,

nicht nur Schmach und Schande zu leiden, sondern es werden dem Manne

auch gewisse Bußen auferlegt, von denen die schwerste darin besteht,

daß er der jungen Dame ein Kleid und Schmucksachen schenken muß.

Wenn es sich um vornehme Leute handelt, wird die Frage gewöhnlich zu

allseitiger Zufriedenheit dadurch gelöst, daß der Mann das Mädchen

heiratet und allen ihren Verwandten und Freunden mit Grazie Geschenke

von »Schleiern der Freundschaft« sowie Eßwaren darbringt.

Als heiratsfähiges Alter nimmt man bei den Frauen 16, bei den Männern

18 oder 19 Jahre an.

Wenn ein tibetisches Mädchen heiratet, so tritt sie dadurch nicht in

einen Ehebund mit einem einzigen Manne, sondern auf die nachstehend

beschriebene, etwas komplizierte Weise auch mit seiner ganzen Familie.

Wenn ein ältester Sohn eine älteste Schwester heiratet, werden alle

Schwestern der Braut seine Gattinnen. Sollte er jedoch damit anfangen,

die zweite Schwester zu heiraten, dann werden nur die Schwestern von

der zweiten abwärts sein Eigentum. Heiratet er die dritte, gehören ihm

alle von der dritten abwärts, und so weiter. Ebenso werden, wenn der

Bräutigam Brüder hat, diese alle als Gatten von ihres Bruders Frau

betrachtet und leben mit ihr sowohl wie auch mit ihren Schwestern, wenn

sie solche hat, zusammen.

Dieses System ist nicht einfach und gewiß nicht sehr erbaulich; und

besäßen die tibetischen Frauen nicht so viel Einsicht, so würde es

zu endlosen Streitigkeiten und Unannehmlichkeiten führen. Aber diese

Einrichtung scheint, wohl weil sie ein altes Herkommen ist, bei den

tibetischen Männern und Frauen ebenso gute Dienste zu tun wie jede

andere Art von Ehe.

Ich erkundigte mich, was in dem Falle geschehen würde, wenn ein Mann

eine zweite Schwester heiratete und so Gattenrechte an allen ihren

jüngeren Schwestern erhielte, und dann ein anderer Mann käme und ihre

ältere Schwester heiratete? Würden die Frauen des ersten Mannes auch

die Frauen des zweiten werden? Nein, sondern der zweite Mann würde sich

mit nur _einer_ Frau begnügen müssen. Wenn die zweitälteste Schwester

jedoch Witwe würde und ihr verstorbener Gatte keine Brüder hätte, dann

würde sie das Eigentum des Mannes der ältesten Schwester werden und mit

ihr alle andern Schwestern.

Man darf aus diesen seltsamen Ehegesetzen nicht schließen, daß unter

den Männern und Frauen in Tibet keine Eifersucht herrsche. Im Gegenteil

sind Unannehmlichkeiten, die aus dieser Ursache hervorgehen, in

tibetischen Häusern häufig. Die Frau ist aber, wie ich schon sagte,

klug und macht es möglich, ihr Leben in einer für alle befriedigenden

Weise einzurichten. Wenn ihr Mann mehrere Brüder hat, schickt sie

dieselben mit verschiedenen Aufträgen nach allen Richtungen hin, um

nach Jaken oder Schafen zu sehen oder Handel zu treiben, mit Ausnahme

des einen, der während dieser Zeit ihr Gatte ist; er muß dann, wenn

ein anderer zurückkehrt, seinen Platz verlassen und wieder Junggeselle

werden, und so weiter, bis alle Brüder im Laufe des Jahres eine gleich

lange Periode des Zusammenlebens mit ihrer gemeinschaftlichen Gattin

gehabt haben.

Das tibetische Gesetz, das freilich nur selten befolgt wird, hat

strenge Klauseln, die das Verhalten der Eheleute regeln. Solange die

Sonne über dem Horizont steht, ist ihnen keine Annäherung erlaubt,

und auch in gewissen Abschnitten und Zeiten des Jahres, so z. B. im

Hochsommer und im tiefsten Winter, ist sie verboten.

Die Art, wie man in Tibet die Zugehörigkeit der Kinder feststellt,

ist entschieden eigenartig. Vorausgesetzt, daß ein verheirateter Mann

mehrere Kinder und zwei Brüder hat, gehört das erste Kind ihm, das

zweite seinem ersten Bruder, das dritte seinem zweiten Bruder, während

das vierte wieder des ersten Mannes Kind sein würde.

Die Ehescheidung ist sehr schwierig und bringt endlose Komplikationen

mit sich. Ich fragte eine tibetische Dame, was sie tun würde, falls ihr

Gatte sich weigerte, noch länger mit ihr zu leben.

»Warum hast du mich geheiratet, würde ich zu ihm sagen«, rief sie aus.

»Du hast mich gut, schön, verständig, klug und zärtlich gefunden. Jetzt

beweise mir, daß ich das alles nicht bin!«

Diese bescheidene Rede würde, wie sie glaubte, vollständig genügen,

jeden Ehemann wieder zur Vernunft zu bringen; aber trotz alledem finden

es viele Tibeter doch angezeigt, ihre Frauen gelegentlich zu verlassen

und in irgendeine entfernte Provinz oder über die Grenze durchzugehen,

wenn diese nahe ist.

Ein sehr peinlicher Fall kam vor dem Gerichtshof des Jong Pen von

Taklakot zur Verhandlung. Der Gatte einer tibetischen Frau war

gestorben, und sie, die sich in einen schönen jungen Mann verliebt

hatte, der etwa zwanzig Jahre jünger war als sie, heiratete diesen. Der

Bruder ihres ersten Gatten jedoch kam den weiten Weg von Lhasa her und

beanspruchte sie als seine Frau, trotzdem er schon eine schönere Hälfte

und eine große Familie besaß. Sie wollte aber nichts davon hören,

den Gatten ihrer Wahl zu verlassen, und so kam nach endlosen Szenen

zwischen ihnen der Fall vor den Jong Pen von Taklakot. Das tibetische

Gesetz war gegen sie, da sie diesem zufolge entschieden ihrem Schwager

gehörte. Aber das Geld ist im Lande der Lamas mächtiger als das Gesetz.

»Zur Beruhigung aller kannst du die Sache auf folgende Weise in Ordnung

bringen«, war der Rat des Jong Pen. »Du kannst deinen Besitz an Geld

und Gut in drei gleiche Teile teilen. Den einen sollen die Lamas haben,

den andern der Bruder deines ersten Gatten.«

Die Frau willigte ein; aber als sie zwei Teile ausgezahlt hatte und auf

Frieden hoffte, erhob der Jong Pen zu ihrem großen Verdruß die Frage,

warum sie ein Drittel des Vermögens behalten solle, wenn sie doch nicht

mehr zur Familie des Verstorbenen gehöre. Daraufhin wurde sofort der

Befehl gegeben, sie ihres ganzen Besitzes zu berauben.

Die Frau war jedoch schlau genug, die Offiziere des Jong Pen zu

betrügen; sie packte ihr Zelt und all ihr Hab und Gut zusammen, ging

bei Nacht still über die Grenze und stellte sich unter britischen

Schutz.

Der Ehebruch ist nichts Seltenes, und die Lamas, die der Mehrzahl nach

im Zölibat leben sollen, aber ihr Gelübde nicht immer halten, sind

dabei die am häufigsten Schuldigen. Sie werden natürlich nie bestraft;

wenn aber der Schuldige ein Laie ist, so muß er dem ersten Gatten der

Frau eine seinen Mitteln entsprechende Entschädigung und eine Anzahl

von Waren leisten, die von den Beteiligten und ihren Freunden, oder,

wenn man es verlangt, durch das Gesetz bestimmt werden.

Eine wirklich strenge Strafe wird nur in dem Falle auferlegt, wenn die

Frau eines hohen Beamten mit einem Manne niederen Ranges durchgeht.

Die Frau wird zur Strafe ihrer Untreue gepeitscht; ihr Gatte fällt in

Ungnade, und ihr Liebhaber wird aus der Stadt oder dem Lagerplatze

ausgewiesen.

Gewöhnlich genügen aber Geschenke von Kleidern, Tsamba, Tschura, Guram,

Kassur und Wein, die von den unvermeidlichen Kata begleitet sind, um

den Zorn des beleidigten Gatten zu besänftigen.

Die Landesgesetze erlauben es übrigens hohen Beamten und einigen

wohlhabenden Leuten, die sich nicht mit einer Frau begnügen, so viele

Nebenfrauen zu halten, als ihre Mittel ihnen gestatten. --

Die tibetischen Leichenbegängnisse sind interessant, aber sie gleichen

denen der Schokas, die ich ausführlich beschrieben habe, so genau, daß

ein eingehender Bericht über sie nur eine Wiederholung dessen sein

würde, was ich dort schon gesagt habe.

Was jedoch die Bestattung der Leiche selbst betrifft, so haben

die Tibeter dabei ihre eigenen, seltsamen Gebräuche. Infolge der

großen Knappheit des Brennmaterials ist die Leichenverbrennung das

ungebräuchlichste Verfahren, das nur, wenn es sich um wohlhabende Leute

oder um Lamas handelt, angewendet und dann in genau derselben Art

vollzogen wird wie bei den Schokas. Eine andere, gewöhnlichere Art der

Bestattung ist, den Leichnam zusammenzuklappen, ihn in Häute einzunähen

und dann mit der Strömung eines Flusses forttreiben zu lassen. Das

am meisten übliche Verfahren aber ist die Zeremonie, die ich im

nachstehenden schildere.

Der Körper des Verstorbenen wird auf die Spitze eines Hügels getragen,

wo die Lamas gewisse Beschwörungsformeln und Gebete sprechen. Dann

zieht sich die Menge, nachdem sie siebenmal um den Toten herumgegangen

ist, in eine gewisse Entfernung zurück, damit die Raben und Hunde den

Leichnam in Stücke reißen können. Es gilt als glückbringend für den

Verstorbenen und seine Familie, wenn der größere Teil des Leichnams

nur von Vögeln verzehrt wird; ausschließlich Hunde und wilde Tiere

kommen, wie die Lamas sagen, wenn der Verstorbene während seines

Lebens gesündigt hat. Jedenfalls beobachtet man die fast vollständige

Zerstörung des Leichnams eifrigst, und im passenden Augenblick kehren

die Lamas und die versammelte Menge, ihre Gebeträder drehend und

»~Om mani padme hum~« murmelnd, zu dem Körper zurück, den sie nun

wieder siebenmal, und zwar von links nach rechts umschreiten. Nur

bei der Sekte der Bombos werden diese Rundgänge in der umgekehrten

Richtung ausgeführt und auch die Gebeträder von rechts nach links

gedreht. Dann kauern sich die Verwandten ringsherum, die Lamas setzen

sich dicht neben den Leichnam und schneiden mit ihren Dolchen das

noch übriggebliebene Fleisch in Stücke. Der Oberlama ißt den ersten

Bissen, danach genießen unter Murmeln von Gebeten auch die andern

Lamas davon; dann werfen sich die Verwandten und Freunde über das

jetzt fast gänzlich entblößte Skelett, um die letzten Stückchen

Fleisch abzukratzen, die sie gierig verschlingen. Dieses Mahl von

Menschenfleisch wird fortgesetzt, bis die Knochen trocken und rein sind!

Der Sinn dieser gräßlichen Zeremonie ist der, daß der Geist des

Verstorbenen, von dessen Leib man ein Stück verschlungen hat, einem

für immer freundlich gesinnt bleiben wird. Wenn Vögel und Hunde davon

gefressen haben, ist dies ein Zeichen, daß der Körper gesund ist. Kann

man diese kannibalischen Neigungen der Tibeter auch nur mit größtem

Ekel betrachten, so sind sie eben doch nichts anderes als ein freilich

im höchsten Grade widerlicher ritueller Gebrauch.

[Illustration: Wir werden zum Verhör geschleppt.]

Die Lamas sollen eine besondere Gier nach Menschenblut haben, das,

wie sie sagen, ihnen Kraft, Geist und Stärke verleiht. Wenn sie

Wunden aussaugen, die nicht vergiftet sind, trinken sie das Blut,

und bei gewissen Gelegenheiten werden auch Wunden nur zu dem Zwecke

beigebracht, um das Blut aussaugen zu können. Zu andern Zeiten

werden auch die aus Menschenschädeln geschnittenen Becher, die sich in

allen Klöstern finden, mit Blut gefüllt, und die Lamas stillen dann der

Reihe nach ihren Durst daraus.

[Illustration: Tschanden Sing wird von den Lamas gepeitscht.]

Aber genug hiervon! Es ist widerwärtig, darüber zu schreiben; aber

dieses Buch würde unvollständig sein, wenn der Kannibalismus der

Tibeter keine Erwähnung fände.

Wenn ein heiliger Lama oder ein vom Volke sehr geachteter alter

Mann stirbt, werden entweder Teile von dem Fleische oder, wenn die

Verbrennung stattgefunden hat, etwas von seiner Asche aufbewahrt und in

einem zu dem Zwecke errichteten Tschokden untergebracht; nach der Zahl

dieser Bauwerke zu schließen, die man über ganz Tibet verstreut findet,

fühlt man sich geneigt zu glauben, daß die halbe Bevölkerung des Landes

aus Heiligen bestanden haben muß oder auch, daß das Maß der Heiligkeit

in dem heiligen Lande der Lamas nicht gerade übermäßig hoch ist!

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Das Moskitolager.

Als wir am Morgen aus unserm Zelt herauskamen, bemerkten wir unter den

Tibetern eine ungewöhnliche Bewegung. Eine große Anzahl berittener

Leute mit Luntenflinten kamen an, und andere ebenso Bewaffnete traten

sogleich aus den Zelten, um sich mit ihnen zu vereinigen. Sie schienen

alle sehr erregt; aber ich hatte ein wachsames Auge auf sie, während

ich mein Essen kochte. Im ganzen waren es ungefähr 200 Soldaten; alle

waren malerisch gekleidet. Dem Anschein nach waren sie gute Reiter, und

wie sie jetzt in einer Linie auf uns zuritten, sahen sie gut aus. In

einiger Entfernung von uns hielten sie und stiegen von ihren Pferden.

Die Offiziere kamen kühn auf uns zugeschritten, von einem kräftigen

Burschen in einem schönen Schaffellrocke angeführt. Sein Auftreten war

sehr anmaßend, und er schenkte sich sogar die gewöhnlichen Begrüßungen.

Ich stand auf; er trat ganz dicht heran und schüttelte die Faust gegen

mich.

»~Kiu mahla lokhna nga rah luck tiba tangan.~ Ich will dir eine Ziege

oder ein Schaf geben, wenn du zurückgehst«, sagte der Tibeter mit

verächtlicher Miene.

»~Kiu donna nga di tangan.~ Und ich gebe dir dies, damit du

zurückgehst«, war meine schnelle Antwort, indem ich ihm einen

unerwarteten, direkt aus der Schulter geführten Stoß versetzte, der ihn

platt auf den Rücken fallen und auf dem Boden zappeln ließ.

Das tibetische Heer, das mit seiner gewöhnlichen Vorsicht die

Ereignisse aus respektvoller Entfernung beobachtete, hielt es nun für

geraten, einen schnellen Rückzug anzutreten. Ganz unverletzt, aber

wie ein Kind schreiend, rannte der Offizier schleunigst fort. Wir

verzehrten unser Essen und dachten nur wenig an unsern Sieg. Bis jetzt

hatten sich ja die Tibeter mit so verächtlicher Feigheit benommen, daß

wir uns zu unsern leichten Erfolgen kaum beglückwünschen konnten. Uns

kam das Gefühl, als ob wir wirklich überhaupt keinen Feind vor uns

hätten, und dadurch wurden wir etwas unvorsichtig. --

Unser Marsch war jetzt verhältnismäßig leicht; er führte über eine

breite grasbedeckte Ebene, über die wir ohne weiteres Hindernis in

südöstlicher Richtung vorwärts gingen, wobei wir nordnordöstlich einen

hohen Schneegipfel und nordöstlich von uns einen niedrigen Paß in dem

Gebirgszuge bemerkten. Gerade vor uns ragte in weiter Ferne ein sehr

hohes Gebirge auf; zwischen ihm und uns waren niedrige Hügel. Als wir

um einen dieser isolierten Hügel herumgingen, fanden wir an seinem Fuße

wieder eine größere, ziemlich lange Manimauer mit zahllosen Inschriften

jeden Alters und jeder Größe auf Steinen, Knochenstücken, Schädeln und

Hörnern. Weiter im Süden standen drei kleinere und zwei größere spitze

Hügel.

Die Soldaten, die wir bei unserm letzten Lagerplatze in die Flucht

geschlagen hatten, waren in der Richtung, die wir jetzt verfolgten,

weitergegangen, und wir schritten den ganzen Weg in den Spuren ihrer

Pferde.

Wir mußten wieder einen Fluß und eine ganze Menge von Bächen

überschreiten. Es wurde uns lästig, jedesmal zum Durchwaten Schuhe und

Kleider ausziehen zu müssen, weshalb wir die Kleider in einem Bündel

auf die Jake banden und den Rest des Nachmittags nach der Art der

indischen Fakire barfuß und mit nichts als einem Lendentuch bekleidet

weiterwanderten.

Die Sonne war außerordentlich heiß, der Boden sumpfig und die Luft

dicht mit riesigen Moskitos angefüllt, die uns das Leben zur Last

machten. Vom Kopf bis zum Fuß waren wir mit Stichen bedeckt, und der

dadurch verursachte Hautreiz war höchst quälend; wir waren alle ganz

geschwollen. Auf dem rechten Ufer eines großen Flusses in 4755 Meter

Höhe machten wir halt und gaben der Stelle den Namen »Moskitolager«.

Bei Sonnenuntergang vermehrte sich die Zahl der Moskitos so sehr, daß

wir fast wahnsinnig wurden; aber glücklicherweise fiel das Thermometer

in dem Augenblick, als die Sonne verschwand, auf 1 Grad, und so hatten

wir eine ruhige Nacht.

Abends sahen wir eine Anzahl von Reitern, die in scharfem Galopp etwa

2 Kilometer südlich von unserm Wege, aber in derselben Richtung wie wir

dahinritten; ohne Zweifel waren sie ausgesandt, um die Behörden in den

Orten vor uns in genauer Kenntnis über unsere Bewegungen zu erhalten.

Heute war großer Waschtag. Das Wasser des Stromes war so klar, daß wir

der Versuchung, ein großes Reinemachen abzuhalten, nicht widerstehen

konnten; so wuschen wir alle unsere Kleider und breiteten sie zum

Trocknen in der Sonne aus. Dann wurden Gesicht und Körper gründlich mit

Seife gereinigt. Nach der langen Zeit, während der wir diesen Luxus

hatten entbehren müssen, kam es uns wie etwas ganz Neues vor.

Während ich mich in Ermangelung von Handtüchern wie gewöhnlich in der

Sonne trocknete, beobachtete ich einen sehr hohen schneebedeckten

Gipfel etwas rechts von mir und einen niedrigeren in Südsüdwesten, die

zu der hohen Kette vor uns gehörten. Auf jeder Seite der Ebene, über

die wir gingen, hatten wir jetzt Berge. Der Hügelzug nordöstlich von

uns wies eine Lücke auf, die ein schmales Tal freiließ, hinter dem

hohe, schneebedeckte Berge zu sehen waren. In südsüdöstlicher Richtung

vorwärts gehend, machten wir einen langen Marsch über die grasige

Ebene, um dann am Ufer des Brahmaputra, der hier schon ein breiter,

tiefer und sehr reißender Strom ist, das Lager aufzuschlagen.

Da wir an Hunderten von Kiang und Antilopen vorbeigekommen waren,

unternahm ich kurz vor Sonnenuntergang einen Spaziergang nach den

Hügeln, in der Absicht, etwas frisches Fleisch ins Lager zu bringen.

Ich beschlich eine Antilopenherde, wurde aber, als ich mich etwa

9 Kilometer vom Lager entfernt hatte, von der Nacht überrascht

und hatte bei meiner Rückkehr die größte Mühe, meine Leute in der

Dunkelheit wiederzufinden. Sie hatten kein Feuer anzünden können, und

da sie beide fest eingeschlafen waren, erhielt ich auf mein Rufen

keine Antwort. Als Platz für unser Lager hatten wir eine geschützte

Bodensenkung gewählt, und da es ringsherum Hunderte von ähnlichen

Stellen, aber nirgends eine Landmarke gab, nach der man sich richten

konnte, so war es keineswegs leicht, den einen bestimmten Fleck zu

treffen.

Glücklicherweise hörte mich Tschanden Sing, nachdem ich ziemlich

lange gerufen hatte, endlich doch, und so fand ich nach dem Ton seiner

Stimme den Weg zurück. Am Morgen erblickten wir auf dem andern Ufer

des Brahmaputra etwa zwei Kilometer von uns entfernt einen großen

Lagerplatz, wo wir wohl hätten Proviant bekommen können; aber der

Strom war für uns zum Überschreiten zu reißend, außerdem sahen wir auf

unserer Seite des Wassers auch allenthalben schwarze Zelte, und somit

lag kein Grund vor, noch die Mühe und Gefahr des Stromübergangs auf uns

zu nehmen.

Zu unserer großen Freude gelang es uns, ein Schaf von einigen

vorbeikommenden Tibetern zu kaufen, die eine mehrere tausend Köpfe

starke Herde vor sich her trieben. Da wir nicht genug trockenes

Brennmaterial finden konnten, um Feuer zu machen, betraute ich Man Sing

damit, das Tier sicher nach unserm nächsten Lager zu geleiten, wo wir

uns daran gütlich tun wollten.

[Illustration: Tibetisches Lastschaf.]

Die Tibeter haben drei verschiedene Arten von Schafen, das Rabbuschaf,

ein großes wolliges Tier, wie ich eins gekauft hatte; das Ratton- oder

kleine Schaf, und das Tschitbu- oder Zwergschaf, dessen Fleisch eine

köstliche Speise ist. Die Rabbu- und Rattonschafe sind die beiden

Arten, die gewöhnlich zum Lasttragen gebraucht werden; sie sind

stark genug, um auf mäßig gutem Boden mit einer Last von nicht über

20 Kilogramm täglich eine Strecke bis zu 15 Kilometer ununterbrochen

gehen zu können.

Der Brahmaputra hatte hier mehrere Verzweigungen, die in kleinen Seen

endigten und die Ebene zu einem Sumpf machten. Der größere Arm war

sehr breit und tief. Wir zogen es vor, an ihm entlang zu gehen anstatt

ihn zu überschreiten, trotzdem wir infolgedessen etwas von dem Kurse

abweichen mußten, den ich sonst verfolgt haben würde. So machten wir

einen großen Umweg, und selbst dabei sanken wir noch auf einer Strecke

von mehreren Meilen bis an die Knie in den Schlamm oder mußten

beständig durch Wasser waten, aus dem kleine Erdhügel mit Grasbüscheln

hervorragten, die untersanken, wenn wir darauf traten.

Der nördliche Teil der Ebene war in der Tat außerordentlich sumpfig.

Unsere Jake machten uns unendliche Mühe; denn wenn sie unverhofft in

Schlammlöcher fielen, wurden sie ängstlich und unruhig und schüttelten

bei ihren Bemühungen, sich herauszubringen; ein paarmal die Packsättel

und Lasten ab, die wir aus Mangel an Stricken nicht ordentlich hatten

befestigen können. Dennoch brachten Tschanden Sing und ich es fertig,

gleichen Schritt mit ihnen zu halten. Endlich, als wir uns den Hügeln

näherten, wurden die Bodenwellen größer und das Erdreich etwas

trockener.

Nahe am Fuße des nördlich von uns gelegenen Bergzuges sahen wir

Rauchsäulen aufsteigen. Wir gingen daher noch ein paar Kilometer

weiter, erschöpft und schmutzig, während unsere Kleider, auf deren

Waschen wir soviel Seife und Zeit verwendet hatten, mit Kot und Schlamm

bespritzt wurden.

»Wo ist Man Sing und das Schaf?« fragte ich meinen Träger.

»Er blieb am Anfang des Sumpfes zurück. Er war zu erschöpft, um das

Schaf, das du gekauft hast, vorwärts zu ziehen.«

Es beunruhigte mich nicht wenig, als ich mit dem Fernrohr von einem

Hügel aus das Land ringsumher durchspähte und keine Spur von dem

armen Burschen sehen konnte, und ich zürnte mir selbst, daß ich

sein Verschwinden nicht eher bemerkt hatte. Da nahe bei der Stelle,

wo er geblieben war, sich viele Tibeter befunden hatten, fürchtete

ich, daß sie falsches Spiel mit ihm getrieben und ihn überwältigt

hätten. Dann stellte ich mir wieder vor, daß er, schwach wie er war,

in eins der tieferen Schlammlöcher versunken sein könnte, ohne die

Möglichkeit sich zu retten. Ich ließ daher Tschanden Sing zurück, um

die Jake zu beaufsichtigen, und kehrte um, ihn zu suchen. Als ich

Kilometer um Kilometer zurückeilte, mich wieder halb über den Lehmsumpf

hinüberarbeitete und noch immer keine Spur von dem armen Kuli sah,

hegte ich ernste Befürchtungen für seine Sicherheit. Etwa ein Kilometer

weiterhin zog ein Gegenstand, der sich bewegte, meine Blicke auf sich.

Es war das Schaf, das anscheinend ganz allein war. Mein Mut sank, als

ich auf es losging. Selbst als ich nur noch ein paar hundert Meter von

dem Tier entfernt war, konnte ich Man Sing nicht erblicken. Was mochte

aus ihm geworden sein?

Erst als ich ganz dicht herangekommen war, bemerkte ich den armen Kuli,

der der Länge lang und halb im Schlamm versunken dalag. Er war in

Ohnmacht gefallen, war aber vorsichtig genug gewesen, sich den Strick

des Schafes fest um den Arm zu binden, und so war es dem armen Tiere

nicht nur zu danken, daß ich ihn aufgefunden, sondern ich hatte auch

unsere kostbare Akquisition gerettet. Mit einigem Reiben und Schütteln

rief ich den armen Burschen wieder ins Leben zurück und stützte ihn mit

dem Arm, bis wir Tschanden Sing erreichten. --

Es war Mitternacht, als wir in Tarbar ankamen, einem großen tibetischen

Lagerplatze am Fuße des Höhenzuges. Der Lärm bei unserer Ankunft, der

zuerst durch Dutzende zornig bellender Hunde und dann durch einen

Eingeborenen hervorgerufen wurde, der es gewagt hatte, sein Zelt zu

verlassen, um nach der Ursache der Störung zu sehen, erregte im Lager

einen panischen Schrecken.

[Illustration: Alte Tibeterin.]

»~Gigri duk! Gigri duk! Jogpa, Jogpa!~ Gefahr, Gefahr! Hilfe Räuber,

Räuber!« rief der Tibeter, der wie wahnsinnig aus seinem Zelte lief.

Nach ein paar Sekunden wurden überall schwarze Gestalten sichtbar, die

in großer Verwirrung in ihre Zelte hinein- und wieder herausstürzten.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 21 / 28 段