heruntergegangen war. Wir hatten unser kleines Zelt nicht aufgeschlagen
und waren nach dem langen Marsch des vorhergehenden Tages müde und
durchfroren. Der Wind wehte aus Südwesten, und ich fand es sehr hart,
über den Fluß hinüber zu müssen, den Jaken nachzueilen und sie nach
dem Lager zurückzubringen; dazu mußten wir, so erschöpft wir auch
sein mochten, uns der täglichen Mühe unterziehen, sie zu beladen.
Wir marschierten an dem rechten Ufer in nahezu südlicher Richtung
entlang, hielten uns dann südöstlich, wo sich der Fluß zwischen
kahlen Hügeln hindurchwand, um danach durch ein grasiges Tal von ein
Kilometer Breite und zwei Kilometer Länge zu fließen. Dann ging es
durch einen schmalen Engpaß, worauf wir durch ein wellenförmiges,
grasiges Tal von 3½ Kilometer Breite kamen, bei dessen Durchschreiten
wir von einem furchtbaren Gewitter mit Hagel und Regen überrascht
wurden. Dies war recht ärgerlich, denn wir befanden uns jetzt vor
einem sehr großen Nebenflusse des Brahmaputra, und das Wasser war so
angeschwollen, reißend und tief, daß ich nicht wußte, wie ich meine
Leute hinüberbringen sollte, da sie nicht schwimmen konnten und das
Wasser so kalt war, daß ein Bad wohl jeden recht mitnehmen konnte.
[Illustration: »Ich gebe dir dies, damit du zurückgehst.«]
Es war jedoch keine Zeit zu verlieren, denn der Strom stieg sichtlich,
und da das Gewitter schlimmer wurde, mußten die Schwierigkeiten mit
jedem Augenblick wachsen. Wir zogen unsere Kleider bis auf den letzten
Faden aus und banden sie mit unsern Büchsen usw. an den Packsätteln der
Jake fest, die wir in das Wasser trieben. Sie sind gute Schwimmer, und
wenn die Strömung sie auch über 100 Meter stromabwärts trieb, sahen wir
sie doch mit Befriedigung sich aus dem Wasser auf das gegenüberliegende
Ufer emporarbeiten.
[Illustration: Tibetisches Wachthaus.]
Trotz des Vertrauens, das Tschanden Sing und Man Sing zu meiner
Schwimmkunst hatten, glaubten sie wirklich, daß ihre letzte Stunde
gekommen sei, als ich sie bei der Hand nahm und aufforderte, mir in
den Strom zu folgen. Bei dem prasselnden Regen und Hagel von oben,
der mit furchtbarer Kraft auf unsere Köpfe und Rücken schlug, und in
dem schneidend kalten Wasser, in das wir allmählich bis zum Halse
einsanken, fühlten wir uns alles andere als behaglich, um so mehr,
als auch die Strömung so heftig war, daß wir glaubten, wir würden im
nächsten Moment unsern Halt verlieren.
[Illustration: Der verhängnisvolle Pferdekauf.]
Kaum waren wir 12 Meter weit gekommen, als das Unvermeidliche eintrat.
Wir wurden alle drei fortgerissen, und nun klammerten Tschanden Sing
und Man Sing sich fest an meine Arme und zogen mich unter Wasser.
Ihre Hände schienen sich plötzlich in eiserne Krallen verwandelt zu
haben, und ich konnte sie nicht dazu bringen, ihren Griff zu lockern.
Obgleich ich mit den Beinen so kräftig ruderte, als ich konnte, kamen
wir doch beständig von der Oberfläche wieder auf den Grund infolge
der schweren Last meiner hilflosen Genossen. Endlich, nach einem
verzweifelten Kampfe von mehreren Minuten, spülte uns die Strömung
gegen das jenseitige Ufer, wo wir auf die Füße kamen und bald fähig
waren, uns aus dem heimtückischen Flusse herauszuarbeiten. Wir befanden
uns etwa 200 Meter stromabwärts von der Stelle, wo wir in den Fluß
hineingegangen waren, und die Masse schlammigen Wassers, die wir
geschluckt hatten, war so groß, daß uns allen dreien sehr übel wurde.
Wir waren sehr erschöpft, und da das Unwetter noch nicht nachlassen zu
wollen schien, schlugen wir das Lager (4975 Meter) auf dem linken Ufer
des Stromes auf. Obgleich wir warme Speise dringend nötig hatten, war
natürlich keine Möglichkeit vorhanden, Feuer anzumachen. Ein Stück
Schokolade war alles, was ich an diesem Abend hatte, und meine Leute
zogen es vor, gar nichts zu essen, anstatt das Gesetz ihrer Kaste zu
übertreten.
[Illustration: Tibetischer Hund.]
Wir schliefen unter unserm kleinen Zelt. Es mochte gegen 11 Uhr sein,
als draußen ein Geräusch wie von Stimmen und über Steine stolpernden
Menschen hörbar wurde. Im Augenblick war ich mit meiner Büchse draußen
und schrie das gewöhnliche »~Palado!~ Schert euch fort!«, worauf ich
als Antwort mehrere mit Schleudern geworfene Steine an mir vorbeisausen
hörte, in der Dunkelheit aber nichts sehen konnte. Einer der Steine
traf das Zelt, und ein Hund bellte wütend. Ich feuerte einen Schuß
in die Luft ab, der die gute Wirkung hatte, einen hastigen Rückzug
unserer Feinde, wer sie auch sein mochten, hervorzubringen. Der Hund
jedoch wollte nicht gehen. Er blieb draußen und bellte die ganze Nacht,
und erst am Morgen, als ich ihm etwas zu fressen gab und ihn nach
tibetischer Art mit dem gebräuchlichen Schmeichelworte »~Tschotschu,
tschotschu~« streichelte, wurde unser vierfüßiger Feind freundlich,
rieb sich an meinen Beinen, als ob er mich sein Leben lang gekannt
hätte, und faßte eine besondere Zuneigung für Man Sing, neben dem er
sich niederlegte. Von diesem Tage an verließ er unser Lager nicht mehr
und folgte uns überall hin, bis schlimmere Zeiten über uns kamen.
Der Fluß wandte sich zu weit nach Süden; ich beschloß daher, ihn zu
verlassen und quer durch das Land zu gehen, besonders auch, weil
schwache Spuren eines Pfades zu sehen waren, der in ostsüdöstlicher
Richtung über einen Paß führte. Ich folgte diesem Pfad und konnte auf
ihm Spuren von Hunderten von Pferdehufen sehen, die jetzt fast gänzlich
verwaschen waren. Augenscheinlich war dies der Weg, den die Soldaten
eingeschlagen hatten, denen wir auf der andern Seite des Maiumpasses
begegnet waren.
Als wir über den Paß (5410 Meter) gestiegen waren, sahen wir ein
ausgedehntes Tal mit darüber verstreuten kahlen Hügeln vor uns. Gegen
Süden bemerkten wir eine 17 Kilometer breite große Ebene, an deren
entgegengesetzter Seite sich schneebedeckte Berge erhoben. Vorn ragte
in die Ebene ein Hügel hinein, auf dem eine Manimauer stand. Diese
Entdeckung machte mich ganz sicher, daß ich auf der Hauptstraße
nach Lhasa war. Ungefähr 5 Kilometer entfernt in Nordnordwest waren
hohe schneebedeckte Berge, und als wir weitergingen, fanden wir,
16 Kilometer dahinter, einen stattlichen Gebirgszug mit höheren Bergen.
Wir waren zur Hälfte über die wasserlose Ebene gewandert, als wir eine
Anzahl Soldaten mit ihren Luntenflinten entdeckten, die hinter einem
entfernten Hügel Verstecken spielten. Sie kamen in einem großen Trupp
hervor, um unsere Bewegungen zu beobachten, und zogen sich dann wieder
hinter den Hügel zurück. Wir gingen vorwärts; aber als wir noch ein
Kilometer von ihnen entfernt waren, verließen sie ihr Versteck und
galoppierten fort, Wolken von Staub aufwirbelnd.
Von einem 4940 Meter hohen Hügel, über den der Pfad ging, erblickten
wir in 16 Kilometer Entfernung eine Gruppe von sehr hohen
schneebedeckten Bergen. Zwischen ihnen und uns stand eine Kette von
hohen Hügeln, die von einem Tale durchschnitten wurde, in welchem ein
Fluß strömte, der eine große Masse Wassers führte. Wir folgten ihm
und überschritten ihn, als wir eine passende Furt gefunden hatten, an
einer Stelle, wo der Strom 25 Meter breit war und das Wasser uns bis an
die Hüften reichte. Hier fanden wir wieder eine Manimauer mit großen
Inschriften auf Steinen. Da der Wind sehr stark und schneidend war,
gedachten wir, sie als Schutz zu benutzen.
In dem Winkel zwischen Westsüdwest und Ostsüdost konnten wir in
der Ferne einen sehr hohen schneebedeckten Gebirgszug, die große
Himalajakette, und niedrigere Hügelzüge in nur 5 Kilometer Entfernung
von unserm Lager sehen. Der Fluß, den wir soeben überschritten hatten.
mündete in den Brahmaputra. Eine große Anzahl schwarzer Zelte stand
in Ostsüdost vor uns; unserer Schätzung nach waren sie 3 Kilometer
entfernt. Als die Sonne unterging, sahen wir sie sehr deutlich und
zählten ungefähr sechzig. In ihrer Nähe konnte man Hunderte von
schwarzen Jaken bemerken.
Zu unserm Erstaunen waren sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang
alle verschwunden, und wir konnten auch, als wir in der Richtung
marschierten, wo wir sie am Abend vorher gesehen hatten, keine Spuren
von ihnen finden. Ich glaube, daß wir es mit einer Luftspiegelung zu
tun gehabt hatten.
Als wir ungefähr 25 Kilometer weiter über eine grasbedeckte Ebene
gegangen waren, die im Nordosten durch den von Nordwesten nach Südosten
streichenden Gebirgszug begrenzt war und in Ostnordost, ungefähr
8 Kilometer von uns, hochragende schneebedeckte Gipfel hatte, kamen
wir schließlich an einen sehr großen tibetischen Lagerplatz von über
achtzig Zelten, in einer Höhe von 4770 Meter. Sie waren an dem Ufer
eines Nebenflusses des Brahmaputra aufgeschlagen, der westlich an
dem Lager vorbeifließt, nachdem er in der Ebene einen großen Bogen
beschrieben hat. Acht Kilometer davon, in dem von Nordwesten nach
Ostnordosten beschriebenen Bogen, erhob sich die Bergkette, die ich
schon immer bemerkt hatte. Hier wurden aber die Gipfelhöhen allmählich
immer geringer, so daß die Bezeichnung »Hügelzug« besser für sie passen
würde als der Name »Bergkette«. Hinter ihr jedoch ragten viel höhere
schneebedeckte Gipfel empor.
Einunddreißigstes Kapitel.
Im Zeltlager.
Wir steuerten kühn auf das Lager los. Zuerst verursachte unser
Näherkommen eine große Bewegung; hastig wurden Jake und Schafe vor
uns hinweggetrieben, während Männer und Frauen in scheinbar großer
Aufregung in die Zelte hinein- und wieder herausstürzten. Acht oder
zehn Männer kamen zögernd vorwärts und baten uns, in das Innere eines
großen Zeltes einzutreten. Sie wünschten, wie sie sagten, mit uns zu
sprechen, und wollten uns gern Tee anbieten. Da ich Verrat argwöhnte,
nahm ich ihre Einladung nicht an, sondern ging quer durch das Lager und
machte erst ungefähr 300 Meter jenseits desselben halt. Nachher begaben
Tschanden Sing und ich uns auf eine Runde durch alle Zelte, bemüht,
Nahrungsmittel einzukaufen, aber auch um zu zeigen, daß, wenn wir uns
vorher geweigert hatten, in ein Zelt einzutreten, dies keineswegs aus
Furcht geschehen sei, sondern nur, weil wir uns nicht gern in einer
Falle fangen lassen wollten.
Unsere Besuche in den verschiedenen Golingtschas oder Gurr waren
interessant genug.
Die Zelte waren sehr geschickt konstruiert und den Verhältnissen
des Landes, in dem sie zur Anwendung kamen, ausgezeichnet angepaßt.
Auch die verschiedenen Einrichtungsgegenstände im Innern zogen
meine Aufmerksamkeit auf sich. Von schwarzer Farbe, waren die Zelte
aus Jakhaaren gewebt, deren natürliche Fettigkeit sie vollständig
wasserdicht machte. Sie bestanden aus zwei Stücken dieses dicken
Stoffes, die an jedem Ende des obern Zeltteiles von zwei Pfählen
getragen wurden; oben hatten sie eine längliche Öffnung, durch die
der Rauch des in der Hütte brennenden Feuers entweichen konnte.
Die Grundfläche der größeren Zelte ist ein Oval; das Dach befindet
sich gewöhnlich ungefähr zwei Meter hoch über dem Boden und wird
vermittelst langer Stricke, die über hohe Pfähle gehen und mit
Pflöcken in der Erde befestigt sind, sehr straff gespannt gehalten.
Man verwendet hierzu hölzerne und eiserne Pflöcke, von denen sehr
viele nötig sind, um das Zelt ringsherum so fest und dicht am Boden zu
halten, daß es seine Bewohner gegen die scharfen Winde der Hochebene
schützt. Hohe Stangen, gewöhnlich vier, mit weißen fliegenden Gebeten
sind vor jedem Zelte zu sehen, oder auch in jeder Himmelsgegend eine,
wobei der Osten als Ausgangspunkt genommen wird.
[Illustration: Tibetisches Zelt.]
Rings um das Innere der größeren Zelte wird eine zwei bis drei Fuß hohe
Erdmauer aufgeführt, die den Zweck hat, noch mehr gegen Wind, Regen und
Schnee zu schützen. Manchmal werden diese Mauern aus getrocknetem Dung
hergestellt, der mit der Zeit als Brennmaterial verwendet wird. Zum
Betreten des Zeltes sind zwei Öffnungen vorhanden, an jedem Ende eine;
doch wird die gegen den Wind gerichtete immer vermittelst Ösen und
hölzerner Riegel verschlossen gehalten.
Der Tibeter ist ein geborener Nomade und wechselt seinen Wohnsitz mit
den Jahreszeiten oder je nachdem er Weideplätze für seine Jake und
Schafe finden kann; aber wenn er auch keine feste Wohnung hat, versteht
er doch, es sich behaglich zu machen, und führt alles mit sich, dessen
er bedarf. So fängt er z.B. damit an, sich in der Mitte seines Zeltes
einen Goling, einen Herd aus Erde und Steinen, zu bauen, der ein Meter
hoch, anderthalb lang und ein halbes Meter breit ist und zwei, drei
oder mehr Zuglöcher hat. Mit dieser sinnreichen Einrichtung bringt er
es fertig, die Verbrennung des getrockneten Dungs zu beschleunigen, der
das schwierigste Brennmaterial ist. Auf der obern Seite dieses Ofens
wird ein passender Platz für die verschiedenen Raksang, die großen
messingenen Töpfe und Schalen, gemacht, in denen der Ziegeltee, nachdem
er in einem steinernen oder hölzernen Mörser regelrecht zerstampft
worden ist, gekocht und mit einem langen Messinglöffel umgerührt wird.
Ein tragbares eisernes Gestell, auf welches sie die heißen Gefäße, in
denen der Tee gebraut worden ist, setzen, wenn sie dieselben vom Feuer
nehmen, liegt gewöhnlich irgendwo im Zelte umher. Dicht daneben steht
der Toxzum oder Tongbo, ein zylindrisches hölzernes Butterfaß mit einem
Deckel, durch den ein Stempel geht. Man gebraucht es, um darin den Tee
mit Butter und Salz in derselben Weise zu vermischen, die ich als bei
den Schokas üblich schon weiter oben beschrieben habe.
Die hölzernen Becher oder Schalen, deren sich die Tibeter bedienen,
werden Puku, Fruh oder Cariel genannt; aus ihnen wird auch Tsamba
gegessen, nachdem man Tee darauf gegossen und das Gemisch mit mehr oder
weniger schmutzigen Fingern zu einem Teig verarbeitet hat. Oft werden
noch Extraklumpen Butter und sogar Stückchen Tschura (Käse) mit diesem
Teig vermischt. Die reicheren Leute (Beamten) schwelgen in Mehl und
Reis, die aus Indien eingeführt werden, und in Kassur, getrockneten
Früchten (Datteln und Aprikosen), von geringer Qualität. Der Reis wird
zu einer Art Suppe gekocht, die Tukpa genannt wird; es ist dies ein
großer Luxus, den man sich nur bei sehr hervorragenden Gelegenheiten
erlaubt, wobei auch andere, ebenso geschätzte Leckerbissen, wie
Gimakara (Zucker) und Schelkara (weißer Lompenzucker) gegessen
werden. Fleisch lieben sie sehr, wenn auch nur einige sich solchen
Luxus gestatten können. Wildbret, Jak- und Schaffleisch gelten als
ausgezeichnete Nahrung, und die in Stücke geschnittenen Fleischteile
und Knochen werden mit einer reichlichen Menge von Salz und Pfeffer in
einem Kessel gekocht. Die verschiedenen Insassen eines Zeltes tauchen
die Hände in den Topf, und wenn sie ein passendes Stück herausgezogen
haben, zerren sie mit den Zähnen und Fingern daran herum; selbst der
Knochen wird zermalmt und ebenso wie das Fleisch gegessen. Auf meine
Frage, warum sie dies täten, antworteten die Tibeter, daß Fleisch, ohne
Knochen gegessen, schwer zu verdauen sei.
Gewöhnlich sind die tibetischen Zelte mit einigen Tildih, groben
Matten, ausgestattet, die um den Herd liegen und den Leuten als
Sitzplätze dienen; neben dem Zelteingang steht ein Dahlo oder Korb,
in welchem der gesammelte Dung aufbewahrt wird. Paarweise gebraucht
sind diese Dahlos sehr bequem an die Packsättel zu binden, zu welchem
Zweck sie auch besonders gemacht werden. Ferner stehen nahe an den
Wänden des Zeltes die Tsamgo oder Säcke mit Tsamba und die Dongmo oder
Buttertöpfe. Zwischen Massen von Schaffellen und Decken sieht man auch
die kleinen hölzernen Kästen, in denen der Vorrat an Butter unter
Schloß und Riegel gehalten wird.
Das erste jedoch, was einem beim Betreten eines tibetischen Zeltes
ins Auge fällt, ist das Tschoksah oder der Tisch, auf dem Lichter
und Messingschalen mit den Opfergaben für den Tschogan stehen, den
vergoldeten Gott, an den die Bewohner des Zeltes ihre Morgen- und
Abendgebete richten. Gebeträder und Rosenkranzschnüre sind reichlich
vorhanden, und die den Männern gehörenden langen Luntenflinten sieht
man aufrecht an die Pfähle gebunden und mit ihren hohen Stützen aus
der Öffnung in dem Zeltdache weit hervorragen. Die Speere werden auf
dieselbe Art befestigt; die Schwerter und die kleineren Messer führt
der Besitzer den ganzen Tag bei sich und legt sie nachts neben sich auf
den Boden.
Die Eingeborenen waren sehr höflich und gesprächig. Trotzdem sie unter
dem Vorwand, daß sie sogar für sich selbst nichts zu essen hätten, sich
weigerten, uns Nahrungsmittel zu verkaufen, ging ihre Freundlichkeit
doch so sehr über meine Erwartung, daß ich zuerst Verrat fürchtete.
Aber Verrat oder nicht, hielt ich es doch für das beste, so viel zu
sehen und zu hören, als ich konnte, solange ich dort war.
Männer und Weiber bildeten einen Kreis um uns, und bei der Beantwortung
meiner Fragen schien das schöne Geschlecht weniger schüchtern als das
starke. Nicht nur in diesem Lager, sondern auch in allen andern fiel
mir besonders die geringe Zahl von Frauen auf, die man in Tibet sieht.
Dies hat seinen Grund nicht etwa darin, daß sie in Abgeschlossenheit
gehalten werden; denn die Damen des verbotenen Landes scheinen im
Gegenteil in allem ihren Willen zu haben. Sie sind tatsächlich in der
Minderheit, da nach einer ungefähren Schätzung, die jedoch durch die
Angaben eines freundlichen Lamas unterstützt wurde, das Verhältnis in
der Bevölkerung so ist, daß auf jede Frau 15 bis 20 Männer kommen;
nichtsdestoweniger bringt es das schöne Geschlecht in Hundes fertig,
die männliche Majorität aufs beste zu beherrschen, wobei es ein gutes
Werkzeug in den Händen der Lamas ist.
Man kann von einer tibetischen Frau, gleichviel ob sie eine Dame,
eine Hirtin oder eine Räuberin ist, nicht sagen, daß sie irgend etwas
Einnehmendes an sich habe. In der Tat ist mir das Glück nicht zuteil
geworden, eine einzige schöne Frau im Lande zu sehen, wenn ich auch
natürlich Frauen gesehen habe, die weniger häßlich waren als andere.
Bei dem angehäuften Schmutz, der von Geburt an von Seife, Waschen
oder Baden ganz verschont bleibt, bei dem Beschmieren der Nase, der
Wangen und der Stirn mit schwarzer Salbe, die das Aufspringen der Haut
im Winde verhüten soll, und bei dem unangenehmen Geruch, der den nie
gewechselten Kleidern entströmt, bleibt wirklich wenig übrig, was die
tibetische Frau anziehend machen könnte.
Und doch, wenn man den ersten Ekel und die ersten Bedenken überwunden
hat, besitzt die Tibeterin, aus der Entfernung gesehen, ihre eigenen
Reize. Sie hat einen schönen Gang, denn sie ist daran gewöhnt, schwere
Lasten auf dem Kopfe zu tragen; und wenn der Hals nicht gewöhnlich zu
kurz und dick wäre, um graziös zu sein, würde ihr Kopf auch hübsch
auf den Schultern sitzen. Der Körper und die Gliedmaßen sind von
großer Muskelstärke und gut entwickelt, doch fehlt es ihnen gewöhnlich
an Festigkeit, ein Umstand, der ohne Zweifel übermäßigen Genüssen
zuzuschreiben ist. So sieht man auch, wenn sie sich der Sitte gemäß bis
an die Taille entblößen, daß ihre Brüste schlaff und hängend sind. Im
allgemeinen ist die Tibeterin von starkem Körperbau und zur Korpulenz
geneigt. Ihre Hände und Füße lassen Stärke und rohe Kraft erkennen,
aber an den Fingern ist weder Gewandtheit noch Gelenkigkeit zu bemerken
und daher auch keine Geschicklichkeit für feine oder zierliche Arbeit.
Trotzdem ist die tibetische Frau dem tibetischen Manne weit überlegen.
Sie hat ein besseres Herz, mehr Mut und einen bessern Charakter als er.
Unzähligemal, wenn die über alle Begriffe furchtsamen Männer bei unserm
Näherkommen davonliefen, blieben die Frauen zur Beaufsichtigung der
Zelte zurück, und wenn sie auch keineswegs kaltblütig und gefaßt waren,
so verließen sie ihren Posten doch sehr selten. --
Auch bei dieser Gelegenheit, als alle freundlich waren, schienen die
Frauen viel weniger scheu als die Männer und plauderten ungezwungen und
unaufhörlich. Sie überredeten ihre Herren und Gebieter sogar, uns etwas
Tsamba und Butter zu verkaufen.
[Illustration: Tibeterin mit Tschukti.]
Die tibetischen Frauen tragen wie die Männer Hosen und Stiefel und
darüber ein langes gelbes oder blaues Kleid, das bis auf die Füße
hinabreicht. Sehr merkwürdig ist ihr Kopfputz: das Haar wird sorgfältig
in der Mitte gescheitelt und bis zu den Ohren mit geschmolzener Butter
fest an die Kopfhaut geklebt, um dann ringsherum in unzählige kleine
Zöpfe geflochten zu werden, an welche die Tschukti, drei Streifen von
schwerem rotem und blauem Tuch, befestigt werden, die mit Korallen-
und Malachitperlen und mit Silbermünzen verziert sind und von den
Schultern bis zu den Hacken hinabreichen. Auf diesen Schmuck schienen
die Frauen sehr stolz zu sein, und sie entfalteten viel Koketterie, um
unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Es befriedigte sie anscheinend
sehr, als wir ihn bewunderten. Bei den wohlhabenderen Damen hängt ein
kleines Vermögen über den Rücken herab: denn alles, was sie an Geld und
Wertsachen erworben oder erspart haben, wird auf die Tschukti genäht.
An dem unteren Ende der Tschukti sind eine, zwei oder drei Reihen
kleiner messingener oder silberner Glöckchen befestigt. Daher wird das
Nahen der tibetischen Damen, die dieser Mode huldigen, durch das Läuten
ihrer Glocken angekündigt; ein seltsamer Gebrauch, dessen Ursprung die
Damen mir nicht anders erklären konnten, als daß sie sagten, er sei
hübsch und gefalle ihnen.
Die Abbildung einer reisenden tibetischen Dame aus Lhasa (S. 225) wurde
in Tucker aufgenommen. Sie trug ihr Haar, das von abnormer Stärke und
Länge war, in einem einzigen ungeheuern Zopf, und rings um den Kopf zog
sich wie ein Heiligenschein ein kreisförmiger hölzerner Kopfputz, auf
dessen äußerem Teile Perlen von Korallen, Glas und Malachit befestigt
waren. Das ganze Arrangement war so schwer, daß es, trotzdem es gut auf
den Kopf paßte, doch durch Schnüre gehalten werden mußte, die teils
an das Haar gebunden wurden, teils über den Kopf gingen. Zur Seite
des Kopfes hingen an den Ohren und dem Haare ein Paar sehr großer
silberner, mit Malachit eingelegter Ohrringe und rings um den Hals drei
lange Perlenschnüre mit silbernen Spangen.
Häufig wird auch ein loser silberner Kettengürtel ziemlich tief
unterhalb der Taille getragen, und Ringe und Armbänder sieht man fast
immer.
Je nach dem Wohnorte und der Lebensstellung der Trägerin kommen
natürlich in den Gewändern und dem Schmuck der Damen bedeutende
Modifikationen vor, doch die Hauptzüge ihrer Kleidung sind tatsächlich
überall dieselben.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Heirat und Tod.
Es ist wohlbekannt, daß die Tibeter die Vielmännerei und die
Vielweiberei gesetzlich anerkennen. Über die eigentliche Form dieser
Ehegebräuche ist jedoch bisher nur sehr wenig zu uns gedrungen, und die
nachstehenden Einzelheiten werden deshalb nicht ohne Interesse sein,
so erschreckend sie auch, vom europäischen Standpunkt aus, erscheinen
mögen.
Zu allererst möchte ich bemerken, daß es bei den unverheirateten Frauen
der mittleren Klassen in Tibet nichts gibt, was einem Sittengesetz
ähnlich sähe. Deshalb ist es vom tibetischen Gesichtspunkt aus nicht
leicht, eine unmoralische Frau zu finden. Trotz dieser Lage der Dinge
ist das Verhalten der Frauen besser, als man erwarten könnte. Wie die
Schokamädchen besitzen sie neben einer gewissen Zurückhaltung eine
wunderbare Einfachheit des Betragens, die sehr angenehm ist, namentlich
für den tibetischen Jüngling, der, von den Reizen eines Mädchens
angezogen, plötzlich entdeckt, daß seine Liebelei mit ihr, fast ehe
sie noch begonnen hat, ein festes Verhältnis geworden ist. Der Sitte
gemäß bittet er seinen Vater und seine Mutter, ihn nach dem Zelte der
Dame seines Herzens zu begleiten, wo ihre Verwandten, die von dem ihnen
bevorstehenden Besuche schon in Kenntnis gesetzt worden sind, auf
Decken und Matten sitzend die Ankunft der Gäste erwarten.
Nach den gewöhnlichen Höflichkeiten und Verbeugungen bittet der Vater
des jungen Mannes ohne weiteres für seinen Sohn um die Hand der jungen
Dame, und wenn die Antwort günstig ist, legt der Freier ein viereckiges
Stückchen Jakbutter auf die Stirn seiner Verlobten. Sie tut dasselbe
mit ihm, und damit wird die Heiratszeremonie als erledigt betrachtet:
das butterbestrichene Paar ist Mann und Frau.