Ich entschloß mich, den erwähnten Paß zu versuchen, und so kamen wir,

nachdem wir zuerst über eine Fortsetzung des ebenen Plateaus, dann

über welligen Boden gegangen waren, an zwei kleine Seen. Der Aufstieg

über den Schnee war verhältnismäßig leicht; wir gingen an dem von der

Höhe kommenden Flusse entlang. Als wir ungefähr halbwegs oben waren,

sahen wir acht Soldaten auf uns zugaloppieren. Wir erwarteten sie; als

sie uns erreicht hatten, führten sie die gewöhnlichen unterwürfigen

Begrüßungen aus, indem sie ihre Waffen auf den Boden legten, um zu

zeigen, daß sie nicht die Absicht hätten zu kämpfen. In einer langen

freundschaftlichen Unterredung, die wir mit ihnen hatten, versicherten

die Tibeter uns ihrer Freundschaft und ihrer Bereitwilligkeit, uns

auf jede ihnen mögliche Art zum Vorwärtskommen behilflich zu sein.

Dies war fast zu gut, um wahr zu sein, und ich vermutete Verrat, um

so mehr, als sie uns dringend aufforderten und baten, mit nach ihren

Zelten zurückzugehen, wo wir als ihre hochgeehrten Gäste bleiben und

mit allen Köstlichkeiten überschüttet werden sollten, die des Menschen

Geist sich vorstellen kann. Bei genauerer Erklärung fanden wir, daß

diese Köstlichkeiten in Geschenken von Tschura, Käse, Butter, Jakmilch

und Tsamba bestanden und daß sie uns Pferde verkaufen wollten, wenn wir

sie brauchten. Deshalb dankte ich ihnen herzlich und sagte, daß ich

vorzöge, meinen Weg fortzusetzen und meine augenblicklichen Leiden zu

ertragen.

Die Tibeter besitzen einen guten Sinn für Humor und wissen den

Sarkasmus immer zu würdigen. So bemerkten sie, daß ich nicht

leicht zu fangen war, und achteten mich deshalb. Sie konnten ihr

außerordentliches Erstaunen nicht verbergen, daß ich mit nur zwei

Leuten so weit gelangt war. Wir hatten eine sehr amüsante Unterhaltung,

in der viel tibetischer Witz und Schlauheit zum besten gegeben wurde;

endlich, nachdem ich meinen Besuchern einige kleine Geschenke gemacht

hatte, schieden wir in freundschaftlicher Weise.

Nun stiegen wir zu dem 5625 Meter hohen Paß empor und fanden auf der

andern Seite, ungefähr 600 Meter tiefer, eine weite Strecke ebenen

Landes vor uns. Ich erblickte einen See und nahm an, daß es der Gunkyo

wäre. Um mich indessen darüber zu vergewissern, ließ ich meine Leute

und die Jake auf dem Passe und ging fort, um von einem 5790 Meter hohen

Berge nordöstlich von uns zu rekognoszieren.

Es lag viel Schnee, und der Aufstieg war schwierig und langweilig. Als

ich auf der Höhe anlangte, versperrte mir ein anderer höherer Gipfel

vor mir die Aussicht, so daß ich, erst hinunter- und dann wieder

hinaufsteigend, diesen zweiten Berg erklomm. Ich erreichte eine Höhe

von 6100 Meter und hatte einen guten Blick auf das ganze umliegende

Land. Im Norden war ein langer schneebedeckter Gebirgszug und direkt

unter ihm etwas, was ich nach dem Grase am untern Teil der Berge und

nach dem Nebel und den Wolken, die sich darüber bildeten, für eine

Wasserfläche hielt.

Ein Hügelzug, der gerade hoch genug war, um den See dahinter zu

verbergen, stand mir im Wege. Ich kehrte zu meinen Leuten zurück, und

wir verfolgten unsern Weg die andere Seite des Passes hinab, wobei wir

in tiefen weichen Schnee einsanken. An einer etwa 150 Meter über der

Ebene gelegenen Stelle schlugen wir unser Lager in einer Schlucht auf,

die durch die beiden dicht aneinander tretenden Berghänge gebildet

wurde. Trotzdem ich jetzt an große Höhen gewöhnt war, hatte der

Aufstieg zur Höhe von über 6000 Meter mich doch einigermaßen erschöpft,

und eine gute Nachtruhe würde mir angenehm gewesen sein.

Man Sing und Tschanden Sing schliefen, nachdem sie etwas gegessen

hatten, fest und gesund, aber ich fühlte mich sehr niedergeschlagen.

Wir waren alle drei unter unserm kleinen Zelt, als ich mir plötzlich

einbildete, es sei jemand draußen. Ich weiß nicht, wie mir der Gedanke

in den Kopf gekommen war, denn ich hörte kein Geräusch, aber ich fühlte

gleichwohl, daß ich nachsehen und meine Neugier befriedigen müsse. Die

Büchse in der Hand, guckte ich aus dem Zelte und -- sah eine Anzahl

von schwarzen Gestalten, die vorsichtig auf uns zukrochen. In einem

Augenblick war ich draußen, lief auf sie zu und rief so laut ich konnte:

»~Pila tedan tedang!~ Aufgepaßt, aufgepaßt!«, was unter unsern

geisterhaften Besuchern eine eilige Flucht verursachte. Es war

augenscheinlich eine große Zahl von ihnen hinter Felsen verborgen,

denn als der panische Schrecken sie ergriff, war die Menge der

Fliehenden doppelt oder sogar dreimal so groß als die der Gespenster,

die ich zuerst herannahen gesehen hatte. Einen Augenblick schien es,

als ob überall schwarze Geister hervorsprängen, aber da sie derber

als Geister waren, machten sie mit ihren schweren Stiefeln einen

fürchterlichen Lärm, als sie alle durcheinander den steilen Abhang

hinab und durch die Schlucht liefen. Unten angelangt, bogen sie um den

Hügel herum und verschwanden.

Als ich wieder in das Zelt hineinkroch, lagen Tschanden Sing und Man

Sing bis über den Kopf in ihre Decken eingehüllt und schnarchten noch

immer.

Natürlich verbrachte ich eine schlaflose Nacht, da ich fürchtete, die

unwillkommenen Gäste könnten zurückkommen. Bei Sonnenaufgang störte

ich meine beiden Genossen aus ihrem Schlummer auf und teilte ihnen die

Ereignisse der vergangenen Nacht mit. Wir stellten viele Vermutungen

darüber an, wie die Tibeter uns aufgefunden hätten, und konnten nicht

umhin, anzunehmen, daß unsere Freunde vom vorigen Nachmittag etwas

mit der Sache zu tun haben müßten. Ohne Zweifel waren sie jetzt

unter der Gesellschaft, die ich in die Flucht geschlagen hatte. Die

unbegreifliche Feigheit, die die Tibeter bei jeder Gelegenheit zeigten,

war jedoch so groß, daß wir dahin kamen, diesen Ereignissen keine

Wichtigkeit beizumessen. Sie flößten uns nicht nur keine Furcht ein,

sondern hörten sogar auf, uns zu erregen oder zu ergötzen.

Wie gewöhnlich gingen wir weiter und stiegen zu der Ebene hinab, und

als wir dieselbe halb überschritten hatten, durchsuchte ich die Hügel

ringsumher mit dem Fernglas, um zu sehen, ob ich Spuren von unsern

feigen Feinden entdecken könnte.

»Dort sind sie!« rief Tschanden Sing, der die schärfsten Augen hatte,

die ich je an einem Menschen beobachtet habe, indem er nach dem Gipfel

eines Hügels wies, wo mehrere zwischen den Felsen vorguckende Köpfe

sichtbar waren. Ohne von ihnen weiter Notiz zu nehmen, gingen wir

vorwärts. Jetzt kamen sie aus ihrem Versteck hervor, und wir sahen, wie

sie in einer langen Reihe, ihre Pferde führend, den Hügel hinabgingen.

Auf der Ebene angelangt, bestiegen sie ihre Rosse und kamen in vollem

Galopp auf uns zu. Mit ihren dunkelroten Röcken, den braunen und

gelben Fellkleidern und den verschiedenfarbigen Mützen boten sie

einen malerischen Anblick. Einige trugen hellrote Röcke mit goldener

Verschnürung und chinesische Mützen. Dies waren Offiziere. Ihre

Luntenflinten, an deren Gabeln rote und weiße Fahnen befestigt waren,

gaben der sonst öden Szenerie von kahlen Hügeln und Schnee einen Anflug

von Farbe, und das Geklingel der Pferdeglocken belebte die Totenstille

dieser unwirtlichen Regionen.

Etwa dreihundert Meter von uns entfernt stiegen sie von den Pferden,

und ein alter Mann kam, nachdem er seine Luntenflinte und das Schwert

in theatralischer Weise beiseite geworfen hatte, mit unsicheren

Schritten auf uns zu. Wir empfingen ihn freundlich.

Er bereitete uns großen Spaß, da er in seiner Art ein seltsamer

Charakter war.

»Ich bin nur ein Abgesandter«, beeilte er sich zu melden, »und deshalb

gieße deinen Zorn nicht über mich aus, wenn ich zu dir spreche. Ich

überbringe nur die Worte meiner Offiziere, die aus Furcht, gekränkt zu

werden, nicht zu kommen wagen. In Lhasa, von wo wir kommen, hat man die

Nachricht erhalten, daß ein Plenki, ein Engländer, mit vielen Leuten in

Tibet ist und nirgends aufgefunden werden kann. Wir sind abgeschickt

worden, ihn zu fangen. Bist du einer von seiner Vorhut?«

[Illustration: Tibetische Flinte mit Gabelstütze.]

»Nein«, erwiderte ich trocken. »Ich vermute, daß ihr mehrere Monate

gebraucht habt, um hierherzukommen«, fragte ich dann wie beiläufig,

bemüht, durch diesen Angriff auf ihre Ehre als gute Reiter genaue

Nachricht zu erlangen.

»O nein! Unsere Pferde sind gut«, antwortete er, »und wir sind schnell

gekommen.«

»~Tschik, ni, sum, schi, nga, do, din, ghitsch, gu, tschu, tschuck

tschik, tschuck ni~«, zählte der Tibeter bis zwölf, indem er die Stirn

runzelte und den Kopf nach rechts geneigt hielt, als ob er seine

Gedanken sammeln müsse; dabei hielt er die Hand empor, den Daumen

gegen die Handfläche gedrückt, und legte, als er die Zahlen nannte,

einen Finger nach dem andern nieder. Die Daumen werden beim Zählen nie

gebraucht. »~Lum tschuk ni niman!~ Zwölf Tage«, sagte er, »sind wir auf

dem Wege gewesen, und wir haben Befehl, nicht zurückzukehren, bis wir

den Plenki gefangen haben. Und du,« fragte er forschend, »wie lange

hast du gebraucht, um von Ladak hierherzukommen?«

Er sagte, er könne mir am Gesicht absehen, daß ich ein Kaschmirer sei,

was mir eine schlechte Meinung von seiner Fähigkeit gab, Volkstypen

zu erkennen. Indessen war mein Gesicht wirklich so verbrannt und

so schmutzig, daß es schwer war, mich von einem Eingeborenen zu

unterscheiden, trotzdem ich europäische Kleidung trug. Der alte Mann

fragte mich in die Kreuz und Quere, um herauszubringen, ob ich ein

Pundit wäre, der von der indischen Regierung ausgeschickt sei, um das

Land aufzunehmen, und erkundigte sich, weshalb ich meine einheimischen

mit »Plenki«-Kleidern vertauscht hätte. -- Er fragte mich immer wieder,

ob ich nicht einer von des Plenkis Gesellschaft sei.

»~Keran ga naddo ung?~ Wohin gehst du?« fragte er.

»~Nhgarang ne koroun Lama jehlhuong.~ Ich bin ein Pilger,« erwiderte

ich, »ich will Klöster besuchen.«

»~Keran mi japodu.~ Du bist ein guter Mann.«

Er bot sich an, mir den Weg nach dem Gunkyosee zu zeigen, und tat dies

so dringend, daß ich es annahm. Als ich jedoch die zweihundert Soldaten

ihre Pferde besteigen und uns folgen sah, machte ich ihm Vorstellungen

und sagte, daß wir, wenn wir Freunde sein sollten, keine Armee

brauchten, die uns eskortierte.

»Wenn du unser Freund bist, kannst du allein kommen, und wir werden dir

keinen Schaden zufügen,« gab ich ihm zu verstehen, »wenn du aber unser

Feind bist, werden wir dich und dein Heer hier sogleich bekämpfen und

euch die Mühe sparen, weiterzugehen.«

»Ja«, wiederholten Tschanden Sing und Man Sing wie ein Echo.

Verwirrt und zögernd ging der Tibeter, sich mit seinen Leuten zu

besprechen, und kehrte nach einiger Zeit mit acht Mann zurück, während

der Hauptteil seiner Streitmacht in der der unsern entgegengesetzten

Richtung davongaloppierte.

[Illustration:

_Aquarellskizze von H. S. Landor._ _F. A. Brockhaus, Leipzig._

~FLATTERNDE GEBETE AUF DEM MAIUM-PASS.~]

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Auf dem Boden Gottes.

In fast nördlicher Richtung gingen wir über die Ebene, bis wir an

einen Hügelzug kamen, den wir überschritten. Dann stiegen wir, indem

wir unsern Kurs nach Nordost änderten, mehrere Hügel hinab und hinauf

und befanden uns endlich in dem grasigen geschützten Tale des großen

Gunkyosees, der sich von Südost nach Nordwest ausdehnt. Der See war von

außerordentlicher Schönheit. Die hohen, schneebedeckten Gangriberge

erhoben sich fast unmittelbar aus seinen Fluten und bildeten auf der

Südseite einen wilden, malerischen, aber über alle Beschreibung kahlen

und öden Hintergrund. Am andern Ende des Sees, im Nordwesten, schlossen

niedrigere Berge das Wasser ein.

Wir lagerten in 5015 Meter Höhe, und die Soldaten schlugen ihr Lager

etwa 50 Meter von uns entfernt auf.

Am Abend kamen die Tibeter nach meinem Lager herüber und machten sich

angenehm, indem sie launig über alle möglichen Gegenstände sprachen.

Sie halfen uns Brennmaterial herbeischaffen und brauten mir Tee nach

tibetischer Art. Sie schienen anständige Burschen, schlau, wenn man

will, doch mit mehr guten als bösen Eigenschaften. Sie erklärten,

daß sie die Lamas, die Beherrscher des Landes, haßten, und gaben

ihnen mit besonderem Vergnügen Namen, die kaum zu wiederholen sind.

Ihrer Behauptung nach besaßen die Lamas alles Geld, das ins Land

kam, und es war niemand außer ihnen gestattet, welches zu haben. In

den Mitteln, die sie anwendeten, um ihr Ziel zu erreichen, seien sie

nicht wählerisch; sie seien grausam und ungerecht. Jeder Mann in

Tibet, sagten sie, sei im Falle der Not Soldat und jeder ein Diener

der Lamas. Die Soldaten des stehenden Heeres erhielten eine bestimmte

Menge Tsamba, Ziegeltee und Butter; dies sei alles, da keine Löhnung

in barem Gelde gegeben werde. Gewöhnlich jedoch erhielten sie ein Pferd

zum Reiten, und wenn sie Reisedienst hätten, hätten sie das Recht,

Relaispferde auf Poststationen und in Dörfern zu bekommen, wo sie

auch berechtigt wären, Ergänzungen ihres Proviants, Sättel oder alles

andere zu verlangen, dessen sie bedurften, um damit bis zur nächsten

Niederlassung auszureichen. Die Waffen (Schwert und Luntenflinte)

gehörten gewöhnlich den Leuten selbst und blieben immer in der Familie;

aber gelegentlich, besonders in den größern Städten, wie Lhasa und

Schigatse, beschafften die Lamas solche. Pulver und Kugeln würden

ausnahmslos von den Behörden geliefert. Die Waffen würden meist in

Lhasa und Schigatse angefertigt. Obgleich die Tibeter mit der großen

Treffsicherheit beim Schießen mit ihren Luntenflinten prahlten,

die hölzerne Gabeln hatten, um dem Schützen ein sicheres Zielen

zu ermöglichen, habe ich nie das Vergnügen gehabt, selbst von den

Meisterschützen des Landes das Ziel treffen zu sehen. Freilich benutzt

der tibetische Soldat zu Sportzwecken und aus Sparsamkeit fast niemals

Bleikugeln oder Schrot, sondern zieht es vor, den Lauf mit kleinen

Steinen zu füllen, die kaum geeignet sind, ihn zu verbessern. Überdies

war das Pulver so knapp, daß sie nur sehr selten Gelegenheit hatten zu

üben; daher die geringe Fertigkeit.

Bei Sonnenaufgang war der Anblick des Gunkyosees großartig. Der

Schnee auf den Bergen war in rote und goldene Tinten getaucht, und

das kleinste Detail der Gipfel spiegelte sich in den Fluten des Sees

wider. Wir beluden unsere Jake, wobei die Tibeter uns hilfreiche Hand

leisteten, und machten uns auf den Weg nach dem Maiumpaß, indem wir im

ganzen eine ostsüdöstliche Richtung an dem Flusse hinauf verfolgten,

der sich in den Gunkyosee ergießt.

Das Tal war sehr eng und zog sich in beständigem Zickzack hin; aber

obgleich die Höhe sehr groß war, gab es Gras im Überfluß, und das

Grün war für die vom Schnee, den rötlichen kahlen Bergen und den

wüstenartigen Strecken Landes ermüdeten Augen sehr wohltuend. Wir kamen

an ein Becken, wo auf dem gegenüberliegenden Ufer des Flusses ein

großer tibetischer Lagerplatz mit einer hohen Mauer von Steinen sich

befand. Hinter ihr konnte ich Rauch aufsteigen sehen.

Unsere tibetischen Freunde baten mich, hier anzuhalten, um zu plaudern

und Tee zu trinken. Ich sagte, daß ich von beiden genug gehabt hätte

und weitergehen wolle.

»Wenn du weitergehst, werden wir dich töten«, sagte einer der Soldaten,

der zornig wurde und unsere Höflichkeit gegen ihn und seine Genossen

mißbrauchte.

»~Nga samgi ganta indah.~ Wie du willst«, antwortete ich mit studierter

Höflichkeit.

»Wenn du noch einen Schritt gehst, werden wir dir den Kopf abschneiden

oder du mußt unsere abschneiden«, riefen zwei oder drei andere, indem

sie mir ihre nackten Hälse entgegenstreckten.

»~Taptih middu.~ Ich habe kein kleines Messer bei mir«, erwiderte

ich ganz ernsthaft und mit erheucheltem Verdruß, während ich nach

tibetischer Art meine Hand in der Luft herumwirbelte.

Die Tibeter wußten nicht, was sie aus mir machen sollten. Sie schienen

ganz verblüfft, und als ich nach dem Passe, auf dem Hunderte von

fliegenden Gebeten in der Luft flatterten, ging, nachdem ich ihnen in

der anerkannt besten tibetischen Form mit ausgestreckter Zunge und

vor der Stirn geschwenkten, die Flächen nach oben gerichteten Händen

höflich Lebewohl gesagt hatte, nahmen sie ihre Mützen ab und grüßten

uns, indem sie sich auf die Knie niederließen und die Köpfe dicht an

den Boden brachten.

Wir überschritten die Ebene und stiegen langsam zum Passe hinauf.

Nahe am Gipfel kamen wir an die Straße von Ladak nach Lhasa über

Gartok, die an der nördlichen Seite des Rakastal-, des Mansarowar

und des Gunkyosees entlang führt. Auf dem Passe selber waren Stangen

aufgepflanzt, die durch Stricke miteinander verbunden waren, an denen

fliegende Gebete lustig im Winde flatterten. Auch Obo oder Hügel von

Steinen waren hier aufgerichtet. Sie waren gewöhnlich weiß und trugen

vielfach die Inschrift »~Om mani padme hum~«. Neben diesen Obo waren

Schädel und Hörner von Jaken sowie von Ziegen und Schafen niedergelegt,

auf denen dieselben Worte in die Knochen eingegraben und mit dem Blute

der getöteten Tiere rot gefärbt waren.

Diese Opfergaben werden von den Tibetern, wenn sie einen hohen Paß

überschreiten, den Göttern dargebracht, namentlich wenn ein Lama dabei

ist, der dieses Ereignis feiert. Das Fleisch des getöteten Tieres wird

von den anwesenden Leuten gegessen, und wenn die Gesellschaft groß

ist, folgen Tanz und Gesang auf das Mahl. Diese Obo finden sich über

das ganze Land verstreut; sie bezeichnen die Pässe und die Berggipfel,

und kein Tibeter geht an einem von ihnen, und wäre er noch so klein,

vorbei, ohne einen weißen Stein auf ihm niederzulegen. Dadurch werden

die Götter in freundlicher Stimmung erhalten, und es werden sich auf

der Reise keine Unfälle ereignen.

Die Höhe des Maiumpasses beträgt 5335 Meter. Hier war ich schon weiter

in das verbotene Land vorgedrungen, als irgendeinem andern Engländer

von dem Punkte aus gelungen war, wo ich Tibet betreten hatte. Aber

damit war ich noch nicht zufrieden. Der Maiumpaß ist eine wichtige

Landmarke in Hundes; denn nicht nur entspringt auf seinen südöstlichen

Abhängen eine der Quellen des großen Tsangpu oder Brahmaputra, sondern

er trennt auch die ungeheuern Provinzen von Nari-Chorsum, die sich

westlich von dem Maiumpasse ausdehnen und das gebirgige, seenreiche

Gebiet bis Ladak hin umfassen, von Yu-tsang, der Zentralprovinz von

Tibet, die sich östlich von dem Passe an dem Tale des Brahmaputra

entlang erstreckt und Lhasa, die Hauptstadt des Landes, enthält.

Das Wort Yu bedeutet im Tibetischen Mitte und wird auf die Provinz

angewendet, da diese in der Mitte von Tibet liegt. Nördlich von dem

Maiumpaß liegt die große Provinz Doktol.

Ich hatte einen Rekognoszierungsgang nach einem andern, nordöstlich von

uns gelegenen Passe unternommen und war eben zu meinen Leuten auf den

Maiumpaß zurückgekehrt, als mehrere der tibetischen Soldaten, die wir

hinter uns gelassen hatten, auf uns zugeritten kamen. Sie schienen sehr

aufgeregt und machten uns Zeichen, auf sie zu warten. Natürlich taten

wir dies.

»Dort auf der andern Seite des Passes ist das Gebiet von Lhasa,« sagte

der erste Reiter und wies auf das Tal unter uns; »wir verbieten euch,

es zu betreten.«

»Ich habe nie Befehlen gehorcht,« erwiderte ich, »und werde es auch nie

tun.«

Damit trieb ich die beiden Jake vor mir her und betrat, von Tschanden

Sing und Man Sing gefolgt, die heiligste aller heiligen Provinzen, den

»Boden Gottes«.

Schnell stiegen wir auf der Ostseite des Passes hinab. Die Soldaten

blieben bestürzt oben stehen und sahen uns nach. Es war ein hübsches

Bild, als sie sich zwischen den Obo gegen den Himmel abzeichneten und

die Sonne auf ihre juwelenbesetzten Schwerter und die roten Fahnen

ihrer Luntenflinten schien, während über ihren Köpfen Reihen von

fliegenden Gebeten im Südostwinde flatterten.

Wir setzten unsern Abstieg fort, und als ich bald danach den

Kopf umwandte, um zu sehen, was die Soldaten anfingen, waren sie

verschwunden.

Eine kleine, kaum 15 Zentimeter breite Wasserader rann zwischen Steinen

in der Mitte des Tales hinab und wurde bald durch andere Rinnsale

vergrößert, die sich auf den Bergen zu beiden Seiten aus schmelzendem

Schnee bildeten. Es war eine Quelle des großen Brahmaputra, eines der

größten Flüsse der Welt. Die andere Quelle besuchte ich auf meiner

Rückreise.

Ich muß gestehen, daß ich stolz war, der erste Europäer zu sein, der

diese Quelle erreicht hatte, und ich empfand ein kindliches Vergnügen,

mich über diesen heiligen Strom zu stellen, der, weiter unten von

so ungeheuerer Breite, hier von einem Manne mit den Beinen bequem

überspannt werden konnte. An der Ursprungsstelle tranken wir von seinem

Wasser, dann setzten wir, einem Fußpfade folgend, unsern Abstieg auf

einer sanften Abdachung durch ein grasiges Tal fort.

Der Unterschied zwischen dem Klima auf der westlichen und dem auf

der südöstlichen Seite des Maiumpasses ist sehr bedeutend. Auf der

westlichen Seite hatten wir nichts als heftige Hagel-, Regen- und

Schneestürme, und die Feuchtigkeit in der Luft machte es selbst

während des Tages recht kalt. Der Boden war ungewöhnlich sumpfig, und

es war nur sehr wenig Brennmaterial und Gras zu finden. Sowie der Paß

überschritten war, befanden wir uns in einem milden, angenehmen Klima

mit einem lieblichen dunkelblauen Himmel über uns und einer Menge von

Gras für die Jake, wie auch niedrigen Büschen für unser Feuer, so daß

wir nach allen unsern Leiden und Entbehrungen fühlten, daß wir in der

Tat den »Boden Gottes« betreten hatten. Trotzdem ich erwartete, daß

uns früher oder später großes Ungemach treffen werde, bedauerte ich

durchaus nicht, daß ich den Befehlen der Soldaten nicht gehorcht hatte

und in das verbotene Gebiet eingedrungen war.

Der Brahmaputra nahm drei kleine schneegespeiste Nebenflüsse auf,

die reißend schnell von den steilen Bergen zu unsern beiden Seiten

herabkamen. Wo der Hauptstrom sich scharf nach Südsüdost wandte, kam

noch ein vierter bedeutender Nebenfluß, der sehr große Wassermassen

führte, aus nordnordöstlicher Richtung durch eine Schlucht zu ihm herab.

Nahe dem Vereinigungspunkte dieser Flüsse schlugen wir auf dem rechten

Ufer des Hauptstromes in einer Höhe von 5070 Meter das Lager auf. Von

dem Maiumpasse aus läuft eine Fortsetzung des Gangrigebirges zuerst

in südöstlicher, dann in genau östlicher Richtung fast parallel mit

der höhern südlichen Kette des Himalaja und bildet eine weite, vom

Brahmaputra durchschnittene Ebene. Auf der südlichen Seite des Flusses

sieht man kleinere Hügelzüge zwischen dem Flußlaufe und dem großen

Gebirgszuge mit seinen majestätischen, schneebedeckten Gipfeln und

den prächtigen Gletschern. Die nördliche Kette läuft in einer fast

parallelen Linie mit der größern südlichen Kette, und wenn auf ihr auch

keine Berge von sehr beträchtlicher Höhe zu finden sind, so ist sie

dennoch von geographischer Bedeutung, da ihr Kamm bis nach Lhasa hin

die Wasserscheide des heiligen Brahmaputra bildet.

Das zwischen den beiden parallelen Ketten eingeschlossene Tal ist

das am dichtesten bevölkerte Tal in Tibet. Gras und Brennholz sind

im Überfluß vorhanden; deshalb sieht man auch in der Nähe der vielen

tibetischen Lager längs des Brahmaputra und seiner hauptsächlichen

Nebenflüsse Tausende von Schafen und Ziegen weiden.

Die Handelsstraße, auf der die Karawanen von Ladak nach Lhasa ziehen,

läuft in diesem Tal entlang, und da ich nach Tibet gekommen war, um die

Tibeter zu studieren, schlug auch ich diese Straße ein, die noch nie

von einem Europäer betreten worden war. Meine Leute und ich waren uns

der Gefahr, die wir liefen, wohl bewußt, aber dies machte uns die Reise

nur um so interessanter.

Dreißigstes Kapitel.

Ein gefährlicher Flußübergang.

Wir schliefen sehr wenig, da wir erwarteten, daß die Soldaten uns

während der Nacht angreifen und versuchen würden, unsern Weitermarsch

zu hindern; aber alles blieb ruhig und nichts geschah. Unsere Jake

jedoch brachten es fertig, sich loszumachen, und wir hatten morgens

einige Mühe sie wiederzubekommen, denn sie waren über den Strom

geschwommen und auf der andern Seite etwa zwei Kilometer weit gelaufen.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 19 / 28 段