Die Nacht kam heran, und ich hielt es nicht für sicher, das Lager in

der Nähe der Tibeter aufzuschlagen. Unsere Jake vor uns hertreibend

und die neulich gekauften Schafe fortziehend, begaben wir uns weiter.

Vier Kilometer marschierten wir, dann machten wir halt in einer

Bodensenkung, wo wir gegen den sehr stark wehenden Wind geschützt

waren. Zu unserer Rechten hatten wir eine kurze Kette von ziemlich

hohen Bergen, die sich von Norden nach Süden hinzog und von einer

tiefen Schlucht durchschnitten war, aus der ein breiter Strom floß.

Diesen in der späten Abendstunde zu überschreiten konnten wir nicht

hoffen, aber am Morgen, wenn die Kälte der Nacht das Schmelzen der

Schneemassen unterbrochen haben würde, konnte wohl ein Versuch

gemacht werden. Während des Tages waren häufig schwere Regenschauer

niedergegangen, und in dem Augenblick, als die Sonne unterging, hatten

wir einen richtigen Platzregen. Unser kleines Zelt war aufgeschlagen,

aber wir mußten es nach ein paar Stunden räumen, da das Becken, in dem

wir es aufgestellt, sich in einen Teich verwandelt hatte und das Wasser

mit jedem Augenblick höher stieg. Es gab keine Wahl; wir mußten ins

Freie hinaus; denn wo das Wasser uns nicht überschwemmte, war der Wind

so heftig und der Boden so feucht, daß es nicht möglich war, das Zelt

aufrecht zu erhalten, da die Pflöcke nicht halten wollten. Die Stunden

der Nacht schienen sehr lang, als wir, fest in unsere Wettermäntel

gehüllt, mit erfrorenen Füßen, Händen und Ohren dasaßen, während das

Wasser am Halse hinunterlief. Als endlich die Dunkelheit der Dämmerung

wich, war von einem Nachlassen des Windes noch nichts zu bemerken.

Wir waren am Abend nicht imstande gewesen, ein Feuer anzuzünden, und

auch jetzt konnten wir es nicht tun; so waren wir durchfroren, hungrig

und elend. Das Thermometer war auf ein Grad Kälte heruntergegangen.

Ich hatte ein eigentümliches Gefühl, als ob irgendein anderes Unglück

schnell herannahe, und trotzdem ich mich ernstlich bemühte, diese

Vorstellung aus meinen Gedanken zu verbannen, erhielt sie sich doch.

Gegen Mittag beluden wir, während der Regen noch in Strömen niedergoß,

unsere Jake und gingen in die Schlucht zwischen den schneebedeckten

Bergen hinein. Mit Mühe überschritten wir den Nebenfluß, dem wir so

weit gefolgt waren, und dann zogen wir am rechten Ufer des Hauptstromes

in nordöstlicher Richtung entlang.

Wir waren so erschöpft und naß, daß wir haltmachten, als wir an

eine riesige Felswand kamen, auf deren Stirnseite ein geduldiger

Lamabildhauer in gigantischen Buchstaben die Zeichen »~Om mani padme

hum~« eingegraben hatte. Die Schlucht war hier sehr eng. Wir machten

es möglich, eine trockene Stelle unter einem großen Felsblock zu

finden, und da hier für alle fünf nicht Platz genug war, suchten die

beiden Schokas Schutz unter einem andern, etwas weiter abgelegenen

Felsen. Dies war natürlich genug, und ebenso konnte es nicht unklug

erscheinen, daß ich die Waffen und die wissenschaftlichen Instrumente

unter meiner Obhut behielt, während sie die Säcke, die fast allen

unsern Proviant mit Ausnahme des konservierten Fleisches enthielten,

unter ihren schützenden Felsblock trugen. Der Regen prasselte während

der ganzen Nacht herunter, der Wind heulte, und wieder konnten wir kein

Feuer anzünden. Das Thermometer fiel nicht unter 3½ Grad, aber infolge

unseres durchnäßten Zustandes schien die Kälte sehr stark. Wirklich

waren wir so durchfroren, daß wir nicht zu essen wagten; wir kauerten

uns auf dem kleinen trockenen Raume, der uns zur Verfügung stand,

zusammen und schliefen zuletzt fest ein. Zum erstenmal, seitdem ich in

Tibet war, schlief ich wirklich gut, und es war heller Tag, als ich

erwachte. Aber ach! Eine neue Überraschung erwartete uns.

Nattu, der Mann aus Kuti, und Bijesing, der Johari, waren nicht mehr

unter ihrem schützenden Felsen, ebensowenig die Lasten, die ich ihnen

anvertraut hatte. Weder Menschen noch Lasten waren irgendwo zu finden.

Ich entdeckte ihre halbverwaschenen Fußspuren, die nach der Richtung

gingen, aus der wir am Abend vorher gekommen waren. Die Schurken waren

ausgerissen. Es wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht den

ganzen Vorrat an Proviant für meine beiden Hindudiener mitgenommen

hätten, gar nicht zu gedenken einer Menge guter Stricke, Riemen und

anderer Dinge, die alle von großem Nutzen für uns waren.

Ich konnte nicht umhin, über mein Geschick zu lächeln. Von dreißig

auserlesenen Dienern, die mit mir ausgezogen waren, hatten schon

achtundzwanzig mich verlassen. Nur zwei waren noch übrig: der treue

Tschanden Sing und der arme Man Sing, der Aussätzige!

Das Wetter blieb schrecklich, dazu nichts mehr für meine Leute zu essen

und keine Feuerung! Übermäßig glänzend waren unsere Aussichten nicht.

Ich schlug den beiden übriggebliebenen Burschen vor, sie sollten auch

zurückkehren; ich wollte allein weitergehen. Wieder stellte ich ihnen

die Gefahren, mir weiter zu folgen, ausführlich vor, aber sie weigerten

sich entschieden, mich zu verlassen.

»Sahib, wir sind keine Schokas,« sagten sie, »wenn du stirbst, wollen

wir mit dir und für dich sterben. Wir fürchten den Tod nicht. Uns tut

es leid, dich leiden zu sehen, Sahib; aber kümmere dich nicht um uns.

Wir sind nur arme Leute, darum hat es nichts zu bedeuten.«

[Illustration: Jak mit Instrumentenkisten.]

Wären wir klug gewesen, so würden wir, glaube ich, jetzt umgekehrt

sein, da wir gegen das Schicksal nicht ankämpfen konnten; aber dieser

Gedanke kam mir nicht ein einziges Mal in den Kopf. Ich hatte mir von

allem Anfang an vorgenommen, daß ich um jeden Preis vordringen wollte,

und deshalb maß ich dem letzten schweren Schlage, der uns durch das

Entlaufen der beiden Träger getroffen hatte, nur wenig Wichtigkeit

bei. Wir brachen das Lager ab, was unter den neuen Umständen eine in

der Tat schwierige Aufgabe war. Erschöpft und entmutigt mußten wir

weit hinauslaufen, um unsere widerspenstigen Jake einzufangen, die

auf der Suche nach Gras weitergelaufen waren. Als wir sie gefunden

und nach dem Lager zurückgetrieben hatten, kam die mühevolle Arbeit,

ihnen die Packsättel auf den Rücken zu binden und die schweren, mit

Zink ausgeschlagenen Kisten mit den wissenschaftlichen Instrumenten

und photographischen Platten an den Sätteln zu befestigen. Dies

Geschäft war nur ein Teil der täglichen Arbeit. Das Ausarbeiten

meines Tagebuchs, das Eintragen meiner Beobachtungen, das Zeichnen und

Aufnehmen von Photographien, das Einlegen der Platten in die Kamera,

gelegentlich auch das Entwickeln derselben, dann Vermessungsarbeiten,

Reinigen von Flinten usw. kam hinzu; danach wird man begreifen, daß

ich alle Hände voll zu tun hatte. Die Anstrengung, die schweren Kisten

auf die Packsättel hinaufzubringen, ging wegen unseres erschöpften

Zustandes und der unsere Geduld auf die Folter spannenden Unruhe der

Jake beinahe über unsere Kräfte, so daß wir mehrmals Versuche machen

mußten, ehe es uns wirklich gelang, die Lasten festzubinden. Da

unsere beiden Träger mit allen unsern besten Stricken und Lederriemen

durchgegangen waren, hatten wir sehr große Mühe, das Gepäck an den

Sätteln zu befestigen. Unser einziges noch übriges Stück Tau war nicht

lang genug, um damit den Schlußknoten an dem Sattelgurt unter dem

Bauche des Jaks zu machen, und weder mein Träger noch Man Sing hatten

hinreichende Kraft, ihn anzuziehen und zusammenzubringen. So ließ ich

sie den Jak bei den Hörnern fassen, um ihn ruhig zu halten, während

ich, so stark ich konnte, anzog. Dieses Kraftstück gelang mir, und ich

war eben im Begriff aufzustehen, als ein furchtbarer Stoß von dem Horne

des Jaks mich auf den Kopf einen Zoll hinter dem rechten Ohre traf und

mich Hals über Kopf ins Rollen brachte. Ich war einige Augenblicke

betäubt und trage die Spur davon bis zum heutigen Tage. Aber obgleich

der Hinterkopf noch viele Tage geschwollen blieb und schmerzte, fühlte

ich keine ernstlichen Folgen.

Wir gingen am rechten Ufer des Flusses in östlicher Richtung vorwärts,

zwischen rötlichen Hügeln und entfernten, hohen, schneebedeckten

Bergen, die wir von Zeit zu Zeit, wenn der Regen aufhörte und der

Himmel klar wurde, erblickten. Auf das momentane Hochgehen der Wolken

folgte immer ein neuer Platzregen, der das Marschieren sehr unangenehm

und beschwerlich machte, da wir in den Schlamm einsanken.

Gegen Abend entdeckten wir plötzlich ungefähr hundertfünfzig Soldaten,

die uns in vollem Galopp das Flußtal entlang nachsetzten. Wir gingen

eilig weiter, und als wir ihnen hinter einem Hügel aus den Augen

gekommen waren, wichen wir von unserer Richtung ab und stiegen schnell

zur Höhe des Hügelzuges empor und auf der andern Seite hinab, wo

meine beiden Leute mit den Jaken sich versteckt hielten. Platt auf

dem Bauche liegend, blieb ich mit meinem Fernglase auf dem Gipfel des

Hügels und beobachtete die Bewegungen unserer Verfolger. Sie ritten

munter drauflos, und als sie näherkamen, schallte das Geklingel ihrer

Pferdeglocken in dieser öden, traurigen Umgebung ganz fröhlich an

mein Ohr. Sie schienen ihre Aufgabe sehr leichtfertig und bequem

auszuführen, denn da sie wahrscheinlich dachten, daß wir unsern Weg am

Flusse entlang fortgesetzt hätten, ritten sie an der Stelle vorbei,

wo wir den Pfad verlassen hatten, und bemerkten wohl infolge der

Dunkelheit unsere den Abhang des Hügels hinaufführenden Fußspuren nicht.

Es begann wieder heftig zu regnen. Wir lagerten uns in 5200 Meter Höhe,

in voller Bereitschaft, jeden Augenblick fliehen zu können; die Nacht

wurde infolgedessen nicht allzu behaglich verbracht. Für den Fall,

daß sie einen Überfall versuchen sollten, hielt ich die ganze Nacht

hindurch, die Büchse in der Hand, Wache und war froh, als der Tag

dämmerte. Der Regen hörte auf, aber nun waren wir in einen weißen Nebel

eingehüllt, der uns frieren machte. Ich bat Tschanden Sing, aufmerksam

auszuschauen, und versuchte eine Weile zu schlafen.

»~Hazur, hazur! jaldi apka banduk!~ Herr, Herr, schnell, deine Büchse!«

flüsterte mein Träger, indem er mich aufrüttelte. »Hörst du den Ton von

Glocken?«

Das zuerst unbestimmte Geklingel war jetzt ganz deutlich hörbar. Unsere

Verfolger kamen näher, augenscheinlich in einem großen Trupp. Es war

keine Zeit zu verlieren.

Tschanden Sing und ich traten mit unsern Büchsen, Man Sing mit seinem

Gurkha-Kukri auf den Gipfel des Hügels vor, um unsere Besucher zu

empfangen. Ein langer Zug von grauen, gespenstischen Gestalten, die

ihre Pferde führten, tauchte aus dem Nebel auf. Die Vorhut hielt von

Zeit zu Zeit an, um den Boden zu untersuchen; sie hatten offenbar

unsere vom Regen teilweise verwaschenen Fußstapfen entdeckt und

verfolgten sie. Endlich erspähten sie uns auf der Spitze des Hügels,

und nun hielten sie an. Es entstand eine Bewegung unter ihnen, und

sie hielten eine erregte Beratung; einige von ihnen nahmen die

Luntenflinten von der Schulter, andere zogen ihre Schwerter. Wir saßen

auf unserm Horst und beobachteten sie mit großem Interesse.

Nach einigem Zögern deuteten vier Offiziere uns durch Zeichen an, daß

sie näherzukommen wünschten.

»Du bist ein großer König!« schrie einer, so laut er konnte, »und wir

wollen dir diese Geschenke zu Füßen legen«, dabei wies er auf einige

kleine Säcke, die die andern trugen. »~Gelbo! Tschakzal! Tschakzal!~

Wir grüßen dich, König!«

Mir war nach der elenden Nacht, die wir verbracht hatten, durchaus

nicht königlich zumute, aber ich wollte, wenn es irgend möglich war,

die Eingeborenen mit gebührender Achtung und Höflichkeit behandeln.

So sagte ich, daß die vier Mann näherkommen dürften, daß aber der

Hauptteil der Gesellschaft sich nach einer etwa 200 Meter entfernten

Stelle zurückziehen solle. Dies taten sie unverzüglich, was mich nach

der kriegerischen Haltung, die sie zuerst eingenommen, einigermaßen

überraschte. In der demütigsten Weise legten sie ihre Luntenflinten

nieder und steckten die Schwerter, wie sich’s gebührte, in die

Scheiden. Die vier Offiziere kamen eilig näher und warfen, als sie

dicht vor uns waren, ihre Säcke auf die Erde, die sie öffneten, um

uns den Inhalt zu zeigen. Da war Tsamba, Mehl, Tschura, eine Art Käse,

Gurani, süßer Teig, Butter und getrocknete Früchte.

Die Offiziere waren mit ihren demütigen Begrüßungen äußerst freigebig.

Ihre Mützen hatten sie abgenommen und auf den Boden geworfen und

die Zungen hielten sie weit aus dem Munde gestreckt, bis ich ihnen

Erlaubnis gab, sie hineinzuziehen. Sie gaben vor, Untergebene des

Tarjum von Toktschim zu sein, der sie abgesandt habe, sich nach meiner

Gesundheit zu erkundigen, und der wünsche, daß ich ihn als meinen

besten Freund betrachten solle. Der Tarjum, sagten sie, der die

Beschwerden wohl kenne, die wir bei der Reise durch ein so unwirtliches

Land zu bestehen haben würden, wünsche, daß ich die Gaben annehmen

möchte, die sie jetzt vor mir niederlegten. Damit überreichten sie mir

eine Kata, die »Schärpe der Liebe und Freundschaft«, ein langes Stück

dünner seidenartiger Gaze, dessen Enden zu einer Franse geschnitten

waren.

Diese Katas begleiten in Tibet jedes Geschenk, und kein Besucher würde

je ohne eine solche ausgehen, die er seinem Wirte sofort als Geschenk

anbietet. Die hohen Lamas verkaufen sie an die Frommen; und denjenigen,

die beim Besuche eines Lamaklosters und -tempels eine befriedigende

Opfergabe zurücklassen, werden eine oder mehrere dieser Schärpen zum

Geschenke gegeben. Wenn man einem Freunde eine mündliche Botschaft

schickt, wird eine Kata mitgesandt, und unter Beamten und Lamas werden

sogar kleine Stücke dieser Seidengaze in Briefe eingeschlossen. Als

eine Verletzung der guten Sitte und einer Beleidigung gleichkommend

wird es angesehen, wenn man einem Besucher keine Kata gibt oder

übersendet.

Ich beeilte mich, meinen Dank für des Tarjums Freundlichkeit

auszusprechen, und überreichte den Abgesandten eine Summe in

Silbermünzen, die das Dreifache des Wertes der geschenkten Gegenstände

betrug. Die Männer schienen sehr munter und freundlich; wir plauderten

eine ganze Weile. Zu meinem großen Ärger konnte aber der arme Man

Sing, den der Anblick von so viel Eßware verwirrt machte, den Qualen

des Hungers nicht länger widerstehen und begann, ohne sich viel um die

Verletzung der Etikette und die möglichen Folgen zu kümmern, sich den

Mund mit Händen voll Mehl, Käse und Butter vollzustopfen. Das brachte

die Tibeter auf den Verdacht, daß wir Hunger litten, und mit ihrer

gewöhnlichen Schlauheit beschlossen sie, daraus Vorteil zu ziehen.

»Der Tarjum«, sagte der Älteste der Abgesandten, »wünscht, daß du

zurückkommen und sein Gast sein mögest; er wird dich und deine Leute

speisen, und dann werdet ihr wieder in euer Land zurückgehen.«

»Danke,« erwiderte ich, »wir brauchen des Tarjums Speisen nicht und

wünschen auch gar nicht zurückzugehen. Ich bin ihm für seine Güte sehr

verbunden, aber wir wollen unsere Reise fortsetzen.«

»Dann,« sagte ein junger, kräftig gebauter Tibeter ärgerlich, »wenn du

deine Reise fortsetzest, werden wir unsere Geschenke zurücknehmen.«

»Und eure Kata dazu«, fuhr ich fort, indem ich ihm zuerst den großen

Butterballen gegen die Brust fliegen ließ und dann die kleinen

Säcke mit Mehl, Tsamba, Käse, Früchten usw. nachsandte, die einige

Augenblicke vorher so zierlich hingelegt worden waren.

Dieses unerwartete Bombardement brachte die Tibeter ganz außer

Fassung. Mit bestäubten Rücken, Haaren und Gesichtern bemühten sie

sich, davonzulaufen, so gut sie konnten, während Tschanden Sing, der,

wenn es sich ums Schlagen handelte, immer schnell wie der Blitz war,

mit dem dicken Ende seiner Büchse auf den rundesten Körperteil eines

der Abgesandten losprügelte, als dieser in seinen unbequemen Kleidern

aufzustehen und fortzurennen versuchte.

Man Sing, der Philosoph unserer Gesellschaft, der in seiner Fütterung

unterbrochen, aber weder aus dem Konzept gebracht noch um das was

vorging bekümmert war, sammelte die über den ganzen Platz verstreuten

Früchte, den Käse und die Butterstücke auf, während er dabei brummte,

es sei eine Schande, gutes Essen in so achtloser Weise fortzuwerfen.

Die große Schar Soldaten, die aus der Entfernung aufmerksam die

verschiedenen Phasen der »freundschaftlichen« Zusammenkunft beobachtet

hatten, hielten es für klug, einen hastigen Rückzug anzutreten, und

galoppierten, nachdem sie mit unverkennbarer Hast ihre Streitrosse

bestiegen hatten, bunt durcheinander den Hügel hinab und dann das Tal

des Flusses entlang, bis sie im Nebel den Blicken entschwanden. Die

armen Gesandten, die nicht mehr imstande gewesen waren, ihre Pferde

zu erreichen, folgten so schnell, als es unter den Umständen und in

Anbetracht der dünnen Luft und des unebenen Bodens möglich war.

Ihr durchdringendes Hilferufen, das allein durch die Furcht veranlaßt

wurde, da wir ihnen keinen wirklichen Schaden getan hatten, diente nur

dazu, die Verachtung zu verstärken, die wir gleich von Anfang an gegen

die tibetischen Soldaten und Offiziere gehegt hatten.

[Illustration: Tibetische Weiber und Kinder.]

Als die Tibeter außer Sicht waren, ließen Tschanden Sing und ich

für einen Augenblick unsern Stolz fallen und halfen Man Sing die

getrockneten Datteln und Aprikosen und die Stücke Tschura, Butter und

Gurani sammeln.

Dann beluden wir unsere Jake und zogen weiter, als ob nichts

vorgefallen wäre.

[Illustration: Frau aus Lhasa.]

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Ungebetene Gäste.

Wir hatten nicht viel Glück. Das Wetter blieb am Vormittag

stürmisch, und am Nachmittag hatten wir wieder strömenden Regen.

Über uninteressantes, einförmiges graues Land mit einer Kette von

schneebedeckten Gipfeln, die sich von Südwest nach Nordost zog, gingen

wir nach Ostnordost vorwärts. Wir durchwateten einen ziemlich tiefen

und sehr kalten Fluß und stiegen dann zu einem Paß von 5320 Meter auf.

Eine Anzahl Hunyas mit Herden von mehreren tausend Schafen kam uns zu

Gesicht, aber wir wichen ihnen aus. Sie sahen uns nicht.

An dem Punkte, wo wir ihn überschritten, wendet sich der Hauptstrom

in einem anmutigen Bogen nach Südosten. Über hügeliges, unfruchtbares

Terrain stiegen wir zu einer Höhe von 5350 Meter auf, wo sich mehrere

kleine Seen vorfanden. Nachdem wir 25 Kilometer in einem alles

durchweichenden Regen marschiert waren, stiegen wir in ein weites Tal

hinab. Hier hatten wir große Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden,

wo wir die Nacht über ruhen könnten. Die Ebene war geradezu ein Sumpf

mit mehreren Seen und Teichen, und überall versanken wir in Schlamm und

Wasser. All unser Bettzeug und die Kleider waren so durchweicht, daß es

gleichgültig war, wo wir rasteten. So schlugen wir unser kleines Zelt

an dem Ufer eines Flusses auf, der aus einem Tale im Norden kam, von

dem eine Reihe pyramidenförmiger, mit Schnee bedeckter Berge, alle von

fast gleicher Höhe und Basis, sich in östlicher Richtung hinzog. Nach

Süden zu standen hohe, mit großen Schneemassen bedeckte Berge.

Abends goß der Regen wie mit Eimern herunter, und unser Zelt gewährte

uns nur wenig Schutz. Wir lagen mitten im Wasser, und alle Gräben

der Welt hätten es nicht am Hereinströmen verhindern können. Es ist

in der Tat keine Übertreibung, wenn ich sage, daß das ganze Tal eine

Wasserfläche von 5 bis 8 Zentimeter Tiefe war. Natürlich litten wir

schwer unter der Kälte, da das Thermometer um 8 Uhr morgens, als

ein rasender Südostwind wehte und der Regen eine Zeitlang mit Hagel

untermischt fiel, um dann einem schweren Schneesturm Platz zu machen,

bis 3 Grad unter Null herunterging. Wir hatten uns auf unserm Gepäck

zusammengekauert, um nicht in dem eiskalten Wasser zu schlafen, und als

wir am Morgen aufwachten, war unser Zelt durch die Last des auf ihm

liegenden Schnees halb zusammengefallen. Während des Tages stieg die

Temperatur, und der Regen fiel von neuem, so daß wir, als wir unsere

Wanderung wieder begannen, mehrere Zentimeter tief in eine Mischung

von Schlamm, Schnee und Wasser einsanken. Einen fast östlichen Kurs

verfolgend, mußten wir drei Flüsse überschreiten und zogen an fünf Seen

von verschiedener Größe vorbei.

Nach 12 Kilometer dieses trostlosen Marschierens hatten wir uns am Fuße

eines kegelförmigen Hügels gelagert, wo die Wiederholung der Prüfungen

der vergangenen Nacht stattfand. Das Thermometer war auf den Nullpunkt

gefallen, aber zum Glück ließ der Wind um 8 Uhr abends nach. Das Glück

wollte es, daß am nächsten Tage die Sonne herauskam und wir somit

imstande waren, unsere Sachen zum Trocknen auszubreiten. Während dieses

Prozesses mußten wir eine neue Erfahrung machen.

Unsere beiden Jake waren verschwunden. Ich kletterte zu dem Gipfel des

Hügels über unserm Lager hinauf und durchforschte die Ebene mit dem

Fernglas. Die beiden Tiere waren etwa 3 Kilometer weit fort und wurden

von ungefähr zwölf berittenen Männern weggeführt, die eine Herde von

fünfhundert Schafen vor sich her trieben. An ihren Kleidern erkannte

ich, daß es Räuber waren. Natürlich machte ich mich eiligst auf, mein

Eigentum wiederzuerlangen, und überließ Tschanden Sing und Man Sing

die Aufsicht über das Lager. Ich erreichte die Räuber, da sie langsam

gingen; als sie mich erblickten, eilten sie vorwärts und versuchten,

davonzukommen. Dreimal rief ich ihnen zu, stillzustehen, aber sie

kümmerten sich nicht um meine Worte, so daß ich meine Flinte abnahm und

auf sie geschossen haben würde, wenn nicht die Drohung allein genügt

hätte, sie zum Nachdenken zu bringen. Sie hielten an, und als ich nahe

genug war, forderte ich meine beiden Jake zurück. Sie weigerten sich,

sie zurückzugeben, und sagten, sie seien zwölf Mann und sie fürchteten

sich nicht vor einem einzelnen. Dann stiegen sie von ihren Pferden und

schienen bereit, zu kämpfen.

Als ich sie Feuerstein und Stahl herausnehmen sah, um den Zunder ihrer

Luntenflinten in Brand zu setzen, dachte ich, daß ich zuerst dran wäre;

ehe sie meine Absicht erraten konnten, führte ich mit dem Laufe meiner

Büchse einen heftigen Schlag gegen den Bauch des mir zunächststehenden

Mannes. Er sank zusammen, während ich einen neuen schallenden Schlag

auf die rechte Schläfe eines andern Mannes fallen ließ, der seine

Luntenflinte zwischen den Beinen hielt und im Begriff war, mit dem

Stahl gegen den Stein zu schlagen, um den Zunder zum Glimmen zu

bringen. Auch er wankte und fiel schwerfällig hin.

»~Tschakzal, tschakzal! Tschakzal wortzie!~ Wir grüßen dich, wir grüßen

dich! Bitte höre!« rief mit dem Ausdruck des Schreckens ein dritter

Räuber und hielt die Daumen mit geschlossener Faust in die Höhe.

»~Tschakzal!~«, erwiderte ich, indem ich eine Patrone in den Mannlicher

schob.

»~Middu, middu.~ Nein, nein«, baten sie und legten schnell ihre Waffen

nieder.

Von diesen Leuten kaufte ich ungefähr dreißig Pfund Tsamba und acht

Pfund Butter und veranlaßte auch einen von ihnen, mir die Sachen nach

meinem Lager zu tragen. Meine Jake bekam ich ohne weitere Mühe wieder

und trieb sie nach der Stelle zurück, wo Tschanden Sing und Man Sing

beschäftigt waren, ein Feuer anzuzünden, um Tee zu machen.

Gegen Mittag, als unsere Sachen in der warmen Sonne fast trocken

geworden waren, bewölkte sich der Himmel, und es fing wieder heftig zu

regnen an. Ich wußte nicht recht, ob ich einen Paß, der im Osten einige

Kilometer entfernt war, überschreiten oder dem Laufe des Flusses folgen

und um den Fuß der Berge herumgehen sollte.

Wir sahen eine große Anzahl Tibeter, die in einer der unsern

entgegengesetzten Richtung wanderten. Als wir uns ihnen näherten, um

mit ihnen zu sprechen, schienen sie alle sehr erschreckt. Von ihnen

erhielten wir noch einige Pfund Lebensmittel, doch weigerten sie sich,

uns einige Schafe, von denen sie Tausende mit sich hatten, zu verkaufen.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 18 / 28 段