und so wurde Butter gebracht. Er rieb ein bißchen davon auf jeden
Brandfleck. Dann wurde auf jeden derselben ein Kegel gesetzt und so
lange gedrückt, bis er mit der Spitze nach oben festsaß. Indem der
Medizinmann zuerst die Kugeln eines Rosenkranzes schob, dann die
Gebetmaschine drehte und Gebete murmelte, arbeitete er sich in einen
Zustand vollkommener Raserei hinein. Er starrte die Sonne am Himmel
an, erhob seine Stimme von schwachem Geflüster zu einem donnernden
Bariton, und seine ganze Zuhörerschaft schien von dieser Vorstellung
so ergriffen, daß sie alle bebten und zitterten und in ihrem Schrecken
beteten. Jetzt faßte er das brennende Holz wieder nervös mit einer Hand
und brachte, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lungen darauf blies,
eine Flamme hervor. Die Aufregung der Menge wuchs aufs höchste; den
Kopf zur Erde geneigt, betete jeder inbrünstig. Der Doktor schwenkte
das brennende Holz drei- oder viermal in der Luft und führte die Flamme
dann an die Papierzipfel der Kegel. Allem Anschein nach hatte man zur
Herstellung derselben Salpeter und Schwefel gemischt; sie brannten
schnell und machten dabei ein Geräusch wie eine brennende Zündschnur.
Die Aufregung der Zuschauer war aber in diesem Moment nicht mit
der Aufregung des Patienten zu vergleichen, der die Wirkung dieses
primitiven Heilmittels zu fühlen begann. Das Feuer sprühte ihm auf die
nackte Haut. Das Mittel wirkte! Schaum kam dem unglücklichen Manne
aus dem Munde, seine Augen traten aus ihren Höhlen. Er klagte und
stöhnte jämmerlich und machte verzweifelte Anstrengungen, die Bande
zu lösen, die seine Hände auf dem Rücken festhielten. Zwei kräftige
Männer sprangen vor und hielten ihn, während der Medizinmann und alle
anwesenden Frauen, über die ausgestreckte Gestalt gebeugt, mit aller
Macht auf die Reste der drei rauchenden Kegel bliesen, die sich tiefer
in das Fleisch des unglücklichen Opfers einbrannten.
Der Schmerz, über den der Mann geklagt hatte, schien rund um die Hüften
zu gehen; deshalb begann der sonderbare Arzt, nachdem er die Arme
seines Patienten vom Rücken los- und vorn wieder festgebunden hatte,
seine Messungen von neuem, diesmal vom Rückgrat ausgehend.
»~Tschik, ni, sum!~ Eins, zwei, drei!« rief er aus, während er die
drei Stellen wie vorher bezeichnete, sie mit Butter beschmierte und
die Kegel auf ihnen befestigte. Nun folgte eine Wiederholung der
vorherigen Aufregung, Gebete, Todesqual und Verrenkungen. Aber der
Patient war noch nicht gänzlich geheilt, und folglich wurden trotz
meines Protestierens und Bittens noch weitere Kegel auf seinen beiden
Seiten angezündet. Der arme Bursche hatte jetzt einen Kreis schwerer
Brandwunden rings um den Körper.
Es ist wohl kaum nötig zu sagen, daß, als die Operation nach zwei
Stunden vorüber war, aus dem Kranken ein Sterbender geworden war.
In der Absicht, von diesem hervorragenden Arzte (er stand bei den
Tibetern in großem Ansehen) einige Winke über Heilkunde zu erhalten,
sandte ich ihm ein kleines Geschenk und lud ihn ein, mich zu besuchen.
Er war sehr geschmeichelt und trug kein Verlangen, seine Methode
geheimzuhalten, ja, er forderte mich sogar dringend auf, einige seiner
unvergleichlichen Heilmittel zu versuchen.
Nach seiner Meinung sollte das Feuer die meisten Krankheiten heilen;
was Feuer nicht heilen könne, würde Wasser heilen. Trotzdem hatte
er einige kleine Pakete mit verschieden gefärbten Pulvern, denen er
außerordentliche Kräfte zuschrieb.
»Ich fürchte, dein Patient wird sterben«, bemerkte ich.
»Das mag sein,« war die Antwort, »aber daran wird der Patient schuld
sein, nicht die Kur. Außerdem, was kommt es darauf an, ob man heute
oder morgen stirbt?«
Und mit diesem berufswidrigen Diktum verließ er mich.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Räuber.
Als ich die Gomba verließ, nachdem meine neuen Freunde, die Lamas, ihre
Salaams bis zur Erde gemacht hatten, ging ich in dem Dorfe herum, um
alles zu besichtigen, was dort zu sehen war.
Am Rande des Wassers stand eine Anzahl verfallener, aus Lehm und
Steinen gebauter Tschokden. Sie standen an dem Ostende des Dorfes in
einer Reihe und sollten wie üblich Knochen, Zeug oder Metall und Bücher
oder Teile derselben enthalten, die einst einem großen Manne oder einem
Heiligen gehört haben. Gelegentlich finden sich auch roh gezeichnete
Bilder in ihnen. In seltenen Fällen werden die Aschenüberreste eines
Toten in einer kleinen irdenen Urne gesammelt und in einem der
Tschokden niedergelegt. Die Asche wird gewöhnlich mit Ton zu einer
Paste verarbeitet, auf die, wenn sie als ein Medaillon plattgedrückt
worden ist, ein Bild Buddhas entweder mit einer Form eingepreßt oder
vermittelst eines spitzen Werkzeugs eingraviert wird.
Das Innere der Häuser in Tucker ist noch weniger einnehmend als das
Äußere. Jede Wohnstätte hat einen von Mauern umschlossenen Hof,
und der obere Rand der Mauer wie auch die Kante des flachen Daches
sind mit Massen von Tamarisken belegt, die zur Feuerung dienen. In
dem Hofe werden Schafe und Ziegen während der Nacht eingepfercht;
die menschlichen Wesen, die die Zimmer bewohnen, sind über alle
Beschreibung schmutzig. Sowohl über dem Kloster als auch über jedem
Hause hingen Hunderte von fliegenden Gebeten, und da die Leute oben
auf ihren Dächern standen, uns beobachteten und lustig lachten und
schwatzten, hatte der Ort ein ganz heiteres Aussehen.
Als ich herumspazierte, erschienen ungefähr fünfzig oder sechzig mit
Luntenflinten und Schwertern bewaffnete Männer auf der Bildfläche.
Ich sah sie mit Mißtrauen an; Katschi aber beruhigte mich und sagte,
sie wären keine Soldaten, sondern eine mächtige Räuberbande, die
ungefähr ein Kilometer von hier lagere und zu den Lamas in sehr
freundschaftlicher Beziehung stehe. Zur Vorsicht lud ich meine Büchse,
was vollständig genügte, eine allgemeine Flucht des bewaffneten Haufens
zu veranlassen, dem in panischem Schrecken alle Dorfbewohner folgten,
die sich um uns versammelt hatten. Wie alle Tibeter waren sie, wenn
auch kräftig gebaut, ein elendes Pack und mit einer guten Portion
Prahlerei ausgestattet.
Früh am Morgen hatte ich mich wegen Proviants erkundigt und über
den Ankauf von zwei fetten Schafen und von ungefähr 200 Kilogramm
Lebensmitteln (Mehl, Reis, Zucker, Salz und Butter) unterhandelt;
mehrere Tibeter sagten, sie könnten mich mit jeder beliebigen
Quantität, die ich brauchte, versorgen. Unter anderm war ein Händler
aus Buddhi da, der versprach, mir innerhalb einer Stunde Nahrungsmittel
zu bringen, die für uns zehn Mann 25 Tage lang reichen würden. Als
die Leute fortgingen, bemerkte ich, daß zwei meiner Schokas ihnen
nachliefen und eine aufgeregte Besprechung mit ihnen abhielten. In der
Tat kamen nach ungefähr drei Stunden die Händler zurück und schwuren,
daß in dem Orte absolut keine Lebensmittel zu bekommen seien. Es war
wirklich wunderbar zu beobachten, wie diese Leute lügen konnten. Ich
schöpfte Verdacht und schalt meine Schokas aus, indem ich ihnen eine
ernste Züchtigung androhte, falls sich mein Argwohn als berechtigt
herausstellen sollte.
Teils weil sie sich entdeckt sahen, teils aus Furcht vor den Tibetern
waren die Schokas jetzt wieder ganz unvernünftig und demoralisiert,
so daß ich beschloß, sie zu entlassen. Es hatte keinen Zweck, sie mit
Gewalt zu halten. Von dem Augenblick an, als ich das verbotene Land
betreten, hatte ich mich gezwungen gesehen, mich vor ihnen ebensosehr
wie vor den Tibetern in acht zu nehmen. Als ich mich entschloß, sie
fortgehen zu lassen, dachte ich jedoch nichtsdestoweniger daran,
daß diese Burschen, so feig sie auch waren, schließlich doch um
meinetwillen Ungemach und Entbehrungen ausgestanden hatten, die nur
wenige Menschen ertragen können, und ich zahlte sie daher nicht nur
aus, sondern gab ihnen noch eine gute Belohnung unter der Bedingung,
daß sie es übernähmen, einen Teil meines Gepäcks, der Photographien,
ethnologische Sammlungen usw. enthielt, sicher über die Grenze
zurückzubringen. Mit unendlicher Mühe brachte ich es dahin, Vorräte
anzukaufen, die für vier Mann auf zehn Tage genügen würden.
Die ganze Gesellschaft begleitete mich noch sechs Kilometer weit, wo
wir angesichts der baufälligen Gomba von Pangbu, die zwei Kilometer
westlich von uns lag, haltmachten, um, von den Tibetern ungesehen, die
nötigen Vorbereitungen für unsere Trennung zu treffen.
Als alles fertig war, verließen mich die fünf Schokas, unter ihnen
Katschi und Dola; sie schwuren mir bei der Sonne und allem, was ihnen
am heiligsten war, daß sie mich in keiner Weise den Tibetern verraten
würden, die bis jetzt noch keinen Verdacht hatten, wer ich war.
Bijesing und Nattu willigten ein, mich bis zu dem Maiumpasse zu
begleiten, so daß meine Expedition, mich eingeschlossen, auf nur fünf
Mann reduziert war.
Alles schien zu guten Hoffnungen zu berechtigen, als ich mit meiner
verkleinerten Gesellschaft den Weg nach Nordosten antrat und zuerst
6 Kilometer in nordöstlicher Richtung am See entlang ging, dann
22 Kilometer über die kahlen Hügelketten in östlicher Richtung anstieg.
Der Marsch war ereignislos, und meine vier Leute schienen in der besten
Laune zu sein. Wir stiegen zu einer Ebene hinab, wo Gras und Wasser zu
finden war, und als wir einen Lagerplatz mit einer Schutzmauer gefunden
hatten, wie sie die Tibeter gewöhnlich an ihren Rastplätzen aufführen,
machten wir es uns für die Nacht bequem, trotz des starken Windes und
eines vorübergehenden Hagel- und Regenwetters, das uns bis auf die Haut
durchnäßte. Das Thermometer fiel während der Nacht auf ein Grad über
Null.
[Illustration: Der Gunkyosee.]
Bei Sonnenaufgang war ich auf den Beinen, um womöglich von dem Gipfel
eines hohen Hügels, von dem ich einen großen Teil des umgebenden Landes
überschauen konnte, eine Rekognoszierung vorzunehmen. Es war für mich
von größter Wichtigkeit, zu sehen, welches der bequemste Weg sein
würde, über die verwickelten Hügel- und Bergketten vorzudringen und
zugleich die genaue Richtung eines großen Flusses nördlich von uns
festzustellen, der sich in den Mansarowar ergießt, dessen Name mir aber
niemand sagen konnte. Ich ging allein in nordnordwestlicher Richtung
vorwärts und kam auf den Gipfel eines Berges von 4900 Meter Höhe, wo
ich imstande war, alles, was ich zu wissen wünschte, festzustellen und
zu notieren. Als ich nach dem Lager zurückgekehrt war, gingen wir nach
Ostnordost weiter, einen Paß von 5000 Meter Höhe überschreitend. Vor
uns stand ein hoher Hügel, dessen Spitze einer Festung glich; über ihm
flatterten fliegende Gebete im Winde hin und her. Am Fuße des Hügels
weideten einige zwanzig Pferde.
[Illustration: Im Innern eines tibetischen Zeltes.]
Mit Hilfe meines Fernglases konnte ich mich vergewissern, daß das, was
mir zuerst wie ein Schloß erschienen, nichts als ein Werk der Natur war
und daß dem Anschein nach sich niemand dort verborgen hielt. Indessen
zeigten die Pferde die Nähe von Menschen an, und wir mußten uns
vorsichtig bewegen. In der Tat entdeckten wir, als wir um den nächsten
Hügel bogen, unten in dem grasigen Tale eine Anzahl von schwarzen
Zelten, 200 Jake und etwa 1000 Schafe. Wir hielten uns hinter dem Hügel
gut außer Sicht und stiegen, einen weiten Umweg machend, endlich in ein
ausgedehntes Tal hinab, in welchem der Fluß einen Halbkreis beschrieb
und die südlichen Hügelzüge bespülte, wo sich ein von Südosten
kommender Nebenfluß mit ihm vereinigte. Dieser Nebenfluß erschien mir
zuerst größer als der, den ich nachher für den Hauptstrom erkannte, und
so folgte ich seinem östlichen Laufe auf einer Strecke von 7 Kilometer,
bis ich sah, daß er mich in eine südlichere Richtung führte, als ich
gehen wollte; ich kehrte deshalb an einem ziemlich flachen Plateau
entlang wieder zurück.
Wir begegneten zwei tibetischen Frauen, von denen ich nach endlosen
Unterhandlungen ein fettes Schaf aus einer Herde kaufte, die sie vor
sich her trieben. Diese beiden Weiber trugen Schleudern aus Stricken
in den Händen. Für einige Annas gaben sie ihre Geschicklichkeit zum
besten, und es war wirklich erstaunlich, wie sie sogar auf eine
Entfernung von 30 und 40 Meter in ihrer Herde jedes Schaf, das man
ihnen bezeichnete, trafen. Ich versuchte von diesen gefährlichen
Weibern über das Land einige Auskunft zu erhalten, aber sie gaben vor,
darüber gar nichts zu wissen.
»Wir sind nur Mägde,« sagten sie, »und wir wissen nichts. Wir kennen
jedes Schaf in unserer Herde, das ist alles; aber unser Herr, dessen
Sklaven wir sind, weiß alles. Er weiß, von wo die Flüsse kommen, und
kennt die Wege nach allen Gombas. Er ist ein großer König.«
»Und wo wohnt er?« fragte ich.
»Dort, zwei Meilen von hier, wo jener Rauch zum Himmel steigt.«
Es war eine große Versuchung für mich, diesen »großen König« zu
besuchen, der so viele Dinge wußte, um so mehr, als wir ihn vielleicht
überreden konnten, uns etwas Proviant zu verkaufen, was eine große
Hilfe für uns gewesen wäre, da wir keineswegs zu viel davon hatten.
Wie dem auch sein mochte, würde der Besuch, wenn auch von der Vorsicht
nicht geraten, jedenfalls interessant sein.
Wir steuerten auf die verschiedenen Rauchsäulen zu, die in weiter
Entfernung vor uns emporstiegen, und näherten uns endlich einem
ausgedehnten Lager von schwarzen Zelten. Unser Erscheinen verursachte
große Bewegung, und Männer und Frauen stürzten in Aufregung in ihre
Zelte hinein und wieder heraus.
»~Jogpas, jogpas!~ Räuber, Räuber!« schrie jemand im Lager, und in
einem Augenblick waren ihre Luntenflinten in Bereitschaft gesetzt und
die wenigen Männer, die außerhalb der Zelte geblieben waren, hatten
ihre Schwerter gezogen, die sie unbeholfen in den Händen hielten.
Für Räuber gehalten zu werden, war in der Tat eine neue Erfahrung
für uns, und die kriegerische Ausrüstung stand in seltsamem Kontrast
zu dem erschreckten Ausdruck auf den Gesichtern der Leute vor uns.
Wirklich gingen sie, als Tschanden Sing und ich vortraten und ihnen
Zeichen machten, ihre Schwerter wieder in die Scheide zu stecken und
die Luntenflinten wegzulegen, bereitwilligst auf unsere Aufforderung
ein und brachten schnell Decken heraus, auf die wir uns setzen sollten.
Nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatten, waren sie sehr
bemüht, höflich zu sein.
»~Kiula gunge gozai deva labodu.~ Du hast hübsche Kleider«, begann
ich die Unterhaltung, indem ich es mit Schmeichelei versuchte, um dem
Häuptling die Schüchternheit zu benehmen.
»~Lasso, leh.~ Ja, Herr«, antwortete der Tibeter, augenscheinlich
erstaunt, indem er mit einer Miene komischen Stolzes seinen Anzug
betrachtete.
Die Antwort genügte, mir zu zeigen, daß der Mann mich als einen
Höherstehenden betrachtete; denn im Tibetischen ist die Bejahung einem
Gleichgestellten oder Tieferstehenden gegenüber das bloße Wort ~lasso~,
ohne das Affix ~leh~.
»~Kiula tuku taka zando?~ Wieviel Kinder hast du?« fing ich wieder an.
»~Ni.~ Zwei.«
»~Tschuwen bogpe tsamba tschon wowi?~ Willst du mir Mehl oder Tsamba
verkaufen?«
»~Middu.~ Wir besitzen gar keins«, erwiderte er, indem er mit der nach
oben gekehrten flachen rechten Hand mehrere schnelle halbkreisförmige
Bewegungen machte.
Dies ist bei den Tibetern eine äußerst charakteristische Bewegung, und
sobald sie nein sagen, begleitet diese Bewegung das Wort fast unfehlbar
anstatt der bei uns üblichen Kopfbewegung.
»~Keran ga naddung?~ Wo gehst du hin?« fragte er mich eifrig.
»~Ngarang ne koroun. Lungba quorghen neh jelgun.~ Ich bin ein Pilger.
Ich gehe, heilige Stätten anzusehen.«
»~Gopria zaldo. Tschakzal wortzie. Tsamba middu. Bogpe middu, guram
middu, diemiddu, kassur middu.~ Ich bin sehr arm. Bitte, höre mich. Ich
habe keine Tsamba, kein Mehl, keinen süßen Honig, keinen Reis, keine
getrockneten Früchte.«
Natürlich wußte ich, daß dies erlogen war; ich sagte daher ruhig, ich
würde sitzenbleiben, wo ich sei, bis man mir Nahrungsmittel verkauft
hätte. Indem ich dies sagte, brachte ich eine oder zwei Silbermünzen
zum Vorschein, deren Anblick für den habgierigen Geist der Tibeter
immer das Mittel war, eine geschäftliche Verhandlung zu beschleunigen.
Meine Geduld wurde etwas auf die Probe gestellt, aber ich brachte es
fertig, zwanzig Pfund Nahrungsmittel zu kaufen, immer eine kleine
Handvoll nach der andern, nach deren jeder die Tibeter schwuren, daß
sie nicht das geringste mehr zu verkaufen hätten. In dem Augenblick,
als das Geld übergeben wurde, fingen sie untereinander einen Streit
darüber an, und bei dieser Gelegenheit war es empörend zu sehen, wie
habgierig die Tibeter jeder Klasse sind. Kein Tibeter irgendwelchen
Ranges schämt sich, in der demütigsten Weise um die kleinste
Silbermünze zu betteln, und wenn er etwas verkauft und die Bezahlung
erhält, fleht er immer um eine, wenn auch noch so kleine Münze als
Zugabe. Um dies zu erreichen, wird sogar ein Tibeter von gutem Stande
sich so weit erniedrigen, jede entwürdigende Handlung zu begehen; er
verliert dadurch nicht die Achtung seiner Stammesangehörigen, die
ihrerseits immer bereit sind, dasselbe zu tun.
Die Tibeter, die mich umgaben, waren außerordentlich malerisch mit
ihrem über die Schultern herabhängenden Haar und den langen, mit
Stücken roten Tuches, Elfenbeinringen und Silbermünzen geschmückten
Zöpfen. Fast alle trugen den üblichen Rock mit weiten, ganz über die
Hände hängenden Ärmeln und an der Taille hochgezogen, um den ganzen
Kram von Speiseschalen, Schnupftabaksdose usw. aufzunehmen, den sie
im täglichen Leben brauchen. Die meisten von ihnen waren in Dunkelrot
gekleidet und alle mit juwelenbesetzten Schwertern bewaffnet. Mit
ihren platten, breiten Nasen und den geschlitzten, durchbohrenden
Augen, vortretenden Backenknochen und einer Haut, die reichliche ölige
Absonderungen hatte, standen diese Burschen wieder in respektvoller
Entfernung, unsere Gesichter prüfend und unsere Bewegungen
augenscheinlich mit großer Besorgnis beobachtend. Ich habe kaum jemals
eine größere und einem Europäer fast unbegreiflich scheinende Feigheit
und Furchtsamkeit gesehen als bei diesen kräftigen Burschen. Das bloße
Aufschlagen der Augen genügte, um einen Mann erschreckt fortstürzen zu
machen, und mit Ausnahme des Häuptlings, der Mut heuchelte, obgleich
er vor Furcht zitterte, zeigten sie alle miteinander eine lächerliche
Nervosität, sobald ich mich ihnen näherte, um ihre Kleider oder
die Schmucksachen zu prüfen, die sie um den Hals trugen und unter
denen die Amulettkapseln, die ihnen allen auf der Brust hingen, am
hervorragendsten waren. Die größern dieser Amulette enthielten ein Bild
Buddhas, die andern waren bloße Messing- oder Silberkapseln ohne jeden
Inhalt.
Hier wie auch in andern Lagern fiel mir auf, wie geschickt die
Tibeter in der Bearbeitung des Leders sind, das sie selbst gerben und
zubereiten und dem sie oft eine schöne rote oder grüne Farbe geben.
In der Regel lassen sie ihm jedoch die natürliche Färbung, besonders
wenn es zu Gürteln, Kugel- und Pulvertaschen und zu Feuerstein- und
Gewehrschloßbehältern gebraucht wird. Das Haar der Felle wird durch
Ausreißen und Abschaben entfernt; besondere Vorliebe zeigt man für
die Felle von Jaken, Antilopen und Kiang, aus denen jene Zierstücke
gemacht werden. In der Kunst, die Felle zu behandeln, sind die Tibeter
Meister; die Häute werden stark geschlagen, mit den Füßen getreten
und mit den Händen bearbeitet, um sie weich zu machen. An einigen
dieser Lederarbeiten waren einfache Verzierungen angebracht; in den
meisten Fällen aber waren entweder metallene oder verschiedenfarbige
Lederzieraten auf den Gürteln und Taschen befestigt; mit Silber
eingelegtes Eisen war am meisten zur Verzierung benutzt worden, nach
diesem vorzugsweise Silber.
[Illustration: Junger Tibeter.]
Diese Metalle finden sich im Lande vor, und die Tibeter verstehen
es, das Erz zu schmelzen und zu gießen, wenn sie für diesen Zweck
hinreichendes Brennmaterial erlangen können. Zum Schmelzen der Metalle
werden irdene Tiegel verwendet. Die flüssige Masse wird in Tonformen
gegossen; dann kommen Hammer und Meißel an die Reihe, um die eingelegte
Arbeit herzustellen, in der die Tibeter so Bedeutendes leisten. Auf den
Scheiden der tibetischen Schwerter sieht man häufig eingelegte Arbeit,
in der das Blattmuster und verschiedenartige Schnörkel und geometrische
Figuren die am meisten verwendeten Ornamente sind.
Das Härten der Metalle ist in dem heiligen Lande der Lamas noch in
seiner Kindheit. So sind die Klingen ihrer Schwerter, Messer und Dolche
aus Schmiedeeisen, nicht aus Stahl. Es gelingt ihnen, dieselben zu
einem erstaunlichen Grade von Schärfe zu bringen, aber die Elastizität
unserer Stahlklingen fehlt ihnen natürlich gänzlich. In die Seiten
der Dolche werden gewöhnlich Rinnen eingeschnitten, um in die Wunden
Luft einzulassen und sie dadurch unheilbar zu machen; die Klingen der
gewöhnlichen Schwerter jedoch sind vollständig glatt und haben nur eine
Schneide. Diese Schwerter sind kaum dazu geeignet, den Anforderungen
eines ernsten Kampfes zu genügen, da sie weder ein festes Anfassen
erlauben noch irgendeinen Schutz für die Hand haben. An einigen der
wertvollsten Schwerter sind die Scheiden und Griffe aus massivem Silber
gemacht und mit Türkisen und Korallen eingelegt; andere sind von Silber
mit goldenen Verzierungen. In Lhasa werden auf den besten Dolchen
Verzierungen von Silberfiligran angebracht, eine ähnliche Kunst ist
auch in Schigatse bekannt; sonst aber wird an keinem andern Orte Tibets
diese schöne Metallarbeit geübt.
Aus diesen Bemerkungen darf nicht geschlossen werden, daß es in Tibet
überhaupt keine Stahlschwerter gibt, denn man kann überall im Lande
schöne Klingen aus vorzüglichem Stahl chinesischer Arbeit sehen, die
im Besitze der reichern Beamten sind. Dazu kommen die ungeheuern
zweihändigen Schwerter, wie sie die tibetischen Scharfrichter
gebrauchen, die ebenfalls aus China eingeführt werden; diese sind
zweischneidig.
Die Sättel sind, obgleich sie der Bequemlichkeit ermangeln, dennoch
Kunstwerke. Das Gestell ist aus festem importiertem Holz gemacht und
in geschmiedetes Eisen gefaßt, das wie bei einem mexikanischen Sattel
einen sehr hohen vordern und hintern Teil bildet. Zur Verzierung
gewisser Teile des Sattels wird Eidechsenhaut oder farbiges Leder
verwendet, und ein Sattelkissen bedeckt die Stelle, auf der der Reiter
sitzt. Um die Bequemlichkeit zu erhöhen, wird jedoch immer noch eine
Decke über das Kissen gelegt. Die kurzen eisernen Steigbügel zwingen
den Reiter, mit gekrümmten Beinen zu sitzen, was, wenn man sich daran
gewöhnt hat, eine nicht unbequeme Stellung ist.
Ein ledernes Bruststück, ein Schwanzriemen, Zügel und Gebiß, alles
in derselben Weise wie der Sattel verziert, vervollständigen die
Aufzäumung des tibetischen Pferdes. Hierzu müssen die hinter dem Sattel
befestigten doppelten Säcke, die zur Aufnahme von Tsamba, Butter usw.
dienen, gerechnet werden, ebenso der unvermeidliche Pflock nebst langem
Strick, mit dem jeder tibetische Reiter versehen sein muß, um das Tier
nachts anzubinden.
Die Packsättel für Jake werden nach demselben Prinzip gebaut, sind aber
von viel roherer Konstruktion. Das Gepäck wird mit Hilfe von Stricken
an den beiden obern Stangen befestigt. Um den Sattel auf dem Jak
festzuhalten und Wundscheuern zu vermeiden, legt man dem Tiere, ehe es
gesattelt wird, Kissen und Decken auf den Rücken. Rechnet man hierzu
das langhaarige Fell des Tieres, so wird man begreifen, daß es durch
diese anscheinend grausamen Lasten sehr selten auch nur die kleinste
Verletzung erleidet.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die letzten Getreuen.