Die gänzliche Unwissenheit benutzend, in der sie das Volk mit Erfolg

erhalten, üben die Lamas in großem Umfange geheime Künste aus, durch

welche sie vorgeben, Krankheiten zu heilen, Morde und Diebstähle zu

entdecken, Ströme am Fließen zu verhindern und in einem Augenblick

Stürme zu erregen. Gewisse Beschwörungen vertreiben, wie sie sagen,

die bösen Geister, welche Krankheit verursachen. Es ist nicht

unwahrscheinlich, daß die Lamas in hypnotischen Experimenten bewandert

sind, vermittelst deren sie es fertigbringen, die unter ihrem Einflusse

stehenden Individuen Dinge sehen zu lassen, die in Wirklichkeit

nicht vorhanden sind. Dieser Macht sind die häufigen Berichte über

Erscheinungen Buddhas zuzuschreiben, die gewöhnlich von einzelnen

Individuen gesehen werden, und auch die Visionen von Dämonen, deren

Schilderungen allein schon die einfältigen Leute erschrecken und sie

veranlassen, alle ihre Sparpfennige als Opfergaben für das Kloster

herzugeben.

[Illustration: In strömendem Regen.]

Auch der Mesmerismus oder tierische Magnetismus spielt eine wichtige

Rolle in ihren Zaubertänzen, bei denen sie außerordentliche

Verrenkungen ausführen und seltsame Stellungen annehmen und wobei der

Körper des Tänzers schließlich in einen Zustand der Starrsucht gebracht

wird, in dem er lange Zeit verbleibt.

Die Mönche legen bei ihrem Eintritt in die Lamaserei das Gelübde der

Ehelosigkeit ab; sie halten aber diesen Eid nicht immer.

[Illustration: »Ich bin nur ein Abgesandter.«]

Alle größeren Lamasereien unterhalten einen oder mehrere Lamabildhauer,

die den ganzen Distrikt bereisen und an die unzugänglichsten Stellen

gehen, um in Felsen, Steine oder Hornstücke die ständige Inschrift »~Om

mani padme hum~« einzuschneiden, die man überall im Lande sieht. Nach

vielen Schwierigkeiten gelang es mir, zwei von diesen sehr schweren

Inschriftsteinen ungesehen fortzubringen; sie sind noch in meinem

Besitz.

[Illustration: Zeltaltar.]

Unheimliche und malerische Orte, wie die höchsten Punkte auf

Bergpässen, gigantische Felsblöcke, Felsen in der Nähe von Flußquellen

oder irgendein Platz, wo eine Manimauer existiert, sind die Stellen,

die gewöhnlich von diesen Künstlern gewählt werden, um die magische

Formel einzugraben, die auf die Wiederfleischwerdung des Bekehrers von

Tibet, Avalokiteschwaras, aus einer Lotosblume gedeutet wird.

Auch die berühmten Gebeträder, jene mechanischen Geräte, durch die die

Tibeter vermittelst Wasser-, Wind- und Handkraft zu ihrem Gotte beten,

werden von Lamakünstlern angefertigt.

Die größern durch Wasser getriebenen Gebettrommeln werden neben

oder über einem Strome erbaut, und die gewaltigen Zylinder, auf

denen das ganze tibetische Gebetbuch eingegraben ist, werden durch

fließendes Wasser gedreht. Die durch Windkraft getriebenen sind

den bei den Schokas angewendeten, die ich schon beschrieben habe,

ähnlich, unterscheiden sich aber von diesen darin, daß die Tibeter

oft Gebete auf die Zeugstreifen drucken. Die kleinern, die mit der

Hand gedreht werden, gibt es in zwei verschiedenen Arten; sie sind

entweder aus Silber oder aus Kupfer gemacht. Die für den Gebrauch

im Hause bestimmten sind Zylinder von ungefähr 15 Zentimeter Höhe.

Innerhalb derselben dreht sich auf Zapfen nach dem Prinzip eines

Kreisels die Gebetrolle, die der Gläubige vermittelst eines über die

Maschine hinausragenden Knopfes in Bewegung gesetzt hat. Durch eine

viereckige Öffnung in dem Zylinder kann man die Gebete sich innen

drehen sehen. Bei den in Tibet zum täglichen Gebrauch am meisten

verbreiteten Gebeträdern hat der Zylinder zwei bewegliche Klappen,

zwischen die die Gebetrolle fest hineinpaßt. Eine Handhabe mit einem

Eisenstabe wird durch die Mitte des Zylinders und der Rolle gesteckt

und vermittelst eines Knopfes in ihrer Lage erhalten. Ein Ring, der den

Zylinder umgibt, befestigt sie an eine kurze Kette mit Gewicht; diese

dient dazu, wenn sie durch einen Ruck mit der Hand angezogen wird, eine

drehende Bewegung hervorzubringen, die nach Vorschrift von links nach

rechts gehen muß und für unbestimmte Zeit im Gange gehalten wird, wobei

die Worte »~Om mani padme hum~« oder einfach »~Mani, mani~« wiederholt

werden, bis die Drehung wieder aufhört.

Bei den ältern Rädern waren die Gebete geschrieben und wurden in einem

kleinen, schwarzen Beutel aufbewahrt. An dem Gewichte und der Kette,

die dem Rade die drehende Bewegung geben, sind oft Amulette sowie Ringe

von Malachit, Nephrit, Knochen oder Silber befestigt.

Diese Gebetmaschinen findet man in jeder tibetischen Familie, und fast

jeder Lama besitzt eine. Sie bewahren sie sehr eifersüchtig, und es

ist sehr schwer, solche zu bekommen. Ich war glücklich, während meiner

Reise nicht weniger als zwölf kaufen zu können, von denen zwei sehr alt

waren.

Außer dem Rosenkranz, den die Lamas in derselben Weise wie die

Katholiken beständig gebrauchen, haben sie noch ein messingnes Gerät,

das Gebetzepter (Dordsche oder Wadschra), das sie zwischen den

Handflächen drehen, während sie ihre Gebete sprechen; dieses wird

ausschließlich von Lamas gebraucht und gehört zu ihrer Ausrüstung. Es

ist 6 oder 7 Zentimeter lang und abgerundet, so daß man es leicht in

beiden hohlen Händen halten kann.

Es gibt in Tibet wie in andern buddhistischen Ländern außer den

Lamasereien auch Nonnenklöster. Auch die meist gar nicht anziehenden,

nicht sehr angesehenen Nonnen scheren sich die Köpfe und betreiben

Zauberei. In einigen dieser Nonnenklöster wird strenge Klausur

aufrechterhalten, aber in den meisten von ihnen ist den Lamas freier

Zutritt gestattet, mit dem gewöhnlichen Resultate, daß die Nonnen die

Konkubinen der Lamas werden. Hiervon ganz abgesehen sind die Frauen in

den Klöstern ebenso unmoralisch wie ihre Brüder in den Lamasereien, und

im besten Falle sind auch sie nur ein niedriger Typus der Menschheit.

Den Lamas ist zu gewissen Zeiten des Jahres eine ungewöhnlich große

Freiheit hinsichtlich der Frauen erlaubt.

Die Priester betreiben auch die Kunst, Musikinstrumente und Eßgeräte

aus Menschenknochen zu machen. Der Schädel wird zur Herstellung von

Bechern, Tsambaschalen und einfachen oder Doppeltrommeln verwendet,

und die Schulter-, Ober- und Unterschenkelknochen werden in

Trompeten und Pfeifen verwandelt. Die Lamas sollen, wie man erzählt,

gern Menschenblut genießen, das sie aus Bechern trinken, die aus

Menschenschädeln gemacht sind.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Tibetische Heilkunst.

Die Lamas waren jetzt sehr mitteilsam. Ich ließ mich mit dem bißchen

Hindostanisch, das ich konnte, sowie mit Hilfe der tibetischen Brocken,

die ich aufgelesen hatte, in eine Unterhaltung über Krankheiten und

ihre Heilmittel ein, da ich die Annahme, daß ich ein Doktor sei,

aufrechterhalten mußte und außerdem sicher war, daß die Tibeter über

diesen Gegenstand seltsame Begriffe haben würden. In dieser Annahme

wurde ich nicht getäuscht. Die folgenden Einzelheiten über die

Methoden, welche die Lamas bei der Heilung der im Lande vorkommenden

Krankheiten befolgen, werden von Interesse sein.

Die Lamas erklärten mir, daß alle Krankheiten aus dem Fieber

entständen, und weiter, daß das Fieber selbst nur ein böser Geist sei,

der verschiedene Formen annehme, wenn er in den Körper eindringe und

alle Arten von Beschwerden verursache. Neben dem Fieberdämon aber gebe

es noch andere Dämonen, die so gütig seien, uns Reichtümer und Glück

zu bringen. Wenn jemand nach einer gefährlichen Krankheit eine Höhle,

einen Wasserfall oder eine von einem Flusse durchströmte Schlucht

besuche, wo diese Dämonen sich aufhalten, so könne er einen Rückfall

bekommen und sterben oder er könne augenblicklich geheilt werden und

für immer glücklich leben. Wie man erwarten könne, kehre im letztern

Falle der Empfänger so unschätzbarer Vorzüge gewöhnlich noch einmal

zurück, um den gütigen Geistern, die sein Leben lebenswert gemacht

hätten, einen zweiten Besuch abzustatten; »aber wenn er zum zweiten

Male hingeht, wird er zur Strafe für seine Gier erblinden oder gelähmt

werden«.

»Die bösen Geister«, fuhr ein fetter, alter Lama mit gekrümmten Fingern

fort, die er zusammenkniff und schüttelte, während er sprach, »haben

die Gestalt von menschlichen Wesen oder Ziegen, Hunden, Schafen oder

Pferden, und manchmal nehmen sie die Form von wilden Tieren, wie Bären

und Schneeleoparden, an.«

Ich sagte den Lamas, daß ich viele Fälle von Kropf und auch andere

Abnormitäten bemerkt hätte, wie z. B. Hasenscharten und Finger und

Zehen mit Schwimmhäuten, ebenso das sehr häufige Vorkommen von

überzähligen Fingern und Zehen. Ich fragte sie nach dem Grunde solcher

Fälle; sie schrieben dieselben dem boshaften Wirken von Dämonen vor der

Geburt des Kindes zu; für den Kropf konnten sie jedoch kein Heilmittel

angeben.

Eine besonders unter den ältern Frauen gewöhnliche Krankheit war der

Rheumatismus, an dem sie beträchtlich zu leiden schienen. Die Finger

und Zehen, besonders aber die Handgelenke und Knöchel wurden davon

ergriffen; die Gelenke schwollen so an, daß sie ganz steif wurden, die

Sehnen zogen sich zusammen, schwollen an, wurden hart und traten in den

Handflächen hervor.

Sowohl vor als nach meiner Unterhaltung mit den Lamas hatte ich oft

Gelegenheit, festzustellen, daß der Magen der Tibeter nur selten gut

funktioniert. Aber wie könnte er auch, wenn man die Kannen schmutzigen

Tees bedenkt, die die Tibeter täglich trinken und deren Genuß sie so

lieben. Dieses giftige Gebräu genügt, um die Magensäfte eines Straußes

zu zerstören!

Während der ganzen Zeit, daß ich in Tibet war und mit mehrern tausend

Menschen in Berührung kam, könnte ich die Gebisse, die ganz regelmäßig,

gesund und stark aussahen, fast an den Fingern herzählen. In der

Regel hatten die Frauen bessere Zähne als die Männer. Die Zähne

der Tibeter sind meist so zerbrechlicher Natur, daß der tibetische

Zahnarzt -- gewöhnlich ein Lama oder ein Grobschmied -- eine sinnreiche

Methode erfunden hat, sie vermittelst einer silbernen Hülse, die den

abgebrochenen Zahn umschließt, vor weiterer Zerstörung zu schützen.

Einmal sah ich einen Mann, dessen Vorderzähne sämtlich in dieser Weise

bedeckt waren, und da der Zahnarzt, der ihn behandelte, die kleinen

Behälter augenscheinlich ohne Rücksicht auf Form oder Bequemlichkeit

hergestellt und die meisten wegen des Kauens oben mit einer Spitze

versehen hatte, sah der arme Mann gräßlich aus. Die Tibeter sind

gegen körperlichen Schmerz nicht sehr empfindlich; ich habe dies bei

verschiedenen Gelegenheiten wohl beobachten können, wenn ich sah, wie

Zähne auf die primitivste und schmerzhafteste Weise ausgezogen wurden,

gewöhnlich ohne daß der Leidende nur einen Laut von sich gab.

Die Hunyas im südwestlichen Tibet haben über die Wanderung böser

Geister Vorstellungen, die sie mit den Schokas teilen. Wenn ein Mann

krank wird, behaupten sie, das einzige Heilmittel bestehe darin, den

bösen Geist, der in seinen Körper eingedrungen ist, zu vertreiben.

Nun kommen böse Geister in einen lebenden Körper immer nur, um ihre

Gier nach Blut zu befriedigen; deshalb wird, um den Geist zu erfreuen

und fortzulocken, wenn die Krankheit nur leicht ist, ein kleines

Tier, etwa ein Hund oder ein Vogel, dicht neben den Kranken gestellt;

ist die Krankheit schwer, so bringt man ein Schaf, und dann werden

Beschwörungen auf folgende Weise angestellt:

Man schwenkt eine Schale mit Wasser einigemal über dem Kopfe des

Kranken im Kreise und dann über dem erwählten Tiere, auf dessen Kopf

sie ausgegossen wird. Diese Kreise, die unter gewissen mystischen

Worten gezogen werden, haben die Macht, den Geist aus seinem Quartier

herauszuziehen und ihn zu veranlassen, in das Gehirn des andern Opfers

hineinzugehen, über welches das Wasser ausgegossen wird, um den Geist

an der Rückkehr zu verhindern.

»Natürlich,« sagte mein Berichterstatter, »wenn du dem bösen Geiste

ein Geschenk in Gestalt eines lebenden Wesens geben kannst, das ihn

befriedigt, wird er ganz glücklich abziehen. Ist die Krankheit leicht,

so bedeutet das, daß der Geist nicht sehr böser Laune ist, und dann

genügt ein kleines Geschenk, um ihn zu befriedigen; ist die Krankheit

aber ernst, so wird nichts Geringeres als ein Schaf oder sogar ein Jak

ihn zufriedenstellen. Sobald der Geist seine Wohnung gewechselt hat,

wird das Tier schnell fortgezogen und nach einem Kreuzwege gebracht,

und wenn keine Wege da sind, wird vorher ein Kreuz auf die Erde

gezeichnet, wo man ein Grab für das Tier gräbt, in das es erbarmungslos

geworfen und lebendig begraben wird. Der Geist, der nicht imstande ist,

so schnell zu entkommen, bleibt darin, um das Blut seines letzten

Opfers auszusaugen, und inzwischen hat der Kranke, der der Gesellschaft

seines unwillkommenen ätherischen Gastes beraubt ist, Zeit zu schneller

Genesung.«

Wenn ein kleines Tier, ein Hund oder ein Vogel, genommen wird und wenn

der Patient über mehr als ein Leiden klagt, so wird das Tier, nachdem

man es an den Kreuzweg gebracht hat, plötzlich ergriffen und grausam in

vier Stücke zerrissen, die nach vier Richtungen geschleudert werden;

der Gedanke hierbei ist, daß, wenn etwa irgendwo Geister wären, die auf

Blut warteten, sie ihren Anteil bekommen und zufrieden abziehen sollen.

Nachdem ihre Gier befriedigt ist, nehmen es die bösen Geister nicht

sehr genau damit, ob das Blut von Menschen ist oder nicht. Bei den

Schokas wurden Zweige mit Dornen und kleine fliegende Gebete auf jeden

Weg gelegt, um die unmittelbare Rückkehr der Geister zu verhindern.

Diese sollen für die bösen Geister unübersteigliche Schranken sein.

Natürlich erhalten die Lamas, wenn ein Kranker gesund wird, Geld für

die Beschwörungen, die die Krankheit ausgetrieben haben, und sie

unterlassen es nie, der großen Menge mit der Macht zu imponieren, die

sie über die vielgefürchteten Dämonen besitzen.

In der Chirurgie haben die Tibeter wenig Erfolge. Erstens besitzen sie

keine genügende Kenntnis der Anatomie des Menschen; zweitens fehlt

es ihren Fingern an Gelenkigkeit und feinem Gefühl, und drittens

sind sie nicht imstande, sich Instrumente von hinreichender Schärfe

herzustellen, um chirurgische Operationen mit Schnelligkeit und

Reinlichkeit ausführen zu können. In Tibet ist jedermann Wundarzt;

deshalb wehe dem Unglücklichen, der einen nötig hat. Zwar wird

eine Amputation nur selten vorgenommen; sollte sie aber nötig

werden und die Operation etwas schwierig sein, dann erliegt ihr der

Patient gewöhnlich. Der tibetische Chirurg versteht nicht, Knochen

durchzusägen, und so trennt er das Glied nur an der Stelle ab, wo

der Bruch stattgefunden hat. Die Operation wird mit jedem Messer

oder Dolch gemacht, die zufällig bei der Hand sind, und verursacht

deshalb viel Schmerz und häufig verhängnisvolle Folgen. Man gebraucht

die Vorsicht, das gebrochene Glied über dem Teil, wo der Bruch sich

befindet, abzubinden; aber dies wird in so plumper Weise gemacht, daß

sehr oft infolge der schlechten Beschaffenheit des tibetischen Blutes

der Brand hinzutritt und, da die Tibeter nicht wissen, was bei solchen

Gelegenheiten zu tun ist, das Opfer ihrer Kunst stirbt.

In Anbetracht der nomadischen Gewohnheiten der Tibeter und des

rauhen Lebens, das sie führen, bleiben sie von sehr schlimmen

Unfällen verhältnismäßig viel verschont. Gelegentlich gibt es Arm-

oder Beinbrüche, die sie, wenn der Bruch kein komplizierter ist,

nach Möglichkeit gröblich wieder einrichten, indem sie die Knochen

in ihre richtige Lage zurückbringen und das Glied fest mit Lappen,

Zeugstücken und Stricken bandagieren. Wenn Holz zu haben ist, werden

Schienen benutzt. Ein Pulver, das aus einem Pilze gemacht wird, der

im Himalaja auf Eichen wächst, wird von den nahe der Grenze wohnenden

Tibetern eingeführt und benutzt. Eine dicke Schicht desselben wird,

naß gerieben, auf das gebrochene Glied gelegt und darüber der Verband

angebracht. Bei einer gesunden Person braucht ein einfacher Beinbruch,

der gut eingerichtet worden ist, 20--30 Tage zur Heilung, wonach

der Patient wieder anfangen kann herumzugehen; ein gebrochener Arm

braucht nicht länger als 15--20 Tage in einer Binde getragen zu

werden. Wenn diese Heilungen etwas schneller vor sich gehen als bei

unsern zivilisiertern Methoden des Einrichtens der Knochen, so ist

dieses nur dem gesunden Klima und dem Umstand zu verdanken, daß die

Eingeborenen den größten Teil ihrer Zeit im Freien und in der Sonne

zubringen, was ohne Zweifel die beste Kur für jedes derartige Leiden

ist. Aber natürlich sind die Knochen nur selten richtig zusammengefügt

und gewöhnlich bleiben sie mißgestaltet. Verrenkungen werden mit

befriedigendern Resultaten dadurch geheilt, daß man die Knochen in ihre

richtige Lage streckt.

Bei Wunden wird das Bluten durch Auflegen eines nassen Lappens

gestillt, der fest über die Wunde gebunden wird. In den meisten Fällen,

die ich sah, zeigten die Wunden, die nicht verbunden waren, eine sehr

langsame Heilung, da die großen Temperaturveränderungen zwischen Tag

und Nacht sie oft wieder aufbrechen machen. Sie machten anfangs gute

Fortschritte zur Heilung, aber die Neubildung und das Zusammenwachsen

der Haut ging sehr langsam vor sich.

Brandwunden werden durch Überstreichen mit Butter behandelt, und

ein erweichender Umschlag von Rhabarber wird sowohl angewendet, um

Geschwülste von Quetschungen zum Zurückgehen zu bringen als auch um

Furunkeln, an denen die Tibeter viel leiden, zur schnellen Eiterung zu

führen.

Gegen Fieber und Rheumatismus wird Akonit gegeben, und um Schmerzen

in den Muskeln der Glieder zu lindern, wird eine rohe Art von Massage

angewendet. Diese wird gewöhnlich von den Frauen ausgeführt, die,

soweit ich es beurteilen konnte, die Massage ohne jede praktische

Vorkenntnis vornehmen und sich mit heftigem Reiben, Kneifen und Stoßen

begnügen, bis Zeichen von Erleichterung auf dem Gesicht des Leidenden

erscheinen. Ob diese Zeichen jedoch der wirklichen Linderung von

Schmerzen zuzuschreiben sind oder der Hoffnung, daß die Masseuse ihre

Behandlung beendigen würde, konnte ich nicht feststellen. Tibetische

Finger sind für eine solche Arbeit nicht sehr geeignet, da sie plump

und, mit denen anderer asiatischer Volksstämme verglichen, steif und

hart sind.

Das Schröpfen wird mit Erfolg angewendet. Man macht drei oder vier

kleine Einschnitte dicht beieinander und setzt dann einen kegelförmigen

Schröpfkopf über sie, der ungefähr 20 Zentimeter lang ist und an seiner

Spitze ein kleines Loch hat. Der Operateur saugt durch diese kleine

Öffnung, bis der Schröpfkopf voll Blut ist, worauf man ihn abnimmt und

die Operation von neuem begonnen wird. Bei vergifteten Wunden geschieht

das Aussaugen, indem man die Lippen auf die Wunde selbst bringt.

Blutentziehung wird als Mittel gegen Quetschungen und Geschwülste

und gegen innere Schmerzen angewendet, auch gegen akute Anfälle von

Rheumatismus und Gliederschmerzen. Wenn sie nicht genügt, nimmt man

seine Zuflucht zur Brennkur, und wenn auch diese versagen sollte, dann

kommen die Zündkegel an die Reihe und werden angezündet, nachdem der

Sitz des Schmerzes mit ihnen umgrenzt worden ist. Wenn selbst dieses

Mittel sich als unwirksam erweist, wird die Krankheit für unheilbar

erklärt.

Natürliche Abnormitäten und Mißbildungen sind in Tibet häufig genug.

So kamen in jedem Lager, das ich betrat, einige zu meiner Kenntnis.

Mißbildungen des Rückgrats waren gewöhnlich, und während meines

Aufenthalts in Tibet sah ich viele bucklige Leute. Es gibt auch häufige

Fälle von Krümmung der Beine, und Klumpfüße sind nicht selten. Von

Mißbildungen des Schädels waren die ungleiche Form der beiden Seiten

oder der abnorme Abstand der Augenhöhlen die gewöhnlichsten Fälle, die

mir vor Augen kamen.

Durch das beständige Tragen schwerer Ohrringe, die sogar nicht selten

das Ohrläppchen zerreißen, sind die Ohren von Männern der höhern

Klassen künstlich bedeutend verlängert.

Die häufigste und seltsamste Erscheinung war die außerordentliche

Anschwellung des Leibes bei Kindern. Die Kinder haben so ungeheuere

Bäuche, daß sie manchmal kaum fähig sind zu stehen; in dem Maße, als

sie älter werden, scheint die Anschwellung allmählich nachzulassen, und

der Körper nimmt seine normale Gestalt an.

Taubheit kommt häufig vor, aber stumme Leute habe ich nie angetroffen,

obgleich ich hin und wieder auf Fälle von Stottern und auf andere

Mängel der Artikulation stieß. Öfters wurden die Sprachstörungen jedoch

durch Geisteskrankheit veranlaßt, die in Tibet besonders unter den

jungen Männern sehr häufig ist.

Apoplektische und epileptische Zufälle und Krämpfe kommen nicht sehr

häufig vor, sind aber, wenn sie auftreten, sehr ernst. Gewöhnlich wird

die Feuerkur angewendet, um die Geister zu vertreiben, die in den

Körper eingedrungen sind. Aber trotzdem haben diese Zufälle manchmal

eine vorübergehende oder dauernde Lähmung zur Folge, mit großer

Entstellung des Gesichtsausdrucks, besonders um die Augen und den Mund.

Ich hatte Gelegenheit, drei Fälle dieser Art in Tucker, in Tarbar

nördlich vom Brahmaputrafluß und in Toktschim zu beobachten.

Fälle heftiger Geisteskrankheit traf ich nie, obgleich ich unter den

Männern oft seltsame Eigentümlichkeiten und Zeichen des Wahnsinns,

besonders des religiösen, beobachtete.

Das seltsamste Heilmittel sah ich im Orte Kutzia anwenden. Ich hatte

ein tibetisches Lager von einigen zwanzig oder dreißig Zelten betreten,

als meine Aufmerksamkeit durch eine erregte Menge gefesselt wurde, die

sich um einen alten Mann, dem man die Kleider ausgezogen, versammelt

hatte. Er war mit Stricken festgebunden, und auf seinem Gesicht

spiegelte sich Todesangst wider. Neben dem Leidenden kniete ein großer

langhaariger Mann mit rotem Rock und schweren Stiefeln und betete

inbrünstig, indem er sein Gebetrad, das er in der rechten Hand hielt,

herumdrehte.

Da meine Neugier erregt war, näherte ich mich der Versammlung,

worauf drei oder vier Tibeter sich erhoben und mir Zeichen machten,

wegzugehen. Ich tat, als ob ich sie nicht verstände, und nach einer

hitzigen Erörterung wurde mir gestattet zu bleiben.

Augenscheinlich wurde von einem tibetischen Medizinmann eine Operation

vorgenommen, und die Spannung der um den Kranken versammelten Menge war

groß. Der Doktor war emsig beschäftigt, Zünder herzustellen, die er

sorgfältig in Seidenpapier einwickelte. In der Mitte durchgeschnitten,

bildeten sie zwei Kegel, jeder mit einem zusammengedrehten

Papierschopfe an der Spitze. Als er sechs oder acht fertig hatte, ließ

er seinen Patienten oder vielmehr sein Opfer eine sitzende Stellung

annehmen. Ich fragte, was dem Kranken fehle. Nach dem, was sie mir

sagten, und nach einer auf eigene Hand angestellten Untersuchung war

ich überzeugt, daß der Mann an Hexenschuß litt. Die Kur interessierte

mich jedoch mehr als die Krankheit selbst, und als der Doktor sah, wie

sehr mich seine Verrichtungen fesselten, forderte er mich auf, mich

neben ihn zu setzen.

Zuerst rief der Mann nach Feuer; eine Frau reichte ihm von einem

nahen Feuer einen lodernden Brand. Er schwang ihn in der Luft hin und

her und sprach dabei Beschwörungsformeln. Danach wurde der Patient

einer gründlichen Untersuchung unterworfen, bei der er jedesmal, wenn

die langen knochigen Finger des Arztes seine Seiten berührten, ein

durchdringendes Geheul ausstieß, worauf der Mann der Wissenschaft seine

mit offenem Munde dasitzenden Zuschauer belehrte, daß der Schmerz dort

säße. Jetzt setzte der Doktor eine ungeheuer große Brille auf, und

nachdem er zuerst die Nabelgegend des Kranken mit der flachen Hand

gerieben hatte, maß er mit dem gebogenen Daumen zwei Zoll auf jeder

Seite und unterhalb des Nabels ab. Zur Bezeichnung dieser Abstände

benutzte er das brennende Holzstück, das er an diesen Stellen auf das

Fleisch drückte.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 16 / 28 段