Die Serais machen keinen Anspruch auf Reinlichkeit. Während des Regens

hatte sich das ganze Kleintierleben, das den Fußboden bewohnte,

in der Absicht, das Wasser zu vermeiden, in den höhern Teil des

Zimmers zurückgezogen, den auch wir gewählt hatten, so daß zu all

unsern andern Leiden eine neue Prüfung hinzukam: wir wurden von

einer Masse verschiedenartiger Insekten halb aufgefressen. Es war in

der Tat eine furchtbare Plage, von der wir nicht allein bei dieser

Gelegenheit, sondern jedesmal, wenn wir in der Nähe von tibetischen

Lagern haltmachten, unbeschreibliche Qualen litten. Als wir am Morgen

aufstanden, war das Zimmer voll von Tibetern, Männern, Weibern und

Kindern, die sehr gutmütig und freundlich schienen.

»~Tanga tschik!~« (eine Silbermünze im Werte einer halben Rupie) rief

ein altes Weib, das mir einen getrockneten Fisch unter die Nase hielt,

indem sie mit großer Redseligkeit erzählte, daß er im Mansarowar

gefangen worden sei und daß er seinen Besitzer zum glücklichsten

Sterblichen machen würde. Andere zeigten uns Stücke rotes Tuch, Juwelen

in Form von Broschen, Ringen und Ohrringen aus Messing oder Silber und

mit Malachit eingelegt.

»~Gurmoh sum!~« (drei Rupien). »~Diu, diu, diu.~« (Ja, ja, ja.)

»~Karuga ni!~« (zwei Zwei-Anna-Stücke). »~Gieutscheke!~« (ein

Vier-Anna-Stück) und so weiter schallte es, indem alle zugleich

schrien, begierig, ihre Waren loszuwerden.

Die Schmucksachen waren einheimische Arbeit; in einigen Fällen waren

die Malachitstücke fest gefaßt; gewöhnlich wird aber eine Art Paste

angewendet, um die Steine festzuhalten, und dann zerbrechen die

Schmucksachen, so hübsch sie auch sind, immer schnell.

Die Ohrringe sind gewöhnlich besser gearbeitet als die Broschen. Am

interessantesten sind die flachen, silbernen, mit primitiver Zeichnung

verzierten Amulette.

Die Töpferwaren werden aus einem feinen Ton hergestellt, der aber

vor dem Verarbeiten zu Vasen, Krügen usw. nicht geschlagen wird.

Formen werden nur angewendet, um die untern Teile der größern Gefäße

herzustellen, die innern Teile werden mit der Hand geformt; dann

erleichtert eine rohe Drehscheibe die Ausarbeitung des obern Teils des

Gefäßes und macht ihn verhältnismäßig glatt. Zwei Henkel mit rohen

Linienornamenten werden an den größern Gefäßen angebracht; für die

Krüge mit längerm Hals und kleinerer Öffnung genügt einer.

Die Fläche wird ziemlich glatt und unglasiert gelassen. Die Gefäße

werden in primitiven Öfen gut gebrannt, die Lamas zeigen große

Geschicklichkeit in der Herstellung derselben, die unter den Pilgern

nach dem Heiligen See guten Absatz finden. Die zur Anfertigung der

Gefäße benutzten Werkzeuge sind außerordentlich einfach: ein flacher

Stein und zwei oder drei Holzstäbe; denn der Töpfer von Tucker braucht

in Wirklichkeit nur die Finger und Nägel zur Vollendung seines Werkes.

Am Morgen kamen mehrere Lamas zu Besuch und gaben vor, sehr erfreut zu

sein, uns zu sehen; sie forderten mich auch auf, ihnen einen Besuch in

der Lamaserei und im Tempel abzustatten. Sie sagten, daß Krankheiten

im Dorfe herrschten. Da sie mich für einen Hindudoktor hielten,

wünschten sie, ich könnte etwas zur Erleichterung ihrer Leiden tun.

Ich versprach, alles zu tun, was ich könnte, und war sehr froh, diese

ganz einzige Möglichkeit zum Besuche einer Lamaserei und zum Studium

der Fälle zu haben, die man mir vorführen würde. Auch bei diesem

freundschaftlichen Besuche bei den Lamas trug ich meine Büchse in der

Hand.

Aus unserm dumpfigen, dunkeln Zimmer kommend, einen Haufen neugieriger

Eingeborener hinter und vor mir, betrachtete ich dieses seltsame Dorf

mit großem Interesse. Trotz des nächtlichen Gewitters hatten wir nicht

den schönen blauen Himmel, den man hätte erwarten sollen; drohende

Wolken hingen über uns, und das vom Winde sanft bewegte Wasser des

Heiligen Sees schlug leise klatschend gegen den Strand. Tschanden Sing

und Man Sing, die beiden Hindus, die sich aller ihrer Kleider bis auf

das Hüfttuch entledigt hatten, kauerten nahe am Strande des Sees und

ließen sich von Bijesing die Köpfe glatt rasieren. Ich muß gestehen,

daß ich etwas ärgerlich war, als ich mein bestes Rasiermesser zu diesem

Zwecke verwendet sah, aber ich unterdrückte meinen Ärger bei der

Erinnerung daran, daß ihre Religion sie durch die bloße Tatsache ihres

Aufenthaltes am Mansarowar von allen Sünden befreite. Meine beiden

Diener, das Gesicht nach dem Berge Kelas gerichtet, schienen aufgeregt

und beteten so inbrünstig, daß ich stillstand, um sie zu beobachten.

Sie wuschen sich wiederholt in dem Wasser des Sees und tauchten zuletzt

mehrere Male darin unter. Als sie vor Kälte zitternd herauskamen, nahm

jeder eine Silberrupie aus den Kleidern und schleuderte sie als Opfer

für den Gott Mahadewa in den See. Dann zogen sie sich an und kamen,

mir ihre Salaams darzubringen, wobei sie behaupteten, jetzt glücklich

und rein zu sein.

»Siwa, der größte aller Götter, lebt in den Gewässern des Mansarowar«,

rief mein Träger in poetischer Stimmung aus. »Ich habe in seinen

Wässern gebadet, und von seinen Wässern trank ich. Ich habe den großen

Kelas begrüßt, dessen Anblick allein alle Sünden der Menschheit löst,

nun werde ich in den Himmel kommen!«

»Ich werde zufrieden sein, wenn wir bis Lhasa kommen«, brummte der

skeptische Man Sing, außer Hörweite der Tibeter.

Tschanden Sing, der in religiösen Dingen wohlbewandert war, erklärte,

daß nur Hindupilger, die beide Eltern verloren haben, sich bei dem

Besuche des Mansarowar als Opfer für Siwa die Köpfe scheren lassen, und

daß es, wenn sie einer hohen Kaste angehören, gebräuchlich ist, bei

ihrer Rückkehr von der Pilgerfahrt alle Brahminen der Stadt mit einem

Bankett zu bewirten. Ein Mann, der im Mansarowar gebadet habe, werde

von jedermann in großen Ehren gehalten und genieße die Bewunderung und

den Neid der ganzen Welt.

Der Mansarowarsee hat ungefähr 80 Kilometer im Umkreis, und diejenigen

Pilger, die einen höhern Zustand der Heiligung erlangen wollen,

machen eine Kora oder einen Umgang zu Fuß längs des Wasserrandes. Die

Wanderung nimmt je nach den Umständen vier bis sieben Tage in Anspruch;

ein Umgang befreit die Pilger von gewöhnlichen Sünden; der zweimalige

Umgang reinigt das Gewissen von jedem Morde, während die dreimalige

Umwanderung denjenigen ehrlich und gut macht, der Vater, Mutter, Bruder

oder Schwester getötet hat. Es gibt Fanatiker, die den Umgang auf den

Knien ausführen, andere machen den Weg, ähnlich wie die Pilger zum

Kelas, indem sie sich bei jedem Schritt platt auf das Gesicht legen.

Der Sage nach ist der Mansarowar von Brahma geschaffen worden, und

jeder, der in seinen Wässern badet, wird das Paradies Mahadewas

teilen. Gleichviel welche Verbrechen er vorher begangen haben mag, ein

Eintauchen in den Heiligen See genügt, Seele und Körper zu reinigen.

Um meine Leute zu erfreuen und mir selbst vielleicht etwas Glück zu

bringen, schleuderte auch ich ein paar Geldstücke ins Wasser.

Nachdem die reinigenden Waschungen vorüber waren, befahl ich Tschanden

Sing, seine Büchse zu nehmen und mir in die Gomba zu folgen; denn die

Lamas waren so höflich, daß ich Verrat von ihrer Seite fürchtete.

Das große quadratische Gebäude mit den rot angestrichenen Mauern und

der etwas abgeplatteten Kuppel von vergoldetem Kupfer erhob sich dicht

am Ufer und war in seiner strengen Einfachheit ebenso malerisch als

hübsch.

Aus dem Innern drangen Töne wie von tiefen, heisern Stimmen, die Gebete

murmelten; Glockengeklingel und Zimbelklänge mischten sich darein. Von

Zeit zu Zeit wurde eine Trommel geschlagen, die einen hohlen Ton gab,

und ein gelegentlicher, plötzlicher Schlag auf ein Gong machte die Luft

vibrieren, bis die Töne in einem allmählichen Diminuendo von dem Winde

über den Heiligen See fortgetragen wurden.

Nachdem Tschanden Sing und ich in die Lamaserei eingetreten waren,

wurde die große Tür, die weit geöffnet worden war, sofort geschlossen.

Wir befanden uns in einem weitläufigen Hofraume, der an drei Seiten

zwei übereinanderliegende Reihen von Galerien hatte, die durch Säulen

getragen wurden. Es war das Laprang, das Haus der Lamas, und gerade vor

mir war das Lhakang, der Tempel, dessen Fußboden ungefähr anderthalb

Meter über dem Erdboden war; eine sehr große Tür führte in ihn hinein.

An diesem Eingange waren zwei Nischen, eine an jeder Seite, in deren

jeder neben einer großen Trommel ein Lama kauerte, mit einem Gebetbuch

vor sich und in den Händen ein Gebetrad und einen Rosenkranz, dessen

Kügelchen er nach jedem Gebete weiterschob.

Bei unserm Erscheinen unterbrachen die Mönche ihr Gebet und schlugen in

sichtlicher Erregung auf die Trommeln. Nach dem, was ich sehen konnte,

herrschte in der Gomba große Aufregung. Alte und junge Lamas stürzten

aus ihren Zimmern hin und her, während eine Anzahl von Novizen und

Unterpriestern -- im Alter von 12 bis 20 Jahren -- am Geländer der

obern Veranda sich drängten, mit dem Ausdruck sichtlicher Spannung und

Neugier auf ihren Gesichtern.

Ohne Zweifel hatten uns die Lamas eine Falle gelegt. Ich ermahnte

Tschanden Sing, auf der Hut zu sein, und ließ ihn als Wache an dem

Eingange des Tempels, während ich, nachdem ich auf die Trommel des

Lamas zu meiner Rechten ein paar Silbermünzen gelegt hatte, zum Zeichen

der Ehrfurcht meine Schuhe auszog und zum großen Erstaunen der Mönche

ruhig in das Haus ihrer Götter eintrat. Über den Anblick des Silbers

und mehr noch über meinen Mangel an Vorsicht erstaunt, blieben die

Lamas, deren sich eine große Zahl im Hofe befand, unbeweglich und

stumm. Der Oberlama oder Superior des Klosters trat endlich vor, indem

er sich tief neigte, den einen Daumen über den andern legte und die

Zunge weit heraushängen ließ, um seinen höchsten Beifall darüber zu

bezeigen, daß ich die vielen Bilder besuchte, die an den Wänden des

Tempels entlang aufgestellt waren, Gottheiten und buddhistische Heilige

darstellend. Die größern derselben waren ungefähr anderthalb Meter

hoch, die andern ungefähr ein Meter. Einige waren aus Holz geschnitzt

und ihre Gewandungen und Schmucksachen waren nach Anordnung und

Ausführung ziemlich künstlerisch; andere waren aus vergoldetem Metall

hergestellt. Eine Anzahl von ihnen war in sitzender Stellung, einige

aufrecht stehend dargestellt, und alle standen sie auf verzierten,

vergoldeten Piedestalen oder auf einfachern, blau, rot, weiß und gelb

bemalten Sockeln. Viele trugen die alte chinesische doppelflügelige

Kappe und standen in Wandnischen, die mit Stoffen, Holzschnitzereien

und roh gemalten Bildern dekoriert waren.

Zu Füßen dieser Gottheiten war ein langes Bord, auf dem in glänzenden

Messinggefäßen aller Größen Opfergaben von Tsamba, getrockneten

Früchten, Käse, Weizen und Reis standen, die die Gläubigen durch die

Lamas den verschiedenen Göttern darbringen. Einige der geopferten

Gerstenähren waren mit rot, blau und gelb gefärbten, aus Butter

geformten Blättern verziert.

Die Decke des Tempels war mit rotwollenem Stoffe drapiert, ähnlich

dem der Kleider der Lamas, und Hunderte von schmalen, langen Streifen

seidener, wollener und baumwollener Gewebe in allen erdenklichen Farben

hingen von ihr herab. Das Dach wurde von hölzernen Säulen getragen,

die in der Mitte des Tempels ein Viereck bildeten und durch eine

Balustrade verbunden waren, wodurch die Gläubigen gezwungen sind, einen

Rundgang, von links nach rechts, zu machen, um vor den verschiedenen

Götterbildern vorbeizukommen. In einem Schreine im mittlern Teile

der dem Eingang gegenüberliegenden Wand stand der Schutzheilige des

Klosters, anscheinend Buddha selbst; die Opfergaben, die hier auf einer

Art von teppichbedecktem Altar lagen, waren viel reichlicher als vor

den andern Bildnissen.

Der Lama wies darauf hin und sagte mir, daß dies ein guter Gott sei;

so machte ich ihm meinen Salaam und legte eine kleine Opfergabe in

eine handliche Sammelbüchse, was dem Lama sehr zu gefallen schien,

denn er holte sofort eine Amphora mit heiligem Wasser herbei, die

mit langen Schleiern der Freundschaft und Liebe behängt war, und goß

mir etwas wohlriechende Flüssigkeit auf die Handflächen. Dann zog er

einen Schleierstreifen hervor, benetzte ihn mit dem Wohlgeruch und

überreichte ihn mir. Die Mehrzahl der Pilger rutscht gewöhnlich auf

den Knien rund um das Innere des Tempels, aber trotzdem ich, um eine

Beleidigung der Eingeborenen zu vermeiden, den Grundsatz befolge, in

Rom zu tun wie die Römer tun, konnte ich es doch nicht unternehmen,

mich für den möglichen Fall eines plötzlichen Angriffs in eine so

ungünstige Stellung zu bringen. Der Oberlama erklärte mir die Bilder

der Götter und warf drei Handvoll Reis über sie, wenn er sie bei ihren

Namen nannte, die alle zu behalten ich mir die größte Mühe gab; aber

ach! ehe ich noch nach dem Serai zurückgehen und ihre Benennungen

aufkritzeln konnte, waren sie meinem Gedächtnis alle entschlüpft. Ein

besonderer Eingang führte aus dem bewohnten Teile des Klosters in den

Tempel.

Auf dem Fußboden in dem mittlern Viereck standen viele, in

Messinggefäßen brennende Lichter, deren Dochte mit geschmolzener Butter

gespeist wurden; neben ihnen lagen längliche Gebetbücher, gedruckt

auf das glatte, gelbe tibetische Papier, das aus einer faserreichen

Rinde gemacht wird. Kleine Trommeln und Zimbeln lagen neben diesen

Büchern. Eine Doppeltrommel war, wie ich bemerkte, aus menschlichen

Schädeln hergestellt; auch eine eigentümliche Kopfbedeckung, die von

den Lamas beim Gottesdienste und den Zeremonien getragen wird, zog

meine Aufmerksamkeit auf sich. Bei diesen Gelegenheiten begleiten

sie ihre Gesänge und Gebete nicht nur mit dem Schlagen von Trommeln

und dem Klange von Becken, sondern sie blasen auch auf Rohrflöten,

klingeln mit Handglocken und schlagen auf ein großes Gong. Der

Lärm dieser Instrumente ist zeitweise so stark, daß die Gebete

selbst ganz unhörbar werden. Leider gelang es mir nicht, eine der

schreckenerregenden Masken zu Gesicht zu bekommen, die von den Lamas

bei ihren phantastischen, mystischen Tänzen gebraucht werden. Wenn die

Lamas während dieser Zeremonien den ganzen Tag im Tempel zubringen,

genießen sie viel Tee mit Butter und Salz, der ihnen von Lamas

untergeordneten Ranges, die als Diener tätig sind, in Bechern gereicht

wird. So verbringen sie Stunde um Stunde in ihren Tempeln, scheinbar

gänzlich in ihre Gebete zu der obersten Gottheit, Kontschok-sum,

vertieft.

Wörtlich übersetzt bedeutet Kontschok-sum »die drei Kleinodien«,

nämlich Buddha, die heilige Lehre und die Gemeinde der Gläubigen,

die so zu einer Dreieinigkeit verbunden sind. In Indien, dem

Heimatlande des Buddhismus, wurden die beiden letztern ursprünglich

abstrakt aufgefaßt, in Tibet hat man sie personifiziert, wie man denn

überhaupt wohl sagen kann, daß der Buddhismus, der von Hause aus im

wesentlichen eine Moralphilosophie war, in Tibet in eine Art von

Religion umgewandelt worden ist, in der das wesenlose Nirwana zu einem

Freudenhimmel und die schattenhaften Gestalten des verklärten Buddha

und seiner Heiligen zu persönlichen Göttern geworden sind. Wie im alten

Buddhismus nimmt auch hier die Vorschrift der Barmherzigkeit, des

werktätigen Mitleids eine hervorragende Stelle ein, wenn sie auch oft

äußerlich genug aufgefaßt wird. Je nach dem Maße, in dem der Mensch

diese und andere Tugenden ausübt und böse Handlungen meidet, kommt

seine Seele der ewigen Glückseligkeit näher, die sie aber meistens erst

nach vielen Wiedergeburten erreicht; die Seelen der armen Sünder fahren

zur Hölle, wo sie durch Feuer und Eis gefoltert werden.

»Gott sieht und weiß alles und er ist überall«, rief der Lama aus,

»aber wir können ihn nicht sehen. Nur die Tschantschubs (eine Art von

Heiligen) können ihn sehen und zu ihm sprechen.«

»Welches sind die bösen Eigenschaften, die man am meisten vermeiden

muß?« fragte ich den Lama, der etwas hindostanisch sprach.

»Wollust, Stolz und Neid«, erwiderte er.

»Erwartest du jemals, ein Heiliger zu werden?« fragte ich.

»Ja, ich hoffe es; aber es bedarf 500 Wanderungen der unbefleckten

Seele, ehe man einer werden kann.«

Dann, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, ergriff er auf

einmal meine Hand und öffnete meine Finger. Als er dies getan hatte,

murmelte er einige Worte der Überraschung. Sein Gesicht wurde ernst,

sogar feierlich, und er behandelte mich mit seltsamer Unterwürfigkeit.

Er stürzte zum Tempel hinaus und lief zu den andern Lamas, um ihnen

seine mir fremde Entdeckung mitzuteilen. Sie drängten sich um ihn, und

aus ihren Worten und Gebärden konnte man leicht erraten, daß sie sehr

bestürzt waren.

Als ich die Gesellschaft der seltsamen Götzenbilder verließ und in den

Hofraum kam, wollte jeder Lama meine Hand untersuchen und berühren,

und der plötzliche Wechsel ihres Benehmens war mir eine Quelle der

Verwunderung und der Neugier, bis ich einige Wochen später den Grund

davon erfuhr.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die Lamas.

Ehe ich das Kloster verließ, richteten die Lamas, die jetzt ziemlich

vertraut geworden waren, viele Fragen an mich, Indien und die

medizinische Wissenschaft betreffend. Beide schienen Gegenstände

großen Interesses für sie zu sein. Sie fragten mich auch, ob ich

vielleicht gehört habe, daß ein junger Sahib mit einem großen Heere

über die Grenze gekommen sei und daß der Jong Pen von Taklakot dasselbe

geschlagen und den Sahib mit den vornehmsten Mitgliedern der Expedition

enthauptet habe.

Ich gab vor, von diesen Tatsachen nichts zu wissen, was auch wahr

war, obgleich mich natürlich die Art und Weise sehr ergötzte, in der

der Jong Pen von Taklakot über das Bärenfell verfügte, ehe er den

Bären gefangen hatte. Die Lamas hielten mich für einen Hindudoktor,

dank der Farbe meines Gesichts, das von der Sonne verbrannt und lange

nicht gewaschen war, und glaubten, ich sei auf einer Pilgerfahrt zur

Umwanderung des Mansarowarsees begriffen. Sie schienen begierig zu

erfahren, ob in Indien die Krankheiten durch Geheimwissenschaften

oder nur mit Arzneien geheilt würden. Ich, der ich im Gegenteil mehr

Interesse daran hatte, Mitteilungen zu erhalten als solche zu machen,

lenkte die Unterhaltung auf die Lamas selber.

Natürlich wußte ich, daß es Sekten von roten und gelben Lamas gibt,

von denen die roten die ältern, jetzt aber an Zahl geringern sind.

Die herrschende religiöse Sekte sind die gelben Lamas, die Gelukpa,

die auch in politischer Beziehung die mächtigsten sind. Außerdem gibt

es im Lande noch spärliche Reste des ursprünglichen Glaubens, der

schamanistischen Bon-Religion, die auch als die schwarze Religion

bezeichnet wird. Die Lamasereien sind gewöhnlich sehr reich, denn die

Tibeter sind ein sehr frommes Volk, und die Lamas stehen nicht zurück

in der Kunst, unter allen möglichen Vorwänden Geld von den unwissenden

Gläubigen zu erpressen. Neben der Besorgung ihrer religiösen Funktionen

betätigten sich die Lamas auch als Händler im großen, indem sie ein

schlaues Geldverleihgeschäft betreiben und sehr hohe Zinsen verlangen,

die jeden Monat fällig sind. Wenn diese unbezahlt bleiben, wird der

ganze Besitz des Schuldners konfisziert, und wenn dieser sich als nicht

genügend erweist, das Darlehen zu decken, wird der Schuldner Sklave des

Klosters. Wenn man die wohlgenährten Gesichter der Lamas betrachtet,

ist es auf den ersten Blick zu erkennen, daß sie sich trotz ihrer

gelegentlichen körperlichen Entbehrungen in keiner Weise etwas abgehen

lassen, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie ein ruhiges

und behagliches Dasein in verhältnismäßigem Luxus führen, der häufig in

Laster und Verderbtheit ausartet.

Die größern Lamasereien erhalten von der Regierung einen jährlichen

Zuschuß, und durch die Opfergaben der Gläubigen werden beträchtliche

Summen angesammelt, während andere Gelder durch Mittel und Wege erlangt

werden, die in jedem andern Lande als Tibet kaum als ehrenhaft und oft

sogar als verbrecherisch betrachtet werden würden.

Von den größern Städten abgesehen, lebt fast das ganze tibetische Volk

mit Ausnahme der Briganten und der Lamas in großer Armut, während die

Mönche selbst und ihre Agenten von dem Fette des Landes leben und

gedeihen. Das Volk wird in vollkommener Unwissenheit erhalten, und

selten findet man einen Laien, der schreiben oder wenigstens lesen

kann. So muß alles durch die Hände der Lamas gehen.

Die Lamasereien und die Lamas, sowie das Land und Eigentum, das ihnen

gehört, sind von allen Steuern und Abgaben frei, und jeder Mönch

wird durch eine bestimmte Lieferung von Tsamba, Ziegeltee und Salz

unterhalten. Sie rekrutieren sich aus allen Klassen, und gleichviel,

ob sie ehrliche Leute oder Diebe und Schwindler sind, werden sie alle

bereitwilligst angenommen, um in die Bruderschaft einzutreten. Ein

oder zwei männliche Mitglieder jeder tibetischen Familie treten in die

Mönchsorden ein. Auf diese Weise erlangen die Mönche eine große Macht

über jedes Haus und Zeltlager. Es ist kaum eine Übertreibung, wenn man

sagt, die Hälfte der männlichen Bevölkerung in Tibet besteht aus Lamas.

In jedem Kloster findet man neben den Lamas, d. h. den eigentlichen,

fertigen Mönchen, die alle Weihen empfangen haben, noch zwei Klassen

von Mönchen, die zwar auch glattrasierte Köpfe und zum Teil dieselbe

Tracht wie ihre Obern haben, aber niedern Grades sind und natürlich

auch keinen tätigen Anteil an der Politik der Lamaregierung nehmen: die

Schabi und die Getsul. Die Schabi sind die Novizen. Sie treten sehr

jung -- im 7. oder 9. Lebensjahr -- in die Lamaserei ein und bleiben

mehrere Jahre hindurch Schüler. In dieser Zeit, während der sie auch

die harte Arbeit des Klosters verrichten müssen, sind sie beständig

in der Lehre und unter der Aufsicht des Lamas, dem sie zur Erziehung

übergeben worden sind. Nach vollendetem 15. Lebensjahre erhalten sie

die zweite Weihe und treten damit in die Klasse der Getsul über, eine

Art Unterpriester, die noch nicht alle Rechte, dafür aber auch nicht

alle Pflichten der eigentlichen Mönche haben. Nach fünf weitern Jahren

und nach Empfang der dritten Weihe werden sie endlich wirkliche Lamas,

welches Wort »Oberer« bedeutet.

Die Schabi und Getsul übernehmen untergeordnete Rollen in den seltsamen

religiösen Zeremonien, bei denen die Lamas, in Felle und gräßliche

Masken verkleidet, singen und mit außerordentlichen Verrenkungen

tanzen, begleitet von einer unheimlichen Musik von Glocken, Hörnern,

Flöten, Zimbeln und Trommeln.

Jedes große Kloster hat an seiner Spitze einen »Groß-Lama«. Dieser

gehört zwar zur höhern Geistlichkeit, aber nicht immer zu deren

höchster Stufe, den »wiedergeborenen Heiligen«. Während jene sozusagen

den Verdienstadel des hierarchischen Systems darstellt, bilden diese,

die Wiedergeborenen, seinen Geburtsadel; denn nach dem lamaistischen

Dogma leben in ihnen die Seelen der alten Heiligen, die sich ihren

Leib noch im Mutterleibe zum Wohnsitz auserwählt haben; sie sind also

inkarnierte Götter. Durch eine solche ununterbrochene Inkarnation

pflanzt sich namentlich der Papst von Tibet, der Dalai-Lama zu Lhasa,

fort.

Mit Ausnahme des Großlamas, der ein Zimmer für sich allein hat, essen,

trinken und schlafen die Lamas in dem Kloster zusammen. Immer zwei

Monate des Jahres, 15 Tage in jedem Vierteljahr, halten sie sich in

strenger Abgeschlossenheit, die sie dem Gebete widmen und während

welcher Zeit sie nicht sprechen dürfen. Sie fasten vierundzwanzig

Stunden hintereinander bei Wasser und Buttertee; sie essen an jedem

Fasttag nur so viel als gerade nötig ist, um am Leben zu bleiben, und

entsagen allem andern, sogar dem Schnupftabak und dem Ausspucken, den

beiden am meisten verbreiteten Gewohnheiten der tibetischen Männer.

Die Lamas machen große Ansprüche auf Unfehlbarkeit, und auf Grund

dieser erlangen sie die Verehrung des Volkes, von dem sie erhalten,

genährt und gekleidet werden. Ich fand sie in der Regel sehr

intelligent, aber unmenschlich, grausam und ehrlos. Ich sage dies

nicht allein aus eigener Erfahrung, ich hörte dasselbe auch von den

unterdrückten Eingeborenen, die sich nichts Besseres wünschen als eine

Möglichkeit, ihr Joch abzuschütteln.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 15 / 28 段