Sie einzufangen, von der Herde zu trennen, Stricke durch ihre

Nasenlöcher zu ziehen, Packsättel auf ihre Rücken zu binden, waren

alles Geschäfte, die wir als Neulinge erst lernen mußten. Es war in der

Tat ein hartes Stück Arbeit; aber wir plagten uns, bis es gelang.

Als wir weiterzogen, waren wir gute Freunde geworden, da sich die

Räuber sehr gut benahmen. Ich aber nahm mir vor, in Tibet jederzeit

lieber einem Banditen als einem Beamten zu trauen. In einer Hinsicht

tat es mir leid, daß mein Zusammensein mit den Jogpas zu Ende war;

denn, wenn sie auch zweifellos Briganten waren, so waren sie doch

interessant.

Ihre originelle Kleidung und ihre Art der Unterhaltung, ihre

ungewöhnliche, aber außerordentlich angemessene Art zu essen und

ihr joviales, ungezwungenes Benehmen wirkten geradezu erfrischend.

Ihre Kleidung konnte die in Tibet üblichen Trachten recht gut

repräsentieren, denn die Männer trugen verschieden geformte Röcke und

Hüte, wahrscheinlich dank der Leichtigkeit, mit der sie sie erlangten.

Nicht zwei Individuen waren gleich gekleidet, wenn auch natürlich

gewisse charakteristische Eigenschaften der Kleidung in jedem Falle

beibehalten waren. Der eine trug einen mit Leopardenfell ausgeputzten

Rock, ein anderer hatte ein langes, grauwollenes, einem Schlafrock

ähnliches Gewand, das in der Taille mit einem Band umschlungen war,

und ein dritter war in ein loses Kleid von Schaffell, mit der Wolle

nach innen, gekleidet. Wieder ein anderer war mit einer dunkelroten

Tunika angetan, die durch einen ledernen Gürtel festgehalten wurde,

der in Schmiedeeisen eingelegte silberne Zieraten trug. Diese dienten

dazu, eine Nadelbüchse, einen Zunderbeutel und Stahl zu halten, die an

einer Perlschnur von dem Lederriemen herabhingen, ferner einen hübschen

Dolch mit einer Scheide aus Ebenholz, Stahl und Silberfiligran,

daneben noch andere Gegenstände, wie eine Kugeltasche. Die Jogpas, wie

überhaupt die Mehrzahl der tibetischen Männer, tragen im Gürtel vorn

ein Schwert, und der Rock, ob lang oder kurz, ist immer lose und an der

Taille überhängend gemacht, damit er leicht einen Vorrat von Eß- und

Trinkschalen, die Pukus, die Schnupftabaksdosen und verschiedene Beutel

mit Geld, Tsamba und Teeziegeln aufnehmen kann. Dieser Sitte ist es

zuzuschreiben, daß die meisten tibetischen Männer beim ersten Anblick

den Eindruck sehr starken Körperbaues machen, während sie in Wahrheit

von ziemlich schmächtiger Gestalt sind.

Die Tibeter tragen einen Arm und einen Teil der Brust unbekleidet und

lassen den Ärmel lose herunterhängen. Der Grund hierfür, der vielen

Leuten rätselhaft erscheint, ist der, daß in Tibet die Tage sehr

heiß und die Nächte kalt sind. Der Unterschied der Thermometerstände

beträgt im südwestlichen Tibet zuzeiten 45 und selbst 55 Grad. Da die

Tibeter in den Kleidern schlafen, sind die Gewänder, die in der Nacht

den Körper vor dem Frost schützen, in der Sonnenglut zu schwer und

zu warm; deshalb benutzt man dieses einfache Auskunftsmittel. Beim

Niedersitzen werden beide Arme aus den Ärmeln gezogen und Brust und

Rücken bloß gelassen; beim Gehen aber wird ein Arm, gewöhnlich der

linke, durch den Ärmel gesteckt, um den Rock mit seinem schweren Inhalt

am Herunterfallen zu verhindern.

Was die tibetischen Stiefel anbetrifft, so stehe ich nicht an, sie vom

Nützlichkeitsstandpunkte aus für die besten der Welt zu erklären. Sie

haben alle Vorzüge, die ein Stiefel haben soll, besonders diejenigen

mit platten Sohlen aus dicker, geflochtener Schnur. Der obere Teil,

der aus rotem und grünem Filz gemacht ist, hält den Fuß warm, ohne

den Luftzutritt zu verhindern, und für die Zehen bleibt reichlicher

Raum, sich beim Gehen auszubreiten. Die Filzgamasche, die bis unter

das Knie reicht, hält die weiche Sohle des Stiefels platt unter dem

Fuße und erlaubt dem Knöchel vollständige und freie Bewegung. Die

hauptsächlichste Eigenschaft der tibetischen Fußbekleidung ist jedoch

die, daß der Fuß mit Ausnahme seines obern Teils von der dicken Sohle

eingeschlossen ist, wodurch das Einklemmen der Zehen zwischen Steine

verhindert wird, wenn man über Steinfelder geht.

Es gibt in Tibet vielerlei Stiefelsorten, aber das Prinzip ist immer

dasselbe. Die Stiefel sind stets Hausarbeit. Jeder macht sich die

seinen selbst, ausgenommen in großen Städten, wo man Schuhwerk kaufen

kann; natürlich ist dann die Qualität nicht auf gleicher Höhe. Die

Stiefel aus Lhasa haben z. B. feinere, weichere und elastischere Sohlen

als die in Schigatse gemachten, die hart und steif sind und sich viel

schneller abtragen sollen als die biegsamern der heiligen Stadt. Dann

gibt es auch welche mit Ledersohlen, die besonders für nasse oder

schneeige Gegenden gemacht werden; wenn diese mit Fett eingeschmiert

werden, sind sie vollkommen wasserdicht. Von solchen sind zwei Arten

in Gebrauch, die eine mit spitzen, aufwärts gekrümmten Zehenkappen,

um sich den Weg in den Schnee einzuschneiden, die andern von der

gewöhnlichen Form. Männer und Frauen tragen dieselben Stiefel. Die

vornehmern Lamas und Beamten tragen Lederstiefel nach chinesischer

Mode, die schwere Leder- oder Holzsohlen mit gewaltigen Nägeln haben.

Von Kopfbedeckungen gibt es unzählige Arten. Die eigentümlichste von

allen, die hauptsächlich von Soldaten und Dakoit getragen wird, ist

die in Kegelstumpfform mit breitem Rande, die gleich den Schuhsohlen

ganz aus geflochtener Schnur gemacht ist und am obern Ende ein Loch für

die Ventilation hat. Da der kegelförmige Teil zu klein ist, um auf dem

Kopfe zu halten, wird er mit zwei unter dem Kinn gebundenen Schnüren

auf dem Schädel festgehalten. Außerdem gibt es die kegelförmigen

braunen und grauen Filze, nicht unähnlich den in chemischen

Laboratorien gebrauchten Filtern, die in den bessern Qualitäten oft mit

einer goldenen, blauen oder roten chinesischen Stickerei verziert sind.

Der gemeine Tibeter liebt es nicht, sich den Kopf zu bedecken, und

wenn er auch oft in den losen Falten seines Rockes eine oder mehrere

Mützen untergebracht hat, trägt er unter gewöhnlichen Umständen selten

eine auf dem Kopfe. Beamte jedoch sieht man nie ohne eine runde Mütze

nach chinesischer Art mit einem Knopf auf der Spitze. Alle Männer mit

Ausnahme der Lamas, die den Kopf kahl scheren, tragen einen Zopf, der

zuweilen kurz und struppig, aber auch lang und mit einem Stück roten

Tuches verziert ist, mit dem er umnäht ist und mit welchem er durch

Ringe von Elfenbein, Knochen, Glas, Metall oder Korallen gezogen

wird. Silberne Zieraten, z. B. durchbohrte Münzen, werden viel zum

Schmuck der Männerzöpfe verwendet, und zu demselben Zwecke sind auch

Korallen- und Malachitschmucksachen in Tibet allgemein und werden

von den Eingeborenen sehr geschätzt. Die Männer tragen einen Ohrring

mit Malachitverzierungen, oft noch mit einem langen Gehänge daran.

Diese Ringe sind gewöhnlich von Messing und Silber, selten von Gold.

Häufiger als dieser einzelne Ohrring ist die messingene oder silberne

Amulettkapsel, die meist ein Bildnis Buddhas enthält und die fast jeder

Tibeter um den Hals gehängt trägt.

Die Tibeter sind überaus abergläubisch und glauben an jede Art der

Zauberei. Es ist dies die Folge der Unwissenheit, die auch an ihren

andern schlechten Eigenschaften schuld ist. Von den Lamas und den

höhern Beamten abgesehen, erhält das Volk nicht den geringsten

Unterricht; es wird in der finstersten Unwissenheit erhalten. Wenige

können lesen, niemand kann schreiben, und die Lamas sorgen schon dafür,

daß nur diejenigen es lernen, die sie brauchen können. Ehrlichkeit

und Ehre sind Eigenschaften, die in Tibet in jeder Klasse und jeder

Stellung fast unbekannt sind, und die Wahrheit von einem Tibeter

zu erfahren, ist nach dem Zeugnis aller Kenner des Landes geradezu

unmöglich. Grausamkeit ist dem Tibeter angeboren, und Laster und

Verbrechen wuchern überall üppig.

* * * * *

Nachdem der Verkauf der Jake abgeschlossen war, kauerten sich die

Jogpas zu einem kräftigen Mahle aus Tsamba, Tschura und Tee nieder. Sie

nahmen ihre hölzernen und metallenen Pukus aus den Röcken, füllten sie

schnell mit Tsamba, und nachdem sie darüber dampfenden Tee gegossen

hatten, der mit Butter und Salz in einem Butterfaß angemacht war,

rührten sie alles mit ihren schmutzigen Fingern in der Schale um, bis

sich ein Brei gebildet hatte; diesen rollten sie zu einer Kugel, die

sie in den Mund steckten. Dieser Prozeß wurde so oft wiederholt, bis

ihr Appetit befriedigt war. Jedesmal, ehe sie sie wieder füllten, wurde

die Schale rein geleckt. Da ihnen nach dem Essen die Sonnenhitze lästig

wurde, entledigten sich Männer und Frauen ihrer Kleider bis zur Taille

und zeigten dabei um den Hals Schmucksachen von Gold, Silber und Kupfer.

Die Weiber der Dakoit besaßen, wenn sie auch durchaus nicht schön

waren, einen gewissen, durch ihre Wildheit hervorgerufenen Reiz. Im

Gegensatz zur Mehrzahl der tibetischen Frauen hatten sie sehr gute

Zähne, und ihre Hautfarbe war nicht sehr dunkel, wenn auch die schwarze

Salbe, mit der Backen, Nase und Stirn beschmiert waren, sie dunkler

erscheinen ließ, als sie wirklich waren. Alle hatten sie regelmäßige

Gesichtszüge, und Augen und Mund waren ausdrucksvoll. Das Haar war

in zahllose kleine Zöpfe geflochten, die in einem anmutigen Bogen

über den Kopf aufgenommen waren. Dort wurden sie durch einen roten

Turban festgehalten, der so angeordnet war, daß er noch eine Reihe

kleiner Zöpfe auf der Stirn sehen ließ; die Enden waren der Reihe

nach miteinander verbunden. Sie trugen große goldene, mit Malachit

eingelegte Ohrringe. In ihrem Benehmen waren sie ungeniert und

kümmerten sich nicht im geringsten um die einfachsten Regeln des

Anstands.

Die Kinder waren gesprächig und hatten das Gebaren Erwachsener. Schon

im Alter von 8 und 10 Jahren führten sie Schwerter im Gürtel. In einem

Korbe, den ein Jak getragen hatte, war ein nur wenige Monate altes

Kind. Ich liebkoste es zum Entsetzen seiner abergläubischen Mutter, die

das Kind wegriß und des armen kleinen Wesens Gesicht wusch und rieb,

bis die Haut abging; sie sagte, Kinder müßten sterben, wenn sie von

Fremden berührt würden.

Als ich Reis von den Männern kaufte, wollten sie mich diesen nicht

berühren lassen, ehe er nicht mein Eigentum geworden wäre. Jedesmal,

wenn ich den Arm ausstreckte, um den Reissack zu berühren, wehrten sie

ab, und schließlich wurde mir eine Hand voll Reis aus beträchtlicher

Entfernung gezeigt, damit ich seine Beschaffenheit beurteilen könne.

Ich mußte zuerst die Handvoll kaufen, und nachdem ich mich versichert

hatte, daß er gut war, erwarb ich den Rest.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Am Mansarowar.

An demselben Nachmittag waren wir ungefähr zwei Kilometer in der

Richtung auf den Mansarowar weitergezogen, als wir von einem der Jogpas

angerufen wurden, die wir kurz zuvor verlassen hatten. Er ritt auf

uns zu, augenscheinlich in einem Zustand großer Erregung. Nachdem er

abgestiegen war, zog er sein Schwert und lief damit auf einen meiner

Jake zu. Da er uns zurief, daß er nichts Böses beabsichtige, ließen wir

ihn gewähren. Schließlich holte er den widerspenstigen Jak ein, warf

nach einem Kampfe mit dem unglücklichen Tiere seine Arme um dessen Hals

und legte seinen Kopf zwischen dessen Hörner. Ich war über diese Possen

nichts weniger als erfreut, da ich glaubte, daß dieser Überschwang

von Liebe nur ein Kniff wäre, um dem Tiere den Hals abzuschneiden. Zu

meinem Erstaunen fand ich, daß der junge Jogpa mit den Zähnen einen

Büschel von den Haaren des Jaks ergriffen hatte und sich bemühte, ihn

herauszureißen, während das Tier verzweifelte Anstrengungen machte,

seinen Peiniger abzuschütteln. Endlich gab das Haar nach, und mit einem

Mundvoll Haare, die zu beiden Seiten seiner festgeschlossenen Lippen

herabhingen, ließ der Jogpa den Kopf des Tieres los und führte mit

seinem Schwert einen Schlag nach dem Schwanze des Jaks.

Nun packte ich aber doch den Kerl bei seinem Zopfe, während er

seinerseits sich an den Schwanz des erschreckten Jaks klammerte, der

ausriß und uns in unangenehm schneller Gangart hinter sich her zog.

Während unserer tollen Jagd schnitt der Jogpa eine lange Locke aus dem

seidenen Haare des Jaks und schien, als er diese hatte, vollkommen

befriedigt. Er ließ los und steckte sein Schwert in die Scheide,

verbarg die gestohlenen Haare in seinem Rocke, machte uns tiefe

Verbeugungen und streckte wie gewöhnlich die Zunge heraus. Auf Befragen

erklärte er, daß man sicher von Unglück betroffen werde, wenn man bei

der Trennung von einem Tiere, das man besessen, nicht diese Vorsicht

gebrauche. Damit schloß der Zwischenfall.

Der Jogpa ritt beglückt fort, und wir verfolgten unsern Marsch über

die steinige Ebene, bis wir den Rücken erreichten, der sich quer durch

sie zieht und die beiden Seen voneinander trennt. Wir kletterten

bis zum Kamme hinauf, der zirka 5000 Meter über dem Meere liegt. Um

festzustellen, ob der Höhenzug die beiden Seen vollständig trennt, ging

ich bis zur Mitte des Rückens, wo ich fand, daß die nördliche Hälfte

des Rückens etwas niedriger ist als die südliche, aber immerhin mehr

als 100 Meter über dem Seespiegel liegt. Dieser Abstecher verursachte

einigen Zeitverlust, so daß wir, als die Nacht kam, noch auf dem Rücken

waren.

Von unserm Lagerplatze aus sahen wir fünfzehn schwarze Zelte an dem

Abhang; im Osten, am Seeufer, lag eine große Gomba, ein Lamakloster,

mit einem Tempel und einer Anzahl von Lehmhäusern. Ich schätzte die

Entfernung zwischen uns und der Gomba auf nur 15 Kilometer, eine

erfreuliche Entdeckung, da ich hoffte, dort frischen Proviant zu

bekommen, der es uns ermöglichen sollte, schneller vorwärtszukommen.

Wir waren jetzt ganz aus dem Bereiche der Soldaten von Gyanema, wie

auch aus dem des Tarjum von Barka und des Jong Pen von Taklakot. Wenn

wir nur nachts genügend Vorrat von Nahrungsmitteln erlangen und früh

am andern Morgen durch die Wildnis dringen konnten, war wenig Gefahr,

daß wir noch eingeholt würden. Die Schokas wurden bei dem Gedanken,

eine tibetische Niederlassung betreten zu sollen, wieder von Schrecken

ergriffen, ich erklärte ihnen aber bestimmt, daß wir die Gomba und das

Dorf Tucker erreichen müßten.

Unter uns lagen die beiden großen Seen. Der Teufelssee mit seinen

zerklüfteten steilen Ufern, seinen felsigen Inseln und seinen weit

ausgreifenden Halbinseln war für mich weit bezaubernder als der

Heilige See neben ihm, in welchem der Sage nach Mahadewa und alle

andern guten Götter wohnen. Obgleich das Wasser ebenso blau und

durchsichtig ist, obgleich beide Seen die große Gangrikette als

Hintergrund haben, ist der Mansarowar, die Schöpfung Brahmas, nach

dem er benannt ist, doch nicht annähernd so reizvoll wie sein weniger

heiliger Nachbar. Der Mansarowar hat keine Uferschluchten, die steil

aus seinem Wasser aufsteigen, in dem ihre lebhaften Farben wie in

einem Spiegel widerglänzen; er bildet ein fast vollkommenes Oval ohne

Einbuchtungen. Eine steinige, langsam sich abdachende Ebene von etwa

dreieinhalb Kilometer Breite liegt zwischen dem Rande des Wassers und

den umgebenden Bergen, mit Ausnahme der Strecke längs des Rückens, der

ihn vom Rakastal trennt, dessen Ufer wilder und steiler ist.

Direkt südlich von dem See erhebt sich eine Kette von hohen,

schneebedeckten Gipfeln, in der mehrere Ströme entspringen. Von unserm

Standpunkte aus konnten wir deutlich sehen, daß das Niveau des Rakastal

einst mindestens 10 Meter höher gewesen sein muß, als es jetzt ist.

Das schräge Bett von kleinen, abgerundeten, glatten Steinen, das sich

bis dreieinhalb Kilometer über den heutigen Wasserrand hinausstreckt,

ist Beweis genug, daß das Wasser einst bis dorthin gereicht hat. Ich

glaube, daß es noch in allmählichem Zurückweichen begriffen ist.

Rund um den See befinden sich mehrere baufällige Schuppen, die unter

der Obhut von Lamas stehen; aber nur ein wirkliches großes Kloster und

ein Tempel im Dorfe Tucker sind vorhanden.

Man erzählte mir, daß im Nordwesten des Sees eine kleine Gomba und

Serai unter Aufsicht von Lamas sich befinde, aber für die Richtigkeit

dieser Angabe kann ich nicht einstehen, da ich sie nicht selbst besucht

habe und die Mitteilungen über ihre Lage und Bedeutung, die ich von den

Tibetern erhielt, widersprechend waren.

[Illustration: Räuber.]

Wie sich die Natur der Landschaft zwischen dem Teufelssee und dem

Mansarowar plötzlich ändert, so waren auch das Wetter und die

Temperatur sehr verschieden. Über dem Rakastal sahen wir beständig

einen lieblich blauen Himmel, während über dem Mansarowar immer schwere

Wolken tief herabhingen und unaufhörlich Regen fiel. Von Zeit zu Zeit

trieb der Wind den Regen für einige Minuten fort, und dann war das

Spiel des Lichts auf dem Wasser reizend, bis neue Wolken unter heftigen

Donnerschlägen die Szenerie wieder düster und bedrückend machten.

[Illustration: Eingang in den Lamatempel von Tucker.]

Wir stiegen ungefähr 4 Kilometer zu der Ebene hinab und überschritten

ein reißendes Delta des Flusses Langa Tsangpo oder Langa; zwei

Kilometer weiter überschritten wir noch einen Fluß. Da diese Flüsse

direkt aus den Schneefeldern kommen, war das Wasser sehr kalt und

unterwegs infolge des Schmelzens von Schnee und Eis oft bis 1⅓ Meter

tief.

[Illustration: Unser Lager im Schutze einer Felswand mit der Inschrift:

»Om mani padme hum«.]

Kaum hatten wir die Ufer des Mansarowar erreicht, als aus den schweren

Wolken über unsern Köpfen ein solcher Regenschauer niederging, daß wir

in einem Augenblick bis auf die Haut durchnäßt wurden. Wir marschierten

sehr schnell, da alle unsere schweren Lasten jetzt auf den beiden Jaken

waren. Aber die Nacht war schon vorgeschritten und die Dunkelheit so

groß, daß wir nur wenige Zentimeter vor uns sehen konnten. Wir gingen

in drei bis fünf Zentimeter hohem Wasser, und ein starker Südostwind

trieb uns Regen und Hagel so heftig ins Gesicht und auf die Hände, daß

wir beträchtliche Schmerzen empfanden. In unsern nassen Kleidern froren

wir, und unsere Zähne klapperten, obgleich wir uns dicht aneinander

hielten und schnell marschierten. Von Zeit zu Zeit wurde der See von

einem grellen Blitzstrahl erhellt, dem ein furchtbarer Donnerschlag

folgte. Nach dem, was wir während der wenigen hellen Sekunden sehen

konnten, versuchten wir, unsern Weg nach dem Dorfe und der Gomba von

Tucker zu finden.

Die infolge des strömenden Regens angeschwollenen Flüsse waren schwer

zu durchschreiten, und das Wasser floß so reißend, daß wir uns eben

nur auf den Füßen halten konnten. Wir waren so naß, daß wir uns nicht

mehr die Mühe nahmen, Schuhe oder Kleider auszuziehen. Dreimal gingen

wir bis über die Hüften in das eisige Wasser hinein, dann wanderten wir

scheinbar endlos auf dem mit Steinen bedeckten Abhang. Wo wir gingen,

konnten wir nicht sehen, und der Sturm schien mit jedem Augenblick

schlimmer zu werden. Zwischen größern Steinen und Blöcken stolperten

wir dahin und fielen dann wieder auf schlüpfrigen Felsen übereinander.

Weiterhin versanken wir bis an die Knie in Schlamm, und jedesmal, wenn

wir den Fuß hoben, schien er wie von Blei zu sein.

»Bist du ganz sicher, Katschi, daß dieser See die Wohnung der Götter

ist?« fragte ich Katschi. »Selbst am Teufelssee hatten wir doch

besseres Wetter als jetzt.«

»Ja, Herr«, erwiderte Katschi. »Aber du machst die Götter zornig, und

deshalb schicken sie Donner, Hagel und Regen, um dein Vordringen

aufzuhalten. Du gehst gegen die Götter vor, Herr.«

»Laß gut sein, Katschi, es kann nicht ewig gießen.«

Um Mitternacht hatten wir keine Idee, wo wir uns befanden, aber wir

drangen vorwärts.

Waren wir an der Gomba schon vorüber? Hatten wir sie noch nicht

erreicht? Das waren die Fragen, die wir einander vorlegten. Mir schien

es, daß wir bei der Geschwindigkeit, mit der wir gingen, jetzt dem Orte

schon sehr nahe sein müßten, und doch konnten wir nach einer weitern

Stunde des Wanderns ihn noch nicht ausfindig machen. Ich war in dem

Glauben, daß wir ungefähr 16 Kilometer marschiert seien, und meinte,

daß wir an dem Kloster vorbeigegangen sein müßten; aber die Schokas

bestanden darauf, es sei nicht der Fall. So gingen wir weiter.

Wir waren noch nicht 500 Meter gegangen, als wir aus der Ferne

ein schwaches, uns willkommenes Hundegebell vernahmen. Es kam aus

Nordwesten, und wir vermuteten, daß es aus Tucker kommen müsse. In der

Dunkelheit waren wir zu weit südlich von dem Orte geraten.

Von dem Gebell geleitet, richteten wir unsere Schritte eilig direkt auf

die Ansiedelung. Das Geheul des einzelnen Hundes wurde auf einmal durch

das zornige Gebell von fünfzig andern verstärkt, aber trotzdem wir aus

dem Tone erkannten, daß wir uns dem Dorfe näherten, konnten wir den Ort

nicht finden, so dunkel und stürmisch war es. Erst als wir dicht vor

den Lehmhütten waren, bemerkten wir sie.

Es war zwischen 2 und 3 Uhr morgens. Der Regen goß noch in Strömen, und

nirgends ein Zeichen, daß irgendeiner der Einwohner willens gewesen

wäre, uns ein Obdach zu gewähren. Es konnte keine Rede davon sein,

unser kleines Zelt aufzuschlagen, denn unsere Sachen waren schon zum

Auswinden naß.

Das Geräusch, das wir machten, als wir an eine Tür klopften, war so

stark, daß die Tür selbst beinahe nachgab. Es war ein Serai, ein

Schutzhaus für Pilger; da wir den Anspruch erhoben, Pilger zu sein,

hatten wir nach den Landesgesetzen das Recht, eingelassen zu werden.

Nattu, der schon früher einmal auf einem andern Wege den See erreicht

hatte, führte uns zu diesem Hause.

»Ihr seid Dakoit,« sagte eine heisere Stimme von innen, »sonst würdet

ihr nicht um diese Stunde kommen.«

»Nein, das sind wir nicht«, sagten wir. »Bitte, öffnet. Wir sind

wohlhabende Leute. Wir wollen niemand etwas zuleide tun und für alles

bezahlen.«

»~Middu, middu!~ Kann nicht sein, nein! Ihr seid Dakoit, ich werde

nicht öffnen.«

Um zu zeigen, daß wir nicht das waren, was sie vermuteten, klopften

der treue Tschanden Sing und Dola wieder so sanft an die Tür,

daß der Riegel nachgab. Im nächsten Augenblick kauerten zehn

Fremdlinge sich rings um ein warmes Feuer nieder und trockneten

ihre zusammengeschrumpfte, durchweichte Haut am Feuer von trockenen

Tamarisken und Dung. Der Wirt, beiläufig gesagt ein Arzt, beruhigte

sich, als er sah, daß wir keine bösen Absichten hatten, und als er

einige Silbermünzen auf seiner Handfläche fand. Dennoch sagte er,

es würde ihm lieber sein, wenn wir anderswo schliefen, nebenan wäre

eine vortreffliche leere Hütte. Als wir hierauf eingingen, führte er

uns an den Ort, wo wir den Rest der Nacht oder vielmehr des Morgens

zubrachten.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

In der Lamaserei.

Unser Aufenthaltsort war ein aus Steinen und Lehm erbautes

eingeschossiges Haus mit flachem Dach. Es hatte zwei Zimmer, von denen

das erste sein Licht durch die Tür empfing, während das zweite, größere

eine viereckige Öffnung in der Decke hatte, die dem dreifachen Zwecke

der Ventilation, des Lichtzutritts und der Entfernung des Rauches von

dem Feuer diente, welches gerade darunter in der Mitte des Zimmers

brannte. Die Balken und Sparren, die das Dach trugen, waren von jenseit

des Himalaja herübergebracht worden, da sich im westlichen Tibet kein

Holz findet.

Dieses Serai wurde von einem jungen, halb wahnsinnigen Lama verwaltet,

der mit Begrüßungen äußerst verschwenderisch war und längere Zeit mit

offenem Munde dastand und uns anstarrte. Er war so freundlich, uns am

Morgen zu helfen, unsere Sachen zu trocknen. Wir mochten fordern, was

wir wollten, immer rannte er mit tollen Ausbrüchen von Heiterkeit aus

dem Serai und brachte stets, was wir wünschten.

Das schwere Gewitter während der Nacht hatte unser Zimmer überschwemmt,

und nur in einer Ecke war es etwas trockener als auf dem übrigen Teil

des Fußbodens; in dieser Ecke schliefen wir alle, in einen Haufen

zusammengekrochen.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 14 / 28 段