Als ich einen hochgelegenen Punkt bestieg, entdeckte ich, daß außer

von der Wache, die wir im Norden vor uns hatten, unser Weg auch noch

nach Osten und nach Westen von tibetischen Soldaten versperrt war. Es

war nicht möglich, während des Tages weiterzukommen, ohne gesehen zu

werden; doch ich weigerte mich entschieden, nach Süden zurückzugehen.

Ich hielt eine Unterredung mit meinen Leuten ab, die jetzt scheinbar

ergeben und fügsam waren. Sie willigten ein, mich bis zum Maiumpasse,

auf dem Wege nach Lhasa, zu begleiten, eine Strecke, die wir auf

ungefähr 15 bis 18 Tagemärsche schätzten. Auch darauf gingen sie ein,

sich zu bemühen, Jake und Nahrungsmittel für mich zu erlangen; ich

versprach sie alsdann zu entlassen.

Die Nacht war dunkel und stürmisch, und wir stießen bei unserm

Vorwärtsdringen auf viele Schwierigkeiten, da der Boden bald glatt und

schlüpfrig, bald mit Gesteinstrümmern und Felsblöcken bedeckt war. Wir

konnten nicht weit sehen, und obgleich wir aus der Neigung des Abhanges

wohl erkannten, daß wir an einem Abgrund entlang wanderten, konnten wir

nichts wahrnehmen als einen leuchtenden Streifen tief, tief unten; es

war ohne Zweifel der Fluß.

Ich konnte mir nicht erklären, was dieses Leuchten des Wassers

verursachte; es konnte nicht vom Widerschein des Sternen- oder

Mondlichtes kommen, weil der Himmel gerade sehr bewölkt war; dazu hatte

der Fluß eine ganz eigentümliche, grünliche Färbung.

Das Gehen war so beschwerlich und mühsam, daß wir vier Stunden

brauchten, um ungefähr 5 Kilometer zurückzulegen. Unsere Hände waren

von den scharfen Steinen zerschunden und bluteten. Ich musterte

meine Leute. Der arme Man Sing, der Aussätzige, fehlte. Als wir ihn

zuletzt gesehen, hatte er unter seiner Last jämmerlich gestöhnt

und war beständig gestolpert und gestürzt. Zwei Mann wurden nach

ihm ausgeschickt, aber nach einstündigem Suchen war es ihnen noch

nicht gelungen, ihn zu finden. Darauf gingen der treue Tschanden

Sing und der Schoka Dola auf die Suche, da ich den armen Kerl nicht

verlassen wollte, wenn er irgendwie gerettet werden konnte. Nach

einer weitern Stunde ängstlichen Wartens kamen beide zurück und

brachten den Unglücklichen mit. Hände und Füße des armen Burschen

waren bös mitgenommen, und er konnte nicht aufrecht stehen. Er war vor

Erschöpfung ohnmächtig hingefallen, und zufällig waren Tschanden Sing

und Dola in der Dunkelheit über seinen fast leblosen Körper gestolpert.

Von seiner Person abgesehen, würde sein Verlust sehr schmerzlich für

mich gewesen sein, da er mein Bettzeug und meine photographischen

Apparate trug.

Es fing an zu hageln und zu regnen, und die Kälte war stark. Wir fuhren

tapfer fort, emporzuklimmen, wobei Tschanden Sing und ich dem armen

Aussätzigen vorwärts halfen. Der Marsch war jetzt weniger schwierig, da

wir in einer Bodensenkung entlang gingen und vor dem durchdringenden

Winde geschützt waren, der uns bis jetzt Regen, Hagel und Schnee

heftig ins Gesicht getrieben hatte. Langsam legten wir noch ungefähr

5 Kilometer zurück. Unterdessen hörte der Sturm auf, und die Luft wurde

herrlich klar.

Als wir den über 5180 Meter hohen Paß erreichten, wurden wir durch

eine merkwürdige optische Erscheinung überrascht. Die größern Sterne,

die von einem blendenden Glanze waren, wie ich ihn in meinem Leben

nie gesehen, schienen am Himmel schnell und plötzlich hin und her zu

schwingen, indem sie kurze Bogen beschrieben und jedesmal wieder in

ihre normale Stellung zurückkehrten. Die Wirkung war so unheimlich,

daß das erste, was mir einfiel, war, es müsse an meinen Augen etwas

nicht in Ordnung sein. Aber meine Gefährten sahen dieselbe Erscheinung.

Seltsam war bei diesem Phänomen auch, daß die dem Horizont nähern

Sterne hinter dem Gebirge verschwanden und wieder erschienen. Bei

diesen dem Horizont nähern Himmelskörpern waren auch die Schwingungen

weniger schnell, aber der Winkel des von ihnen beschriebenen Bogens

maß fast das Doppelte von dem, den die Sterne direkt über unsern

Köpfen beschrieben. Die Schwingungen der letztern waren ab und zu so

schnell, daß der Stern selbst nicht mehr zu erkennen war, sondern nur

eine fortlaufende Lichtlinie auf dem dunkeln Hintergrunde des Himmels

erschien. Diese merkwürdige optische Täuschung, die bald, nachdem der

Sturm sich gänzlich gelegt, begonnen hatte, dauerte einige Zeit; dann

wurden die Schwingungen allmählich weniger heftig, und die Sterne

nahmen schließlich ihren normalen Stand wieder ein und leuchteten in

unbeschreiblicher Schönheit.

Wir überschritten den Paß und machten auf der nördlichen Seite halt,

denn die Füße meiner Leute waren in einem solchen Zustande, daß sie die

Schmerzen nicht länger ertragen konnten.

Als wir am andern Morgen aufwachten, fanden wir, daß das Thermometer,

das in der Nacht bis auf 11 Grad unter Null gefallen war, auf 1 Grad

unter Null gestiegen war und daß wir in einen dichten Nebel gehüllt

waren, der uns bis ins Mark hinein erkältete. Mir hingen Eiszapfen von

Schnurrbart, Augenbrauen und Haar herab, und meine Backen und die Nase

waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die durch den Niederschlag

und den Atem auf dem Gesicht entstanden war.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Teufelssee und der Heilige See.

Während unserer Nachtmärsche, die uns an Bergen von beträchtlicher Höhe

hinauf- und hinabführten, hatten wir natürlich Abenteuer aller Art,

die viel zu zahlreich waren, um hier in allen Einzelheiten erzählt zu

werden.

Unter beständigen Schneestürmen überschritten wir Gebirgszug nach

Gebirgszug, wanderten während der Nacht und verbargen uns am Tage,

lagerten in sehr großen Höhen und erduldeten harte Entbehrungen.

Ich führte meine Leute auf den Rakastal, den Teufelssee, zu. Eines

Tages, als wir zu 5350 Meter Höhe emporgestiegen waren, hatten wir

eine prachtvolle Aussicht auf die beiden großen Wasserflächen, den

Lafan-tscho und Mafan-tscho, oder die Seen Rakastal und Mansarowar,

unter welch letztern Namen sie außerhalb Tibets gewöhnlich bekannt sind.

Nördlich von den Seen erhebt sich der prachtvolle Tize oder heilige

Berg Kelas, der die andern Schneegipfel der von Nordwesten nach

Südosten laufenden Gangrikette um mehr als 600 Meter überragt. -- Wir

konnten von dieser Stelle aus deutlicher als von Lama Tschokden den

Streifen um den Fuß des Berges sehen, der der Sage nach durch den

Strick des Rakas oder Teufels gebildet wurde, als dieser versuchte,

diesen Thron der Götter niederzureißen.

Der Kelas, der große heilige Berg, ist infolge seiner eigentümlichen

Gestalt von fesselndem Interesse. Sie gleicht dem Riesendache eines

Tempels, aber meiner Meinung nach fehlt ihr die Anmut der sanft

geschwungenen Bogenlinien, wie man sie am Fujijama in Japan findet,

dem vom künstlerischen Standpunkte schönsten Berg, den ich je gesehen

habe. Der Kelas ist eckig, unangenehm eckig, möchte ich sagen, und

trotzdem seine Höhe, die lebhafte Färbung seiner Basis und die

Schneemassen, die seine Abhänge bedecken, ihm einen eigentümlichen

Reiz geben, fiel er mir doch als äußerst unmalerisch auf, wenigstens

von dem Punkte aus, von dem ich ihn sah und von wo er ganz sichtbar

war. Wenn Wolken um ihn spielten und seine Formen milderten, erschien

er für das Auge des Malers am vorteilhaftesten. So habe ich ihn

besonders bei Sonnenaufgang wunderschön gesehen, wenn die eine Seite

von dem aufsteigenden Tagesgestirn rot und gelb gefärbt war und seine

Felsmasse sich majestätisch von einem Hintergrunde leuchtenden Goldes

abhob, während hoch oben sein Gipfel emporragte, von einer Menge

runder Wölkchen umkränzt, die sich phantastisch über den sonst klaren

Himmel ausbreiteten. Mit meinem Fernrohr konnte ich, besonders an der

Ostseite, deutlich den Engpaß sehen, durch den die Anbeter die Runde um

den Fuß des Berges machen.

Die Pilgerfahrt rund um den Kelas nimmt gewöhnlich drei Tage in

Anspruch; einige führen sie in zwei Tagen aus, und unter günstigen

Umständen ist sie sogar in einem Tage zu machen. Es ist bei den Pilgern

Brauch, unterwegs Gebete herzusagen und Opfer darzubringen. Die

Fanatischern unter ihnen legen den Weg kriechend wie Schlangen zurück,

indem sie sich platt auf den Boden legen; andere wieder gehen auf

Händen und Knien, und noch andere gehen rückwärts.

Der Tize oder Kelas hat eine Höhe von 6650 Meter und der Nandi Phu

westlich von ihm 6230 Meter.

Die Tier- und Pflanzenwelt schien reichlich vertreten zu sein, denn

während ich das Panorama vor mir zeichnete, sprang ein Schneeleopard

auf und setzte anmutig an uns vorüber; auch schoß ich ein- oder zweimal

auf Gemsen, und wir sahen eine Anzahl von Kiang. Wir fanden Rhabarber,

der in der bedeutenden Höhe von etwa 5200 Meter gut zu gedeihen schien,

und an derselben Stelle eine Menge gelber Blumen.

Als wir uns den Seen näherten, schien die Atmosphäre mit Feuchtigkeit

gesättigt, denn kaum war die Sonne untergegangen, als starker Tau fiel,

der unsere Decken und Kleider durchnäßte. Wir waren 5050 Meter hoch in

einem schmalen, sumpfigen Tal, in das wir von dem letzten Gebirgszuge

steil hinabgestiegen waren. Von dem Gipfel des Gebirges aus hatten

wir viele Rauchsäulen gesehen, die aus der Umgebung des Rakastal

emporstiegen, und wir schlossen daraus, daß wir wieder mit großer

Vorsicht vorwärts gehen müßten.

Wir kochten unser Essen, verlegten zu größerer Sicherheit mitten in der

Nacht unser Lager in nordwestlicher Richtung auf die Höhe des Plateaus

und setzten am Morgen unsern Marsch hoch über der prachtvollen blauen

Wasserfläche des Teufelssees mit seinen hübschen Inseln fort.

»Sahib, siehst du jene Insel?« rief der Mann aus Kuti, indem er auf

einen kahlen, aus dem See hervorragenden Felsen wies. »Auf ihm«, fuhr

er fort, »lebt ein Lama-Einsiedler, ein heiliger Mann. Er ist dort seit

vielen Jahren allein, und ihm wird von den Tibetern große Verehrung

erwiesen. Er lebt fast ausschließlich von Fischen und gelegentlich von

Schwaneneiern; nur im Winter, wenn der See gefroren ist, wird eine

Verbindung mit dem Ufer eingerichtet und Vorräte werden ihm gebracht,

denn es gibt weder Boote auf dem Rakastal noch irgendeine Möglichkeit,

Flöße anzufertigen, wegen des Mangels an Holz. Der Einsiedler schläft

in einer Höhle, kommt aber gewöhnlich ins Freie, um zu Buddha zu beten.«

Während der folgenden Nacht, als alles still war, trug eine leichte,

aus Norden wehende Brise uns von Zeit zu Zeit schwach und undeutlich

das Geheul des Einsiedlers zu.

»Was ist das?« fragte ich die Schokas.

»Es ist der Einsiedler, der zu Gott spricht. Jede Nacht klettert er auf

den Gipfel des Felsens und richtet von dort seine Gebete an Buddha, den

Großen.«

»Wie ist er gekleidet?« fragte ich.

»In Felle.«

Am Nachmittag hatten wir einen ergötzlichen Zwischenfall.

Wir kamen an einen Bach, an dem weiter abwärts eine Anzahl von

Männern, Frauen und Hunderte von Jaken, Schafen und ungefähr dreißig

Pferde waren. Die Schokas wurden ängstlich und sagten sofort, die

Leute seien Räuber. Ich behauptete das Gegenteil. Katschi stellte

die Behauptung auf, die einzige Art, Räuber von ehrlichen Leuten zu

unterscheiden, sei, sie sprechen zu hören, weil die Räuber, wenn sie

sich unterhielten, gewöhnlich schrien, so laut sie könnten, und eine

Sprache führten, die durchaus nicht gewählt sei, während wohlhabende

Tibeter sanft und gebildet sprächen. Ich hielt es daher für das einzig

Richtige, hinzugehen und uns den Leuten vorzustellen, wobei wir dann

durch den Ton ihrer Stimme ihre Beschäftigung herausfinden würden. Dies

paßte jedoch meinen Schokas nicht; wir befanden uns daher in einer

etwas schwierigen Lage. Denn um weiterzugehen, mußten wir entweder an

dem tibetischen Lager vorbei oder südwärts um einen Berg herum, was

bedeutende Mühe und Zeitverlust verursacht haben würde. Wir warteten,

bis die Nacht kam, und beobachteten unbemerkt die Tibeter. Wie es bei

ihnen gebräuchlich, zogen sie sich bei Sonnenuntergang in ihre Zelte

zurück.

Meine Leute zurücklassend, kroch ich während der Nacht in ihr Lager

und blickte verstohlen in eins ihrer Zelte. Die Männer kauerten auf

dem Boden rund um ein Feuer, auf dem zwei Gefäße mit Tee dampften. Ein

alter Mann mit scharfmarkierten mongolischen Gesichtszügen, die noch

verstärkt wurden durch die tiefen Schatten, die der Schein des Feuers

über seine eckigen Backenknochen und die vortretende, gefurchte Stirn

warf, drehte emsig sein Gebetrad von links nach rechts und wiederholte

mechanisch das gewöhnliche »~Om mani padme hum~«. Diese Worte stammen

aus dem Sanskrit, beziehen sich auf die Wiederfleischwerdung Buddhas

aus einer Lotosblume und bedeuten wörtlich: »Om, das Kleinod in dem

Lotos! Amen.« Zwei oder drei Männer, deren Gesichter ich nicht sehen

konnte, da sie sich sehr tief bückten, waren damit beschäftigt, Geld zu

zählen und verschiedene Gegenstände indischer Herkunft zu prüfen, die

ohne Zweifel den Schokas geraubt worden waren. Es war ein Glück, daß

sie keine Hunde im Lager hatten.

Als ich den besten Weg entdeckt hatte, um unbemerkt an ihnen

vorbeizukommen, ging ich zu meinen Leuten zurück und führte sie mitten

in der Nacht an dem Lager vorüber. Wir gingen etwa zwei Kilometer über

dieses Lager hinaus, und nachdem wir eine gutgeschützte Stelle gewählt

hatten, wo wir ohne Furcht vor Entdeckung ruhen konnten, legten wir

unsere Lasten nieder und versuchten ein paar Stunden zu schlafen.

Bei Sonnenaufgang erwachten wir und waren sehr erschreckt, uns von

einer Bande Dakoit umringt zu finden. Es waren unsere Freunde von der

vergangenen Nacht, die unsern Spuren gefolgt waren und, da sie uns für

Schokahändler hielten, jetzt eine kleine Plünderung vorhatten. Bei

ihrer Annäherung erhielten sie einen etwas warmen Empfang, und ihr

sofortiger Rückzug war mehr eilig als würdevoll.

Wir setzten unsern Weg zum Teufelssee fort. Um unser Essen zu kochen,

hielten wir ungefähr ein Kilometer vom Ufer des Sees.

Ich hatte meine Instrumente, mit denen ich Längenbestimmungen

und Höhenmessungen vornahm, eben wieder eingepackt und lag lang

ausgestreckt in der Sonne in einiger Entfernung von meinen Leuten, als

es mir vorkam, als sähe ich etwas sich bewegen. Ich sprang sofort auf,

und siehe, ein kräftiger Tibeter kroch nur wenige Meter von mir auf

dem Boden entlang, ohne Zweifel in der Absicht, sich meiner Flinte zu

bemächtigen, ehe ich Zeit haben könnte, ihn zu entdecken. Zum Unglück

für ihn war er nicht schnell genug, und so war alles, was ihm sein

Versuch eintrug, eine tüchtige Tracht Prügel mit dem Kolben meines

Mannlicher.

Es war einer der Räuber, die wir am Morgen gesehen hatten. Zweifellos

waren sie uns gefolgt und hatten uns den ganzen Weg über beobachtet.

Als der Kerl seine erste Überraschung überwunden hatte, forderte er uns

mit einer ergötzlichen erheuchelten Unschuldsmiene auf, sie zu besuchen

und die Nacht in ihrem Zelt zuzubringen. Sie wollten uns königlich

bewirten, sagte er. Da uns aber die Art der Gastfreundschaft der Dakoit

wohlbekannt war, lehnten wir die Einladung höflichst ab. Der Räuber

ging etwas enttäuscht weg, und wir setzten unsern Marsch am Ufer des

Teufelssees fort. Auf der ganzen Strecke zeigten sich deutliche Spuren,

daß das Niveau des Sees in einer frühern Epoche viel höher gewesen sein

mußte, als es jetzt war.

Wir begegneten vielen Tibetern. Wenn sie uns näherkommen sahen, rissen

sie gewöhnlich aus, ihre Schafe und Jake vor sich her treibend. Wir

trafen auch zwei tibetische Weiber, die sehr schmutzig waren und ihr

Gesicht mit schwarzer Salbe beschmiert hatten, die die Haut vor dem

Aufspringen in dem scharfen Wind bewahren soll. Sie waren in lange

Schaffellgewänder gekleidet, die jedoch schäbig und schmutzig waren,

und ihre Haare waren so unrein, daß sie einen ekelhaften Geruch

ausströmten. Ich rief ihnen zu, uns nicht zu nahe zu kommen; denn

obgleich diese Weiber keinen Anspruch auf Schönheit machen konnten und,

soweit ich sah, keinerlei Reiz besaßen, da die eine alt und zahnlos

war, die andere eine Haut wie eine Eidechse hatte, versuchten sie

doch, uns in ihre Zelte zu locken, jedenfalls damit wir von ihren

Männern ausgeplündert würden. Meine Leute schienen jedoch von ihren

komischen Reden und Gebärden wenig angezogen, und ich eilte vorwärts,

um dieses gefährliche Pack möglichst bald loszuwerden.

Vier Tibeter, die den Versuch machten, Tschanden Sing die Flinte aus

den Händen zu reißen, erhielten von ihm eine tüchtige Tracht Prügel.

Hiernach wurden wir zum Glück den übrigen Teil des Tages hindurch in

Ruhe gelassen. Abends schoß Tschanden Sing auf einen schwarzen Wolf,

der dicht an das Lager herankam, und ich entdeckte ungefähr 30 Meter

über dem Spiegel des Sees ein in die Bergwand eingebettetes Lager von

gigantischen Fossilien. Es tat mir sehr leid, daß es wegen ihrer Größe

und ihres Gewichtes unmöglich war, sie auszugraben und mitzunehmen.

Da wir fast sicher waren, daß wir die ganze Zeit von den zahlreichen

Jogpas, denen wir begegneten, beobachtet würden, mußten wir

versuchen, sie zu täuschen, indem wir taten, als lagerten wir uns vor

Sonnenuntergang, wobei wir ein Feuer anzündeten. Später entfernten

wir uns und gingen, im Dunkeln tappend, mehrere Kilometer, bis wir

hoch oben am Berghang einen Platz fanden, wo wir uns für ganz sicher

hielten. Während der Nacht fiel starker Schnee, und wie gewöhnlich

erwachten wir mit Eiszapfen, die an Bärten, Augenwimpern und Haaren

hingen; dennoch fühlten wir uns trotz der ungewöhnlichen Beschwerden,

die wir täglich zu erdulden hatten, verhältnismäßig wohl.

Ich vermochte von vielen Punkten aus festzustellen, daß, wie die

Abbildung S. 129 zeigt, der Rücken zwischen dem Rakastal und dem

Mansarowarsee ununterbrochen fortläuft, und daß keine Verbindung

zwischen den beiden Seen besteht. Mit Ausnahme einer kleinen Senkung

ungefähr in der Mitte hat der Rücken auf der ganzen Strecke eine

durchschnittliche Höhe von 300 Meter, eine Tatsache, die die Annahme,

daß beide Seen eigentlich nur ein einziger sind, für immer beseitigen

muß. Ich erfuhr auch von den Eingeborenen, daß keinerlei Zusammenhang

zwischen den beiden großen Wasserbecken besteht, obgleich die Senkung

in dem Rücken es wahrscheinlich macht, daß in einer sehr fernen Periode

ein solcher bestanden hat. Der tiefste Punkt in dieser Depression liegt

mehr als 100 Meter über dem Seespiegel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Unter den Räubern.

Gerade als ich das Ufer des Rakastal verlassen wollte, ereignete sich

ein glücklicher Zufall.

Wir waren von einer andern Bande von Dakoit entdeckt worden, die

sich sehr bemühte, uns einzuholen. Ich hatte sie mit einem Fernrohre

erspäht, wie sie uns in höchster Eile nachritten. Sie trieben

ungefähr zwanzig Jake in ungewöhnlich schnellem Trab vor sich her und

ritten Pferde. Wir waren ihnen ungefähr drei Kilometer voraus. In

halsbrechender Eile sahen wir sie gerade auf uns zukommen. Als ich

Befehl zum Halten gab, wurden meine Leute von Furcht ergriffen.

Die Räuberbande kam näher. Sie ließen die Jake unter der Obhut von

zwei Weibern. Als sie in einer Reihe auf uns losgaloppierten, waren

meine Leute mit Ausnahme von Tschanden Sing und Man Sing vor Furcht wie

gelähmt.

Die Räuber waren jetzt nur noch hundert Meter von uns entfernt. Mit der

geladenen Flinte in der einen und meiner Kamera in der andern Hand ging

ich ihnen entschlossen entgegen. Mit ihren veralteten Luntenflinten

brauchen sie beträchtliche Zeit, bis sie die Lunte anzünden und einen

Schuß abfeuern können. Überdies ist es ihnen fast unmöglich, vom Pferde

aus zu schießen, da ihre Waffen zu schwer und unhandlich sind.

Ich stellte meinen photographischen Apparat ein und wartete, bis ich

sie gut auf der Visierscheibe hatte. Dann löste ich den Momentverschluß

aus, als sie nur noch dreißig Meter entfernt waren und eben von ihren

Pferden herunterkletterten. Nachdem die Kamera ihre Schuldigkeit getan

hatte, legte ich sie schnell auf die Erde, und nun kam die Büchse

daran. Ich schrie ihnen zu, die Waffen niederzulegen, und um meinem

Befehl mehr Nachdruck zu geben, legte ich meinen Mannlicher auf sie an.

Ich glaube, eine sanftere Räuberbande war nicht zu finden, obgleich

dieses Gelichter oft tapfer ist, wenn es für sie leicht ist, mutig zu

sein. Ihre Luntenflinten flogen mit unglaublicher Schnelligkeit von den

Schultern auf die Erde. Die juwelenbesetzten Schwerter, die sie trugen,

wurden rasch neben die Feuerwaffen gelegt. Die Banditen fielen nieder,

nahmen ihre Mützen mit beiden Händen ab und streckten zum Zeichen des

Grußes und der Unterwürfigkeit die Zunge heraus. Ich konnte nicht

umhin, ein zweites Momentbild von ihnen aufzunehmen, denn sie sahen zu

komisch aus.

Mein Träger, den ich zurückgelassen hatte, um das Gepäck zu bewachen,

hatte Man Sing mit diesem Amte betraut und stand jetzt mit dem

Henry-Martini an meiner Seite, als eine der Frauen, nach Männerart

reitend, auf dem Schauplatze ankam. Sie war augenscheinlich über die

Feigheit ihrer Männer wütend, weshalb sie mir gefiel. Sie sprang vom

Pferde, kreischte so laut sie konnte, indem sie die Fäuste gegen die

noch vor mir knienden Männer schüttelte, und vor Wut schäumend, spuckte

sie zum Schluß auf die Räuber. Bei ihrer Ansprache an die Bande hatte

sie eine unangenehme Art, auf mein Gepäck hinzuzeigen, aber ihre Rede

schien auf die unterwürfige Menge wenig Eindruck zu machen.

Ich ging daher zu ihr hin, klopfte ihr auf die Schulter und gab ihr

sogar eine Rupie, um ihr den Mund zu stopfen. Sie griff hastig nach der

Münze und rieb sie auf ihrem Fellrocke, um das Silber zum Glänzen zu

bringen. Sie rieb das Geldstück, bis es ganz blank war, dann schlug sie

ihre feurigen Augen auf, starrte in die meinigen und streckte, um ihren

Dank auszudrücken, die Zunge heraus.

Katschi und Dola, die gut tibetisch sprechen, wurden jetzt

herbeigerufen, um die Stegreifritter in meinem Namen anzureden.

Die beiden Schokas waren in solcher Aufregung, daß sie kaum gehen,

geschweige denn sprechen konnten. Als sie jedoch sahen, wie ich mit

diesen vermeintlich schrecklichen Räubern umsprang, waren sie endlich

imstande, zu dolmetschen.

»Sie sollen mir einige Jake und Pferde verkaufen,« sagte ich, »ich

werde sie gut bezahlen.«

»Sie sagen, sie könnten es nicht tun. Der Tarjum würde ihnen die Köpfe

abschneiden, wenn er es erführe. Nur einen oder zwei Jake wollen sie

verkaufen.«

»Gut. Was kosten sie?«

»Zweihundert Silberrupien. Aber,« fügte Dola hinzu, »Sahib, gib ihnen

nicht mehr als vierzig. Das ist schon viel mehr, als die Tiere wert

sind. Ein guter Jak kostet sonst zehn bis sechzehn Rupien.«

Nach ungefähr vier Stunden Handelns, währenddessen die Banditen

allmählich von 200 Rupien auf 40 herabgingen und ich von 20 zu dieser

Summe hinaufstieg, kamen wir endlich dahin überein, daß ihre beiden

besten Jake mein Eigentum werden sollten. Dann kaufte ich noch

Packsättel und allerhand andere Raritäten von ihnen. Wir waren jetzt

sehr freundschaftlich miteinander. Sie gaben mir sogar Tee und Tsamba.

Die feurige Frau hielt immer noch die Augen auf mein Gepäck gerichtet,

und ihre Gier nach meiner Habe schien sich zu steigern, als sie mich

die Jake bezahlen sah. Aber wenn sie ein Auge auf meine Habseligkeiten

richtete, so hielt ich meine beiden darauf, und ich sorgte dafür, daß

meine Büchse nie aus meiner Hand und daß niemand mir je zu nahe kam.

Ich zählte das Geld auf, ungefähr 50 Rupien für sämtliche Einkäufe.

Jedes Geldstück wurde herumgereicht und von jedem der Verkäufer auf

seinen Klang geprüft. Als die ganze Summe übergeben war, wurden die

Geldstücke wieder von Hand zu Hand zurück herumgegeben und wieder

gezählt, damit ja kein Irrtum unterlaufe. In Tibet ist Zeit nicht

Geld, und meine Leser werden daher auch nicht erstaunt sein, wenn ich

ihnen sage, daß das wiederholte Zählen und Prüfen der kleinen Summe

zwei weitere Stunden in Anspruch nahm. Schließlich wurden uns die

beiden Jake übergeben. Der eine war ein ungeheuer großes, langhaariges,

schwarzes Tier, unruhig und sehr stark; der andere ebenfalls schwarz,

kräftig und behaart, aber etwas sanfter.

[Illustration:

_Aquarellskizze von H. S. Landor._ _F. A. Brockhaus, Leipzig._

~TIBETISCHE WAHRSAGERIN.~]

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 13 / 28 段