noch körperliches Unbehagen: ich war im Halbdunkel über den Gakkonfluß
von Stein zu Stein gesprungen, ausgeglitten und der Länge nach in
ungefähr 1½ Meter tiefes Wasser gefallen. Der Wind ging gerade sehr
stark, und das Thermometer war auf 3 Grad unter Null heruntergegangen.
Als ich in meinen nassen Kleidern dasaß und mit meinen Leuten unsere
augenblickliche Lage besprach, wurde es mir plötzlich kalt, und ich
fühlte mich so matt, daß ich dachte, ich würde zusammenbrechen. Es trat
ein heftiges Fieber ein, das so schnell zunahm, daß ich trotz meines
verzweifelten Strebens, nicht nachzugeben, fast in Delirium verfiel.
Meine Zähne klapperten, meine Temperatur war aufs höchste gestiegen,
und ich sah meine ganze Not in übertriebener Gestalt vor mir; der
Mißerfolg schien mir unvermeidlich.
Plötzlich, als ich fast in Verzweiflung war, kam mir ein
Auskunftsmittel in den Sinn, eine Idee, die vielleicht mehr für einen
Roman als für das wirkliche Leben geeignet war.
Vier meiner Leute sollten verkleidet, zwei als Händler, zwei als
Bettler, nach Taklakot gehen und Lebensmittel von meinen Feinden
kaufen. Wir im Lager Zurückbleibenden wollten uns inzwischen, bis sie
zurückkämen, gut verborgen halten. Ich sprach mit meinen Begleitern,
und nach einigem leichtbegreiflichen Widerstreben unternahmen es vier
Schokas, die gewagte Aufgabe auszuführen. Eine Entdeckung würde für sie
den Verlust ihres Kopfes bedeuten, dem wahrscheinlich noch grausame
Torturen aller Art vorangehen würden. Ich kann daher, trotzdem mich
diese Männer schließlich verrieten, doch nicht umhin, den Mut und die
Treue anzuerkennen, die sie in dieser schwierigen Lage bewiesen.
Meine Leute waren nachts außerordentlich gesprächig. Aus Furcht, von
den tibetischen Soldaten überfallen zu werden, schliefen wir nicht
und verbrachten Stunde auf Stunde mit dem Anhören von haarsträubenden
Geschichten von Räubern und tibetischen Martern, die schrecklich genug
waren, um uns wach zu halten.
Als es hell wurde, sammelten wir Nesseln, die sich beim Lager im
Überfluß vorfanden, und nachdem wir sie auf verschiedene Weise gekocht
hatten, verwendeten wir sie zu einem allerdings nicht besonders leckern
Mahl. Sie schmeckten uns damals nicht sehr schlecht, nur war es ein
Unglück, daß wir nicht mehr Salz hatten, denn dieses würde gewiß zur
Verdaulichkeit unserer Speise beigetragen haben. Wir halfen diesem
Mangel dadurch ab, daß wir sie mit einer doppelten Portion Pfeffer
vermischten. Es war eine Beruhigung zu wissen, daß, solange es bei
unserm Lager Nesseln gab, wir wenigstens nicht Hungers zu sterben
brauchten.
Der Vorrat an Lebensmitteln für meine Leute war jetzt auf vier Pfund
Mehl, zwei Pfund Reis und zwei Pfund Satu zusammengeschmolzen. Wir
gaben ihn den vier Leuten mit, die versuchen sollten, nach Taklakot zu
gehen, denn ihr Weg war lang und anstrengend, während für uns reichlich
Nesseln vorhanden waren, zu denen wir unsere Zuflucht nehmen konnten.
Ich instruierte die vier Schokas sorgfältig, wie sie in ihren
Verkleidungen einer nach dem andern in die tibetische Festung gehen
und wie sie die Lebensmittel nur in kleinen Mengen einkaufen sollten.
Wenn sie eine zu einer Last genügende Menge beisammen haben würden,
sollte sich ein Mann sofort auf den Weg nach unserm Lager machen; die
andern sollten ein paar Tagemärsche voneinander einzeln folgen, um sich
an einer bestimmten Stelle alle vier zu treffen und zusammen zu uns
zurückzukehren.
Es war eine aufregende Arbeit, die verschiedenen Verkleidungen
herzurichten und alles vorzubereiten. Nach wiederholtem Lebewohl
und Worten der Ermutigung verließen uns unsere Boten endlich, um
ihren gefahrvollen Auftrag auszuführen. Alles um uns schien ruhig,
so ruhig und sicher, daß ich es wagte, meinen Sextanten und den
künstlichen Horizont auszugraben, und eben dabei war, Längen- und
Breitenbestimmungen anzustellen, als zu unserm Schrecken eine Herde
von über 100 Jaken auf dem Paß im Norden von unserm Lager erschien und
langsam auf uns zukam.
Waren wir entdeckt, kamen die Leute des Tarjum hinter ihren Tieren her?
Es war keine Zeit zu verlieren. Instrumente und Decken wurden schnell
fortgeräumt und versteckt. Dann krochen wir auf allen vieren den Tieren
entgegen, die bei unserm Anblick stehengeblieben waren, und warfen mit
Steinen nach ihnen, um sie zum nächsten Bach hinunterzutreiben. Zu
unserm Glück taten wir dies gerade zur rechten Zeit, denn aus unserm
Versteck konnten wir an der andern Seite eine Anzahl Tibeter sehen,
die den von uns fortgetriebenen Jaken folgten. Sie gingen nur ein paar
hundert Meter unter uns vorbei; sie ahnten augenscheinlich von unserer
Gegenwart nicht das geringste. Sie sangen lustig und schienen nach
irgendwelchen Spuren zu spähen, denn sie bückten sich oft, um den Boden
zu untersuchen.
Am Nachmittag schlug ich zum Rekognoszieren den Weg nach Gyanema ein,
in der Hoffnung, selbst ungesehen, die Tibeter auf ihrem Wege nach und
von Taklakot vorbeikommen zu sehen.
Ich sah keine Soldaten. Aber eine starke Bande von Jogpas oder
Straßenräubern, die Tausende von Schafen und Jaken vor sich her
trieben, bot einen interessanten Anblick.
Sie ritten auf Pferden und schienen ihrem Anführer stramm zu gehorchen,
wenn er mit heiserer Stimme, sein Gebetrad drehend, Befehle gab. Sie
ritten flott dahin, die Frauen ebenso wie die Männer rittlings auf den
Pferden. Die Männer hatten Luntenflinten und Schwerter, und jedes Pferd
trug außer seinem Reiter Säcke mit Lebensmitteln, die hinter dem Sattel
angebunden waren.
Hinter Felsen hervor beobachtete ich den langen Zug und fühlte mich
einigermaßen erleichtert, als die letzten Reiter, die nur einige
zwanzig Meter von mir entfernt vorbeikamen, davonritten. Ich ging
zurück, und da mir schien, daß dieses Lager nicht ganz so sicher sei,
als ich zuerst vorausgesetzt hatte, machte ich mich mit meinen Leuten
daran, eine rohe Schanzmauer vor unserer hohen Plattform zu errichten.
Dieses Bollwerk entsprach dem doppelten Zweck, uns gegen einen Einblick
seitens der Tibeter zu schützen und für den Fall eines nächtlichen
Angriffs als Befestigung zu dienen.
Wieder war ein banger Tag verstrichen! Wir hatten unser letztes
Salzkorn verbraucht; noch ein Tag mit Nesseln als einzige Speise; ein
dritter Tag, ein vierter mit derselben Kost!
Wie die Nesseln uns zuwider wurden! Die Tage schienen endlos, wenn ich,
lang ausgestreckt auf einer Höhe über unserm Lager liegend, Stunde
auf Stunde das lange Plateau über dem Gakkonflusse mit dem Fernrohr
durchspähte, um nach unsern zurückkehrenden Boten auszublicken.
Jedesmal, wenn ich in der Ferne Menschen bemerkte, hüpfte mein Herz
vor Freude, aber wenn ich sie mir genauer besah, waren es Jogpas
(Straßenräuber) oder Dogpas (schmuggelnde Nomadenhorden) oder reisende
Humlis auf dem Wege nach Gyanema und Gartok. Und wie oft horchten wir
nicht und sahen ängstlich durch die Spalten in unserer Befestigung,
wenn irgendein ungewöhnliches Geräusch unser Ohr traf! Als dann die
Zeit dahinging und meine Leute immer noch nicht erschienen, fingen wir
an, Sorge um ihr Geschick zu hegen. Sollten sie uns verraten haben und
nie wieder zurückkehren? Oder waren sie vom Jong Pen, dem »Herrn der
Festung«, gefangengenommen und gefoltert worden?
Mein Träger, der etwas von einem Bonvivant an sich hatte, weigerte
sich, noch etwas zu essen; es sei besser, gar nichts als beständig
dasselbe zu essen. Er schwur, er könne zehn Tage lang fasten, und er
ersetzte die mangelnde Nahrung durch Schlafen.
Meine befestigte Wohnung war morgens, wenn die Sonne darauf schien,
recht behaglich, obgleich sie oft so warm wurde, daß wir sie verlassen
mußten, wenn das Thermometer bis 49, 50 und sogar 51 Grad anzeigte. In
einer Nacht hatten wir einen furchtbaren Sturm mit Schneegestöber. Die
Gewalt des Windes war so groß, daß unsere Mauer umgeweht wurde und auf
uns fiel, während wir unter ihrem Schutze schliefen. Die Stunden, die
wir der Ruhe zugedacht hatten, mußten nun damit zugebracht werden, die
Schäden wieder auszubessern, die der Sturm verursacht hatte.
Am Morgen sammelten wir gerade Nesseln zu unserm Mahl, als wir das
ferne Klingeln von rasch näherkommenden Pferdeglocken hörten. Schnell
löschten wir unsere Feuer aus, versteckten unsere Sachen und eilten
hinter unsere Verschanzung. Ich ergriff meine Büchse, Tschanden Sing
lud seinen Henry-Martini. Einer meiner Schokas, der zu weit entfernt
war, um unsere befestigte Wohnung noch zu erreichen, versteckte sich
hinter einigen Felsblöcken. Es war die höchste Zeit!
Ein halbes Dutzend Soldaten mit Luntenflinten über den Schultern, an
denen rote Fahnen befestigt waren, schlenderten nur einige Meter vor
uns lustig den Hügel hinauf. Nach der Art und Weise zu urteilen, wie
sie nach jeder Richtung ausschauten, suchten sie ohne Zweifel nach
mir; aber glücklicherweise wandten sie sich nie nach dem Felsennest
um, hinter dessen Mauern wir verborgen lagen. Sicher erwarteten sie,
in einem der Täler ein großes europäisches Zelt zu sehen, und ließen
es sich nicht träumen, daß wir da sein könnten, wo wir in der Tat
waren. Wir nahmen sie fest aufs Korn, hatten aber keine Veranlassung,
auf sie zu feuern. Sie ritten weiter, und der Ton ihrer Pferdeglocken
wurde schwächer und schwächer, während sie hinter dem Paß verschwanden.
Sicherlich konnten die Reiter nur Soldaten sein, die der Tarjum
ausgesandt hatte, um diesen Weg zu bewachen. Wahrscheinlich waren sie
jetzt auf dem Rückweg zu ihrem Herrn und Meister, sehr zufrieden, daß
der Sahib nicht im Lande zu finden war.
Wir nannten diese Stelle »Schreckenslager«, denn schrecklich waren die
Prüfungen, die uns hier widerfuhren.
Neunzehntes Kapitel.
Ein Mordanschlag.
Noch ein Tag rückte langsam seinem Ende entgegen, und noch immer keine
Spur von der Rückkehr unserer Boten! Zwei Mann erboten sich, nach
Kardam, einer einige Meilen entfernten Niederlassung, zu gehen, um zu
versuchen, Lebensmittel zu erlangen. Der eine von ihnen hatte an diesem
Ort einen Freund und glaubte, er würde von ihm Proviant für einige Tage
erhalten können.
Als Pilger verkleidet brachen sie auf, eine Verkleidung, die nicht sehr
schwierig anzulegen war, da ihre Kleider infolge unserer beschwerlichen
Märsche in der letzten Zeit in Fetzen zerfielen. Sie blieben den ganzen
Tag fort und kamen erst spät abends zurück, wo sie eine ergötzliche
Geschichte zu erzählen hatten.
Als sie einer Horde Dogpas begegnet waren, hatten sie dreist das
Lager betreten und Lebensmittel zu kaufen versucht. Leider hatten
die Dogpas nicht genug für sich selbst und konnten keine entbehren.
Beiläufig hatte man meinen Leuten mitgeteilt, daß Lando Plenki, der
Name, den mir die Tibeter gegeben hatten, ein großes Heer nach Tibet
hineingeführt habe und daß in Taklakot sowohl als auch an andern Orten
große Aufregung herrsche, die durch die Tatsache hervorgerufen sei,
daß der Sahib die außerordentliche Macht habe, sich unsichtbar zu
machen, wenn die tibetischen Soldaten in seiner Nähe seien. Man hatte
berichtet, daß er an vielen Stellen in Tibet gesehen worden sei. Um
ihn zu fangen, waren Soldaten nach allen Richtungen ausgesandt worden.
Seine Spuren waren mehrmals entdeckt und verfolgt worden, und doch
hatte man ihn nie finden können. Eilboten waren von Taklakot nach
Lhasa, eine Reise von 16 Tagen, und nach Gartok, einem großen Basar
in Westtibet, gesandt worden, um Truppen zu verlangen, die bei der
Gefangennehmung dieses geheimnisvollen Eindringlings helfen sollten,
von dem auch gesagt wurde, daß er die Macht habe, auf dem Wasser zu
gehen und über Berge zu fliegen. Als ich mir unsere Anstrengungen und
Leiden bei dem Übersteigen der Berge und dem Passieren der Wasserläufe
ins Gedächtnis zurückrief, kam mir dieser von den Tibetern über mich
gegebene Bericht nicht nur höchst phantasievoll, sondern fast grausam
ironisch vor. Jedenfalls war ich aber erfreut, daß die Tibeter mir
solche übernatürliche Kräfte zutrauten, denn dies mußte sicherlich von
Vorteil für mich sein, indem sie die Furcht davon abhielt, mit uns
handgemein zu werden.
Drei weitere Tage mußten wir in trauriger Ungewißheit und Sorge
über das Schicksal unserer nach Taklakot gesandten Boten zubringen.
Voll Verzweiflung hatten wir uns in unsere Festung zurückgezogen,
von Sorge erfüllt, sie könnten gefangen und enthauptet worden sein.
Es war 10 Uhr abends. Wir waren gänzlich erschöpft und schickten
uns zum Schlafengehen an. Unser Feuer unten am Rande des Baches war
in langsamem Erlöschen; totenstill lag die Natur um uns. Plötzlich
hörte ich das Geräusch nahender Schritte. Ich weckte meine Leute; wir
horchten und spähten durch die Spalten unserer Mauer. Waren es Tibeter,
die uns im Schlafe zu überfallen suchten, oder konnten es unsere Leute
sein, die endlich zurückkehrten?
Aufmerksam beobachteten wir die Schlucht, aus der das Geräusch kam.
Alle verhielten wir uns still, aber es fehlte bei meinen Leuten doch
nicht an Zeichen nervöser Aufregung. Der schwache Ton von Stimmen drang
an unser Ohr, und jetzt krochen vier taumelnde Gestalten vorsichtig zum
Lager. Bei dem trüben Lichte konnten wir nicht unterscheiden, ob es
unsere eigenen Boten waren. Wir standen atemlos, unbeweglich und stumm.
Die Gestalten kletterten weiter nach unserm Horste hinauf.
»~Kuan hai?~ Wer da?« rief ich.
»Dola!« antwortete eine Stimme, und im Nu begrüßten wir sie freudig
und herzlich. Aber unser Glück sollte nicht lange dauern. Die
Leute antworteten kaum. Sie schienen gänzlich erschöpft, sehr
niedergeschlagen und sichtlich erschreckt. Ich forderte sie auf, die
Ursache ihres Kummers zu erklären, aber, schluchzend und meine Füße
umarmend, zeigten sie großen Widerwillen, es mir zu sagen. In der Tat
waren die Nachrichten, die sie brachten, ernst und Ungemach verheißend.
»Deine Tage sind gezählt, Sahib!« rief Dola endlich. »Es ist unmöglich
für dich, lebend aus diesem Lande herauszukommen. Sie werden dich
töten. Der Jong Pen von Taklakot sagt, daß er deinen Kopf um jeden
Preis haben müsse.«
»Sachte, sachte, Dola«, erwiderte ich, bemüht, ihn zu beruhigen.
»Blicke nicht so weit voraus, sondern erzähle mir erst, wie ihr
Taklakot erreichtet.«
»O, Sahib, wir folgten deinem Plane. Unterwegs hatten wir viel zu
leiden, da die Märsche lang und schwierig waren und wir sehr wenig
Nahrung hatten. Zwei Tage lang gingen wir Tag und Nacht, hielten uns
abseits vom Wege und versteckten uns, sobald wir jemand sahen. Als wir
in die Nähe der tibetischen Festung kamen, bemerkten wir am Fuße des
Hügels einige Zelte nepalesischer Schokas. An dem Flusse stand Tag und
Nacht eine Wache, und es wurde scharfer Ausguck gehalten, um jeden, der
das Land betreten würde, anzuhalten und festzunehmen. Zwei Fakire, die
auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Mansarowarsee waren, hatten,
von den Gefahren nichts ahnend, den Lippupaß überschritten und waren
nach Taklakot gegangen. Dort wurden sie augenblicklich ergriffen und
beschuldigt, daß einer von ihnen der Sahib, also du, in Verkleidung
sei. Da die Tibeter nicht ganz sicher waren, wer von den beiden der
wirkliche Sahib wäre, züchtigten sie beide schwer und schlugen sie fast
tot. Was nachher aus ihnen geworden ist, konnten wir nicht erfahren.
Jedenfalls fanden die Tibeter später heraus, daß du über einen andern
Paß nach Tibet hineingekommen warst, und nun wurden Soldaten in jeder
Richtung ausgesandt, um nach dir zu suchen.«
»Kaum erschienen wir in Taklakot,« schluchzte Dola, »als man sich auf
uns stürzte und uns festnahm. Sie verhörten uns aufs peinlichste.
Wir gaben vor, Joharihändler zu sein, sagten, daß uns die Nahrung
ausgegangen sei und daß wir uns nach Taklakot aufgemacht hätten, um
Vorräte zu kaufen. Sie schlugen uns und behandelten uns schlimm, bis
dein Freund Zeheram, der Dorfoberste von Tschongur in Nepal, uns zu
Hilfe kam und sich für uns verbürgte, indem er die Summe von 30 Rupien
zahlte. Dann wurde uns erlaubt, in seinem Zelte zu bleiben, das
von tibetischen Soldaten streng bewacht wurde. Die Vorräte, die du
brauchtest, kauften wir heimlich von ihm und verpackten sie. Am Abend
gelang es Zeheram, die Soldaten, die uns bewachten, in sein Zelt zu
locken, und da gab er ihnen Tschökti zu trinken, bis sie besinnungslos
betrunken waren. Uns vieren glückte es, nach und nach mit unsern
Lasten zu entwischen. Standhaft marschierten wir drei Nächte lang und
verbargen uns zu größerer Sicherheit während des Tages. Nun sind wir zu
dir zurückgekommen, Sahib.«
Dola hielt ein paar Minuten inne.
»Sahib,« fuhr er fort, »man erzählte uns in Taklakot, daß über tausend
Soldaten nach dir suchen, und noch mehr werden aus Lhasa und Schigatse
erwartet, wohin der Jong Pen Eilboten geschickt hat. Sie fürchten
dich, Sahib, aber sie haben Befehle aus Lhasa, dich um jeden Preis
gefangenzunehmen. Sie sagen, du könntest dich unsichtbar machen, wenn
du willst, und so werden täglich Beschwörungen angestellt und Gebete
dargebracht, damit du in Zukunft gesehen und festgenommen werden
mögest. Einmal gefangen, werden sie kein Mitleid mit dir haben, und
du wirst geköpft werden; denn der Jong Pen ist wütend auf dich wegen
der herausfordernden Botschaften, die du ihm aus Garbyang geschickt
hast. Er hat den Soldaten Befehl gegeben, dich tot oder lebendig
einzuliefern, und wer deinen Kopf bringt, wird eine Belohnung von
500 Rupien erhalten.«
»Ich hatte keine Idee, daß mein Kopf so wertvoll sei«, konnte ich nicht
umhin laut lachend auszurufen. »Ich werde ihn in Zukunft sehr in acht
nehmen.«
In Tibet repräsentieren 500 Rupien (800 Mark) ein Vermögen, und der
Mann, der sie besitzt, gilt als reich.
Meine Leute waren indessen nicht in der Stimmung, zu lachen. Sie sahen
die ganze Sache als ernsthaft an.
Ich gab den vier Leuten ein ordentliches Geschenk. Alle Schokas
schluchzten jämmerlich und sagten, die Gefahr sei zu groß, sie würden
mich hier sogleich verlassen und keine Stunde länger bleiben.
Ich erwiderte, ich würde jeden Mann erschießen, der versuche, das Lager
zu verlassen. Da wir jetzt Lebensmittel für zehn Tage hätten, müßten
wir vorwärts gehen.
Verdrossen und murrend verließen die Schokas unser Felsennest und
gingen nach dem Bache hinunter. Sie sagten, sie zögen es vor, dort
unten zu schlafen. Ich vermutete, daß sie irgendeine List anwenden
wollten, und so blieb ich, anstatt zu schlafen, auf, um sie zu
beobachten. Mein Träger rollte sich in eine Decke ein und war wie
gewöhnlich bald eingeschlafen. Die Schokas zündeten ein Feuer an,
setzten sich um dasselbe und hielten, die Köpfe zusammensteckend,
im Flüsterton eine erregte Beratung ab. In der hitzigen Erörterung
sprachen einige lauter, als sie wollten, und da die Nacht besonders
still und die örtlichen Verhältnisse besonders geeignet waren,
Geräusche weit hören zu lassen, verstand ich viele Worte, die mir
zeigten, daß ich auf der Hut sein müsse. Ich war überzeugt, sie
verabredeten miteinander, meinen Kopf zu verkaufen und das Geld zu
teilen.
Die Männer rückten dichter zusammen und sprachen so leise, daß ich
nichts mehr verstehen konnte. Dann legten sie nacheinander jeder eine
Hand über die andere an einem Stocke entlang, bis dessen Ende erreicht
war; dann gab ihn jeder seinem Nachbar weiter, der dieselbe Prozedur
vornahm; eine komplizierte Art, das Los zu ziehen, die aber unter den
Schokas gebräuchlich ist. Schließlich zog der durch das Los bestimmte
Mann ein großes Gurkhamesser aus einer Last heraus und nahm die Scheide
ab. Der seltsame, beinahe phantastische Moment, als meine eigenen
Leute, die Gesichter von einer kleinen Flamme des flackernden Feuers
beleuchtet, alle nach meinem Horste emporblickten, hat sich in mir fest
eingeprägt.
Der entscheidende Augenblick für ihren Verrat war gekommen. Grausam und
verzerrt erschienen ihre Gesichtszüge, wie ich sie durch die Spalte in
der Mauer sah. Sie lauschten, um zu hören, ob wir schliefen. Alle bis
auf einen rollten sich, wie von Schrecken ergriffen, in ihre Decken
ein, die ihnen Kopf und Leib vollständig bedeckten. Eine Gestalt nur
saß, wie ich jetzt sehen konnte, einige Zeit neben dem Feuer, wie in
tiefes Nachdenken versunken. Nur von Zeit zu Zeit wandte der Verräter
seinen Kopf zum Felsen hinauf, dann horchte er. Endlich stand er auf
und trat mit den Füßen das Feuer aus.
Es war eine liebliche Nacht. Sobald die rötliche Flamme des Lagerfeuers
erloschen war, schienen die Sterne wieder wie Diamanten an dem kleinen
Fleck tiefdunkeln Himmels, der über meinem Kopfe sichtbar war.
Ich legte den Lauf meiner geladenen Büchse auf die Mauer; meine Augen
hafteten fest auf der schwarzen Gestalt dort unten. Ich sah, wie
sie tief niedergebeugt Schritt für Schritt bis zu meinem Standort
hinaufkroch; jedesmal, wenn ein herabrollender Stein ein Geräusch
verursachte, hielt sie still, um zu horchen. Jetzt war der Schoka
nur noch zwei oder drei Meter entfernt. Er schien zu zögern. Bereit,
aufzuspringen, hielt ich meine Augen fest auf den obern Rand der Mauer
gerichtet. Ich wartete eine Zeitlang, aber der Mann schien keine Eile
zu haben, und ich wurde ungeduldig.
Sachte, die Büchse in der Hand, stand ich auf, und als ich meinen
Kopf über die Mauer erhob, fand ich mich dem Manne auf der andern
Seite gegenüber. Sofort hatte er die Mündung meines Mannlicher dicht
an seinem Gesicht. Der verblüffte Schoka ließ sein Messer fallen und
stürzte, um Verzeihung flehend, auf die Knie.
Nachdem ich ihn mit dem Flintenkolben gehörig durchgeprügelt
hatte, schickte ich ihn zu seinen Freunden. Dem Manne fehlten alle
Eigenschaften zu einem Mörder. Aber ich fühlte doch, daß es geraten
sei, darauf zu achten, daß keine Störung während der Nacht stattfände.
Zwar versuchten zwei Leute, aus dem Lager fortzulaufen, aber ich
entdeckte es rechtzeitig. Dann war alles ruhig, bis die Sonne aufging
und die Nacht mit all ihren Plagen und Sorgen dahinschwand.
Bei meiner letzten Rekognoszierungswanderung auf den Hügel über dem
Lager hatte ich mit Hilfe meines Fernrohrs den Lagerplatz einer
tibetischen Wache erspäht, der ungefähr 5 Kilometer nördlich vor uns
lag. Ich teilte meinen Leuten diese Tatsache mit.
Am Morgen, als wir den Hauptteil unseres Gepäcks wieder ausgruben und
uns zum Aufbruch bereitmachten, trat einer meiner Leute, ein Mann aus
Kuti namens Nattu, vor und erklärte, er sei imstande, uns direkt nach
dem Mansarowarsee zu führen. Er schien sehnlichst zu wünschen, dies zu
unternehmen, und sagte, daß auf dem Wege, den er kenne, eine Entdeckung
unmöglich sein würde, und daß wir folglich bei Tage reisen könnten.
Von diesem Manne geleitet, marschierten wir den Bach entlang hinauf,
und ich war über die Bereitwilligkeit erstaunt, mit der die Schokas
darauf eingingen, weiterzuziehen. Nach kurzer Zeit jedoch war ich
überzeugt, daß der Verräter uns absichtlich nach derjenigen Stelle
führte, die ich am meisten zu vermeiden wünschte. Als ich Einwendungen
dagegen machte und dem Weitermarsch in jener Richtung Halt gebot,
lehnten sich meine Schokas dagegen auf und versuchten, ihre Lasten
wegzuwerfen und zu entwischen. Aber mein Träger versperrte ihnen
schnell den Weg in dem engen Bache von vorn, und ich verhinderte ihr
Entkommen auf der andern Seite. So mußten sie sich ergeben.
So schmerzlich es mir auch war, mußte ich sie doch alle hart züchtigen,
und während ich darauf achtete, daß keiner ausriß, schien Tschanden
Sing ein besonderes Vergnügen daran zu finden, sie umherzustoßen,
bis sie alle zur Vernunft gebracht waren. Als sie einem eingehenden
Kreuzverhör unterworfen wurden, gestanden sie offen, daß sie sich
verschworen hätten, mich der tibetischen Wache auszuliefern, um den
Schrecken der Tortur durch die Tibeter zu entgehen. Dieser letzte Akt
von Verräterei in Verbindung mit dem, was die Leute, die ich immer mit
besonderer Güte behandelt hatte, in der Nacht verübt hatten, war mir
zuviel. Ich nahm einen Stock und teilte Schläge sehr freigebig auf
ihre Rücken und Beine aus, wobei Nattu, der Mann aus Kuti, die größte
Portion bekam, weil er das Haupt der Verschwörung war.