Die Flucht aus dem Teufelslager.
Wir nannten dieses Lager »Teufelslager«, denn teuflisch war in der
Tat der Wind, der an unserm Zelte rüttelte, und der Schnee, der von
dem rasenden Sturm in unser Obdach geweht wurde. Während der Nacht
nahm der Wind an Wut zu. Es waren weder Holz noch Dung oder Flechten
zur Feuerung zu finden. Unsere Zelte waren in 5150 Meter Höhe
aufgeschlagen. Um den Gipfel des Gebirges zu ersteigen, würde ein
Aufstieg von 600 Meter nötig gewesen sein. Bei solchem Wetter waren
die Schwierigkeiten des Aufstiegs verzehnfacht, wenn wir auch, um der
Wachsamkeit der tibetischen Wachen zu entgehen, die unsere Bewegungen
auszuspionieren suchten, keine günstigern Chancen hätten haben können
als eine stürmische Nacht wie diese.
Ich machte mit dem Doktor ab, daß er das ganze Gepäck, das ich
zurückließ, und die Leute, die sich weigerten, mir zu folgen, nach
Garbyang zurücknehmen solle. Er mußte alle unsere Zelte bis zum späten
Nachmittag des nächsten Tages stehenlassen, um die Tibeter glauben
zu machen, daß wir noch alle darin wären, und um mir Zeit zu geben,
einen langen Eilmarsch auszuführen, ehe sie uns auf die Spur kommen
könnten. So beschwerlich die Wanderung auch für uns werden würde,
wollten wir doch kein Zelt mitnehmen außer dem kleinen, das ungefähr
zwei Kilogramm wog. Wir würden ohnedies mehrere Tage nicht imstande
sein, eins aufzuschlagen, aus Furcht, von den Tibetern entdeckt zu
werden, die bald ausgeschickt werden würden, uns zu suchen. Wir würden
bei Nacht weite Strecken gehen und uns meist auf der Höhe des Gebirges
halten müssen, anstatt wie andere Reisende durch die Täler zu wandern;
wenn wir überhaupt schlafen könnten, müßte es am Tage geschehen, wenn
wir uns an irgendeinem recht abgelegenen Orte verbergen könnten. Den
Gedanken an ein Feuer mußten wir auf unbestimmte Zeit hinaus aufgeben,
denn selbst in dem unwahrscheinlichen Falle, daß wir auf den großen
Höhen, wo wir würden lagern müssen, Feuerungsmaterial fänden, weiß doch
jeder, daß ein Feuer und eine Rauchsäule bei Tag wie bei Nacht aus
großer Entfernung gesehen werden können.
Alles dieses überlegten und besprachen wir, ehe wir aufbrachen, und wir
waren uns überdies völlig bewußt, daß, wenn die Tibeter einmal Hand an
uns legen könnten, unsere Zahl zu klein sei, um kräftigen Widerstand
zu leisten, und daß wir uns dann als verloren betrachten müßten. In
der Tat, alles in allem genommen zweifelte ich sehr daran, ob von dem
Augenblicke an, da wir das Teufelslager verließen, das Leben meiner
paar Begleiter und das meinige auch nur einen Pfifferling wert sein
würde.
Im vollen Bewußtsein der Gefährlichkeit meines Unternehmens war es
vielleicht töricht von uns, überhaupt fortzugehen; aber Mangel an
Entschlossenheit kann billigerweise nicht zu unsern Fehlern gerechnet
werden.
Der bedachtsame Doktor hatte ein paar Flechten von unserm letzten
Lager mitgebracht, mit denen er versuchte, ein Feuer anzumachen, um
vor der Abreise ein paar Tschapatis für mich zu bereiten. Ach, vier
Stunden angestrengter Arbeit und die gleiche Anzahl von Schachteln mit
Streichhölzern waren nicht imstande, auch nur den Schein einer Flamme
zu erzeugen.
Um Mitternacht sandte ich Tschanden Sing und Katschi fort, um die
Leute zu sammeln. Zwei kamen zitternd ins Zelt; die andern waren nicht
aufzuwecken. Ich ging selbst und führte sie, einen nach dem andern,
zu ihren Lasten. Sie weinten alle wie Kinder; da erst entdeckte ich,
daß ich in der Eile und Verwirrung eine Last zuviel zurechtgemacht
hatte. Das war ein Dilemma. Alles war bereit und günstig für unsere
Flucht, und eine Verzögerung in diesem kritischen Augenblicke war
verhängnisvoll. Ich mußte um jeden Preis noch einen Mann haben.
Als ich, um noch einen zu holen, in das Zelt der Kulis ging, war das
Klagen und Stöhnen jämmerlich. Man hätte denken können, daß sie alle in
ein paar Minuten sterben müßten und jetzt in den letzten Zügen lägen;
alles aus Schreck und Furcht davor, daß sie ausgewählt werden könnten,
mir zu folgen. Schließlich wurde nach endlosen Mühen, Drohungen und
Versprechungen Bijesing, der Johari, überredet, mitzukommen. Aber die
Last war zu schwer für ihn; er wollte nur die Hälfte tragen. Um weitern
Verdruß zu ersparen, kam ich mit ihm überein, daß ich die andere Hälfte
noch neben meiner eigenen Last tragen wollte.
Wir löschten unsere Sturmlaternen aus, und um 2 Uhr morgens, als der
Sturm am heftigsten tobte und uns Kies und Schnee wie Nadelspitzen ins
Gesicht trieb, als Wind und Kälte uns mit schneidender Gewalt bis ins
Mark zu dringen schienen, als alle Götter ihrem Zorne Luft machten,
indem sie mir jedes Hindernis in den Weg legten, um ein weiteres
Vordringen in dieses hohe Land der Öde abzuschneiden, verließ eine
Handvoll schweigender Männer, halb erfroren und taumelnd, das Lager,
um dem eisigen Schneesturm zu trotzen. Ich befahl meinen Leuten,
sich dicht beisammenzuhalten. Wir schlugen sofort den Weg nach dem
Bergabhange ein, wobei wir Sorge trugen, die Stellen zu vermeiden, wo,
wie wir vermuteten, die tibetischen Spione postiert waren.
Wir hätten keine passendere Nacht für unsere Flucht wählen können. Es
war so dunkel, daß wir kaum über unsere Nasen hinaussehen konnten. Der
Doktor begleitete mich schweigend und mit schwerem Herzen ein paar
hundert Meter weit. Ich drang in ihn, nach dem Zelte zurückzukehren. Er
stand still, um meine Hand zu ergreifen. Dann sagte mir der gute Mann
mit gebrochener Stimme »Lebewohl« und »Gott behüte Sie«.
»Die Gefahren Ihrer Reise«, flüsterte Wilson, »sind so groß und so
zahlreich, daß Gott allein Sie hindurchführen kann. Wenn ich an die
Kälte, den Hunger und das Ungemach denke, die Sie zu ertragen haben
werden, muß ich in Sorge sein für Sie.«
»Leben Sie wohl, Doktor«, sagte ich tiefbewegt.
»Leben Sie wohl«, wiederholte er. »Leben ...«, die Stimme versagte ihm.
Zwei oder drei Schritte, und die Dunkelheit trennte uns. Aber seine
rührenden Abschiedsworte klangen in meinen Ohren wider, während ich mit
Trauer der Treue und fröhlichen Güte dieses guten Freundes gedachte.
Die Reise nach Lhasa war nun im vollen, grimmigen Ernst wieder
begonnen.
In kurzer Zeit waren unsere Ohren, Finger und Zehen fast erfroren,
und der schnelltreibende Schnee, der heftig gegen unsere Gesichter
schlug, tat uns in den Augen weh. Wie die Blinden gingen wir vorwärts,
sprachlos und erschöpft, langsam aufsteigend und unsern Weg mit den
Füßen tastend. Als wir höher hinaufgekommen waren, wurde es kälter
und der Wind schneidender. Alle paar Minuten waren wir gezwungen,
anzuhalten und uns dicht aneinanderzusetzen, um warm zu bleiben und
Atem zu schöpfen, da die Luft so dünn war, daß wir unter unsern
schweren Lasten schrecklich keuchten.
Wir hörten ein Pfeifen und Töne von entfernten Stimmen. Meine Leute
drängten sich um mich, flüsterten: »Räuber, Räuber!« und warfen sich
dann platt auf den Schnee. Ich lud meine Büchse und ging voraus, aber
meine Hoffnung, die Finsternis durchdringen zu können, war vergebens.
Ich horchte. Wieder schrille Pfiffe!
Meine Schokas waren erschrocken. Der Ton schien gerade aus der Richtung
vor uns zu kommen. Wir änderten unsern Kurs ein wenig und setzten
unsern Weg langsam und stetig fort, bis wir bei Sonnenaufgang fanden,
daß wir nahe dem Gipfel des Berges waren. Es schneite noch heftig. Eine
letzte Anstrengung brachte uns auf das Plateau des Gipfels.
Hier fühlten wir uns verhältnismäßig sicher. Gänzlich erschöpft legten
wir unsere Lasten auf den Schnee und lagerten uns in einer Reihe
dicht aneinander, um uns warm zu halten, dann häuften wir noch alle
verfügbaren Decken über uns auf.
Um 1 Uhr nachmittags erwachten wir, bis auf die Haut durchnäßt, da die
Sonne die dicke Schneedecke über uns geschmolzen hatte. Das Lager war
in 5480 Meter Höhe. Der Wind aus Südost war schneidend wie ein Messer.
Wir hatten nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern beinahe an jedem
Tage unsers Aufenthalts in Tibet von ihm zu leiden. Er fängt um 1 Uhr
nachmittags mit großer Heftigkeit und Regelmäßigkeit an zu wehen und
erst gegen 8 Uhr abends läßt er etwas nach und hört allmählich auf.
Als wir uns fertig machten, um mit krampfigen, steifen Gliedern den
Weg zu noch größern Höhen wieder anzutreten, bedeckte sich der Himmel
plötzlich mit schweren, grauen Wolken, und es fiel von neuem Schnee.
Es war keine Möglichkeit, ein Feuer zu machen. So brachen wir hungrig
und halb erfroren auf.
Bis an die Hüften im Wasser wateten wir durch einen eisig kalten Strom,
dann stiegen wir auf einer Strecke von 11 Kilometer stetig höher und
höher empor, und erreichten endlich ein zweites Plateau. Die Höhe
betrug 5780 Meter. Wir waren überrascht, auf diesem hohen Tafellande
vier dicht nebeneinanderliegende Seen von beträchtlicher Größe zu
finden. Die Sonne, die für einen Augenblick die Wolken durchbrach,
schien auf die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Berge,
versilberte das Wasser der Seen und schuf ein schönes, großartiges Bild
von wildem, bezauberndem Effekt.
Hunger und Erschöpfung verhinderten uns an der vollen Würdigung der
Landschaft; nichts konnte uns aufhalten, schnell einen passenden Platz
im Schutze der hohen Hügel rings um das Plateau oder in irgendeiner
Bodensenkung zu suchen, wo wir unsere schwachen, entkräfteten Körper
ausruhen könnten. Ich sehnte mich, über das Plateau vorzudringen und
auf der Nordostseite zu irgendeiner niedrigern Höhe abzusteigen,
wo wir wahrscheinlich Feuerungsmaterial finden würden, aber meine
halbverhungerten, übermüdeten Leute konnten nicht mehr weiter. Ihre
nassen Lasten waren beträchtlich schwerer als gewöhnlich; infolge
der großen Höhe keuchten sie schrecklich, und kaum waren wir an eine
teilweise geschützte Stelle zwischen dem größern See und der östlich
anstoßenden Wasserfläche gekommen, als sie alle zusammenbrachen und
unfähig waren, weiterzugeben.
Ich war in großer Sorge um sie, da sie sich weigerten, kalte Nahrung
zu sich zu nehmen, die, wie sie sagten, ihren Tod herbeiführen würde.
Ich wußte wirklich nicht, wie sie für den Marsch des nächsten Tages
hinreichende Kraft sammeln könnten. Schließlich verbürgte ich mich
persönlich dafür, daß sie nicht sterben würden, und überredete sie, ein
bißchen Satu und Ghur zu genießen. Kaum hatten sie etwas davon, mit
kaltem Wasser gemischt, gegessen, als sie unglücklicherweise fast alle
von heftigen Magenschmerzen ergriffen wurden, an denen sie die ganze
Nacht hindurch zu leiden hatten.
Ohne Zweifel hat die Erfahrung sie gelehrt, daß der Genuß kalter
Nahrung in beträchtlichen Höhen gefährlicher ist als gar nichts zu
essen, und ich bedauerte meinen unzeitigen, wenn auch gut gemeinten
Rat. Man ist geneigt, andere Leute nach sich selbst zu beurteilen; ich
persönlich habe nie einen Unterschied in der Wirkung wahrgenommen, ob
meine Nahrung kalt oder warm war.
Bald nach Sonnenuntergang war die Kälte intensiv. Es schneite noch
stark, und unsere nassen Kleider und Decken gefroren jetzt. Ich
zündete eine kleine Spirituslampe an, um die wir uns alle dicht
zusammendrängten, bedeckt mit unsern gefrorenen Umhüllungen. Ich
versuchte sogar, etwas konzentrierte Fleischbrühe auf der Lampe zu
kochen, aber infolge der großen Höhe über dem Meere brauchte das Wasser
lange Zeit, bis es kochte, und als es eben lauwarm wurde, ging die
Flamme aus, und ich hatte keinen Weingeist mehr; so mußte das Kochen
aufgegeben werden, und wir krochen, als die Nacht kälter und kälter
wurde, unter unsern Decken zusammen, in dem vergeblichen Bemühen, zu
schlafen.
Wir hatten aus unserm Gepäck einen Schutzwall gemacht, und meine
Leute bedeckten ihre Köpfe und den ganzen Körper mit ihren Decken;
ich konnte mich jedoch mit ihrer Art zu schlafen nie befreunden, da
ich dabei ersticken zu müssen glaubte. Ich ließ immer den Kopf frei,
denn dies war nicht nur behaglicher, ich wollte auch bei irgendeinem
Anzeichen, daß wir von den Tibetern überrascht werden sollten, auf
dem Posten sein. Während der ganzen Nacht klagten und stöhnten meine
Leute und klapperten krampfhaft mit den Zähnen. Ich wachte oft auf
von einem heftigen, durch Erfrieren hervorgerufenen Schmerz in den
Ohren; auch meine Augen litten, da die Augenwimpern sich mit Eiszapfen
bedeckten. Jedesmal, wenn ich sie zu öffnen versuchte, hatte ich ein
Gefühl, als ob die Wimpern abgerissen würden, da die Öffnung des Auges
augenblicklich fest zusammenfror, wenn die Lider geschlossen wurden.
Endlich kam der Morgen! Die Nacht hatte endlos geschienen. Als ich
die Decke zu heben versuchte, um mich aufzusetzen, schien sie von
außerordentlicher Schwere und Steifheit zu sein. Kein Wunder! Sie
war hart und steif wie Pappe gefroren und einen Fuß hoch mit Schnee
bedeckt. Das Thermometer war während der Nacht auf 5 Grad unter Null
gesunken. Ich rief meine Leute; sie waren schwer zu erwecken, auch sie
waren im Schnee begraben.
»~Uta, uta, uta!~ Aufstehen, aufstehen!« rief ich, indem ich einen
nach dem andern schüttelte und so viel Schnee, als ich konnte,
fortwischte.
»~Barof bahut!~ Es ist viel Schnee!« bemerkte einer, als er seine Nase
aus der Decke steckte und seine von dem Schnee ringsum geblendeten,
schmerzenden Augen rieb. »~Salaam, sahib~«, fügte er hinzu, als er sein
erstes Erstaunen überwunden hatte und mich bemerkte, und hob seine Hand
graziös zur Stirn empor.
Die andern grüßten mich ebenso. Katschi war wie gewöhnlich der letzte,
der geweckt wurde.
»Katschi,« schrie ich, »steh auf!«
»~O bahiyoh!~ O Vater!« gähnte er, indem er die Arme ausstreckte. Halb
im Schlaf, halb wach, sah er wie in einer Verzückung um sich, indem er
unzusammenhängende Worte murmelte.
»Guten Morgen, Herr. O viel Schnee! O sieh, Herr, zwei Kiang dort! Wie
heißt Kiang auf englisch?«
»Wilder Esel.«
»Wild? Du schreibst w...i...l...d?«
»Ja.«
Hier wurde das Notizbuch unter seinem Kopfkissen hervorgeholt und das
Wort eingetragen.
Diese Schokas sind in der Tat sonderbare Leute! Der
Durchschnittseuropäer würde unter solchen Verhältnissen, halb
verhungert und erfroren, kaum an die Rechtschreibung denken.
Man Sing, der arme Aussätzige, litt furchtbar. Er weinte die ganze
Nacht hindurch. Ich hatte ihm eine meiner Decken gegeben, aber
sein Blutumlauf schien gehemmt zu sein. Sein Gesicht war grau und
leichenhaft, mit tiefen vom Leiden gezogenen Furchen, und seine Füße
waren so erfroren, daß er eine Zeitlang nicht stehen konnte.
Wieder wollten die Schokas nichts essen, denn der Schnee fiel noch
immer. Wir machten uns nach Nordost auf den Weg. Nach zwei Kilometer
auf ebenem Boden begannen wir einen steilen Abstieg über unangenehme
lose Gesteinstrümmer und scharfe Felsen. Das Vorwärtskommen war
schnell, aber sehr mühevoll.
Als ich das Land unter meinem Fernrohr absuchte, bemerkte ich tief
unten im Tale im Nordosten Gesträuch und Flechten und auch ein Zelt
und einige Schafe. Das war schlimm, denn wir mußten unsere Richtung
ändern, um nicht gesehen zu werden. Wieder kletterten wir zu der
Höhe des Plateaus empor und gingen unbemerkt um den Gipfel des Berges
herum, eine mehr östliche Richtung einschlagend. Gegen Sonnenuntergang
begannen wir unsern Abstieg von dem letzten Punkte und überschritten
den Fluß ohne große Schwierigkeit.
Nachdem wir eine gut geschützte Bodensenkung ausgesucht hatten,
schlugen wir mein kleines Zelt auf. Mit Eifer gingen wir alle daran,
Flechten und Sträucher für unsere Feuer zu sammeln, und jeder Mann
brachte mehrere Lasten Brennmaterial ins Lager. In einem Augenblick
loderten drei große Feuer, und wir waren nicht nur imstande, ein
besonders reichliches Mittagessen zu kochen und unsere Mühen in
einem Eimer kochenden Tees zu ertränken, sondern wir konnten auch
unsere Kleider und Decken trocknen. Die Erleichterung durch die Wärme
war wunderbar, und wir vergaßen in unserm verhältnismäßigen Glück
das Ungemach und die Leiden, die uns bisher betroffen hatten. Mit
Ausnahme einer Handvoll Satu war dies die erste Mahlzeit, die wir seit
achtundvierzig Stunden gehabt hatten.
Achtzehntes Kapitel.
Das Schreckenslager.
Vor uns, nach Nordosten zu, war ein hoher Berg, dann weiter gegen Osten
ein schmales Tal zwischen zwei Hügelzügen, während in Westsüdwest ein
Fluß durch eine malerische Schlucht floß.
Es war für mich notwendig, durch das Tal im Osten zu gehen, da wir uns
damit viel Mühe und Zeit ersparen konnten, obgleich Gefahr bestand,
Tibetern zu begegnen, besonders Räuberbanden. Wir mußten vorsichtig
vorwärts gehen, da meine Schokas vor diesen Leuten große Angst zu haben
schienen. Wir waren noch nicht ein Kilometer über das wellige Terrain
gegangen, und ich war eben hinter meinen Leuten stehengeblieben, um mit
dem Kompaß einige Peilungen zu machen, als meine Träger sich plötzlich
platt auf den Boden warfen und, auf Händen und Füßen kriechend,
anfingen, sich rückwärts zu bewegen.
»~Dakoit! Dakoit!~ Räuber! Räuber!« flüsterten meine Leute, als ich
ihnen näherkam.
Es war zu spät. Wir waren gesehen worden, und eine Anzahl mit
Luntenflinten und Schwertern bewaffneter Dakoit kam schnell auf uns
los. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das Schlimmste in solchen
Fällen das Fortlaufen ist; denn nichts ermutigt einen Menschen mehr als
zu sehen, daß sein Gegner Furcht vor ihm hat. Deshalb lud ich meinen
Mannlicher, und mein Träger tat dasselbe mit seinem Henry-Martini.
Ich gab den Schokas Befehl, neben ihren Lasten niederzukauern und
sich nicht vom Platze zu rühren. Wir zwei gingen langsam der schnell
näherkommenden Bande entgegen, die jetzt kaum hundert Meter von uns
entfernt war. Ich schrie ihnen zu stillzustehen, und Tschanden Sing
machte ihnen Zeichen, daß sie zurückgehen sollten. Aber sie nahmen von
unsern Warnungen keine Notiz und kamen nur um so schneller auf uns los.
Ohne Zweifel dachten sie, wir seien nur Schokahändler, und erwarteten
nach ihrer Erfahrung, leichte Beute zu finden. Sie schickten sich
an, über uns herzufallen, sobald sie uns nahe genug sein würden, und
teilten sich mit der augenscheinlichen Absicht, uns von allen Seiten
einzuschließen.
»~Duschu! Duschu!~ Geht zurück!« rief ich ihnen ärgerlich zu, indem ich
meine Flinte an die Schulter hob und ruhig auf den Anführer zielte.
Tschanden Sing folgte meinem Beispiel und legte auf einen andern an.
Dies schien eine heilsame Wirkung auf sie zu haben; sie machten sofort
einen komischen Salaam und rissen dann aus. Tschanden Sing und ich
verfolgten sie eine Strecke weit, um sie uns ordentlich aus dem Wege
zu bringen. Von einem kleinen Hügel, auf dem wir eine gute Ausschau
hatten, bemerkten wir, daß in der Nähe eine Anzahl von Genossen waren
und dazu ungefähr 3000 Schafe, wahrscheinlich ihre letzte Beute. Wir
machten ihnen Zeichen, daß sie uns aus dem Wege gehen sollten, und
schließlich zogen sie, ihre Beute vor sich hertreibend, eiligst in der
von mir angedeuteten Richtung ab.
Als sie weit genug von uns waren und meine Schokas, die ihre letzte
Stunde schon nahe geglaubt, sich von ihrem Schrecken wieder erholt
hatten, setzten wir unsere Wanderung fort und betraten das schmale Tal
zwischen den Hügelzügen. Daß wir jetzt in einer vielbesuchten Gegend
waren, konnte man an den zahlreichen Lagerplätzen längs des Baches
sehen. Aber unser Abenteuer vom Morgen hatte unsern Mut gehoben, und
wir zogen fröhlich weiter. Ein etwas steiler Aufstieg brachte uns auf
ein Plateau von 5000 Meter Höhe, von dem wir eine schöne Aussicht
hatten über den schneebedeckten Höhenzug, der von Osten nach Westen vom
Mangschanberge bis zum Lippupaß läuft.
Auf dem tiefern Teile des Plateaus und dann am Flußlaufe entlang führte
ein Weg von Gyanema nach Taklakot über Kardam und Dagmar und ein selten
begangener Pfad nach Mangschan. Der Rand des Plateaus lag 4810 Meter
hoch, der Fluß 170 Meter tiefer.
[Illustration: Lamakloster in Tucker.]
Es war für uns eine sehr gefährliche Stelle, da es ohne Zweifel den
Tibetern jetzt schon wohlbekannt sein mußte, daß ich entkommen und
auf dem Wege nach ihrem Lande war. Ich wußte, daß Soldaten und
Spione alle Wege bewachen und überall nach uns suchen mußten. Diese
Verkehrsstraße, die mehr begangen war als die andern, war deshalb um so
unsicherer, und wir mußten große Vorsicht anwenden, um eine Entdeckung
zu vermeiden.
[Illustration: Meine zwei schwarzen Jake.]
In Tibet ist die Luft so klar, daß in Bewegung befindliche Gegenstände
auf außergewöhnlich große Entfernungen sichtbar sind. Ich durchspähte
die Gegend mit meinem Fernrohr, konnte aber niemand sehen. So setzten
wir unsern Marsch fort. Meine Leute hielten es indessen für sicherer,
zu einem der zahlreichen Bäche hinabzusteigen, wo wir mehr gedeckt
sein würden. Kaum hatten wir den Rand des Plateaus erreicht, als wir
Geräusche hörten, die aus dem Tale heraufdrangen.
Auf dem Bauche kriechend, schauten meine Träger und ich über den Rand
des Plateaus. Ungefähr 160 Meter tiefer unten war ein tibetisches
Lager; Jake und Pferde weideten dort. Unbemerkt beobachtete ich sie
einige Zeit. Es waren mehrere Soldaten, die ohne Zweifel nach mir
Ausschau hielten. Mit meinem Glase erkannte ich einige von den Leuten
aus Gyanema. Wir hielten es für ratsam, eine Stelle aufzusuchen, wo wir
uns bis zum Anbruch der Nacht verbergen könnten. Dann stiegen wir auf
einem weiten Umwege zum Bach hinab, arbeiteten uns mühsam im Dunkeln
durch und gingen durch eine enge Schlucht zwischen hohen Wänden,
bis wir an ein gutes Versteck kamen, wo ich Halt! rief. Ein Zelt
aufzuschlagen wagten wir nicht. Von meinen Leuten gefolgt, kletterte
ich an der Wand zu unserer Linken von Fels zu Fels empor und fand eine
kleine natürliche Plattform, die von einem großen, sie überragenden
Block geschützt wurde. Dies schien ein genügend sicherer Ort. Wir waren
vorsichtig genug, für den Fall einer nächtlichen Überrumplung unser
ganzes Gepäck zu vergraben. Von ihm nicht belästigt, würden wir jeden
Augenblick imstande sein, uns vor unsern Verfolgern zu verbergen oder
ihnen zu entrinnen, um wieder zu unsern Sachen zurückzukehren, sobald
sich eine Gelegenheit dazu böte.
Gerade jetzt, als alles glatt zu gehen schien, machte ich eine
schreckliche Entdeckung. An diesem Punkte unserer Reise, wo es für
mich wichtig war, sehr schnell vorzugehen, fand ich, daß wir Mangel an
Lebensmitteln hatten. Das war in der Tat eine Überraschung; denn bevor
ich den größern Teil meiner Expedition verlassen, hatte ich meinen
Leuten Befehl gegeben, Nahrung für zehn Tage mitzunehmen. Der Doktor,
den ich beauftragt hatte, danach zu sehen, hatte mir versichert, daß
die Lasten genug enthielten, um noch über diese Zeit hinaus für uns zu
reichen, und jetzt hatten wir aus irgendeinem unerklärlichen Grund nur
noch für eine magere Mahlzeit genügend Nahrung. Zudem entdeckte ich,
daß wir nur noch ganz wenig Salz übrig hatten.
»Was habt ihr damit getan?« fragte ich zornig, da es mir sofort durch
den Sinn fuhr, daß meine Träger falsches Spiel getrieben hatten. Ich
hatte jedem Mann befohlen, ein Pfund Salz mitzunehmen.
»Ja, Sahib, aber wir vergaßen es mitzunehmen«, sagten die Leute wie im
Chor.
Nach all den schrecklichen Mühsalen und Anstrengungen, die wir
durchgemacht hatten, nach all der Sorge, meine kartographischen
Aufnahmen sowie das Photographieren, Skizzieren, Schreiben, Sammeln
usw. auch unter ungewöhnlich gefahrvollen Umständen fortzuführen, war
es ein harter Schlag für mich, alle meine Pläne so plötzlich vereitelt
zu sehen; denn wir waren noch drei oder vier Tagemärsche vom Mansarowar
entfernt, wo ich hoffte, neuen Proviant erhalten zu können. Sollte ich,
nachdem ich so weit vorgedrungen war, zurückgehen oder mich für besiegt
erklären und von den tibetischen Soldaten gefangennehmen lassen, denen
ich bisher mit so viel Glück ausgewichen war?