Nach endlosen Redereien, plumpen Schmeicheleien und zarten

Erkundigungen nach allen Verwandten, die ihnen einfallen konnten; nach

ermüdenden, schön klingenden Parabeln ohne Sinn, nach wiederholtem

Schneuzen und lautem Husten, der immer sehr gelegen kam, wenn wir

fragten, ob sie schon zu einem Entschlusse gekommen wären, was uns

zu tun erlaubt sein werde, wurden endlich, als meine Geduld fast

erschöpft war, -- die Unterhandlungen vom vorigen Tage wieder eröffnet.

Wir redeten stundenlang. Wir baten um die Erlaubnis, weitergehen zu

dürfen. Sie waren noch nicht im reinen, ob sie uns ziehen lassen

sollten oder nicht. Um die Sache zu vereinfachen und die Entscheidung

zu beschleunigen, ehe andere Verstärkungen ankämen, ersuchte der Doktor

um die Erlaubnis, nur acht von uns nach dem Mansarowarsee gehen zu

lassen. Er selbst würde mit dem übrigen Teil der Gesellschaft als Bürge

für unsere Rechtlichkeit in Gyanema zurückbleiben. Aber selbst dieses

Anerbieten wiesen sie zurück, nicht direkt, sondern mit heuchlerischen

Entschuldigungen und Ausflüchten; sie glaubten, wir würden den Weg

nicht finden können, und, wenn wir es könnten, würden wir ihn sehr

rauh und das Klima zu streng finden; Räuber könnten uns anfallen und

ähnliches. Alles erschien uns sehr kindisch.

Ich wurde der Sache müde und beschloß zu irgendeinem Auskunftsmittel

oder zu einer Drohung meine Zuflucht zu nehmen. Meine Flinte mit

gespanntem Hahn noch auf dem Schoße haltend, drehte ich ihre Mündung

gegen den Tarjum und ließ absichtlich meine Hand zu dem Drücker

hinabgleiten. Dem armen Manne wurde so unbehaglich, daß sein Gesicht

deutliche Zeichen von Furcht und Schrecken zeigte. Seine bis jetzt

auf den Boden gehefteten Augen wurden zuerst unruhig und richteten

sich dann fest und mit einem Jammerblick auf die Mündung meines

Gewehrs. Zugleich versuchte er durch Bewegen des Kopfes dem Ziel nach

rechts oder links auszuweichen, aber ich ließ die Waffe allen seinen

Bewegungen folgen. Die Diener des Tarjums teilten die Befürchtungen

ihres Herrn vollständig. Ohne Zweifel war der arme Bursche in

Todesangst. Seine Stimme, die vor einem Augenblick lärmend und anmaßend

geklungen hatte, fand die denkbar demütigsten Töne. Mit großer Sanftmut

erklärte er sich bereit, uns in jeder Weise gefällig zu sein.

»Ich sehe, daß ihr gute Leute seid«, sagte er in schwachem Flüstertone,

der von einer großartigen Verbeugung begleitet war. »Ich kann nicht,

wie ich gern täte, eurer Weiterreise meine offizielle Genehmigung

geben, aber ihr könnt gehen, wenn ihr wollt. Mehr kann ich nicht sagen.

Acht von euch können nach dem heiligen Mansarowarsee gehen, die andern

werden hierbleiben.«

Bevor er seine Entscheidung endgültig abgab, sagte er, daß er es

vorziehen würde, noch eine Beratung mit seinen Offizieren zu haben.

Dies gewährten wir ihm bereitwillig. Hierauf beschenkte der Tarjum den

Doktor mit einer Rolle tibetischen Stoffes.

Ich hatte, wie gewöhnlich, am Morgen gebadet, und mein türkisches

Handtuch war vor dem Zelte zum Trocknen ausgebreitet. Der Tarjum, der

großes Interesse für alle unsere Sachen zeigte, fand ein besonderes

Wohlgefallen an dem knotigen Gewebe. Er ließ sein Kind holen, damit

es diesen wundervollen Stoff sähe, und als es kam, wurde das Handtuch

auf des Knaben Rücken gelegt, als ob es ein Schal wäre. Sogleich

bot ich es ihm zum Geschenk an, wenn er es annehmen wollte. Sein

Entzücken kannte keine Grenzen, und unsere vor wenig Minuten noch etwas

gespannten Beziehungen trugen nun den freundlichsten Charakter. Wir

luden die Gesellschaft in unser Zelt ein, und sie untersuchten alles

mit Verwunderung und taten die verschiedenartigsten Fragen. Jetzt waren

sie ganz lustig und vergnügt und gelegentlich sogar witzig.

Die Tibeter haben eine große Begierde nach Alkohol; sie fragten

mich daher bald, ob ich ihnen welchen geben könnte, es gäbe nichts,

was sie lieber hätten. Da ich nie welchen bei mir habe, konnte ich

ihnen keinen anbieten; ich wollte sie aber nicht enttäuschen und

brachte eine Flasche mit Methyläther (den ich für mein Hypsometer

brauchte) zum Vorschein. Diesen tranken sie mit Vergnügen, da sie

seine halsverbrennenden Eigenschaften augenscheinlich schätzten, und

verlangten noch mehr. Der Tarjum klagte über eine Unpäßlichkeit, an

der er seit einiger Zeit gelitten habe, und der Doktor war imstande,

ihm ein passendes Mittel zu geben. Auch die andern Offiziere erhielten

alle, ehe sie fortgingen, kleine Geschenke.

Nachmittags kam ein Bote von dem Tarjum von Barka. Er hatte gute

Nachrichten für uns. Der Tarjum wünschte uns begreiflich zu machen,

daß er uns als seine persönlichen Freunde betrachte, da wir so

freundlich mit ihm und seinen Begleitern gewesen seien, und daß, da

wir so eifrig begehrten, den großen Mansarowarsee und den Kelasberg

zu besuchen, und schon viele Schwierigkeiten und große Kosten gehabt

hätten, um so weit zu kommen, er damit einverstanden sei, daß acht

von meiner Gesellschaft nach den heiligen Stätten weitergingen. Es

wäre ihm unmöglich, uns eine offizielle Einwilligung zu geben, aber er

wiederholte nochmals, daß wir gehen könnten, wenn wir wollten.

Natürlich entzückte mich diese Nachricht. Ich war sicher, daß

ich, einmal am Kelas, leicht irgendwelche Mittel finden würde,

weiterzukommen.

An demselben Abend stahl sich ein Verräter in unserm Lager aus dem

Zelte fort, in dem meine Leute schliefen, und stattete dem Tarjum einen

Besuch ab. Ohne Zweifel teilte er ihm mit, daß ich weder des Doktors

Bruder noch ein Hindupilger sei. Er entdeckte ihm, daß ich ein Sahib

und auf dem Wege nach Lhasa sei. Nach dem, was ich später hörte, schien

es, daß der Tarjum dem Angeber nicht ganz geglaubt habe, aber da neue

Zweifel in seiner Seele aufstiegen, schickte er in der Nacht zu mir und

ließ uns bitten, auf dem Wege, den wir gekommen, wieder zurückzukehren.

»Wenn in eurer Gesellschaft wirklich ein Sahib ist, den ihr vor mir

verborgen habt, und ich lasse euch weitergehen, so würden die Priester

von Lhasa mir den Kopf abschneiden. Ihr seid jetzt meine Freunde und

könnt das nicht wollen.«

»Sage dem Tarjum,« erwiderte ich dem Boten, »daß er mein Freund ist und

daß ich ihn wie einen Freund behandeln will.«

Am Morgen fanden wir dreißig vollbewaffnete Reiter einige hundert Meter

von unserm Zelte aufgestellt. Mit der demoralisierten Schar unter

meinem Befehl und von dieser Gesellschaft gefolgt vorwärts gehen zu

wollen, würde für meine Pläne sicher verhängnisvoll geworden sein. Ich

fühlte, daß wieder eine List notwendig war.

Zum großen Erstaunen der bewaffneten Macht und ihrer Anführer gingen

der Doktor, Tschanden Sing und ich festen Schrittes, die Gewehre in der

Hand, auf die Abteilung zu. Hinter uns kamen die zitternden Kulis. Der

Magpun und die andern Offiziere des Tarjum wollten ihren Augen kaum

trauen. Die Soldaten saßen schnell ab und legten ihre Waffen nieder,

um zu zeigen, daß sie nicht die Absicht hätten zu kämpfen. Ohne sie

zu beachten, gingen wir an ihnen vorüber. Der Magpun rannte mir nach.

Er bat mich, einen Augenblick zu halten. Dola wurde herbeigerufen, um

seine kunstvolle Rede zu verdolmetschen. Ein Paar hübsch gestickte

tibetische Tuchstiefel wurden aus den weiten Falten des Rockes des

Beamten hervorgeholt, die er mir mit folgenden Worten anbot:

»Obgleich dein Gesicht von der Sonne verbrannt und schwarz ist und

deine Augen wund sind (in Wirklichkeit waren sie es nicht, aber ich

trug eine Schneebrille), sagen mir deine Züge, daß du aus einer guten

Familie bist; darum mußt du in deinem Lande ein hoher Beamter sein.

Deine edeln Gefühle zeigen auch, daß du nicht wünschen kannst, daß wir

um deinetwillen gestraft werden, und nun sind unsere Herzen froh, zu

sehen, wie du deine Schritte wieder zurücklenkst. Laß mich dir diese

Schuhe darbieten, damit deine Füße nicht wund werden auf der langen und

beschwerlichen Rückreise nach deinem Heimatlande.«

Das war hübsch gesagt, aber die Art der Beweisführung war eigentümlich.

Es lag nicht in meinem Interesse, die Tibeter in bezug auf meine

Absicht aus ihrem Wahne zu reißen; so nahm ich die Stiefel an. Der

Magpun und seine Leute machten Salaam bis auf den Boden.

Ohne weiteres Parlamentieren verließen wir den Magpun und marschierten,

denselben Weg wieder einschlagend, in westsüdwestlicher Richtung ab,

als ob wir entschlossen wären, das Land zu verlassen und zurückzugehen,

wie man uns geraten hatte.

Sechzehntes Kapitel.

Ein rascher Entschluß.

Wir kamen auf dem Gipfel des Hügels an und gingen nach der andern Seite

hinüber. Meine Leute marschierten weiter den Abhang hinab, während

ich zurückblieb, um, durch einen großen Stein gedeckt, die Tibeter in

Gyanema durch das Fernrohr zu beobachten. Kaum war der letzte meiner

Männer auf der andern Seite des Passes verschwunden, als die Reiter

in die Sättel sprangen und uns nachgaloppierten, wobei sie Wolken von

Staub aufwirbelten. Das war es, was ich erwartet hatte. Ich eilte,

mich meinen Leuten anzuschließen. Unten in der Ebene angekommen, nahm

ich wieder mein Fernrohr heraus und beobachtete den Hügel, von dem wir

eben herabgestiegen waren. Man konnte einige dreißig Köpfe sehen, die

zwischen den Blöcken hervorguckten. Augenscheinlich waren die Soldaten

abgestiegen und spähten nach unsern Bewegungen. Es ärgerte mich, daß

sie nicht offen kamen, mich anzuhalten, anstatt in dieser unangenehmen

Weise jede unserer Bewegungen zu beobachten. So stellte ich mein Gewehr

auf 800 Meter, legte mich platt nieder und zielte auf eine Gestalt, die

ich deutlicher als die andern sehen konnte.

Der Doktor riß mir die Flinte von der Schulter.

»Sie dürfen nicht schießen«, sagte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.

»Sie könnten jemand töten.«

»Aber«, erwiderte ich, »solchen feigen Geschöpfen muß man eine Lektion

geben.«

»Ja, das ist wahr, aber in Tibet ist jeder Mann so feige, daß die

Lektion beständig wiederholt werden müßte«, antwortete Wilson mit

gewohnter Vorsicht.

Ich hängte meine Flinte über die Schulter und dachte, ich würde mich

schon ein andermal an die eben geplante Arbeit machen.

Als wir in der Ebene ungefähr zwei Kilometer zurückgelegt hatten,

überschritt unsere geisterhafte Eskorte den Paß und kam in vollem

Galopp den Hügel herunter. Ich gab meinen Leuten Befehl, anzuhalten,

was die Soldaten kaum sahen, als sie auch plötzlich stillhielten.

Ich beobachtete sie durch das Fernrohr. Sie schienen in erregter

Diskussion zu sein. Endlich ritten fünf Mann in größter Eile nordwärts,

wahrscheinlich um den Weg in jener Richtung zu bewachen. Drei Mann

blieben, wo sie waren, und die übrigen galoppierten wie von panischem

Schrecken ergriffen rasend den Hügel wieder hinauf und verschwanden

hinter dem Gipfel.

Wir nahmen den Marsch wieder auf. Die drei Reiter verfolgten einen Weg

zwei Kilometer südlich von unserm, am Fuße der Hügel, und da sie sich

dicht auf die Köpfe ihrer Pferde legten, glaubten sie wahrscheinlich,

daß sie unbemerkt an uns vorbeikämen. Als sie sahen, daß unsere

Richtung die nach unserm alten Lager bei Lama Tschokden war, verließen

sie unsere Spur und ritten uns voraus.

Als wir abends Lama Tschokden erreichten, kamen zwei Schäfer, uns zu

begrüßen. Später erschien ein dritter.

»Unsere Schafe sind weit fort«, sagten sie. »Wir sind hungrig. Wir sind

arm. Können wir bei euerm Lager bleiben und die Speisen auflesen, die

ihr fortwerfen werdet?«

»Gewiß,« sagte ich, »aber seht euch vor, daß ihr nicht mehr auflest,

als ihr braucht.«

Diese einfältigen Leute hatten in dem Glauben, daß ich sie nicht

erkennen würde, ihre Pferde in dem Wachthause von Lama Tschokden

gelassen und versuchten nun als Schäfer verkleidet sich bei uns

einzuschleichen mit der Absicht, unsere Bewegungen und Vorhaben

bequemer zu beobachten. Natürlich waren sie niemand anders als die drei

Soldaten von Gyanema.

Mit jedem Schritte unsers Rückzugs gegen den Himalaja wurde mein Herz

schwerer und meine Stimmung gedrückter. Ich war voll von Kriegslisten,

aber Pläne ersinnen und sie ausführen sind zwei sehr verschiedene Dinge.

[Illustration: Plötzliche Unterwürfigkeit der Banditen.]

Wie oft waren meine Pläne nicht gescheitert! Wie oft hatte ich nicht

von neuem anfangen müssen, wenn alles fertig und im besten Gange

schien! Und dies sogar, wenn ich eine Fülle von gutem Material zur

Verfügung hatte, mit dem ich arbeiten konnte. Jetzt hatten sich die

Dinge sehr zum Schlimmen gewendet. Trotz meines unaufhörlichen Kampfes

gegen das Schicksal wurden meine Aussichten auf Erfolg Tag für Tag

geringer. Ich konnte nicht umhin, einzusehen, daß es schließlich doch

mit der Kraft und Ausdauer meiner Leute und meiner selbst ein Ende

nehmen müsse. Es ist hart genug, sich an eine schwierige Aufgabe

zu machen; aber wenn man sie glücklich angefangen und schon viele

Schwierigkeiten überwunden hat, wieder zurückgehen und von neuem

anfangen zu müssen, das ist mehr als bitter.

[Illustration: Teufelssee mit Kelas (im Hintergrund der Mansarowar).]

Die Aussichten waren trüb; ich stand vor dem augenscheinlichen

Mißerfolg aller Anstrengungen und war der Treue meiner Leute nicht

sicher.

In diesem Lager sagte mir z. B. der Daku, der seine Verkleidung schon

mehrmals gewechselt hatte, seitdem wir mit Tibetern in Berührung kamen,

er werde mich unverzüglich verlassen. Der Doktor hatte ihm schon die

besten Worte gegeben, zu bleiben -- ohne Erfolg. Wir wußten wohl, daß

der Mann uns in dieser von Dakoit heimgesuchten Gegend nur verlasse,

um seine alten räuberischen Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Aller

Wahrscheinlichkeit nach wollte er sich irgendeiner Bande anschließen,

und wir durften dann ohne Zweifel während der dunkelsten Stunden der

Nacht seinen Besuch erwarten. Der Daku wußte, daß ich eine große Summe

Geld bei mir führte; in den letzten beiden Tagen war sein Benehmen

seltsam gewesen. War er einigen seiner Genossen begegnet? Oder hatte er

von den Soldaten gehört, daß sie in der Nähe wären?

Der Daku hatte sich ein Bündel mit seinen Decken auf den Rücken

gebunden, bereit, augenblicklich fortzugehen. Meine Leute, die durch

diese neue Gefahr bekümmert wurden, berichteten mir dies. Ich schickte

sofort nach ihm. Er sprach in barschem Tone, und mit auf den Boden

gehefteten Augen sagte er:

»Ich gehe, Sahib.«

»Wohin?« fragte ich.

»Ich habe Freunde hier in der Nähe; ich gehe zu ihnen.«

»Sehr gut, geh!« sagte ich, indem ich ruhig mein Gewehr aufnahm.

Seine Last war in kürzerer Zeit von seiner Schulter herunter, als

man zur Beschreibung des Vorfalls braucht. Er nahm seine Arbeit wie

gewöhnlich wieder auf. Ein paar andere meuterische Kulis wurden auf

demselben Wege zur Vernunft gebracht. Später erfuhr ich, daß kaum zwei

Tage, nachdem dies geschehen war, eine Bande von Straßenräubern eine

Gesellschaft nahe der Grenze angegriffen hatte. --

Wieder ein Marsch rückwärts! Wie schrecklich war das für mich! Und doch

war es ratsam. Wir gingen mehrere Kilometer weit und lagerten am Ufer

eines reißenden Flusses, des Schirlangtschu. Von diesem Punkte aus

dürfte es mit einiger Schwierigkeit und Gefahr möglich sein, während

der Nacht über das Gebirge zu kommen und den Versuch zu machen, den

Spionen und Wachen auszuweichen, indem man quer durch die Wildnis zum

Mansarowar ging. Ich entschloß mich, dies zu versuchen.

Ein so großes Gefolge wie meine dreißig Mann zu haben, schien die

Gefahr zu vergrößern. So beschloß ich, daß nur drei oder vier mich

begleiten sollten. Allein zu gehen, war unausführbar wegen der

Schwierigkeit, hinreichende Nahrungsmittel zu tragen, sonst würde ich

es bei weitem vorgezogen haben. Indessen beschloß ich, im schlimmsten

Fall diese letztere Art zu reisen zu versuchen und zu sehen, ob ich auf

gut Glück von den Tibetern etwas zu essen erhalten würde.

Alle Lasten wurden fertig gemacht. Kleidungsstücke und Luxusartikel,

Leckerbissen unter den Nahrungsmitteln und Extrasachen wurden

zurückgelassen, um Platz für meine wissenschaftlichen Instrumente

zu schaffen. Jedes Pfund mehr an Gewicht, das ich der Wissenschaft

widmete, bedeutete ein Pfund weniger an Nahrung für den Weg nach Lhasa.

Was nicht absolut notwendig war, mußte zurückbleiben.

Zwei tibetische Spione kamen nachmittags zum Lager, wie gewöhnlich als

Bettler verkleidet. Sie baten um Essen und forderten es sogar. Ihr

Benehmen war unerträglich frech. Es war zu viel für uns. Bijesing, der

Johari, und Rubso, der christliche Koch, waren die ersten, die sich

mit ihnen in einen offenen Kampf einließen. Sie pufften und stießen

sie, trieben sie eine steile, zu einem Flusse führende Schlucht hinab,

dann warfen sie, von andern aus dem Lager unterstützt, die Tibeter

mit Steinen. Die unglücklichen Eindringlinge, außerstande, schnell

durch den reißenden Strom zu waten, empfingen den verdienten Lohn.

Dieses kleine Scharmützel ergötzte das Lager, aber viele der in meinen

Diensten stehenden Schokas und Hunyas waren noch vor Schrecken ganz

außer sich. Es genügte, daß einer von ihnen einen Tibeter sah, um

sogleich vor Schrecken zusammenzusinken.

Die für meine Flucht bestimmte Stunde war 9 Uhr abends. Durch das

Versprechen einer guten Belohnung waren fünf Leute bewogen worden, mir

zu folgen.

Zur bestimmten Stunde war jedoch keiner von ihnen erschienen. Ich ging

auf die Suche nach ihnen. Der eine hatte sich absichtlich die Füße

verletzt und war marschunfähig. Ein anderer gab vor, im Sterben zu

liegen. Die übrigen weigerten sich entschieden, zu kommen. Vor Furcht

und Kälte zitterten sie.

»Töte uns, Sahib, wenn du willst,« flehten sie mich an, »aber wir

folgen dir nicht.«

Um 3 Uhr morgens hatten sich alle Versuche, auch nur einen Mann zum

Tragen einer Last zu bekommen, als nichtig erwiesen. Ich mußte den

Gedanken an den Abmarsch aufgeben.

Meine Aussichten wurden trüber als je. Wieder ein Marsch zurück nach

dem kalten und öden Passe, auf dem ich nach Tibet gekommen war!

»Sie sind niedergeschlagen, Landor«, bemerkte der Doktor.

Ich gab es zu. Ich hatte gewünscht, um jeden Preis vorzudringen,

und nur aus Rücksicht auf meinen guten, liebenswürdigen Freund, den

Doktor, hatte ich widerwillig darauf verzichtet, mir meinen Weg mit

Gewalt zu bahnen. Mein Blut kochte. Ich fieberte. Die Feigheit meiner

Leute machte sie mir unsäglich verächtlich. Ich konnte es jetzt nicht

ertragen, sie zu sehen; ihr Benehmen war empörend.

In Gedanken versunken ging ich schnell weiter, und der schroffe Weg

erschien mir kurz und bequem. Ich fand einen passenden Platz für

unser nächstes Lager. Hier standen vor mir und auf jeder Seite hohe,

schneebedeckte Berge. Dort, mir gegenüber, ragte derselbe Lumpiyapaß

empor, über den ich mit großen Hoffnungen nach Tibet hineingezogen

war. Ich verabscheute in diesem Augenblick seinen Anblick; seine

Schneefelder schienen meines Mißerfolgs zu spotten.

Ehe wir Zeit hatten, unsere Zelte aufzuschlagen, hatte der Wind, der

den ganzen Nachmittag stark gewesen war, zehnfach an Wut zugenommen.

Die Wolken über uns waren wild und drohend, und bald fiel Schnee in

dichten Flocken.

»Was wollen Sie tun?« fragte mich der Doktor. »Ich dächte, Sie täten

besser, nach Garbyang zurückzukehren, neue Leute zu nehmen und noch

einmal anzufangen.«

»Nein, Doktor, lieber will ich sterben, als diesen Marsch nach

rückwärts fortsetzen. Die Chancen werden besser sein, wenn ich allein

gehe. Ich habe beschlossen, heute abend aufzubrechen; denn ich bin

überzeugt, daß ich meinen Weg über das Gebirge finden werde.«

»Nein, nein, es ist unmöglich, Landor«, bat der Doktor mit Tränen in

den Augen. »Für jeden, der es versucht, bedeutet es den sichern Tod.«

Ich sagte ihm, daß ich fest entschlossen sei. Der arme Doktor war

verblüfft. Er wußte, daß der Versuch, mir abzuraten, nutzlos war.

Ich ging in das Zelt, um mein Gepäck nochmals zu arrangieren und zu

verringern, und machte eine Last zurecht, die klein genug war, um sie

neben der täglichen Marschausrüstung und den Instrumenten auf meinem

Rücken zu tragen.

Während ich Vorbereitungen für meine Reise traf, trat Katschi Ram ins

Zelt. Er sah erschreckt und bestürzt aus.

»Was tust du, Herr?« fragte er hastig. »Der Doktor sagt, du willst

heute nacht allein über das Gebirge und ganz allein nach Lhasa gehen.«

»Ja, das ist wahr.«

»O, Herr, die Gefahren sind zu groß, du kannst nicht gehen.«

»Ich weiß es, aber ich werde es versuchen.«

»Herr, dann will ich mit dir kommen.«

»Nein, Katschi, du wirst zu viel zu leiden haben. Geh jetzt, da du

Gelegenheit hast, zu Vater und Mutter zurück!«

»Nein, Herr, wohin du gehst, will ich auch gehen. Kleine Menschen

leiden nie. Wenn sie es tun, kommt es nicht darauf an. Nur die Leiden

großer Menschen sind wert bemerkt zu werden. Wenn du leidest, will ich

leiden. Ich will kommen.«

Katschis Philosophie belustigte mich. Es war außer Zweifel, daß er

meinte, was er sagte, und ich entschied mich, ihn zu nehmen.

Das war ein Glück. Katschi Ram hatte fünf gute Freunde unter den jungen

Schoka-Kulis. Sie waren alle Freunde aus dem Rambang und pflegten

sich im Lager während der Abende oft zusammenzutun und melodische,

schwermütige Lieder zu singen zu Ehren der schönen Mädchen, ihrer

Liebsten, die sie auf der andern Seite des Himalaja zurückgelassen

hatten.

Katschi eilte fieberhaft erregt davon. In wenigen Minuten war er zurück.

»Wie viele Kulis willst du mitnehmen, Herr?«

»Es wird keiner kommen.«

»Oh, ich werde sie bringen. Werden fünf genügen?«

»Ja«, murmelte ich ungläubig.

Mein Skeptizismus erhielt einen Stoß, als Katschi zurückkam und in

seinem seltsamen Englisch sagte:

»Fünf Schokas kommen, Herr. Dann du, Herr; ich, Herr; fünf Kulis, Herr,

gehen fort Nachtzeit, welche Uhr?«

»Bei Gott, Katschi,« konnte ich mich nicht enthalten auszurufen, »du

bist ein tüchtiger Bursche, wirklich ~smart~.«

»~Smart~, Herr?«, fragte er aufmerksam, als er ein neues Wort hörte.

Er war sehr begierig, Englisch zu lernen, und hatte eine wahre

Leidenschaft dafür. »~Smart~! Was bedeutet? Wie buchstabieren?«

»~S...m...a...r...t.~ Es bedeutet schnell, klug.«

»~Smart~«, wiederholte er feierlich, als er das neuerworbene Wort in

ein Buch einschrieb, das ich ihm zu diesem Zwecke gegeben hatte.

Katschi war ohne Zweifel, trotz mancher kleinen Fehler, ein großer

Charakter. Er war ein äußerst intelligenter, aufgeweckter Bursche.

Seine nie versagende gute Laune und sein ernstes Bestreben, zu lernen

und nützlich zu sein, waren sehr erfreulich.

Mein Geschick schien sich in der Tat gewendet zu haben. Wenige Minuten

darauf kam mein Träger, der nicht wußte, daß jemand mich begleiten

würde, und rief mit einem Ausdruck des Abscheus:

»~Schoka crab, sahib! Hunya log bura crab. Hazur hum, do admi jaldi

Lhasa giao.~ Die Schokas sind schlimm, die Hunyas sind sehr schlimm.

Euer Gnaden und ich, wir beiden wollen schnell ganz allein nach Lhasa

gehen.«

Hier war also noch ein beherzter und nützlicher Mann, der sehnlichst

wünschte, mitzukommen. Er sagte, daß er keine Furcht vor dem Tode habe.

Er war der Typus des Mannes, wie ich ihn brauchte. Wie aufrichtig des

armen Burschen Beteuerungen waren, erfuhr ich in einer spätern Zeit!

Tschanden Sing hatte eine starke Neigung für die Jagd. Sein Glück war

vollkommen, wenn er seine Flinte nach irgend etwas abfeuern konnte,

obgleich niemand wußte, ob er jemals das Ziel getroffen hatte. Ich

hatte ihn nur wenige Tage zuvor streng gescholten und bestraft, weil er

mehrere Patronen an wilde Esel verschwendet hatte, die fünf Kilometer

entfernt waren. Gewöhnliche Arbeit jedoch, wie das Besorgen seiner

eigenen Küche oder die Reinhaltung meiner Sachen, war ihm zuwider und

wurde regelmäßig auf andere übertragen.

Da Man Sing, der Aussätzige, leider derselben Kaste angehörte wie

Tschanden Sing, wurde er meines Dieners Diener. Die beiden Hindus

zankten und kämpften beständig miteinander, aber im Herzen waren sie

die besten Freunde.

Durch Versprechungen, die hin und wieder mit Schlägen untermischt

wurden, gelang es dem Träger schließlich, seinen Protegé zu überreden,

sich unserm neuen Plane anzuschließen und zusammen den unbekannten

Gefahren zu trotzen.

Um 8 Uhr abends hatte ich alle die Leute beisammen, die versprochen

hatten, mir zu folgen. Es waren mein Träger, Katschi und sechs Kulis.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 10 / 28 段