Nun beeilten sie sich vergnügt, die Lasten zu packen, und gingen mit

ungewöhnlicher Energie in der von mir angegebenen Richtung vorwärts.

Sechs Stunden flotten Marsches brachten uns an eine geschützte Stelle,

wo ein paar Flechten und Strauchwerk wuchsen. Wären wir plötzlich in

den Schwarzwald oder in das Yosemitetal mit ihren Jahrhunderte alten

Riesenbäumen hinabgestiegen, unser Entzücken hätte nicht größer sein

können. Diese Sträucher ragten nicht höher als 15 bis 20 Zentimeter

vom Boden auf, während der Durchmesser des stärksten Stückes, das wir

sammelten, kleiner war als der eines gewöhnlichen Bleistifts. Mit

Fieberhast waren alle Hände beschäftigt, diese Pflanzen zur Verwendung

als Brennholz herauszureißen.

Als der Abend kam, war dieselbe Anzahl von Händen mit Kochen

beschäftigt und zugleich damit, soviel dampfende Speise als möglich

mit beängstigender Schnelligkeit in die Mäuler der verhungerten Kulis

überzuführen. Glückseligkeit herrschte im Lager, und das eben erduldete

Ungemach war vergessen.

Eine neue Überraschung erwartete uns, als wir aufstanden. Zwei als

Bettler verkleidete Tibeter waren nach unserm Lager gekommen. Sie

gaben vor, von Kälte und Hunger zu leiden. Ich befahl, sie ordentlich

zu speisen und freundlich zu behandeln. Als ein Kreuzverhör mit ihnen

angestellt wurde, gestanden sie, Spione zu sein, die von den Offizieren

in Gyanema ausgesandt waren, um zu erforschen, ob ein Sahib die Grenze

überschritten habe und ob wir etwas von ihm gesehen hätten.

Am Morgen hatten wir uns immer um so vieles zu bekümmern, und es war

so kalt, daß das Waschen geradezu eine Plage geworden war; ich hatte

es daher einstweilen aufgegeben. Wir waren von der Sonne verbrannt und

trugen Turbane und Schneebrillen, so daß die Tibeter uns unter dem

Eindruck verließen, daß unsere Gesellschaft aus einem Hindu-Doktor,

seinem Bruder und einer Karawane von Dienern bestand, von denen keiner

einen Sahib gesehen hatte, und daß wir jetzt auf einer Pilgerfahrt nach

dem heiligen Mansarowarsee und dem Berge Kelas wären.

Wir machten uns darüber lustig, aber nichtsdestoweniger beratschlagten

Wilson und ich sorgenvoll über unsere nächsten Pläne. Sollten wir

während der Nacht einen eiligen Marsch über die Bergkette zu unserer

Rechten machen und ostwärts durch die Wildnis gehen oder sollten wir

uns dem Anführer von Gyanema und seinen Soldaten gegenüberstellen?

»Wenn wir ihnen ausweichen und durch die Wildnis gehen,« sagte Wilson,

»werden sie denken, wir laufen fort. Wir haben nichts Böses getan.«

»Ja, ich ziehe vor, ihnen entgegenzutreten«, sagte ich. »Gehen wir!«

und ich gab Befehl, das Lager augenblicklich abzubrechen.

Vierzehntes Kapitel.

Die Grenzwachen.

Wir nahmen unsern Kurs nach Nordosten und ließen das hohe Tafelland

im Westen liegen. So kamen wir bei Lama Tschokden oder Tschorden

an, einem von einer tibetischen Wache besetzten Passe. Als wir uns

näherten, kamen die Tibeter schnell heraus, Luntenflinten in der

Hand. Sie schienen eine elende Bande zu sein und leisteten nicht nur

keinen Widerstand, sondern kamen sogar, um Geld und Essen zu betteln.

Sie klagten über schlechte Behandlung von seiten ihrer Vorgesetzten

und gaben an, daß sie keine Bezahlung erhielten und daß ihnen selbst

Nahrungsmittel nur gelegentlich nach diesem Außenposten gesandt würden.

Ihre Röcke waren zerlumpt; jeder Mann trug ein Schwert im Gürtel. Auch

hier hatten wir wieder Fragen nach dem jungen Sahib zu beantworten,

da reitende Boten in größter Eile von Taklakot ausgeschickt worden

seien, um den Offizier in Gyanema zu warnen, den Sahib nicht über den

Lumpiyapaß in Hundes eindringen zu lassen, wenn er es versuchen sollte.

Ihre Beschreibung meiner Persönlichkeit, wie man sie sich dort

vorstellte, war sehr ergötzlich, und als sie sagten, daß sie dem

Sahib, wenn er käme, den Kopf abschneiden würden, fühlte ich mich von

ihrer Güte so gerührt, daß ich einige Rupien als Backschisch unter sie

verteilen wollte.

[Illustration: Verhandlung mit dem Tarjum von Barka.]

»Geben Sie ihnen nichts, Herr!« sagten Katschi und der Doktor. »Diese

Kerle sind dicke Freunde mit den Dakoitbanden, und diese werden es

bald erfahren, daß wir Geld bei uns haben, und dann werden wir Gefahr

laufen, heute nacht angegriffen zu werden.«

Ich bestand darauf, ihnen etwas zu schenken.

[Illustration: Im Schreckenslager.]

»Nein, Herr,« rief Katschi außer sich, »tue es nicht, oder es wird uns

unendliche Not und Unglück bringen. Wenn du ihnen vier Annas gibst,

wird das reichlich genug sein.«

So wurde denn dem befehlshabenden Offizier diese große Summe in die

Fläche seiner ausgestreckten Hand gelegt. Um seine Befriedigung

zu zeigen, streckte er die Zunge in ihrer ganzen Länge heraus,

schwenkte einige Minuten lang beide Hände gegen mich, während er

sich schwerfällig verbeugte. Seine Pelzkappe hatte er schon vorher

abgenommen und auf den Boden geworfen. Dies war in der Tat ein

großartiger Salaam und Dank für eine Summe, die keine 40 Pfennig betrug.

Während der Doktor im Gespräch mit ihm blieb, ging ich abseits, um

eine seltsame Szene zu betrachten. Die Wolken hatten sich im Norden

zerstreut, und majestätisch stand der schneegekrönte heilige Berg

Kelas vor uns. Einen so bezaubernden Anblick habe ich selten genossen.

Dem anmutigen Dach eines Tempels nicht unähnlich, ragt der Kelas über

den langen schneegekrönten Gebirgszug empor und kontrastiert in der

schönen Verschmelzung der Töne mit der warmen Ockerfarbe der geringern

Erhebungen der Kette. Der Kelas ist ungefähr 600 Meter höher als

die andern Berge der Gangrikette und hat scharf abgegrenzte Kanten

und Terrassen, die seine Gesteinsschichten bezeichnen und auf denen

horizontale Schneebänder sich glänzend von den vom Eis erodierten

dunkeln Felsen abheben. Die Tibeter, die Nepalesen, die Jumlis und

die Hindus verehren diesen Berg, der, wie sie glauben, der Aufenthalt

aller guten Götter, besonders des Gottes Siwa, ist. Der Rand um den Fuß

des Kelas wird von den Hindus für den Abdruck der Stricke gehalten,

die der Rakas oder Teufel benutzte, um den Thron des Gottes Siwa

herunterzureißen.

Mit unbedeckten Köpfen, die Gesichter nach dem heiligen Gipfel

gerichtet, murmelten meine Leute Gebete. Mit gefalteten Händen, die

sie langsam zur Höhe der Stirn erhoben, beteten sie inbrünstig und

knieten dann nieder, die Köpfe tief zur Erde geneigt. Mein Begleiter,

der Brigant, der dicht neben mir stand, flüsterte mir eilig zu, daß ich

mich diesem Gebetsakt anschließen sollte.

»Du mußt Freundschaft mit den Göttern halten«, sagte der Bandit. »Das

Unglück wird dich begleiten, wenn du dem Kelas keinen Salaam gibst; das

ist die Wohnung eines guten Gottes.« Dabei wies er mit der frömmsten

Miene nach dem Berge.

Um ihm gefällig zu sein, grüßte ich den Berg verehrungsvollst und

legte, es den andern nachmachend, einen weißen Stein auf einen der

Hunderte von Tschokden oder Obo, die von Frommen an dieser Stelle

errichtet worden sind. Diese Obo, rohe Steinpyramiden, findet man auf

allen Wegen, die über die hohen Pässe führen, neben Seen, ja in der

Tat überall, aber selten in solchen Mengen wie bei Lama Tschokden. Der

Hügel vor und hinter dem Wachthause war mit diesen Haufen buchstäblich

bedeckt. Jeder Vorübergehende legt einen Stein, wenn möglich einen

weißen, auf einen Obo, was ihm Glück bringt oder was, wenn er einen

Wunsch hat, die Chancen der Erfüllung vermehrt.

Das Wachthaus selbst war aus rohen Steinen jämmerlich aufgebaut und

würde in jedem andern Lande als Tibet nicht einmal für Schweine als

passende Unterkunft angesehen worden sein.

Noch waren wir unbelästigt. Als wir ein paar Kilometer weitergegangen

waren und die Sonne schon dem Untergehen nahe war, suchten wir nach

einem passenden Platze für unsere Zelte. Es war keine Spur von Wasser

vorhanden, nur das steinige Bett eines ausgetrockneten kleinen Baches.

Wir besprachen eben unsere Lage, als ein schwacher Ton wie von

rauschendem Wasser unser Ohr traf. Er wurde lauter und lauter, und

wir sahen klares Schneewasser auf uns zuströmen und allmählich über

das Steinbett sich ergießen. Offenbar hatte der Schnee der Berge zum

Schmelzen den ganzen Tag gebraucht, und das Schmelzwasser kam jetzt

gerade herab. Mein Daku war in großer Aufregung.

»Wasser fließt dir zu, Sahib!« rief er, indem er die Arme ausstreckte.

»Du wirst großes Glück haben! Sieh! Sieh! Du brauchst Wasser für dein

Lager, und ein Strom fließt dir zu! Der Himmel segnet dich. Du mußt

deine Finger in das Wasser tauchen, sobald es an dich herankommt, und

einige Tropfen über deine Schultern werfen, dann wird das Glück dich

auf deiner Reise begleiten.«

Bereitwillig machte ich diesen tibetischen Glauben mit, und wir

tauchten alle unsere Finger ein und sprengten das Wasser über unsern

Rücken. Wilson indessen, der die Sache ernsthaft nahm, sagte, das sei

alles Unsinn, und wollte bei einer solchen Kinderei nicht mittun.

Die Zukunft war in der Tat unbekannt, und Glück würde mir wertvoll

gewesen sein. Aber wie wenig wurde diese einfache Beschwörung in den

kommenden Tagen erhört!

Vor unserm Lager war eine lange Strecke angeschwemmten Landes, das

allem Anschein nach in einer entlegenen Zeit das Bett eines großen,

ungefähr 18 Kilometer langen und 25 Kilometer breiten Sees gewesen

ist. Mit meinem Fernrohr konnte ich im Nordosten am Fuße eines kleinen

Hügels deutlich den Lagerplatz von Karko sehen. Es waren viele Zelte

dort, und meine Leute schienen sehr beruhigt, als wir nach Form und

Farbe derselben herausfanden, daß es die der Joharis von Milam waren,

die nach diesem Platze kommen, um mit den Hunyas Handel zu treiben.

Hinter Karko nach Norden zu zeigte sich eine glänzende Wasserfläche,

der See von Gyanema, und hinter ihm einige verhältnismäßig niedrige

Hügelzüge. In der Ferne waren wieder sehr hohe schneebedeckte Berge

sichtbar.

Während unsers Weitermarsches sahen wir viele große Herden von Kiang

oder wilden Eseln. Die Tiere kamen ganz dicht an uns heran. Sie sind an

Gestalt und Bewegung des Körpers den Zebras sehr ähnlich; ihre Farbe

war meist hellbraun. Die Eingeborenen betrachten ihre Nachbarschaft

als außerordentlich gefährlich. Denn ihre scheinbare Zahmheit ist

häufig trügerisch, da sie oft ganz nahe an den arglosen Reisenden

herankommen, ihn dann mit einer plötzlichen Wendung am Leibe packen und

ihm mit ihren gewaltigen Kiefern zuweilen furchtbare Wunden beibringen.

Ihr anmutiges, kokettes Wesen ist äußerst anziehend; wir warfen

gelegentlich mit Steinen nach ihnen, um sie in sicherer Entfernung

zu halten, aber wenn sie zierlich davongaloppiert waren, folgten sie

uns immer wieder und kamen bis auf wenige Meter heran. Es gelang mir,

einige sehr gute Negative von ihnen zu bekommen, die später leider von

den tibetischen Behörden vernichtet wurden.

Wir erstiegen wieder eine Hügelkette und kamen auf der andern Seite zu

einer grasbedeckten Strecke ebenen Landes hinab, in deren nördlichem

Teil eine Wasserfläche lag. Auf einem Hügel südlich vom See stand das

Gyanema Char oder Fort, ein primitives, turmartiges Bauwerk aus Steinen

mit einem darüber ausgespannten Zelte, das als Dach diente; es trug

eine Flaggenstange, an der zwei schmutzige weiße Lumpen flatterten. Es

waren nicht die Fahnen der Tibeter, sondern nur fliegende Gebete.

Tiefer unten am Fuße des Hügels waren zwei oder drei große schwarze

Zelte und eine kleine Steinhütte. Hunderte von schwarzen, weißen und

braunen Jaken weideten auf der grünen Fläche.

Das Erscheinen unserer Gesellschaft erregte augenscheinlich Aufsehen,

denn wir hatten uns kaum auf der Höhe des Passes gezeigt, als

eine Trommel aus dem Fort zu tönen begann, die die Luft mit ihren

unmelodischen, metallischen Klängen erfüllte. Ein Schuß wurde

abgefeuert. Wir sahen Soldaten mit ihren Luntenflinten hin und her

laufen. Sie rissen eins der schwarzen Zelte nieder und schafften es

eilig in das Fort hinein, während der größte Teil der Garnison mit

einer Eile, die lebhaft an wilde Flucht erinnerte, innerhalb der Mauern

Schutz suchte.

Als sie sich nach einer kleinen Weile überzeugt hatten, daß wir keine

bösen Absichten hatten, kamen einige der tibetischen Offiziere, von

ihren Mannschaften gefolgt, uns ängstlich entgegen. Der Doktor ging

unbewaffnet voraus, um mit ihnen zu sprechen, wogegen ich und mein

Träger bei den Kulis blieben, zu dem doppelten Zweck, unser Gepäck

im Falle eines verräterischen Angriffs zu schützen und unsere von

panischem Schrecken ergriffenen Träger zu verhindern, ihre Lasten zu

verlassen und auszureißen. Aber die Sache ließ sich ganz friedlich an.

Decken wurden auf das Gras gebreitet, und schließlich setzten wir

uns alle nieder. Eine Stunde ermüdender Unterhandlungen mit den

tibetischen Offizieren, während deren dieselben Dinge immer und immer

wieder zur Sprache kamen, führte zu nichts. Sie sagten, daß sie unter

keiner Bedingung irgend jemand, der aus Indien käme, gleichviel

ob Eingeborener oder Sahib, erlauben könnten, weiterzugehen, und

daß wir zurück müßten. Wir unsererseits gaben an, daß wir keine

schlimmen Absichten hätten. Wir wären Pilger nach dem heiligen See von

Mansarowar, der keine 60 Kilometer von hier lag. Wir hätten uns große

Kosten und Beschwerden auferlegt. Wie könnten wir jetzt, so nahe an

unserm Ziel, umkehren? Wir wollten nicht zurückgehen und hofften, daß

sie uns erlauben würden, unsern Weg fortzusetzen.

Wir behandelten sie höflich und freundlich, und da sie dies

wahrscheinlich fälschlich für Furcht hielten, zogen sie schnell Vorteil

daraus, besonders der Magpun oder erste Offizier und Befehlshaber des

Forts von Gyanema. Die ausgesprochene Unterwürfigkeit, die er zuerst

zur Schau getragen hatte, schlug plötzlich in Anmaßung um.

»Ihr werdet mir den Kopf abschneiden müssen,« sagte er mit bösartiger

Miene, »oder vielmehr, ich werde euern abschneiden, ehe ich euch einen

Schritt weitergehen lasse.«

»Mir den Kopf abschneiden, du Schurke!« rief ich, indem ich aufsprang

und eine Patrone in mein Gewehr schob.

»Mir den Kopf abschneiden!« wiederholte mein Träger und richtete sein

Gewehr auf den Offizier.

»Uns die Köpfe abschneiden«, schrien der Brahmine und die

beiden christlichen Diener ~Dr.~ Wilsons zornig, indem sie ein

Winchestergewehr und ein Paar Gurkha-Kukris (große Messer) erfaßten.

»Nein, nein, nein! Salaam, Salaam, Salaam!« stieß der Magpun mit

einer Zungenfertigkeit heraus, die nur ein von panischem Schrecken

ergriffener Mensch besitzt. »Salaam, Salaam«, wiederholte er und

verneigte sich bis zur Erde, mit herausgestreckter Zunge, indem er in

ekelhaft kriechender Weise seinen Hut zu unsern Füßen legte. »Laßt uns

wie Freunde sprechen!«

Die Leute des Magpun, die nicht tapferer waren als ihr Herr,

veränderten mit reizender Unverfrorenheit ihre Stellung, um im Falle

unsers Schießens durch ihre Vorgesetzten gedeckt zu sein. Als sie bei

näherer Überlegung fanden, daß sogar eine solche Vorsicht ihnen nur

geringe Sicherheit gewährte, standen sie einer nach dem andern auf,

gingen erst standhaft ein halbes Dutzend Schritte fort, um zu zeigen,

daß es nicht Furcht sei, die sie zum Abgehen veranlaßte, und -- rissen

dann aus.

Der Magpun und die andern Offiziere, die dablieben, wurden immer

demütiger. Wir sprachen und verhandelten in freundlicher Weise noch

weitere zwei Stunden, aber nicht mit merklichem Erfolg. Der Magpun

konnte nicht nach seinem eigenen Willen handeln. Er wolle mit seinen

Offizieren Rat halten und könne uns nicht eher Bescheid geben als am

nächsten Morgen. Inzwischen würde er für unsere Verpflegung sorgen

und sich für unsere Sicherheit verbürgen, wenn wir neben seinem Zelte

lagern wollten.

Ich wußte wohl, daß das nur ein Mittel war, Zeit zu gewinnen, um nach

Barka nördlich vom Rakastal und nach den nächstgelegenen Lagern um

Soldaten zu schicken. Ich äußerte ihm offen meinen Verdacht, fügte

aber bei, ich wünschte mit den tibetischen Behörden zunächst auf

freundlichem Fuße zu verhandeln, bevor ich zur Gewalt griffe. Ich

erinnerte den Magpun wieder daran, daß wir nur friedliche Reisende

seien, die nicht gekommen seien, um zu kämpfen; ich würde alles, was

ich von ihm oder seinen Leuten kaufen würde, zehnfach bezahlen und

würde es gern tun; aber gleichzeitig sollte sich jeder in acht nehmen,

der es wagen würde, auch nur einem meiner Leute ein Haar zu krümmen.

Der Magpun erklärte, er verstehe alles sehr gut. Er schwor Freundschaft

und bat uns, als seine Freunde die Nacht über bei seinem Lager

zuzubringen. Bei der Sonne und der Dreieinigkeit schwor er, daß uns

in keiner Hinsicht Leid geschehen solle. Er verabschiedete sich dann

demütig von uns.

Der Doktor und ich saßen zuvorderst, hinter uns Tschanden Sing, der

Brahmine und die zwei Christen. Die Träger waren weiter hinten. Ich

schaute mich nach ihnen um. Welcher Anblick! Alle miteinander jammerten

sie kläglich, und jeder verhüllte das Gesicht mit den Händen. Katschi

liefen die Tränen über die Wangen, Dola seufzte, während der Daku und

der andere in meinen Diensten stehende Tibeter, die sich zur Vorsicht

verkleidet hatten, sich hinter ihren Lasten versteckt hielten. So

ernsthaft die Lage war, mußte ich doch über die entmutigten Leute

lachen.

Wir schlugen unsere Zelte auf. Ich hatte schon eine Zeitlang im Zelt

gesessen, meine Beobachtungen registriert und mein Tagebuch weiter

geschrieben, als Katschi in augenscheinlich großer Angst hereinkroch.

Er war so gänzlich außer Fassung, daß er kaum sprechen konnte.

»Herr!« flüsterte er. »Herr! die Tibeter haben einen Mann zu deinen

Kulis geschickt, der ihnen befohlen hat, daß sie dich verraten oder

sterben müßten. Sie müssen dich während der Nacht verlassen, und wenn

du versuchst, sie zurückzuhalten, müssen sie dich töten!«

Zu derselben Zeit, als dieser Spion abgesandt worden war, um sich

mit meinen Kulis zu verschwören, hatten andere Boten des Magpun

große Massen trockenen Dungs für unser Feuer gebracht und mir neue

Versicherungen seiner Freundschaft übermittelt. Trotzdem wurden

Soldaten nach jeder Richtung ausgeschickt, um Hilfe herbeizurufen. Ich

sah sie fortgehen; einer ging nach Kardam und Taklakot; ein zweiter

ging nach Barka, und ein dritter galoppierte nach Westen.

Meine Träger bereiteten augenscheinlich einen Handstreich vor, wie

ich durch eine Öffnung im Zelte beobachten konnte. Sie waren emsig

beschäftigt, ihre Decken und Kleider von meinen Lasten zu trennen,

die Vorräte unter sich zu verteilen und meine eigenen Güter beiseite

zu werfen. Ich ging zu ihnen hinaus und ließ sie ruhig die Sachen

wieder so verpacken, wie sie gewesen waren; dabei warnte ich sie, daß

ich jeden erschießen würde, der versuchen sollte, zu meutern oder zu

desertieren.

Während der Doktor und ich uns zu einer ausgiebigen Mahlzeit

niedersetzten, zu unserer letzten nach den im Lager umgehenden

Gerüchten, wurde Tschanden Sing mit den Vorbereitungen zum Kriege von

unserer Seite betraut. Mit großem Behagen reinigte er die Flinten und

machte die Munition fertig, denn er sehnte sich danach zu kämpfen.

Der Brahmine, auf dessen Treue wir uns auch verlassen konnten, blieb

bei der ganzen Sache kühl und gefaßt. Er war ein Philosoph und zerbrach

sich nie den Kopf über irgend etwas. Er beteiligte sich nicht aktiv

an der Vorbereitung zu unserer Verteidigung, denn er fürchtete den

Tod nicht. Gott allein könne ihn töten, so behauptete er, und alle

Luntenflinten im Lande zusammengenommen könnten ihm keine Kugel durch

den Leib jagen, wenn nicht Gott es wünsche. Und wenn dies wäre, was

würde es nützen, sich gegen den Willen Gottes aufzulehnen? Die beiden

Bekehrten waren als gute Christen praktischer und verloren keine Zeit,

die gewaltigen Klingen ihrer Kukris zur Schärfe von Rasiermessern zu

schleifen.

Unserer sechs waren wir nun bereit, der ganzen tibetischen Armee

entgegenzutreten! Als die Dunkelheit kam, wurden in einiger Entfernung

rings um unser Lager Wachen aufgestellt. Es war zu vermuten, daß,

sobald sich Gelegenheit bieten sollte, auf unser Zelt ein gemeinsamer

Überfall mit meinen verräterischen Trägern geplant war. Einer von

uns hielt die ganze Nacht hindurch draußen Wache, und wir legten uns

drinnen in unsern Kleidern nieder, die geladenen Flinten für den

Notfall neben uns. Ich kann nicht sagen, daß ~Dr.~ Wilson und ich

Furcht empfanden, denn die malerischen tibetischen Soldaten mit ihren

plumpen Luntenflinten, ihren langen Speeren und edelsteinbesetzten

Schwertern und Dolchen flößten uns mehr Verachtung als Schrecken ein.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Tarjum von Barka.

Am nächsten Morgen wurden wir in aller Frühe durch den fernen Ton von

Pferdeglocken geweckt. Als ich aus dem Zelte blickte, sah ich eine

lange Reihe von schwerbeladenen Packpferden, die von einer Anzahl

berittener Soldaten mit Luntenflinten und Speeren begleitet wurden.

Augenscheinlich kam irgendein hoher Beamter, und diese Vorhut bestand

aus seinen Untergebenen und seinem Gepäck. Sie machten weit von unserm

Zelt eine große Schwenkung und stiegen an dem Fort vom Pferd. Andere

Soldaten und Boten kamen fortwährend gruppenweise aus allen Richtungen

an. Der Anführer einer Abteilung mit einer großen Eskorte von Soldaten

wurde mit unzähligen Salaams empfangen. Ich schloß daraus, daß er eine

wichtige Persönlichkeit sein müsse.

Nach einiger Zeit wurde uns die Botschaft geschickt, daß dieser neue

Ankömmling, der Tarjum von Barka, die Ehre zu haben wünsche, uns zu

sehen. Dieser Potentat war im Range einem König unter einem Protektorat

gleich. Wir antworteten höflich, daß wir eben unser Frühstück

einnähmen; wir würden ihn holen lassen, wenn wir ihn zu sprechen

wünschten. Die Erfahrung hatte uns gelehrt, daß es immer ratsam

ist, tibetische Beamte als tieferstehend zu behandeln, da sie dann

bescheidener sind und mit ihnen leichter zu verhandeln ist. Um 11 Uhr

schickten wir einen Boten nach dem Fort, um zu sagen, daß wir jetzt

erfreut sein würden, den Tarjum zu empfangen. Er kam augenblicklich mit

großem Gefolge, eine malerische Gestalt in einem langen grünseidenen

Rock nach chinesischem Schnitt, mit großen aufgeschlagenen Ärmeln, die

seine Arme bis zum Ellenbogen sehen ließen; auf dem Kopfe eine Mütze,

ähnlich der von den chinesischen Beamten getragenen, und an den Füßen

schwere, lange, schwarze Stiefel mit großen Nägeln auf den Sohlen.

Sein blasses, langes, eckiges Gesicht war in mancher Beziehung

bemerkenswert. Es war von interessanter Dummheit, und wenn auch etwas

weibisch, besaß es doch hübsche Züge. Langes Haar fiel in losen Locken

auf die Schultern nieder, und von dem linken Ohre hing ein Ohrring von

großen Dimensionen mit Malachitzieraten und einem Gehänge herab. In den

nervigen Fingern hielt er eine kleine Rolle von tibetischem Stoffe, die

er mit beiden Händen als Taschentuch gebrauchte, um sich jedesmal die

Nase zu schneuzen, wenn er um die Antwort auf eine Frage verlegen war.

Der Tarjum und seine Leute waren mit ihren kriechenden Verbeugungen

verschwenderisch, und wie gewöhnlich gab es eine große Schaustellung

von Zungen. Wie ich bemerkte, hatten diese eine ungesunde weißliche

Farbe, die in ganz Tibet durch übertriebenes Teetrinken hervorgerufen

wird. Die Verdauung der Leute ist gewöhnlich schlecht und ihre Zunge

fast immer belegt.

Wir hatten vor unserm Hauptzelte Decken ausgebreitet. Der Doktor und

ich saßen auf einer und forderten den Tarjum auf, sich auf die Decke

uns gegenüberzusetzen. Seine Begleiter kauerten sich rings um ihn. Es

ist eine wohlbekannte Tatsache, daß, wenn man in Tibet ein »Jemand« ist

oder wünscht, daß die Leute die Wichtigkeit einer Person anerkennen,

man einen Schirm über seinem Kopfe ausgespannt haben muß. Zum Glück

hatte der auf alles bedachte Doktor zwei in seinem Besitz; diese wurden

von zweien unserer Leute anmutig über unsern Häuptern gehalten. Der

Tarjum selbst wurde von einem Sonnendach von kolossalen Dimensionen

beschattet, das sein dienstbarer Sekretär über ihn hielt.

Trotz der überschwenglichen Freundschaftsversicherungen, die von des

Tarjums Lippen flossen, überzeugte mich die genaue Beobachtung seines

Gesichtes, daß seine Worte nicht aufrichtig gemeint waren. Jedenfalls

durfte ich ihm nicht trauen. Er sah einem nie gerade ins Gesicht; seine

Augen waren die ganze Zeit auf den Boden geheftet, und er sprach in

einer widerwärtig affektierten Art. Vom ersten Augenblick an konnte

ich den Mann nicht leiden und, Freund oder nicht, behielt ich mein

geladenes Gewehr auf dem Schoße.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 9 / 28 段