Unser Weg führte über einen Gletscher, aus welchem der Mangschanfluß

entspringt. In einer Höhe von 5420 Meter verließen wir den Gletscher,

dessen grünliches klares Eis eine interessante Schichtung zeigte,

und begannen, uns scharf nordwärts wendend, unsern Aufstieg nach

dem Paß. Schon wenn man den Abhang vor uns hinaufblickte, hätte man

von dem Versuche, ihn zu ersteigen, Abstand genommen, wenn man die

Wahl gehabt hätte. Noch dazu war der Schnee, auf dem wir uns mühsam

vorwärts arbeiteten, so weich und tief, daß wir bald bis an die Hüften

einsanken. Gelegentlich wechselte der Schnee mit losem Geröll und

verwittertem Gestein ab, auf dem wir nicht besser daran waren. Unter

solchen Umständen war die Anstrengung übermäßig.

In 5800 Meter Höhe befanden wir uns auf einer längern Strecke von

weichem Schnee, der ein Eisfeld bedeckte, das von tiefen Spalten

durchzogen war. Mit großer Vorsicht mußten wir unsern Weg tasten, was

bei dem matten Scheine des Mondes seine besondern Schwierigkeiten hatte.

Zum Glück hörten die Spalten auf, als wir höher kamen. Aber ich fing

an, eine sonderbare Erschöpfung zu fühlen, die ich nie vorher empfunden

hatte. Bei Sonnenuntergang war das Thermometer, das Katschi trug,

plötzlich innerhalb weniger Minuten stark gefallen, und die schroffe

Temperaturänderung schien uns alle mehr oder weniger zu beeinflussen.

Wir setzten dennoch unsern Aufstieg fort, mit Ausnahme von Bijesing,

der so heftig von der Bergkrankheit ergriffen wurde, daß er unfähig

war zu folgen. Auch der Doktor, ein Mann von mächtigem Körperbau, litt

sehr. Seine Beine waren, wie er sagte, bleischwer, und jedes schien

einige Zentner zu wiegen. Die Anstrengung, sie zu heben und zu bewegen,

erforderte seine ganze Energie. Obgleich er völlig außer Atem war und

nach Luft schnappte, wollte er doch nicht nachgeben und mühte sich

tapfer weiter, bis wir eine Höhe von 6250 Meter erreichten. Hier wurde

er von solcher Erschöpfung und Schmerzen ergriffen, daß er unfähig war,

weiterzugeben.

Katschi Ram, der Rongba und ich gingen weiter; aber auch wir litten.

Katschi klagte über heftiges Hämmern in den Schläfen und lautes Sausen

in den Ohren. Er keuchte furchtbar und taumelte unheimlich, ab und zu

sank er zusammen. In 6400 Meter Höhe fiel er platt auf den Schnee. Er

war sofort eingeschlafen, atmete schwer und schnarchte rasselnd. Seine

Hände und Füße waren eiskalt, weshalb ich sie rieb. Aber was mir mehr

Sorge machte als alles andere, war der unregelmäßige Schlag seines

Herzens. Ich wickelte ihn in seine Decke und meinen Wettermantel ein

und rief dann den Doktor, dem ich erzählte, was geschehen war. Ich

selbst wollte noch so viel höher vordringen, als ich aushalten würde.

Der Rongba war jetzt der einzige der Gesellschaft, der fähig war, sich

aufrecht zu halten.

Ein dicker Nebel fiel ein und umhüllte uns, was das Emporklimmen

bedeutend erschwerte. Unsere Anstrengungen, weiterzukommen, nachdem wir

Katschi zurückgelassen hatten, waren verzweifelt; unsere Lungen waren

in krampfhafter Tätigkeit, als ob sie bersten wollten, unsere Pulse

beschleunigt. Unsere Herzen klopften, als wollten sie sich einen Weg

aus dem Körper herausbahnen. Erschöpft und von einer unwiderstehlichen

Schlafsucht ergriffen, erreichte ich mit dem Rongba schließlich dennoch

die Höhe. Trotzdem ich mir schon lange die Unmöglichkeit klargemacht

hatte, meine Leute auf diesem Wege hinüberzubringen, war es eine

Genugtuung, hierher gelangt und eine solche Höhe erreicht zu haben. Es

hatte auch das Gute, daß ich mich über die Schneeverhältnisse auf der

andern Seite des Gebirges orientieren konnte. Wie ich durch den Nebel

ab und zu sehen konnte, war die Menge des Schnees auf der nördlichen

Seite der Kette größer als auf der südlichen. Wenn auch vor Ermüdung

fast ohnmächtig, trug ich meine Beobachtungen doch ein. Die Höhe war

6700 Meter, die Zeit 11 Uhr nachts; der Wind wehte stark und schneidend

aus Nordost. Ich hatte ungeschickterweise vergessen, mein Thermometer

aus Katschis Tasche zu nehmen, als ich ihn verließ, und war nun nicht

imstande, die Temperatur zu notieren; die Kälte war aber ganz intensiv.

Die Sterne schienen außerordentlich hell, und der Mond beleuchtete

eine Weile das Panorama rings um mich. Obgleich es ein Anblick größter

Trostlosigleit war, bot er dennoch einen seltsamen, unbeschreiblichen

Zauber. Unter mir, im Süden, lagen die Bergmassen im Schnee begraben,

in Südosten und Nordosten ragten Gipfel auf, die noch höher waren

als der, auf dem ich stand. Im Norden dehnte sich das ungeheure, öde

tibetische Hochland aus mit wellenförmigen Erhebungen und verworrenen

Hügelketten, über die aus der Ferne ein hoher Gebirgszug mit

Schneegipfeln herüberblickte. In der Nähe konnte ich nur sehr wenig

Schnee sehen, ausgenommen an dem nördlichen Abhange der Kette, auf der

ich stand, und auf den Höhenzügen, die das Plateau durchkreuzten.

Ich hatte das Wunder der in ewiger Starrheit schlafenden Natur kaum

geschaut, als der Nebel unter mir sich schon wieder erhob und ich ein

riesenhaftes Gespenst erblickte, das aus dem Nebel, der ringsum alles

in seinen Mantel hüllte, auftauchte.

Im Mittelpunkt eines leuchtenden Kreises stand eine große, dunkle

Gestalt in einem ungeheuern Nebelschleier. Die Wirkung war

überwältigend, und erst nach einigen Augenblicken wurde es mir klar,

daß das Gespenst mir glich, eine flüchtige Darstellung meines eigenen,

ins Ungeheuere vergrößerten Körpers, und daß ich im Mittelpunkte eines

Mondregenbogens stand und auf mein eigenes Nebelbild blickte. Wie ich

auch meine Arme, meinen Körper, meinen Kopf bewegte, die geisterhafte

Gestalt tat es mir nach. Ich fühlte mich unwiderstehlich veranlaßt,

meine Stellungen zu verändern, zuerst unruhig und etwas aufgeregt, dann

mit innerlichem Lächeln über mein Tun, denn es machte mir Spaß, mein

Nebelbild mich nachäffen zu sehen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das

zum erstenmal vor einem Spiegel steht.

Der Rongba war erschöpft niedergefallen, und auch ich fühlte mich

bald so matt, daß ich trotz meines Ankämpfens dagegen auf dem Schnee

zusammenbrach. Jämmerlich zitternd teilte ich mit dem Kuli dieselbe

Decke, um uns gegenseitig mehr zu wärmen. Beide waren wir von einer

unwiderstehlichen Schlafsucht ergriffen, die der Wirkung eines starken

narkotischen Mittels glich. Ich versuchte alles dagegen, denn ich wußte

nur zu gut, daß, wenn meine Augenlider sich einmal schlössen, sie sich

nie mehr öffnen würden.

Ich rief den Rongba. Er schlief fest. Ich bot die letzte Spur von

Lebenskraft auf, um meine Augen offen zu halten, aber der Wind blies

stark und schneidend und pfiff sein grausames Lied. Noch heute höre ich

es bei dem Gedanken an meine damalige Lage!

Der zähneklappernd zusammengekauerte Rongba stöhnte, und sein

plötzliches Erschaudern verriet große Schmerzen. Ich hielt es für

Christenpflicht, ihm die Decke allein zu überlassen, die für uns beide

zu klein war, und wickelte sie ihm fest um Kopf und Leib. Er saß

zusammengedrückt da, das Kinn auf den Knien.

Diese kleine Anstrengung war genügend, mich den Kampf gegen die Natur

verlieren zu lassen. Wie das Medium unter hypnotischem Einfluß den

eigenen Willen und die eigene Kraft plötzlich schwinden fühlt, so

fühlte ich die gänzliche Hoffnungslosigkeit des weitern Abmühens gegen

die scheinbar übernatürlichen Kräfte, mit denen ich kämpfte. Nach

rückwärts auf den Schnee fallend, machte ich eine letzte verzweifelte

Anstrengung, nach den glitzernden Sternen zu blicken ... Vor meinen

Augen wurde es trüb und dunkel. An Weiteres vermag ich mich nicht mehr

zu erinnern. Wie lange diese halbe Bewußtlosigkeit währte, weiß ich

nicht.

»Gott, wie gräßlich! Doktor! Katschi!« versuchte ich zu rufen --

vergebens. Meine Stimme schien in meinem Halse erstickt.

War, was ich vor mir sah, wirklich? Die beiden zu Tode erfrorenen

Männer lagen nebeneinander auf der weiten weißen Schneedecke,

unbeweglich wie Statuen. Ich versuchte, sie aufzuheben. Sie waren

ganz starr. Ich kniete neben ihnen nieder, rief sie und bemühte mich

wie wahnsinnig, sie wieder zu Bewußtsein und Leben zurückzubringen.

Verwirrt wandte ich mich um, um nach Bijesing zu sehen, und dabei

schien alle Lebenskraft in mir zu erstarren. Ich sah mich selbst

in einem geräumigen, aber sich schnell zusammenziehenden Grabe von

durchsichtigem Eise eingeschlossen. Es war mir, als müßte auch ich bald

ein fester Eisblock sein wie meine beiden Freunde. Meine Beine und Arme

waren schon erstarrt.

In dem Entsetzen vor einem so hoffnungslosen, gräßlichen Tode wurden

meine Empfindungen von einer unbeschreiblichen, aber fast wohltuenden

Mattigkeit begleitet. Bis zu einem gewissen Grade hatte ich noch

Bewußtsein. Sollte ich, Ruhe und Frieden der Anstrengung vorziehend,

schmerzlos dahinsterben oder einen letzten verzweifelten Versuch

machen, mich zu retten? Das Eis schien sich jeden Augenblick fester und

fester zu schließen. Ich war am Ersticken.

»Hinaus! Ich muß hinaus!« versuchte ich zu schreien. »Weg mit

dieser erstickenden Last!« Da fiel ich heftig zurück, und alles war

verschwunden: der erfrorene Katschi, der Doktor, das durchsichtige

Grab, das Nichts!

Als ich meine Augen öffnete, die wie von Nadelstichen schmerzten,

schneite es stark. Ich hatte vorübergehend den Gebrauch meiner Beine

und Finger verloren. Sie waren erfroren. So heftig die Erschütterung

war, als ich mir vorstellte, wie schrecklich nahe ich dem Tode

gewesen, war ich mir beim Erwachen von diesem gräßlichen Alpdrücken

doch augenblicklich bewußt, unsern Weg nach einer tiefern Region

antreten zu müssen. Schon war ich mit einer Schneedecke zugedeckt,

und ich glaube, daß es der kalte Druck auf meine Stirn war, der jenen

beängstigenden Traum hervorgerufen hatte. Wahrscheinlich ist es jedoch,

daß ich ohne diese scheußliche Vision, die meine Nerven aus der

lähmenden Betäubung aufrüttelte, nie aus jenem Zustand erwacht sein

würde.

Mit Mühe richtete ich mich auf und gewann durch beständiges Reiben

und Schlagen langsam den Gebrauch meiner Beine wieder. Ich weckte den

Rongba, rieb ihn und schüttelte ihn, bis er fähig war, sich zu bewegen.

Dann begannen wir den Abstieg.

Ohne Zweifel ist es eine große Genugtuung, hohe Berge zu ersteigen.

Aber kann sie mit der des Abstiegs verglichen werden? Bei dieser

Gelegenheit wurde ich in dieser Meinung noch mehr bestärkt.

Der Abstieg war gefährlich, aber nicht ermüdend. Da der Abhang

außerordentlich steil war, machten wir auf dem Schnee Riesenschritte,

und wenn wir an Schutt- und Trümmerfelder kamen, glitten wir bei jedem

Schritt drei bis fünf Meter hinab unter dem betäubenden Geräusch der

durch uns in Bewegung gebrachten ungeheuern Masse loser Steine.

»Horch!« sagte ich zu dem Rongba, »was ist das?«

Wir warteten, bis es still wurde, dann lauschten wir aufmerksam mit den

Händen an den Ohren. Es schneite noch.

»~Ao, ao, ao! Jaldi ao! Tumka hatte?~ Kommt, kommt, kommt schnell! Wo

seid ihr?« rief eine schwache, angsterfüllte Stimme weit unten.

Wir beschleunigten unsere Schritte. Da wir über unsere Beine kaum

Gewalt hatten, ging der Abstieg reißend schnell. Der Schneefall hörte

auf, und wir wurden in einen dichten Nebel eingehüllt, der uns bis auf

die Haut drang.

Durch die Rufe des Doktors geleitet, dessen Stimme wir nun erkannten,

setzten wir unsern halsbrecherischen Abstieg fort. Die Rufe wurden

immer deutlicher, und endlich fanden wir uns zu meiner größten Freude

Wilson gegenüber, der, dem Himmel sei Dank, noch am Leben, aber fast

hilflos war, da seine Beine, wie er sagte, noch wie Blei waren und er

sie kaum bewegen konnte.

In Sorge um uns hatte er lange Zeit gerufen, und da er keine Antwort

bekommen hatte, war er sehr unruhig geworden, um so mehr, als er fand,

daß er uns in keiner Weise zu Hilfe kommen konnte. Er hatte uns bereits

für verloren gehalten.

Wir sahen uns nach Katschi um. Er hatte, in seine warme Decke und

meinen Mantel gewickelt, wie ein Murmeltier geschlafen und war jetzt

ganz frisch. So setzten wir alle zusammen unsern Wettlauf nach unten

fort, lustig schwatzend und über den glücklichen Ausgang scherzend.

Der Aufstieg von dem Gletscher am Fuße des Berges bis zur Höhe

hatte 4½ Stunden in Anspruch genommen; der Abstieg hatte, ohne die

Aufenthalte zu rechnen, nur den neunten Teil jener Zeit gekostet.

Wir erreichten das Lager während der ersten Morgenstunden. Die

Besorgnis meiner Leute war groß gewesen. Sie hatten alle Hoffnung

verloren, uns wiederzusehen. Als ich ihnen sagte, daß wir über den

Lumpiyapaß gehen würden, der für viel bequemer galt, waren sie wieder

guter Dinge.

Wir zündeten ein Feuer an, und nachdem wir um 5 Uhr morgens eine

außerordentliche Mahlzeit von Reis, Tschapatis, Fleischextrakt und

stärkenden Konserven gehabt hatten, hielten wir uns zu einer Ruhe von

einigen Stunden voll berechtigt.

Um 9 Uhr vormittags waren wir zum Aufbruch bereit. Das Thermometer

zeigte im Innern des Zeltes 4½ Grad über Null, das Minimum draußen

waren während der Nacht 10 Grad Kälte. Am Fuße des Gebirges entlang

folgten wir dem Laufe des Kuti. Als wir um einen Felsvorsprung bogen,

sahen wir auf einem Hügel uns gegenüber wieder 14 Steinsäulen und

Pyramiden mit weißen Steinen und die üblichen fliegenden Gebete aus

Zeug daran. An diesem Punkte beginnt der Aufstieg zum Lumpiyapaß.

Dreizehntes Kapitel.

Der Einmarsch in Tibet.

Unser Weg stieg allmählich an, bis wir an einem flachen, mit Schnee

bedeckten Becken eine Höhe von 5290 Meter erreichten. Soweit waren wir

ohne große Beschwerden gekommen. Aber plötzlich nahm die Sache eine

Wendung zum Schlimmen, denn die Kulis in der langen stillen Reihe, an

deren Spitze ich marschierte, sanken bis zu den Knien, oft auch bis zu

den Hüften in den Schnee ein. Sie boten ohne Zweifel einen malerischen

Anblick in dieser sonst so einsamen Region. Der Hintergrund des Bildes

war wild und ernst, und mit der gefrorenen weißen Schneedecke standen

die Gestalten in scharfem Kontrast. Einige trugen Pelzmützen mit

Ohrenklappen; alle aber hatten lange Schaffellröcke und hohe Stiefel

aus Fellen, und viele gebrauchten Schneebrillen. Diese Prozession, die

schweigend und ernst und unter den Lasten keuchend mühsam höher und

höher klomm, bot nicht nur ein malerisches Bild, sondern ließ auch die

Schwierigkeiten des Weges erkennen.

Wir bewegten uns vorsichtig, um nicht in den vielen heimtückischen

Spalten zu verschwinden. Ich wanderte mit beträchtlicher Mühe nach

einer zirka 200 Meter höher gelegenen Stelle, wo ich auf einer fast

schneefreien Felseninsel haltmachte. Sobald ein Kuli nach dem andern

schwer atmend ankam, ließ er seine Last fallen und setzte sich ruhig

neben sie. Es wurde kein Murren, kein Wort des Vorwurfs laut über die

harte Arbeit, die ihnen zugemutet wurde.

Ein sehr steiler Aufstieg lag jetzt vor uns. Zur Linken hatten wir

einen Gletscher, der mit einem schroffen Eishang von ungefähr 30 Meter

Höhe begann. Wie der Mangschangletscher hatte auch er horizontale

bandartige Schichten von klarem Eise, das keine Schmutzbänder zeigte.

Senkrechte Streifen von dunklerer, grünlicher Färbung waren in dem

Eise zu sehen; sie rührten von der ungleichen Dichte des Eises her.

Die Schichten waren fast horizontal, ohne irgendwelche Krümmungen oder

Einsenkungen. Der obere Teil, die Basis und die Seiten waren auch an

diesem Gletscher tief im Schnee begraben.

Der Doktor und ich gingen voraus. In unserer Ungeduld, den Gipfel zu

erreichen, und da wir nicht imstande waren, den jetzt meterhoch mit

Schnee bedeckten Pfad zu unterscheiden, verfehlten wir die Richtung

und erkletterten mit großer Anstrengung einen außerordentlich steilen

Abhang. Hier befanden wir uns auf lästigem Geröll, auf dem wir uns über

eine halbe Stunde abmühten, bis wir den Gipfel der Bergkette erreichten

(5720 Meter), der beträchtlich höher liegt als der Paß. Vier Mann waren

mit uns gekommen; die andern, denen wir Zeichen machten, gingen in der

Richtung nach Westen auf einem andern gefährlichen Pfad, der um den

Gletscher herumführte.

Der Nordostwind war durchdringend, die Kälte schrecklich. Hinter

einem großen Felsen fanden wir zeitweise Schutz und untersuchten mit

meinem Fernrohr das vor uns ausgebreitete tibetische Hochland. Von

diesem hohen Horste aus hatten wir einen prächtigen Blick aus der

Vogelperspektive.

Ungeheure Schneemassen bedeckten sowohl die tibetische Seite des

Himalaja als auch das niedrigere Gebirge unmittelbar vor uns. 600 Meter

tiefer fließt zwischen diesen beiden Bergzügen in einem weiten, kahlen

Tale ein Fluß, der später Darma Yangti oder Lumpiya Yangti genannt

wird. In der Ferne konnte man ein flaches Plateau sehen, das sich etwa

250 Meter über dem Flusse erhob, sich viele Kilometer weit hinzog und

einem gigantischen Eisenbahndamm glich. Aus weiter Ferne blickte im

Norden eine Kette von hohen blauen Bergen mit Schneekuppen herüber,

ohne Zweifel die Gangrikette mit den Kelasgipfeln.

Leider hatte einen meiner Leute ein Unfall betroffen; der arme Rubso,

ein Christ, war von Kälte und Anstrengung erschöpft zusammengesunken.

Er lag in Krämpfen in halb bewußtlosem Zustande, mit klappernden Zähnen

und verzerrtem, leichenblassem Gesicht; seine Augen waren eingesunken

und ausdruckslos, und er zeigte Symptome vollständigen Kräfteverfalls.

Eilig trugen wir ihn unter den Schutz eines Felsens und rieben ihn

kräftig, in der Hoffnung, die Blutzirkulation wieder herzustellen.

Nach mehr als einer halben Stunde Anstrengung erholte er sich zu

unserer großen Erleichterung wieder etwas und war imstande, mit unserer

Hilfe langsam weiterzugehen.

Da wir auf einem falschen Wege emporgeklommen waren, mußten wir

jetzt zu dem 200 Meter tiefern Passe hinabsteigen. Wir gingen an

gefährlichen Felsen und Trümmerfeldern entlang. Ich klammerte mich

gerade mit halberfrorenen Fingern an einen vorspringenden Felsen an,

als durchdringende Angstschreie von unten mein Ohr trafen. Trotz der

unsichern Stellung, in der ich mich befand, wandte ich meinen Kopf, um

zu sehen, was vorgefallen war.

Auf dem steilen Schneehang rutschten zwei Kulis mit ihren Lasten

mit unglaublicher Geschwindigkeit ab. Schließlich erreichten sie

das Becken, wo das Gefälle sich plötzlich änderte; infolgedessen

überschlugen sie sich mehrmals, wodurch die verschiedenen Säcke, aus

denen ihre Lasten bestanden, herumflogen und nach allen Richtungen

zerstreut wurden. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als

ich die Männer wieder aufstehen sah.

Der eine Kuli hob die ihm anvertraut gewesenen Sachen nach und nach

wieder auf, band sie zusammen, packte sie wieder auf den Rücken und

begann den schwierigen Aufstieg zum zweitenmal. Der andere schrie und

stöhnte so, daß wir ihn von unserm Standpunkte deutlich hören konnten.

Er schien Schwindel zu haben. Nach wenigen Augenblicken schwankte er,

fiel nach rückwärts und blieb wie tot liegen.

Eiligst über die schlüpfrigen Felsen und auf den losen Trümmern

hinabstürzend, gelangte ich auf den Paß. Sofort sandte ich zwei Leute,

um dem Kuli Hilfe zu bringen. Zuerst trugen sie seine Last, dann

ihn selbst herauf. Nach einiger Zeit hatte er sich von der heftigen

Erschütterung und dem Schrecken erholt, und wenn er auch ziemlich übel

zugerichtet war und überall Schmerz verspürte, so gelang es mir doch,

den Mann zu überzeugen, daß ihm nichts von Bedeutung fehle.

Hierauf ging es den steilen Abhang auf der tibetischen Seite

im Laufschritt hinab, um schnell von dem kalten, windigen Paß

fortzukommen. Endlich erreichten wir den Fluß und schlugen unsere Zelte

auf dem Schnee in 5150 Meter Höhe auf.

Hier gab es Weder Holz noch Jak- oder Pferdedung, keine Flechten und

kein Moos, also nichts, womit wir ein Feuer anmachen konnten. Es war

hart für meine Leute, daß sie nach einem so mühevollen Tage gezwungen

sein sollten, schlafen zu gehen, ohne vorher eine warme Mahlzeit

gehabt zu haben. Sie glauben, daß der Genuß kalter Nahrung in so

beträchtlichen Höhen und bei so tiefer Temperatur zum sichern Tode

führe. Sie zogen deshalb vor, ganz ohne Speise zu bleiben.

Die Nacht kam, und mit ihr blies der Wind in Stößen, Kies und Schnee

rings um unsere Zelte aufhäufend. Während des Orkans, der in den

Nachtstunden raste, mußten wir mehrmals aus unsern Zelten heraus, um

die lockern Pflöcke fester zu machen. Alle die gefrorenen Stricke zu

befestigen, war ein sehr hartes Stück Arbeit.

Von grobem Sand und Regen gepeitscht, packten wir, so gut wir konnten,

unsere Siebensachen zusammen und machten uns wieder auf den Weg. Ich

war etwas voraus, als ich zu meinem Erstaunen nur ungefähr 200 Meter

von unserm Lager eine Doppelreihe von frischen Fußspuren auf dem Schnee

fand. Die nach uns gerichteten waren etwas undeutlich und mit Sand

bedeckt, während die in der entgegengesetzten Richtung gehenden ganz

frisch schienen. Nachdem ich diese Fußspuren sorgfältig untersucht

hatte, war ich ganz sicher, daß sie von einem Tibeter herrührten. Wo

die Fußspuren aufhörten, zeigten Abdrücke im Schnee, daß sich der Mann

an verschiedenen Stellen platt auf den Boden gelegt hatte. Ohne Zweifel

hatte man uns nachspioniert und uns beobachtet.

Meine Leute hatten, seitdem wir auf diese Seite des Himalaja gekommen

waren, Zeichen von Furcht verraten. Sie besahen sich jetzt alle

ängstlich diese Spuren und stellten Vermutungen über ihren Ursprung

an. Einige mutmaßten, daß der Mann ein Daku, ein Räuber, sein müsse,

und daß wir am Abend von der ganzen Bande angegriffen werden würden;

andere behaupteten, der Spion könne nur ein Soldat sein, der von

den tibetischen Offizieren in Gyanema ausgeschickt sei, um unsere

Bewegungen zu überwachen. Unter allen Umständen galt der Zwischenfall

als ein böses Omen. Während unsers Weitermarsches sahen wir die Fährten

fortwährend. Die kühnsten Vermutungen wurden laut.

Meine Leute waren so erschöpft, daß wir bald in 5070 Meter Höhe

haltmachen mußten. Die Kälte war intensiv, und wieder hatten wir

keinerlei Brennmaterial. Der Wind tobte, und am Abend fiel dichter

Schnee. Die halbverhungerten Träger aßen ein bißchen Satu, eine Art

Hafermehl, aber Tschanden Sing, ein Radschpute, konnte, ohne das Gesetz

seiner Kaste zu verletzen, seine Speise nicht unzubereitet essen. Vor

zwei Tagen hatte er seine letzte Mahlzeit gehabt, aber ehe er die

Gesetze seiner Religion übertreten hätte, zog er es vor, sich in seine

Decke zu rollen und hungrig schlafen zu gehen.

Der Schnee lag 30 Zentimeter hoch und fiel immer noch dicht. Die

Träger versuchten zu schlafen, indem sie sich zur Erwärmung so nahe

zusammenkauerten als möglich. Sie weigerten sich weiterzugehen und

sagten, sie würden lieber sterben. Wir fanden es auch bequemer, ihnen

zu glauben und unter den Decken im Zelte soviel Wärme und Schlaf zu

genießen als möglich.

Zwei oder drei Stunden später klärte sich das Wetter auf. Die

halbverhungerten Kulis beklagten sich, daß sie wieder keine Feuerung

finden könnten, um ihr Essen zu kochen, und sagten, sie wollten mich

verlassen. Die Lage war kritisch, das sah ich ein. Sofort nahm ich mein

Fernrohr und kletterte auf den Gipfel eines kleinen Hügels. Es war

seltsam, was für ein unbegrenztes Vertrauen die Kulis zu diesem Glase

hatten. Offenbar glaubten sie nach Art der Kinder, daß ich mit ihm

durch die Berge hindurchsehen könne. Mit der beruhigenden Nachricht,

daß ein weiterer Tagemarsch uns zu einer Menge Feuerungsmaterial

bringen würde, kam ich herab.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 8 / 28 段