endlosem Verdruß mit einigen meiner Leute, die schon wieder unsicher
waren, ob sie mich auf meiner Reise begleiten sollten oder nicht,
machte ich mich auf den Weg. Das Dorf Kuti ist das höchste in Bias; es
liegt in Höhe von 3940 Meter.
Der Weg war jetzt ziemlich frei von Schnee und Eis mit Ausnahme einiger
Stellen, wo wir ausgedehnte schneebedeckte Abhänge zu überschreiten
hatten.
Auf einem von diesen hatten wir unsern ersten Unfall. Ein Kuli, der
einen großen Topf mit Butter in der Hand trug, stürzte. Zum Glück glitt
er nicht weit hinab, aber wir wurden bitter enttäuscht, als wir sahen,
wie unser kostbarer Topf ins Wasser rollte und für immer verschwand.
In einer Höhe von 3980 Meter schlugen wir das Lager auf. Spät am Abend,
als meine Leute Holz sammelten, um ein großes Feuer zu unterhalten,
um das wir herumsaßen, kamen zwei Kulis, die mit der Weisung, uns zu
folgen, in Kuti zurückgelassen worden waren, mit ihren Lasten an.
Es waren zwei seltsame Charaktere. Der eine war traurig und mürrisch,
der andere lebhaft und gesprächig; sie gaben vor, Radschputen zu sein.
»Du siehst,« rief der fröhliche Kuli, »ich bin klein, aber ich fürchte
nichts. Wenn wir nach Tibet hinübergehen, werde ich mit einem spitzen
Stocke vorangehen und alle Tibeter verjagen. Ich habe keine Furcht vor
ihnen. Ich habe Mut, es mit der ganzen Welt aufzunehmen!«
Da ich den Wert dieser Art Reden von seiten der Eingeborenen kenne,
stopfte ich ihm den Mund und schickte ihn fort, Holz zu holen.
Der mürrische Bursche interessierte mich mehr. Er äußerte nur selten
ein Wort, und wenn er es tat, sprach er nicht vergnügt, augenscheinlich
in tiefes Nachdenken versunken, aus dem er seinen Geist nur mit großer
Anstrengung zu reißen schien. Er sah jämmerlich krank aus. Unbeweglich
und sprachlos sah man ihn, wie in Verzückung, auf einen bestimmten
Punkt starren. Seine Gesichtszüge waren sehr fein und regelmäßig, aber
seine Haut hatte jene abscheuliche, glänzend weißliche Färbung, wie sie
den Aussätzigen eigen ist.
Ich wartete auf eine Gelegenheit, seine Hände zu untersuchen, auf denen
er saß, um sie warm zu halten. An den zusammengezogenen Fingern findet
man die ersten Symptome des Aussatzes, jener schrecklichsten aller
Krankheiten. Ich forderte den Mann auf, sich näher an das lodernde
Feuer zu setzen. Er kam und hielt seine offenen Handflächen gegen die
flackernden Flammen. Mein Verdacht war nur zu richtig. Seine Finger,
verzogen und gekrümmt, mit wunder Haut an den Gelenken, waren der
traurige, aber überzeugende Beweis. Ich untersuchte seine Füße; auch
daran waren dieselben Symptome.
»Wie heißt du?« fragte ich ihn.
»Man Sing«, sagte er trocken und verfiel wieder in seine Träumerei.
Das knisternde Feuer war im Erlöschen, als plötzlich ein stämmiger
Tibeter erschien, tief gebückt unter der schweren Last eines ungeheuern
Baumstammes, den er auf dem Rücken trug. Er kam näher und warf das Holz
auf das Feuer.
Das war wieder ein anderer Charakter. Stark wie ein Ochse, hatte dieser
ein seltsames Vorleben gehabt. Er war seinerzeit ein wohlbekannter
Bandit in der Gegend von Lhasa gewesen. Viele Menschen soll er ums
Leben gebracht haben, und als er fand, daß sein eigenes in seinem
Vaterlande in Gefahr war, hatte er sich auf der englischen Seite
der Grenze niedergelassen und verschiedene Frauen geheiratet, die er
mißhandelte und nacheinander fortjagte. Seinen letzten Familienhändeln
hatte ich es zu verdanken, daß er in meinen Dienst gekommen war. Seine
abnorme, für das Tragen von Lasten so wertvolle Kraft war seine einzige
Empfehlung bei mir gewesen. Im Lager war er unter dem Namen Daku, der
Räuber, bekannt.
Als ich meine andern Leute inspizierte, mit denen ich noch kaum
bekannt geworden war, belustigte und interessierte mich die sonderbare
Mischung von Geschöpfen, aus denen meine Bande bestand. Da waren Jumlis
mit ihrem üppigen schwarzen Haar, das in kleinen Flechten und einem
Haarbüschel über den Kopf gebunden war wie bei den Koreanern. Da waren
Tibeter, Schokas aus Bias, Rongbas, Nepalesen, Radschputen und Totolas.
Dann gab es einen Brahminen, zwei eingeborene Christen und einen
Johari. Dazu kam ~Dr.~ Wilson. Welches Chaos von Sprachen und Dialekten!
Spaßhaft war, daß jede einzelne Kaste dieser bunten Schar auf alle
andern herabsah. Daraus folgte vom ersten Tage an Trennung bei den
Mahlzeiten, und das Lager wurde von ebenso vielen brennenden Feuern
belebt, als es Kasten unter meinen Begleitern gab. Mir war dies ganz
recht, da es mir eine Art von Garantie schien, daß sie sich nie alle
zusammen zu einer Meuterei gegen mich verbinden würden.
Der arme Man Sing, der Aussätzige, zitterte vor Kälte. Er war nicht
imstande gewesen, sich in Kuti eine Decke und Schuhe zu kaufen, und
hatte anstatt dessen das Geld für Tabak ausgegeben. ~Dr.~ Wilson und
ich erbarmten uns seiner. Wir hatten noch den Abend vor uns; so holte
ich den Stoff heraus, den ich in Kuti gekauft hatte, und wir fingen an,
mit Schere und Nadel einen neuen Anzug für den armen Kerl zuzuschneiden
und zu nähen. Der Doktor besorgte das Zuschneiden und ich das Nähen.
Ich kann nicht behaupten, daß ein Schneider von Profession nicht etwas
besser Passendes zustande gebracht haben würde, aber die neuen Kleider
saßen im allgemeinen nicht schlecht. Die einzige Unbequemlichkeit war
die seitwärts zu schließende Jacke. Ich hatte keine Knöpfe und war
deshalb genötigt, den Rock auf dem Manne selber zuzunähen.
Am nächsten Morgen um ½6 Uhr verließen wir das Lager. Hohe Berge ragten
zu beiden Seiten von uns auf. Wir folgten dem Kuti, der hier von Westen
nach Osten fließt. Auf der andern Seite des Kuti waren hohe senkrechte
Felsen von einem lebhaft rot gefärbten Gestein mit blauen horizontalen
Schichten, über denen eine Reihe sehr spitzer Gipfel emporragte.
Wir durchwateten drei Nebenflüsse des Kali; dann kamen wir an einen
reißenden, tiefen Fluß, dessen Überschreitung uns große Mühe machte.
Es war schon gegen Mittag, und der Strom, der von den schmelzenden
Schneemassen gespeist wurde, stieg jeden Augenblick.
Zwei Kulis, die ich zuerst hineinschickte, erreichten die Mitte, wo
ihnen das Wasser bis ans Kinn ging. Sie verloren den Halt und waren
einen Augenblick hilflos und in Gefahr, fortgerissen zu werden. Die
Lasten, die sie auf dem Kopfe trugen, waren teilweise verdorben, als
es uns gelang, sie wieder ans Ufer zu bringen. Die andern Leute wurden
dadurch abgeschreckt, und als sie sich nach einiger Zeit entschlossen,
hinüberzugehen, war der Fluß so gestiegen, daß es unmöglich war, anders
als durch Schwimmen auf das jenseitige Ufer zu gelangen; hiervon konnte
aber wegen der Lasten keine Rede sein.
Wir mußten nun den Lauf des Stromes 2 Kilometer weit aufwärts
verfolgen, bis wir eine ziemlich unsichere, doch passierbare
Schneebrücke fanden, auf der meine Leute und Güter den Übergang
bewerkstelligten. Wir nahmen unsern Kurs am Kuti wieder auf. Trotz
der bedeutenden Höhe trafen wir große Flächen voll roter, violetter,
weißer und leuchtend gelb gefärbter Blumen, die malerische, beständig
wechselnde Effekte hervorbrachten.
Auf einem kleinen Passe von 4500 Meter angelangt, führt der Weg nach
Darma am Jolinkan über den Lebungpaß. Es ist eigentlich nur ein Steig
für Ziegen, beschwerlich und ermüdend, ausgenommen im Monat August, wo
nur noch geringe Schneemengen vorhanden sind.
Der Jolinkanfluß, der auf dem Schneefelde östlich vom Lebung- oder
Jolinkanpasse entspringt, mußte jetzt überschritten werden. Der
stämmige Daku, der stets bereit war, sich nützlich zu machen, hob
mich wie eine Feder auf seinen Rücken und bewahrte mich so davor,
höher als bis über die Knie in das bitterkalte Wasser einzutauchen,
wogegen es ihm bis an den Hals reichte. Links vom Wege, der in eine
Höhe von 4550 Meter hinaufgestiegen ist, liegt 25 Meter über ihm ein
kleiner, wunderschöner See von 500 Meter Länge und 400 Meter Breite.
Sein Wasser, in dem sich die hohen Schneegipfel ringsum widerspiegeln,
findet Abfluß in einem kurzen, aber äußerst reißenden Flusse, der
brausend in den Kuti strömt. Bald nachdem wir diesen See verlassen
hatten, kamen wir an eine kleine Wasserfläche, neben welcher dreizehn
eigentümliche Pfeiler oder Säulen stehen, deren jede von dem ersten
Tibeter oder Schoka errichtet worden ist, der den Paß während des
Sommers überschreitet. Ein ebensolches Zeichen sieht man auch oben auf
einem großen, aus dem Wasser des größern Sees hervorragenden Felsen.
Obgleich die Sonne schnell hinter den Bergen im Westen niederging,
eilten wir vorwärts, um soweit als möglich in die Region des ewigen
Schnees vorzudringen. Wir gingen noch über welligen Boden, und das
Marschieren war weder schwierig noch mühselig, abgesehen von den eisig
kalten, sehr reißenden Bächen, die wir zu durchwaten hatten. Wir
vermochten nicht wieder warm zu werden; denn von dem einen Bad noch
durchnäßt und vor Kälte zitternd, mußten wir bald darauf den nächsten
Bach durchwaten, und dies wiederholte sich des öftern, so daß wir unter
der beständigen Kälte sehr litten.
Unter meinen Leuten herrschte große Unzufriedenheit über den langen
Marsch, da ihre Füße von der Kälte erstarrt waren. Sie empörten sich
fast, als ich sie an einem Lagerplatz, den sie ausgewählt hatten, nicht
bleiben ließ, sondern ihnen befahl, den Marsch fortzusetzen. Drei
Kilometer von dem Punkte, an dem sie haltmachen wollten, überblickten
wir ein großes, flaches Becken voll Steine und Kies, ungefähr ein
Kilometer breit und anderthalb lang, das dem Anscheine nach früher ein
See gewesen war. Es war von hohen, schneebedeckten Bergen umgeben und
lag in einer Höhe von 4690 Meter. Es schien, als hätte die ungeheuere
Masse von Steinen und Kieseln, die der den See speisende Fluß mit
sich geführt hatte, dessen Bett so erhöht, daß das Wasser in den Kuti
abfloß. So wie ich ihn sah, bildete der Fluß ein ausgedehntes Delta mit
nicht weniger als zwölf Armen, die sich in dem Becken wieder zu einem
einzigen Wasserlauf vereinigten, bevor er sich in den Kuti ergoß.
Natürlich wählten wir die breitern Stellen zum Durchschreiten, da
wir annahmen, daß sie seichter sein würden als die schmalern. Wieder
einmal mußte ich an diesem Tage Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch
das kalte Wasser waten. Es war ganz frisches Schneewasser und seine
Temperatur wenig über dem Gefrierpunkt. Die Sonne war untergegangen,
und es wehte schneidender Wind. Beim Überschreiten der zahlreichen
Arme des Flusses fror ich so an den Füßen, daß ich kaum stehen konnte;
überdies war das Treten auf scharfkantige Steine unter dem Wasser und
das Anstoßen mit den erstarrten Zehen anfangs sehr schmerzhaft. Nach
einer Weile waren meine Füße so gefühllos, daß ich einen eigentlichen
Schmerz nicht mehr empfand, obgleich meine Fußsohlen und Zehen bei
jedem Schritt zerschunden wurden. Nachdem ich fünf oder sechs Arme
des Deltas hinter mir hatte, war ich außerstande, mich länger auf den
Beinen zu halten; ich fing an, sie stark zu reiben, bis die Erstarrung
langsam, aber unter heftigen Schmerzen wieder nachließ.
Es ist merkwürdig, wie sehr ein bißchen Humor bei solchen Gelegenheiten
hilft. Für einen Zuschauer, der nicht wie wir zu leiden gehabt hätte,
würde der Anblick unserer Gesellschaft beim Überschreiten jenes Deltas
komisch gewesen sein. Der Ausdruck der Verdrießlichkeit auf den
Gesichtern meiner Leute, von meinem eigenen nicht zu sprechen, würde
den Unbeteiligten amüsiert haben. Das Entsetzen, das uns erfaßte,
wenn wir, kaum aus dem einen gestiegen, immer wieder einen neuen Arm
des Deltas vor uns auftauchen sahen, muß sich auf unsern Gesichtern
gewiß in höchst drastischer Weise gezeigt haben. Unsere Fußbekleidung
trugen wir auf den Schultern. Wir stolperten und plätscherten in dem
grünlichen Wasser umher; jetzt fiel dieser, dann jener, vor Schmerzen
fluchend, auf einer der Inseln nieder, bis wir schließlich alle auf
halbem Wege kampfunfähig waren. Trotz unsers nicht beneidenswerten
Zustandes, mit blutenden Füßen inmitten einer traurigen Öde, wurden
meine Leute, die erst mürrisch gewesen waren, als ihnen ihr Wunsch
abgeschlagen wurde, ganz gutmütig und lustig, als ich sie mit ihren
augenblicklichen Mühsalen neckte und sie sahen, daß es mir nicht
besser ging. Als wir nach endlosem Reiben in unsere Gliedmaßen etwas
Blutzirkulation gebracht hatten, schickten wir uns an, die nächsten
sechs Arme des Deltas zu überschreiten. Nach mehr als einstündiger
Anstrengung konnten wir endlich unsere Fußbekleidung anziehen und
empfanden dabei die wohltuende Befriedigung, die aus dem Bewußtsein
der Überwindung von Schwierigkeiten hervorgeht. Nie kann ich meine
Freude vergessen über eine sonst kaum beachtete Annehmlichkeit -- über
ein Paar warme Socken! Während ich diese Zeilen schreibe, durchlebe
ich noch einmal das besondere Vergnügen, sie vorsichtig anzuziehen,
und es wird mir für immer im Gedächtnis bleiben als Belohnung für die
ausgestandenen Beschwerden.
Eine der hauptsächlichsten Schattenseiten des Reisens in hohen Regionen
ist der Mangel an vegetabilischem Brennmaterial. Kein Baum, kein
Strauch war in der Nähe unsers Lagers zu sehen. Die Natur trug hier
ihr ödestes, dürftigstes Gewand. Da Holz fehlte, zerstreuten sich
meine Leute, um den trockenen Dung von Jaken, Pferden und Schafen zu
sammeln, der als Feuerung dienen sollte. Es war nicht leicht, dieses
Material in Brand zu bringen; eine Schachtel Streichhölzer nach der
andern wurde verbraucht und die vereinigte Kraft unserer Lungen hart
in Anspruch genommen, um die Funken zu einer nur wenige Zoll hohen
Flamme anzublasen. Auf diesem dürftigen Feuer versuchten wir Wasser zum
Sieden zu bringen und unser Essen zu kochen, ein saures Stück Arbeit in
dieser Höhe. Die Küche war an jenem Abend nicht von der gewöhnlichen
Vortrefflichkeit und machte dem Koch nur wenig Ehre. Wir mußten alles
halb gekocht oder, um es genauer zu sagen, fast gänzlich roh essen. Es
war eine bitterkalte Nacht mit starkem Schneefall; als wir am Morgen
aufstanden, lag der Schnee ein halbes Meter hoch rings um uns, und der
blendende Glanz war für unsere Augen schmerzhaft.
Ich musterte meine Leute. Man Sing fehlte noch. Er war am Abend vorher
nicht angekommen, und von dem Manne, den ich auf Suche nach ihm
geschickt hatte, war auch keine Spur zu sehen. Ich war um Man Sing,
der eine Last Mehl, Salz, Pfeffer und fünf Pfund Butter trug, besorgt
und fürchtete, daß der arme Aussätzige von einem der gefährlichen
Flüsse fortgerissen worden sein könnte; und wenn auch diese Befürchtung
vielleicht grundlos war, so mußte er doch draußen in der kalten Nacht
allein, ohne Obdach, ohne Feuer sehr zu leiden gehabt haben!
Es war lange nach Sonnenaufgang, als ich mit Hilfe meines Fernrohrs
die beiden Männer entdeckte, die auf uns zukamen. Eine Stunde später
langten sie an. Man Sing war mehrere Kilometer hinter uns gefunden
worden, in tiefem Schlafe neben dem leeren Buttertopfe liegend, dessen
Inhalt er verzehrt hatte. Die Entdeckung dieser Missetat verursachte
im Lager die größte Entrüstung, denn Fett und Butter werden von den
Eingeborenen, wenn sie über diese kalten Pässe gehen, als Wärme
erzeugend sehr geschätzt. Er wurde fast das Opfer einer Lynchjustiz
von seiten meiner erbosten Leute, und nur mit Mühe befreite ich
ihn aus ihren Klauen. Um eine Wiederholung des Vorkommnisses zu
verhindern, befahl ich dem Schuldigen, in Zukunft eine schwere Last von
photographischen Platten und Instrumenten zu tragen, die nicht ganz so
appetiterregend sein würden.
Ich nahm mein gewöhnliches Bad in dem kalten Fluß und rieb mich über
und über mit Schnee ab. Das fand ich sehr stärkend, und wenn die
Reaktion eintrat, fühlte ich trotz der dünnen Kleider, die ich trug,
eine behagliche Wärme durch den ganzen Körper.
Während wir lagerten, erschien eine Herde von ungefähr 600 Schafen und
mit ihnen einige Tibeter. Da ich mein tibetisches Zelt aufgestellt
hatte, stürzten die Tibeter darauf zu in der Erwartung, einen ihrer
Landsleute zu finden. Ihre Verlegenheit war ergötzlich, als sie sich
Dr. Wilson und mir gegenübersahen. Eiligst nahmen sie ihre Pelzmützen
vom Kopfe, legten sie auf den Boden und machten eine komische,
knicksende Verbeugung, als ob ihre Köpfe und Knie sich vermittelst
einer Feder bewegten. Dann streckten sie die Zungen in ihrer ganzen
Länge heraus, bis ich ihnen ein Zeichen gab, daß sie sie zurückziehen
könnten, da ich einige Fragen an sie richten wollte.
Die unerwartete Begegnung mit uns hatte sie sehr erschreckt. Sie
zitterten vor Furcht am ganzen Körper, und nachdem ich so viel Auskunft
aus ihnen herausgebracht hatte, als überhaupt in ihnen zu stecken
schien, benutzte ich die günstige Gelegenheit, einige ihrer fettesten
Schafe zu kaufen. Als das Geld bezahlt war, gab es, ehe die Tibeter
sich entfernten, eine neue Ausstellung von Zungen und noch großartigere
Salaams, während auf unserer Seite alle Mann bemüht waren, die soeben
gekauften Tiere an der Rückkehr zur Herde zu verhindern.
Auf unserm nächsten Marsche waren diese Tiere eine große Plage für uns;
wir mußten sie den größten Teil des Weges zerren. Katschi, der mit
der Führung eines sehr widerspenstigen, starken Tieres betraut war,
das ich meinen Leuten ausdrücklich zum Mittagessen versprochen hatte,
wenn sie an diesem Tage einen langen Marsch machten, geriet ganz außer
Fassung, als er fand, daß das Schaf den Kopf aus der Schlinge gelöst
hatte, an der er es zog, und daß es mit größter Geschwindigkeit nach
der entgegengesetzten Richtung fortrannte. Nun ist es wohlbekannt, daß
das Laufen in hohen Regionen für den Menschen sehr beschwerlich ist, da
die dünne Luft fast zum Ersticken bringt. Trotzdem jagte Katschi hinter
dem entlaufenen Tiere her, und, von dem Freudengeschrei und den Zurufen
meiner Leute angefeuert, gelang es ihm nach einer aufregenden Jagd,
das Tier am Schwanze zu erwischen, ein Kunststück, das leichter zu
beschreiben als auszuführen ist, denn die tibetischen Schafe haben sehr
kurze Stummelschwänze. Erschöpft fiel Katschi zu Boden, hielt aber mit
beiden Händen den Flüchtling fest, bis das Tier an den Strick gebunden
war.
Auf ziemlich welligem Boden stiegen wir allmählich zu einem Paß in
4750 Meter Höhe empor und dann folgten wir dem Kuti mit seinen hohen
schneebedeckten Bergen im Westen und Osten. Die Schneelinie war in
4870 Meter Höhe. Noch immer waren rote und weiße Blumen zu sehen,
wenn auch nicht in solchen Mengen wie tiefer unten, auch beobachtete
ich allerliebste, kleine schwarz und weiße Schmetterlinge. Dieselbe
Schmetterlingsart fand ich in Tibet sogar in noch höheren Regionen.
Wir kamen an einen merkwürdigen, flachen, kreisrunden Stein, der auf
einem andern Felsen lag; er wurde mir als ein Wunder gezeigt. Nach
einer unter den Schokas verbreiteten Sage hat einer ihrer Landsleute
vor Jahrhunderten neben dem Felsen haltgemacht und einen Tschapati
gebacken, den er auf den Stein legte. Als er sich anschickte, einen
zweiten Tschapati zu machen, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen,
daß der erste sich in festen Stein verwandelt und einen ungeheuern
Umfang angenommen hatte.
[Illustration: Verdächtige Fußtapfen.]
Ein paar Meter weiter wurde mir ein anderes Wunder gezeigt, eine große
menschliche Hand, wie die Tibeter und Schokas das Ding nennen, die
nach der Legende dem Manne mit dem Tschapati angehört habe. Mit seiner
ersten Erfahrung nicht zufrieden, hatte er eine Hand auf den Felsen
gelegt, wo sie versteinert und ins Riesenhafte vergrößert liegenblieb.
Mit einigem Aufwand von Phantasie konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit
mit einer ungeheuern Menschenhand herausfinden.
[Illustration: Begrüßung des heiligen Berges Kelas.]
Kilometer um Kilometer marschierten wir über scharfkantige Steine;
wir wateten durch ein zweites beschwerliches, reichlich anderthalb
Kilometer breites Delta von acht Armen und quer über ein flaches Becken
mit Kieseln und spitzen Steinen, bis wir endlich zu unserer großen
Freude auf weiches Grasland kamen, eine wohltuende Erleichterung für
unsere wunden Füße.
Gerade vor mir stand das letzte Hindernis, das ungeheuere Rückgrat des
Himalaja. War dieses einmal überschritten, so würde ich auf jenem hohen
tibetischen Plateau sein, das so zutreffend und anschaulich das »Dach
der Welt« genannt wird.
Zwölftes Kapitel.
Im Schnee begraben.
Ich hatte von Kuti aus einen kräftigen Schoka namens Nattu ausgesandt,
um festzustellen, ob es möglich wäre, das Gebirge über den hohen
Mangschanpaß zu überschreiten, da ich in diesem Falle imstande gewesen
wäre, ohne entdeckt zu werden, weit nach Tibet hineinzukommen. Ich
würde so die große Anzahl von Soldaten umgangen haben, die, wie
mir berichtet worden war, der Jong Pen von Taklakot am Lippupaß
konzentriert hatte, um mein Eindringen in das Land zu verhindern. Und
ehe sie Zeit gehabt haben würden, sich über meinen Verbleib klar zu
werden, würde ich einen zu großen Vorsprung gehabt haben, als daß sie
mich noch hätten finden können.
Nattu kam fast gleichzeitig mit uns im Lager an und hatte eine lange
Leidensgeschichte zu erzählen. Er war den Berg halbwegs hinaufgekommen.
Der Schnee war tief, und ungeheuere, gefährliche Spalten waren im Eise.
Beim Aufstieg war über seinen Weg eine Lawine niedergegangen, und nur
mit genauer Not war er mit dem Leben davongekommen. Das hielt er für
ein böses Omen und kehrte um, ohne die Höhe des Passes erreicht zu
haben. Er schien abgeschreckt und ermattet zu sein und erklärte, daß
es für uns unmöglich sei, auf diesem Wege vorwärtszukommen. Leider
machte der aufregende Bericht des Mannes aus Kuti auf meine Leute einen
sehr entmutigenden Eindruck. Durch die heftige Kälte, die Anstrengung
des Tragens so schwerer Lasten über ein so schlechtes Terrain, durch
die gefürchteten Flüsse, von denen wir so viele überschritten hatten,
wurden meine Träger bei dem Gedanken an weitere bevorstehende Leiden
völlig demoralisiert, um so mehr, als ich ihnen versicherte, daß ich
Nattu nicht glaubte und gehen würde, um selbst zu sehen.
Es war 4½ Uhr nachmittags, also geraume Zeit vor Sonnenuntergang, und
Mondschein zu erwarten. Ich war an dem Tage 15 Kilometer marschiert,
und obgleich die Sohlen meiner Füße wund waren, war ich doch nicht
ermüdet. Man muß bedenken, daß in hohen Regionen die Anstrengung,
15 Kilometer zu gehen, gleichbedeutend ist mit der eines Marsches von
dreifacher Länge in geringern Höhen.
Unser Lager befand sich 4920 Meter über dem Meere, eine ziemlich
respektable Höhe, wenn man bedenkt, daß der Montblanc, der höchste
Berg in Europa, nur 4810 Meter hat. Dr. Wilson bestand darauf, mich
zum Gipfel hinauf zu begleiten. Katschi Ram und der Rongba boten sich
freiwillig an, Bijesing, der Johari, schloß sich nach einigem Zureden
an, was unsere kleine Gesellschaft vervollständigte. Tschanden Sing,
der einzige, dem ich wirklich trauen konnte, wurde zur Aufsicht über
das Lager zurückgelassen, mit dem strengen Befehl, jeden, der während
meiner Abwesenheit versuchen sollte umzukehren, streng zu bestrafen.
Fast unmittelbar, nachdem wir im Lager angekommen waren, brachen wir
auf und folgten stromaufwärts dem Laufe des Mangschanflusses, der
zwischen hohen Bergen eingeschlossen ist. Es gab keinen Fußweg, und
der Marsch über große, schlüpfrige Steine, zwischen denen unsere
Füße beständig ausglitten, eingeklemmt und verletzt wurden, war
außerordentlich beschwerlich. Da ich meinem Gefolge, das dicht vor der
Meuterei zu stehen schien, wenig traute, wollte ich nicht gern die
schwere Last von 800 Silberrupien, die in meinen Rock eingenäht war und
die ich, beiläufig gesagt, immer bei mir trug, im Lager zurücklassen,
und ebensowenig meine Flinte, zwei Kompasse, zwei Aneroide, ein
Halbchronometer, eine andere Uhr und einige dreißig Patronen. Das
Gesamtgewicht dieser Gegenstände war beträchtlich, was ich besonders
während der ersten Tage meines Marsches fühlte. Indessen, man gewöhnt
sich an alles, und bald spürte ich beim Marschieren verhältnismäßig
wenig davon. Ich hatte beschlossen, dies alles selbst zu tragen, um
immer sicher zu sein, im Falle meine Leute revoltierten oder ausrissen.