Nach einigen Tagen wird die Gliederpuppe aus dem Zimmer entweder

vor das Wohnhaus oder nach irgendeiner malerischen Stelle im Walde

getragen. Schalen mit Speisen werden vor sie gesetzt, und ein Tanz nach

einer seltsamen, sentimentalen Melodie beginnt mit anmutigen Drehungen

der Mädchen und Frauen, die große Stücke weißen Stoffes schwenken.

Nachmittags schließen sich die Männer der Aufführung an, und obgleich

ihr Tanz in der Hauptsache dieselben charakteristischen Eigenheiten

und Bewegungen hat wie der Tanz der Frauen, so ist er gewöhnlich viel

ungestümer, so daß er fast den Charakter eines Kriegstanzes trägt.

Wenn anzunehmen ist, daß die Puppe sich gesättigt hat, wird die ganze

Schar der Leidtragenden von der Familie mit Zucker, geröstetem Mais,

Reis, Süßigkeiten, Ghur und Miseri bewirtet. Während das Volk ißt,

kehren die Damen des Hauses unter raschem Trommelschlag zu dem Bildnis

zurück und verneigen sich wieder in feierlichen, lang anhaltenden

Verbeugungen.

[Illustration: Tötung des geopferten Jaks.]

Schließlich wird das zum Opfer bestimmte Tier, eine Ziege oder ein Jak,

unter dem Abfeuern von Gewehren, dem Geheul, Gekreisch und betäubenden

Gezische der versammelten Menge vor die Gliederpuppe gezogen. Um seine

Hörner sind lange bunte Bänder gewunden, deren Enden an der Seite

des Kopfes herabhängen. Unter den Nüstern des Tieres wird Sandelholz

verbrannt, was nach dem Glauben der Schokas die Seele des Verstorbenen

veranlaßt, sich in dem Tiere niederzulassen. Die Kleider, der Turban,

der Schild, die Juwelen werden der Gliederpuppe vom Leibe gerissen und

auf die Ziege gepackt, die jetzt die Verkörperung des Verstorbenen

ist. Sie wird gefüttert, bis sie nichts mehr aufnehmen kann; Wein

und Branntwein werden ihr in den Hals gegossen und große Schüsseln

mit allen möglichen Leckereien vor sie hingestellt. Die weiblichen

Verwandten widmen dem Tiere ihre zärtlichste Zuneigung und vergießen

Tränen über ihm, in der Überzeugung, daß es den Geist ihres verlorenen

Beschützers enthält. Mit Speise vollgepfropft und durch den Alkohol

betäubt, unterwirft sich das Tier gefühllos und regungslos den wilden

Liebkosungen, Gebeten und Salaams, die über dasselbe ausgegossen

werden. Wieder fängt das Zischen, Pfeifen und Kreischen an, und man

stürzt auf das Tier los, das bei den Hörnern, dem Schwanze und

überall, wo es gepackt werden kann, ergriffen und gestoßen, geschlagen

und endlich zum Dorfe hinausgejagt wird, nachdem ihm Kleider, Schild,

Schwert, Turban und Schmucksachen vom Rücken gerissen worden sind. Es

wird schließlich den Hunyas übergeben, die bei diesen Gelegenheiten aus

der Einfalt der Schokas Vorteil ziehen und die es niederwerfen, ihm

den Leib aufschlitzen und das Herz herausreißen oder dieses mit einem

schnellen Ruck umdrehen, der augenblicklich tötet.

Diese Methode wird bei Schafen oder Ziegen angewendet. Wenn ein Jak

geopfert wird, so finden fast die nämlichen Gebräuche statt, bis zu

dem Augenblick, da die Puppe ihrer Kleider beraubt und der Jak mit

ihnen bekleidet wird. Er wird ebenfalls geschlagen und herumgezogen

und auf dem Gipfel eines Berges verlassen, während die Menge ihm

nachruft: »Geh! Geh! Wir haben dich gefeiert, verehrt und gefüttert!

Wir haben alles, was in unsern Kräften stand, für dein Wohlergehen

getan. Mehr können wir nicht tun! Jetzt geh!« Hiermit wird der Jak mit

der in ihn hineingetriebenen Seele seinem Schicksal überlassen, und

sobald die Schokas fortgegangen sind, wird er von den Tibetern, gegen

deren Glauben es geht, einem Jak Blut zu entziehen, in einen Abgrund

getrieben. Bei dem verhängnisvollen Sprung wird das Tier in Stücke

zerschmettert, und die Tibeter sammeln die Überreste und essen sich an

dem geschätzten Fleische ihres geliebten Jak voll.

Wenn alles vorüber ist, wird dem Toten etwas von seinem Besitze

zurückerstattet, und einzelne Gegenstände, wie messingene Schalen, eine

Flinte, ein Schild oder Schwert, werden in eine heilige Höhle gelegt,

die niemand durch Fortnahme eines Gegenstandes zu entweihen wagt. Diese

Höhlen liegen hoch oben an den Abhängen der Berge und sollen voll

von heiligen Opfergaben sein, die sich während der Jahrhunderte dort

angehäuft haben.

Zehntes Kapitel.

Abschied von Indien.

Der Tag meiner Abreise kam. Es war nach Sonnenuntergang, als sich vor

meiner Wohnung ein Haufen Schokas versammelte. Ich verabschiedete mich

von meinem Wirte Zeheram, seiner Frau und seinen Kindern, die mit

Tränen in den Augen glückliche Reise wünschten.

»Salaam, Sahib, Salaam!« wiederholte Zeheram schluchzend, indem er

seine Hand respektvoll an die Stirne führte.

»Du weißt, Sahib, daß ein Pferd zu einem Pferde geht, ein Tiger zu

einem Tiger, ein Jak zu einem Jak und ein Mann zu einem Manne. Eines

Mannes Haus ist eines andern Mannes Haus, gleichviel ob die Farbe

unserer Haut verschieden ist oder nicht. Deshalb danke ich dem Himmel,

daß du Obdach unter meinem bescheidenen Dache genommen hast. Es muß

dir unbehaglich gewesen sein, denn ihr Sahibs seid alle reich und

an Luxus gewöhnt. Ich bin nur ein Händler und Bauer. Ich bin arm,

aber ich besitze ein Herz. Du hast, anders als andere Sahibs, immer

freundlich zu mir und zu uns Schokas allen gesprochen. Wir fühlen, daß

du unser Bruder bist. Du hast uns Geschenke gegeben, aber wir hatten

sie nicht nötig. Das einzige Geschenk, das wir von dir wünschen, ist,

daß du, wenn du das Ende deiner gefährlichen Reise erreichst, uns

eine Botschaft schickst, daß du dich wohl befindest. Wir wollen alle

für dich Tag und Nacht beten. Unsere Herzen sind betrübt, daß du uns

verläßt.«

Dies war von dem rauhen, alten Burschen, den ich wirklich liebgewonnen

hatte, rührend, und ich sagte ihm, ich hoffte, daß ich eines Tages

imstande sein würde, ihm seine Freundlichkeit zu vergelten.

Als ich die Stufen hinabstieg, gab es auf dem Hofe ein großes Gedränge.

Jeder wollte mir Lebewohl sagen. Die Männer nahmen meine rechte Hand

in ihre beiden Hände und führten sie an ihre Stirn, indem sie Worte

der Betrübnis über meine Abreise murmelten. Die Frauen streichelten

sanft mein Gesicht und wünschten mir: »~Nikutza~, gehe gut! lebe wohl!«

Es sind die Schokagebräuche beim Abschied von Freunden, die in ein

entferntes Land gehen.

Von einer wirklich betrübten Gesellschaft an der Hand geführt, schritt

ich dem schmalen, steilen Abstieg zur Tschongurbrücke zu, der in die

hohen Lehmwände eingeschnitten ist. Unterwegs wollte ich mich noch in

Katschis Wohnung verabschieden, aber er war bereits vorausgegangen.

Einen betrübteren Zug konnte man sich nicht vorstellen. Das schwache

Licht des Neumondes vermehrte die Traurigkeit noch, und bei jenem

eigentümlichen Geräusch verhaltener leiser Schritte war mir zumute, als

wenn ich meinem eigenen Leichenbegängnis beiwohnte. Ich bat sie, nach

ihren Wohnungen zurückzukehren. Einer nach dem andern kam, meine Füße

zu umarmen und meine Finger zu halten, dann gingen sie, das Gesicht in

den Händen verbergend, auf dem steilen Pfade hinauf und verschwanden

allmählich, kleiner und kleiner werdend, geisterhaft in der Ferne.

Einige zwanzig oder dreißig jedoch bestanden darauf, mich zum Flusse

hinabzubegleiten. Ich stieß auf die aufgeregte Gestalt einer alten

Frau, die ihr Haar zerraufte und jämmerlich weinte. Sie warf sich

mir zu Füßen und flehte mich an, für ihren Sohn Sorge zu tragen. Es

war Katschis betrübte Mutter. Ich tröstete sie, so gut ich konnte,

ebenso den trostlosen Vater, den guten alten Junia, der gekommen war,

um mir zärtlich Lebewohl zu sagen, während ihm die Tränen die Backen

hinunterrannen.

[Illustration: Man Sing, der Aussätzige.]

»Wo ist euer Sohn?«

»Du wirst ihn ein wenig weiter unten finden, Sahib.«

[Illustration: Wilde Esel.]

Ich fand ihn mit vier andern in einem Haufen am Boden liegend. Einer

von ihnen versuchte aufzustehen und rief aus: »Katschi, steh’ auf,

hier ist der Sahib«, fiel aber dann wieder um. Katschi gab kein

Lebenszeichen von sich, und ich entdeckte, daß sie in einem Zustande

hoffnungslosen Rausches waren. Arm in Arm lagen sie da, wie sie

hingefallen waren, und schliefen.

[Illustration: Aufstieg zum Lumpiyapaß.]

Neben Katschi lag Dola, sein Onkel, der in der vierfachen Eigenschaft

als Dolmetscher, Träger, als Diener Katschis und als Koch angestellt

war, in welch letzterer Kunst er nach Schokaart ein wahrer Meister

war, dessen Ruhm sich über ganz Bias verbreitet hatte. Er war deshalb

ein Schatz, den man nicht leichtsinnig aufgeben durfte, und ich mußte

jetzt, wo ich schnell und entschieden handeln wollte, ernstlich

erwägen, ob ich vorwärts gehen sollte, während zwei der wichtigsten

Schauspieler in meinem Stück unfähig waren. Würde ich, durch diese

halben Leichen behindert, imstande sein, ungesehen an der aufmerksamen

tibetischen Wache bei der Tschongurbrücke, nur wenige hundert Meter von

hier, vorüberzukommen?

Ich beschloß, es zu versuchen. Indem ich auf jeder Seite einen unter

dem Arme ergriff, stützte ich sie und hielt sie aufrecht. Es war kein

leichtes Stück Arbeit, und ich fühlte, wie unsere Geschwindigkeit mit

jedem Schritte zunahm, während ich mit meinen taumelnden Genossen

den steilen, schlüpfrigen Pfad hinabstieg. Mit halsbrecherischer

Schnelligkeit erreichten wir den Fuß des Hügels, und da der Pfad am

Rande des Wassers schmal war, war es ein Wunder, daß wir nicht alle

drei im Fluß ein unfreiwilliges Bad nahmen. Als wir so plötzlich

anhielten, fielen meine beiden Schützlinge wieder gänzlich in sich

zusammen, und ich war so erschöpft, daß ich mich hinsetzen und ausruhen

mußte.

Katschi Ram hatte einen lichten Augenblick. Er sah um sich und

erblickte mich zum erstenmal an diesem Abend.

»Sahib, -- ich -- bin -- be--trunken«, preßte er heraus, indem er

zwischen jedem Worte eine lange Pause machte.

»Und ob!« sagte ich.

»Wir Schokas haben diese böse Gewohnheit«, fuhr er fort. »Ich mußte mit

allen meinen Verwandten und Freunden Tschökti trinken, bevor ich zu

dieser langen Reise aufbrach. Sie würden beleidigt gewesen sein, wenn

ich nicht mit jedem einen Becher Wein getrunken hätte. Ich sehe jetzt

alles im Kreise herumgehen; bitte, stecke meinen Kopf in kaltes Wasser.

O der Mond tanzt umher und ist jetzt unter meinen Füßen!«

Ich erfüllte seine Bitte und gab sowohl seinem als auch Dolas Kopf in

dem eisigen Kali eine Taufe.

Dies hatte die unglückliche Wirkung, sie in einen so festen Schlaf zu

versetzen, daß ich glaubte, sie würden nie wieder erwachen. Einige der

nüchternen Schokas erboten sich, die beiden hilflosen Leute auf dem

Rücken zu tragen. Wir verschwendeten die kostbare Zeit, und der Himmel

bewölkte sich unterdessen.

Als der Mond hinter dem hohen Berge verschwunden war, ging ich voraus,

um zu rekognoszieren. Überall Finsternis, nur hier und da flimmerte

ein glänzender Stern am Himmel. Ich kroch nach der Brücke und

horchte; kein Ton, kein Licht am entgegengesetzten Ufer, alles still,

jene Totenstille der im Schlaf liegenden Natur und des schlafenden

menschlichen Lebens.

Ich betrat die Brücke. Sie ist mit Hilfe eines großen Felsblocks in

der Mitte des Stromes, der als Pfeiler dient, über den Fluß gespannt.

Eigentlich sind es also zwei Brücken, die durch den Felsblock verbunden

sind. Ich ging vorsichtig über den diesseitigen Teil, stand auf dem

Felsen, der die schäumenden Wasser trennt, still, um wieder zu horchen,

und bemühte mich, die Finsternis zu durchdringen. Kein Wesen war zu

sehen, kein Ton zu hören. Ich schritt über den Felsen und ging auf die

andere Hälfte der Brücke zu, als ich zu meinem Entsetzen fand, daß

diese zerstört war. Dieser Teil war ganz zusammengestürzt; mit Ausnahme

eines langen Balkens, der noch mit seinem einen Ende unten in dem

reißenden Wasser hin und her schwankte, und einiger Bretter war alles

fortgespült worden.

Ich kehrte zu meinen Leuten zurück.

»Wir müssen unsern Weg auf dieser Seite des Flusses fortsetzen«,

flüsterte ich ihnen zu. »Die Tibeter haben die Brücke zerstört.«

»Der Pfad ist bezeichnet,« antworteten sie, »aber bei Nacht ist er

ungangbar.«

»Tut nichts, wir müssen gehen. Vorwärts!« Damit stellte ich mich an die

Spitze des lautlosen Zuges.

Wir gingen ungefähr zwei Kilometer. Wieder ein anderes Dilemma. Katschi

und Dola schliefen noch fest, die andern, von der Anstrengung des

Tragens ermüdet und angegriffen, wünschten zurückzukehren. Der Himmel

war jetzt über und über bewölkt, und es fing an zu regnen.

Ich fühlte, daß es nutzlos gewesen wäre, auf meinem Willen zu bestehen.

Nachdem ich dafür gesorgt hatte, daß die beiden betrunkenen Geschöpfe

unter einem Schuppen platt auf den Boden gelegt und gut zugedeckt

wurden, kehrte ich nach Garbyang zurück, mit der Absicht, kurz vor

Sonnenaufgang, wenn die Trunkenbolde wahrscheinlich imstande sein

würden, allein zu gehen, von neuem aufzubrechen.

Um 4 Uhr morgens, ehe die Sonne aufging, brach ich von neuem in

größter Eile auf. Ich ging schnell nach der Stelle, wo ich die beiden

Betrunkenen gelassen hatte. Sie waren verschwunden.

Der Weg war schlecht und gefährlich; er führte hart an Abgründen hin

und war kaum breit genug, um darauf stehen zu können. Wir kamen an

eine Stelle, wo der schmale Pfad aufhörte. Vor uns war ein Felsen,

der senkrecht wie eine Mauer zum Kali abfiel. Das hier abtropfende

Wasser des schmelzenden Schnees, von welchem auf dem Gipfel des Berges

eine dicke Schicht zu liegen schien, hatte die Oberfläche des Felsens

allmählich ganz glatt gemacht. Auf der andern Seite setzte sich der

schmale Pfad wieder fort.

Dieser und andern gefahrvollen Stellen ist es zuzuschreiben, daß diese

Route auch von den Eingeborenen nur sehr selten benutzt wird. Der

übliche Weg liegt auf dem jenseitigen Ufer des Kali, in dem Gebiete von

Nepal. Trotzdem besitzen einige Schokas auf diesem Ufer des Flusses

kleine Landparzellen, und sie waren es, die in frühern Jahren ein

Auskunftsmittel erdacht haben, um das Hindernis, vor dem ich jetzt

stand, zu überwinden.

Indem sie einen Mann an Stricken hinunterließen, gelang es ihnen, zwei

parallele Reihen von kleinen Höhlungen in dem Felsen anzubringen, von

denen die obere 1,8 Meter über der untern war. Die Löcher wurden in

Zwischenräumen von etwa 1 Meter längs jeder Linie angebracht; an den

obern sollte man sich mit den Händen halten, die untern sollten die

Füße stützen; keins dieser Löcher war tiefer als ein paar Zentimeter.

Der Übergang war zu jeder Zeit gefährlich, gerade damals aber fast

unmöglich, weil der leichte Regen, der sich eingestellt, den Felsen

glatt und schlüpfrig wie Glas gemacht hatte. Aber es mußte gewagt

werden, um jeden Preis. Mit der Miene erheuchelter Sicherheit zog ich

daher meine Stiefel aus und ging voran.

Ich konnte mich nicht umsehen, denn ich hing mit dem Körper an der

Wand, mit Zehen und Fingern nach Halt tastend. Die Höhlungen waren

so flach, daß das Vorwärtskommen mühsam und gefährlich war. Wenn ich

mit den Zehen des rechten Fußes in einem Loche festzustehen schien,

ließ ich den rechten Arm am Felsen entlang gleiten, bis die Finger

einen festen Griff in der Höhlung erlangt hatten, welche direkt über

der lag, in der die Zehen waren. Dann mußte der ganze Körper von links

nach rechts geschoben werden, wodurch der linke Fuß und die linke Hand

nahe an die rechten gebracht wurden, indem so die Last des Körpers auf

die linke Seite übertragen wurde, um den rechten Fuß und Arm für die

nächste Vorwärtsbewegung freizumachen. So manövrierte ich weiter, bis

ich die andere Seite erreichte und auf dem schmalen Pfade anlangte, der

selbst nur etwa 15 Zentimeter breit war.

Nachdem Tschanden Sing meine und seine Schuhe über die Schultern

gebunden hatte, unternahm er barfuß dasselbe Wagnis. Wenngleich ohne

persönliche Gefahr für mich, waren die Augenblicke, während er mit

von Kälte und Furcht halb gelähmten Zehen und Fingern nach dem Wege

tastete, ebenso aufregend für mich wie die vorhergegangenen. Aber auch

er kam sicher und heil hinüber, und das übrige war verhältnismäßig

leicht.

Jetzt war es an der Zeit, nach Spuren von Katschi und Dola zu forschen,

die uns vorangegangen zu sein schienen. Ich war froh, als ich etwas

weiter frische Fußspuren, ohne Zweifel die der beiden Schokas, fand.

Der Weg führte auf und ab, fast immer an steilen Abhängen entlang, und

war überall gefährlich schmal, hier und da gab es kleine Strecken auf

wackeligen Balken. An einer Stelle zwang uns die zerklüftete Wand, zur

höchsten Spitze des Felsens emporzusteigen und auf allen vieren über

eine Art Brücke zu kriechen, die aus Baumästen gemacht und in einem

Winkel von 60 Grad über einen Abgrund von über hundert Meter Tiefe

gespannt ist.

Ich fand einen weißen Wollfaden über dieses primitive Bauwerk gelegt,

was ein Gebrauch der Schokas zu sein scheint, wenn einer ihrer

Verwandten oder Freunde fern vom Heimatdorfe den Tod findet. Sie

glauben, daß die Seele während der dunkeln Nacht wandert und nach dem

Geburtsorte des Verstorbenen zurückkehrt, wobei diese weißen Fäden an

gefährlichen Stellen, die der Pfad kreuzt, den Weg zeigen.

Nachdem wir den Pfad mehr als einmal verloren hatten, befanden wir uns

unten am Ufer des Kali und waren gezwungen, mehr als hundert Meter über

Sand und Geröll emporzuklimmen, nur, um den Pfad wiederzugewinnen.

Endlich kamen wir in Nabi an. Dort fand ich meine Lasten in gutem

Zustand, die auf dem bessern Wege auf der nepalesischen Seite, bevor

die Tibeter die Tschongurbrücke zerstört hatten, herübergebracht worden

waren. Auch Katschi und Dola, die sich von ihrem Rausch erholt hatten,

fand ich hier. Vielleicht um ihr schlechtes Benehmen wieder gut zu

machen und wahrscheinlich, um mich dasselbe übersehen oder vergessen

zu lassen, hatten sie, wie es schien, die Eingeborenen veranlaßt,

mich mit besonderer Herzlichkeit zu bewillkommnen. Ich wurde unter

Aufwand großer Gastfreundschaft aufgefordert, die Nacht in ihrem Dorfe

zuzubringen.

Mit einiger Feierlichkeit wurde ich zu einer primitiven Leiter mit sehr

roh hergestellten Stufen geführt und mit Hilfe von oben und unten auf

ein flaches Lehmdach hinaufgeschoben. Hier war ein Zelt aufgeschlagen,

dessen Boden als Lager für mich mit Matten und Decken belegt war. Kaum

hatte ich mich niedergelassen, als eine Schar von Männern, Frauen und

Kindern ankam, die Schalen mit einem reichen Mahle von Reis, Fleisch,

Balab (gekochte Buchweizenblätter), saurer und süßer Milch, geröstetem

Korn mit Zucker, Tschapatis, Süßigkeiten, einheimischem Wein und

Branntwein trugen.

Während des Mahls wurde Tee verschiedener Art serviert. Da war

chinesischer und indischer Tee, Tee mit und ohne Zucker gekocht, Tee

mit Milch und Tee mit Butter und Salz, heller und dunkler Tee, süßer

und bitterer Tee -- wirklich, es war so viel Tee, daß ich, so sehr ich

ihm sonst ergeben bin, in diesem Augenblick doch wünschte, daß kein

Teeblatt jemals gepflückt worden wäre!

Ich untersuchte eine junge Frau, die sich einen Rückenwirbel

schlimm verletzt und teilweise gebrochen hatte, als ~Dr.~ Wilson

plötzlich auftauchte und dem armen Geschöpf die geringe Erleichterung

verschaffte, die in ihrem Zustande möglich war und die sie von

mir vergebens erhofft hatte. Neben dem Vergnügen, das mir seine

Gesellschaft bot, war er mir noch aus andern Gründen willkommen. Er

hatte sich angeboten, meine Expedition einige Tagemärsche nach Tibet

hinein zu begleiten, und ich war froh, ihn bei mir zu haben.

Wir drangen sobald als möglich auf dem Wege zwischen Nabi und Kuti vor.

Die Reise war ganz ereignislos. Die Schneebrücken und Schneefelder, die

so hinderlich waren, als ich zuerst diesen Weg ging, waren geschmolzen

und gänzlich verschwunden. Selbst in Nabi trug sich wenig zu. Nur den

folgenden Zwischenfall muß ich erwähnen, weil er als Illustration für

das seltsame Mißtrauen und die Abneigung dienen kann, die ich überall

gegen meinen photographischen Apparat vorfand.

Ich war im Begriff, den Ort zu verlassen, als eine hübsche Frau, die

ich vorher nicht bemerkt hatte, mich unter hysterischem Schluchzen

anredete; sie war mir unverständlich, aber sie machte deutlich den

Eindruck des Leidens.

»Du hast mein Kind getötet, und jetzt wirst du meinen Mann töten«,

klagte sie, als sie imstande war, zu sprechen. Es fiel mir ein, daß ich

bei meinem frühern Aufenthalt in Nabi eine Momentaufnahme von einem

Kinde genommen, das oben auf einer Last saß, welche die Frau auf dem

Rücken durch mein Lager trug und die ich, als sie sich beklagte, in

der gewöhnlichen Weise, mit einem Geldstück, beruhigt hatte. Sie hatte

ihre Last nach Kuti gebracht, wo sie sich vielleicht mit ihrem Erlöse

gütlich getan hatte, und auf dem Rückwege war sie mit ihrem Kinde nicht

weit von jener Stelle, wo ich meine fast tragische Rutschpartie gehabt

hatte, ausgeglitten und, weniger glücklich als ich, in den reißenden

Strom gefallen. Sie vermochte sich an den Felsen anzuklammern und wurde

schließlich gerettet; aber das Kind war von Fels zu Fels gerissen

worden und unter einem Schneetunnel verschwunden.

»O Sahib,« rief die Frau, »wenn du uns nicht, ehe wir fortgingen,

durch die Augen (die beiden Objektive) deines schwarzen Kastens (des

photographischen Apparates) angeblickt hättest, würde ich mein Kind

nicht verloren haben!«

»Und was ist’s mit deinem Mann?«

»O, den wirst du auch töten!«

»Ich kenne deinen Mann ja gar nicht. Jedenfalls verspreche ich dir, daß

ich ihn mit diesen Augen nicht anblicken werde.«

»Das ist es nicht, Sahib; aber er kommt mit dir nach Tibet. Er trägt

eine von deinen Lasten. Ihr werdet dort alle umkommen.«

Sie zeigte ihn mir: es war einer der stärksten unter den Trägern, die

ich bei mir hatte und der am meisten darauf bestand, mich begleiten

zu dürfen. Jedenfalls war er zu gut, um ihn zu verlieren, und ich war

daher nicht willens, wegen der Tränen dieser guten Frau meinen Anspruch

auf ihn aufzugeben. So tröstete ich sie, so gut ich konnte, versprach,

gut für ihn zu sorgen und ihn unter keinen Umständen zu photographieren.

In Kuti hatten ~Dr.~ Wilson und ich einige Stunden damit zu tun, die

Vorräte, die ich gekauft hatte, abzuwiegen und in gleich schwere Lasten

zu packen; es waren im ganzen 14 Munds (etwa 500 Kilogramm) Mehl, Reis,

Ghur, roter Pfeffer (15 Kilogramm), Miseri, Ghi (Butter) und eine große

Menge Satu (Hafermehl) und geröstetes Korn. Dazu kam der Proviant an

Konserven in Büchsen, den ich von London mitgebracht hatte.

Um meinen Trägern keinen Grund zur Klage zu geben, erlaubte ich ihnen,

ihre Schuhe, Decken usw. selbst auszuwählen, und tat alles, was in

meiner Macht stand, sie zu befriedigen, weil die Lasten außerordentlich

schwer zu werden drohten. Schließlich fand ich, daß, selbst nachdem

ich auf alles verzichtet hatte, was irgendwie entbehrt werden konnte,

doch noch für wenigstens zwei starke Männer zu tragen übrigblieb.

Jeder verfügbare Schoka hatte sich der Gesellschaft angeschlossen, und

kein Reizmittel, das ich anwandte, war imstande, mir mehr Freiwillige

zuzuführen. Ich war durchaus nicht willens, länger zu zögern, und schon

entschlossen, die beiden Extralasten noch einmal unter die Träger, die

ich hatte, zu verteilen, als zwei Hirten auftauchten, halb verhungert,

mit langem, ungekämmtem Haar und mit weiter nichts bekleidet als einem

Korallenhalsband und einem silbernen Armring. Ich warb sie schnell an

und kleidete sie. Obgleich der eine nur ein Knabe war, beschloß ich,

mich auf das Glück und auf ~Dr.~ Wilsons Versicherung zu verlassen, daß

er zähe genug und brauchbar sein würde.

Hierdurch wurde meine kleine Streitmacht auf die Stärke von dreißig

Mann gebracht, und nun konnte ich ruhig aufbrechen.

Elftes Kapitel.

Zum Dach der Welt.

Bevor ich Kuti verließ, besichtigte ich noch das alte Schloß, das etwa

300 Meter südlich vom Dorfe auf einem kleinen Hügel liegt. Mit Ausnahme

eines viereckigen Turmes, der von den Eingeborenen der Kuti Ker genannt

wird, liegt es jetzt in Trümmern. Die Eingeborenen konnten mir über

das Bauwerk keine andere Auskunft geben, als daß es einst ein stark

befestigter Königspalast gewesen sei.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 6 / 28 段