In diesen wenigen Sekunden fand ich doch Zeit zu überlegen, ob die

Steine am Rande des Wassers mich aufhalten oder ob die Wucht des

Anpralles mich kopfüber in den Fluß schleudern würde. Ich versuchte,

mich mit meinen erfrorenen Fingern in dem Schnee festzukrallen, mich

mit den Hacken festzustemmen -- vergebens! Plötzlich erblickte ich vor

mir einen großen, aus dem Schnee hervorragenden Stein.

[Illustration: Die Photographie, die den Tod des Kindes verursachte.]

Er war meine letzte Hoffnung, und mit verzweifelter Anspannung jedes

Muskels und jedes Nervs suchte ich ihm näherzukommen. Vorsichtig

streckte ich meine Beine für den Anprall aus. Der Stoß war furchtbar

und schien jeden Knochen in meinem Leibe zu zermalmen. Aber er hielt

mich auf, und ich war gerettet -- nur wenige Fuß über dem Rande des

Wassers. Wunderbarerweise hatte ich, wenn auch schrecklich zerschunden,

doch keine schwere Verletzung davongetragen.

[Illustration: Man Sing, der Aussätzige.

H. S. Landor.

Tschanden Sing, der Expolizist.

Der Verfasser und seine zwei treuen Gefährten.]

Meine Finger waren vom Eise zerschnitten und bluteten; meine Kleider

waren zerrissen. Als ich wieder aufrecht stehen konnte, gab ich den

erschreckten, jammernden Kulis über mir ein Zeichen, weiterzugehen; ich

selbst ging am Flusse entlang, bis ich an eine Stelle kam, von der ich

den obern Pfad wieder erreichen konnte.

Achtes Kapitel.

Der erste tibetische Spion.

In Kuti machte ich halt und berief die vornehmsten Eingeborenen in mein

Zelt.

»Würde es möglich sein,« fragte ich sie, »über den Lumpiyapaß oder über

den noch höhern Mangschan zu gehen?«

Der erstere ist ein selten begangener Paß auf dem Wege nach Gyanema,

der andere ein sehr schwieriger Paß, über den es aber doch möglich ist,

durch die Wildnis nach dem Rakastal-See zu gelangen, ohne in die Nähe

von tibetischen Niederlassungen oder Lagern zu kommen.

»Nein!« lautete die entschiedene Antwort sämtlicher Schokas. »Der

Schnee ist jetzt zu tief. Täglich fällt neuer Schnee. Für die nächsten

vierzehn Tage wenigstens möchten wir jedem abraten, hinüberzugehen.

Der Versuch wäre der sichere Tod. Sogar in der besten Zeit während

eines Monats im Sommer sind diese beiden Pässe schwer ersteigbar und

gefährlich; jetzt aber würde es reiner Wahnsinn sein, den Übergang zu

versuchen.«

Meiner skeptischen Natur entsprechend, glaube ich wenig von dem, was

ich nicht sehe. Ich machte mich also am nächsten Morgen auf den Weg,

um allein zu rekognoszieren. Als sie mich so fest entschlossen sahen,

änderten mehrere Schokas ihre Meinung und erboten sich, mir zu folgen.

Sie waren mir an vielen gefährlichen Stellen von außerordentlichem

Nutzen. Hin und wieder waren ein paar Schritte des schmalen Pfades

schneefrei; sonst führten weite Strecken auf gefrorenem Schnee entlang,

über Abgründen, in die hinabzublicken schon gefährlich war.

Die glückliche Rettung, die ich tags zuvor erlebt, hatte mein Vertrauen

zu mir selbst nicht vermindert, mich aber mißtrauisch gemacht gegen

jenes weiße Symbol der Reinheit und Unschuld, das in Wahrheit der am

meisten heimtückische Stoff der Schöpfung ist. Ich fand bald heraus,

daß wo Schnee war, auch Mühsal und Gefahr nicht fehlten. An Stellen,

wo der Schnee besonders hart gefroren war, wagten wir nicht, auf der

steilen, glatten Fläche zu gehen, und mußten zum Flusse hinabsteigen,

der hier gänzlich mit Eis und Schnee überbrückt war. Wir überschritten

ihn und versuchten, auf der andern Seite weiterzugehen. Wenn wir mit

Mühe einige hundert Meter marschiert waren, mußten wir umkehren und

unser Heil wieder auf dem ersten Ufer versuchen. So gingen wir wohl

ein halbes dutzendmal über den Kuti hin und her, jedesmal nach einem

steilen Abstieg, dem sofort ein steiler Anstieg folgte.

Die Spalten im Eise neben dem Flusse waren häufig und gefährlich,

und wir wagten nicht, länger als durchaus notwendig neben ihnen zu

verweilen. In sechs bis sieben Stunden hatten wir eine Entfernung

von noch nicht 7 Kilometer zurückgelegt. Wir verließen den Kuti und

folgten in nördlicher Richtung dem Laufe eines seiner Nebenflüsse, des

Kambelschio, den wir überschritten, um auf dem jenseitigen Ufer in

einer Höhe von 4090 Meter unser Lager aufzuschlagen.

Es blieben mir bei unserer Ankunft noch einige Tagesstunden, die ich

benutzte, um Jagd auf Himalajagemsen zu machen. Ich stieg an einem

nadelähnlichen Gipfel bis 4570 Meter empor.

Die Aussicht von diesem hohen Punkte war wunderbar! Meilenweit, es

schienen Hunderte von Meilen zu sein, Schnee, nichts als Schnee! Dort

erhob sich der Berg Jolinkan zu einer Höhe von über 5790 Meter. Auf

jeder Seite des Kutiflusses ragten Gipfel von 6000 Meter und mehr

empor. Hier und dort erschien die sonst weiße Decke, die auf dem Lande

ringsum lag, fast grünlich gefärbt. Diese Stellen, deren ich viele sah,

waren Gletscher, von denen die zahlreichen dem Kuti zuströmenden Flüsse

gespeist werden.

Ich kehrte zum Lager zurück; es war nutzlos, noch weiterzugehen,

und noch nutzloser, länger zu bleiben. Ich gab Befehl, das Lager

abzubrechen, und um 2 Uhr nachmittags waren wir auf dem Rückwege nach

Kuti. Es war ein ungewöhnlich warmer Tag, und die Oberfläche des

Schnees, die am vorigen Tage so hart gewesen, war jetzt weich und

wässerig. Mehrere der Schneebrücken waren schon verschwunden.

Einige meiner Kulis ließ ich zum Flusse hinunter vorangehen. Zwei

von ihnen, die dicht vor mir gingen, schritten auf einer starken und

breiten Eisbrücke über den Fluß. Ich wartete, bis sie sicher drüben

wären. Als sie beinahe auf der andern Seite angekommen waren, fühlten

sie ein eigentümliches Zittern unter ihren Füßen. So gut es ging,

krochen sie auf allen vieren weiter und warnten durch Zurufe.

Schnell trat ich zurück, gerade zur rechten Zeit! Denn mit einem

betäubenden Gekrach, das wie der stärkste Donner von Fels zu Fels

zurückgeworfen wurde, stürzte die Brücke in die Tiefe. Die gewaltigen

Eisstücke, die einen Augenblick zuvor noch einen Teil der Wölbung

gebildet hatten, wurden jetzt von dem brausenden Strome fortgerissen

und mit furchtbarer Gewalt gegen die nächste, unter dem schrecklichen

Anprall erzitternde Eisbrücke geworfen.

Ein Marsch von drei Tagen brachte uns auf demselben Wege nach Garbyang

zurück. --

Als ich erfuhr, daß ~Dr.~ Wilson sich in Garbyang befand, machte ich

ihm einen Besuch. Auf weichen chinesischen und tibetischen Matten und

Decken sitzend, genossen wir eine Tasse Tee nach der andern und aßen

Tschapatis dazu, als plötzlich das ganze Gebäude in der seltsamsten

Weise sich zu schütteln und zu rütteln anfing, wobei die Tee- und

Milchkanne umfielen und die Tschapatis in der ganzen Stube umherrollten.

Ich überließ es ~Dr.~ Wilson, unser kostbares Getränk zu retten,

und zog Uhr und Kompaß hervor, um Dauer und Richtung des Stoßes

festzustellen. Er war wellenförmig, sehr heftig und von Südsüdwest

nach Nordnordost gerichtet. Das Erdbeben begann um 5 Uhr 20 Minuten

nachmittags und endete um 5 Uhr 24 Minuten 2 Sekunden.

»Es scheint mir, daß wir klüger getan hätten, das Haus zu verlassen«,

sagte ich. »Es ist ein Wunder, daß das Gebäude nicht eingestürzt ist.

Meine Tasse ist voller Lehm von der Decke.«

»Ich habe den Tee für Sie gerettet!« sagte der Doktor und hob

triumphierend die Teekanne empor, die er sorgfältig an sich gedrückt

hatte. Er hatte meine Neigung für die gelbe Flüssigkeit schon entdeckt.

Wir setzten unsere Mahlzeit ruhig fort, als plötzlich eine Schar

aufgeregter Schokas ins Zimmer stürzte.

»Sahib! Sahib! Wohin ist es gegangen?« riefen sie im Chor, die Hände

nach mir ausstreckend und sie dann zum Zeichen des Gebetes faltend.

»Sahib! Sage uns, wohin es gegangen ist.«

»Was?« fragte ich, durch ihre Angst belustigt.

»Hast du nicht gefühlt, wie die Erde bebte und zitterte?« riefen sie

erstaunt aus.

»O ja, das ist aber weiter nichts.«

»Nein, nein, Sahib! Das ist die Ankündigung eines großen Unglücks. Der

Geist unter der Erde erwacht und schüttelt seinen Rücken.«

»Es ist mir lieber, wenn er seinen Rücken schüttelt als den meinen«,

sagte ich scherzend.

»Oder meinen«, fügte der Doktor zur größten Verwunderung unserer

geängstigten Besucher bei.

»Wohin ist es gegangen?« wiederholten ungeduldig die Schokas.

Ich zeigte nach Nordnordost, und sie seufzten erleichtert auf. Es mußte

nach der andern Seite des Himalaja gegangen sein.

Nach den Vorstellungen der Schokas lebt im Innern der Erde ein böser

Geist in Gestalt eines riesenhaften Wurmes in einem Zustande der

Erstarrung. Das einem Erdbeben vorangehende Rollen ist nichts anderes

als der schwere Atem des Ungetüms vor seinem Erwachen, der wirkliche

Stoß dagegen wird dadurch veranlaßt, daß das Tier sich dehnt und reckt.

Völlig erwacht, schnellt der schlangenähnliche Dämon empor, bricht sich

in irgendeiner Richtung Bahn und zwingt dadurch die Erde, an seinem

unterirdischen Wege entlang zu erbeben. Bei diesem gewaltsamen Vorgehen

richtet er großen Schaden an Besitz und Leben an, der Furcht und des

Schreckens nicht zu gedenken, die Mensch und Tier bei der Vorstellung

empfinden, daß der launenhafte Geist eines schönen Tages vielleicht

gerade unter die Stelle der Erdkruste zurückkehren könnte, auf der

sie selbst stehen. Es muß überraschen, daß die Schokas neben ihren

Ansichten über den Ursprung des Erdbebens sich der Tatsache wohlbewußt

sind, daß ein Erdbeben stets eine bestimmte Richtung verfolgt. Auch

werden die gewöhnlichen Symptome der Annäherung eines heftigen Bebens,

wie die Depression in der Atmosphäre, die sie einem fieberhaften

Zustande des Riesenwurmes zuschreiben, von ihnen ohne weiteres erkannt.

Als ich einige Monate später in die zivilisierte Welt zurückkehrte,

hörte ich, daß an jenem Tage in ganz Indien ein heftiger Erdstoß

bemerkt worden war, der namentlich in Kalkutta beträchtlichen Schaden

angerichtet hatte. --

Eines Tages machte ich einen Spaziergang auf der öden Straße vor dem

Dorfe. Ich war etwa zwei Kilometer von dem bewohnten Teile entfernt,

als drei Männer, die mir rasch entgegengekommen waren, plötzlich vor

mir stillstanden. Sie waren mit stumpfen Schwertern bewaffnet, die sie

ungeschickt schwangen, wobei sie so laut sie konnten und in sichtlicher

Aufregung: »~Rupiya, Rupiya!~ Rupien, Rupien!« riefen.

Ich eilte rasch an den Räubern vorbei und setzte dann ruhig meinen

Spaziergang fort. Als sie mich abgehen sahen, rannten sie eilig auf

Garbyang zu, und ich dachte nicht weiter an das Erlebnis. Bei meiner

Rückkehr in das Dorf jedoch kam eine Menge Schokas zu mir, um mir zu

melden, daß mein Geld angekommen sei und daß die eingeschüchterten

Boten, die nicht wagten, zum zweitenmal in meine Nähe zu kommen, sich

in das Haus des ~Dr.~ Wilson begeben hätten. Dort fand ich einen

Peon und zwei Tschaprassis, die drei Männer, denen ich auf meinem

Spaziergang begegnet war. Sie hatten mir etwa 1800 Rupien gebracht,

fast die ganze Summe in Zwei- und Vierannastücken (1 Anna = 1/16 Rupie

= 8,4 Pfennig), die ich mir von meinem Bankier in Almora hatte kommen

lassen und an deren Last die drei Mann zu tragen gehabt hatten!

Nach einer einfachen Verständigung mit diesen drei sehr friedlichen

»Straßenräubern« wurde das Geld in mein Zimmer gebracht. Ein großer

Teil der Nacht verging damit, die winzigen Münzen nachzuzählen und in

Rollen zu je zehn Rupien zu verpacken. --

Gerade unterhalb Garbyang befanden sich im Kali, und zwar in der Mitte

des Flußbettes, unter einer Masse anderer Steine zwei große Felsblöcke.

Diese wurden von den Schokas beständig beobachtet, da sie wissen,

daß die Pässe offen sind, wenn die beiden Felsblöcke gänzlich unter

Wasser stehen. Der Lippupaß, der niedrigste von allen, kann übrigens

fast das ganze Jahr hindurch passiert werden, wenn auch zum Teil mit

Schwierigkeiten.

Ich hatte während meines Aufenthalts in Garbyang nie das Glück, dies

zu sehen; aber der Wasserstand des Flusses stieg täglich, und die

langweilige Zeit des Wartens wurde durch viele lästige und auch durch

einige unangenehme Ereignisse unterbrochen.

Nachdem der Jong Pen von Taklakot in Tibet einmal von meinen Plänen

Kenntnis erhalten hatte, ließ er sich beständig über meine Bewegungen

unterrichten. Seine Spione gingen täglich mit ausführlichen Berichten

über mich hin und her, was mir regelmäßig von meinen Freunden

vertraulich mitgeteilt wurde.

Einer jener Kundschafter, ein kräftiger Tibeter, der unverschämter war

als die andern, war so dreist, in mein Zimmer zu kommen und mich in

heftigem Tone anzureden. Zuerst behandelte ich ihn freundlich; aber er

wurde immer frecher und sagte mir in Gegenwart mehrerer erschrockener

Schokas, vor denen er sich brüsten wollte, daß der britische Boden, auf

dem ich stehe, tibetisches Eigentum sei. Die Briten, sagte er, seien

Eindringlinge und hier nur geduldet. Er erklärte die Engländer für

Feiglinge, die Furcht hätten vor den Tibetern, obwohl diese die Schokas

bedrückten.

Dies war denn doch zu viel für mich, und es wäre wohl auch unklug

gewesen, es ohne Erwiderung hingehen zu lassen. So packte ich ihn denn

bei seinem Zopf und versetzte ihm eine Anzahl kräftiger Schläge ins

Gesicht. Als ich ihn losließ, warf er sich heulend zu Boden und flehte

um Verzeihung. Um ihm meine Autorität ein für allemal einzuschärfen,

ließ ich ihn vor den versammelten Schokas meine Schuhe mit der Zunge

belecken. Darauf wollte er sich davonschleichen, aber ich ergriff

ihn nochmals beim Zopfe und stieß ihn die Stufen hinab, die er

unaufgefordert zu betreten gewagt hatte.

Tschanden Sing sonnte sich eben zufällig am Fuße der Treppe und

stürzte sich, als er den verhaßten Fremdling eine so schimpfliche

Verabschiedung erhalten sah, wie eine Katze auf ihn. Er hatte gehört,

wie ich sagte: »~Ye admi bura irab!~ Das ist ein schlechter Kerl!« Das

war genug für ihn, und ehe noch der Tibeter wieder auf den Füßen stand,

bedeckte ihm mein Träger das eckige Gesicht schon mit einem wahren

Hagel von Schlägen. In der Erregung des Augenblicks begann Tschanden

Sing, der sich wie ein Held vorkam, auf seinen geängstigten Gegner

sogar mit großen Steinen loszugehen, und zuletzt ergriff er ihn beim

Zopfe und zog ihn daran rings um den Hof, bis ich dazwischentrat und

diesem zu weit gehenden Sport ein Ende machte.

Neuntes Kapitel.

Aus dem Leben der Schokas.

Eine Einrichtung der Schokas, die bei einem primitiven Volke

überraschend, aber meiner Ansicht nach außerordentlich verständig

und nützlich ist, ist das Rambang, ein Versammlungsort oder Klub, wo

Mädchen und junge Männer nachts zusammenkommen, um sich gegenseitig

näher kennenzulernen, ehe sie eine Ehe eingehen. Jedes Dorf besitzt

eine oder mehrere Anstalten dieser Art, die unterschiedslos von allen

wohlhabenden Leuten gefördert und als eine solide Basis für die

Schließung von Ehen anerkannt werden. Die Rambanghäuser stehen entweder

im Dorfe selbst oder auf halbem Wege zwischen zwei Dörfern, so daß die

jungen Mädchen des einen in freundschaftliche Beziehungen zu den jungen

Männern des andern treten können und umgekehrt.

In Begleitung von Schokas besuchte ich viele dieser Häuser. Rings

um ein großes Feuer in der Mitte des Raumes saßen die jungen

Burschen und Mädchen paarweise beieinander, Wolle spinnend und

lustig plaudernd. Alles ging vollkommen anständig zu. In den ersten

Morgenstunden schienen sie sentimentaler zu werden und fingen an, ohne

Instrumentalbegleitung Lieder zu singen, wobei das Anschwellen und

Senken der Stimmen unheimlich und schauerlich klang.

Die Schokas besitzen sanfte, klangvolle Stimmen, und die Töne, die sie

hervorbringen, sind nicht etwa nur ein fortgesetztes aus der Kehle

kommendes Geräusch, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Hervorzittern

von Eindrücken, die aus dem Herzen dringen und durch die Stimme

andern mitgeteilt werden. Ist der Charakter der Schokamusik auch rein

orientalisch, so ist sie dem Ohre des Abendländers doch wohltuend,

nicht etwa, weil sie schnelle Übergänge, Schnörkel oder irgendwelche

kunstvolle Technik besäße, sondern weil sie den Eindruck von wahrem

Gefühl macht.

Die Rezitative, die von einem jungen Manne und einem Mädchen gesungen

wurden, gefielen mir am besten. Alle ihre Gesänge sind klagend; sie

enthalten Modulationen, die einen geheimnisvollen Reiz haben. Die

Schokas singen nur, wenn die Stimmung sie dazu treibt, nie mit der

Absicht, andere zu erfreuen. Ihre Liebeslieder beginnen gewöhnlich

mit einem sentimentalen Rezitativ und gehen dann in Gesang über

mit häufigem Wechsel aus einer Tonart in die andere. Der Takt ist

unregelmäßig, und obgleich gewisse rhythmische Eigentümlichkeiten

beständig wiederkehren, so gibt doch jeder Sänger allem, was er

singt, ein so starkes persönliches Gepräge, daß er daraus fast eine

individuelle Komposition macht. Wenn man Schokas zum ersten Male

singen hört, möchte man glauben, jeder Sänger improvisiere, aber bei

genauerer Beobachtung wird man finden, daß musikalische Phrasen,

gewisse Lieblingspassagen und Modulationen nicht nur im einzelnen

Liede, sondern in allen Gesängen wiederkehren. Sie scheinen alle auf

dieselbe klagende Melodie begründet zu sein, die wahrscheinlich sehr

alt ist, aber der verschiedene Takt, in dem sie vorgetragen wird,

und die Eigenheiten des Sängers geben ihr einen besondern Charakter.

Eine kennzeichnende Eigenschaft der Schokagesänge ist wie bei so

vielen andern orientalischen Melodien die, daß sie keinen eigentlichen

Abschluß haben, und das verdarb sie für meine Ohren. Während die

Schokas singen, heben sie den Zipfel ihres weißen Schals oder Gewandes

auf und halten ihn an die Seite des Kopfes.

Das Rauchen war allgemein, wobei jedes Paar zusammen eine Pfeife

benutzte. Einige in die Wand gesteckte brennende Tannenscheite bilden

neben dem in der Mitte des Zimmers langsam brennenden Feuer die einzige

Beleuchtung. Mit dem Herannahen des Morgens machte sich der Schlaf

geltend, und bald zogen sich alle paarweise zurück und legten sich in

ihren Kleidern auf einer weichen Unterlage von Stroh und Gras neben den

Hütten zum Schlafen nieder. Dort ruhten sie friedlich in einer Reihe,

während ich nach meiner Behausung zurückging inmitten des betäubenden

Bellens herrenloser Hunde.

Durch diese Versammlungen kommt jedes Schokamädchen regelmäßig mit

jungen Männern zusammen, und während sie den Gedanken hegt, unter

ihnen einen passenden Lebensgefährten zu wählen, leistet sie mit

ihrem Spinnrade eine beträchtliche Arbeit. Wenn ein Paar die Heirat

beabsichtigt, geht der junge Mann, mit seinen besten Kleidern angetan,

in das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters, indem er einen Topf mit

Tschökti, getrocknete Früchte, Ghur (süßer Brei), Miseri (Kandiszucker)

und geröstetes Korn mitbringt. Wenn der Bräutigam als eine passende

Partie erscheint, empfangen die Eltern des Mädchens den jungen Mann

mit gebührender Achtung und beteiligen sich herzhaft an dem von

ihm angebotenen Essen und Trinken. Die Heirat wird auf der Stelle

abgemacht, und der Bräutigam zahlt dem Vater eine Summe von nicht unter

fünf und nicht über hundert Rupien aus. Das ist die Etikette der »guten

Gesellschaft« bei den Schokas und der Leute, welche die Mittel dazu

haben. Diese Bezahlung wird »Milchgeld« genannt, d. h. Geld, das der

Summe entspricht, die die Verwandten des Mädchens für dessen Aufziehen

verwendet haben.

Die Hochzeitszeremonie ist ziemlich einfach. Ein Kuchen, Delang

genannt, wird gebacken, von dem die Freunde der beiden Familien essen.

Wenn der Bräutigam oder die Braut sich weigert, ihren Anteil von dem

Kuchen anzunehmen, ist die Verlobung aufgehoben; wenn sie beide etwas

von dem Kuchen essen und später ein Zwist zwischen ihnen entsteht,

werden alle diejenigen, die der Handlung beiwohnten, als Zeugen dafür

aufgerufen, daß die Heirat stattgefunden habe.

Oft schenkt man sich sogar diese einfache Zeremonie, und die Ehen der

Schokas werden als glückliche und treue Verbindungen angefangen und

fortgeführt, ohne daß irgendeine besondere Form von Gottesdienst oder

Ritus den Bund heiligt.

Den Ehebruch bestrafen sie nicht nur an dem schuldigen Manne selbst,

indem sie ihn schlagen, sondern die Männer begeben sich auch in Haufen

nach dem Hause seiner Eltern und berauben dasselbe des ganzen Hausrats,

der Vorräte an Korn und Waren. Sie konfiszieren die Schafe, Ziegen,

Jake und alle wertvollen Sättel und Lasten und schenken alles dem

Manne, dessen Frau verführt worden ist, als eine Entschädigung für

die erlittene Unbill. Oft auch werden die unschuldigen Verwandten des

Missetäters von den Bewohnern des Dorfes gebunden und totgeschlagen.

Man befolgt diese strengen Maßregeln, um einen hohen Standpunkt von

Sittlichkeit und Ehre zu bewahren, und dieser Brauch, so barbarisch er

auch erscheinen mag, findet seine Rechtfertigung doch durch die guten

Resultate in bezug auf die allgemeine Moralität. Es gibt mit Ausnahme

von gelegentlichen Rambangkindern nur sehr wenige außereheliche

Geburten. Die erstern sind aber so verabscheut, daß das Vorkommnis

nicht als eine ernstliche Herabwürdigung des Rambang betrachtet werden

kann.

Die Schokas schreiben den Tod dem Entweichen der Seele aus dem Körper

zu, und dieser Vorstellung entspringt die merkwürdige Verehrung, die

sie dem Gedächtnis der Toten erweisen.

Ich war Zeuge von nicht weniger als sechs Leichenfeiern, die seltsam

genug sind, um eine davon zu beschreiben.

Ein Mann war infolge eines Unglücksfalls eines schmerzvollen Todes

gestorben. Augenblicklich wurde nach seinen Freunden geschickt, und

nachdem der Körper mit Butter gesalbt worden war, wurde er in die

besten Gewänder gekleidet. Ehe die Erstarrung eintrat, bogen sie den

Körper zusammen und legten ihn auf eine flüchtig zusammengefügte

Bahre. Er wurde mit einem in Blau und Gold gestickten Tuch, über dem

ein weißes lag, bedeckt. Bei Sonnenaufgang verließ der Leichenzug das

Haus, um nach dem Verbrennungsorte zu gehen. Den Zug eröffneten zehn

Frauen, deren Köpfe mit einem langen Streifen von weißem Baumwollzeuge

umwickelt waren, dessen eines Ende an die Bahre gebunden war. Unter

ihnen waren die nächsten Verwandten des Verstorbenen, seine Frau und

seine Töchter, die »~Oh bajo! Oh bajo!~ O Vater! O Vater!« schrien und

klagten, während die übrigen schluchzten und große Trauer zur Schau

trugen. Da der Verstorbene allgemein beliebt gewesen war, kamen die

Dorfbewohner vollzählig heraus, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, und

nahmen ihre Plätze in dem Zuge ein, während dieser seinen Weg langsam

dem Flusse zu nahm.

Der Leichnam wurde vorläufig an das Ufer des Flusses gelegt, während

alle Männer barhäuptig große Steine und Holzstücke sammelten. Ein

kreisrunder Verbrennungsofen, 1,5 Meter hoch, zirka 2 Meter im

Durchmesser, mit einer Öffnung an der dem Winde zugekehrten Seite,

wurde damit am Ufer errichtet. Alle wertvollen Gegenstände, seine

goldenen Ohrringe, sein silbernes Gürtelschloß und die silbernen

Armbänder wurden dem Toten schnell fortgenommen, und ein großes Messer

wurde zu irgendeinem Zwecke benutzt, den ich nicht feststellen konnte,

wenn es nicht der war, die Ohrläppchen des Toten damit aufzuschlitzen,

um seine Ohrringe schneller zu entfernen. Auf den Körper wurden

Tannenzweige gelegt und ein großer Topf mit Butter neben ihn gestellt.

Eine Messingschale voll Wein wurde über den Kopf gegossen und dann

unter tiefem Schweigen Feuer an den Holzstoß gelegt.

Nach dem Dorfe zurückkehrend, schrien und klagten die Frauen, indem sie

die Kleider des Verstorbenen und seine Messingschalen nach dem Hause

zurücktrugen.

Bei der Ankunft zu Hause lag es ihnen ob, reichlich für das Vergnügen

der Seele des Verstorbenen zu sorgen. Eine aus Stroh und Stöcken

hergestellte rohe Gliederpuppe wurde von ihnen mit den Kleidern

des Verstorbenen angezogen und mit indischen, gold-, rot- und

blaugestickten Geweben überdeckt; auf den Kopf wurde ein Turban gesetzt.

An jedem Tage der Feierlichkeiten, die drei oder vier Tage dauerten,

wurden Reis, gebackener Weizen und Wein vor die Puppe gestellt, bis die

Auswanderung der Seele aus der Gliederpuppe in ein lebendes Schaf oder

in einen Jak stattfindet.

Auf verbotenen Wegen: Reisen und Abenteuer in Tibet · 第 5 / 28 段