die Gelegenheit, mir ein großes tibetisches Zelt machen zu lassen,
das als Obdach für mein Gefolge -- wenn es mir überhaupt gelingen
würde, eins anzuwerben -- dienen sollte. Ich dachte, daß ich hierdurch
vielleicht in freundliche Beziehungen zu den Eingeborenen kommen
könnte, unter denen ich, wie ich hoffte, doch einige willige Begleiter
finden würde.
~Dr.~ H. Wilson von der Methodistenmission gab sich große Mühe bei dem
Versuche, mir Leute zu verschaffen; aber obgleich er einen bedeutenden
Einfluß in Bias und Tschaudas besaß, waren seine Bemühungen nicht von
Erfolg gekrönt.
Die Schokas wissen nur zu gut, wie grausam die Tibeter sind. Sie haben
mehr als einmal unter ihnen gelitten, und noch in den letzten Jahren
erlangte die britische Regierung durch Berichte ihrer Beamten Kenntnis
von verschiedenen Fällen furchtbarer Tortur, die die tibetischen
Behörden sogar an britischen Untertanen vorgenommen hatten, die auf
unserer Seite der Grenze von ihnen gefangengenommen worden waren.
Einige der von den Lamas an britischen Untertanen verübten
Scheußlichkeiten sind empörend, und für die Engländer, die in diese
Gegenden kommen, ist es ebenso betrübend wie erbitternd, denken zu
müssen, daß die Schwäche unserer Beamten in Kumaon solche Greuel
erlaubt hat und noch erlaubt.
Die Beamten sind in der Tat so machtlos, daß der Jong Pen von Taklakot
in Tibet alljährlich seine Emissäre »mit Genehmigung der britischen
Regierung« herüberschickt, um von britischen Untertanen, die auf
britischem Boden leben, Grundsteuer einzuziehen. Der Peschkar treibt
diese Steuern ein und übergibt sie in Garbyang den Tibetern. Die
Schokas müssen diesen Tribut und daneben noch andere Steuern und
Handelszölle bezahlen, die von den Tibetern unrechtmäßigerweise
gefordert werden, und aus Furcht tun sie es auch. Unter den nichtigsten
Vorwänden nehmen die Tibeter britische Untertanen auf britischem
Gebiet fest, martern sie, legen ihnen unbarmherzige Geldbußen auf und
konfiszieren ihr Eigentum.
Zur Zeit meines Aufenthalts konnte man in Garbyang und andern Dörfern
britische Untertanen, Schokas, sehen, die von den tibetischen Behörden
verstümmelt worden waren.
Selbst ~Dr.~ H. Wilson, der in Gungi, einen Tagemarsch hinter Garbyang,
eine Apotheke errichtet hatte, war kürzlich mit Konfiskation und noch
Schlimmerm bedroht worden, wenn er sich nicht sofort den Forderungen
der Tibeter füge. Er weigerte sich, es zu tun, und berichtete
darüber an die Regierung, indem er sich auf seine gute Flinte und
seine zahlreichen Diener verließ. Sein fester Entschluß, sich nicht
einschüchtern zu lassen, scheint ihm zeitweilig Sicherheit verschafft
zu haben, denn die Tibeter sind, wenn sie sich einem ihnen gewachsenen
Gegner gegenüber fühlen, ebenso feige, wie sie grausam sind.
Ich führe hier ein empörendes Beispiel an, das sich 1896 zugetragen
hat.
Ein Schokahändler, unzweifelhaft britischer Untertan, war, wie es bei
seinesgleichen Sitte ist, über die Grenze gegangen, um während des
Sommers seine Waren auf dem tibetischen Markte abzusetzen. Er geriet
mit einem andern Schoka, ebenfalls einem britischen Untertan, in Streit.
Wohl wissend, daß der erstgenannte wohlhabend war, benutzten die
tibetischen Behörden diesen Vorwand, um ihn festzunehmen und ihm eine
übermäßige Geldbuße aufzuerlegen. Daneben diktierten sie ihm noch die
weitere Strafe von 200 Peitschenhieben, die ihm auf Befehl des Jong Pen
appliziert werden sollten. Der Schoka verwahrte sich dagegen, indem er
sich darauf berief, daß er kein Unrecht begangen habe und daß sie kein
Recht hätten, ihn als britischen Untertan so ungerecht zu bestrafen.
Der Jong Pen ließ die Strafe vollziehen und gab seinen Leuten noch
den Befehl, dem unglücklichen Gefangenen die Hände abzuschneiden.
Er wurde zwei Soldaten überantwortet, die mit der Vollziehung des
Urteils betraut wurden. Sie führten ihn nun nach dem Orte der
Strafvollstreckung.
Der Schoka war sehr kräftig gebaut und besaß einen unbezähmbaren Mut;
obgleich halbtot und mit Wunden bedeckt, überwand er seine beiden
feigen Wächter und entfloh. Augenblicklich wurde Lärm geschlagen und
eine große Reiterschar ausgesandt, um ihn einzufangen. Sie erreichten
ihn auch, feuerten aus nächster Nähe und trafen ihn, so daß ihm die
Kniescheibe zerschmettert wurde. Er wurde umringt, zu Boden geworfen,
erbarmungslos geschlagen, und zuletzt zermalmten sie jeden seiner
Finger einzeln zwischen zwei schweren Steinen. In diesem Zustande wurde
er vor die Lamas geschleppt, um schließlich enthauptet zu werden!
Der britische stellvertretende Kommissar in Almora erhielt Kenntnis
von diesem Vorfall, und nachdem er sich über die Wahrheit desselben
vergewissert hatte, berichtete er darüber an die Regierung und riet
dringend zu einem sofortigen Vorgehen gegen die Tibeter, um sie für
diese und andere Grausamkeiten, die beständig an unserer Grenze
stattfanden, zu bestrafen. Obgleich es unwiderleglich bewiesen war,
daß das Opfer ein britischer Untertan war, tat die indische Regierung
keinerlei Schritte!
In demselben Jahr 1896 wurde Leutnant Gaussen, der auf einem
Jagdausfluge den Versuch machte, über den Lippupaß nach Tibet zu
kommen, von tibetischen Soldaten umringt und samt seiner Dienerschaft
schwer mißhandelt. Der britische Offizier erhielt eine Wunde an der
Stirn, und einer seiner Diener, der sich heldenmütig benahm, wurde so
grausam behandelt, daß er, wie ich höre, noch heute, zwei Jahre nach
jenem Vorfall, invalid ist.
Mr. J. Larkin, Steuereinnehmer in Almora, wurde damals nach der Grenze
geschickt. Man hätte keinen bessern Mann aussenden können.
Fest, gerecht, unverdrossen, war er unter den Schokas beliebt und sehr
geachtet. Er ließ sich ihre Beschwerden und Leiden erzählen und übte
Gerechtigkeit, wo es möglich war. Er verweigerte niemand Gehör und
wurde während seines vorübergehenden Aufenthalts mit dem Lande, dem
Volke und allem, was vorging, wohlbekannt. Die armen Schokas fühlten
sich sehr erleichtert, da sie dachten, daß den tibetischen Mißbräuchen
endlich ein Ende gemacht werden würde. Sie täuschten sich auch nicht,
wenigstens für eine Zeitlang.
Der Jong Pen von Taklakot wurde aufgefordert, sich wegen seiner
zahlreichen Missetaten zu verantworten. Er verweigerte eine
Zusammenkunft. Mr. Larkin, ein Engländer von gutem altem Schlag, ließ
ihm über die Grenze sagen, daß er keinen Spaß verstehe und daß er zu
kommen habe, worauf der Jong Pen mit seinen Offizieren und Lamas über
den schneebedeckten Lippupaß kam. Vor Furcht zitternd und sich bis auf
den Boden neigend, betraten die Tibeter mit kriechender Unterwürfigkeit
das Zelt unserer britischen Abgesandten.
Die Beschreibung dieser Zusammenkunft, die mir von einem Schoka
gegeben wurde, der als Dolmetscher dabei gewesen war, ist amüsant und
merkwürdig und gibt ein Bild von der Wankelmütigkeit und Heuchelei der
Tibeter. Mit der Feigheit seiner Gäste wohlbekannt, erlangte Mr. Larkin
schließlich nicht nur Abhilfe in allen Punkten, sondern hielt auch dem
Jong Pen und seinen Offizieren eine strenge Strafpredigt. Der Erfolg
der Zusammenkunft war der, daß der Einziehung der Grundsteuer ein Ende
gemacht und die Handhabung des tibetischen Gesetzes auf unserer Seite
der Grenze aufhörte.
Mr. Larkins Aufenthalt in Bhot wurde aber durch dringenden Befehl zu
sofortiger Rückkehr nach Almora abgebrochen.
Im folgenden Jahre, dem Jahre meines Besuches, 1897, zerstörte der
stellvertretende Kommissar vieles von dem, was der vor ihm tätig
gewesene Beamte erreicht hatte. Der Jong Pen weigerte sich, einer an
ihn ergangenen Aufforderung zu folgen, und schickte Abgesandte an
seiner Statt. Die weitere Folge ist, daß jetzt die Schokas den Tibetern
die Grundsteuer wieder zahlen.
Ich habe diese Tatsachen erwähnt, weil sie typisch sind, und um zu
zeigen, wie es kam, daß die Eingeborenen, die nie irgendwelchen Schutz
von unserer Regierung gehabt haben, trotz des verführerischen Lohnes,
den ich ihnen anbot, nicht zu bewegen waren, den Gefahren von Tibet
Trotz zu bieten. Ich, der ich später durch die Verräterei von Schokas
so viel zu leiden hatte, bin der erste, ihnen zu verzeihen und sie
nicht zu tadeln.
Obgleich sie dem Namen nach unsere Untertanen sind, sind doch die
Tibeter ihre eigentlichen Herrscher, und wir tun nichts, um sie gegen
die Anmaßungen und Quälereien der Eindringlinge zu schützen. Wie können
wir da erwarten, daß sie uns treu sein sollen? Und kann nicht dieses
Mißtrauen, das durch unsere Schwäche genährt wird, eines Tages noch
zu einer furchtbaren Gefahr werden, wenn wir einmal gezwungen sein
sollten, unsere Grenzen gegen einen mächtigern Feind zu schützen, als
es die Tibeter sind? Die Schokas sind von Natur nicht verräterisch,
aber sie sind gezwungen, zu betrügen, um ihr Leben und ihre Heimstätten
zu bewahren. Richtig behandelt, würden diese ehrlichen, sanften,
gutmütigen Gebirgsbewohner sicher loyale und zuverlässige Untertanen
Ihrer Majestät werden.
Siebentes Kapitel.
Als Gast unter den Schokas.
Als der Jong Pen von Taklakot von der Absicht meines Besuches Kunde
erhielt, sandte er Drohungen, daß er das Land eines jeden konfiszieren
würde, der in meinen Dienst träte; daneben ließ er auch mir und jedem,
der mit mir ergriffen werden würde, Peitschenhiebe und Enthauptung
androhen. Ich persönlich legte diesen Einschüchterungen nicht viel
Gewicht bei.
Eines Tages zog ich den Kalender zu Rate -- eine Beschäftigung, die man
in diesen Gegenden nur sehr unregelmäßig besorgt --; dabei entdeckte
ich, daß wir den 1. Juni hatten, und es fiel mir ein, daß der nächste
Tag mein Geburtstag sein würde. Festmähler waren in diesen Regionen
selten, und ich sah voraus, daß sie in der nächsten Zukunft noch
seltener sein würden. Deshalb kam mir der Gedanke, daß ich wenigstens
einen Tag dieser ermüdenden Wartezeit nicht besser hinbringen könnte,
als indem ich mich selbst mit einem großen Schmaus traktierte.
Tschanden Sing wurde durch das ganze Dorf geschickt, um alle Bunyas
(Kaufleute) des Ortes in mein Zelt zu berufen. Reis, Mehl, 8 Pfund
Butter (Ghi), eine große Quantität Zucker, Pfeffer, Salz und ein fettes
Schaf wurden gekauft. Das letztere wurde von dem treuen Tschanden Sing,
der wirklich ein Allerweltskerl war, geschlachtet, abgezogen und in
vorgeschriebener Weise zurechtgemacht.
Leider bin ich ein wenig sorgsamer Haus- oder vielmehr Zelthalter
und so übertrug ich meinen Tschaprassis das Geschäft, die Vorräte
aufzubewahren. Zu diesem Zweck erschien der Raum unter der
landesüblichen Bettstelle vorzüglich geeignet, da er groß genug war,
die verschiedenen Gefäße mit dem in Stücke zerlegten Schafe, sowie
Reis, Mehl, Butter usw. aufzunehmen.
Während dies getan wurde, arbeitete ich eifrig an meiner Schreiberei,
und da mich dieselbe immer mehr interessierte, blieb ich bis zu früher
Morgenstunde dabei, wurde schließlich müde und legte mich, in meine
Decke eingewickelt, zum Schlafen nieder, neben mir einen Haufen von
Steinen, den der vorsichtige Tschanden Sing aufgeschichtet hatte.
»Sahib, es gibt hier herum viele hungrige Hunde. Wenn sie kommen, so
sind hier einige Wurfgeschosse für sie bereit«, hatte er warnend gesagt
und wies dabei auf jene Munition hin.
»~All right.~ Gute Nacht!«
Die Weisheit dieser Einrichtung zeigte sich bald; denn ich hatte noch
nicht lange geschlafen, als ich durch das Geräusch schmatzender Lippen
geweckt wurde, das allem Anschein nach von mehr als einem Maule kam
und begleitet war von einer zitternden Bewegung des ausgespannten
Segeltuchbettes, auf dem ich lag.
Schnell aufspringend, geriet ich in ein Gewimmel unwillkommener Gäste.
Ehe ich mir noch klar darüber war, was geschehen, hatten die Bestien
schon das Weite gesucht, die letzten Bissen meiner Leckereien in ihren
Schnauzen forttragend.
Die mir zur Verfügung stehende Munition war bald verbraucht -- eine
ungenügende Rache trotz des Geheuls eines Hundes, den ich im Dunkeln
zufällig getroffen hatte. Ich zündete ein Streichholz an und fand die
großen Messingschalen geleert, Reis und Mehl durch das ganze Zelt
verstreut und das Schaf tatsächlich verschwunden.
Ich war entschlossen, mich nicht um die Befriedigung meines Gelüstes,
das mich jetzt um so mehr reizte, bringen zu lassen, kroch aber doch in
meine Decke zurück und fand für eine Weile im Schlafe Vergessen. Kaum
war ich am Morgen aufgestanden, als ich auch schon ein neues Bankett
plante. Aber gerade zur rechten Zeit kehrte der Kommissar von einem
Marsche mit seinen Polizisten, Munschis, Punditen und Tschaprassis
zurück.
»Machen Sie sich keine Sorge, Mr. Landor«, sagte er freundlich, als
ich ihm mein Mißgeschick erzählt hatte. »Kommen Sie zum Mittagessen zu
mir. Meine Burschen sollen Ihnen ein ganz besonderes Diner nach ihrer
eigenen Art zurichten.«
Dank dem Kommissar und dank dem glücklichen Zusammentreffen, daß mir
gerade an diesem Tage durch einen Boten aus Chela ein Paket Briefe
von Verwandten und Freunden überbracht wurde, konnte ich wirklich kaum
einen glücklicheren Geburtstag verbringen. Ich war mir wohl bewußt,
daß es die letzten vergnügten Augenblicke, die letzten Fleischtöpfe
Ägyptens sein würden. Von jetzt ab sollte ich von der Zivilisation und
allem, selbst dem primitivsten, Komfort abgeschnitten sein, und, um mir
diese Tatsache noch nachdrücklicher zum Bewußtsein zu bringen, traf es
sich, daß der Kommissar am folgenden Morgen seine Reise nach Almora
fortsetzte.
Das Wetter war kalt, der Regen fiel in Strömen; selbst während der
wärmsten Stunden des Tages stieg das Thermometer nicht über 11 Grad
Wärme. Mein durchweichtes Zelt stand in einer Wasserpfütze trotz
der Doppelgräben, die darum gezogen waren. Mehrere Schokas hatten
mich schon vorher gebeten, es zu verlassen und in einem ihrer Häuser
zu wohnen. Sie waren alle eifrigst bemüht, mir Gastfreundschaft zu
erweisen, was ich, um ihnen nicht lästig zu fallen und um für alle
Fälle in meinen Entschließungen ungehindert zu bleiben, höflich,
aber entschieden ablehnte. Nichtsdestoweniger kam am 4. Juni
eine Deputation, die ihre Aufforderung wiederholte. Aber ich war
entschlossen, meinen Willen durchzusetzen. Vergebens! Sie wollten einen
Sahib nicht unter einer einfachen Zeltleinwand wissen, während sie
selbst behagliche Wohnungen hätten. Sie berieten sich miteinander, und
plötzlich wurde mein Gepäck ergriffen und trotz meines Einspruchs von
einer Anzahl kräftiger Schokas im Triumph nach dem Dorfe getragen. Ich
mußte ~nolens volens~ folgen, und von jenem Tage an wurde ich durch
beständigen Verkehr mehr und mehr von der natürlichen Freundlichkeit
und Gutherzigkeit dieser Leute überzeugt.
Um mich an der Rückkehr zu verhindern, rissen sie sogar das Zelt
nieder und schleppten es, naß wie es war, hinweg. Zeheram und
Jaimal, zwei vornehme Schokas, hielten meine Hände und klopften mich
freundschaftlich auf den Rücken, während sie mich mit allen Zeichen der
Höflichkeit nach meiner neuen Wohnung führten.
Diese stellte sich als ein schönes zweistöckiges Gebäude heraus mit
hübsch geschnitzten Holztüren und rot und grün bemalten Fensterstöcken.
So groß war die Besorgnis und Furcht dieser guten Leute, daß ich in
diesem kritischen Moment wieder zurückgehen könnte, daß einige zwanzig
ausgestreckte Hände mich bei den Armen ergriffen, während andere
mich von hinten eine Treppe von zehn oder zwölf Stufen in das Haus
hinaufdrängten, wo ich mich nun als Gast meines guten Freundes Zeheram
befand. Ich erhielt den vordern Teil des obern Geschosses, der aus zwei
großen reinlichen Zimmern bestand mit einer sehr schönen einheimischen
Bettstelle, einem Tische und ein paar Moras, runden, mit Fell bedeckten
Rohrstühlen. Ich hatte mir kaum klargemacht, daß ich hier bleiben
müsse, als auch schon Geschenke von Süßigkeiten, eingemachten Früchten,
getrockneten Datteln und Tee gebracht wurden, und der Tee nach
tibetischer Art, mit Butter und Salz darin, zubereitet wurde.
Selbst wenn ich zuerst ein leichtes Mißtrauen gegen eine so
ungewöhnliche Gastfreundschaft empfunden hätte, so wurde dieses doch
bald zerstreut, und ich war stolz, als mir mein Wirt versicherte,
daß ich der erste Engländer oder wohl auch Europäer oder Amerikaner
sei, dem es gestattet würde, die Wohnräume eines Schokahauses zu
betreten und in einer Schokawohnung zu essen. Die Gelegenheit war zu
günstig, um unausgenutzt zu bleiben, und ich hatte große Lust, länger
unter ihnen zu verweilen, um einen Einblick in ihre Lebensweise, ihre
Sitten und Gebräuche erlangen und vor allen Dingen die unveränderliche
Freundlichkeit dieser ehrlichen Gebirgsbewohner würdigen und genießen
zu können.
Sie sind in der Tat geborene Gentlemen, diese würdigen Schokas, und als
solche taten sie alles, was in ihren Kräften stand, meinen Aufenthalt
unter ihnen angenehm zu machen. Es war ein förmlicher Wettstreit
zwischen ihnen, wer mich zuerst bewirten und wer folgen sollte.
Einladungen zum Frühstück und Mittagessen strömten mir buchstäblich
zu, aber die so bequeme »Migräne«, »Erkältung« und »frühere
Verpflichtungen«, die in konventionellern Gegenden so wohl angebracht
sind, waren hier von keiner Wirkung. Weder Karte noch freundliches
Briefchen forderten einen hier auf, zu kommen und vergnügt zu sein.
Die Gastgeber erschienen gewöhnlich in eigener Person ~en masse~, um
mich abzuholen, bei welcher dringenden Aufforderung es ohne Zerren und
Schieben nicht abging. So konnte von einer Ablehnung keine Rede sein;
und wirklich war ich meinerseits auch wenig geneigt, abzulehnen.
Wenn ich kam, breitete der Wirt schöne Matten und Decken von
tibetischer oder alter chinesischer Arbeit und oft von großem Werte
auf dem Boden aus. Vor einem erhöhten Sitze standen in glänzenden
Messingschalen die verschiedenen Speisen und Leckereien aufgebaut,
die das Mahl bilden sollten. Reis gab es jedesmal, dann Hammelfleisch
mit Curry, süße und sauere Milch mit Zucker; dann Tschapatis nach
hindostanischer Art und Schale, eine Art süßen aus Mehl bereiteten
Pfannkuchens, Ghi, Zucker oder Honig, sowie auch Parsad, einen
dicken Brei von Honig, gebranntem Zucker, Butter und Mehl, alles gut
zusammengekocht, sogar für einen verwöhnten Gaumen eine leckere Speise.
Ich mußte unbedingt auf dem erhöhten Sitze Platz nehmen, was ich mit
übereinandergeschlagenen Beinen tat, während die Menge, respektvoll
auf dem Boden im Zimmer kauernd, einen Halbkreis bildete, dessen
Mittelpunkt ich war. Ich aß gewöhnlich nach Landessitte mit den
Fingern, eine Höflichkeit, die sie besonders schätzten, und obgleich
ich ihnen zuerst ungeschickt vorgekommen sein muß, erlangte ich doch
bald eine gewisse Gewandtheit in der Behandlung heißer Speisen mit den
Händen.
Das Kunststück ist nicht sehr schwierig, aber es erfordert Übung. Man
führt die fünf nach unten gespreizten Finger in der Schüssel zusammen,
ergreift einen Bissen und umgibt mit einer raschen Kreisbewegung der
Hand das Stück, das man erwischt hat, mit so viel Sauce, als man kann.
Mit einer noch schnelleren Bewegung, und ehe nur ein Tropfen Zeit
gehabt hat, zwischen den Fingern hindurchzuschlüpfen, läßt man den
Bissen in den Mund gelangen, indem man ihn halb wirft, halb fallen läßt.
Ich fand bald, daß ich bei diesen gemütlichen Mahlzeiten, die durch
mäßigen Genuß von Tschökti und Syrap, aus Weizen destilliertem Wein
und Schnaps, belebt wurden, in anthropologischer und ethnologischer
Hinsicht manches schätzbare Material über diese tibetische
Grenzbevölkerung sammeln konnte.
Die Schokas wurden in den wenigen Tagen, die ich unter ihnen
zubrachte, so vertraulich mit mir, den sie fast als einen der Ihrigen
betrachteten, daß ich bald vom ganzen Orte überlaufen wurde. Sie
kamen, um mir ihre Not und Kümmernis anzuvertrauen, erzählten mir ihre
Sagen und Märchen, sangen mir ihre Lieder vor und lehrten mich ihre
Tänze. Sie brachten mich zu ihren Hochzeiten und ihren seltsamen
Leichenfeierlichkeiten, führten mich zu den kranken Männern, Weibern
und Kindern oder schickten sie zu mir, damit ich sie heilen sollte.
Am 6. Juni machte ich einen Abstecher nach der Grenze, mit der Absicht,
sie zu rekognoszieren. Ich gelangte, nachdem ich den Fluß unterhalb des
Dorfes Tschongur überschritten hatte, in das Gebiet von Nepal.
Durch ein abermaliges Überschreiten des Flusses wieder in Kumaon
angelangt, schlug ich mein Lager bei Gungi auf. Ehe ich das Dorf
betrat, kam ich an ~Dr.~ Wilsons noch nicht vollendeter Apotheke vorbei.
Der Ort war malerisch gelegen und hob sich scharf von dem merkwürdigen
Hintergrund ab, den der kuppelförmige Berg Nabi Schankom bildet,
ein ungewöhnlich schöner Gipfel mit grau und rot gestreiften
Gesteinsschichten.
Nicht weit davon ragt auf einem andern Berge der Gungi Schankom empor,
ein vierkantiger, gigantischer Felsblock von gelber und rötlicher
Farbe, einem gewaltigen Turme nicht unähnlich. Als ich an seinem Fuße
ankam, warf die Sonne ihre letzten Strahlen auf ihn; das Bild war so
zauberhaft, daß ich versuchte, es zu malen. Während ich dort saß,
stiegen die Schatten der Nacht höher und höher an dem Bergabhang empor
und tauchten ihn in eine veilchenblaue Färbung; über ihm glänzte wie
ein feuriger Turm der Gungi Schankom in all seiner Pracht, bis die
Schatten noch höher stiegen und zuerst nur den Berg, dann allmählich
auch den Gungi Schankom bedeckten.
Am nächsten Tage um 10 Uhr vormittags hob ich das Lager auf. Die Höhe
hier betrug 3330 Meter. Interessant war das Tschiram, ein Platz mit
fünf Gräbern, die aus weißen Steinplatten bestanden mit senkrecht
darauf gepflanzten Stangen, von deren Spitze fliegende Gebete
herabhingen.
Ich kam bald auf viel Schnee und an Stellen, wo der Weg am Berghange
nicht mehr zu sehen war. Das Gehen auf dem losen Schutt und Schiefer
war ermüdend, aber es wurde noch schlimmer, als ich tatsächlich jeden
Tritt in den gefrorenen Schnee einschneiden mußte. Ich kam nur langsam
vorwärts.
Nach einiger Zeit bemerkte ich eine Reihe hoher Schneetunnel über
dem reißenden Strome, der zu früherer Jahreszeit mit einem Gewölbe
von Eis und Schnee gänzlich überdeckt ist. Je höher ich kam, desto
härter wurde der Schnee. Die erst durchweichten und dann gefrorenen
Sohlen meiner Schuhe machten das Gehen sehr schwierig. In 3600 Meter
Höhe, etwa 90 Meter über dem Strom, mußte ich ein besonders großes,
hart gefrorenes und in sehr steilem Winkel ansteigendes Schneefeld
überschreiten.
Einige meiner Kulis waren vorausgegangen, die andern waren hinter mir.
Trotzdem die vordern schon einen Pfad ausgetreten hatten, mußte man
doch mit seinen eigenen Füßen jeden Schritt aufs neue einschneiden,
um ein Ausgleiten zu vermeiden. Dies erreichte man am besten dadurch,
daß man mit der Spitze des Schuhes mehrmals auf die weiße Decke
aufschlug, bis eine Höhlung von ausreichender Größe gemacht war, um den
Fuß hineinstellen und sich aufrecht halten zu können. Es mußte dabei
jedesmal sehr vorsichtig zu Werke gegangen werden, aber leider fehlte
mir die Geduld dazu.
Ich glaubte eine bessere Methode gefunden zu haben, indem ich mein
Knie hochhob, mit dem Hacken in den Schnee stieß und mit dem einen
Fuß feststehen blieb, bis der andere auf dieselbe Weise den nächsten
Schritt eingeschnitten hatte.
Im Begriff, einen dieser heftigen Stöße auszuführen, traf ich auf eine
Stelle, wo sich unter der dünnen Schneedecke hartes Eis befand. Mein
Fuß, der keinen Halt fand, glitt aus, ich verlor das Gleichgewicht und
sauste mit erschreckender Schnelligkeit den steilen Abhang hinunter,
auf meiner unfreiwilligen Rutschpartie von Eis- und Schneemassen und
dem Geschrei meiner entsetzten Kulis begleitet. Ich sah sofort die
Gefahr vor mir, in den Strom geschleudert zu werden, der mich unfehlbar
in den langen Eistunnel reißen mußte, unter welchem mir der Tod sicher
war.
[Illustration: Die Tschongurbrücke vor der Zerstörung.]