Sing, der das Buch triumphierend in der Luft schwenkte. Er war
den viele Kilometer langen Weg zum Flusse hinab und wieder zurück
so schnell gelaufen, daß er völlig erschöpft war, als er bei mir
anlangte. Er händigte mir das Buch ein, und dann brachen wir wieder
auf, von Walter und der ganzen Gemeinde den steilen Abhang nach
dem Flusse hinunter begleitet. Hier ergriffen einige der Schokas
meine Hände und legten sie an ihre Stirn, indem sie sich feierlich
verneigten. Andere umschlangen meine Füße, während das Weibervolk mir
das übliche hindostanische »~Atscha giao!~ Gehe gut!« zurief.
Fünftes Kapitel.
Eine Teevisite.
Um nach Schoscha zu gelangen, mußte ich noch fünf Kilometer auf einem
Bergpfade emporklimmen, der sich fast ebenso steil erwies als der
Aufstieg nach Pungo.
Ein seltsamer, wahrscheinlich von den Tibetern entlehnter Gebrauch
herrscht unter den Schokas; es ist ihre Art, unter Benutzung des Windes
zu beten. Die Tibeter, deren religiöses Gefühl stärker ist als das der
Schokas, gebrauchen nicht nur den Wind zu diesem Zwecke, sondern lassen
ihre Gebetmaschinen sogar durch Wasser treiben.
Ich gebe hier eine Erklärung dieser sehr einfachen Vorrichtungen zum
Beten. Einer oder mehrere Stofflappen, gewöhnlich von weißer Farbe,
gelegentlich aber auch rot oder blau, werden mit einem Ende an einer
Schnur befestigt und aufgehängt, die quer über einen Weg, einen Paß
oder einen Fußpfad gespannt wird. Wenn die Schokas einen Paß zum
erstenmal überschreiten, so schneiden sie jedesmal einen Streifen Stoff
ab und hängen ihn so auf, daß er im Winde hin- und herflattert. Ebenso
ist es bei ihnen Sitte, wenn Stoff zu einem neuen Gewande gekauft oder
angefertigt worden ist, einen schmalen Streifen des Zeuges abzureißen
und ein fliegendes Gebet daraus zu machen. Solange der Lappen sich
bewegt, ist es ein Gebet; deshalb binden die Eingeborenen sie sehr
fest an Stöcke, Pfähle oder Baumäste. Gewisse Sträucher und Bäume
an unheimlichen, romantischen Orten in den Bergen sind mit diesen
religiösen Zeichen ganz bedeckt. Eine große Zahl ähnlicher kleiner
Flaggen sieht man auf den Dächern fast aller Schokawohnungen, neben den
Gräbern und an den Außentoren der Dörfer.
Ich quartierte mich in dem Daramsalla von Titela ein, zwei Kilometer
oberhalb Schoscha. Das Wetter hatte schon seit einigen Tagen mit
Regen gedroht, und während des Abends ging ein Regenschauer auf uns
nieder. Die Arbeit hatte sich Tag für Tag angehäuft. Ich beschloß, die
zahlreichen Negative, die ich auf meiner Reise aufgenommen hatte, zu
entwickeln, eine Beschäftigung, die einem auf dem Marsche über alle
Maßen zuwider ist. Nachdem ich alle Schalen zum Entwickeln ausgepackt
hatte, machte ich mich daran, die Hütte vollständig zu verdunkeln. Das
wichtigste Erfordernis hierauf war Wasser, und davon gab es in diesem
elenden Schuppen vollauf. Ich hatte eben ein halbes Dutzend Negative
entwickelt und war über die ausgezeichneten Resultate hoch erfreut, als
infolge des heftiger gewordenen Sturmes der Regen durch das lecke Dach
des Daramsallas auf meinen Kopf zu tröpfeln begann. Alle die Schalen
mit den Entwicklern, Bädern und der Fixierlösung an eine andere Stelle
zu bringen, wäre sehr lästig gewesen, überdies war ich in meine Arbeit
viel zu sehr vertieft, als daß solche unbedeutende Kleinigkeiten mich
hätten stören können; so bot ich geduldig dieser neuen Unbequemlichkeit
Trotz. Ich veränderte unaufhörlich meinen Standpunkt, aber nur mit dem
Erfolg, daß der Regen je nach meiner Stellung abwechselnd auf meinen
Rücken, meine Beine oder meine Schultern floß. Es goß in Strömen, und
das Dach über mir war so durchlässig, daß ich ebensogut hätte im Freien
arbeiten können. Ein Glück, daß meine Kasten und Kisten wasserdicht
waren, sonst würden alle Instrumente und Platten beschädigt worden sein.
So ärgerlich es mir auch war, mußte ich die Arbeit schließlich doch
aufgeben. Das Beste, was ich tun konnte, war schlafen zu gehen. Dies
war aber leichter gesagt als getan: mein Lager und meine Decke waren
völlig durchweicht. Der Versuch, unter einem wasserdichten Laken
zu liegen, bewährte sich nicht, denn es kam mir vor, als müßte ich
darunter ersticken. So überließ ich diese Bedeckung meinem Diener,
der sich fest einrollte und bald in Morpheus’ Armen lag. Müde und
ärgerlich kauerte ich mich zusammen und schlummerte schließlich auch
ein. Am Morgen erwachte ich mit einem stechenden Schmerz in den Zehen.
Ich hatte mit dem Gesicht nach unten gelegen und während der Nacht
unwillkürlich die Beine ausgestreckt. Jetzt entdeckte ich zu meinem
Schrecken, daß der eine Fuß in dem Entwicklungsbade, der andere aber
in der Fixierlösung gelegen, die ich vergessen hatte aus den großen
Zelluloidschalen auszugießen!
Als ich erfuhr, daß zwei Missionarinnen in dem dreieinhalb Kilometer
von hier entfernten Orte Sirka lebten, machte ich mir das Vergnügen,
ihnen einen Besuch abzustatten. Sie besitzen ein hübsches Bungalow, das
auf einer Höhe von etwa 2700 Meter liegt; neben ihm steht ein zweites
Gebäude, das zur Aufnahme von Bekehrten und Dienern bestimmt ist.
Es waren die schon erwähnten Damen Miß Sheldon und Miß Brown, die
mich mit größter Liebenswürdigkeit empfingen. Ich bin in meinem Leben
mit vielen Missionaren aller Bekenntnisse in fast allen Erdteilen
zusammengekommen, aber nie habe ich das Glück gehabt, zwei so
liebenswürdigen, aufrichtigen und wirklich ernst arbeitenden Damen zu
begegnen wie diesen.
»Kommen Sie nur herein, Mr. Landor!« sagte Miß Sheldon mit ihrem
allerliebsten amerikanischen Akzent, und dabei schüttelte sie mir
herzlich die Hand.
Die Eingeborenen hatten mir die Barmherzigkeit und stete
Hilfsbereitschaft dieser Dame hoch gepriesen, und ich fand dieses Lob
mehr als berechtigt. Weder bei Tag noch bei Nacht verweigerte sie den
Kranken je ihre Hilfe, und ihre edlen Taten, von denen mir berichtet
wurde, sind viel zu zahlreich, um hier eingehend geschildert werden
zu können. Vielleicht ihre schätzenswerteste Eigenschaft ist aber ihr
vollkommener Takt, eine Eigenschaft, die nach meinen Erfahrungen unter
den Missionaren nicht zu häufig ist. Ihre Geduld, ihr freundliches
Wesen gegen die Schokas, ihr gutes Herz, die gelungenen Kuren, die sie
an den Kranken ausführte, waren Dinge, für die sie von diesen ehrlichen
Bergbewohnern unaufhörlich gepriesen wurde.
Ein Schoka erzählte mir, daß es für Miß Sheldon nichts Ungewöhnliches
sei, alle für sie selbst bestimmten Nahrungsmittel und sogar die
Kleider vom Leibe zu verschenken, da sie nichts auf Bequemlichkeit gibt
und ihr Glück in guten Werken findet.
Hand in Hand ging damit eine bezaubernde Bescheidenheit. Kein Wort
über ihre eigene Person oder über ihre Taten kam je über ihre Lippen.
Als Pionier in diesen Gegenden muß sie zuerst sicherlich auf viele
Schwierigkeiten gestoßen sein. Heute ist ihr Einfluß auf die Schokas
sehr bedeutend. Dasselbe kann auch von Miß Brown gesagt werden, die in
jeder Weise eine würdige Gefährtin von Miß Sheldon ist.
Beide haben sich in verhältnismäßig kurzer Zeit mit der Schokasprache
völlig vertraut gemacht und können sich in ihr ebenso fließend
unterhalten wie im Englischen. Diese Tatsache allein schon macht sie
bei den Eingeborenen sehr beliebt.
Die beiden Damen waren so liebenswürdig, mich zu Tisch einzuladen.
»Es ist Sonntag«, sagte Miß Sheldon, »und wir werden alle unsere
Christen zum Essen bei uns haben. Sie werden gewiß nichts dagegen
haben?«
Ich versicherte, daß mir nichts interessanter sein könnte.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien ich und fand den Boden der
Veranda des Bungalow mit hübschen, reinlichen Matten bedeckt, auf die
wir uns nach einheimischer Art mit untergeschlagenen Beinen setzten.
Wir drei Europäer erhielten Messer und Gabeln, während sämtliche
Eingeborenen mit den Fingern aßen, die sie mit großer Geschicklichkeit
gebrauchen.
Unter den Bekehrten waren einige Hindus, einige Schokas, mehrere Humlis
und eine tibetische Frau; alle zusammen waren es etwa zwanzig. Sie aßen
tüchtig und sprachen nur, wenn sie angeredet wurden.
»Ich bin zweifelhaft, ob ich jemals in meinem Leben mit so vielen guten
Christen zusammen gegessen habe«, sagte ich zu Miß Sheldon. »Es ist
entzückend!«
»Sie würden sehr gern etwas von Ihren Reiseerlebnissen hören, wenn Sie
die Güte haben wollten, ihnen etwas davon zu erzählen, d. h. wenn Sie
nicht zu müde sind und Lust dazu haben.«
Ich erzählte einige meiner Abenteuer in dem Lande der Ainus, wobei
Miß Brown den Dolmetscher machte. Selten habe ich so aufmerksame
Zuhörer gehabt. Als die Geschichte zu Ende war, grüßten sie mich mit
feierlichem Salaam, und ein alter Gurkhaveteran, einer der Bekehrten,
ergriff meine Hand und schüttelte sie warm.
»Sie müssen das nicht übel nehmen; Sie sehen, wir behandeln unsere
Christen ganz wie unsersgleichen«, unterbrach Miß Sheldon ihn rasch.
Angloinder lassen sich nämlich sehr selten herab, den Eingeborenen die
Hand zu geben.
Beim Abschied forderte ich die Damen auf, sich am nächsten Tage bei
mir zum Tee einzufinden. Der Nachmittag kam, und sie erschienen, als
mir zu meinem Schrecken plötzlich einfiel, daß ich weder Tassen noch
Löffel hatte. Etwas Tee besaß ich wohl, aber ich hatte keine Idee, in
welcher Kiste er sich befand, und ich konnte ihn jetzt um keinen Preis
herausfinden. Dies gab Miß Sheldon Veranlassung, sich mit der Bemerkung
an Miß Brown zu wenden:
»Erinnert Mr. Landor Sie nicht an den andern exzentrischen Herrn, der
voriges Jahr hier durchkam?«
In dem Augenblick, als Miß Sheldon diese Worte ausgesprochen hatte,
wurde ihr der allerliebste Freimut ihrer Frage klar, und wir lachten
alle herzlich.
»Sie müssen wissen, Mr. Landor,« warf Miß Brown ein, »wir sahen schon
halb und halb voraus, daß Sie mit diesen Luxusartikeln nicht versehen
sein würden, und deshalb haben wir unsere eigenen Tassen mitgebracht.«
Diese Nachricht war mir eine große Erleichterung.
Ein tüchtiger Block Schokolade von zirka 25 Pfund wurde statt des
fehlenden Tees herbeigebracht und Tschanden Sing wurde beauftragt, mit
einem Steine kleine Stücke davon abzuschlagen, was eine primitive, aber
sehr wirksame Methode ist. Inzwischen kam das Wasser im Kessel ins
Kochen, während meine beiden Besucherinnen es sich auf Packsattelkisten
so bequem gemacht hatten, wie es unter den Umständen möglich war.
Die Teegesellschaft verlief ausgezeichnet, denn die Damen hatten sich
nicht nur mit Tassen, sondern auch mit Löffeln, Kuchen, Butterbroten
und Biskuits versehen!
Das Wetter wurde wieder regnerisch und kalt. Die Berichte, die mir über
den Zustand der Wege weiter oben zukamen, waren nicht ermutigend.
»Die Straße ist ungangbar«, sagte mir ein alter Schoka, der eben von
Garbyang gekommen war. »Der Lippupaß, über den ihr nach Tibet gehen
wollt, ist noch nicht offen; es ist noch sehr viel Schnee auf ihm. Dann
hat auch der Jong Pen von Taklakot in Tibet jetzt eine starke Wache
von 300 Mann aufgeboten, um das Betreten des Landes durch Fremde zu
verhindern. Die Dakus oder Räuber, die das Gebiet des Mansarowarsees
heimsuchen, scheinen in diesem Jahre zahlreicher zu sein als je.«
»Da gehe ich ja einer recht lebhaften Zeit entgegen«, dachte ich bei
mir.
Bei Schankula (2270 Meter) schlug ich mein nächstes Lager auf. Ich
war auf einem prächtigen schattigen Fußwege dahin gelangt, der, einem
Pfade durch einen malerischen Park nicht unähnlich, zwischen hohen
Libanonzedern, Buchen und Ahornbäumen entlang führte, während hier
und da ein Bach oder eine Quelle rieselte, und Hunderte von Affen
mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten spielend von Baum zu Baum
sprangen.
Ich schlug mein Lager am Flusse auf. Es war ein herrlicher Tag. Vor
mir, nach Ostnordost hin, ragten riesenhaft und majestätisch einige
hohe Schneegipfel empor. Das Tal war eng und der übrige Teil des
schneebedeckten Gebirges dem Auge nicht sichtbar. Welch herrlicher
Vorwurf für ein Gemälde! Es lockte mich, hier haltzumachen, Malkasten
und Skizzenbuch hervorzusuchen und mein Frühstück, das eben bereitet
wurde, zu verlassen. So stieg ich denn zu dem Gipfel eines hohen
Berges empor, um eine weitere Aussicht zu erlangen. Der Anstieg, der
zuerst über schlüpfriges Gras, dann über schiefriges Gestein führte,
war nicht ohne eine gewisse Gefahr, aber ich war so darauf erpicht,
auf die Höhe zu kommen, daß ich den Gipfel sehr schnell erreichte,
nachdem ich die beiden Leute, die mir gefolgt waren, auf halbem Wege
zurückgelassen hatte. An einzelnen Stellen nahe dem Gipfel waren fast
senkrecht aufragende Felsen zu erklimmen, und ich mußte Hände und Füße
gebrauchen. Für meine Mühen wurde ich aber reich belohnt. Der Blick von
diesem hohen Aussichtspunkte war prachtvoll, und ich muß gestehen, daß
ich mir fast vermessen vorkam, als ich, nachdem ich meinen Malkasten
abgeschnallt hatte, versuchte, auf dem Papier die Landschaft vor mir
wiederzugeben. »Ich bin ein Tor,« sagte ich zu mir, »das malen zu
wollen! Welcher Maler könnte diesen Bergen gerecht werden?«
Ich warf das Bild wie gewöhnlich schnell hin, aber niemals ist wohl ein
rasches Wagestück durch einen geringern Erfolg belohnt worden, und so
blieben die ewigen Riesen ungemalt.
Verstimmt machte ich mich auf den Rückweg. Der Abstieg war noch
schwieriger als das Emporklimmen. Ein Fehltritt, ein Ausgleiten hätte
mir das Leben kosten können, besonders längs des steilen Abgrundes,
wo ich mich an alles, was aus der mauerartigen Felswand hervorragte,
anklammern mußte. Ich war etwa 1200 Meter über unsern Lagerplatz
emporgestiegen und hatte somit eine Höhe von 3490 Meter erreicht.
Diese Leistung, die von den Leuten unten in meinem Lager ebenso wie
von den Soldaten des stellvertretenden Kommissars von Almora, der hier
ebenfalls sein Lager aufgeschlagen hatte, ängstlich verfolgt wurde,
erwarb mir unter den Eingebornen die Beinamen »Tschota Sahib«, der
»Langur«, d. h. »der kleine Herr«, »der Affe«, Namen, auf die ich
seitdem immer stolz gewesen bin. --
Nachdem die Straße den Schankulafluß einmal überschritten hat, wendet
sie sich nach Südost und erhebt sich sanft ansteigend bis Gibti
(2610 Meter), wo ich mein Lager etwas über dem Daramsalla von Gala
aufschlug. Ich war durch Waldungen von Ahornbäumen, Buchen, Eichen und
Rhododendron gekommen, die ein dichtes Unterholz von Strauchwerk und
Bambus aufwiesen.
Der Kali, der etwa 600 Meter unter meinem Lagerplatze dahinfloß,
bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon. Von diesem hochgelegenen
Punkte aus konnte man den schäumenden Strom sich meilenweit zwischen
dichtbewaldeten Hügeln und Bergen hindurchschlängeln sehen wie ein
Silberband auf dunklem, ruhigem Grund.
[Illustration: Schneebrücke über den Kutifluß.]
Der Marsch von meinem letzten Lagerplatze aus war nur sehr kurz, ich
hatte darum den größten Teil des Tages zur Arbeit an meinem Tagebuche
frei. Ich besaß ein kleines Gebirgszelt, das für gewöhnliche Ansprüche
genügend behaglich war. Es scheint jedoch, als ob diese Art zu reisen
von den indischen Beamten als nicht »~comme il faut~« betrachtet
wird. Nach der Ansicht dieser Autoritäten sind es die Zahl und Größe
der Zelte eines Reisenden, die ihn zu einem größern oder kleinern
Gentleman machen! Ich hatte mein Zelt neben den beiden doppelflügeligen
Zelten angloindischer Beamter aufgeschlagen, aber diese Herren waren
über diese Vertraulichkeit durchaus nicht erfreut. Denn daß ein
doppelzeltiger Sahib in Gesellschaft eines andern Sahib gesehen wurde,
dessen Miniaturzelt kaum zu Taillenhöhe aufragte, war unter der Würde
und eine ernste Bedrohung des britischen Prestige in Indien. Ich
wurde deshalb höflichst ersucht, mein behagliches Quartier mit
einem ehrenvollern Unterkommen zu vertauschen, das mir der einäugige
Lal Sing, ein Tokudar (Dorfschulze) und Bruder des Patwari, des
Rechnungsführers für das Pargana, lieh.
[Illustration: Die gefährlichste Stelle am Kali.]
Die Nacht war stürmisch, und der Wind rüttelte an meinem Zelt. In meine
einzige Kamelhaardecke gewickelt, legte ich mich zur Ruhe. Einige
Stunden später weckte mich ein heftiger Schlag auf den Kopf. Es war
der Mittelpfahl des Zeltes, der sich aus seinen Hülsen gelockert hatte
und auf mich gefallen war. Hierauf folgte ein raschelndes Geräusch
von Zeltleinwand, und im nächsten Augenblick saß ich ohne Dach da und
guckte die Sterne an.
Sechstes Kapitel.
Übergriffe der Tibeter.
Der berühmte Nerpani oder Nerpania, der »wasserlose Pfad«, fängt bei
Gibti an. Sehr wenige Reisende sind auf diesem Weg gegangen, und durch
ihre Berichte sind viele andere abgeschreckt worden, ihrem Beispiele zu
folgen.
Ich fand den Weg weit besser, als ich erwartet hatte. Ich bin schon auf
schlechtern Gebirgswegen an steilen Abgründen gewesen. Nach dem, was
ich gehört hatte, schien es, als ob der größere Teil der Straße auf
mehrere Meilen Länge durch in in den Felsen befestigte Balken gestützt
werde; aber dies ist nicht der Fall. Hin und wieder jedoch führt der
Weg an überhängenden Felsen über dem Abgrund entlang, und dort, wo die
senkrechte Wand die Anlage eines Weges nur mit großen Kosten erlaubt
hätte, sind Balken horizontal mehr oder weniger fest in den Felsen
eingelassen und große Steinplatten über sie gelegt, über die der
schmale Pfad führt. Der Weg liegt 300--550 Meter über dem Flusse und
ist an manchen Stellen nicht breiter als 15 Zentimeter. Aber für einen
Reisenden mit sicherm Tritt kann dies keine wirkliche Gefahr bedeuten.
Der Weg ist langweilig, denn die Nerpaniafelsen, längs deren man ihn
angelegt hat, teilen sich ihrerseits wieder in drei kleinere Partien,
die durch Schluchten voneinander getrennt sind. Es ist recht lästig,
Hunderte von Metern auf endlosen und schlecht zusammengefügten Treppen
hinab- und wieder hinaufzusteigen, nur um auf der andern Seite wieder
hinabzuklettern. Einige der Abstiege, namentlich der letzte zum
Gulamla, sind steil; aber wenn man keine Nägel an den Schuhen und
keinen Stock in der Hand hat, ist dabei wirklich wenig Gefahr für des
Bergsteigens gewohnte Leute.
Gegen Sonnenuntergang entstand eine große Bewegung im Lager, die durch
das Erscheinen von wilden Ziegen auf dem andern, nepalesischen Ufer
des Kali hervorgerufen wurde. »Deine Flinte, Sahib, deine Flinte!«
schrie ein Chor von ungeduldigen Eingeborenen. »Schnell, schnell, deine
Flinte!«
Ich ergriff meinen Mannlicher und folgte der erregten Bande nach einem
einige hundert Meter entfernten Platze, wo eine große lärmende Menge
sich zusammengefunden hatte, um das Wild zu beobachten.
»Wo sind sie?« fragte ich, da ich nichts sehen konnte.
»Dort, dort!« schrien sie alle so laut sie konnten, indem sie nach
dem Gipfel der gegenüberliegenden, etwa 400 Meter entfernten Felswand
wiesen.
»O das ist zu weit!«
»Nein, nein, Sahib! Bitte, schieße!« drängten sie alle.
Ich stellte das Klappvisier meiner Büchse auf 400 Meter, zielte und
drückte ab, und von Fels zu Fels stürzte die arme Ziege unter der
wahnsinnigen Aufregung der sich um mich drängenden Menge. Sie rollte
weiter, bis sie an das Strauch- und Buschwerk kam, wo ihr Fall sich
verlangsamte. Endlich blieb der zierliche Körper an einem größern Baume
hängen.
Äxte wurden sofort herbeigeschafft und zwei große Bäume eiligst
abgeästet und gefällt. Es sollte eine Brücke über das kalte, reißende
Wasser des Kali geschlagen werden. Ein Baum wurde hinübergeworfen;
seine Spitze reichte gerade bis zu einem Felsen auf dem andern Ufer.
Tiefstes Schweigen herrschte, als ein Kuli hinüberbalancierte. Er hatte
fast das jenseitige Ufer erreicht, als der Baumstamm plötzlich krachte
und brach, und der arme Teufel schreiend im Wasser lag, sich mit den
Fingern krampfhaft an einen Ast des Baumes krallend. Ein Kuli eilte zu
Hilfe, aber da die Strömung den Baum hin und her warf, wurde auch er
ins Wasser geschleudert. Erst nach Augenblicken ängstlicher Spannung
gelang es, unter großen Anstrengungen die beiden Leute zu retten.
Der Weg bis Lahmari, unserm nächsten Lagerplatze, führte an hübschen
Wasserfällen vorbei durch eine so reizende Landschaft, daß wir die
Beschwerden des Kletterns auf dem mühsamen Wege ganz vergaßen.
In frühern Zeiten ging der Weg über den höchsten Teil des Abhanges, und
ein guter Fußgänger brauchte einen ganzen Tag, um von einer Quelle zur
andern zu gelangen; daher der Name »wasserlos«.
In Lahmari endet der Nerpani.
Bald erwartet ein unfreiwilliges Sturzbad den Vorübergehenden und
durchnäßt ihn bis auf die Haut, wenn er nicht mit wasserdichtem Mantel
und mit Regenschirm versehen ist. Ein dichter Sprühregen fällt auf
einer Strecke von einigen dreißig oder vierzig Meter aus großer Höhe
herab. Der Weg ist hier sehr schmal und schlüpfrig, so daß man nur
langsam vorwärts kommt.
Wenn auch nicht ebener, so wird der Weg von hier aus für den geübten
Fußgänger doch besser. Er ist weniger felsig und hat nicht die
ermüdenden Stufen.
Zu unserer Rechten liegt hoch oben am Felsenhange das malerische Dorf
Buddi (2830 Meter) mit seinen zwei- und dreistöckigen Häusern. Unter
und über ihm sieht man den Weg in großen Zickzacklinien zur Höhe des
Tschai-Lek oder Tschetopasses hinaufführen.
Als wir den Weg weiter verfolgten und ich zurückblickte, hatte ich
Gelegenheit, das prachtvolle Kalital mit seinen von hohen Schneegipfeln
überragten gigantischen Felsen und Schluchten zu bewundern. Auf dem
Tschaipaß verzeichneten meine beiden Aneroide eine Höhe von 3410 Meter.
Darcy Bura, der reichste Schokahändler aus Buddi, hatte hier ein
Geschäftshaus für den Einkauf und Tausch von Borax, Salz, Wolle und
andern aus Tibet kommenden Artikeln errichtet. Auf der linken Seite
des Weges war eine große Felsenhöhle mit einer Mauer versehen und zum
Teil überdacht worden zur Benutzung von »Weibersuchern« aus den Dörfern
Buddi und Garbyang. Diese Häuser werden Rambang genannt und sind eine
alte Institution unter den Schokas, von der ich später ausführlicher
sprechen werde. Wie überall sind neben dem Passe einige hohe Pfähle mit
fliegenden Gebeten und einer Glocke aufgestellt.
Meine Ankunft in Garbyang wurde von Hunderten von Männern, Weibern
und Kindern beobachtet, die am Rande der flachen Lehmdächer ihrer
Behausungen kauerten, während ein paar Dutzend Leute mir ehrfurchtsvoll
nach meinem Lagerplatze jenseits des Dorfes folgten. Ein großes Zelt
war für mich vom Bruder des Punditen Gobaria errichtet worden, der
durch meinen Bankier in Almora von meinem Kommen in Kenntnis gesetzt
worden war. Herr G., der stellvertretende Kommissar, kam später an.
Ich brannte darauf, sofort Vorbereitungen für das Betreten des
tibetischen Landes zu treffen, aber meine Bemühungen, zuverlässige
Begleiter zu gewinnen, waren von geringem Erfolg.
Einige Tage später erfuhr ich zu meinem Bedauern, daß der Plan meiner
Reise, den ich mit so vieler Mühe und Sorgfalt geheimgehalten hatte,
den tibetischen Behörden verraten worden war.
Ein Unglück kommt selten allein. Gegen meinen Willen war ich dem
Rate gefolgt, in Almora eine gewisse Summe einzuzahlen, für welche
ich einen Kreditbrief auf den Pundit Gobaria erhielt, einen reichen
Händler in Garbyang, der mir den Betrag in Silber auszahlen sollte.
Unglücklicherweise war Gobaria noch in Nepal, und niemand anders konnte
einen Wechsel in dem von mir benötigten Betrage diskontieren. Dies war
ärgerlich, um so mehr, als ich auf das Geld gerechnet hatte. Ich sandte
augenblicklich einen Boten nach Almora, damit mir von dort die Summe
in Silber zugeschickt würde. Hierdurch wurde die Sache offenkundig und
damit gefährlich.
Eine Verzögerung war unvermeidlich; alle Pässe waren ungangbar,
und täglich fiel neuer Schnee. Für einen einzelnen Reisenden war
es mit bedeutenden Schwierigkeiten noch möglich, den Lippupaß zu
überschreiten, aber Gepäck konnte nicht hinübergebracht werden.