sechs Fuß hoch; sein schlanker Körper war mit Asche bedeckt gewesen,
die der dunkeln Haut eine gespenstische graue Färbung gegeben hatte.
Ich veranlaßte ihn herauszutreten. Das massenhafte lange Haar war in
kleine Zöpfe geflochten, die nach Art eines Turbans um seinen Kopf
gelegt waren. Das Haar war weiß gefärbt, während der lange dünne
Bart glänzend rot gefärbt war. Seine Augen waren eingesunken, und
Stirn und Wangen waren dick mit weißer Farbe bemalt, was offenbar
den schauerlichen, geradezu abstoßenden Eindruck erhöhen sollte. Er
schien halb betäubt und wußte wenig zu sagen. Er war nur spärlich
bekleidet, aber er trug das Kamarjuri oder die Fakirkette um seine
Lenden und hatte ein messingenes Armband über den Ellenbogen um den
Arm geschmiedet. Seine Hüften waren mit einem Kranze von Holzperlen
umgürtet, und ein Halsband von geflochtenen Haaren schmückte seinen
Hals. Seine Tage verbrachte er damit, sich in der Asche herumzuwälzen
und selbstauferlegte leibliche Entbehrungen zu erdulden, um dadurch in
den Zustand der Heiligkeit zu gelangen.
Ich hatte von abergläubischen Vorstellungen unter diesem Volke gehört.
»Gibt es«, fragte ich Jagat Sing, »in diesen Gebirgen auch Berggeister,
und glaubt das Volk wirklich an sie?«
»Ja, Herr,« antwortete der junge Mann, »gewiß gibt es viele und sie
sind oft sehr lästig, besonders für gewisse Leute. Doch hört man nur
selten, daß sie jemand töten.«
»Dann sind sie nicht ganz so böse wie manche menschliche Wesen«,
erwiderte ich.
»O Herr; sie sind sehr böse. Wie mit eisernen Klauen packen sie
schlafende Leute am Halse und sitzen auf der Brust ihrer Opfer.«
»Das sieht eher so aus, als hätten sich die Leute den Magen überladen!«
»Nein; die Geister der Berge sind Geister von Leuten, die nicht in den
Himmel gekommen sind. Man findet sie nachts in Schwärmen im Walde; die
Leute werden von ihnen erschreckt. Sie halten sich auf den Gipfeln und
Hängen der Berge auf und sie können die Gestalt einer Katze, einer
Maus und eines jeden andern Tieres annehmen; in der Tat sollen sie ihr
Aussehen häufig ändern. Da, wo kein Mensch hin kann, zwischen Felsen
und Abgründen oder in dem dichten Dschungel suchen die Geister ihre
Zuflucht, aber oft verlassen sie ihre Wohnungen, um Menschen zu suchen.
Wer von ihnen besessen ist, bleibt in einem halb bewußtlosen Zustande
und stößt wahnsinnige Schreie und unverständliche Laute aus. Es gibt
Leute, die vorgeben, Zaubermittel zu kennen, um sie auszutreiben. Mit
mehr oder weniger Erfolg gebrauchen die Eingeborenen einige Heilmittel
zu dem Zwecke. Ein ›Bitschna‹ (Nessel) genanntes Gras hat die Kraft,
die Geister fortzuscheuchen, wenn es auf den Körper des Leidenden
gelegt wird, aber das Wirksamste ist, zu tun, als ob man den Besessenen
mit einem rotglühenden Eisen schlüge. Dies scheinen die Geister mehr
als alles andere zu fürchten.«
»Sprechen die Geister jemals?« fragte ich, voll Interesse für die
seltsamen Vorstellungen dieser Bergbewohner.
»Nein, nicht oft, auch gewöhnlich nicht direkt, aber sie tun es durch
Leute, die von ihnen besessen sind. Solche Leute erzählen viele
merkwürdige Geschichten über die Geister. Eine sonderbare Eigenschaft
der Geister ist, daß sie nur Leute ergreifen, die Furcht vor ihnen
haben; wenn man ihnen Trotz bietet, verschwinden sie.«
»Wenden die Eingeborenen irgendeine besondere Methode an, sich gegen
diese Bergdämonen zu schützen?«
»Der einzig sichere Schutz ist Feuer. Jeder, der neben einem Feuer
schläft, ist sicher, und solange eine Flamme brennt, bleiben die
Geister fern.«
»Kennst du irgend jemand, der sie gesehen hat?«
»Ja, ein Tschaprassi namens Joga erzählte, daß er einmal bei Nacht
durch einen Wald reisen mußte; dabei habe er eine Stimme gehört, die
ihn beim Namen rief. Erschrocken stand er still, und einige Augenblicke
lang versagte ihm die Stimme. Endlich antwortete er, am ganzen Leibe
zitternd, und sofort erschien ein Schwarm von Geistern und forderte ihn
heraus. Joga rannte um sein Leben, und die Dämonen verschwanden. Man
weiß auch von Geistern, die mit Steinen nach Vorübergehenden geworfen
haben.«
»Hast du jemals einen Geist gesehen, Jagat Sing?«
»Nur einmal. Ich ging spät abends nach dem Palast, als ich auf dem
steilen Wege die Gestalt einer Frau bemerkte. Es war eine schöne
Mondnacht. Ich schritt aufwärts, und als ich vorüberging, erschien das
Gesicht des seltsamen Wesens schwarz, unmenschlich, grausig. Ich wich
erschrocken zurück, und als ich die unheimliche Erscheinung näherkommen
sah, stockte mir vor Furcht das Blut in den Adern. Ich führte einen
mächtigen Hieb mit meinem Stock, aber, siehe da! das Rohr fuhr durch
die Luft und traf nichts. In demselben Augenblick verschwand der Geist.«
»Ich hätte es gar zu gern, Jagat Sing, daß du mir einige von diesen
Geistern zeigen könntest; ich würde alles darum geben, eine Zeichnung
von ihnen zu entwerfen.«
»Man kann sie nicht immer sehen, wenn man will, Herr, aber man muß sie
immer vermeiden. Sie sind böse Geister und können nur Schaden tun.« --
Als ich Askot (1400 Meter) auf dem in Windungen durch einen dichten
Wald führenden Wege verlassen hatte, überschritt ich bei Gargia
(750 Meter) auf einer Hängebrücke den Fluß Gori. Der Pfad lief durch
das tiefe, unbehaglich heiße Tal des Kali, eines reißenden Stromes,
der mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit in der meinem Wege
entgegengesetzten Richtung floß; er bildet die Grenze zwischen Nepal
und Kumaon.
Hütten und Strecken bebauten Landes zeigten sich auf dem nepalesischen
Ufer, während wir auf unserer Seite an verlassenen und ihrer Dächer
beraubten Winterwohnungen von Schokas (gewöhnlich, aber unrichtig,
Botiyas genannt) und von Tibetern vorbeikamen, die in den kältern
Monaten des Jahres in diese wärmern Gegenden auswandern, um hier ihre
Schafe zu weiden. Die Sommerwohnstätten der Schokas befinden sich in
größern Höhen, zumeist längs der Landstraßen, die nach Tibet führen,
und näher an der tibetischen Grenze.
Bei meiner Ankunft in dem Daramsalla von Kutzia überbrachte mir ein
Bote die Nachricht, der Rajiwar, den ich in Askot nicht angetroffen
hatte, sei jetzt hier, um gewissen Gottheiten Opfer darzubringen. Er
werde mich um 3 Uhr nachmittags besuchen.
Pünktlich um 3 Uhr nachmittags kam der Rajiwar in einem Dandy getragen
an, von seinem Bruder gefolgt, der in einem Bergdandy saß. Des Rajiwars
Sohn und Erbe ritt auf einem prächtigen grauen Pony. Ich war dem
alten Rajiwar, der seit einigen Jahren gelähmt war, beim Aussteigen
behilflich. Wir schüttelten uns herzlich die Hände, und ich führte
ihn in das Daramsalla, wo wir uns in Ermangelung von Möbeln auf
Kisten niederließen. Sein vornehmes, schön geschnittenes Gesicht,
sein anziehendes Benehmen und die sanfte, würdevolle Stimme, mit der
er sprach, ließen deutlich den Mann von edlem Blut und ungewöhnlichen
Fähigkeiten erkennen. Seine Bescheidenheit und Einfachheit waren
entzückend.
»Ich hoffe, daß Ihr bei guter Gesundheit seid und auf Eurer Reise nicht
zu viel gelitten habt. Es hat mich betrübt, daß ich Euch nicht in Askot
empfangen konnte. Leben Eure lieben Eltern noch? Habt Ihr Brüder und
Schwestern? Seid Ihr verheiratet? Ich würde England gern besuchen.
Es muß ein wundervolles Land sein, und ich bewundere es so sehr, daß
ich meinen Neffen eine englische Erziehung gegeben habe. Einer von
ihnen dient jetzt der Maharanee (Königin) Victoria als politischer
›Peschkar‹.«
[Illustration: Schokahäuser.]
[Illustration: Auf dem Weg zum Rambang.]
Mit Hilfe eines hindostanischen Wörterbuchs, ausdrucksvoller Gebärden
und flüchtiger Skizzen beantwortete ich seine Fragen so gut ich
konnte. --
[Illustration: Gefährliche Rutschpartie.]
Auf dem Wege nach Dartschula durch das tiefgelegene Tal war die Hitze
unerträglich, obgleich die Sonne schon nahe dem Horizont stand. Wir
kamen an einem Wasserfall vorüber, der aus großer Höhe über eine Gruppe
von mit Moos bewachsenen schirmförmigen Stalaktiten hinabstürzte. Die
letzten Strahlen der Sonne fielen auf die Wassertropfen, die gleich
einem Diamantregen funkelten.
Ich rastete eine Weile an diesem kühlen, herrlichen Ort. In den Bäumen
sangen Vögel, und Affen trieben ihr Spiel im Geäste. Weiterhin, wo der
Fluß eine Biegung macht, befinden sich zwei große Höhlen in den Felsen;
ihre rauchgeschwärzten Decken zeigen an, daß sie von reisenden Schokas
und Hunya-Tibetern als Lagerplätze benutzt werden. Große Affen mit
schwarzen Gesichtern und weißen Bärten schwärmten überall umher, dreist
und voll boshaften Mutwillens. Sie werfen oder rollen Steine auf die
Vorübergehenden hinab und verursachen dadurch nicht selten Unfälle, da
der Pfad ziemlich schmal ist und hart über dem Flusse entlang führt.
Ich hatte Sorge, so schnell als möglich durch das heiße Tal zu
kommen; deshalb weckte ich meine Leute schon um 3 Uhr morgens und
trat, trotzdem wir erst spät in der Nacht Rast gemacht hatten,
den Weitermarsch an. Hier und da sahen wir am Wege verlassene
Winterwohnungen der Schokas liegen, fast alle mit eingefallenen
Grasdächern. Nur einige waren mit Schiefer gedeckt und dadurch als
Wohnstätten der Darma-Schokas gekennzeichnet.
Bemerkenswert waren die einfachen Wassermühlen der Schokas. Vermöge
einer sehr sinnreichen Vorrichtung trieb das Wasser eines Baches einen
schweren zylindrischen Stein, der sich auf der obern Seite eines andern
umdrehte. Das Korn fiel langsam aus einer darüberliegenden Kammer in
ein in den Mittelpunkt des obern Rades gebohrtes Loch und von da durch
eine Rinne zwischen die beiden Steine, wo es zu feinem Mehl zerrieben
wurde.
Dartschula (1080 Meter), die größte Winterniederlassung der Schokas,
liegt in einer schönen Ebene, wenige hundert Meter über dem Flusse.
Das Dorf besteht aus zwölf langen Reihen von dächerlosen Häusern, die
einander in Größe und Form sehr ähnlich sind. Vier größere Gebäude
an dem äußersten Ende der Niederlassung ziehen die Aufmerksamkeit
auf sich. Eine derselben ist ein Daramsalla, die andern, zwei hohe
Steinbauten, sind eine Schule, ein Hospital und eine Apotheke, die der
Bischöflichen Methodistenmission gehören und unter der sorgfältigen
Aufsicht von Miß Sheldon (~Dr. med.~), Miß Brown und des Doktor H.
Wilson, eines vortrefflichen Pioniers, stehen.
Nachdem ich den Rankutifluß überschritten hatte, stieg ich im Zickzack
noch höher, einen Gebirgszug nach dem andern jenseits des Flußtales
hinter mir lassend, während auf der Seite von Nepal hinter drei
Bergketten Schneegipfel von großer Höhe und Schönheit sich zum Himmel
erhoben. Der höchste Punkt des Weges lag 1660 Meter hoch; danach
stiegen wir wieder auf 1607 Meter hinab bis zum Daramsalla von Chela,
das wir erst spät abends erreichten.
Nahe bei Chela erhob sich auf dem Gipfel eines hohen Berges ein großer
quadratischer Felsblock, der einem Turme nicht unähnlich war. Die
Eingeborenen sagen, daß eine bloße Berührung ihn ins Schwanken und
Drehen bringe; aber dieser Glaube ist nicht allgemein, denn andere
leugnen, daß er sich jemals bewege. Ich konnte mir weder die Zeit
nehmen, die Sache zu untersuchen, noch konnte ich zuverlässigen Bericht
von irgend jemand erlangen, der wirklich aus Erfahrung hätte darüber
sprechen können. Soweit ich mit Hilfe meines Fernglases sehen konnte,
schien der Fels fest auf einer sehr soliden Basis zu stehen. Ebenso
war es mir zu meinem Bedauern nicht möglich, die merkwürdigen heißen
Schwefelquellen am Darma-Ganga zu besuchen und die seltsame Höhle, in
der durch die aus dem Boden steigenden schädlichen Gase viel Tiere das
Leben verlieren. Aus verschiedenen Berichten erfuhr ich nur, daß diese
Höhle oder Grotte mit Skeletten von Vögeln und Vierfüßern angefüllt
sei, die zufällig in diese Kammer des Todes geraten waren.
Viertes Kapitel.
Die ersten Schokas.
Von Chela nach Hundes oder Tibet führen zwei Hauptstraßen, die eine
durch das Tal des Doli oder Darma, die andere längs des Kali und über
den Lippupaß.
Die Handelsstraße durch das Darmatal wird weniger benutzt als die über
den Lippu, aber sie ist trotzdem wichtig, da über sie ein gewisser Teil
des Handels zwischen Südwesttibet und Indien durch die Vermittelung der
Darma-Schokas läuft. Die Hauptartikel dieses Handels sind Borax, Salz,
Wolle, Häute, Tuch und Werkzeuge, wogegen die Tibeter Silber, Weizen,
Reis, Satu, Ghur, Kristallzucker, Pfeffer, Glasperlen aller Art sowie
Manufakturwaren indischer Herkunft eintauschen. Für einen Gebirgsweg
und in Anbetracht der großen Höhen, zu denen er sich erhebt, ist der
Darmaweg verhältnismäßig gut und sicher, trotzdem der schmale Pfad, der
sich immer dicht am Doliflusse hinaufzieht, an vielen Stellen an tiefen
Schluchten und Abgründen entlang führt.
Der Doli entspringt aus einer Reihe ziemlich kleiner Gletscher im
Nordosten eines Gebirgszuges, der ein Ast der höhern Himalajakette ist
und sich in südöstlicher Richtung bis zum Vereinigungspunkte der beiden
Flüsse hinzieht. Er nimmt in seinem reißenden obern Laufe viele kleine,
durch Schneewasser genährte Nebenflüsse auf, von denen die aus den
Schneefeldern von Katz und vom Nuigletscher kommenden die bedeutendsten
sind.
Die Gletscher im Nordosten und Osten sind zahlreicher als die im
Westen, doch gibt es hier einen sehr bedeutenden, der in seinen
verschiedenen Teilen die Namen Kala Baland, Schun Kalpa und Tertscha
führt. Längs der nördlichsten 28 Kilometer des Bergzuges, südlich von
dem Punkte, wo er sich mit der Himalajakette vereinigt, befinden sich
andere Gletscher von beträchtlicher Größe und Bedeutung; doch konnte
ich ihre Namen nicht feststellen, mit Ausnahme des Lissar Sewa, des
nördlichsten von allen, der die Quelle des Lissar bildet.
Das Zwischengebirge zwischen dem Lissar und Gori ist geographisch von
großer Bedeutung, und zwar nicht nur, weil es die Grenze zwischen
Darma und Johar, den beiden Teilen von Bhot, bildet, sondern auch
wegen seiner prachtvollen Berggipfel, die im Bambadura eine Höhe von
6328 Meter erreichen.
Westlich von dem erwähnten Bergrücken findet sich noch eine zweite,
bedeutendere Kette, die mit jenem parallel laufend von dem Kamme des
großen Himalajasystems sich abzweigt. Diese zweite Kette enthält die
höchsten Berge des britischen Reiches, den Nanda Dewi von 7820 Meter,
mit seinem zweiten Gipfel von 7430 Meter, ferner den Trisul mit
7134 Meter, den östlichen Trisul mit 6815 Meter und Nanda Kot mit
6867 Meter Höhe. Dieser Bergzug und seine Verzweigungen trennen die
Täler des Gori, das Pargana von Johar, von dem westlichsten Teile von
Bhot, dem Pargana von Painchanda.
Die drei alpinen Parganas, Painchanda, Johar und Darma (Darma,
Tschaudas und Bias), werden von Volksstämmen bewohnt, die mit denen
des eigentlichen Tibet eng verbunden und verwandt sind. Das ganze
Gebiet wird mit dem gemeinsamen Namen Bhot bezeichnet, obgleich diese
Bezeichnung von den Eingebornen Indiens speziell nur für den Teil des
Landes gebraucht wird, der Darma, Bias und Tschaudas umfaßt und im
Südosten als natürliche Grenze den Kalifluß hat, der ihn von Nepal
trennt, im Nordosten dagegen die große Himalajakette, die sich von der
Lissarspitze ungefähr in Ostsüdost hinzieht.
Das Wort Bhot, auch Bod, Pote, Tüpöt oder Taipöt, das der Name dieser
interalpinen Region ist, bedeutet Tibet. In der Tat ist Tibet nur
korrumpiert aus Tüpöt. Die hochgelegenen »Pattis« von Darma, Bias
und Tschaudas sind, dem Namen nach, ein Teil des britischen Reiches
und unsere geographische Grenze gegen Nari Chorsum oder Hundes
(Groß-Tibet), indem die Hauptkette des Himalaja die Wasserscheide
zwischen den beiden Ländern bildet. Trotz des tatsächlichen
Besitzrechts fand ich, daß man den Eingeborenen in der Ansicht
recht geben muß, daß das britische Prestige und der britische Schutz
in diesen Gegenden nur Mythe sind, daß tibetischer Einfluß allein
herrschend ist und tibetisches Gesetz aufgezwungen wird und gefürchtet
ist. Die Eingeborenen zeigten den Tibetern gegenüber unwandelbare,
tiefste Unterwürfigkeit und knechtischen Gehorsam, während sie zu
gleicher Zeit von diesen gezwungen wurden, gegen die britischen Beamten
tatsächliche Nichtachtung zur Schau zu tragen. Man zwang sie sogar,
die Mehrzahl bürgerlicher und krimineller Vergehen vor die tibetischen
Behörden zu bringen, anstatt sie vor einem britischen Gerichtshofe
verhandeln zu lassen.
In der Tat beanspruchen die Tibeter offenkundig den Besitz der »Pattis«
an der Grenze von Nari Chorsum, und um unsern Eingeborenen noch
augenfälliger mit ihrer der britischen überlegenen Macht zu imponieren,
kommen sie zum Überwintern auf unsere Seite herüber und machen sich
in den wärmern Tälern und in den größern Märkten ganz heimisch. Sie
bringen ihre Familien mit und treiben Tausende und aber Tausende
von Schafen vor sich her, um sie auf unsern Weideplätzen grasen zu
lassen. Sie zerstören allmählich unsere Waldungen in Bias, um das
südwestliche Tibet mit Brennholz für die Sommermonate zu versorgen, und
dafür bezahlen sie nicht nur gar nichts, sondern unsere eingeborenen
Untertanen müssen sogar dieses Holz ohne jeden Lohn über die hohen
Pässe transportieren. Natürlich entblöden sich so gewissenlose
Eindringlinge nicht, unter allen Vorwänden Nahrungsmittel, Kleider
und alles, was sie sonst noch erhalten können, von den Eingeborenen
zu erpressen. Einige von ihnen gehen alljährlich weit nach Süden, bis
Lucknow, Kalkutta und Bombay.
Das sind die sanften Tibeter! Ein Volk von Eremiten, das in einem
verschlossenen Lande wohnt! --
* * * * *
Tschanden Sing, stets bemüht, höflich und hilfreich zu sein, wollte
nichts davon hören, daß ich meine Skizzen- und Notizbücher, wie ich es
stets gewohnt gewesen, selber trüge. Er bestand darauf, dies für mich
zu tun.
»~Hum pagal neh~, ich bin kein Narr,« sagte er mit der Miene einer
tiefgekränkten Seele, »ich werde gut auf sie achtgeben.«
Nachdem wir zuerst bis zum Doliflusse hinabgestiegen waren, der
240 Meter tiefer als Chela liegt, und den Fluß auf einer hölzernen
Brücke überschritten hatten, stiegen wir einen steilen Weg hinauf.
Das Zickzack bergaufwärts schien kein Ende zu nehmen. Hin und wieder
löschten wir unsern Durst an dem kristallklaren Wasser einer Quelle,
die hochwillkommen war bei diesem langweiligen Aufstieg unter glühender
Sonne. Elf Kilometer hinter Chela waren wir schon wieder zu 2171 Meter
Höhe emporgelangt. Von hier aus wurde der Aufstieg weniger ermüdend.
Doch stiegen wir noch 3½ Kilometer weiter bis zu 2272 Meter, wo wir in
Pungo im Schatten herrlicher alter Bäume eine Frühstücksrast machten.
Hier kamen wir in das erste bewohnte Dorf der Schokas, die gewöhnlich,
aber fälschlich Botiya genannt werden. Der Teil ihres Landes, in dem
ich mich jetzt befand, führt den Namen Tschaudas.
Eine angenehme Überraschung erwartete mich hier. Ein schmuck
aussehender Bursche in halb europäischer Kleidung trat ungeniert vor
mich hin, streckte mir die Hand entgegen und schüttelte lange Zeit die
meine recht jovial und freundschaftlich.
»Ich bin ein Christ«, sagte er.
»Das konnte ich mir nach der Art deines Handschüttelns denken.«
»Ja,« fuhr er fort, »ich habe etwas Milch, etwas Tschapati (Brot der
Eingeborenen) und einige Nüsse für dich bereit; bitte, nimm sie an.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »du scheinst kein schlechter Christ zu
sein. Wie heißt du?«
»G. B. Walter, mein Herr. Ich unterrichte in der Schule.«
Eine Menge Schokas hatte sich inzwischen zugesellt. Als ihre erste
Schüchternheit überwunden war, zeigten sie sich höflich und freundlich.
Die Naivität und das anmutige Benehmen der Schokamädchen fiel mir
bei dieser meiner ersten Bekanntschaft mit ihnen besonders auf. Viel
weniger scheu als die Männer, kamen sie näher, scherzten und lachten,
als ob sie mich ihr Leben lang gekannt hätten. Ich schickte mich an,
zwei oder drei der hübschesten von ihnen zu zeichnen.
»Wo ist mein Skizzenbuch, Tschanden Sing?« fragte ich meinen Träger.
»~Hazur hum mallum neh!~ Ich weiß es nicht, Herr«, lautete seine
melancholische Antwort, während er seine leeren Taschen durchsuchte.
»So, du Schurke! Paßt du so auf meine Tagebücher und Skizzen auf! Was
hast du mit ihnen gemacht?«
»O, Sahib, als ich am Doli Wasser trank, hatte ich das Buch noch in
der Hand. Ich muß es auf einem Stein haben liegen lassen, als ich mich
bückte, um zu trinken«, erklärte der arme Kerl.
Selbstverständlich wurde Tschanden Sing schleunigst nach der
angegebenen Stelle zurückgeschickt, mit der strengen Weisung, sich ohne
das Buch nie wieder vor mir sehen zu lassen.
Ich brachte zwei angenehme Stunden damit zu, mir die primitiven
Webstühle der Schokas, ihre Art des Spinnens und der Herstellung von
Stoffen erklären zu lassen. Die Webstühle der Schokas gleichen in jeder
Hinsicht den bei den eigentlichen Tibetern üblichen.
[Illustration: Der Lehrer von Pungo.]
Ihre Konstruktion ist einfach. Der Zettel wird in sehr starker Spannung
gehalten, und der Baum, auf den das fertige Gewebe aufgerollt wird,
liegt während des Webens auf dem Schoße der Weberin. Tretschemel,
vermittelst deren die beiden Lagen der Fäden nach dem jedesmaligen
Durchgange des Einschlagfadens gehoben oder niedergedrückt werden,
befinden sich an dem Webstuhle der Schokas nicht, die ganze Arbeit
wird mit der Hand getan. Der Einschlagfaden wird mit einem schweren
Holzstück von prismatischer Form durchgezogen.
Das zum Weben verwendete Material ist Jak- oder Schafwolle, die
entweder in ihrer natürlichen Farbe gelassen oder in den Grundfarben
rot, blau und gelb und nur in einer einzigen Mischfarbe, grün, gefärbt
wird. Blau und rot werden fast in gleichem Maße verwendet, dann grün.
Gelb wird sehr sparsam benutzt. Der Faden ist gut gezwirnt und wird
vor dem Spinnen keiner Aufbereitung unterzogen, so daß der festgewebte
Stoff etwas fettig ist, wodurch er wasserdicht wird.
Die Schokafrauen sind in dieser alten Kunst sehr erfahren und sitzen
geduldig Tag für Tag im Freien, damit beschäftigt, mit mehrern Sätzen
von Einziehnadeln höchst verwickelte, kunstvolle Muster zu weben. Diese
farbigen Gewebe, mit Ausnahme der einfachern blaugrundig gestreiften,
die zu Frauenkleidern gebraucht werden, sind gewöhnlich sehr schmal,
während die weniger sorgfältig gearbeiteten, wie z. B. der weiße Stoff,
aus dem Männerkleider gemacht werden, ungefähr 40 Zentimeter Breite
haben.
Die Muster der mehrfarbigen Gewebe werden aus dem Kopfe gearbeitet;
sie enthalten weder Bogenlinien noch Kreise, sondern weisen nur aus
geraden Linien zusammengesetzte Ornamente auf, Zusammenstellungen von
kleinen Rauten und Quadraten, die durch lange, dreifarbige parallele
Streifen voneinander getrennt sind und die Hauptideen der Schokas in
der Ornamentik der Weberei darstellen.
Die begabtern unter den jungen Schokaweibern besitzen viel Geschick
im Weben von Teppichen oder vielmehr groben Wolldecken. Das Vorbild
dazu haben sie von alten chinesischen Decken genommen, die über Lhasa
ihren Weg hierher gefunden haben. Wenn das Gewebe der Schokas bei
genauerer Prüfung auch in Güte und Arbeit beträchtlich von jenen
abweicht, so sind die Decken doch hübsch anzusehen. Sie werden auf
groben, geflochtenen Zwirnmatten gewebt, die farbigen Fäden vertikal
eingelassen. Die weiche Oberfläche der Decke ist im Aussehen dem der
persischen Teppiche nicht unähnlich, aber sie fühlt sich nicht so
angenehm an wie diese.
Nach und nach wurde ich bei dem Gedanken an das verlorene Buch doch
sehr besorgt, da es ja alle meine Reisenotizen enthielt. Der Gedanke,
daß es auf einen Felsen gelegt worden war, der vom reißenden Wasser
bespült wurde, daß es hinuntergeglitten und fortgerissen sein konnte,
versetzte mich in einen Zustand größter Aufregung.