Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
~so markiert~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
[Illustration: Februar 1897.]
[Illustration: Oktober 1897.
Der Verfasser vor und nach seiner Reise.]
~HENRY S. LANDOR~
Auf verbotenen
Wegen
Reisen und Abenteuer in Tibet
Mit
69 Abbildungen, 5 Chromotafeln
und einer Karte
*
Zehnte Auflage
[Illustration]
Leipzig / F. A. Brockhaus / 1923
Einband- und Vorsatzentwurf von Georg Baus, Leipzig.
Vorwort.
In diesem Buche habe ich den Bericht über eine Reise nach Tibet
niedergelegt, die von mir während des Frühjahrs, Sommers und Herbstes
1897 ausgeführt worden ist. Der Bericht ist teils nach Photographien,
teils nach Skizzen, die ich an Ort und Stelle aufgenommen habe,
illustriert. Nur die Folterungsszenen hatte ich aus dem Gedächtnis
zu zeichnen; man wird mir aber zugeben, daß diese Eindrücke in mir
lebendig genug bleiben konnten!
Die Karte ist nach meinen Aufnahmen entworfen, die sich im eigentlichen
Tibet auf ein Gebiet von über 22000 Quadratkilometer erstrecken.
Die Höhen von indischen Gipfeln wie Nanda Dewi und Trisul sind der
trigonometrischen Landesvermessung entnommen, ebenso die astronomisch
festgelegten Anfangs- und Endpunkte meiner Aufnahme an den Stellen, wo
ich Tibet betrat und verließ.
In der Schreibweise geographischer Namen folgte ich dem System der
~Royal Geographical Society~, die Laute genau so wiederzugeben, wie sie
an Ort und Stelle gesprochen werden.
In aller Bescheidenheit bezeichne ich als geographische Ergebnisse
meiner Reise:
Die Entscheidung der noch offenen Frage, ob der Mansarowar-See und der
Rakastal wirklich voneinander getrennt sind.
Die Ersteigung einer Höhe von 6700 Meter und die photographische
Aufnahme einiger großer Himalajagletscher.
Den Besuch und die Festlegung der zwei Hauptquellen des Brahmaputra,
die vor mir von keinem Europäer erreicht worden sind.
Endlich die Tatsache, daß ich mit nur zwei Mann Begleitung in dem
bevölkertsten Teil von Tibet reisen konnte.
Im Anschluß an Obiges freue ich mich mitteilen zu können, daß infolge
meiner durch die »~Daily Mail~« weitverbreiteten Berichte über die
auf britischem Boden sich abspielenden Schändlichkeiten der Tibeter
die indische Regierung in diesem Jahre den tibetischen Behörden zu
verstehen gegeben hat, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr gestattet
sein wird, Grundsteuer von britischen Untertanen zu erheben. Dies
ist mir eine besondere Genugtuung wegen der außerordentlichen
Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, die mir die bergbewohnenden
Schokas erwiesen haben.
September 1898.
=H. S. L.=
Inhalt.
Seite
_Vorwort_ 3
_Erstes Kapitel_. Zum Himalaja 9
_Zweites Kapitel_. Unter den Waldmenschen 19
_Drittes Kapitel_. Berggeister 29
_Viertes Kapitel_. Die ersten Schokas 35
_Fünftes Kapitel_. Eine Teevisite 42
_Sechstes Kapitel_. Übergriffe der Tibeter 50
_Siebentes Kapitel_. Als Gast unter den Schokas 58
_Achtes Kapitel_. Der erste tibetische Spion 66
_Neuntes Kapitel_. Aus dem Leben der Schokas 72
_Zehntes Kapitel_. Abschied von Indien 79
_Elftes Kapitel_. Zum Dach der Welt 88
_Zwölftes Kapitel_. Im Schnee begraben 98
_Dreizehntes Kapitel_. Der Einmarsch in Tibet 106
_Vierzehntes Kapitel_. Die Grenzwachen 112
_Fünfzehntes Kapitel_. Der Tarjum von Barka 121
_Sechzehntes Kapitel_. Ein rascher Entschluß 127
_Siebzehntes Kapitel_. Die Flucht aus dem Teufelslager 135
_Achtzehntes Kapitel_. Das Schreckenslager 143
_Neunzehntes Kapitel_. Ein Mordanschlag 151
_Zwanzigstes Kapitel_. Der Teufelssee und der Heilige See 160
_Einundzwanzigstes Kapitel_. Unter den Räubern 166
_Zweiundzwanzigstes Kapitel_. Am Mansarowar 174
_Dreiundzwanzigstes Kapitel_. In der Lamaserei 180
_Vierundzwanzigstes Kapitel_. Die Lamas 189
_Fünfundzwanzigstes Kapitel_. Tibetische Heilkunst 196
_Sechsundzwanzigstes Kapitel_. Räuber 206
_Siebenundzwanzigstes Kapitel_. Die letzten Getreuen 216
_Achtundzwanzigstes Kapitel_. Ungebetene Gäste 225
_Neunundzwanzigstes Kapitel_. Auf dem Boden Gottes 233
_Dreißigstes Kapitel_. Ein gefährlicher Flußübergang 239
_Einunddreißigstes Kapitel_. Im Zeltlager 244
_Zweiunddreißigstes Kapitel_. Heirat und Tod 251
_Dreiunddreißigstes Kapitel_. Das Moskitolager 258
_Vierunddreißigstes Kapitel_. Ein harter Schlag 266
_Fünfunddreißigstes Kapitel_. Gefangen 273
_Sechsunddreißigstes Kapitel_. Das Verhör 279
_Siebenunddreißigstes Kapitel_. Hoffnungslos 287
_Achtunddreißigstes Kapitel_. Ein qualvoller Ritt 295
_Neununddreißigstes Kapitel_. Die Folterung 301
_Vierzigstes Kapitel_. Ein Fluchtversuch 307
_Einundvierzigstes Kapitel_. Der Tanz des Pombo 315
_Zweiundvierzigstes Kapitel_. Plötzliche Wendung meines
Schicksals 320
_Dreiundvierzigstes Kapitel_. Wieder bei den Freunden 327
_Vierundvierzigstes Kapitel_. In die Heimat 336
_Register_ 342
Abbildungen.
Textbilder.
Seite
Mein chinesischer Paß 11
Mein treuer Begleiter Tschanden Sing 15
Der Lehrer von Pungo 39
Tötung des geopferten Jaks 77
Junger Tibeter 213
Jak mit Instrumentenkisten 219
Tibetische Flinte mit Gabelstütze 231
Tibetischer Hund 241
Tibetisches Zelt 245
Tibeterin mit Tschukti 249
Tibetisches Lastschaf 261
Alte Tibeterin 263
Eine gründliche Labung 269
Gefangen! 275
Der Pombo 283
Meine Handschellen 293
Sattel mit Stacheln 297
Tibetischer Bannerträger 299
Ein Reiter aus meiner Wache 323
Einschaltbilder.
Seite
Der Verfasser vor und nach seiner Reise Titelbild
Unter den Waldmenschen 16
Tschai-Lek-Paß 17
Der Nerpanipfad 17
Schokahäuser 32
Auf dem Weg zum Rambang 32
Gefährliche Rutschpartie 33
Schneebrücke über den Kutifluß 48
Die gefährlichste Stelle am Kali 49
Die Tschongurbrücke vor der Zerstörung 64
Die Photographie, die den Tod des Kindes verursachte 64
Der Verfasser und seine zwei treuen Gefährten 65
Man Sing, der Aussätzige 80
Wilde Esel 80
Aufstieg zum Lumpiyapaß 81
Verdächtige Fußtapfen! 96
Begrüßung des heiligen Berges Kelas 97
Verhandlung mit dem Tarjum von Barka 112
Im Schreckenslager 113
Plötzliche Unterwürfigkeit der Banditen 128
Teufelssee mit Kelas (im Hintergrund der Mansarowar) 129
Meine zwei schwarzen Jake 144
Lamakloster in Tucker 145
Tibetische Wahrsagerin. Chromotafel nach Aquarell
von H. S. Landor 169
Räuber 176
Eingang in den Lamatempel von Tucker 176
Unser Lager im Schutze einer Felswand mit der
Inschrift: »~Om mani padme hum~« 177
In strömendem Regen 192
»Ich bin nur ein Abgesandter« 193
Zeltaltar 193
Der Gunkyosee 208
Im Innern eines tibetischen Zeltes 209
Tibetische Weiber und Kinder 224
Frau aus Lhasa 225
Flatternde Gebete auf dem Maium-Paß. Chromotafel
nach Aquarell von H. S. Landor 232
»Ich gebe dir dies, damit du zurückgehst« 240
Tibetisches Wachthaus 240
Der verhängnisvolle Pferdekauf 241
Wir werden zum Verhör geschleppt 256
Tschanden Sing wird von den Lamas gepeitscht 257
Nerbas Mordanschlag 272
Die Lamas mit den Folterwerkzeugen 272
Quälerischer Sport meiner Wache 273
Grausames Spiel 288
In der Streckfolter 288
Der tanzende Pombo 289
Finale des Tanzes 289
Die Folter mit dem glühenden Eisen. Chromotafel
nach Aquarell von H. S. Landor 297
Bettelmusikanten 304
Unser plötzlicher Angriff auf die tibetische Wache 305
Höhlendorf Dagmar 320
Soldat, ein Schaf durch Ersticken tötend 321
Der Unglücksprophet 321
Die Festung Taklakot. Chromotafel nach Aquarell
von H. S. Landor 329
Der Tarjum von Toktschim. Chromotafel nach Aquarell
von H. S. Landor 336
Karte.
Südwestliches Tibet nach eigenen Aufnahmen von H. S. Landor, 1897,
Maßstab 1 : 1000000. Mit einer Nebenkarte: Übersichtskarte zu H. S.
Landors Reise. Maßstab 1 : 12500000.
Erstes Kapitel.
Zum Himalaja.
Als ich London verließ, beabsichtigte ich, über Deutschland nach
Rußland zu gehen, das russische Turkestan, Buchara und das chinesische
Turkestan zu durchqueren und von dort aus Tibet zu betreten. Die
russische Regierung hatte mir bereitwilligst die Erlaubnis gewährt,
daß meine Feuerwaffen, Munition, Vorräte, photographischen Apparate,
Vermessungs- und andern wissenschaftlichen Instrumente zollfrei durch
ihr Gebiet befördert würden, sie hatte mich überdies benachrichtigen
lassen, daß mir gestattet sein solle, die Militäreisenbahn durch
Turkestan bis zu ihrer Endstation Samarkand zu benutzen. Die Benutzung
jener Route würde mir wahrscheinlich viel von den Leiden und
Enttäuschungen erspart haben, die ich auf dem Wege durch Indien zu
erdulden hatte.
Ich war mit Empfehlungsbriefen und Beglaubigungsschreiben seitens des
Marquis of Salisbury, der Naturhistorischen Abteilung des Britischen
Museums usw. versehen, führte wissenschaftliche Instrumente der ~Royal
Geographical Society~ mit mir und war im Besitze eines englischen und
zweier chinesischen Pässe.
Nachdem ich alle meine Explosivstoffe auf einem Munitionsschiffe nach
Rußland abgesandt hatte (die deutschen Eisenbahnen weigerten sich
entschieden, Patronen zu befördern), erfuhr ich wenige Tage vor meiner
Abreise von London zu meinem größten Schrecken, daß der Dampfer gerade
vor dem Einlaufen in seinen Bestimmungshafen Schiffbruch erlitten
habe und daß man ernstliche Zweifel hege, ob es überhaupt möglich
sein werde, auch nur einen Teil der Ladung zu retten. Gerade in jenen
Tagen erfolgte der Ausbruch des Griechisch-Türkischen Krieges, und
die Zeitungen berichteten, daß die Russen ihre Truppen längs der
afghanischen Grenze mobilisierten.
Trotzdem wollte ich meine Reise nicht aufschieben. Obgleich ich alle
meine Vorkehrungen für den Weg durch Rußland getroffen und beendet
hatte, entschloß ich mich, diesen Plan aufzugeben und zunächst nach
Indien zu gehen, um von dort über den Himalaja nach Tibet vorzudringen.
So schiffte ich mich denn am 19. März 1897 auf dem Dampfer »Peninsular«
ein und langte drei Wochen später in Bombay an.
Es war das erstemal, daß ich nach Indien kam, und mein erster Eindruck
war gerade kein vorteilhafter. Die Hitze war furchtbar; überall machten
sich Anzeichen der Pest bemerkbar. Die Straßen waren verödet und die
Hotels schlecht und schmutzig infolge des Mangels an Dienstboten, die
die Stadt aus Furcht vor der Seuche verlassen hatten.
In Begleitung eines befreundeten Parsen begab ich mich in mehrere
der von dieser Geißel am meisten heimgesuchten Stadtteile: aber
überall, wohin ich auch kam, war außer einem starken Geruche nach
Desinfektionsmitteln wenig von der Pest zu bemerken. Freilich gab es
nur wenige Häuser, die nicht mit zehn, zwanzig und noch mehr roten
Kreisen zur Angabe der Anzahl der Todesfälle bezeichnet waren; an einer
Tür, die ich photographierte, zählte ich sogar nicht weniger als 49
solcher Zeichen. Ich war aber nicht imstande, persönlich über die Natur
der Seuche mit irgendwelcher Sicherheit zu urteilen, außer daß ich in
den Hospitälern einige bösartige Fälle von Beulenpest sah.
Gleich am Tage nach meiner Ankunft in Bombay fuhr ich mit der Eisenbahn
weiter nach Bareli, das ich in drei Tagen erreichte; von dort brachte
mich noch eine Nachtfahrt nach Kathgodam, dem Endpunkte der Bahnlinie.
Teils im Tonga, einem zweiräderigen, von zwei Pferden gezogenen
Wagen, teils zu Pferd, gelangte ich nach Naini-Tal, einer Station
in den Vorbergen des Himalaja, dem Sommersitze der Regierung der
Nordwestprovinzen und von Oudh.
Von hier aus schrieb ich an den Stellvertreter des Gouverneurs und
benachrichtigte ihn von meiner Absicht, nach Tibet vorzudringen. Ich
machte auch dem dortigen Regierungsbevollmächtigten meine Aufwartung
und teilte ihm meine Pläne ausführlich mit. Es ist bemerkenswert,
daß keiner der beiden Herren gegen die von mir geplante Reise in das
»heilige Land der Lamas«, der buddhistischen Priester Tibets, auch nur
den geringsten Einwand erhob.
Ich wußte, daß von Naini-Tal aus, das 1953 Meter über dem Meer liegt,
mein ganzes Gepäck von Kulis transportiert und deshalb in gleichmäßige
Lasten verteilt werden müsse, von denen keine das Gewicht von 25 Seer
(etwa 23 Kilogramm) übersteigen dürfe. Instrumente, photographische
Platten und alle andern leicht zu beschädigenden Gegenstände verpackte
ich in Kisten eigener Erfindung, die ich speziell für einen Transport
eingerichtet hatte, bei dem mit den Sachen nicht gerade schonend
umgegangen wird.
[Illustration: Mein chinesischer Paß.]
Solche Kisten aus gut ausgetrocknetem Holze, die sorgfältig
zusammengefügt, mit Zink ausgeschlagen und mit einer eigens von mir
zubereiteten Lösung imprägniert und dadurch wasser- und luftdicht
gemacht waren, konnten zu den verschiedensten Zwecken verwendet werden.
Einzeln konnten sie als Sitz dienen; zu vieren in eine Reihe gestellt,
gaben sie eine Bettstelle ab; drei waren als Stuhl und Tisch
verwendbar, und vier, auf bestimmte Art verbunden, lieferten schnell
ein Boot von solider und bequemer Konstruktion, mit dem man einen nicht
zu durchwatenden Fluß passieren oder Lotungen im ruhigen Gewässer eines
Sees vornehmen konnte.
Auch als Badewannen für mich und für meine Leute, wenn ich diese zu
solchem Luxus würde überreden können, ließen sie sich verwenden, sowie
ferner zum Entwickeln meiner photographischen Negative und zum Waschen
der Platten.
Ich stellte mir sogar vor, daß sie mir im Notfall in wasserlosen
Wüsten, wenn ich solche zu passieren haben würde, auch als Wasserfässer
gute Dienste leisten würden. Vollgepackt bildete jede dieser Kisten
genau eine Kulilast, und je zwei ließen sich bequem mit Riemen und
Ringen auf beiden Seiten eines Packsattels befestigen.
Nur der Stärke und Dauerhaftigkeit dieser Kisten hatte ich es zu
verdanken, daß trotz des vielen Rüttelns und Schüttelns, das sie
aushalten mußten, meine Photographien und Zeichnungen sowie meine
Karten und Instrumente in keiner Weise beschädigt wurden, -- bis wir in
die Hände der Tibeter fielen.
Mein Proviant war von der Bovril-Company nach meinen eigenen Angaben
hergestellt worden, mit besonderer Rücksicht auf das strenge tibetische
Klima und die beträchtlichen Höhen, in die wir gelangen würden.
Die mitgeführten Nahrungsmittel enthielten daher einen bedeutenden
Prozentsatz an Fett und Kohlenhydraten, waren leicht verdaulich
und geeignet zur Erhaltung der Körperkräfte selbst in Augenblicken
ungewöhnlicher Anstrengung. Ich hatte sie in Zinkkisten und Lederbeutel
verpacken lassen.
In einer wasserdichten Kiste führte ich 1000 Patronen für mein
Repetiergewehr System Mannlicher mit, außerdem 500 Patronen für
meinen Revolver; dazu eine Anzahl von Jagdmessern, Werkzeuge zum
Abbalgen von Tieren, Drahtfallen verschiedener Größe zum Fangen von
kleinen Säugetieren, Schmetterlingsnetze, Flaschen zur Aufbewahrung
von Reptilien in Alkohol, sowie andere zum Töten von Insekten mittels
Zyankalium, einen Vorrat von Arsenikseife, Knochenzangen, Skalpelle
und andere für den Sammler naturhistorischer Gegenstände notwendige
Gerätschaften.
Zu meiner Ausrüstung gehörten überdies drei photographische Apparate
mit 158 Dutzend Trockenplatten und dem ganzen Zubehör zum sofortigen
Entwickeln, Fixieren usw. der Negative.
Das Material zum Sammeln war mir von der Naturhistorischen Abteilung
des Britischen Museums geschenkt worden, der ich alle Tiere und
Pflanzen, die ich auf meiner Reise sammeln würde, versprochen hatte zu
übergeben.
Ich besaß zwei vollständige Ausrüstungen von Instrumenten für
astronomische Beobachtungen und für topographische Aufnahmen, von denen
die eine mir von der ~Royal Geographical Society~ geliefert worden
war: unter anderm einen sechszölligen Sextanten, ein Instrument zur
Höhenmessung mit Siedepunkt-Thermometern, die eigens für sehr große
Höhen konstruiert waren; zwei Aneroidbarometer, eins für 6000 Meter,
das andere für 7500 Meter; drei künstliche Horizonte (einer mit
Quecksilber, die andern aus Spiegelglas mit Wasserwagen), ein starkes
Fernrohr mit astronomischem Okular und Stativ, einen prismatischen,
einen leuchtenden, einen schwimmenden und zwei Taschenkompasse;
Maximum- und Minimumthermometer, einen Kasten mit Zeichengerät;
Transporteure, Winkel und Bandmaße, ein silbernes wasserdichtes
Halbchronometer und drei andere Uhren, Millimeterpapier in Büchern und
großen Bogen, einen Raperschen sowie den Nautischen Almanach für 1897
und 1898.
Um auch den künstlerischen Zweck meiner Expedition nicht
zu vernachlässigen, hatte ich mich reichlich mit Mal- und
Zeichenutensilien versehen, und ich hoffe, die diesem Buche beigefügten
Skizzen werden einen Beweis dafür liefern, daß ich diesen Vorrat nicht
vergebens mitgenommen hatte.
Ich hatte mich mit einem sehr leichten Gebirgsschutzzelt von zirka
2 Meter Länge, 1,20 Meter Breite und 1 Meter Höhe versehen.
Da ich an Reisen dieser Art, wie ich sie vorhatte, schon gewöhnt war,
beschloß ich, als Bettzeug für mich nur eine Kamelhaardecke mitzunehmen.
Auch meine Kleidung beschränkte ich auf ein Minimum und ich änderte
auf der ganzen Reise nichts daran. Das einzige Stück, dessen Verlust
ich beklagte, war mein Strohhut, den ich auf den Höhen des Himalaja
ebensowohl trug wie früher in den glühenden Tiefebenen, weil er mir
immer als die bequemste Kopfbedeckung erschien. Er wurde mir durch das
Ungeschick eines meiner Leute verdorben, dem ich ihn gegeben hatte,
um darin das Geschenk eines befreundeten Schoka, einige Schwaneneier,
zu tragen. Er fiel mit ihm oder auf ihn, und die Beschädigung und
Vernichtung des Transportmittels wie der Ladung war die Folge.
Daraufhin ging ich gewöhnlich barhäuptig, da ich nur noch eine kleine
unbequeme Mütze hatte. Ich trug mittelstarke Schuhe ohne Nägel und
ging immer ohne Stock. Dieser großen Leichtigkeit meiner persönlichen
Ausrüstung habe ich es, wie ich glaube, zu verdanken, daß ich imstande
war, eine der größten Höhen zu ersteigen, die jemals von Menschen
erreicht worden ist.
Für meine Ausrüstung mit Arzneimitteln gab ich nur 2 Mark 50 Pfennig
aus, da ich überzeugt bin, daß ein Mensch, der unter natürlichen
Bedingungen naturgemäß lebt und sich viel körperliche Bewegung macht,
von Arzneien nur sehr wenig Nutzen haben kann.
* * * * *
So machte ich mich denn auf den Weg.
Am ersten Tag ritt ich von Naini-Tal nach Almora.
Almora (1680 Meter über dem Meer) ist die letzte Bergstation nach der
Grenze zu, wo europäische oder vielmehr angloindische Gesellschaft zu
finden ist. Ich machte es für einige Tage zu meinem Hauptquartier.
Es war meine Absicht, einige zuverlässige Bergbewohner, vielleicht
Gurkhas, als Begleiter zu mieten. Vergebens wandte ich mich zu diesem
Zweck an den Kommandeur des 3. Gurkharegiments, das hier in Garnison
liegt, legte in aller Form Briefe, Empfehlungsschreiben und Dokumente
der höchsten Autoritäten und Institute Englands vor und erklärte
ausführlich den wissenschaftlichen Zweck meiner Reise nach Tibet.
Die obersten Behörden schienen für Unterhandlungen zugänglich, wenn
ich mehrere Monate warten wollte. Dies hätte aber ein Verzögern meiner
Reise um ein ganzes Jahr zur Folge gehabt, da gegen Ende des Sommers
die nach Tibet führenden Pässe ungangbar werden. So beschloß ich, den
Marsch ohne die Gurkhas anzutreten.
Ein günstiger Zufall ließ mich in Almora mit einem Herrn J. Larkin
zusammentreffen, der sich mir sehr gefällig erwies und mir viele
nützliche Auskünfte gab über die Wege auf der britischen Seite der
tibetischen Grenze, über die beste Art zu reisen usw. Er selbst war im
vergangenen Jahre bis nahe an die Grenze gereist und wußte in diesem
Teile von Kumaon besser Bescheid als irgendein anderer Angloinder
der Provinz. In der Tat ist Mr. Larkin, mit Ausnahme des obersten
Regierungsbeamten von Kumaon, Oberst Grigg, der einzige Beamte, der
überhaupt einige Kenntnis des von der Regierung der Nordwestprovinzen
jetzt so vernachlässigten nordöstlichen Teiles von Kumaon besitzt.
[Illustration: Mein treuer Begleiter Tschanden Sing.]
Schwer lastete auf meinem Gemüt die Frage der Erlangung von mutigen,
ehrlichen, elastischen und gesunden Trägern, die gegen guten Lohn
und gelegentliche Geschenke bereit sein würden, sich den vielen
Unbequemlichkeiten, Entbehrungen und Gefahren auszusetzen, die
meine Reise im Gefolge haben würde. Sowohl in Naini-Tal als auch
hier boten sich mir Dutzende von Trägern, und Schikaris (Jägern)
an. Alle wiesen sie »Zeugnisse« auf über gutes Betragen, tadellose
Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Arbeitswilligkeit, mit unbegrenztem Lob
aller erdenklichen Tugenden, die ein guter Diener besitzen soll. Jedes
Zeugnis war regelrecht geziert mit der Unterschrift eines Generals,
eines Hauptmanns, eines Gouverneurs oder sonst einer angesehenen
Persönlichkeit. Aber jeder Träger eines derartigen Attestes schien von
denen, die er durch seine Dienste so begeistert und beglückt hatte,
jämmerlich vernachlässigt worden zu sein, denn unfehlbar begann er mit
der Bitte um ein Darlehn von einigen Rupien, um Stiefel und Decken
kaufen und für den Unterhalt einer Frau mit oder ohne Familie, die er
zurücklassen würde, sorgen zu können.
Ich entschied mich dahin, daß meine Mittel mir nicht erlaubten, »die
teuern Hinterbliebenen« der zwei oder drei Dutzend Kulis, die ich
brauchen würde, zu unterhalten, und fügte mich darein, abzuwarten, ob
ich nicht Leute finden würde, die mir auf meinem Wege folgen würden,
ohne mir die Verbindlichkeit aufzuhalsen, die ganze Bevölkerung, die
ich zurückließ, zu ernähren. Nur eine Ausnahme machte ich.
Eines schönen Tages saß ich in meinem Zimmer im Dak Bungalow, dem
Rasthause, als ein seltsames Geschöpf eintrat und mich begrüßend seine
Dienste anbot.
»Wo sind deine Zeugnisse?« fragte ich.
»~Sahib, hum ›certificates‹ ne hai!~ Herr, ich habe keine Zeugnisse.«
»Gut, dann will ich dich anstellen.«
Ich hatte mir den Burschen vorher gut angesehen. Seine Gesichtszüge
zeigten viel mehr Charakter und Kraft, als ich in dem Gesicht
irgendeines andern Ortsbewohners wahrgenommen hatte. Sein Anzug war
eigentümlich. Er trug einen weißen Turban; unter einer kurzen Samtweste
schaute ein grelles Flanellhemd mit gelben und schwarzen Streifen
hervor, das er seltsamerweise über seinen Pyjamas, den weiten indischen
Hosen, trug statt in ihnen. Schuhe hatte er nicht an, aber in der
rechten Hand trug er einen alten Cricketpfahl, mit dem er, so oft ich
das Zimmer verließ oder betrat, jedesmal präsentierte. Ich entschied
mich sofort, es mit ihm zu versuchen.
Da es ungefähr 9 Uhr morgens war und ich noch viele Leute zu besuchen
hatte, übergab ich Tschanden Sing -- dies war sein Name -- ein Paar
Schuhe und etwas Wichse.
»Sorge dafür, daß ich sie rein finde, wenn ich wiederkomme!«
»~Atscha, Sahib.~ Gut, Herr.«
»Bürsten findest du in meinem Zimmer.«
»~Bahut atscha, Sahib.~ Sehr gut, Herr.«
Ich ging fort. Bei meiner Rückkehr um 6 Uhr abends fand ich Tschanden
Sing noch immer beschäftigt, meine Fußbekleidung mit aller Macht zu
wichsen. Er war den ganzen Tag dabei gewesen und hatte meine besten
Haar- und Kleiderbürsten dazu benutzt!
[Illustration: Unter den Waldmenschen.]
»O du ~budmasch! crab log, pagal!~ O du Tropf, du schlechter Kerl,
du Narr!« rief ich entsetzt aus, und indem ich so mit den drei oder
vier Worten Hindostanisch, die ich wußte, paradierte, riß ich ihm
die geschwärzten Toilettegegenstände aus der Hand, während er mit
tiefverletzten Gefühlen das von ihm erreichte wundervolle Resultat
vorwies.
[Illustration: Tschai-Lek-Paß.]
So viel war klar, Tschanden Sing war gerade kein Kammerdiener;
ebensowenig war er Meister im Öffnen von Sodawasserflaschen. Er brachte
es fertig, einem dabei eine Dusche zu applizieren, wenn er es nicht
vorzog, mir den herausfliegenden Kork ins Gesicht zu schießen. Einem
dieser Unfälle war es zuzuschreiben, daß Tschanden Sing, nachdem
er mich einige Tage später mit dem Stöpsel getroffen hatte, zur
Vordertür des Hauses hinausflog. Ich bin ein entschiedener Gegner der
unüberlegten und ungerechten Bestrafung der Eingeborenen, aber ich
glaube, daß eine zur rechten Zeit gehandhabte feste, nicht zu harte
Bestrafung der eingeborenen Diener durchaus notwendig ist und meist
viele spätere Unannehmlichkeiten und Ärger erspart. Nichtsdestoweniger
kam Tschanden Sing am folgenden Tage zurück, um seinen Cricketpfahl
abzuholen, den er bei seinem eiligen unfreiwilligen Abschied vergessen
hatte. Er ergriff die Gelegenheit, die demütigsten Entschuldigungen
seiner plumpen Ungeschicklichkeit vorzubringen, und produzierte
folgenden Brief, den er sich von einem Babu (Dolmetscher) im Basar in
englischer Sprache hatte schreiben lassen:
»Geehrter Herr!
Ich bin ein dummer Mensch, aber ich höre, daß Sie die Absicht
haben, zwei Gurkhasoldaten mit nach Tibet zu nehmen. Ich bin
ein guter und sehr ›starker‹ Mann und deshalb jedem Gurkha weit
überlegen. Bitte, nehmen Sie mich!
Ihr getreuer Diener
Tschanden Sing.«
[Illustration: Der Nerpanipfad.]
Das war rührend; und so verzieh ich ihm und erlaubte ihm zu bleiben.
Mit der Zeit besserte er sich und wurde sogar allmählich ganz
erträglich. Eines Morgens besuchte mich Mr. Larkin, als Tschanden Sing
zufällig zugegen war.
»Wer ist das?« fragte Larkin.
»Mein Träger.«
»Aber das ist kein Träger. Er war einmal Polizist, und zwar ein
durchtriebener. Er spürte in seinem Dorfe eine Sache aus und ließ viele
Leute festnehmen, die dann des Diebstahls überführt wurden. Zum Dank
dafür bekam er -- seinen Abschied!«
»Ich denke, ich nehme ihn mit.«
»Es ist ein guter Bursche«, erwiderte Larkin. »Sie können ihn
jedenfalls bis zur Grenze mitnehmen, aber ich rate Ihnen nicht, ihn mit
nach Tibet zu nehmen.«
Larkin ermahnte Tschanden Sing, gut und aufmerksam zu sein. Der
Expolizist strahlte vor Freude, als ich ihm definitiv sagte, daß er
mich bis Bhot begleiten solle. Er war der Mutigste von meinem ganzen
Gefolge und hat bei mir ausgehalten durch dick und dünn.
Zweites Kapitel.
Unter den Waldmenschen.
Das Land bis Bhot ist verhältnismäßig gut bekannt, weshalb ich auf dem
ersten Teile meiner Reise nicht zu lange verweilen will.
Am 9. Mai ging mein ganzes Gepäck, von zwei Tschaprassis begleitet,
nach der Grenze ab; ich folgte am nächsten Tage. Zwei Tagemärsche von
je 46 Kilometer brachten mich nach Schor, auch Pithoragarh genannt.
Der Weg ist auf der ganzen Strecke gut; er führt durch dichte Tannen-
und Fichtenwaldungen und bietet hier und da hübsche Ausblicke auf
bewaldete Gebirgszüge. Nichtsdestoweniger ist er infolge des vielen
Auf- und Absteigens ermüdend; die nachstehenden Zahlen geben ein Bild
davon. Von 1680 Meter stiegen wir zu 2330 Meter Höhe empor, dann
wieder auf 750 Meter hinunter, kletterten wieder auf 1835 Meter hinauf
und stiegen abermals einen steilen Hang bis auf 750 Meter hinab. Die
ungeheure Hitze hinderte mich, meinen gewöhnlichen Schritt zu gehen,
und so erreichte ich meinen Bestimmungsort nicht vor Sonnenuntergang.
Im Dunkeln weiter wandernd, sahen wir in der Ferne Waldbrände, die
wie leuchtende Schlangen hier und dort an den Bergen entlang oder an
Abhängen hinaufkrochen und die durch das Abbrennen von Gras, Gesträuch
und Unterholz seitens der Eingeborenen verursacht werden. Nicht selten
greifen die Flammen weiter um sich und richten arge Verwüstungen unter
den schönsten Waldbeständen an.
In Pithoragarh (2025 Meter über dem Meer) ist ein altes Fort, das
auf dem Gipfel eines Hügels liegt, ein gutgehaltenes Hospital für
Aussätzige, eine Schule und ein Missionshaus.
Abends spät am nächsten Tage kamen wir in Askot an, wo es weder ein Dak
Bungalow noch ein Daramsalla, eine gemauerte Unterkunftshütte, gibt,
und ich fand zu meinem Ärger, daß noch keiner meiner Träger angekommen
war. Vom Pundit Jibanand wurde ich gastfreundlich aufgenommen und in
seinem Schulzimmer untergebracht, einem Bauwerk aus Brettern, die ohne
Rücksicht auf Breite, Höhe, Länge oder Form zusammengefügt waren und
ein Dach von Stroh und Gras trugen. Die Ventilation meiner Wohnung ließ
nichts zu wünschen übrig, und während ich, in meine Decke eingewickelt,
unter dem schützenden Dache lag, konnte ich durch die Lücken der
schlechtgefügten Wände den Glanz des sternbesäten Himmels bewundern.
Als die Sonne aufging, wurden kleine Stückchen Landschaft zwischen
den Brettern sichtbar, bis nach und nach sämtliche Lücken durch
die Gesichter von Eingeborenen verschlossen wurden, die Besitz von
diesen guten Aussichtspunkten ergriffen, um nach Herzenslust den
Sahib anzustarren, der sich rasierte, während seine Zuschauer Zeichen
ängstlicher Spannung von sich gaben. Große Heiterkeit erregte es,
als ich mich während des Badens über und über mit Seife beschmierte.
Bewunderung folgte, als ich mein letztes gestärktes Hemd und andere
geheimnisvolle Kleidungsstücke anzog. Aber die Aufregung erreichte fast
Fieberhitze, als ich mich der täglichen Plage unterzog, meine Uhren
aufzuziehen und die Temperatur und andere Beobachtungen einzutragen.
Die Spannung war zu groß geworden, und eine allgemeine wilde Flucht
folgte in dem Augenblick, als ich mein ungeladenes Gewehr berührte.
Die Stadt Askot ist nicht unähnlich einem jener alten Feudalschlösser,
wie man sie in vielen Gegenden Mittelitaliens findet. Hoch oben auf
dem Gipfel eines zentralen Hügels gelegen, beherrscht der Palast des
Rajiwar (Haupt eines Königreichs) ein schönes, ihn von allen Seiten
umschließendes Bergpanorama.
Die Stadt selbst zählt ungefähr 200 über den Abhang des Hügels
verstreute Häuser und besitzt eine Schule, ein Postamt und zwei
mohammedanische Kaufläden. Kurz vor meiner Ankunft hatte der Rajiwar
den Bau eines neuen Palastes vollendet, eines einfachen, würdigen
Gebäudes aus braunem Stein mit schönen Holzschnitzereien an den
Fenstern und Türen und mit Kaminen nach europäischer Art in jedem
Zimmer.
Wir hatten 145 Kilometer in drei Tagemärschen zurückgelegt, und da
meine Leute wunde Füße bekommen hatten, gestattete ich ihnen einen
Rasttag, den ich dazu verwendete, die Wohnorte der »Waldmenschen« oder,
wie sie sich selber nennen, der Raot oder Raji, aufzusuchen. Sie leben
mehrere Kilometer entfernt in Wäldern.
Um zu ihnen zu gelangen, hatte ich einen steilen Abhang hinabzusteigen,
der mit einem außerordentlich schlüpfrigen Teppich von trockenem Gras
und Fichtennadeln bedeckt war. Beim Abstieg mußte ich Schuhe und
Strümpfe ausziehen, und sogar barfuß fand ich es noch schwer, mich
aufrecht zu halten. Ich hatte einen meiner Tschaprassis und einen Mann
von Askot als Begleiter.
Schneller, als uns angenehm war, kamen wir hinunter. Wir bemerkten
einen kaum sichtbaren Pfad, den wir verfolgten, bis wir auf einen
Mann stießen, der sich hinter den Bäumen versteckte. Es war ein wild
aussehender Kerl, nackt und ungekämmt, mit lang herabhängendem Haar und
spärlichem Bart, der uns mißtrauisch anblickte und sich sehr abgeneigt
zeigte, uns den Weg nach den Wohnstätten seines Stammes zu zeigen.
Er war ein Raot, und sein Widerwille gegen den Besuch seines Heims
erschien mir wohlberechtigt, als er zu meinem Führer sagte:
»Kein weißer Mann hat jemals unsere Heimat besucht, und sollte einmal
einer kommen, werden wir alle sterben. Die Berggeister werden euer
Vordringen hindern, nicht wir! Ihr werdet Schmerzen erleiden, denn der
Geist, der über den Raot wacht, wird niemand ihre Wohnstätten betreten
lassen!«
Ich gab dem Manne eine Rupie, die er in der Hand umwendete und wog.
»Ihr könnt kommen,« murmelte er, »aber ihr werdet es bereuen. Ihr
werdet großes Unglück haben!«
Es lag etwas so Unheimliches in dem Tone, mit dem der Mann wie in einer
Verzückung sprach, als ob er das Medium wäre, durch welches die Drohung
eines verborgenen Wesens zu uns dränge, so daß mir seine Worte mehrere
Minuten lang nicht aus dem Sinn kommen wollten.
Ich folgte ihm so gut ich konnte; mit der Gewandtheit eines Affen
erkletterte er ungeheure Felsblöcke. Es war keine leichte Aufgabe;
wir sprangen und hüpften von Fels zu Fels und voltigierten über
umgestürzte Bäume. Der Pfad wurde sichtbarer und führte an dem
Abhange einer steilen Schlucht empor. Wir drangen vorwärts, bis wir
erhitzt und keuchend an einer großen Höhle hoch oben in dem lehmigen
Abhange anlangten. Dort, auf einer halbkreisförmigen Plattform mit
Verschanzungen von gefällten Bäumen, befand sich etwa ein Dutzend fast
ganz unbekleideter Männer, von denen einige auf den Hacken saßen, die
Arme auf die Knie gestützt, während andere platt am Boden lagen. Einer
rauchte getrocknete Blätter aus einer Hindupfeife.
Ich nahm schnell ein Bild der Gruppe auf, wie sie mit einem Ausdruck
von Mißtrauen, in das sich Erstaunen und Betrübnis, aber kein Zeichen
von Furcht mischte, den unerwarteten Besucher anstarrten.
Als zwei der ältern Männer die erste Verblüffung überwunden hatten,
sprangen sie auf und verboten mir mit tollen Gestikulationen, näher
heranzukommen. Ich aber drang mitten in ihren Kreis hinein und fand
mich nun von einer mürrischen, zornigen Schar umgeben.
»Kein Mensch ist je hier gewesen außer einem Raot. Ihr werdet bald
sterben! Ihr habt Gott beleidigt!« kreischte ein alter Mann, ganz außer
sich vor Zorn.
Er beugte die Knie, krümmte das Rückgrat und streckte mir den Kopf
entgegen. Er schüttelte die Fäuste vor meinem Gesicht, schwang sie
in der Luft hin und her, öffnete und preßte sie dann wieder fest
zusammen, wobei er die Nägel wütend in die Handflächen bohrte. Anstatt
die Stirnhaut zusammenzuziehen, zog der alte Raot die Augenbrauen
empor und verwandelte seine glatte Stirn in eine Reihe tiefer Runzeln,
die sich in wagerechten Linien fast von Ohr zu Ohr zogen und nur
eine dunkle Vertiefung über der Nase erscheinen ließen. Seine zuerst
flachen und breiten Nasenlöcher dehnten sich weit aus und reckten
sich in die Höhe, so daß sich zwei tiefe Linien bildeten, die von der
Nase auseinanderlaufend sich die Backen entlang zogen. Sein Mund war
geöffnet, und ein eigentümliches Beben der Unterlippe ließ deutlich
erkennen, daß ihr Besitzer die Sprache und Artikulation nur wenig
beherrschte. Seine Augen, die ursprünglich braun gewesen sein mochten,
waren farblos, aber sie nahmen einen außerordentlichen Glanz an, als
seine Wut höher stieg. Mit sichtlicher Anstrengung öffnete er sie
weit, so daß der ganze Kreis der Iris sich zeigte. Trotzdem starkes
Licht auf sein Gesicht fiel, waren die Pupillen weit ausgedehnt.
Seinem Beispiel folgend trugen einige der andern ihr Mißvergnügen in
gleicher Weise zur Schau; andere jedoch standen apathisch beiseite,
den Kopf auf die rechte Schulter geneigt, mit vollkommen ruhigem
Gesichtsausdruck, das Kinn auf die Hände gestützt. Wenn sie auch
ihre erste Bestürzung nicht überwunden haben mochten, so verrieten
sie dieselbe doch nicht, sondern erschienen, soweit man nach ihren
Gesichtern urteilen konnte, nicht aufgeregt.
Ein Bursche mit einem ungewöhnlichen Kopf, der eine Mischung von
mongolischem und Negertypus zu sein schien, beruhigte sich zuerst
unter denen, die vorher in so toller Aufregung gewesen waren. Mit
durchdringenden, aber unruhigen Augen und mit nervös zuckenden
Bewegungen musterte er mein Gesicht genauer als die andern und schien
sie dann alle zu beruhigen, daß ich nicht gekommen sei, ihnen Schaden
zuzufügen. Er machte den übrigen Zeichen, daß sie mit ihren Drohungen
aufhören sollten; dann kauerte er sich nieder und forderte mich
auf, seinem Beispiele zu folgen und mich ebenfalls auf meine Hacken
niederzulassen.
Als die Aufregung sich gelegt und die ganze Gesellschaft sich gesetzt
hatte, zog ich einige Münzen aus der Tasche und gab jedem von ihnen
eine; nur einen Mann ließ ich aus, an dem ich die Leidenschaft der
Eifersucht in ihrer primitivsten Form studieren zu können glaubte.
Aufmerksam beobachtete ich ihn und sah bald, daß er abseits von
den andern trat und mürrisch wurde. Die andern waren jetzt schon
stillvergnügt. Sie schienen zum Trübsinn zu neigen, und nur mit Mühe
konnte ich überhaupt einem von ihnen mehr als den schwachen Schimmer
eines Lächelns entlocken. Sie drehten und wendeten die Münzen in den
Händen hin und her, verglichen sie untereinander, schwatzend und
augenscheinlich zufrieden. Der eifersüchtige Mann hielt den Kopf
entschieden von ihnen abgewandt und tat, als ob er nicht sähe, was um
ihn vorging; dann stimmte er, das Kinn auf die Hand stützend, einen
unheimlichen melancholischen Gesang an, wobei er, namentlich wenn die
andern ihn verhöhnten, eine verächtliche Miene annahm. Nachdem ich ihn
lange genug hatte leiden lassen, gab ich ihm anstatt der einen zwei
Münzen und damit zugleich die Befriedigung dessen, der zuletzt lacht.
Nun machte ich den Versuch, die Gruppe zu photographieren; aber sie
betrachteten meine Kamera mit Mißtrauen, und als dann Platte nach
Platte exponiert wurde, um Bilder von einzelnen Individuen oder Gruppen
aufzunehmen, schauderten sie bei jedem Knipsen der Feder.
»Die Götter werden dir zürnen, weil du _das_ tust,« sagte einer, indem
er auf die Kamera wies, -- »wenn du uns nicht eine große weiße Münze
gibst!«
Ich benutzte dies und versprach ihnen, so gut ich es durch meine Führer
konnte, »zwei große Münzen«, wenn sie mich nach ihren Hütten führen
würden, die einige hundert Meter unter dem hohen Horst auf der Klippe
lagen; aber für diese Summe sollte mir erlaubt sein, nicht nur alles
anzusehen, sondern es auch zu befühlen, und über alles, was ich wollte,
Erklärungen zu bekommen.
Sie willigten ein, und wir begannen unsern Abstieg auf dem steilen
Pfade, der zu ihren Wohnstätten hinabführte, einem Pfad, der wirklich
nur für Affen passend ist. Mehrere Frauen und Kinder, die, durch den
Anblick von Fremden herbeigelockt, heraufgekommen waren, verbanden
sich mit den Männern, um uns hilfreich Hand zu leisten, und ich
glaube, daß es wirklich keine einzige Hand in der Gesellschaft gab,
die mich während des Hinabkletterns nicht ein oder das andere Mal in
freundlichster Absicht an den Kleidern gepackt hätte. Einer am andern
sich haltend, gingen wir zusammen die gefährliche Klippe hinab, nicht
immer im angenehmsten Tempo. Zwei- oder dreimal glitt ich oder einer
der Eingeborenen aus und zog den übrigen Teil der Gesellschaft am
Abgrund mit fort, während das durchdringende Kreischen und Schreien der
Frauen meilenweit in der Runde widerhallte. Ich bedauerte es nicht,
als wir endlich die kleinen Hütten am Flusse erreichten, die ihr Dorf
bildeten.
Die Wohnungen waren über alle Maßen schmutzig. Aus einem rohen Gerüst
von Baumästen errichtet, durch hölzerne Pfähle und Sparren versteift,
mit einem Dache von trockenem Grase gedeckt, maßen die meisten etwa
drei Meter. Sie waren gegen den Abhang des Hügels gebaut; ein starker,
gegabelter Pfahl in der Mitte des Bauwerks trug das Dach, und
gewöhnlich waren die Hütten in zwei Abteilungen geteilt, so daß jede
zwei Familien beherbergen konnte. Möbel waren nicht vorhanden, und
es gab nur wenig Geräte primitivster Art. Sie hatten runde hölzerne
Schalen, früher vermittelst scharfkantiger Steine, seit einiger Zeit
aber mit billigen Messern indischen Fabrikats ausgehöhlt. Für diejenige
Art von Ackerbau, die sie betreiben konnten, benutzten sie primitive
Hacken; sie hatten auch plumpe Holzhämmer, Stöcke und Netzbeutel,
in denen sie ihre Vorräte aufbewahrten. In früherer Zeit bildeten
Flußfische, Fleisch von wilden Tieren und Wurzeln gewisser Pflanzen
ihre hauptsächlichste Nahrung, jetzt aber essen sie auch Getreide und
sind wie alle Wilden gierig nach Schnaps.
Als ich eine der Wohnungen betrat, fand ich darin eine Anzahl von
Frauen und Männern um ein Holzfeuer kauernd. Die Frauen trugen
silberne Armringe und Halsbänder von Glasperlen; die Männer wenig mehr
als Ohrringe aus Schnüren; nur einer der Männer hatte ein winziges
Lendentuch, und die Frauen dürftige Kleider aus indischem Stoff, die in
Askot gekauft waren.
Bei genauer Prüfung ihrer Züge fielen mir manche Punkte auf, die auf
entfernte mongolische Abstammung schließen ließen, freilich durch das
Klima, die Natur des Landes und wahrscheinlich durch Mischheiraten
stark modifiziert.
In der Skala der menschlichen Rassen stehen die Raot auf
außerordentlich tiefer Stufe.
Die Frauen haben anormal kleine Schädel mit niedriger, schmaler Stirn;
aber trotzdem sie aussehen, als fehlte ihnen selbst der leiseste
Schimmer von Verstand, sind sie doch nicht unintelligent. Sie haben
vorstehende Backenknochen und die langen, platten, breiten und
gerundeten Nasen des mongolischen Typus. Das Kinn ist in den meisten
Fällen rund und sehr zurücktretend, obgleich die Lippen sich in
normaler Lage befinden und dünn und sehr fest geschlossen erscheinen,
die Mundwinkel sind emporgezogen. Der Unterkiefer ist kurz und
schmal, der obere aber erscheint ganz außer Verhältnis zu der Größe
des Schädels. Die Ohren sind groß, abstehend und wenig modelliert,
wohlgeeignet, Geräusche aus großen Entfernungen aufzufangen.
Die Köpfe der Männer sind besser geformt, unentwickelt zwar, doch
harmonischer in den Verhältnissen. Sie haben höhere und breitete
Stirnen, ähnliche, doch kürzere Nasen; das Kinn tritt nicht ganz so
weit zurück, der ganze Unterkiefer ist außerordentlich schmal, aber die
Oberlippe, wie bei den Frauen, sehr groß und außer jedem Verhältnis.
Ohne Zweifel sind die Raot keine reine Rasse, und selbst unter den
wenigen, mit denen ich zusammenkam, bestanden so beträchtliche
Verschiedenheiten, daß es unmöglich ist, auf ihren Ursprung zu
schließen. Sie haben alle üppiges, kohlschwarzes Haar, das nur mäßige
Länge erreicht; es ist nicht grob, aber gewöhnlich so schmutzig, daß es
gröber erscheint, als es ist. Sie haben sehr wenig Körperhaare außer in
den Achselhöhlen; ihre Bärte verdienen kaum diesen Namen.
Die Männer tragen das Haar gewöhnlich in der Mitte gescheitelt, so daß
es zu beiden Seiten des Kopfes herabhängt und die Ohren bedeckt. Ich
fand bei ihnen denselben seltsamen Brauch, den ich vor Jahren bei den
Ainus von Jesso beobachtet hatte: daß sie ein rautenförmiges Stück der
Kopfhaut in der Mitte der Stirn über der Nase glattrasieren. Die Frauen
ziehen ihr Haar nach dem Hinterkopfe, wobei sie die Finger als Kamm
gebrauchen, und binden es in einen Knoten zusammen.
Die Körper der besser entwickelten Individuen, die ich sah, waren
schmächtig und beweglich, ohne überflüssiges Fett oder Fleisch,
in gewissem Grade geschmeidig, doch stämmig und muskulös, mit gut
proportionierten Gliedmaßen und einer zwischen Bronze und Terrakotta
warm getönten Haut. Schmutzig und unbekleidet, hatten diese Wilden
durch ihr majestätisches Auftreten besondere Anziehungskraft für einen
Künstler. Ihr regelmäßiges Atmen fiel mir auf; es erfolgte durch die
Nase, während sie den Mund fest geschlossen hielten. Eine merkwürdige
Eigentümlichkeit wiesen ihre Füße auf, an denen die zweite Zehe
besonders lang war und beträchtlich über die andern hinausragte, was
sie ohne Zweifel befähigt, die Zehen fast ebenso zu benutzen wie wir
die Finger. Die innern Flächen ihrer Hände waren fast ohne Linien, die
Fingernägel flach und die Daumen abgestumpft mit auffallend kurzem
letztem Gliede.
Wenn die Raot heute einige Kleidungsstücke und Schmuck angenommen
und daneben ihre Nahrungsweise bis zu einem gewissen Grade geändert
haben, so ist dies ausschließlich dem Rajiwar von Askot zu verdanken,
der ein großes Interesse für die von ihm beherrschten Stämme hegt und
sie in patriarchalischer Weise mit allen möglichen Lebensbedürfnissen
versorgt. Nur sehr wenige Raot sind in den letzten Jahren nach Askot
gekommen, da sie von Natur sehr scheu und augenscheinlich mit ihren
primitiven Wohnstätten in den Wäldern von Tschipula zufrieden sind; sie
beanspruchen diese Wälder als ihr Eigentum. Ihre einzige Beschäftigung
sind Fischfang und Jagd, und es heißt, daß sie eine besondere Vorliebe
für das Fleisch der größern Affen des Himalaja haben, während ich, nach
eigener Beobachtung, sagen möchte, daß sie fast alles essen, was sie
bekommen können.
Man hat gemeinhin angenommen, daß die Weiber der Raot in strenger
Abgeschlossenheit und vor Fremden verborgen gehalten werden. Das
ist aber unzutreffend, denn ich habe verschiedene Photographien von
Raotweibern aufgenommen, zu denen sie mir auf meine Bitte und ohne den
geringsten Einspruch der Männer gestanden haben.
Die Zahl der Raot ist in schneller Abnahme begriffen, hauptsächlich
infolge häufiger Ehen zwischen Blutsverwandten. Mir wurde versichert,
daß die Frauen nicht unfruchtbar seien, aber daß unter den kleinen
Kindern enorme Sterblichkeit herrsche. Die Raot begraben ihre Toten
und bringen mehrere Tage lang dem Geiste des Abgeschiedenen Speise und
Trank dar.
Es war mir nicht möglich festzustellen, worin ihre Ehezeremonien
bestehen, oder ob sie überhaupt welche haben, die der Erwähnung wert
sind, aber es scheint, daß ein starkes Familiengefühl zwischen den in
ehelicher Verbindung lebenden Paaren besteht. Sie sind abergläubisch
und haben eine merkwürdige Furcht vor den Berggeistern, vor der Sonne,
dem Mond, Feuer, Wasser und Wind. Ob sich diese Furcht zu einer
bestimmten Form der Verehrung erhebt, kann ich nicht sagen; jedenfalls
sah ich nichts, was auf Gebet oder Opfer schließen läßt.
Die Raot erheben den Anspruch, Nachkommen von Königen zu sein, und
wollen niemand untertan sein. Sie grüßen weder noch verneigen sie sich.
»Andere Leute müssen uns grüßen; unser Blut ist das Blut von Königen,
und wenn wir uns auch aus freien Stücken seit Jahrhunderten in das
Dschungel zurückgezogen haben, so sind wir doch Söhne von Königen.«
Nach einiger Zeit, als ich schon ziemlich lange unter ihnen gewesen
war, schienen diese königlichen Wilden unruhig und furchtsam zu werden.
Ich hatte jedes Stück ihres Haushalts, was mir vor die Augen gekommen
war, umgedreht, untersucht, gezeichnet oder photographiert, hatte alle,
Männer und Weiber, die eingewilligt hatten, sich messen zu lassen,
gemessen und ihnen den vereinbarten Geldbetrag gezahlt. Als ich im
Begriff war fortzugehen, trat der grauhaarige Mann noch einmal auf mich
zu:
»Du hast die Wohnstätten der Raot gesehen, du bist der erste Fremde,
der das getan hat, und du wirst viel leiden; die Götter sind erzürnt
gegen dich.«
»Ja,« fügte ein anderer hinzu, indem er auf die Schlucht wies,
»wer diesen Pfad betritt und kein Raot ist, wird von einem großen
Mißgeschick betroffen werden.«
»~Kusch paruani, sahib!~ Macht nichts, Herr!« unterbrach ihn der
Führer, »sie sind nur Barbaren, sie wissen es nicht besser; ich selbst
bin noch nie hier gewesen und setze voraus, daß auch ich meinen Teil
davon abbekommen werde.«
»Auch du wirst leiden!« sagte der alte Mann mit Selbstbewußtsein.
Die Raot standen schweigend um mich, während ich meine Kamera
einpackte, und ich fühlte, daß sie mich als einen ansahen, dessen
Geschick beschlossen war. Sie beachteten meinen Abschiedsgruß nicht,
und wäre ich nur im mindesten abergläubisch gewesen, so hätten sie es
mir mit ihrer feierlichem törichten Ernsthaftigkeit ganz unbehaglich
machen können. --
Später, als ich Todesqualen der Hölle litt und in einem Augenblick mein
ganzes früheres Leben noch einmal zu durchleben glaubte, kam mir dies
alles mit entsetzlicher Deutlichkeit in das Gedächtnis zurück!
Drittes Kapitel.
Berggeister.
Als ich mit Jagat Sing Pal, dem Neffen des Rajiwar von Askot, durch die
Stadt ging, sah ich in einem niedrigen steinernen Schuppen neben dem
Palast die große hagere Gestalt eines Mannes, der aus einer Rauchwolke
herausragte.
»Wer ist das?« fragte ich meinen Begleiter.
»Ein Fakir, der von einer Pilgerfahrt nach dem heiligen See Mansarowar
in Tibet zurückkehrt. Während des Sommers kommen viele dieser Fanatiker
auf ihren Wallfahrten hier durch.«