[3] Paul Lindau siehe unter »Feuilletonisten«.
=E. Marlitt= (Pseudon. für Eugenie John, geb. am 5. Dez. 1825 in
Arnstadt in Thüringen, gest. 1887, wurde viel verlästert von den
Modernen, aber viel geliebt von dem Publikum der Gartenlaube, das
ihre Romane »Goldelse«, »Das Geheimnis der alten Mamsell«, »Das
Heideprinzeßchen« u. a. nicht las, sondern verschlang.
=W. Heimburg= (Pseudon. für Bertha Behrens), geb. am 7. Sept. 1850
in Thale am Harz, ist ein Gartenlaube-Talent, das sich in wenig oder
nichts von der Marlitt unterscheidet. Ihre Produktion wird schon
durch die Titel ihrer Werke charakterisiert: »Aus dem Leben einer
alten Freundin«, »Lumpenmüllers Lieschen«, »Ein armes Mädchen«,
»Herzenskrisen«, »Trotzige Herzen« u. s. w.
=E. Werner= (Pseudon. für Elisabeth Bürstenbinder), geb. am 25. Nov.
1838 in Berlin, gehört zu denjenigen Schriftstellerinnen, die ein Motiv
so lange variieren, bis es sich zu »Gesammelten Werken« ausgewachsen
hat. (»Ein Held der Feder«, »Am Altar«, »Gesprengte Fesseln«, »St.
Michael« u. a.)
=Marie Bernhard=, geb. am 7. Nov. 1852 in Königsberg i. Pr., widmete
sich der Schriftstellerei im Genre der Gartenlaube (»Forstmeister
Reichardt«, »Im Strom der Zeit«, »In Treue fest«, »Schule des Lebens«,
»Unweiblich« u. a.)
=Nataly von Eschstruth= (Mädchenname der jetzigen Frau v.
Knobelsdorff-Brenkenhoff), geb. am 17. Mai 1860 in Hofgeismar, wurde
vom Deutschen Schriftsteller-Verband als die »beliebteste« Erzählerin
proklamiert und ist bemüht, durch die Quantität zu ersetzen, was ihr
an Qualität fehlt. Ihre »Werke« stehen noch unter denen der Marlitt,
Heimburg etc.
Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer.
=Karl Bleibtreu=, geb. am 13. Januar 1859 in Berlin, schrieb mehr
Bände als er Jahre zählt und ist einer der großen Woller und
kleinen Könner. Vielseitig veranlagt und ein geistreicher, witziger
Kopf, irrlichtelierte er von einem Gebiete zu dem andern, ohne
über Ansätze hinauszukommen und ohne Fähigkeit zur Konzentration
und -- Bescheidenheit. Ist Feuer in seinen Werken, so ist es
sicher Brillantfeuer, das keine Wärme giebt und dessen Abbrennen
teilnahmlos läßt. Von seinen zahlreichen Werken nennen wir nur »Dies
irae, Erinnerungen eines französischen Offiziers«; die Aufzählung
seiner dramatischen, lyrischen und epischen Produktion, wie seiner
Glaubensbekenntnisse, müssen wir uns Raummangels wegen versagen. Die
Broschüre: »Die Revolution der Litteratur«, die zum ersten Mal dem
großen Publikum Kenntnis von den Absichten der »Jungen« gab, hat ein
gewisses litterarhistorisches Interesse.
=Michael Georg Conrad=, geb. am 5. April 1846 zu Gnodstadt in Franken,
eine eigenartig und scharf ausgeprägte Dichternatur mit einer
ausgesprochenen Neigung zu politischer Bethätigung, gab in Gemeinschaft
mit Karl Bleibtreu die »Gesellschaft« heraus, die er ganz in den Dienst
der modernen Ideen stellte. Seine von Zola und einem jahrelangen
Aufenthalt in Paris beeinflußten Romane: »Was die Isar rauscht«, »Die
klugen Jungfrauen«, »Die Beichte des Narren«, »In purpurner Finsternis«
u. a. sind nicht frei von Kraftmeierei und Übertreibungen.
=Hermann Conradi=, geb. am 12. Juni 1862 in Jeßnitz, gest. am
8. März 1890, eins der Häupter der Stürmer und Dränger, schrieb
»Brutalitäten«, »Lieder eines Sünders« und die Romane: »Phrasen« und
»Adam Mensch«, Werke, die von Brutalitäten, Phrasen, Menschlichem und
Allzumenschlichem strotzen, und nur als ~documents humains~ von einigem
Interesse sind.
=Konrad Alberti= (~recte~ Konrad Sittenfeld), geb. am 9. Juli 1862 in
Breslau, schrieb eine Reihe von Romanen, Novellen und Dramen im Stile
der Jüngstdeutschen, unter denen die Romane »Wer ist der Stärkere?«
und »Die Alten und die Jungen« die bedeutendsten sind. Seine spätere
Produktion wandte sich dem Unterhaltungsroman zu und entbehrt jeder
Eigenart. (»Die Rose von Hildesheim«, »Die schöne Theotaki« u. a.)
=Heinrich Hart=, geb. am 30. Dez. 1855 in Wesel, Kritiker der
»Täglichen Rundschau«, gab in Gemeinschaft mit seinem Bruder die
»Kritischen Waffengänge« heraus, durch die sie den Modernen, mit denen
sie in ihrem dichterischen Schaffen sonst wenig Gemeinsames haben,
nahetraten. Das hervorragendste Werk H.'s ist das Epos »Das Lied der
Menschheit«.
=Julius Hart=, geb. am 9. April 1859 in Münster, Bruder des vorigen,
schrieb teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit seinem Bruder
eine Reihe kritischer und dichterischer Werke, von denen wir die
Gedichtsammlung »Sansara«, das Schauspiel »Sumpf«, die Prosadichtung
»Sehnsucht« und das zweibändige, populär geschriebene Werk: »Geschichte
der Weltlitteratur« hervorheben.
=Hermann Heiberg=, geb. am 17. Nov. 1840 in Schleswig, Herausgeber
der Halbmonatsschrift »Niedersachsen«, stand ursprünglich mit den
Modernen in engster Fühlung, glitt jedoch später ganz in das Fahrwasser
der Unterhaltungslitteratur. Zu seinen bekanntesten Werken sind die
»Plaudereien mit der Herzogin von Seeland«, »Apotheker Heinrich«
und »Eine vornehme Frau« zu zählen, die sämtlich seiner ersten
Schaffensperiode angehören.
=Max Kretzer=, geb. am 7. Juni 1854 in Posen, arbeitete sich vom
Fabrikarbeiter zum Schriftsteller empor. Seine Romane, die stark
realistisch gefärbt sind und ihm den Namen: der deutsche Zola
eintrugen, spielen meist in den Arbeiterkreisen der Reichshauptstadt,
die er vorzüglich kennt und zu portraitieren versteht. (»Meister
Timpe«, »Der Millionenbauer«, »Die gute Tochter« u. a.) Mit seinem
letzten Roman: »Das Gesicht Christi« ging er vom Realismus zum
Symbolismus über.
=Wilhelm Walloth=, geb. am 6. Okt. 1856 zu Darmstadt, kämpfte in
den Reihen der Modernen an erster Stelle. Seine Romane aus dem Rom
des Niederganges »Oktavia«, »Paris der Mime«, »Ovid«, »Dämon des
Neides«, denen jede Konzentration fehlt, hielten nicht, was er früher
versprochen. Mit seinem neuesten Roman: »Im Banne der Hypnose« erregte
er statt Sensation Langeweile. Seine Dramen: »Marino Falieri«, »Johann
von Schwaben« sind reich an schönen Einzelheiten, aber als Ganzes
betrachtet verfehlt.
=Wilhelm Arent=, geb. am 7. März 1864 in Berlin, spielte früher auf
der Bühne, später in der litterarischen Bewegung der 80er Jahre eine
Rolle und war Mitherausgeber der »Modernen Dichtercharaktere«. Seine
Poesie (mehr als 30 Bände!) ist überreich an Stimmung, aber form- und
gedanken-, ja sinnlos.
=Wolfgang Kirchbach=, geb. am 18. Sept. 1857 zu London, schloß sich
nur locker der »Moderne« an und ist immer mehr seinen eigenen oft
sonderlichen Ideen nachgegangen. (»Ausgewählte Gedichte«, »Lebensbuch«,
»Das Leben auf der Walze«.) Seine Dramen »Des Sonnenreiches Untergang«,
»Gordon Pascha« fanden nur geteilte Aufnahme.
Socialistische Lyriker.
=Arno Holz=, geb. am 26. April 1863 in Rastenburg, ist allem Anschein
nach ein Talent, das eine große Zukunft vor sich hat. Sein »Buch der
Zeit« schlug neue, eigenartige Töne an und ließ H., der ursprünglich
als Geibelianer auftrat, als den berufensten socialistischen Lyriker
erscheinen. Aus seiner Verbindung mit Johannes Schlaf gingen die
Novellen: »Papa Hamlet« und das naturalistische Drama: »Familie
Selicke« hervor. Sein Drama »Socialaristokraten« fiel gänzlich ab und
die neue Dichtkunst, die er im »Phantasus« predigt und für die er
bereits eine »Revolution in der Lyrik« in Szene setzte, hat ihm nur
mitleidiges Lächeln und Achselzucken eingebracht, obwohl sie sich schon
durch ihre Einfachheit vorteilhaft vor anderen »Methoden« auszeichnet.
=Karl Henckell=, geb. am 17. April 1864 in Hannover, gab mit Arent die
»Modernen Dichtercharaktere« heraus und stand mit seinen »Strophen« und
»Amselrufen«, die sich durch Glätte und Formgewandtheit auszeichnen, an
der Spitze der socialistischen Lyriker.
=Maurice Reinhold von Stern=, geb. am 3. April 1859 in Reval, hat
eine außerordentlich bewegte Vergangenheit hinter sich, die ihn nach
Deutschland, Amerika und der Schweiz führte. (Nach dem Zusammenbruch
seiner Buchhandlung in Zürich postalisch und polizeilich nicht zu
ermitteln.) In seinen »Proletarierliedern«, »Ausgewählten Gedichten«
u. a. finden sich neben Naturbildern von Glanz und Stimmung, Plattes
und Geschmackloses. Sein autobiographischer Roman »Walther Wendrich«
zeigt seine Unfähigkeit, einen Stoff zu meistern und dichterisch zu
gestalten. Großes auf kleines übertragen, gilt von ihm das Wort Goethes
über Grabbe: »Er wußte sich selbst nicht zu zähmen, darum zerrann ihm
sein Leben wie sein Dichten«.
=John Henry Mackay=, geb. am 6. Febr. 1864 in Greenock in Schottland,
ist ein Dichter mit revolutionären und salonanarchistischen Tendenzen,
in dessen Werken Denker, Dichter und Politiker in gleicher Weise zu
Worte kommen (»Kinder des Hochlands«, »~Arma parata fero~«, »Sturm«,
»Wiedergeburt«, »Gesammelte Dichtungen«, das Kulturgemälde: »Die
Anarchisten« u. a.).
=Bruno Wille=, geb. am 6. Febr. 1860 in Magdeburg, zeigt sich in seinen
Gedichten und philosophischen Schriften als freier unabhängiger Denker,
der, vom Socialismus ausgehend, den Weg zum Individualismus findet.
(»Einsiedelkunst aus der Kiefernhaide« u. a.)
Die Nationalen.
=Adolf Pichler=, geb. am 4. Sept. 1819, ist der älteste Tiroler
Dichter: sein Leben und seine Werke reichen von der »Franzosenzeit« bis
zur Gegenwart. Ein Gelehrter und von allseitiger Bildung, weiß er doch
wahrhaft volkstümlich zu erzählen (»Allerlei Geschichten aus Tirol«,
»Letzte Alpenrosen«, »Aus den Tiroler Bergen« u. a.). Er hat ferner als
Lyriker »Hymnen« geschrieben, »Spätfrüchte« und »Marksteine«. Unter den
Vorkämpfern einer liberalen Weltanschauung, aber milde und versöhnlich,
steht er in vorderster Reihe.
=Karl Pröll=, geb. in Graz 1840, bekannt als journalistischer
Vorkämpfer des Deutschtums in Böhmen, lebt seit vielen Jahren als
Schriftsteller in Berlin, von wo er neben zahllosen politischen
Schriften seine Lieder »Sturmvögel«, »Vergessene deutsche Brüder«
u. s. w. und seine prächtigen Sammlungen von Skizzen und Novellen
»Moderner Todtentanz«, Bd. 1--5, »Vogelbeeren«, »Spreu im Winde« etc.
veröffentlichte.
=Fritz Lienhard=, geb. am 4. Okt. 1865 in Rothbach i/Els., war von
1893--1895 Redakteur des
»Zwanzigsten Jahrhunderts« und Anfang 1900 auf kurze Zeit Herausgeber
der »Heimat«. Bedeutend sind seine »Lieder eines Elsässers«, sein
Wanderbuch »Wasgaufahrten« und besonders seine Dramen »Naphtali«,
»Weltrevolution«, »Till Eulenspiegel«. In seiner schriftstellerischen
und journalistischen Thätigkeit sucht er der »Heimatkunst«, dem
Nationalen in Dichtung und Leben, den Weg zu ebnen.
=Anton Ohorn=, geb. am 22. Juli 1846 in Theresienstadt, schrieb
zahlreiche Romane, Erzählungen und Novellen, von denen das meiste
Aufsehen die nationale Erzählung »Das deutsche Lied« gemacht hat.
=Anton August Naaff=, geb. am 28. Nov. 1850 in Weitentrebetitsch,
Herausgeber der »Lyra« in Wien, veröffentlichte die Liedersammlungen im
Volkstone: »Aus dem Dornbusch«, »Gartheil und Krauseminz«, »Der Sonn'
entgegen«, »Gerda« u. a.
=Ottomar Beta= (eigentlich Bettziech), geb. am 7. Febr. 1845 in
Berlin, wurde in England erzogen. B. veröffentlichte außer zahlreichen
nationalökonomischen, socialpolitischen und politischen Schriften
mehrere Dramen und Romane, von denen das Trauerspiel »David Rizzio«,
das Lustspiel »Altmodisch und Modern«, das Schauspiel »Nichts halb!«
und besonders das Lustspiel »Feurige Kohlen« Anerkennung fanden. Seine
Novellen und Romane »Schmollis, ein Hundeleben«, »Unter Unkraut«,
»Peregrine«, »Die Rache ist mein« u. s. w. verraten ein bemerkenswertes
Erzählertalent. Beachtung verdient auch das satirische Epos
»Barbarossa's Botschaft«.
=Adolf Graf von Westarp=, geb. am 21. April 1851 in Breslau, erregte
Aufsehen durch sein Buch »Fürst Bismarck und das deutsche Volk«, sowie
durch sein Lied »An den Kaiser« (nach Bismarcks Entlassung). W. ist
ein ebenso eigenartiger wie talentvoller Lyriker. (»Deutsche Lieder«,
»Idyllen und Elegieen aus den bayrischen Bergen«.)
=Erwin Bauer=, geb. am 9. Jan. 1857 auf dem Gute Techelfer bei Dorpat
in Livland, begründete in Reval die »Nordische Rundschau«, 1890 in
Berlin »Das zwanzigste Jahrhundert«. Außer einigen Dramen gab B.,
dessen Talent frühzeitig von der Politik beschlagnahmt wurde, die
Novellensammlungen »Aus dem Zarenlande« und »Einfache Geschichten«,
sowie die Erzählung »Der Selbstmord des Leutnants Mergenthin« heraus.
Sein bestes Werk ist der in Rußland spielende Roman »~Aut Caesar, aut
nihil~«.
=Carl Kerstan=, geb. am 22. Okt. 1847 in Prag, machte sich als
Historienmaler einen Namen. Sein philosophischer Roman in 3 Bänden
»~Sapaere aude~« gehört zu den besten unserer Litteratur und verdiente
mehr Beachtung, als er gefunden.
Die großen neuzeitlichen Erzähler.
=Theodor Fontane=, geb. am 30. Dez. 1819 in Neuruppin, gest. am 20.
Sept. 1898, war wie Sudermann und Ibsen ursprünglich Apotheker. Eine
Reise nach England weckte sein dichterisches Talent, so daß er sich
bald ganz der Schriftstellerei widmete. F. ist besonders der Dichter
des Preußentums oder im engeren Sinne der Mark, Berlins. Er schrieb
die Romane »Irrungen, Wirrungen«, »Stine«, »Quitt«, »Frau Jenny
Treibel«, »Effi Briest« u. a., die zu den besten der neuzeitlichen
Erzählungslitteratur zu rechnen sind. Schon seit den vierziger Jahren
zählte F. zu den bedeutendsten Balladendichtern und Schilderern der
Mark Brandenburg. Seine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«
sind Landschaftsbilder von entzückender Anmut, sinniger Feinheit und
zugleich von frappierender Treue. Tüchtige litterarische Leistungen
sind außerdem seine Darstellungen der drei Kriege 1864, 1866 und 1870,
die wiederholt aufgelegt wurden. Mit zwei Bänden Erinnerungen aus
seinem Leben: »Meine Kinderjahre« und »Von Zwanzig bis Dreißig«, schloß
er seine dichterische Thätigkeit ab.
=Wilhelm Jensen=, geb. am 15. Febr. 1837 in Heiligenhafen, ist einer
der eigenartigsten und markantesten Erzähler. Er ist der Dichter des
Meeres und der Heide und alle Stimmen, die er ihnen abgelauscht,
klingen in seinen Werken wieder. So ungleich auch die einzelnen Werke
J.'s untereinander sind, allen gemeinsam ist die melodische, wunderbare
Sprache und eine weiche, stillverträumte Stimmung, die über ihnen liegt
und den Leser gefangen nimmt. J. ist ein ungemein produktiver Dichter,
der sich jedes Jahr mit zwei, drei Bänden einstellt. Von seinen Werken
seien genannt: »Die braune Erica«, »Karin von Schweden«, »Tagebuch aus
Grönland«, »Aus den Tagen der Hansa«, »Jenseits des Wassers«, »Luv und
Lee«, »Sehnsucht«. Auch als Lyriker ist J. wiederholt hervorgetreten
und darf wohl den Anspruch erheben, als solcher neben Keller, Meyer und
Storm genannt zu werden. (Gesammelte Gedichte: »Vom Morgen zum Abend«.)
=Marie von Ebner-Eschenbach=, geb. am 13. Sept. 1830 in
Zdislavic in Mähren, ist gegenwärtig die bedeutendste lebende
deutsch-österreichische Schriftstellerin. Sie ist eine Meisterin des
künstlerischen Realismus, den sie so sicher wie die besten Meister der
Erzählungskunst beherrscht. (»Bozena«, »Dorf- und Schloßgeschichten«,
»Zwei Komtessen«, »Das Gemeindekind«, »Rittmeister Brand« u. a.)
=Adolf Wilbrandt=, geb. am 24. Aug. 1837 in Rostock, gab zuerst ein
Werk über Heinrich von Kleist heraus, dem er eine Reihe von Dramen:
»Arria und Messalina«, »Gracchus«, »Kriemhild«, »Graf Hammerstein«,
»Die Tochter des Herrn Fabricius«, »Der Meister von Palmyra« u. a.
folgen ließ, unter denen das letztgenannte das bedeutendste ist. In den
letzten Jahren hat sich W. fast ganz dem Zeitromane zugewandt (»Hermann
Ifinger«, »Die Osterinsel«, »Vater Robinson« u. a.). W. ist eine der
vornehmsten Erscheinungen unter den Schriftstellern der Gegenwart und
sowohl der Schiller- als auch der Grillparzerpreis sind ihm zugefallen.
=Richard Voß=, geb. am 2. Febr. 1851 in Neugrape in Pommern, ist
eine reiche phantasievolle und starke Dichternatur, die sich leider
nicht zur künstlerischen Vollendung durchringen konnte. Ein nervöser,
dämonischer Zug geht durch alle seine Romane und Dramen, die bald
in Deutschland, bald in Italien, im Mittelalter oder in der Neuzeit
spielen. Eine zerrissene, unbefriedigte Natur, vermögen auch seine
Schöpfungen nicht zu befriedigen, von denen die meisten den Leser
narkotisieren oder peinigen. Seine erfolgreichsten Dramen sind
»Schuldig«, »Alexandra«, und »Eva«; von seinen Novellen und Romanen
sind »Römische Dorfgeschichten«, »Mönch von Berchtesgaden«, »Villa
Falconieri«, »Unter den Borgia«, die bekanntesten.
Realistische Erzähler.
=Ernst von Wolzogen=, geb. am 23. April 1855 in Breslau, ist einer
der ungleichmäßig schaffenden Dichter. Seine Tragikomödie: »Das
Lumpengesindel« ist noch immer sein bestes Werk. Einst erhoffte
man vieles von dem Talent dieses fabulierenden Freiherrn, der die
schöne Gabe des Humors besitzt und es versteht, seine Personen
treffend zu charakterisieren, doch produziert er seit langem nur
Unterhaltungslitteratur, wenn auch im besseren Sinne. Seine besten
Romane sind »Die Kinder der Excellenz« (auch als Lustspiel bearbeitet),
»Die tolle Komteß«, »Die Entgleisten«, »Der Kraftmayr«.
=Konrad Telmann= (~recte~ Zitelmann), geb. 1854, gest. 1897, wurde
durch körperliches Leiden zur Aufgabe seines Berufes gezwungen und
lebte seit Jahren in Rom. T. hat eine außerordentlich große Anzahl von
Werken hinterlassen und eine rastlose Thätigkeit entfaltet, die seiner
Kunst nicht immer zum Vorteil gereichte. Er ist ein Übergangskünstler,
der sich Friedrich Spielhagen zum Vorbild nahm und über ihn hinaus den
realistischen Roman auszubauen und mit neuen, meist »interessanten« und
exotischen Zügen auszustaffieren suchte. Zu seinen besten Romanen, von
denen viele in der zweiten Heimat des Dichters, in Italien, spielen,
zählen: »~Vox populi~«, »Unterm Strohdach«, »Unter römischem Himmel«,
»Unter den Dolomiten«, »Götter und Götzen«, »Vom Stamme der Skariden«.
=Alexander Baron von Roberts=, geb. am 23. Aug. 1845 in Luxemburg,
gest. 1896, zählte zu den besten Unterhaltungsschriftstellern,
besonders in den Romanen, die das Militärleben zum Gegenstand haben.
(»Es und Anderes«, »Götzendienst«, »Lou«, »Die schöne Helena«,
»Schwiegertöchter« u. a.) Sein Drama »Satisfaktion« ging mehrfach mit
Erfolg über die Bühne.
=Georg von Ompteda=, geb. am 29. März 1863 in Hannover, veröffentlichte
(teilweise unter dem Pseudonym Georg Egestorff) »Von der Lebensstraße
u. a. Gedichte«, sowie die Romane »Drohnen«, »Unter uns Junggesellen«,
»Sylvester von Geyer« u. a., deren Stoff er vorzugsweise der deutschen
Armee entnahm. Als Übersetzer machte er sich durch die Übertragung der
Werke Guy de Maupassants bekannt.
=Wilhelm von Polenz=, geb. am 14. Januar 1861 in Ober-Cunewalde,
debütierte mit dem Roman »Sühne« und ließ diesem dramatische
und novellistische Arbeiten, sowie die Romane »Der Pfarrer von
Breitendorf«, »Der Büttnerbauer«, »Der Grabenhäger« und »Wald« folgen,
in denen er hauptsächlich brennende Zeitfragen des gutsherrlichen und
bäuerischen Besitzstandes behandelt.
=Adolf Schmitthenner=, geb. am 24. Mai 1854 in Neckarbischofsheim,
schrieb den Roman »Psyche« und »Novellen«, die eigenartige, fast
»gewagte« Probleme zu lösen suchen und sich durch feine Seelenmalerei
auszeichnen.
=Karl von Perfall=, geb. am 24. März 1851 in Landsberg a/Lech,
behandelt in seinen Romanen gern moderne Probleme, ohne jedoch dem
Naturalismus große Konzessionen zu machen. (»Vornehme Geister«, »Die
Langsteiner«, »Die fromme Witwe«, »Sein Recht«.)
=Anton von Perfall=, geb. am 11. Dez. 1853 in Landsberg a/Lech,
hat sich besonders durch seine Jagdgeschichten bekannt gemacht.
Seine Romane »Die Krone«, »Sein Dämon«, »Die Sonne« tragen zum Teil
realistisches Gepräge.
=Oscar Mysing=, geb. am 1. Nov. 1867 in Bremen, schrieb seine ersten
Romane und Novellen, die zum größten Teile erotischer Natur sind
(»Überreif«, »Moderne Liebe«), unter dem Pseudonym Otto Mora und
ging später zur Familienblattlitteratur über. (»Die Bildungsmüden«,
»Verfolgte Phantasie«, »Nach der Sündflut«, »Beresina«.)
=Richard Nordhausen=, geb. am 31. Januar 1868 in Berlin, war zuerst
politisch thätig und schrieb dann eine Reihe Epen (»Joß Fritz der
Landstreicher«, »Vestigia Leonis«, »Sonnenwende«), die sich durch
farbenprächtige Schilderungen, glühende Leidenschaft und große Plastik
auszeichnen. Mit dem Roman: »Die rote Tinktur« betrat N. die Pfade der
Unterhaltungslitteratur.
=J. J. David=, geb. am 6. Febr. 1859 in Weißkirchen, schrieb
Schauspiele, Gedichte, Erzählungen u. a., die ein eigenartiges, etwas
widerborstiges Talent verraten. In seinen Werken »Höferecht«, »Blut«,
»Hagars Sohn«, »Gedichte«, »Probleme«, »Ein Regentag« u. a. schildert
er mit Vorliebe Menschen, die auf die Schattenseite des Lebens zu
stehen kamen.
=Felix Hollaender=, geb. am 1. November 1867 in Leobschütz, debütierte
mit dem Roman »Jesus und Judas«, denen sich die Berliner Romane: »Ellin
Röte« und »Sturmwind im Westen« anschlossen. Mit Hans Land schrieb er
»Die heilige Ehe«.
=Heinz Tovote=, geb. am 12. April 1861 in Hannover, suchte die Bahnen
Maupassants zu wandeln, ohne jedoch auch nur annähernd sein Vorbild
zu erreichen, mit dem er nur hinsichtlich der Pikanterie verglichen
werden kann. Seine Romane und Novellen aus der Berliner Demimonde: »Im
Liebesrausch«, »Fallobst«, »Frühlingssturm«, »Ich«, »Mutter«, »Das Ende
vom Liede«, »Die rote Laterne« u. a. erlebten viele Auflagen.
Die Unterhaltungstalente.
=Ernst Wichert=, geb. am 11. März 1831 in Insterburg, verfaßte
zahlreiche Lustspiele, von denen »Der Narr des Glücks«, »Als Verlobte
empfehlen sich« und »Ein Schritt vom Wege« sich noch auf der Bühne
erhalten haben. W. ist außerdem Verfasser vieler Romane und Novellen:
»Litauische Geschichten«, »Heinrich von Plauen«, »Hohe Gönner«,
»Anderer Leute Kinder«, »Vom alten Schlage«, »Der große Kurfürst in
Preußen«, u. a., von denen der letztgenannte, ein historischer Roman
größeren Stils, besonders hervorgehoben zu werden verdient. W., der bis
1896 dem Richterstande angehörte, schrieb seine Selbstbiographie 1899
unter dem Titel: »Richter und Dichter«.
=August Niemann=, geb. am 27. Juni 1839 in Hannover, früher Hauptmann,
führte sich mit einer Geschichte des französischen Feldzuges
1870/71 in die Litteratur ein. Sein bedeutendster Roman »Bakchen
und Thyrsosträger«, zieht gegen die materialistische Weltanschauung
zu Felde. In Buchhändlerkreisen fand besonders der Roman »Eulen und
Krebse«, das »Soll und Haben« des Buchhändlers, Beachtung.
=Gerhardt von Amyntor= (Pseudon. für Dagobert von Gerhardt), geb.
am 12. Juli 1831 in Liegnitz, war Offizier und wandte sich dann
der Litteratur zu. Von seinen Werken, in denen sich oft ein Hang
zum Übersinnlich-Mystischen und zur Behandlung philosophischer und
religiöser Themata bemerkbar macht, ist der Roman »Gerke Suteminne«
das bedeutendste. Die »Hypochondrischen Plaudereien«, sowie die
Gegenschrift zur Tolstoi'schen Kreutzer-Sonate: »Die Cismoll-Sonate«
sind etwas hausbacken, aber erfüllt von echt vaterländischem Geiste,
der allezeit und unentwegt für deutsche Frauen, deutsche Treue, Gott
und Religion eintritt. Interessante Lebenserinnerungen legte A. in dem
Werke: »Das Skizzenbuch meines Lebens« nieder.
=Otto von Leixner=, geb. am 24. April 1847 in Saar, bis vor kurzem
Redakteur der »Deutschen Romanzeitung«, schrieb im Sinne derselben eine
Reihe Romane, Aphorismen und Plaudereien, von denen die Ȁsthetischen
Studien für die Frauenwelt«, »Laienpredigten für das deutsche Haus«,
»Aus meinem Zettelkasten«, und der Roman: »Also sprach Zarathustras
Sohn« am bemerkenswertesten sind. Seine »Geschichte der deutschen
Litteratur«, der nur feuilletonistischer Wert beizumessen ist, erlebte
vier Auflagen.
=Fritz Mauthner=, geb. am 22. November 1849 in Horzitz, einer der
einflußreichsten Kritiker der Reichshauptstadt, zeigte seine Begabung
besonders in den in parodistischer Form auftretenden Kritiken: »Nach
berühmten Mustern« u. a. Mit seinen modern aufgeputzten Romanen aus
dem Altertum »Xantippe« und »Hypatia«, sowie »Der letzte Deutsche von
Blatna«, »Die Geisterseher«, »Die bunte Reihe« u. a. machte sich M. als
Romancier einen Namen.
=Theophil Zolling=, geb. am 30. Dezember 1849 in Scafati, Herausgeber
der »Gegenwart«, zählt zu den besten Sittenschilderern Berlins. Von
seinen das hauptstädtische Leben behandelnden Romanen: »Der Klatsch«,
»Frau Minne«, »Kulissengeister«, »Die Million«, »Bismarcks Nachfolger«
erregte namentlich der letztere einiges Aufsehen.
=Rudolf Stratz=, geb. am 6. Dez. 1864 in Heidelberg, wandte sich dem
Zeitroman zu und schrieb: »Unter den Linden«, »Belladonna«, »Die
kleine Elten«, »Der weiße Tod«, »Montblanc«, den Novellenband »Buch
der Liebe«, sowie einige Schauspiele. Sein Roman aus dem Bauernkrieg
von 1525, »Der arme Konrad« und das Drama: »Jörg Trugenhoffen«, eine
Konkurrenz des »Florian Geyer« von Hauptmann, beruhen auf tüchtigen
Quellenstudien und geben ein anschauliches Bild der damaligen Zeit.
=Hans Land= (Pseudon. für Hugo Landsberger), geb. am 25. August 1861 in
Berlin, Herausgeber der Wochenschrift »Das neue Jahrhundert« (Berlin),
schrieb realistisch gefärbte Romane (»Der neue Gott«, »Um das Weib« u.
a.), sowie in Gemeinschaft mit Felix Hollaender das sociale Drama »Die
heilige Ehe«.
=Wilhelm Wolters=, geb. am 8. November 1852 in Dresden, ist durch seine
Romane: »Sterbliche Götter«, »Helene Pawlowna« und Erzählungen (»Indian
Summer«, »Ach wenn du wärst mein eigen!«), besonders aber durch seine
erfolgreiche dramatische Produktion (»Tragische Konflikte« etc.) dem
größeren Publikum bekannt geworden.
=Franz von Königsbrun-Schaup=, geb. am 22. Februar 1857 in Cilli,
schuf und befestigte seine litterarische Stellung durch die beiden
Romane: »Die Bogumilen« und »Hundstagszauber«, die ihn als feinsinnigen
Erzähler erkennen lassen. Künstlerisch weniger hoch stehen seine
»Gedichte« und »Märchen«, und der mit Wolters zusammen geschriebene
Schwank: »Der Hochzeitstag«, wird auf litterarischen Wert wohl
überhaupt keinen Anspruch erheben.
=Fedor von Zobeltitz=, geb. am 5. Okt. 1857 in Spiegelberg, gehört
zu unseren besten Unterhaltungsschriftstellern. Von seinen letzten
Romanen erregte besonders »Der gemordete Wald« Interesse. Um die
deutsche Bibliophilie hat sich Z. durch Herausgabe der »Zeitschrift für
Bücherfreunde« verdient gemacht.
=Hanns von Zobeltitz=, geb. am 9. Sept. 1853 in Spiegelberg, schrieb
eine Reihe Unterhaltungsromane im Stile des »Daheim« und der »Velhagen
und Klasing'schen Monatshefte«, deren Redakteur Z. ist.
=Ida Boy-Ed=, geb. am 17. April 1852 in Bergedorf, eine der begabtesten
Schriftstellerinnen der alten Schule, veröffentlichte eine große Zahl
von Romanen, von denen »Die Schwestern«, »Abgründe des Lebens«, »Fanny
Förster« und »Aus Tantalus' Geschlecht« den meisten Anklang fanden.
=A. v. der Elbe= (Pseudon. für Auguste von der Decken), geb. am 30.
Nov. 1828 in Bleckede, setzte die »Chronica eines fahrenden Schülers
von Clemens Brentano« fort und wandte sich vorzugsweise historischen
Stoffen zu (»Lüneburger Geschichten«, »Brausejahre«, »Apollonia von
Celle«, »Die jüngeren Prinzen«, »Der Seekönig« u. a.).
=Claire Glümer=, geb. am 18. Okt. 1825 in Blankenburg, führte sich mit
Novellen und Skizzen in die Litteratur ein. (»Düstere Nächte«, »Aus der
Bretagne«, »Junge Herzen«.)
=Sophie Junghans=, geb. am 3. Dez. 1845 in Kassel, ist Verfasserin
einer Reihe von Unterhaltungsromanen, von denen »Der Bergrat«,
»Ein Kaufmann«, »Lore Fay«, »Schwertlilie« und »Um das Glück« die
bekanntesten sind.
=Luise Westkirch=, geb. am 8. Juli 1858 in Amsterdam, behandelte in
ihren Romanen und Novellen mit männlicher Kraft und Rücksichtslosigkeit
sociale Probleme der Gegenwart: »Aus dem Hexenkessel der Zeit«, »Die
Streber«, »Los von der Scholle« u. a.
Romanciers des ~High-life~.
=Rudolf Lindau=, geb. am 10. Okt. 1830 in Gardelegen, hatte durch
seinen diplomatischen Beruf Gelegenheit, die halbe Welt kennen zu
lernen. Er ist Weltmann großen Stils und in Paris und London ebenso
zu Hause wie in Peking und San Francisco. L. verfaßte mehrere größere
Romane, die in den Kreisen der internationalen Gesellschaft spielen
(»Robert Ashton«, »Gute Gesellschaft« u. a.) und gab Beschreibungen
seiner umfassenden Reisen heraus (»China und Japan« u. a.).
=Ossip Schubin=, mit ihrem eigentlichen Namen Lolo Kirschner, geb. am
17. Juni 1854 in Prag, läßt ihre Romane zumeist in den Kreisen des
internationalen ~high life~, besonders der österreichischen Adels- und
Offizierskreise, spielen. Ihrem ersten Roman »Ehre« folgten »Schuldig«,
»Unter uns«, »Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre«, »Gebrochene
Flügel«, »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« u. a. S. schreibt
fesselnd und interessant, doch haben ihre Romane etwas skizzenhaftes
und der Stil ist oft salopp oder gesucht.
=Baron Carl Torresani=, geb. am 19. April 1846 in Mailand, war
österreichischer Kavallerieoffizier, bewirtschaftete einige Zeit sein
Gut als Ökonom und widmete sich dann der Bildhauerei. Seine Romane,
in denen er sich ganz als Österreicher giebt, spielen teils in den
Kreisen der österreichischen Armee, teils in denen der internationalen
Gesellschaft, für deren charakteristische Merkmale er einen scharfen
Blick besitzt. »Aus der schönen wilden Lieutenantszeit«, »Schwarzgelbe
Reitergeschichten«, »Mit tausend Masten«, »Auf gerettetem Kahn«, »Die
Juckerkomtesse«, »Der beschleunigte Fall«, »Aus drei Weltstädten« u.
a. Seiner Selbstbiographie gab er den Titel: »Von der Wasser- bis zur
Feuertaufe. Werde- und Lehrjahre e. österreichischen Offiziers«.
=Johannes Richard zur Megede=, geb. am 8. Sept. 1864 in Sagan,
trat erst als reifer Mann mit einer Reihe von Romanen vor die
Öffentlichkeit. »Kismet«, »Unter Zigeunern«, »Quitt«, »Von zarter
Hand«, die in den exklusiven Adelskreisen spielen und den Verfasser
als einen scharfen Beobachter, der einen sicheren Blick für das
Charakteristische besitzt, erkennen lassen.
=Bertha von Suttner=, geb. am 9. Juni 1843 in Prag, errang ihren
größten Erfolg mit dem Tendenzroman: »Die Waffen nieder«, der für die
Weltfriedensidee Propaganda macht. Von ihren übrigen Werken, die sehr
ungleich im Werte sind, verdienen noch »Inventarium einer Seele« und
»Das Maschinenzeitalter« genannt zu werden.
Die Feuilletonisten.
=Paul Lindau=, geb. am 3. Juni 1839 in Magdeburg, machte sich als
Kritiker einen Namen, den er als produktiver Dichter rasch wieder
einbüßte. Auch in seinen Romanen, die meist in Berlin ~W~ spielen und
starken ~haut-gout~ aufweisen, ist er der Feuilletonist von ehemals
geblieben, der nichts anderes als Eisenbahnlektüre geschrieben.
=Max Nordau= (Pseudon. für Südfeld), geb. am 29. Juli 1849 in Budapest,
errang seinen größten Erfolg mit den von Alltagsweisheit triefenden
»Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit«. Als Verfasser von
»Entartung« scheint er an Paradoxomanie zu leiden oder sie zu heucheln.
=Julius Langbehn= hat mit seinem Buche »Rembrandt als Erzieher« einen
beispiellosen Erfolg gehabt, weil es »die Menschen zu verwirren weiß«.
Seine »40 Lieder eines Deutschen« zeigen die ganze dichterische
Unfähigkeit L.'s, dessen phantastisches und konfuses Erstlingswerk eine
geraume Zeit im Mittelpunkt aller litterarischen Diskussionen stand.
=Emil Peschkau=, geb. am 19. Febr. 1856 in Wien, gab eine Reihe von
Skizzen, Epigrammen, Novellen und Romanen heraus, die ein hübsches
Talent auf humoristischem und satirischem Gebiete erkennen lassen.
=Balduin Groller=, geb. am 5. Sept. 1848 in Arad, gilt als der
geistreiche Plauderer, der aus nichts eine schnurrige Geschichte
zusammendrechselt. (»Wenn man jung ist«, »Zehn Geschichten«, »In den
Tag hinein« u. a.)
=Ferdinand Groß=, geb. am 8. April 1849 in Wien, schrieb zahlreiche
Skizzen, Novellen und Romane, die den liebenswürdigen Plauderer und
Feuilletonisten der Wiener Schule erkennen lassen. (»Blätter im Winde«,
»Litterarische Modelle«, »Zum Nachtisch«, »In Lachen und Lächeln«.)
=Hermann Bahr=, geb. am 19. Juli 1863 zu Linz, kann als der Typus eines
Journalisten gelten, der in allen Sätteln reitet, in Rom und Madrid
zu Hause ist und überall sein Weanertum mitbringt. Ein geistreicher,
talentierter Kopf, der sich gern die Bühne erobern möchte, aber
auch als Schriftsteller immer Journalist bleibt. Er schrieb Romane,
litteraturgeschichtliche Abhandlungen und Theaterstücke, von denen
»Die neuen Menschen«, »Die Mutter«, »Tschaperl« und »Der Athlet« die
bemerkenswertesten sind.
=Maximilian Harden= (~recte~ Witkowski), geb. am 20. Okt. 1861
in Berlin, Herausgeber der »Zukunft«, einer der gewandtesten und
vielseitigsten Journalisten, veröffentlichte seine kritischen Aufsätze
unter dem Titel: »Apostata« und »Theater und Litteratur«. (Vergl. Zur
Charakteristik litterar. und verwandter Blätter.)