_Vorwort_ 5
_Überblick_ 18
_Charakteristiken_:
_Die Romanciers der alten Schule_ 29
Gustav Freytag. -- Friedrich Spielhagen. -- Berthold
Auerbach. -- Luise von François.
_Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre_ 32
Conrad Ferd. Meyer. -- Gottfried Keller. -- Theodor
Storm. -- Paul Heyse.
_Die Formtalente der alten Schule_ 35
Emanuel Geibel. -- Friedr. v. Bodenstedt. -- Adolf
Friedr. Graf v. Schack. -- Rob. Hamerling. -- Albert
Moeser. -- Heinr. Vierordt.
_Lyriker und Epiker der 70er und 80er Jahre_ 37
Julius Grosse. -- Martin Greif. -- Joh. Georg Fischer.
-- Friedr. Wilh. Weber. -- Friedrich Theod. Vischer. --
Wilh. Jordan. -- Hermann Lingg. -- Stephan Milow. --
Ludwig Eichrodt. -- Hermann Allmers. -- Robert Waldmüller.
-- Rudolf Bunge. -- Adolf Brieger. -- Heinrich
Bulthaupt. -- Julius Rodenberg. -- Karl Weitbrecht.
-- Eduard Paulus. -- Isolde Kurz.
_Die neuzeitlichen Romantiker_ 43
Otto Roquette. -- Oskar von Redwitz. -- Heinrich Steinhausen.
-- Wilhelm Hertz.
_Die Dichter mit dem Erdgeruch_ 44
Klaus Groth. -- Ludwig Anzengruber. -- Theod. Herrmann
Pantenius. -- Peter Rosegger. -- Karl Stieler.
-- Hermann von Schmid. -- Maximilian Schmidt. --
Ludwig Ganghofer. -- Arthur Achleitner. -- Johann
Meyer. -- Joh. Heinr. Fehrs. -- Timm Kröger. -- Heinr.
Hansjakob. -- Hermine Villinger. -- Clara Viebig. --
Adolf Bartels. -- Charlotte Niese. -- Ilse Frapan. --
August Sperl. -- Heinrich Sohnrey.
_Die Kulturnovellisten_ 49
Wilhelm Heinrich Riehl. -- Karl Emil Franzos. -- Leopold
Kompert. -- Leopold von Sacher-Masoch.
_Die Dichter-Archäologen_ 50
Georg Ebers. -- Felix Dahn. -- Ernst Eckstein. --
George Taylor. -- Oskar Linke.
_Die Dramatiker der alten Schule_ 52
Rudolf v. Gottschall. -- Hans Herrig. -- Arthur Fitger.
-- Heinrich Kruse. -- Albert Lindner.
_Die sogenannten Lustspieldichter_ 53
Oskar Blumenthal. -- Hugo Lubliner. -- Gustav von
Moser. -- Adolf L'Arronge.
_Die Übergangstalente_ 54
Hans Hopfen. -- Wilhelmine von Hillern. -- Karl
v. Heigel. -- Karl Frenzel. -- Adolf Stern. -- Ferdinand
von Saar. -- Heinrich von Reder.
_Vaganten und Spielmänner_ 56
Josef Victor von Scheffel. -- Rudolf Baumbach. --
Julius Wolff.
_Die Goldschnittlyriker der 80er Jahre_ 57
Karl Gerok. -- Julius Sturm. -- Albert Traeger. --
Emil Rittershaus.
_Die Beschaulichen_ 58
Wilhelm Raabe. -- Wilhelm Busch. -- Hans Hoffmann.
-- Heinrich Seidel. -- Victor Blüthgen.
_Die Behaglichen_ 60
Julius Stinde. -- Johannes Trojan. -- Julius Lohmeyer.
-- Edwin Bormann. -- Georg Bötticher. -- Hans
Arnold.
_Die Dichter der Dekadenz_ 61
Dranmor. -- Eduard Grisebach. -- Emil Prinz von
Schönaich-Carolath. -- Hieronymus Lorm. -- Alberta
von Puttkamer. -- Ada Christen.
_Die Marlitt und ihre Schule_ 63
E. Marlitt. -- W. Heimburg. -- E. Werner. -- Marie
Bernhard. -- Nataly von Eschstruth.
_Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer_ 64
Karl Bleibtreu. -- Michael Georg Conrad. -- Hermann
Conradi. -- Konrad Alberti. -- Heinrich Hart. -- Julius
Hart. -- Hermann Heiberg. -- Max Kretzer. -- Wilhelm
Walloth. -- Wilhelm Arent. -- Wolfgang Kirchbach.
_Socialistische Lyriker_ 67
Arno Holz. -- Karl Henckell. -- Maurice Reinhold
Stern. -- John Henry Mackay. -- Bruno Wille.
_Die Nationalen_ 69
Adolf Pichler. -- Karl Pröll. -- Fritz Lienhard. --
Anton Ohorn. -- Anton Aug. Naaff. -- Ottomar
Beta. -- Adolf Graf v. Westarp. -- E. Bauer. --
Carl Kerstan.
_Die großen neuzeitlichen Erzähler_ 71
Theodor Fontane. -- Wilhelm Jensen. -- Marie von
Ebner-Eschenbach. -- Adolf Wilbrandt. -- Richard Voß.
_Realistische Erzähler_ 73
Ernst von Wolzogen. -- Konrad Telmann. -- Alexander
von Roberts. -- Georg v. Ompteda. -- Wilhelm v. Polenz.
-- Ad. Schmitthenner. -- Karl v. Perfall. -- Anton
v. Perfall. -- Oscar Mysing. -- Richard Nordhausen. --
J. J. David. -- Felix Hollaender. -- Heinz Tovote.
_Die Unterhaltungstalente_ 77
Ernst Wichert. -- August Niemann. -- Gerhardt von
Amyntor. -- Otto v. Leixner. -- Fritz Mauthner. --
Theophil Zolling. -- Rudolf Stratz. -- Hans Land.
-- Wilh. Wolters. -- Franz v. Königsbrun-Schaup.
-- Fedor von Zobeltitz. -- Hanns von Zobeltitz. --
Ida Boy-Ed. -- A. v. d. Elbe. -- Claire Glümer. --
Sophie Junghans. -- Luise Westkirch.
_Romanciers des ~High-life~_ 81
Rudolf Lindau. -- Ossip Schubin. -- Baron Carl
Torresani. -- Johannes Richard zur Megede. -- Bertha
von Suttner.
_Die Feuilletonisten_ 82
Paul Lindau. -- Max Nordau. -- Julius Langbehn. --
Emil Peschkau. -- Balduin Groller. -- Ferdinand
Groß. -- Hermann Bahr. -- Maximilian Harden.
_Die Industriellen_ 84
Gregor Samarow. -- Alfr. Friedmann.
_Die dramatischen Hauptmänner_ 85
Ernst von Wildenbruch. -- Gerhart Hauptmann. --
Hermann Sudermann.
_Die kleineren Dramatiker der Neuzeit_ 88
Max Halbe. -- Ludwig Fulda. -- Arthur Schnitzler. --
Josef Lauff. -- Felix Philippi. -- Max Dreyer. --
Josef Ruederer. -- Caesar Flaischlen. -- Otto Erich
Hartleben. -- Philipp Langmann. -- Ernst Rosmer. --
Georg Hirschfeld.
_Tendenzfreie Lyriker der jüngsten Zeit_ 91
Detlev von Liliencron. -- Gustav Falke. -- Carl
Busse. -- Ludwig Jacobowski. -- Richard Zoozmann. --
Reinhold Fuchs. -- Jeannot Emil Freiherr v. Grotthuß. --
Ricarda Huch. -- Alfred Beetschen. -- Hans Bethge. --
Anna Ritter. -- Johanna Ambrosius. -- Ludwig
Palmer. -- Gustav Renner.
_Philosophische und polemische Dichter_ 94
Ferdinand Avenarius. -- Wilhelm Weigand. -- Otto
Ernst. -- Carl Spitteler. -- Josef Viktor Widmann. --
Christian Wagner. -- Wilhelm Bölsche. -- Walther
Siegfried. -- Benno Rüttenauer.
_Die Amazonen des Geistes_ 97
Marie Eugenie delle Grazie. -- Helene Böhlau. -- Anna
Croissant-Rust. -- Maria Janitschek. -- Emil Marriot. --
Hermione von Preuschen. -- Lou Andreas-Salomé. --
Gabriele Reuter. -- Anselm Heine. -- Hans von Kahlenberg.
-- Elsa Asenijeff.
_»Artisten«, Symbolisten und Unverstandene_ 99
Johannes Schlaf. -- Otto Julius Bierbaum. -- Franz
Evers. -- Stanislaw Przybyszewski. -- Richard Dehmel.
-- Frank Wedekind. -- Wilhelm von Scholz. -- Felix
Dörmann. -- Hugo v. Hofmannsthal. -- Hugo Salus.
-- Peter Altenberg. -- Stephan George. -- Alfred
Mombert. -- Paul Scheerbart.
_Nationale Jungösterreicher_ 103
Arthur von Wallpach. -- Franz Herold. -- Hermann
Hango. -- Josef Kitir. -- Oskar Weilhart. -- Franz
Adamus. -- Emil Ertl. -- Heinrich v. Schullern. --
Hanns Weber-Lutkow. -- Hugo Greinz.
_Zur Charakteristik litterarischer und verwandter
Blätter_ 106
_Der Verlagsbuchhandel und sein Anteil an der
Litteratur der Gegenwart_ 118
_Register der in den »Charakteristiken« angeführten
Namen_ 133
Überblick.
Der deutsch-französische Krieg 1870/71 erfüllte das Sehnen der
Nation nach Einheit und Macht unter einem neuen deutschen Kaisertum:
eine neue Litteratur brachte er nicht. Selbst die Kriegslyrik trieb
nur wenig neue Blüten; Schlag auf Schlag war draußen in Frankreich
erfolgt, und ehe man Zeit fand, den jungen Ruhm dichterisch zu
verherrlichen, war der Friede geschlossen. Was sehnsüchtig die Besten
der Nation herbeigewünscht, war in Erfüllung gegangen, aber nach dem
jahrzehntelangen Warten stand man zu plötzlich am Ziel, um die Wandlung
begreifen zu können. In den Kabinetten war der Krieg beschlossen
worden, die Volksseele hatte wenig Teil an ihm. Auch die Errichtung
des deutschen Kaisertums war mehr ein Akt der Diplomatie, als der
Ausfluß jenes Sehnens, das im Volke lebte und dessen Erfüllung man
kaum noch erhoffte, als sie schon eingetreten war. Die wenigen großen
Dichter, die wir um jene Zeit besaßen, waren in ihrer Entwicklung
bereits abgeschlossen, als Bismarck Deutschland in den Sattel hob.
Paul Heyse war zu sehr Künstler, Ästhetiker, als daß von ihm eine
nationale Kunst ihren Ausgang nehmen konnte. Seine Sehnsucht ging mehr
nach dem sonnigen Italien oder dem schönheitstrunkenen Hellas, als
nach dem neuen Deutschen Reiche. Berthold Auerbach hatte sein Bestes
schon geleistet und Gustav Freytags altfränkisch-philiströse Kunst
fand sich ebensowenig im neuen Deutschland zurecht, wie Friedrich
Spielhagens politisches Glaubensbekenntnis. Die beiden Schweizer
Gottfried Keller und Conrad Ferd. Meyer standen zu weit ab vom
Deutschen Reiche, um wirklichen Einfluß auf sein nationales Leben zu
gewinnen. So verklang das Lied vom »Grünen Heinrich« in der Ferne und
erst viel später wurde seine Melodie wieder gehört. Conrad Ferd. Meyers
feinciselierte Kunst war nie Volkskunst, ihr Einfluß blieb auch später
auf Litteraten- und Künstlerkreise beschränkt. Das Volk trug kein
Verlangen nach Kunst; was es suchte, war Unterhaltung -- Genuß. Die
Milliarden kamen ins Land und ein toller Taumel erfaßte alle Kreise:
wer früher Wasser getrunken, berauschte sich jetzt in Champagner.
Die Gründerperiode war angebrochen, das Gold übte seine Zauberkraft,
alles in seinen Bann ziehend und alle anderen als vitale Interessen
ertötend. Oskar Blumenthal und Paul Lindau, Namen, die heute schon vom
litterarischen Schauplatz verschwunden sind, feierten ihre Triumphe,
und das eroberte Paris war es, das seine litterarischen Schatzkammern
öffnete und dem neuen Reich auch die »neue Kunst« gab. Sie war auch
danach und ihrer Vertreter würdig. Die beiden Litteraturpäpste an der
Spree waren aus dem Journalismus hervorgegangen. Beide suchten mit
Pamphleten schlimmster Sorte ihr Ansehen zu begründen. Den »Allerlei
Ungezogenheiten« des »blutigen Oscar« traten die »Litterarischen
Rücksichtslosigkeiten« Lindaus ebenbürtig zur Seite. Alles, was in
Deutschland einen Namen besaß, verfiel ihnen und wurde mit Spott
und Hohn überschüttet. Paris war die Parole. Hatte das kriegerische
Frankreich keine Lorbeeren gepflückt, so fielen sie jetzt dem
künstlerischen Frankreich überreich in den Schoß. Selbst vor dem
Kriege war die Abhängigkeit von unseren westlichen Nachbarn nicht so
groß wie nach der Wiedergeburt Deutschlands, das sich erst auf seine
Machtstellung besinnen mußte. Irregeleitet von falschen Propheten, die
ihre Lehrjahre in Paris durchgemacht hatten, wußte das Volk nichts
Besseres, als der leichtgeschürzten gallischen Muse zuzujubeln und ihre
Kinder für den Inbegriff des Schönen und Wahren hinzustellen.
Die Zeiten des Kulturkampfes waren der Entwickelung der deutschen
Dichtung wenig günstig, die Handvoll wirklicher Poeten, die Deutschland
besaß, ging unverstanden ihre Wege und viel später erst fand sie
Anerkennung. Die Gründerperiode hatte bald abgewirtschaftet, der Krach
kam, der Champagnerrausch verflog und nur der Katzenjammer blieb
zurück. Damals wurde Schopenhauer Mode. Sein Schüler Grisebach sang
seine Tannhäuserlieder, die die Stimmung des Volkes widerspiegeln,
das von Genuß zu Genuß taumelt, bis ihm erwachend der Ekel kommt.
Eine Zeit der Nüchternheit und Niedergeschlagenheit folgte den tollen
Jahren, eine Zeit, in der die Litteratur auf die Zuneigung der höheren
Töchter angewiesen war. Die Poesie flüchtete in die Gelehrtenstuben und
drapierte sich malerisch mit griechischen und ägyptischen Gewändern,
um sich ein besonderes Air zu geben. Es waren die Erntejahre der
Dahn und Ebers. In ihrem Gefolge erschienen die Scheffel, Wolff und
Baumbach und ließen ihre Spielmannsweisen ertönen. Die Romantik hat
den Deutschen immer im Blute gesteckt und sie sollte auch im neuen
Deutschen Reiche nicht zu kurz kommen. Was ihre Vertreter an gutem
Geschmack noch übrig ließen, das richteten die Gartenlaube-Talente vom
Schlage der Marlitt zu Grunde. Wohl hatte Storm bereits seine schönsten
Lieder gesungen, Wilh. Raabe, Anzengruber und Rosegger waren bei der
Arbeit und andere kleinere Talente ihnen gefolgt, aber was vermochten
sie gegen die Protegés der höheren Töchter in einer Zeit, die die Kunst
nur als angenehme Zugabe zum Leben betrachtete und keine Dichter haben
wollte?
In dieser Zeit des Niederganges erstand dem litterarischen Deutschland
ein Retter in einer Gruppe junger Schriftsteller, die dem allmählichen
Versanden der Litteratur nicht länger teilnahmslos zusehen wollte.
Sie empfand tief die Mißachtung, die man dem einheimischen Schrifttum
entgegegenbrachte, eine Mißachtung, an der nicht sowohl das Publikum
als auch die Litteratur selbst schuld war. Die erste Streitschrift
»Kritische Waffengänge«, die der »neuen Litteratur« die Wege bahnen
sollte, ging von den Gebrüdern Hart aus.
In einem einleitenden Aufsatze: »Wozu, wogegen, wofür?« entwickeln sie
ihr Programm: Sie wollen aufräumen mit dem eklektischen Dilettantismus,
der sich breit macht, mit dem um sich fressenden Kastratentum der
Kritik. Sie wollen Platz machen für bessere und edlere Geister, weil
sie nicht an einen Niedergang der Litteratur glauben können und wollen.
»Hinweg also mit der schmarotzenden Mittelmäßigkeit, hinweg alle
Greisenhaftigkeit und alle Blasiertheit, hinweg das verlogene
Recensententum, hinweg mit der Gleichgiltigkeit und hinweg mit allem
sonstigen Geröll und Gerümpel. Reißen wir die jungen Geister los aus
dem Banne, der sie umfängt, machen wir ihnen Lust und Mut, sagen wir
ihnen, daß das Heil nicht aus Ägypten und Hellas kommt, sondern daß sie
schaffen müssen aus der germanischen Volksseele heraus, daß wir einer
echt nationalen Dichtung bedürfen, nicht dem Stoffe nach, sondern dem
Geiste, daß es wieder anzuknüpfen gilt an den jungen Goethe und seine
Zeit, und daß wir keine weitere Formenglätte brauchen, sondern mehr
Tiefe, mehr Glut, mehr Größe.«
Und nun kommen die kritischen Abschlachtungen. Im ersten Heft muß
der Dramatiker Heinrich Kruse herhalten, im zweiten wird Paul Lindau
vorgenommen. Ihm folgen Hugo Bürger (Hugo Lubliner) und Albert
Träger. Das vierte Heft enthält eine Beleuchtung des »Deutschen
Theater« L'Arronges; im fünften wird Graf Schack gelobt und zum Schluß
Spielhagen und dem deutschen Roman der Gegenwart näher oder besser zu
nahe getreten. -- Den »Kritischen Waffengängen« folgte die Arent'sche
Anthologie »Moderne Dichtercharaktere«, der sich Karl Bleibtreu mit
seiner Broschüre: »Revolution der Litteratur« anschloß. Um den »Jungen«
ein Organ zu schaffen, in dem sie ihre Meinungen ungeschminkt zum
Ausdruck bringen konnten, gründete M. G. Conrad in Gemeinschaft mit
Bleibtreu »Die Gesellschaft«. Sie wurde bald der Mittelpunkt einer
Anzahl junger Schriftsteller, unter denen sich neben den Herausgebern
Hermann Conradi, Wilhelm Walloth, Konrad Alberti bemerkbar machten.
Wie bei jeder neuen Kunstrichtung schoß man auch hier über das Ziel
hinaus, und in dem Bestreben, alles Bestehende über den Haufen zu
werfen oder doch zu reformieren, wurde man ungerecht und was noch
schlimmer war, roh. Dazu kam, daß man an Stelle der alten Kunst zwar
ein neues _Programm_, aber keine neue _Kunst_ setzen konnte. Auch da
mußte Frankreich aushelfen. Der den Deutschen verwandte Meister Zola
zog die Jüngsten in seinen Bann, und wie helle Fanfarenstöße klang
sein Name in das Lager der »Alten«. Wahrheit und Natur waren die
Schlagworte, mit denen man der Romantik zu Leibe ging. Die Großstadt
mit ihrer Pracht und ihrem Elend wurde entdeckt, die Kellnerinnen und
Dirnen in die Litteratur eingeführt und die vielgliedrige sociale Frage
der Belletristik einverleibt. Aber dem großen Wollen entsprach nur
ein geringes Können. Bleibtreu suchte den Satz zu erweisen, das Genie
sei der Fleiß, und schrieb unermüdlich Band auf Band, M. G. Conrad
schuf seine Münchener Großstadt-Romane nach Zola'schem Recept, Konrad
Alberti wählte sich Berlin zum Schauplatz seiner socialen Romane und
Hermann Conradi stammelte brünstige Lieder und »Phrasen«. Daneben
sangen Arno Holz und Karl Henckell ihre Proletarierlieder, bei denen
Geibel und Herwegh Pate gestanden, Liliencron sattelte seinen Pegasus
zu den »Adjutantenritten« und Hermann Heiberg schrieb seinen »Apotheker
Heinrich«.
So beachtenswert auch einzelne Leistungen waren, so wenig konnte das
Gesamtbild befriedigen. Die neuen Stoffe besaß man wohl, aber die
Künstler fehlten, sie zu gestalten. Auch sonst kam noch manches hinzu,
was wenig geeignet war, der neuen Kunst Anhänger zuzuführen. Ästhetisch
feiner empfindende Naturen fühlten sich abgestoßen von dem Gebahren
der Jüngstdeutschen, die den weichen Künstlerschlapphut der Münchener
Schule ostentativ mit der Ballonmütze des Proletariers vertauschten
und in der Art sich zu geben vieles zu wünschen übrig ließen. Die
Unzulänglichkeit in der Bewältigung der neuen Stoffe führte wieder zu
einer Anlehnung an das Ausland. Dank den »Gründer«-Übeln übersah man
Dichter wie _Otto Ludwig_ und vor allem _Friedrich Hebbel_, die zwar
noch keine socialistische und Kellnerinnen-Litteratur geschaffen,
aber den _natürlichen Übergang_ von der alten zur neuen nationalen
Kunst darstellen. Ibsen und Tolstoi, denen sich Strindberg, Björnson,
Dostojewskij u. a. zugesellten, wurden vielmehr neben Zola die großen
Vorbilder, denen die Jüngstdeutschen nacheiferten. An Ibsen bewunderte
man die Kühnheit, mit der er an alle ererbten Institutionen und
Anschauungen herantrat und ihre Fäulnis und Verderbtheit aufdeckte.
Und daneben lag in dem »Wunderbaren«, auf das der große Prophet des
Nordens hinwies, ein eigener Zauber, der ebenso gefangen nahm, wie
die Lehre von dem Erbarmen mit dem Elend der Gegenwart, die Tolstoi
verkündete. Ibsen besonders hat das große Publikum mit dem Denken
und Empfinden der Modernen vertraut gemacht: die Hunderttausende von
Exemplaren, die Reclam von seinen Stücken in die Welt sandte, predigten
das neue Evangelium der Kunst. Neben ihm aber war ein anderer Prophet
aufgetreten, der über Stirner noch hinausgehend, die Philosophie des
Egoismus predigte und das »robuste Gewissen« verherrlichte: Friedrich
Nietzsche. Der Sklavenmoral des Christentums setzte er die Herrenmoral
des »Uebermenschen« gegenüber und wenn er auch kein System auf- und
ausgebaut hat, so hat seine Lehre doch den stärksten Einfluß auf die
jüngste Dichtergeneration ausgeübt, die sich an seinen großen Worten
berauschte und das von ihm verherrlichte Übermenschentum für sich zu
pachten suchte.[2]
[2] Die Gebrüder Hart hatten in ihren »Kritischen Waffengängen«
die Forderung aufgestellt: die deutschen Dichter müßten
»aus der germanischen Volksseele heraus schaffen«; ihre
modernen Mitstürmer aber vermochten, wie oben ausgeführt,
die Stoffe, die in der deutschen Volksseele lebten, weder
zu erfassen, noch zu gestalten. Sie verfielen vielmehr der
krassesten Ausländerei und befriedigten ihren germanischen
Litteraturdrang dadurch, daß sie gehorsam zu den Füßen
der Franzosen, Russen und Norweger saßen. Gegen diese
Versumpfung der »litterarischen Revolution« und »Moderne«
trat eine Bewegung auf, die das »Nationale« wieder in den
Vordergrund zu schieben und eine »Heimatkunst« zu schaffen
suchte. Politisch schloß sie sich an die Deutschbewegung in
Österreich und den russischen Ostseeprovinzen an und fand
ihren stärksten Ausdruck in dem von Erwin Bauer gegründeten
»Zwanzigsten Jahrhundert«, zu dessen Mitarbeitern
Karl Pröll, Adolf Graf Westarp, Fritz Lienhard, Oskar
Linke, Jeannot Emil von Grotthuß u. a. gehörten. Diese
»nationale« Litteratur-Bewegung verfiel jedoch sehr bald
dem politischen Antisemitismus und verlor dadurch den
Einfluß auf die deutsche Jugend ebenso rasch, wie sie ihn
gewonnen hatte. Erst in den letzten Jahren sind diese
Bestrebungen, wenn auch in etwas veränderter Form, von
Ferdinand Avenarius, Adolf Bartels, Fritz Lienhard u.
a. im »Kunstwart« und neuerdings in der »Heimat« wieder
erfolgreich aufgenommen worden.
War es um die Litteratur im allgemeinen schon schlecht bestellt,
so hatte das deutsche Theater im besonderen unter dem Tiefstand
des litterarischen Interesses und des herrschenden Geschmacks zu
leiden. Erst Richard Wagners Schöpfung des musikalischen Dramas
erinnerte daran, daß die Bühne anderen Zwecken zu dienen habe als
der Darstellung französischer Possen und Zoten. Seine Dramen ließen
die Vergangenheit wieder aufleben, in seinen stolzen Reckengestalten
und heldenmütigen Frauen zeigte der Dichter-Komponist wieder Ideale,
an die der Glaube längst abhanden gekommen. Aber Wagners Bedeutung
liegt mehr auf musikalischem als dichterischem Gebiete und auf die
große Menge hat seine Kunst kaum Einfluß gewonnen. Zudem waren die
Wagnerianer, die heute eine Welt darstellen, damals wenig mehr als
eine kleine Fanatikergemeinde. Von der jüngeren Generation war
Wildenbruch der erste, der sich die Bühne mit seinen Stücken eroberte,
in denen er dramatisch das Ergebnis der neuen Gestaltung Deutschlands
zu ziehen suchte. Er schuf eigenartige Charakterbilder aus der
brandenburg-preußischen Geschichte und das Schillersche Pathos, das er
anschlug, gewann ihm die Gunst des Publikums im Fluge. Das eigentliche
Drama der Gegenwart aber, das seinen Stoff dem modernen socialen Leben
entnimmt, brachte der neuen Zeit zuerst Sudermann in seiner »Ehre«.
Sie leitete eine neue Epoche unseres Litteraturlebens ein, nicht
ihres künstlerischen Gehaltes wegen, sondern durch die Anteilnahme an
dem dichterischen Schaffen unserer Tage, die sie in den Kreisen des
Publikums weckte. Auf die unbestrittenen Erfolge Sudermanns folgten
die lärmenden Kundgebungen, mit denen man die ersten Schöpfungen
Hauptmanns empfing, die noch ganz unter dem Einflusse Ibsens standen.
Andere jüngere Talente, wie Halbe, Fulda, Hartleben schlossen sich
an. Durch sie und die späteren Triumphe Hauptmanns wurde die Bühne
dem Naturalismus dauernd gewonnen: die Jüngsten hatten gesiegt, wenn
auch auf einem anderen Plane als dem zuerst ins Auge gefaßten. Ihr
Augenmerk war ursprünglich auf die Regeneration des Romans gerichtet,
dem sie neue Stoffgebiete zu erschließen suchten. In Wirklichkeit war
es nur die Technik, die eine Umgestaltung erfuhr, denn auch die Dichter
der alten Schule, Spielhagen, Heyse, um nur zwei der noch lebenden
zu nennen, hatten aus ihrer Zeit geschöpft und versucht, ein Bild
derselben zu geben.
Das unbestrittene Verdienst der neuen Schule ist die stärkere
Anteilnahme der Litteratur am Leben der Gegenwart, dessen Erscheinungen
sie festzuhalten und künstlerisch zu gestalten sucht. Schon beginnt
das Interesse für den romanischen Süden dem Zug nach dem germanischen
Norden zu weichen und an Stelle der »Internationalität« sucht man
wieder die volkstümlichen Grundlagen unserer Kunst auf: die Heimat und
ihre Vergangenheit. Diese Errungenschaften der letzten Jahre werden
durch die blutlose Nervenpoesie der Symbolisten, Neurotiker, Esoteriker
und wie die neuen Kunstjünger alle heißen, kaum gefährdet werden, das
bloße Spielen mit Inhalt und Form, das »halbe heimliche Empfinden«
wird Menschen mit ganzem gesunden Empfinden schwerlich in seinen Bann
ziehen. Denn wenn man auch von dem echten Dichter verlangt, daß er
die ganze Empfindungsklaviatur beherrscht, also auch die »schwarzen
Tasten«, die »halben Töne« kennt, so darf doch nicht vergessen werden,
daß diese immer nur _den_ Wert haben, _die Gefühls- und Gedankenwelt
des Dichters_ zu besserem, stärkerem Ausdruck zu bringen. Denn auf
_diese_, nicht auf die Technik kommt es an, so sehr auch die letztere
die Absichten des Dichters zu unterstützen vermag. Verheißungsvoll
für das Gedeihen unserer Litteratur ist die Rückkehr vom Ausland und
seinen Vorbildern zur Heimat, zu Goethe und die Annäherung an die
Kunstprinzipien der Vergangenheit: nur in dem Kompromiß des Alten mit
dem Neuen kann für die nächste Zukunft das Heil der deutschen Dichtung
erblickt werden.
Die Romanciers der alten Schule.
=Gustav Freytag=, geb. am 13. Juli 1816 zu Kreuzburg, gest. am 30.
April 1895, wird als der Dichter des deutschen Bürgertums gefeiert.
Selbst durch die besten Werke, die er geschaffen, geht ein leiser
philiströser Zug, den er vielleicht seiner Stellung als Privatdocent
in Breslau verdankt. Fast allen Büchern Freytags sieht man an, daß
ihr Verfasser Kulturhistoriker ist, der sein Material gewissenhaft
zusammenträgt, ehe er an die Ausarbeitung eines Werkes geht. Fr., ein
ausgesprochenes Erzählertalent, begann seine litterarische Laufbahn
als Lyriker und Dramatiker. Sein erstes Stück führte den Titel »Die
Brautfahrt«, ihm folgten die Gedichte: »In Breslau«, die Schauspiele
»Die Valentine« und »Graf Waldemar«. Im Jahre 1848 übernahm er in
Gemeinschaft mit dem Litterarhistoriker Julian Schmidt die Redaktion
der »Grenzboten«, die er durch fast 25 Jahre fortführte. Seiner
Beschäftigung mit Politik und Presse verdankt das nicht gerade
tiefgehende Lustspiel: »Die Journalisten« seine Entstehung, das einen
großen und dauernden Erfolg errang, der seinem nächsten, der Gegenwart
abgewandten Drama: »Die Fabier« nicht beschieden war. 1855 entstand das
Hohelied des deutschen Kaufmannes: der Roman »Soll und Haben«, nach dem
Recept geschrieben, das Julian Schmidt aufgestellt hatte: »Der Roman
soll das Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist:
nämlich bei der Arbeit«. Das nächste Werk: »Die verlorene Handschrift«
spielt in Professorenkreisen und gewann ihm die Herzen der akademischen
Jugend. Seine kulturhistorischen Forschungen legte F. in den »Bildern
aus der deutschen Vergangenheit« nieder. Acht Jahre hat er dann an den
»Ahnen«, einer Art historischen Familienromans, geschrieben, von dem
jedes Jahr einen neuen Band brachte. 1. »Ingo«, 2. »Ingraban«, 3. »Das
Nest der Zaunkönige«, 4. »Die Brüder vom deutschen Hause«, 5. »Marcus
König«, 6. »Der Rittmeister von Alt-Rosen«, 7. »Der Freierkorporal
bei Markgraf Albrecht«, 8. »Aus einer kleinen Stadt«. Das ganze Werk,
dessen Schauplatz nach Thüringen verlegt ist, sollte die Wandlungen
des deutschen Volkes darstellen: mit jedem Bande geht es mehr der
Gegenwart entgegen, bis die Sammlung, mit dem Jahre 350 beginnend,
mit einer Erzählung aus dem 19. Jahrhundert ihren Abschluß erreicht.
Eine »Technik des Dramas«, die ihn als feinen Kenner der dramatischen
Praxis zeigt, verdient noch Erwähnung, sowie eine Lebensbeschreibung
Karl Mathys' und die mit geteilten Empfindungen aufgenommene Schrift:
»Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone«. Sein Leben und Schaffen
beschrieb der Dichter selbst in den »Erinnerungen aus meinem Leben.«
=Friedrich Spielhagen=, geb. 24. Febr. 1829 in Magdeburg, ist der
Dichter der Reaktion, jener Zeit, die dem tollen Jahre folgte; seine
Romane suchen vor allem die Erscheinungen der Zeit, die socialen
Kämpfe, den Sturm und Drang der letzten 50 Jahre festzuhalten und
dem Leser verständlich zu machen. Sp. hatte bereits das 30. Jahr
überschritten, als sein erster großer Roman »Problematische Naturen«
erschien, der seinen litterarischen Ruf begründete. Sein zweiter
großer Roman »Die von Hohenstein«, hat als Hintergrund das Jahr 1848,
ihm schlossen sich »In Reih und Glied« und »Hammer und Amboß« an.
Von weiteren Werken Spielhagens, die fast alle tendenziös gefärbt
sind, nennen wir noch: »Hans und Grete«, »Unter Tannen«, »Die
Dorfkokette«, »Deutsche Pioniere«, »Allzeit voran«, »Was die Schwalbe
sang«, »Ultimo«, »Sturmflut«, »Das Skelett im Hause«, »Platt Land«,
»Quisisana«, »Angela«, »Uhlenhaus«, »An der Heilquelle«, »Was will das
werden?«, »~Noblesse oblige~«, »Ein neuer Pharao«, »Sonntagskind«,
»Stumme des Himmels«, »Susi«, »Selbstgerecht«, »Zum Zeitvertreib«,
»Faustulus«. Auch als dramatischer und lyrischer Dichter hat sich
Spielhagen, wenngleich mit geringem äußeren Erfolge versucht.
Von seinen Schriften, deren Gesamtausgabe in vorläufig 22 Bänden
erscheint, verdienen noch Erwähnung: »Beiträge zur Theorie und Technik
des Romans«, »Aus meiner Studienmappe«, sowie der 1899 erschienene
Band: »Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik«,
besonders aber seine Autobiographie: »Finder und Erfinder. Erinnerungen
aus meinem Leben.« -- Spielhagen ist in der Reaktion der 50er und 60er
Jahre stecken geblieben: er verstand die neue Zeit nicht mehr und
suchte in seine neuen Romane noch die alten Ideale hineinzutragen.
Auch das antiquierte Motiv von der Liebe eines mit allen Vorzügen des
Geistes und Herzens ausgestatteten Bürgerlichen zu einer Adeligen, das
in fast allen Werken wiederkehrt und eine heimliche Vorliebe Sp.'s für
den Adel erkennen läßt, vermochte auf die Dauer nicht mehr zu fesseln,
und so sehr sich auch Spielhagen, mehr als jeder andere der »Alten«
bemühte, in die »Moderne« hineinzuwachsen: er verstand sie nicht, so
wenig wie er verstanden wurde.
=Berthold Auerbach=, geb. am 28. Febr. 1812 zu Nordstetten, gest. am 8.
Febr. 1882 zu Cannes in Frankreich, wurde durch seine »Schwarzwälder
Dorfgeschichten« berühmt. Wenn A. auch nicht wie Rosegger, Anzengruber
u. a. in das Wesen des Volkscharakters eingedrungen ist -- es als Jude
auch gar nicht konnte, -- so hat er doch das Verdienst, einer der
ersten gewesen zu sein, die die Dorfgeschichte wieder zu Ehren gebracht
haben. Zu seinen besten Novellen, die allerdings auch von Schönfärberei
nicht frei sind, zählen: »Barfüßle«, »Joseph im Schnee« und »Edelweiß«.
Mit den großangelegten Werken »Auf der Höhe«, »Das Landhaus am Rhein«
und »Waldfried« betrat A. das Gebiet des liberalen Tendenzromans.
=Luise von François=, geb. am 27. Juni 1817 in Herzberg, gest. am 26.
Sept. 1893, eine der talentiertesten Romanschriftstellerinnen, erwarb
sich ihre litterarische Stellung durch den historischen Roman: »Die
letzte Reckenburgerin«, dem sich »Frau Erdmuthens Zwillingssöhne«,
»Stufenjahre eines Glücklichen« u. a. anschlossen.
Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre.
=Conrad Ferdinand Meyer=, geb. am 12. Oktober 1825 in Zürich,
gest. am 28. November 1898, ist der Meister der historischen
Novelle, ein Dichter, der zwar nicht Gemeingut des deutschen
Volkes werden wird, der aber den Kenner mit seiner fein ciselierten
Goldschmiedearbeit immer entzücken wird. M.'s Novellen haben meist das
Reformationszeitalter oder die Renaissancezeit als Hintergrund. Seine
dichterische Laufbahn begann er mit dem Epos »Huttens letzte Tage«, ihm
schlossen sich »Jürg Jenatsch«, »Hochzeit des Mönchs«, »Der Heilige«,
»Versuchung des Pescara«, »Angela Borgia« u. a. an.
=Gottfried Keller=, geb. am 19. Juli 1819 in Glattfelden bei Zürich,
gest. am 15. Juli 1890, neben Conr. Ferd. Meyer die bedeutendste
schweizerische Dichtererscheinung der letzten Litteraturperiode, trat
zuerst mit »Gedichten« und dem autobiographischen Meisterwerk »Der
grüne Heinrich« vor die Öffentlichkeit, der erst 20 Jahre nach seinem
Erscheinen die verdiente Würdigung fand und oft mit Goethes »Wilhelm
Meister« verglichen wurde. Das Reifste und Schönste seiner Kunst bot
K. in seinem nächsten Werk, der Novellensammlung: »Die Leute von
Seldwyla«, der 1872 die »Sieben Legenden« folgten. Kulturbilder aus
Zürichs Vergangenheit enthalten die »Züricher Novellen« und ebenso
spielt der Roman »Martin Salander« auf schweizerischem Boden. Lebendige
Phantasie, vermischt mit einem Zug ins Hausbackene, Kleinstädtische
und ein liebenswürdiger, goldener Humor bilden die Grundzüge seines
dichterischen Schaffens. K.'s Domäne ist die Novelle, und wie sehr er
diese meisterte, hat kein Geringerer als Paul Heyse anerkannt, als er
ihn den Shakespeare der Novelle nannte.
=Theodor Storm=, geb. am 14. Sept. 1817 in Husum, gest. am 4. Juli
1888, folgte den Spuren Goethescher Lyrik. Ihn zeichnet ein feiner
Natursinn und echtes tiefes Empfinden aus, so daß seine Lyrik
vorbildlich für die besten dichterischen Talente unter den Modernen
geworden ist. Stifter und Eichendorff, vielleicht noch Mörike,
mögen sein Schaffen am stärksten beeinflußt haben. Neben der Lyrik
(»Gedichte«) ist es besonders die Novelle, der Storm seine Thätigkeit
zuwandte und für deren Entwicklung und Ausbau er das Meiste beigetragen
hat. Als die besten novellistischen Erzeugnisse gelten Storms
»Immensee«, »Von jenseits des Meeres«, »Vor Zeiten«, »Ein stiller
Musikant«, »Psyche«, »Am Nachbarhause links«, »Der Schimmelreiter«.
=Paul Heyse=, geb. am 15. März 1830 in Berlin, wurde als Jüngling
von Geibel dem König Maximilian mit den Worten vorgestellt: »Ein
junger Goethe, Majestät!« Er ist ein moderner Dichter, wenn es auch
eine Zeitlang zum guten Ton gehörte, ihn als abgethan zu betrachten.
H. weiß immer etwas zu sagen und hat moderne Probleme lange vor der
»neuen Schule« behandelt, von der ihn nur technische Fragen scheiden.
Ein guter Schilderer menschlichen Innenlebens, wenns nicht zu tief
nach »innen« geht, bekundet er in seinen Novellen und Romanen, von
denen viele auf italienischem Boden spielen, eine Vorliebe für die
Verirrungen des Weibes, namentlich der Frau von 40 Jahren. Eine
vornehme, edle Sprache zeichnet alle seine Werke aus, er ist der
Dichter der Schönheit und der Leidenschaft, wenn auch der Künstler mehr
als der Mensch an ihnen Anteil hat. Von seinen Novellen und Romanen,
die fast durchwegs moderne Menschen zu Helden haben, die sich über
Gesetz und Sitte erheben, um der Stimme ihres Herzens zu folgen, seien
hier nur angeführt: »Novellen« von 1855, 1858, 1859, 1862, »Meeraner
Novellen«, »Troubadour-Novellen«, »Kinder der Welt«, »Im Paradiese«,
»Roman der Stiftsdame«, »Merlin«, »Über allen Gipfeln«. Auch seine
dramatische (»Ludwig der Bayer«, »Graf Königsmark«, »Elfriede«,
»Alcibiades«, besonders aber »Hans Lange«) und lyrische Produktion
(»Gedichte«, »Neue Gedichte und Jugendlieder«) verdient Erwähnung.
Die Formtalente der alten Schule.
=Emanuel Geibel=, geb. am 17. Oktober 1815 in Lübeck, gest. am 6.
April 1884, war ein dichterisches Talent von großer Formgewandtheit,
jedoch ohne besondere individuelle Prägung, wofür als Beweis gelten
mag, daß seine »Gedichte« und »Neue Gedichte« mehr als hundert Auflagen
erlebten. Den beiden ersten Gedichtbänden, deren Grundpfeiler deutsche
Zucht und Art bilden, schlossen sich: »Gedichte und Gedenkblätter«,
»Heroldsrufe«, »Klassisches Liederbuch«, »Romancero der Spanier
und Portugiesen« (m. d. Grafen Schack) und »Spätherbstblätter« an,
unterbrochen von der dramatischen Produktion G.'s (»Brunhild«,
»Sophonisbe«). Die Kriegslyrik von 1870/71 hat ihm einige hübsche
Gedichte zu verdanken. War G. auch keine eigenartige dichterische
Persönlichkeit, so hat er doch eine Menge Nachahmer und Nachbeter
gefunden.
=Friedrich von Bodenstedt=, geb. am 22. April 1819 in Peine (Hannover),
gest. am 2. April 1892, wurde durch den Erfolg der »Lieder des Mirza
Schaffy«, die man lange für Übersetzungen aus dem Orientalischen hielt,
während es in Wirklichkeit eigene Fabrikate der B.'schen Muse sind,
berühmt. Erfolgreich waren auch die Lieder »Aus dem Nachlaß des Mirza
Schaffy«, während die anderen Dichtungen B.'s nur wenig von sich reden
machten. Außer einer Reihe wissenschaftlicher Werke von zweifelhaftem
Werte und meist recht gewandter Übersetzungen veröffentlichte B., den
seine Zeitgenossen stark überschätzten: »Erinnerungen aus meinem Leben«.
=Adolf Friedrich Graf von Schack=, geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz
bei Schwerin als Sprosse eines alten Freiherrngeschlechtes, gest. am
14. April 1894, studierte Rechtswissenschaft und wandte sich dann der
diplomatischen Carrière zu. Schack hat sich nicht nur als Dichter -- er
war ein hervorragend formalistisches Talent, ohne starke Individualität
-- sondern vor allem als Übersetzer und Litterarhistoriker einen Namen
gemacht. Seine »Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst
in Spanien« gilt noch heute als das bedeutendste Werk über diesen
Gegenstand. Als Lyriker wurde er von Platen, als Epiker von Byron
beeinflußt. Seine Romane in Versen: »Durch alle Wetter«, »Ebenbürtig«
u. a. enthalten zahlreiche Schönheiten, ohne doch einen vollen
künstlerischen Eindruck zu hinterlassen. Zu seinen interessantesten
Werken zählt die Selbstbiographie: »Ein halbes Jahrhundert«. Auch auf
dramatischem Gebiete hat sich der Dichter versucht, ohne jedoch auf der
Bühne festen Fuß fassen zu können.
=Robert Hamerling=, geb. am 24. März 1830 zu Kirchberg am Walde in
Niederösterreich, gest. am 13. Juli 1889, hat eine verschiedenartige
Beurteilung nicht nur als Mensch, was hier wenig interessiert,
sondern auch als Dichter erfahren. Während die einen in ihm nur den
in Farbenrausch schwelgenden Erotiker sehen, ziehen die anderen die
genialsten Dichter der Weltlitteratur zum Vergleiche mit ihm heran.
Sicher ist, daß die beiden großangelegten Epen: »Ahasver in Rom« und
»Der König von Sion« farbenprächtige Schilderungen aufweisen, die ein
ungewöhnliches Talent bekunden. Eine treffliche Leistung ist auch
das satirische Epos »Homunculus«. Weniger Erfolg als seine Epen war
seinen lyrischen Gedichtsammlungen: »Sinnen und Minnen« und »Blätter
im Winde«, wie auch der fünfaktigen Tragödie »Danton und Robespierre«
beschieden. Sein Leben beschrieb H. in den »Stationen meiner
Lebenspilgerschaft«.
=Albert Möser=, geb. am 7. Mai 1835 in Göttingen, gest. am 27. Febr.
1900, ist als Dichter von Platen und Hamerling (vergl. M., Meine
Beziehungen zu Robert Hamerling etc.) beeinflußt. (»Gedichte«, »Nacht
und Sterne«, »Idyllen«, »Aus der Mansarde« etc.). Als Übersetzer der
Dichtungen Pol de Monts war er ein Vermittler zwischen niederdeutschem
und hochdeutschem Wesen.
=Heinrich Vierordt=, geb. am 1. Okt. 1855 in Karlsruhe, machte als
Balladendichter, der vielfach den Volkston glücklich getroffen hat,
von sich reden. Er schrieb »Gedichte«, »Lieder und Balladen«, »Neue
Balladen«, »Akanthusblätter« (Dichtungen aus Italien und Griechenland)
und »Vaterlandsgesänge«, die sich durch farbenprächtige Schilderungen
und poetischen Schwung auszeichnen.
Lyriker und Epiker der 70er und 80er Jahre.
=Julius Grosse=, geb. am 25. April 1828 in Erfurt, ist einer der
fruchtbarsten deutschen Dichter, der sich auf dem Gebiete der Lyrik,
des Romans und des Dramas gleich sicher zu bewegen verstand. Besondere
Erwähnung von seinen Werken, die sich durch feine Entwicklung der
Seelenzustände und Charaktere auszeichnen, verdienen die Dramen: »Der
letzte Grieche«, »Gudrun«, »Judith«, »Tiberius«, von den epischen
Dichtungen: »Das Mädchen von Capri« und »Gundel vom Königssee«.
Originelle Schöpfungen sind auch sein Roman: »Der getreue Eckart« und
seine Lebenserinnerungen »Ursachen und Wirkungen«.
=Martin Greif= (eigentlich Hermann Frey), geb. am 18. Juni 1839 in
Speyer, ist der Meister des einfachen Volksliedes, dessen Ton er
wie wenige trifft. Seinen Ruhm begründeten die bereits wiederholt
aufgelegten »Gedichte«. Seine Dramen (»Heinrich der Löwe«, »Ludwig der
Bayer«, »Francesca von Rimini«) werden das Schicksal der Uhlandschen
Dramen teilen.
=Johann Georg Fischer=, geb. am 25. Okt. 1816 zu Großsüßen, gest. am 6.
Mai 1897, gehört der schwäbischen Dichterschule an, deren Merkmale er
trägt, und ist in seinem dichterischen Schaffen eine Goethe verwandte
Natur. Mit 38 Jahren veröffentlichte er seine ersten »Gedichte«, denen
noch drei weitere Sammlungen, zuletzt -- 1896 -- »Mit 80 Jahren«
folgten. Wie alle Schwaben hat auch er an dem politischen Leben seiner
Zeit teilgenommen, wenn auch nicht in dem Maße wie Uhland. Seine Dramen
»Saul«, »Friedrich II.«, »Florian Geyer« und »Kaiser Maximilian von
Mexiko« werden geschätzt, ohne jedoch bühnenfähig zu sein.
=Friedrich Wilhelm Weber=, geb. am 26. Dez. 1813 in dem Orte Alhausen
bei Driburg in Westfalen, gest. am 5. April 1894, studierte
Medizin und trat im Herbst 1878 mit dem lyrisch-epischen Gedicht:
»Dreizehnlinden« vor die Öffentlichkeit, das ihn mit einem Schlage
zum gefeiertsten katholischen Dichter machte. Außer »Dreizehnlinden«,
von dem mehr als 70 Auflagen erschienen, sind noch seine Dichtung
»Goliath«, sowie die Sammlungen »Gedichte«, »Marienblumen« und
»Herbstblätter« zu nennen.
=Friedrich Theodor Vischer=, geb. am 30. Juni 1807 in Ludwigsburg,
gest. am 14. Sept. 1887, bethätigte sich auf lyrischem Gebiet durch
seine 1882 erschienene Sammlung »Lyrische Gänge« und auf epischem durch
den eigenartigen humoristischen Roman »Auch Einer«. Viel Aufsehen
erregte die Parodie auf den 2. Teil des Faust, die er unter dem
Titel: »Faust. Der Tragödie dritter Teil. Von Deutobold Symbolizetti
Allegoriowitsch Mystifizinsky« herausgab.
=Wilhelm Jordan=, geb. am 8. Febr. 1819 zu Insterburg, wurde bekannt
durch sein Doppelepos »Die Nibelunge«, für die er selbst als
wandernder Rhapsode eine Propaganda machte, die ihm zu einem starken
buchhändlerischen Erfolge verhalf. J. übersetzte ferner die Edda,
Sophokles, Homer, Ilias und Odyssee und gab eine große Anzahl eigener
Dichtungen, Romane (»Die Sebalds«, »Zwei Wiegen«) und Theaterstücke
heraus, von denen die Lustspiele »Durchs Ohr«, »Tausch enttäuscht« und
»Sein Zwillingsbruder« sich als die erfolgreichsten erwiesen. Seine
Lebensauffassung spiegelt sich am besten in dem dramatischen Werk
»Demiurgos« wider.
=Hermann Lingg=, geb. am 22. Januar 1820 in Lindau, faßte durch Geibels
Freundschaft festen Fuß in der Münchener Dichterschule. Sein Hauptwerk
ist das großangelegte farbenprächtige Epos »Die Völkerwanderung«.
Außerdem besitzen wir von ihm eine Reihe Dramen und Gedichte. Sein
Leben und Schaffen beschrieb L. in dem 1. Bande der »Zeitgenössischen
Selbstbiographien« (»Meine Lebensreise«).
=Stephan Milow= (Pseudon. für Stephan von Millenkovics), geb. am 9.
März 1836 in Orsova, verdankt seine litterarische Stellung besonders
seinen lyrischen Gedichten (»Gesammelte Gedichte«). Bemerkenswert sind
noch die Novellenbände »Wie Herzen lieben« und »Höhen und Tiefen«.
=Ludwig Eichrodt=, geb. am 2. Febr. 1827 in Durlach in Baden, gest.
1892, ein Jugendgenosse Scheffels, dichtete eine Anzahl humoristischer
Lieder, die besonders in studentischen Kreisen Anklang fanden
(»Gesammelte Dichtungen«).
=Hermann Allmers=, geb. am 11. Februar 1821 zu Rechtenfleth, gab das
»Marschenbuch« heraus, das im Stile der Riehlschen kulturhistorischen
Novellen Bilder aus dem Leben der friesischen Marschenbauern enthält.
»Dichtungen« und »Römische Schlendertage« schlossen sich an.
=Robert Waldmüller= (Pseudon. für Ed. Duboc), geb. am 17. Sept. 1822
in Hamburg, versuchte sich auf fast allen dichterischen Gebieten und
hat sich auch als Übersetzer bekannt gemacht. Von seinen Romanen sind
»Somosierra« und »Don Adone«, von seinen Gedichtsammlungen »Klänge aus
der Fremde« und »Liebesstürme« die bekanntesten.
=Rudolf Bunge=, geb. am 27. März 1836 in Koethen, als Improvisator
und liebenswürdiger Gesellschafter in allen litterarischen Kreisen
geschätzt, errang seine größten Kassenerfolge mit dem Libretto zum
»Trompeter von Säckingen«. Dichterisch höher steht die 5-aktige
Tragödie »Der Herzog von Kurland«, das den Verlust von Straßburg
und dem Elsaß behandelt. In seiner Gedichtsammlung »Heimat und
Fremde« singt er von Lenz und Liebe, von deutschen Frauen, deutscher
Treue, deutschem Wein und dem angestammten Herrscherhaus, das seine
vielseitige litterarische Thätigkeit durch Verleihung von Titeln und
Orden anerkannte.
=Adolf Brieger=, geb. am 12. Okt. 1832 in Greifswald, ein in den
»weitesten Kreisen« unbekannter Dichter, veröffentlichte erst 1870
in Hexametern das kleine antikisierende Epos »Krösus und Adrastus«,
1885 aber, in die unmittelbare Vergangenheit greifend »König Humbert
in Neapel«. Modern ist auch: »Stirb und werde«. Seine »Ausgewählten
Gedichte« (1895) geben innerlich Erlebtes, meist an das Naturbild
als Symbol (im Goethe'schen Sinne) anknüpfend. Zuletzt erschien:
»Verirrt und heimgefunden«, zwei aus dem Leben der Gegenwart genommene
Versnovellen.
=Heinrich Bulthaupt=, geb. am 26. Okt. 1849 in Bremen, zeigt sich in
der Lyrik dem Schweizer Conrad Ferd. Meyer verwandt (»Durch Frost und
Gluten«), versuchte sich auch wiederholt im Drama (»Der verlorene
Sohn«, »Viktoria« u. a.), ohne jedoch große Bühnenerfolge zu erzielen.
Dagegen erlebte seine »Dramaturgie der Klassiker« wiederholt neue
Auflagen und gilt für das beste neuzeitliche Werk auf diesem Gebiete.
=Julius Rodenberg= (Pseudon. für Levy aus Rodenberg) geb. am 26.
Juni 1831 in Rodenberg (Kurhessen), der Begründer und Leiter der
»Deutschen Rundschau«, schrieb Gedichte, Romane und Reisebeschreibungen
(»Berliner Bilder«), die ihn als liebenswürdigen Poeten zeigen,
der sich gern in die Erinnerung an die so ungleich bessere und
vollkommenere Vergangenheit versenkt. (Vergl. auch R.'s »Erinnerungen
aus der Jugendzeit«.)
=Karl Weitbrecht=, geb. am 8. Dez. 1847 in Neuhengstett, ist nach
Form und Inhalt einer der bedeutendsten schwäbischen Epiker. Von
seinen Büchern seien hier genannt: »Liederbuch«, »Sonnenwende«,
die Novellensammlung »Verirrte Leute«, und der satirische Roman:
»Phaläna. Die Leiden eines Buches«. Ein besonderes Verdienst hat
sich W. in Gemeinschaft mit seinem Bruder Richard um die Pflege der
Dialektdichtung erworben. (»Gschichta-n aus'm Schwôbaland« [1877] und:
»Nohmôl Schwôbagschichta« [1882]).
=Eduard Paulus=, geb. am 18. Okt. 1837 in Stuttgart, besitzt unter den
schwäbischen Dichtern der Gegenwart das stärkste lyrische Talent. Ein
liebenswürdiger Humor, der auch oft satirisch gefärbt ist, zeichnet
seine in der Form tadellosen Gedichte (»Gesammelte Dichtungen«) aus.
1897 ließ er »Arabesken« und im Vorjahre ein Epos in 12 Gesängen
»Tillmann Riemschneider. Ein Künstlerleben« folgen, das wiederum
Zeugnis von der starken lyrischen Begabung P.'s ablegt. Neben einem
kecken, übermütigen Humor macht sich, namentlich in seinen letzten
Schöpfungen, eine wehmütige Grundstimmung bemerkbar.
=Isolde Kurz=, geb. am 21. Dez. 1853 in Stuttgart, ein C. F. Meyer
verwandtes Talent, hat nur wenige Bände (»Gedichte«, »Phantasien«
und »Märchen«, »Florentiner Novellen«, »Italienische Erzählungen«)
publiziert, aber das Wenige trägt den Stempel durchgebildeter
Meisterschaft und ungewöhnlicher Fabulierkunst.
Die neuzeitlichen Romantiker.
=Otto Roquette=, geb. am 19. April 1824 in Krotoschin, gest. am 18.
März 1896, gab eine Reihe von Dramen, Märchen und Romanen heraus, unter
denen »Waldmeisters Brautfahrt« den größten Erfolg davontrug. Seine
»Gedichte« erlebten mehrere Auflagen; als sein bester Roman gilt:
»Buchstabierbuch der Leidenschaft«. Die nach seinem Tode herausgegebene
Erzählung: »Die Reise ins Blaue«, mit verwässerter Eichendorffscher
Romantik, ist nur geeignet, dem Ansehen des Dichters, der jetzt schon
zu den halb Vergessenen gehört, zu schaden.
=Oskar von Redwitz=, geb. am 28. Juni 1823 in Lichtenau bei Ansbach,
gest. am 6. Juli 1891, erregte zuerst durch sein lyrisches Epos:
»Amaranth«, Aufsehen. Von seinen Dramen fanden »Philippine Welser«,
»Der Zunftmeister von Nürnberg« und »Doge von Venedig« eine ebenso
unverdient freundliche Aufnahme, wie sein Roman »Hermann Stark« und das
patriotische »Lied vom neuen Deutschen Reich«.
=Heinrich Steinhausen=, geb. am 27. Juli 1836 in Sorau, trug seinen
größten Erfolg mit »Irmela«, einer stimmungsvollen Geschichte aus
alter Zeit davon. Seinen Werken, von denen wir noch den »Korrektor«,
»Herr Moffs kauft sein Buch« und »Heinrich Zwiesels Ängste« anführen,
fehlt es, trotz des vorwiegend religiösen Grundtons, nicht an heiteren
Episoden.
=Wilhelm Hertz=, geb. am 24. Sept. 1835 in Stuttgart, ein Schüler
Uhlands, machte sich durch seine sprachwissenschaftlichen Werke und
seine »Gedichte«, in denen er sich jedoch nur als reines Formtalent
erwies, einen Namen. Seine bekanntesten Epen sind »Hugdietrichs
Brautfahrt«, »Tristan und Isolde« und »Bruder Rausch«.
Die Dichter mit dem Erdgeruch.
=Klaus Groth=, geb. am 24. April 1819 in Heide in Holstein, gest. 1899,
stand im Mittelpunkt der plattdeutschen Bewegung. Er brachte diese
bisher nur von Improvisatoren zu Possenreißereien benutzte Sprache
wieder durch die Herausgabe seines »Quickborn« zu Ehren. Und wenn auch
Reuter, der Humorist, mit seinen realistischen Darstellungen des Lebens
mehr Erfolg errang als der Lyriker Groth, so gebührt diesem doch ein
nicht minder großes Verdienst um die Erhaltung des Plattdeutschen.
Sein Hauptwerk, der »Quickborn«, dessen Hintergrund die Plätze und
Gassen eines vor einem Jahrzehnt noch kleinen und abgelegenen Fleckchen
der Norderdithmarschen-Heide bilden, enthält Familienbilder, Lieder,
Balladencyklen, Humoristisches etc.
=Ludwig Anzengruber=, geb. am 29. Nov. 1839 in Wien, gest. 1899,
war ursprünglich Schauspieler, später mangels anderer Beschäftigung
Beamter. A.'s Dramen, die stellenweise tendenziös gefärbt sind,
behandeln religiöse und sociale Themata und spielen fast ausschließlich
in Bauernkreisen. Sein erstes Stück: »Der Pfarrer von Kirchfeld«
errang einen vollen Erfolg, der auch seinen späteren Dramen: »Der
Meineidbauer«, »Die Kreuzelschreiber«, »Der Gewissenswurm«, »Der ledige
Hof«, »Das vierte Gebot« treu blieb. Von den genannten Stücken haben
»Der Gewissenswurm« und »Das vierte Gebot« die meiste Anerkennung
gefunden. Von den Erzählungen A.'s steht der großangelegte Roman »Der
Schandfleck« an erster Stelle.
=Theodor Herrmann Pantenius=, geb. am 22. Okt. 1843 in Mitau, Redakteur
des »Daheim«, gehört zu den weniger bekannten Romanciers. Von seinen
Romanen, deren Stoff meist seiner kurländischen Heimat entnommen ist,
gelten als beste »Wilhelm Wolfschildt« und »Allein und frei«; sein
in Livland spielender Roman »Die von Kelles« zählt zu den besten
Schöpfungen der deutschen Litteratur.
=Peter Rosegger=, geb. am 31. Juli 1843 in Krieglach in Steiermark,
erlernte zuerst das Schneiderhandwerk und wurde von dem Herausgeber der
»Grazer Tagespost«, Albert Swoboda, für die Litteratur entdeckt. R. ist
ein Autor von großer Gestaltungskraft und Phantasie, der sich seine
Heimat, die steirischen Alpen, zur Domäne erkoren hat. Obwohl er der
Tendenz nach Idealist ist, sind seine Schilderungen des Bauernlebens
doch durchaus realistisch. Aus der Zahl seiner Werke -- Rosegger
ist einer der produktivsten Schriftsteller, der gewissenhaft jedes
Jahr seine 2, 3 Bände liefert --, heben wir hervor: »Die Schriften
des Waldschulmeisters«, »Heidepeters Gabriel«, »Dorfsünden«, »Der
Gottsucher«, »Neue Waldgeschichten«, »Höhenfeuer«, »Jakob der Letzte«,
»Martin der Mann«, »Der Waldvogel«, »Das ewige Licht«, »Erdsegen«.
=Karl Stieler=, geb. am 15. Dez. 1842 in München, gest. 1885, der
Dichter frischer, fröhlicher »Hochlandslieder«, machte den Krieg
70/71 mit und schrieb »Durch Krieg zum Frieden 1870/1«. Von seinen
oberbayrischen Gedichtsammlungen, die auch in Norddeutschland weite
Verbreitung fanden, nennen wir: »Bergbleameln«, »Habts a Schneid!?«,
»Hochlandslieder«, »Neue Hochlandslieder«, »Um Sunnawend«, »Weil's mi
freut!«
=Hermann von Schmid=, geb. am 13. März 1815 in Weizenkirchen
(Österreich), gest. 1880, wurde durch seine bayrischen Dorfgeschichten
bekannt. Von seinen historischen Werken hat der vierbändige Roman »Der
Kanzler von Tirol« die meiste Beachtung gefunden.
=Maximilian Schmidt=, geb. am 25. Febr. 1832 in Eschlkam, wählte
als Hintergrund seiner Erzählungen den Bayrischen und Böhmer Wald.
Seine Werke zeichnen sich durch volkstümliche Darstellung, hübsche
Naturschilderungen und treffende Charakteristik aus. (»Gesammelte
Werke« 1884 u. ff.)
=Ludwig Ganghofer=, geb. am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren, verlegt den
Schauplatz seiner Romane und Schauspiele meist in das bayerische
Hochgebirge. Von seinen konventionell-volkstümlichen dramatischen
Arbeiten fanden besonders »Der Herrgottsschnitzer von Oberammergau«
und »Der Prozeßhansl« Anerkennung, obwohl seine »Jagerleut« die
Verwandtschaft mit dem »Salontiroler« nicht verleugnen können. Zu
seinen besten Romanen und Novellen, in denen die Natur meist symbolisch
verwertet wird, zählen »Hochlandsgeschichten«, »Der Klosterjäger«, »Die
Martinsklause«, »Der laufende Berg«.
=Arthur Achleitner=, geb. am 16. Aug. 1858 in Straubing, machte
sich durch seine Schilderungen aus dem Wild- und Waidmannsleben der
Hochgebirge bekannt. (»Geschichten aus den Bergen«, »Grüne Brüche«,
»Grenzerleut'«, »Der Stier von Salzburg«, »Der Hirsch von Eßlingen« u.
a.)
=Johann Meyer=, geb. am 5. Jan. 1829 in Wilster in Holstein,
veröffentliche plattdeutsche Erzählungen und Schwänke, »Dithmarscher
Gedichte« und hochdeutsche »Lyrische Gedichte«, die ein eigenartiges
poetisches Talent bekunden.
=Joh. Heinrich Fehrs=, geb. am 10. April 1838 in Mühlenbarbeck,
begann mit Epen (»Krieg und Hütte«, »Eigene Wege«) und schloß daran
plattdeutsche Erzählungen und Gedichte. (»Lütt Hinerk«, »Allerhand Slag
Lüd«.)
=Timm Kröger=, geb. am 29. Nov. 1844 in Haale (Holstein),
debütierte mit dem Novellenband: »Eine stille Welt«, der Bilder und
Geschichten aus Moor und Heide enthält, die sich durch feinsinnige
Naturbetrachtungen auszeichnen. Ein kleines Meisterwerk ist sein
psychologischer Roman »Der Schulmeister von Handewitt«, der in 2.
Auflage unter dem Titel: »Schuld?« erschien.
=Heinrich Hansjakob=, geb. am 19. Aug. 1837 in Haslach in Baden,
ist ein Meister der Dorfgeschichte, der zwar in seinen Schriften
den katholischen Priester nicht verleugnet, dies aber durch einen
urwüchsigen Humor und echtes Empfinden vergessen läßt. (»Aus
meiner Jugendzeit«, »Aus meiner Studienzeit«, »Wilde Kirschen«,
»Schneeballen«.)
=Hermine Villinger=, geb. am 6. Febr. 1849 in Karlsruhe, legte den
Schwerpunkt ihres litterarischen Schaffens auf die Dorfgeschichte.
»Aus dem Kleinleben«, »Unter Bauern«, »Kleine Lebensbilder«, »Aus dem
Badener Land« u. a. enthalten reizende, humorvolle Genrebilder aus dem
badischen »Ländle«.
=Clara Viebig= (Mädchenname von Clara Cohn), geb. in Trier, entnimmt
den Stoff ihrer oft graß naturalistischen Werke mit Vorliebe dem
Gebiete der Eifel. Sie debütierte 1897 mit der Novellensammlung »Kinder
der Eifel«, denen weitere Novellen (»Vor Tau und Tag«), die Romane
»Dilettanten des Lebens«, »Es lebe die Kunst!« und »Das Weiberdorf«
folgten, die jedoch künstlerisch nicht auf der Höhe ihrer ersten
Publikation stehen. Eine ihrer Eifelgeschichten lieferte den Stoff
zu ihrem Drama »Barbara Holzer«. Ihr neuestes Bühnenwerk »Pharisäer«
spielt im Posenschen.
=Adolf Bartels=, geb. am 15. Nov. 1862 in Wesselburen, erwarb sich als
Litterarhistoriker der Kunstwart-Schule einen Namen. Seine historischen
Romane »Die Dithmarscher« und »Dietrich Sebrandt« sind vom streng
geschichtlichen Standpunkt aus geschrieben.
=Charlotte Niese=, geb. am 7. Juni 1854 in Burg auf Fehmarn, gewann
durch ihre schleswig-holsteinischen Geschichten (»Aus dänischer
Zeit«, »Geschichten aus Holstein«, »Auf der Heide«) die Gunst des
Lesepublikums, so daß man über ihre Schwäche, die Socialdemokratie in
Romanen zu bekämpfen, hinwegsieht.
=Ilse Frapan= (Pseudon. für Ilse Levien), geb. am 3. Febr. 1852 in
Hamburg, ist ein starkes dichterisches Talent, dem auch der Humor nicht
fremd ist. Sie gab heraus: »Bescheidene Liebesgeschichten«, »Zwischen
Elbe und Alster«, »Enge Welt«, »Zu Wasser und zu Lande«, »Querköpfe«,
»Flügel auf«, »In der Stille«, sowie einen Band »Vischer-Erinnerungen«.
=August Sperl=, geb. am 5. Aug. 1862 in Fürth, machte sich durch »Die
Fahrt nach der alten Urkunde«, sowie durch den historischen Roman:
»Die Söhne des Herrn Budiwoj«, der König Ottokars Glück und Ende und
das Erstehen des habsburgischen Königshauses behandelt, bekannt. In dem
Epos »Fridtjof Nansen« schilderte er mit Glück die Nordlandsfahrt des
modernen Fridtjof.
=Heinrich Sohnrey=, geb. am 19. Juni 1859 in Jühnde bei Göttingen,
Herausgeber von »Das Land«, zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit dem
früh verstorbenen Heinrich Schaumberger, und gilt als einer der besten
Vertreter der Dorfgeschichte. (»Die Leute aus der Lindenhütte«, »Der
Bruderhof.«)
Die Kulturnovellisten.
=Wilhelm Heinrich Riehl=, geb. am 6. Mai 1823 zu Biebrich a. Rh., gest.
1897, war Professor der Kulturgeschichte in München und einer der
geistvollsten kulturhistorischen Schriftsteller, in dessen Werken der
Belletrist ebenso zu Worte kommt wie der Wissenschaftler. Von seinen
Schriften, die eine Fülle von Anregung und Belehrung bieten, verdienen
die »Kulturhistorischen Novellen«, »Geschichten aus alter Zeit«,
»Kulturstudien aus drei Jahrhunderten«, sowie der Roman »Ein ganzer
Mann« besondere Erwähnung.
=Karl Emil Franzos=, geb. am 25. Okt. 1848 in Czortkow in Podolien,
Herausgeber der »Deutschen Dichtung«, entdeckte »Halbasien« (den
Südosten von Europa) für die Litteratur und verlegte dorthin den
Schauplatz seiner ersten Kulturromane (»Aus Halbasien«, »Die Juden von
Barnow«, »Junge Liebe«, »Stille Geschichten«, »Moschko von Parma«, »Ein
Kampf ums Recht«, »Der Präsident«). Seine späteren Romane und Novellen
begegneten nicht mehr dem gleichen Interesse.
=Leopold Kompert=, geb. am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz, gest. 1886,
gilt neben Karl Emil Franzos als der kenntnisreichste Schilderer des
jüdischen Volkslebens. (»Aus dem Ghetto«, »Geschichten einer Gasse« u.
a.)
=Leopold von Sacher-Masoch=, geb. am 27. Januar 1837 in Lemberg, gest.
1895, als Litterat ein Pendant zum Marquis de Sade, besaß von Natur aus
eine bedeutende Begabung, die jedoch in der Sucht nach der Darstellung
erotisch-perverser Probleme in die Brüche ging. So besitzen seine
Romane nicht viel mehr als pathologisches Interesse (Masochismus).
Die Dichter-Archäologen.
=Georg Ebers=, geb. am 1. März 1837 in Berlin, gest. am 7. August
1898, berühmter Ägyptologe, war einer der beliebtesten Autoren der
letzten Jahrzehnte. Seine Romane entrollen meist Kulturbilder aus
dem Pharaonenlande oder aus dem deutschen Mittelalter. Ebers war der
Hauptvertreter des geschichtlichen Romans, wenngleich ihm der Vorwurf
nicht erspart geblieben ist, daß die meisten seiner Gestalten nichts
als moderne Wesen in historischer Drapierung sind. Eröffnet wurde
die dichterische Thätigkeit E.'s mit dem Roman: »Eine ägyptische
Königstochter«. Fast jeder Epoche der ägyptischen Geschichte ist er in
einem Romane gerecht geworden. (»Uarda«, »~Homo sum~«, »Der Kaiser«,
»Die Nilbraut« u. a.) Unterbrochen wurde der Cyklus der ägyptischen
Romane durch »Die Frau Bürgermeisterin« und »Ein Wort«. Seit 1889
wandte sich E. fast ausschließlich der Schilderung deutschen Lebens
der Vorzeit zu: »Die Gred«, »Im Schmiedefeuer«, »Im blauen Hecht«,
»Barbara Blomberg«. E. war trotz aller Anfeindung eine Dichternatur,
die oftmals durch das Professorentum erstickt wurde, aber in einzelnen
Zügen in jedem seiner Werke zutage tritt.
=Felix Dahn=, geb. am 9. Febr. 1834 in Hamburg, Professor und
Dichter zugleich, wenn auch das erstere mehr als das letztere,
schrieb eine Reihe Romane aus der Zeit der Völkerwanderung und der
altnordischen Heiden- und Heldenzeit, unter denen »Ein Kampf um Rom«
der erfolgreichste, »Julian der Abtrünnige« der beste ist. Von seinen
Dramen verdienen »König Roderich« und »Rüdeger von Bechlaren« genannt
zu werden. Durch umfangreiche Produktion von Gelegenheitsgedichten
(nicht solcher im Goethe'schen Sinne) hat D. viel dazu beigetragen
seinen Ruf als Dichter zu schädigen.
=Ernst Eckstein=, geb. am 6. Febr. 1845 in Gießen, kommt hauptsächlich
als Unterhaltungsschriftsteller in Betracht, obgleich er später auch
den Versuch gemacht hat, sich den realistischen Schriftstellern
zuzugesellen. (»Prusias«, »Die Claudier«, »Nero«, »Dombrowsky«,
»Familie Hartwig« u. a.) Einen großen buchhändlerischen Erfolg erzielte
seine kleine Gymnasialhumoreske: »Der Besuch im Carcer«.
=George Taylor= (Pseudon. für Adolf Hausrath), geb. am 13. Jan. 1837,
Professor an der Universität Heidelberg, geht in den Fußtapfen Georg
Ebers', wenn auch seine archäologischen Romane (»Antionus«, »Klitia«,
»Jetta«, »Pater Maternus«, »Unter dem Katalpenbaum«) mehr dichterische
Fähigkeiten aufweisen als die seines Vorbildes.
=Oskar Linke=, geb. am 15. Juli 1854 in Berlin, berührt sich mit den
Dichter-Archäologen. Äußerst vielseitig und dabei ein Meister der Form,
läßt er seine erzählenden Dichtungen oft im klassischen Altertum, das
er ausgezeichnet kennt und durchdringt, spielen. Seine Weltanschauung
ist eine freie. (»Blumen des Lebens«, »Jesus Christus«, »Mylesische
Märchen«, »Chrysothemis erzählt« u. a.)
Die Dramatiker der alten Schule.
=Rudolf von Gottschall=, geb. am 30. Sept. 1823 in Breslau, ein
Jungdeutscher und Freiheitsänger der vormärzlichen Zeit, ist einer
der vielseitigsten und fruchtbarsten Dichter, der sich auf allen
Gebieten der Dichtkunst und Schriftstellerei umgesehen hat und
seit einem Menschenalter den Mittelpunkt des schöngeistigen Lebens
in Leipzig bildet. Als Bühnenschriftsteller ist G. wiederholt
hervorgetreten: »Mazeppa«, »Katharina Howard«, »Pitt und Fox«, »Der
Spion von Rheinsberg«, »Rahab« u. a. Von seinen Romanen, in denen
er die Bahnen Gutzkows wandelt, ist »Im Banne des schwarzen Adlers«
der erfolgreichste gewesen. Vielfache Anerkennung fanden auch seine
litterarhistorischen Arbeiten (»Deutsche Nationallitteratur in der
ersten Hälfte des 19. Jahrh.«, »Poetik« etc.), in denen die »Moderne«
allerdings nicht immer glimpflich wegkommt, obwohl G. immer bestrebt
war, mit dem Zeitgeist rege Fühlung zu behalten. Sein Leben bis zur
Verheiratung schildert die Autobiographie »Aus meiner Jugend«.
=Hans Herrig=, geb. am 10. Dez. 1845 in Braunschweig, gest. 1892,
schrieb »Mären und Geschichten« und wurde besonders durch sein
»Lutherfestspiel« bekannt, dem eine Reihe dramatischer Arbeiten(»Kaiser
Friedrich der Rotbart«, »Konradin« u. a.) vorausgegangen war.
=Arthur Fitger=, geb. am 4. Okt. 1840 in Delmenhorst, erwählte die
Malerei als Hauptberuf und errang seine dichterischen Lorbeeren mit dem
Trauerspiel: »Die Hexe«, dem er andere dramatische Gaben folgen ließ.
Als Lyriker machte sich F. durch die Sammlungen »Fahrendes Volk« und
»Winternächte« bekannt.
=Heinrich Kruse=, geb. am 15. Dez. 1815 in Stralsund, schrieb im Stile
der alten Kunstüberlieferung eine Reihe von Dramen, unter denen »Die
Gräfin«, »König Erich«, »Brutus«, »Nero« zu nennen sind. K. ist ferner
Verfasser von »Seegeschichten« und »Gedichten«.
=Albert Lindner=, geb. am 24. April 1831 in Sulza, gest. 1888, wurde
mehr durch sein tragisches Geschick (er starb im Wahnsinn) als durch
seine Dramen bekannt, von denen nach seinem Tode »Die Bluthochzeit«
wiederholt aufgeführt wurde. Seine Prosaerzählungen, von denen mehrere
das Frauenleben in ernsten und heiteren Episoden behandeln, blieben
fast unbeachtet.
Die sogenannten Lustspieldichter.
=Oskar Blumenthal=, geb. am 13. März 1852 in Berlin, schrieb Schwänke
ohne künstlerischen Wert, teils allein, teils in Kompagnie, die nur für
das Publikum, nicht für die Litteraturgeschichte in Betracht kommen.
=Hugo Lubliner= (Pseudon. Hugo Bürger), geb. am 22. April
1846 in Breslau, ist einer der Mitbegründer des deutschen
Konversationslustspiels aus den siebziger Jahren, ein treuer
Helfershelfer der Lindau, Blumenthal, Kadelburg, in dem Bestreben, dem
deutschen Lustspiel mit französischem Esprit und französischer Technik
aufzuhelfen.
=Gustav von Moser=, geb. am 11. Mai 1825 in Spandau, schrieb
Lustspiele, teils selbständig, teils in Verbindung mit anderen. Zu
seinen erfolgreichsten Stücken, die noch jetzt sich auf dem Theater
erhalten haben, gehören: »Das Stiftungsfest«, »Der Veilchenfresser«,
»Ultimo«, »Krieg im Frieden«, »Reif-Reiflingen«.
=Adolf L'Arronge=, geb. am 8. März 1838 in Hamburg, ist ein
litterarischer Sprosse der Birchpfeiffer und Kotzebues und dadurch
einer der erfolgreichsten Lustspielschreiber der Gegenwart. (»Mein
Leopold«, »Hasemanns Töchter«, »Dr. Klaus«, »Lolos Vater« u. a.).
Die Übergangstalente.
=Hans Hopfen=, geb. am 3. Jan. 1835 in München, einer der besten
Vertreter des humoristischen Romans, zeichnet sich durch eine gesunde
Sinnlichkeit aus, die namentlich in seinen Gedichten und Balladen zum
Ausdruck kommt. Echt volkstümliche, humorverklärte Figuren schuf er
in seinen Romanen »Der alte Praktikant«, »Mein Onkel Don Juan«, »Die
Heirat des Herrn von Waldenberg«, sowie in der Novellensammlung »Kleine
Leute« und den »Geschichten« und »Neuen Geschichten des Herrn Majors«,
während er sich in einigen Romanen (»Verdorben zu Paris«, »Glänzendes
Elend« u. a.) als Dekadent giebt.
=Wilhelmine von Hillern=, geb. am 11. März 1836 in München als Tochter
der bekannten Birch-Pfeiffer, entlehnte den Stoff ihrer realistisch
gefärbten Romane dem bayrischen Volksleben. Ihr bekanntester Roman:
»Die Geyer-Wally« erlebte mehrere Auflagen und fand auch als Drama
freundliche Aufnahme.
=Karl von Heigel=, geb. am 25. März 1835 zu München, wandte sich der
Unterhaltungslitteratur zu und schrieb Novellen, Romane und Dramen.
Seine spätere Produktion (»Der Weg zum Himmel«, »Roman einer Stadt«,
»Der Herr Stationschef« u. a.) steht unter dem Einfluß des Realismus.
=Karl Frenzel=, geb. am 6. Dez. 1827 in Berlin, weiteren Kreisen
bekannt als Kritiker der Nationalzeitung, verdient seinen Platz in
der Litteratur durch seine Romane, Novellen und wissenschaftlichen
Schriften, die Gelehrsamkeit mit seiner Lebensbeobachtung verbinden,
und deren Stoffe meist der Zeit des Rococos, dem 18. Jahrhundert,
entnommen sind (»Melusine«, »Papst Ganganelli«, »Im goldenen
Zeitalter«, »Renaissance und Rokoko«, »Des Lebens Ueberdruß«, »Dunst«,
»Schönheit«, »Wahrheit«, »Frauenrecht«).
=Adolf Stern=, geb. am 14. Juni 1835 in Leipzig, lebt jetzt als
Professor für Litteraturgeschichte am Polytechnikum in Dresden. St.
ist Epiker und Novellist (»Jerusalem«, »Gutenberg«, »Aus dem 18.
Jahrhundert«, »Die letzten Humanisten«) und wiederholt als feinsinniger
Litterarhistoriker hervorgetreten.
=Ferdinand von Saar=, geb. am 30. Sept. 1833 in Wien, ist keine scharf
ausgeprägte Dichternatur. Seine Erfolge verdankt er den »Gedichten«
und den Novellensammlungen (»Novellen aus Österreich«, »Herbstreigen«
u. a.), die ihm den Namen eines Walter Scott der Novelle eingetragen
haben. Seine Dramen (»Heinrich IV.«, »Die beiden De Witt«, »Eine
Wohlthat«) konnten sich nicht auf der Bühne behaupten.
=Heinrich von Reder=, geb. am 19. März 1824 in Mellrichstadt, begann
seine litterarische Laufbahn mit »Soldatenliedern von zwei deutschen
Offizieren«. Seine Hauptwerke, die »Federzeichnungen« und das »Lyrische
Skizzenbuch«, tragen realistisches Gepräge.
Vaganten und Spielmänner.
=Josef Victor von Scheffel=, geb. am 26. Febr. 1826 in Karlsruhe, gest.
am 9. April 1886, ist besonders der Lieblingsdichter der akademischen
Jugend, der er eine große Zahl sangbarer Lieder schenkte, aus denen ein
unverwüstlicher, feuchtfröhlicher Humor spricht. Sein lyrisch-episches
Werk: »Der Trompeter von Säckingen«, das 1854 erschien, fand
begeisterte Aufnahme. Weit bedeutender als dieses ist jedoch sein
»Ekkehard«, ein trotz alles gelehrten Beiwerks und der fleißigen
Quellenstudien von echter Poesie durchdrungenes Werk, das man als den
besten kulturhistorischen Roman der letzten Jahrzehnte bezeichnen kann.
Von Sch.'s weiteren Werken verdienen noch genannt zu werden: »Frau
Aventiure«, »Gaudeamus« und »Bergpsalmen«.
=Rudolf Baumbach=, geb. am 28. Sept. 1840 in Kranichfeld in Thüringen,
ist einer der »liebenswürdigen« Dichter, der Naturbursche unter den
Poeten. Seine lyrischen Gedichte, die sich durch Natürlichkeit und
Frische auszeichnen und vielfach zu Volksliedern geworden sind,
erschienen in verschiedenen Sammlungen: »Lieder eines fahrenden
Gesellen«, »Mein Frühjahr«, »Von der Landstraße«, »Krug und Tintenfaß«
u. a. Außerdem besitzen wir von ihm Märchen und Epen, die ebenfalls in
weitere Kreise gedrungen sind.
=Julius Wolff=, geb. am 16. Sept. 1834 in Quedlinburg, gehört zu den
»Erfolgreichen« der 70er und 80er Jahre. Seine erste Veröffentlichung
waren Gedichte »Aus dem Felde«. Einen durchschlagenden Erfolg errang
er mit seinen Epen »Der Rattenfänger von Hameln«, »Der wilde Jäger«,
»Der Tannhäuser«, »Lurlei« u. a., deren künstlerischer Gehalt zwar
nicht hervorragend ist, die aber das große Publikum immer durch ihre
Sentimentalität und Rührseligkeit entzücken werden. Der Beifall, den
seine Epen fanden, übertrug sich auch auf seine Romane »Recht der
Hagestolze«, »Der Sülfmeister«, »Das schwarze Weib«.
Die Goldschnittlyriker der 80er Jahre.
=Karl Gerok=, geb. am 30. Januar 1815 in Vaihingen in Württemberg,
starb als Prälat in Stuttgart 1890. Seine Liedersammlungen
»Palmblätter«, »Neue Palmblätter«, »Pfingstrosen«, »Eichenblätter«,
»Deutsche Ostern«, die ein liebenswürdiger Humor durchzieht, sind
vorzugsweise geistlicher Natur und fanden große Verbreitung.
=Julius Sturm=, geb. am 21. Juli 1816 zu Köstritz, gest. 1896, war
einer der fruchtbarsten Liederdichter. Die Natur seiner Dichtungen,
die eine innige, aber nicht kopfhängerische Frömmigkeit auszeichnet,
wird durch die Titel seiner Sammlungen: »Gott grüße Dich«, »Immergrün«,
»Fromme Lieder«, »In Freud und Leid« charakterisiert.
=Albert Traeger=, geb. am 12. Juni 1830 in Augsburg, ist als Dichter
in den Kreisen der Liebhaber von Gartenlaube-Poesie bekannt geworden,
hat sich jedoch außer einigen Lustspielen und Novellen nur einen
Gedichtband zu schulden kommen lassen.
=Emil Rittershaus=, geb. am 3. April 1834 in Barmen, gest.
daselbst 1897, gab sich in seinen meist zuerst in der Gartenlaube
veröffentlichten Gedichten als Sänger frischer, fröhlicher Lieder, die
Wein und Liebe, Vaterland und Gartenlaube verherrlichen.
Die Beschaulichen.
=Wilhelm Raabe=, geb. am 8. Sept. 1831 in Eschhausen, früher
Buchhändler, nimmt unter den deutschen Humoristen den ersten Rang ein
und gilt seit 30 Jahren als einer der eigenartigsten Charakterköpfe
der deutschen Litteratur. Ein goldener Humor, der an Dickens erinnert,
durchzieht seine Schriften, die er meist in ein altertümelndes Gewand
kleidet oder im Chronikstil abfaßt. »Zwei oder drei Zeilen in einer
Chronik, eine halbe Seite in der Geschichte für den Forscher« genügen
ihm, um eine Erzählung darauf aufzubauen. R. beschäftigt Geist und
Herz seiner Leser in gleicher Weise und seine Bücher, in einem etwas
krausen Stile geschrieben, rühren die Seele bis zum Grunde auf. Bei
alledem ist er einer der am wenigsten erfolgreichen Autoren geblieben,
trotz des großen Gehalts und der Zahl seiner Schriften, von denen wir
hier nur die nachstehenden registrieren: »Die Akten des Vogelsangs«,
»Die Chronik der Sperlingsgasse«, »Gesammelte Erzählungen«, 3 Bde.,
»Horacker«, »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Unseres Herrgotts
Kanzlei«, »Alte Nester«, »Wunnigel«, »Horn von Wanza«.
=Wilhelm Busch=, geb. am 15. April 1832 in Wiedensahl bei Stadthagen,
ist der bedeutendste zeitgenössische komische Humorist und Zeichner,
wenngleich seine Wirksamkeit hauptsächlich in die 60er und 70er Jahre
fällt. Seine Schriften (»Max und Moritz«, »Hans Huckebein«, »Der
heilige Antonius«, »Die fromme Helene«, »Herr und Frau Knopp« u. a.)
erlangten eine ungeheuere Verbreitung. Seine letzten Werkchen: »Eduards
Traum« und »Der Schmetterling« sind symbolische Prosamärchen, die den
Idealismus ironisieren.
=Hans Hoffmann=, geb. am 27. Juli 1848 in Stettin, zählt zu den besten
Novellisten der Gegenwart. (»Von Frühling zu Frühling«, »Geschichten
aus Hinterpommern«, »Ostseemärchen«, »Allerlei Gelehrte«, »Aus der
Sommerfrische«.) Auch als Romanschriftsteller ist H. wiederholt
hervorgetreten und hat sich auf diesem Gebiet als ein feinsinniger
Dichter erwiesen, dem die seltene Gabe des Humors wie wenigen zu Gebote
steht. (»Der eiserne Rittmeister«, »Landsturm«.) Ein echt nationales,
von historischem Geiste getragenes Werk ist sein großer 3bändiger
Roman: »Wider den Kurfürsten«.
=Heinrich Seidel=, geb. am 25. Juni 1842 in Perlin, wurde Ingenieur,
dann Schriftsteller in Berlin. Er ist der Dichter der kleinen
behaglichen Lebensverhältnisse; seine Poesie und seine Ideale haben
einen philiströsen Zug und es sind fast immer dieselben Mittel
(Pastorenhaus, Fliederbüsche, Tabakspfeife und schüchterne Liebhaber),
mit denen er in seinen Lebrecht Hühnchen-Geschichten operiert.
(»Aus der Heimat«, »Vorstadtgeschichten«, »Lebrecht Hühnchen u.
a. Geschichten«, »Neues von Lebrecht Hühnchen u. a. Sonderlingen«,
»Lebrecht Hühnchen als Großvater«, »Gesammelte Gedichte« u. a.) S's.
Autobiographie führt den Titel »Von Perlin nach Berlin«.
=Victor Blüthgen=, geb. am 4. Januar 1844 in Zörbig, ein
liebenswürdiger, feinsinniger Dichter, schrieb Gedichte (vor allem
Kinderreime), Novellen und Humoresken (»Henzi u. a. Humoresken«,
»Badekuren«, »Amoretten« etc.) Von seinen Romanen sind »Der
Friedensstörer«, »Aus gährender Zeit«, und »Der Preuße« zu nennen.
Die Behaglichen.
=Julius Stinde=, geb. am 28. Aug. 1841 in Kirch-Nüchel in Holstein,
führte die »Frau Buchholz«, den Typus des Berliner Spießbürgertums,
in die Litteratur ein und wurde durch zahlreiche Auflagen seiner
Werke dafür belohnt. Von seinen weiteren Schriften fanden noch die
»Waldnovellen« und »Pienchens Brautfahrt« größere Verbreitung.
=Johannes Trojan=, geb. am 14. August 1837 in Danzig, Redakteur des
Kladderadatsch, schrieb hübsche, humorvolle Kinderlieder und eine
Anzahl ansprechender Gedichte: »Scherzgedichte«, »Für gewöhnliche
Leute«, »Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken«.
=Julius Lohmeyer=, geb. am 6. Okt. 1835 in Neisse, machte sich als
Jugendschriftsteller einen Namen, ohne jedoch auf diesem Gebiete
viel mehr als guten Willen und einen bescheidenen liebenswürdigen
Humor mitzubringen. (»Gedichte eines Optimisten«, »Die Bescheidenen«,
»Humoresken« u. a.)
=Edwin Bormann=, geb. am 14. April 1851 in Leipzig, machte sich als
sächsischer Humorist in seinem engeren Vaterlande einen Namen (»Mei
Leipzig low' ich mir«, »Herr Engemann«, »Schelmenlieder« u. a.) So gut
einige ältere Dialektdichtungen B.'s sind, so flach und schal ist die
Mehrzahl seiner jüngsten fabrikmäßig hergestellten Poesien. Seinen
humoristischen Werken nicht beizuzählen, nach Ansicht B.'s vielmehr
durchaus ernsthaft zu nehmen, sind »Das Shakespeare-Geheimnis« und
die im Anschlusse daran erschienenen Schriften, in denen der Nachweis
geführt werden soll, daß Shakespeare nicht Shakespeare, sondern Francis
Bacon ist.
=Georg Bötticher=, geb. am 20. Mai 1849 in Jena, ein feinsinnigerer
und vielseitigerer Humorist als Bormann, schrieb in Gemeinschaft
mit Victor Blüthgen »Schüler-Novellen«, und selbständig zahlreiche
humoristische Schriften, von denen viele durch die »Fliegenden Blätter«
und die »Reclam-Bibliothek« weiteren Kreisen bekannt geworden sind.
(»Schnurrige Kerle«, »Schilda, Verse eines Kleinstädters«, »Allotria,
humoristische Geschichte«, »Neue Allotria«, »Bunte Reihe« u. a.)
=Hans Arnold= (Pseudon. für Frau Babette von Bülow), geb. am 20.
Sept. 1850 in Warmbrunn, schildert in ihren Novellen und Erzählungen
mit Vorliebe in humoristischer Weise die kleinen Verdrießlichkeiten
und Unannehmlichkeiten des Lebens. Ihre Werke besonders anzuführen,
erübrigt sich: sie amüsieren und werden vergessen.
Die Dichter der Dekadenz.
=Dranmor=, mit seinem eigentlichen Namen Ferdinand von Schmid, geb. am
22. Juni 1823 in Muri bei Bern, gest. 1888, wanderte nach Brasilien
aus und wurde weiteren Kreisen durch seine »Gesammelten Dichtungen«
bekannt, die neben lyrischen Gedichten Balladen und Epen aus dem
südamerikanischen Leben in düsterer, pessimistischer Färbung enthalten.
=Eduard Grisebach=, geb. am 9. Okt. 1845, gab den »Neuen Tannhäuser«
und »Tannhäuser in Rom« heraus, leichtgeschürzte Poesien, die viel
Anerkennung fanden. G. hat sich ferner als Bibliophile und Herausgeber
der Werke Schopenhauers u. a. verdient gemacht.
=Emil Prinz von Schönaich-Carolath=, geb. am 8. April 1852 zu Breslau,
lieferte in seinen Dichtungen den Beweis, daß jemand Prinz und doch ein
großer Dichter, Zigeuner und Weltmann zugleich sein kann. Wenn auch
die Schöpfungen dieses modernen Byron (»Lieder an eine Verlorene«,
»Tauwasser«, »Dichtungen«, »Geschichten aus Moll« u. a. m.) von
Koketterie und Salon-Zigeunertum nicht frei sind, so kommen ihm doch an
Größe und Leidenschaft nur wenige der Modernen gleich.
=Hieronymus Lorm= (Pseudon. für Heinrich Landesmann), geb. am 9. Aug.
1821 in Nikolsburg, seit seinem Jünglingsalter taub und erblindet,
schrieb Romane und Novellen und that sich besonders als pessimistischer
Lyriker hervor (»Am Kamin«, »Gedichte«, »Nachsommer« u. a.). In seinen
philosophischen Schriften unternahm er, wenn auch mit wenig Glück,
wiederholt den Versuch, eine allgemein-verständliche Erörterung des
Lebensproblems zu geben.
=Alberta von Puttkamer=, geb. am 5. Mai 1849 in Glogau, debütierte mit
dem Schauspiel »Kaiser Otto III.«, dem sie »Dichtungen«, »Accorde und
Gesänge«, »Offenbarungen« und »Aus Vergangenheiten« folgen ließ, in
denen sich ein glühendes Verlangen nach erträumtem Glück, Trauer und
Sehnsucht nach verlorenem ausspricht.
=Ada Christen= (Pseudon. für Christiane Breden, geb. am 6. März 1844
in Wien, ist eine Dichterin stark realistischen Gepräges, in deren
Gedichten (»Lieder einer Verlorenen«, »Aus der Tiefe«) sich das
seelische Unbefriedigtsein des Weibes ausspricht.