die Witwe das Geschäft fortzusetzen, sah aber bald die Notwendigkeit
einer Beschränkung ein. Zuerst kam die Reihe an die Schriftgiesserei,
bei welcher Gelegenheit ein Licht über die Entstehung der
Elzevier-Schriften geworfen wird. Es gelang dem Herrn Alfons Willems,
im Plantinschen Museum in Antwerpen ein Schreiben von der Witwe Daniels
an die Witwe des Balthazar Moretus aufzufinden, in welchem erstere den
Plantins ihre Schriftgiesserei anbietet, mit 27 Sorten von Stempeln
und 50 Sorten Matern „_gemaekt wesende bij Christoffel van Dyck, de
beste meester van sijnen en onsen tijdt, en bij gevolge de beroemste
gieterije, die ooyt ist geweesi_“. Beigefügt ist eine Schriftprobe,
ein einzelnes Blatt in Plakatformat, mit der Überschrift: „_Proeven
van Letteren die gesneden ziin door Wylen Christoffel van Dyck, soo
als de selve verkoft sullen werden ten huyse van de Weduwe Wylen Daniel
Elsevier, op't Water by the Papenbrugh, in den Olmboom, op Woensdagh,
den 5 Martii 1681_“.
Zwar ist nur die Rede von den Typen der Amsterdamer, aber es ist
nicht anzunehmen, dass diese nur Plagiate der Leydener gewesen. Es
würde die Witwe Daniels kaum gewagt haben von van Dyck als von dem
ersten Schriftschneider seiner Zeit zu sprechen, wenn er nur ein
Plagiator gewesen[7]. Früher hat man die Schriften der Elzeviere
dem Claude Garamond oder den Sanleques zugeschrieben. Garamond war
jedoch bereits 1561 gestorben, auch zeigen seine Schriften einen
abweichenden Charakter. Eher stimmen die Elzevier-Schriften mit denen
Sanleques überein, der ein Zeit- und Religionsgenosse der Elzeviere
war, so dass die Vermutung, die Schriften stammten von diesem, mehr
Wahrscheinlichkeit hatte.
[7] Über die Schriften van Dycks vergleiche auch „_Specimen de
J. Enschedé & fils_“. Haarlem 1867.
Schicksale der
Elzevier-
schriften.
Das Plantinsche Haus nahm das Anerbieten der Witwe Elzevier nicht
an, und die Schriftgiesserei ging nunmehr durch Kauf an Jean Bos im
Hause □Joseph Athias□ über. Letzterer war ein spanischer Jude, der
ein bedeutendes typographisches Etablissement in Amsterdam besass. Er
war namentlich bekannt als Drucker einer Anzahl von Bibeln in fremden
Sprachen, ganz besonders ist seine hebräische Bibel berühmt, für
welche ebenfalls Christoff van Dyck die Schriften geschnitten hatte,
die noch jetzt unter die schönsten hebräischen Schriften zählen.
Als Belohnung für diese Arbeit erhielt Athias von den Staaten von
Holland und Westfriesland eine goldene Medaille an goldener Kette zu
tragen, eine Auszeichnung, die noch keinem Israeliten zuteil geworden
war. Vielleicht hat Athias seine Dankbarkeit gegen van Dyck, durch
Ankauf des ganzen Komplexes seiner Schriften, zeigen wollen. Sein
Etablissement ging in die Hände von □J. J. Schepper□ über, später
an den Schriftgiesser □Johann Roman□, der die oben erwähnten Proben
genau mit allen Fehlern als Proben seiner Giesserei druckte. Diese
kam 1767 an die Brüder □Ploos van Amstel□ in Amsterdam und an □Johann
Enschedé□ in Haarlem, die den Fond teilten; später ging das Ganze
auf Enschedé über. Dieser, ein warmer Bewunderer der Leistungen des
Schriftschneiders Fleischmann, legte übrigens, wie es scheint, kein
grosses Gewicht auf die Schriften von van Dyck.
Auflösung des
Amsterdamer
Geschäfts.
Die Verhältnisse bei dem Tode der Witwe Daniels im Mai 1681 machten
alle Gedanken an eine wennauch beschränktere Fortführung des Geschäfts
zunichte. Die Erbschaft konnte von den Beauftragten der neun Kinder
Daniels nur _cum beneficio inventarii_ angetreten werden. Die
Liquidation fiel jedoch über alle Erwartung günstig aus und erzielte
nach heutigem Geldwerte eine Summe von etwa einer viertel Million
Mark. Die Amsterdamer Verleger hatten sich längst auf diesen Augenblick
gerüstet und kauften mit Begierde die berühmten Verlagsartikel.
So verblieb nur die Erinnerung an das angesehene Elzeviersche Haus in
Amsterdam. Doch nicht allein der Glanz desselben wurde mit Daniel zu
Grabe getragen, auch der hohe Ruhm der niederländischen Typographie im
allgemeinen war dahin. Fast gleichzeitig mit Daniel schieden fast alle
die grossen holländischen Buchdrucker, welche die letzte Hälfte des
□xvii.□ Jahrhunderts mit ihrem Ruhm erfüllt hatten. Zwar erstanden aufs
neue tüchtige Männer, welche die typographische Fahne hochhielten, aber
die Kette war gebrochen, und es gelang nicht, die Glieder wieder zu
einem Ganzen zu vereinigen.
* * * * *
Ende d. Leydener
Hauses.
Wir haben nun noch den letzten Blick, der keine Freude gewährt, dem
Leydener Hause zuzuwenden.
Daniels Austritt war ein schwerer Schlag, indes verlor □Johann□ den
Mut nicht. Da er keinen Associé hatte, suchte er helfende Kräfte
zu gewinnen, und es scheint ihm dies durch das Engagement □Karl
Gerstekorns□ gelungen zu sein. Wenn unter den schwierigen Verhältnissen
Johann den Senat um Erlaubnis ersuchte, die Offizin baulich erweitern
zu dürfen, so ist dies, wenn es damit überhaupt Ernst war, nur in
der Weise zu erklären, dass er sich auf die Druckerei allein hat
beschränken und diese mit aller Kraft hat betreiben wollen. Wenigstens
mässigt er seine Verlagsthätigkeit sehr und sucht sein Lager durch
Auktionen zu erleichtern. Es gehören immerhin einige seiner Leistungen
dieser Zeit, als: _de Brebeuf, Pharsalus_ und _P. le Moyne, Gallerie
des femmes fortes_, zu den besten seiner Pressen.
Johann starb, ohne einen Plan für die Zukunft des Geschäfts gelegt
zu haben, am 8. Juni 1661, erst 39 Jahre alt. Seine Witwe entschloss
sich, die Geschäfte fortzuführen, und erhielt auch die Bestätigung
des Verhältnisses zur Universität. Durch Auktionen in den Jahren 1659,
1660 und 1661 entledigte sie sich des Leydener Lagers und der Haager
Vorräte. Mit Ausnahme der Fortführung der grossen holländischen Bibel,
die schon während Daniels Zeit angefangen und bei der er beteiligt
geblieben war, scheint sie eigenes Verlegen ganz unterlassen zu haben.
So ging das Geschäft nach und nach zurück. 1681 übergab sie es dem
zweiten Sohne Abraham □ii.□, und starb 1695.
□Abraham□, am 5. April 1653 geboren, hatte in Leyden studiert und 1679
den Doktorgrad erworben. 1695 wurde er Schöffe zu Leyden. Unter seiner
Misswirtschaft verfiel die Druckerei vollständig. Als nach seinem am
30. Juli 1712 erfolgten Tode das Geschäft verkauft wurde, war der Erlös
noch nicht 2000 Fl. -- _Sic transit gloria mundi._
* * * * *
Die Nachahmer
der Elzeviere.
Es konnte nicht anders sein, als dass der grosse Erfolg der
Elzevierschen Duodezausgaben auch andere Buchdrucker innerhalb und
ausserhalb der Grenzen der Niederlande zur Nachahmung anstachelte. Es
dauerte nicht volle zehn Jahre nach den ersten Ausgaben seitens der
Elzeviere, bis eine Überschwemmung mit Nachahmungen derselben eintrat,
die oft die Vignetten und anderes Beiwerk so genau wiedergaben, dass
die Entscheidung, ob ein Buch wirklich den Elzevieren gehörte oder
nicht, manchmal eine sehr schwierige war.
Nach der Druckerei der Elzeviere war in Leyden die bedeutendste die
von □Franz Hackius□, die viel für die erstgenannte druckte, und eine
sehr leistungsfähige Offizin war. Um die Mitte des □xvii.□ Jahrhunderts
gab es in Leyden überhaupt 9 Druckereien mit 23 Pressen, darunter
keine mit mehr als vier. In Amsterdam waren die Druckereien nicht so
zahlreich, aber sehr tüchtig. Von den □Blaeu□ hörten wir bereits.
□Johann Jansson□, der nicht dieser Familie angehörte, druckte von
1618-1664 und war besonders als Nachdrucker bekannt. Fand ein Werk
eines ausländischen oder auch eines holländischen Kollegen Beifall,
so war Jansson schnell mit einem Nachdruck bei der Hand. Er hatte, wie
schon erwähnt, eine Filiale in Kopenhagen und errichtete eine Druckerei
in Stockholm. Nachdem □Johann van Waesberge□ eine Tochter Janssons
geheiratet hatte, fügte letzterer den Namen des Schwiegersohns dem
seinigen bei. Nach Janssons Tod associierte sich Waesberge erst mit
seinem Schwager □Elisäus Weyerstraten□ (1664-1667), später mit dessen
Witwe. Von 1669 ab bis zu seinem Tode 1681 druckte er allein[8].
[8] □A. M. Ledeboer□, _Het geslagt van Waesberghe_. 2. Ausg.
Haag 1869.
Zu den talentvollsten Nachahmern der Elzeviere gehören auch die
Brüsseler Buchdrucker □François Foppens□ (gest. 1684) und □Eugène Henry
Frix□ (gest. um 1715).
Ein sehr geschätzter Buchdrucker, Buchhändler, Kartenstecher und
Geograph war □P. van der Aa□ (gest. 1730). Sein grösstes Werk, eine
Weltgalerie, umfasst 66 Bände. Die berühmte Familie □Wetstein□ wurde
schon früher erwähnt.
Die Schrift-
giesserei.
Nach dem Erlöschen der Familie der Elzeviere ist die der □Enschedé□
die bekannteste, namentlich ist ihre Geschichte mit der der
□Schriftgiesserei□ in Holland auf das engste verknüpft.
Es wurde schon früher erwähnt, dass Paffroed in Deventer[9] für
damalige Zeit sehr schöne nationale Schriften geliefert hatte. Von da
an jedoch machte in den Niederlanden der Schnitt der gothischen Schrift
nur sehr langsam Fortschritte. Dürers litterarische Arbeiten waren
durch seine Reise in den Niederlanden populär und von Joh. Jansson in
Amsterdam sowohl lateinisch als auch (1606) deutsch mit Frakturschrift
gedruckt worden. Die Fraktur fand bei den Schriftgiessern Aufnahme und
□Dirk Voskens□ z. B. lieferte sie in 14 Graden mit den entsprechenden
Schwabacher Schriften. Wahrscheinlich geschah dies mit auf Antrieb
Philipps von Zesen, der sich um die Mitte des □xvii.□ Jahrhunderts in
Amsterdam aufhielt und eine Anzahl eigener und übersetzter Werke dort
und in Leyden herausgab. Auch verschiedene der grossen illustrierten
Reisebeschreibungen wurden mit deutscher Schrift gedruckt. Es dauerte
jedoch nicht lange, so wurde sie ganz durch die Antiqua und die
Schreibschriften nach französischem Duktus verdrängt.
[9] Seite 68. Durch ein Versehen ist dort die Silbe „roed“ aus
dem Namen „Paffroed“ ausgefallen.
Die Antiqua erreichte jedoch im allgemeinen nicht die Schönheit
der Vorbilder. Sie ist in der Regel sehr schmal geschnitten und eng
zugerichtet, hauptsächlich auf Betrieb der holländischen Nachdrucker,
die viel Ware für das Geld bieten mussten. □Ament Tavernier□
in Antwerpen führte 1558 die, dem Granjon in Lyon nachgebildete
Schreibschrift _Civilité_ ein, deren sich Wilh. Sylvius zuerst
bediente. Auch Plantin druckte ein Buch mit dieser Schrift, die bis
in das □xviii.□ Jahrhundert benutzt wurde. Die _Ronde_ wurde ebenfalls
als Werkschrift verwendet; daneben hielt sich die _Coulé_, von □J. F.
Rossart□ und □J. M. Fleischmann□ geschnitten.
Isaak Enschedé.
Der Stammvater der Enschedés □Isaak□ ward 1681 in Haarlem geboren
und gehörte einer in Gröningen angesessenen Buchdruckerfamilie an. Um
1703 eröffnete er eine Buchdruckerei in Haarlem und druckte 1727 im
Verein mit seinem Sohne □Johannes□ eine Bibel in Folio nach dem neuen
Verfahren von van der Mey und Müller.
Ob dies Verfahren wirklich dasselbe gewesen ist, welches wir jetzt als
Stereotypie bezeichnen, blieb langezeit zweifelhaft. □J. van der Mey□
stellte zu Anfang des □xviii.□ Jahrh. mit Unterstützung des deutschen
Predigers □Johann Müller□ in Leyden (gest. 1710), der von vielen für
den eigentlichen Erfinder gehalten wird, mehrere „stereotypierte“
Werke. Die ersten Versuche haben sich wohl auf zusammengelötete
Schrift beschränkt, später scheint es jedoch, als habe man eine
wirkliche Stereotypie erfunden, denn unter den zu dem Caxton-Jubiläum
in London 1877 ausgestellt gewesenen Gegenständen befanden sich auch
vier auf Holz genagelte Platten Meys und Müllers[10]. Die Firma S. &
E. Luchtmanns in Leyden, für deren ersten Inhaber Samuel Luchtmanns
mehrere solche stereotypierte Werke hergestellt waren, drückt sich in
einem Schreiben vom 24. Juni 1801 an A. Renouard in Paris ebensowenig
wie der Baron van Weestreenen van Tiellandt in seinem, im Auftrag
der niederländischen Regierung abgefassten Bericht recht klar über
das Technische aus[11]. Eine Bibel in 4° und eine in Folio; ein Neues
Testament englisch und eins griechisch in 18°; ein syrisches Wörterbuch
wurden stereotypiert, dann ward es wieder still von der Erfindung.
[10] _Caxton Celebration 1877. Preleminary issue. Class M.
Sect. II._ (Seite 395) 4652: _Original casts of various
pages made in the years 1700-1726 in the printing office
of Messrs Luchtmans & Co. by the process invented by
Rev. Muller, of Leiden. Lent by Messrs G. J. Brill._
Zu wünschen wäre es gewesen, dass die Platten nicht
aufgenagelt worden. Die Rückseiten derselben könnten
möglicherweise noch einige nähere Aufschlüsse gegeben
haben.
[11] _Rapport sur les recherches, relatives à l'invention et
à l'usage le plus ancien de l'imprimerie stéréotype etc._
Haag 1813.
Johannes En-
schedé.
Isaak Enschedés Sohn □Johannes□ fing schon als Knabe an, Schriften
in Holz zu schneiden, und erwarb sich durch fortgesetzte praktische
Arbeiten einen sichern Blick, der ihn zu einer Autorität in der
Beurteilung xylographischer und typographischer Erstlingsdrucke
machte. Sein langes Leben (er starb 1781) teilte er zwischen
Wissenschaft und Praxis. Er vermehrte die schon von seinem Vater
gegründete ausgezeichnete Bibliothek mit den grössten typographischen
Seltenheiten. Das Ideal seines Strebens war, ein Hauptwerk über die
Erfindung der Buchdruckerkunst zu schreiben, wobei seine Sammlungen
ihm als Unterlage dienen sollten. Leider kam er aber damit nicht einmal
so weit, wie Breitkopf mit seiner ähnlichen Arbeit, und wir haben von
ihm nur eine Skizze über die Schriftgiesserei in den Niederlanden. Er
entdeckte Fragmente eines Donat und eines Horariums, welches letztere
von den Holländern als das erste Druckwerk Kosters mit beweglichen
Typen angesehen wird. Sein Sohn □Dr. Johannes Enschedé□ war noch mehr
Gelehrter als Buchdrucker; er stand in freundschaftlichem Verkehr
mit den berühmten Philologen Valckenaer und Ruhnken und vermehrte die
seltene typographische Büchersammlung.
Durch die Vereinigung der wissenschaftlichen Bildung mit den
praktischen Kenntnissen haben die Chefs ihrer, noch heute fortblühenden
Buchdruckerei und Schriftgiesserei das eigentümliche Doppelgepräge
eines Geschäfts und einer historischen Sammlung aufgedrückt. Sie stehen
in dieser Hinsicht einzig in ihrer Art da, indem es hier gelungen ist,
beinahe alle Originalschriften aus der Blütezeit der Buchdruckerei
in Holland zu sammeln. Es bleibt unter diesen Umständen um so mehr
zu bedauern, dass die prachtvolle Bibliothek im Jahre 1867 durch
Versteigerung zerstreut wurde. Sie würde in Verbindung mit den seltenen
Schätzen der Giesserei und der Druckerei eine würdige Vervollständigung
des Plantinschen Museums abgegeben haben.
Schriftgiesserei
der Enschedés.
Johannes Enschedé wurde 1743 Schriftgiesser, indem er die bekannte
Giesserei von Hendrik Floris Wetstein kaufte. Die Stempel für diese
Giesserei hatte zumteil der berühmte Stempelschneider Johann Michael
Fleischmann geschnitten, der im November 1701 geboren war und am 11.
Mai 1768 in Amsterdam starb. Fleischmann fuhr fort, für Enschedés
Geschäft zu schneiden, das ausserdem durch die wertvollen Arbeiten
Johann Franz Rossarts, geb. zu Namur 1714, gest. zu Brüssel am 26.
Mai 1777, vermehrt wurde. Während das Geschäft in dieser Weise durch
die besten Künstler der Zeit bereichert wurde, erhielt es seinen
historischen Wert durch Erwerbung einer bedeutenden Anzahl älterer
Schriftgiessereien ersten und zweiten Ranges. So wurde die Giesserei
der Blaeu annektiert, welche am 21. April 1677 in die Hände des
Schriftschneiders □Dirk Voskens□ übergegangen war. Das Geschäft
Voskens wurde von dem Sohne Bartholomäus übernommen, später unter der
Firma Witwe Voskens & Sohn, nachher als Clerk & Voskens fortgeführt
und 1780 von Enschedé erworben. Wie die Erwerbung der Elzevierschen
Schriftgiesserei durch Enschedé geschah, ist bereits (S. 247) erzählt.
_Specimen_ der
Enschedés.
Leider gab es eine Zeit, wo man nicht, wie heute, diese Schätze
genügend würdigte, und zu Anfang unseres Jahrhunderts wanderte eine
grosse Masse von Stempeln unter das alte Eisen und die wertvollen
Matern in die Schmelztiegel, so dass von vielen Schriften nur ein
Minimal-Quantum übrig geblieben ist, allenfalls gross genug, um damit
einige kleine Wiederabdrücke für den Liebhaber herstellen zu können. Um
so mehr muss man den Enschedés dankbar sein, dass sie Abdrücke dieser
Schätze, nachdem sie schon mehrere ähnliche Proben gedruckt hatten, in
einem „_Specimen de caractères typographiques anciens, qui se trouvent
dans la collection typographique de Joh. Enschedé et fils, imprimeurs
à Harlem_“ vereinigten[12], denn diese Probe enthält nur solche
Schriften, von welchen die Stempel und Matern nicht mehr existieren,
sie führt uns somit die ältere Geschichte der Schriftgiesserei in
Holland vor Augen und wir müssen deshalb bei ihr verweilen. Den Anfang
machen die grossen Kapitalbuchstaben, überschrieben _chalcographia
sive typi aenei et matrices plumbeæ_. Diese Schriften rühren aus der
Zeit Albrecht Dürers her und tragen die Spuren seines Einflusses: die
Stempel waren aus Kupfer, die Matrizen aus Blei, wie in der ersten Zeit
der Buchdruckerkunst. Auf 12 Grade Antiqua-Versal, 8 Grade Cursiv,
12 Grade schattierte und verzierte Antiqua und 3 Grade schattierte
Cursiv folgen die Antiqua- und Cursiv-Buchschriften in breiterem und
schmälerem Schnitt, von der groben Canon bis abwärts zur _Non plus
ultra_.
[12] Eine Anzahl dieser Schriften ging in den Besitz von Karl
Tauchnitz in Leipzig über und befindet sich jetzt in der
dortigen Offizin W. Drugulin.
Darauf folgen die berühmten holländisch-gothischen Schriften
(_Flamand_), ebenfalls von der groben Canon bis _Non plus ultra_,
in einer Reinheit des Schnittes und einer Schärfe des Gusses, als
wären sie heute aus den Händen des Schriftschneiders und des Giessers
gekommen.
Was von den gothischen Schriften gilt, lässt sich auch auf die
Fleischmannschen Musiknoten anwenden, welche Veranlassung zu einer
heftigen Polemik mit Breitkopf gaben. Höchst interessant ist eine
Reihe von zwanzig Schreibschriften (_Coulé_), unter ihnen die von
Fleischmann, „_den grootsten en konstigsten Letter-Stempelschnyder, die
'er ooit in de Wæreld geweest is, en mogelyk komen zal_“, welche er
1768 vollendete. Dann folgt die merkwürdige, sehr sauber und korrekt
ausgeführte _Civilité_, die ihren Namen von einem im 15. Jahrhundert
in Paris erschienenen Büchlein: „_La civilité puérile et honnête_“
hat. Nach diesen schönen, im besten Stil ausgeführten Schriften bildet
allerdings die _Ecriture Allemande_ keinen besonders günstigen Schluss,
so wenig wie eine sehr magere, abscheulich geschnittene _Cicero
Allemande_, die einzige Frakturschrift in der Probe, einen schönen
Übergang zu zwei alten gothischen Schriften, die zwischen 1470-1480
geschnitten sind.
[Illustration:Kapitelende]
[Illustration:Kapitelanfang]
XII. KAPITEL.
ENGLAND. NORDAMERIKA.
Das allmähliche Wachstum der englischen Presse. Wynkyn de Worde,
Richard Pynson, Reynold Wolfe, John Day, Th. Vautrollier, Th.
Roycrofft, Sam. Palmer, Sam. Richardson. □Oxford□, □Cambridge□. Die
schottische und die irische Presse. Die Stereotypie und Will. Ged.
Das Zeitungswesen. Die Schriftgiesserei.
NORDAMERIKA. Kleine Anfänge der Presse. John Glover, James Franklin,
Benjamin Franklin. Die deutschen Einwanderer und ihre Presse.
Christoph Sauer und seine Nachkommen.
Kämpfe der eng-
lischen Presse.
DIE englische Presse, welche später einer Freiheit geniessen und eine
Macht erlangen sollte, um welche der Kontinent das Inselland beneiden
musste, hatte in ihrem Beginn schwere Kämpfe zu bestehen. Bevormundung
mancherlei Art und Privilegien spielen eine grosse Rolle in der
englischen Buchdrucker-Geschichte. So lange der erste Buchdrucker
Caxton noch ohne Rivalen dastand, waren keine Privilegien notwendig,
als aber die Zahl der Buchdrucker wuchs, entstand auch der Wunsch
eines Schutzes. Schon 1504 wird William Fawkes als _regius impressor_
genannt, d. h. als berechtigt alle Regierungsarbeiten herauszugeben.
Das erste ausschliessliche Privilegium für den Druck eines Buches
wurde an Richard Pynson 1518 erteilt, später mit solchen sehr freigebig
umgegangen. In diesen Privilegien finden sich auch die ersten Spuren
der Anerkennung eines geistigen Eigentumsrechtes, wennauch mehr in dem
materiellen Interesse des Verlegers als dem des Autors. Die Privilegien
gewährten nicht allein Schutz, sie waren auch eine Art von Empfehlung.
Der Druck „vieler ketzerischer und aufrührerischer“ Bücher war unter
der Regierung der Königin Maria Veranlassung, dass die Buchdrucker,
die, wie in Deutschland, zugleich Buchführer waren, 1556 in der
Genossenschaft _Stationers' company_ vereinigt wurden. Eigentlich
handelte es sich nicht um ein neues Institut, denn schon 1403
bestand eine Vereinigung von Abschreibern, Rubrikatoren, Briefmalern,
Papiermachern und Manuskriptenhändlern. Die Vorsteher waren für die
einzelnen Mitglieder verantwortlich und nur solche durften Bücher
drucken. Einige Jahre nachher wurde verfügt, dass jeder, der ein Buch
druckte, es in das Register des Vereins eintragen lassen müsse, was ihn
gegen den Nachdruck seitens anderer Mitglieder schützte.
Privilegien, Ver-
bote und Strafen.
Daneben blieben aber königliche Privilegien fortbestehen, die vielfach
an Personen ausserhalb des Vereins erteilt und dann für grosse Summen
an Mitglieder zur Ausnutzung verpachtet wurden. 1559 verordnete die
Königin Elisabeth sogar, dass kein Buch ohne besondere Erlaubnis von
ihr oder den von ihr dazu bevollmächtigten Personen erscheinen durfte.
Dies wurde jedoch nicht allgemein befolgt, weshalb 1566 Konfiskation,
Konzessionsentziehung, Gefängnisstrafen und Bürgschaftsscheine, kurz
der ganze Apparat der Presspolizei-Massregeln eingeführt wurde, welchen
man in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in Deutschland so gut zu
kopieren verstand. Da aber die Beschwerden immer noch nicht aufhörten,
wurde bestimmt, dass mit Ausnahme der Universitätspressen in Oxford
und Cambridge nur in London gedruckt werden dürfte. Unter Karl □i.□
wurden auf Antrieb des Erzbischofs Laud 1637 sehr scharfe Verordnungen
gegen den Buchhandel und die Presse erlassen und die Zahl der Londoner
Buchdrucker auf 20 beschränkt, die der Schriftgiessereien auf 4.
Dieselben durften nur je zwei Lehrlinge halten und waren solidarisch
verpflichtet, alle Gehülfen zu beschäftigen, denn kein Gehülfe durfte
feiern. Nur zu dem Abbrechen der Buchstaben war es gestattet, nicht
gelernte Arbeiter zu nehmen.
Die Chapel.
In den Druckereien bildete das Personal eine sogenannte Kapelle und
der älteste Gehülfe war der Vater der Kapelle. Eine Hauptaufgabe
derselben war, durch Strafbestimmungen der Kasse vielen Stoff
zuzuführen, so war es z. B. strafbar, seinen Winkelhaken fallen, oder
drei oder mehr Buchstaben auf der Erde liegen zu lassen u. dgl. m.
Die Strafen wechselten von 1-12 Pence; wer widerspenstig war, wurde
über den Korrigiertisch gelegt und bekam zehn Pfund und einen Beutel
dazu, d. i. elf Schläge auf einen gewissen Teil des Körpers. Jeder
Neueintretende musste sein _Bienvenue_ zahlen. Ein sehr beliebtes Spiel
war das Raffeln mit Gevierten. Der, welcher die meisten Signaturen
nach oben warf, war der Gewinner. Jedes Jahr wurden neue Papierfenster
eingesetzt, da musste der Prinzipal eine Stoppelgans mit den nötigen
Flüssigkeiten zum besten geben, bei welcher Gelegenheit man zugleich
die mit der Druckerei Verkehrenden, mit Ausnahme der Korrektoren,
brandschatzte. Die Setzer nannte man nach den Satzschiffen (_galleys_)
Galeerensklaven.
Die Republik.
Die Versuche, während der Republik die Bücher dem freien Verkehr zu
übergeben, blieben fruchtlos. 1643 erliess das Parlament eine Akte
zur Unterdrückung der Missbräuche und Unordnungen. Dem Nachdruck trat
man zwar entgegen, sogar der Buchbinder wurde durch das Binden von
Nachdrucken strafbar, dagegen beschränkte man die Presse durch neue
Edikte weiter und das Erscheinen der Bücher ward von einem vorherigen
Erlaubnisschein (_license_) abhängig gemacht, was Milton zu seiner
berühmten Rede für die Pressfreiheit Veranlassung gab.
Wiedereinfüh-
rung des König-
tums.
Die Wiedereinführung des Königtums hatte auch keine grössere Freiheit
im Gefolge und es kam noch 1663 die Anordnung dazu, drei Exemplare
jedes gedruckten Werkes an die Bibliotheken abzuliefern. Erst 1694
wurden die letzten Restriktivmassregeln gegen die Presse aufgehoben und
von dieser Zeit ab kann man England als im Besitz einer freien Presse
betrachten.