Wir kehren nun zu dem Stammgeschäft zurück. □Bonaventura□,

wahrscheinlich so nach dem berühmten Gelehrten Bonaventura Vulcanus (de

Smidt) aus Brügge genannt, war 1583 in Leyden geboren. Sein Vater liess

ihn zeitig Geschäftsreisen machen. □Abraham□, in Leyden am 14. April

1592 geboren, war an Stelle seines Vaters eingetreten. Er hatte in

Leyden studiert und sich bei seinem Bruder Isaack mit der Typographie

vertraut gemacht. Am 21. Mai 1621 heiratete er Katharina van

Waesberghe, Tochter des Admiralitätsbuchdruckers in Rotterdam, und kam

dadurch in eine unabhängige Stellung, sodass er sich als Buchhändler

etablieren konnte. Ein Glück für Bonaventura war es, nachdem 1625 die

Druckerei Isaacks ihm noch zugefallen war, einen Mitarbeiter gefunden

zu haben, der sich namentlich der Buchdruckerei widmete.

In demselben Jahre heiratete Bonaventura Sahra van Keulen, Tochter des

berühmten Gelehrten Daniel Colonius, für ihn ein doppelter Vorteil,

indem er nicht nur in eine sehr angesehene Familie eintrat, sondern

auch in nähere Verbindung mit einer grossen Anzahl der bedeutendsten

Gelehrten trat, die sich nun vorzugsweise der Pressen der Elzeviere

bedienten.

Dass unter den obwaltenden Verhältnissen die Stellung als

Universitätsbuchdrucker den Elzeviers nicht entgehen konnte, ist fast

selbstverständlich. Man gewährte ihnen das Recht, die alte Lokalität

innezubehalten, und bewilligte ihnen ein jährliches Gehalt von 100 fl.,

das auf 200 und später auf 300 fl. erhöht wurde.

Der Glanz des

Hauses.

Die nun folgenden 26 Jahre waren die des grössten Glanzes des Hauses.

Das Streben der Associés war von Beginn ab darauf gerichtet, sich

von dem Alltäglichen zu emanzipieren und ihren Erzeugnissen mehr

und mehr den Stempel der Vollkommenheit aufzudrücken. Schon ihre

ersten Druckwerke übertrafen die Isaacks, und jedes Jahr zeigt einen

Fortschritt, sei es in der Schrift, in der Ornamentierung, oder in

dem Druck. Schritt für Schritt kann man diese Elzeviere auf ihrem Wege

zur Vollendung verfolgen, bis sie, nach zehn Jahren, Meisterwerke wie

ihren Cäsar, Terenz und Plinius v. J. 1635 hervorzubringen imstande

waren. Ihnen verdankt man die Initiative zu allen den Unternehmungen,

welche den Namen Elzevier zu einem unsterblichen in der Geschichte

der Buchdruckerkunst und des Buchhandels gemacht haben. Im Jahre 1625

begannen sie die Sammlung der kleinen „Republiken“, für welche sie

ein Privilegium vom 15. Mai 1626 erhielten. 1629 weihten sie die Reihe

der lateinischen Klassiker in dem berühmten Duodez durch den Horaz und

den Ovid ein; 1641 die Kollektion der renommiertesten Schriften einer

neueren Zeit mit dem Cid; die Sammlung französischer Klassiker mit

Régnier 1642. Daneben folgten aber auch Bücher in grösserem Formate,

darunter verschiedene orientalische Werke.

Die kleinen Aus-

gaben.

Ihren Hauptruhm bilden jedoch die Duodezausgaben der Klassiker zu

billigen Preisen. Zwar waren solche kleinere Ausgaben nicht ohne

Vorbild, wir erinnern nur an die „Aldinen“, im allgemeinen war man

jedoch bei den grossen Formaten geblieben, bis mit den Elzevieren die

Ausnahme Regel wurde. Die Bändchen, von den berühmtesten Kritikern

und Kommentatoren der Zeit besorgt, nahmen im Sturm das Publikum für

sich ein. Das Oktavformat blieb nur für die Ausgaben mit vielen Noten

und Varianten. Durch den billigen Preis von 1 fl. als Mittelpreis für

einen Band von etwa 500 Seiten steigerte sich der Absatz enorm. Die

Durchschnittsgrösse der Auflagen ist nicht bekannt, sie muss aber eine

bedeutende gewesen sein.

Übrigens fehlte es nicht an Stimmen, die diese handlichen Bändchen als

eine Herabwürdigung der Gelehrsamkeit bezeichneten und als eine rein

kaufmännische Manipulation verdammten. Trotzdem suchten die Gelehrten

eine Ehre darin, dass ihre Werke den Kollektionen einverleibt wurden.

Ja, selbst Autoren, deren Schriften von den Elzevieren nachgedruckt

waren, schrieben ihnen verbindliche Briefe auf Grund der auf den

Nachdruck verwendeten Sorgfalt. Das Format wurde in ganz Holland und

Belgien _standard_ und auch von mehren Pariser Buchhändlern angenommen.

Bald bemächtigte auch die Sammelwut sich der kleinen Bändchen. Noch

vor Ablauf des Jahrhunderts wurde von Liebhabern berichtet, die sich

das Allernotwendigste versagten, um eine komplette Elzeviersammlung zu

besitzen.

Papier und Kor-

rektur.

Mit der Beschaffung des Papiers scheinen die Elzeviere manchmal Not

gehabt zu haben. Öfters wenden sie französisches an, das jedoch schon

in Frankreich auf Grund der dortigen Abgaben sehr teuer zu stehen kam,

wie viel mehr also im Auslande. Während des Krieges mit Frankreich

war die Einfuhr von Papier ganz verboten und die Elzeviere bezogen

grosse Massen aus Deutschland, klagen jedoch öfters, dass dieses oder

jenes Werk nicht recht gefördert werden könne, weil das in Frankfurt

bestellte Papier nicht angekommen sei.

In Betreff der Korrektheit der Elzevier-Ausgaben sind von einander

abweichende Stimmen laut geworden. Viele loben dieselbe sehr, viele

tadeln derb die Inkorrektheit. Der Grund ist nicht schwer zu finden.

Die Elzeviere waren nicht, wie die Aldi, Stephane, oder wie Badius,

Morel, Oporin begeisterte Gelehrte, die im Interesse der Wissenschaft

Typographen geworden waren und einen Hauptteil der litterarischen

Arbeit auf sich nahmen; sie waren praktisch-tüchtige Geschäftsleute,

welche die Typographie hochhielten, aber nicht in der Lage waren,

durch ihre persönlichen Kenntnisse zur Förderung der Wissenschaft

beizutragen. Man darf sich nicht von ihrem Titel „akademischer

Buchdrucker“ oder von den gutgeschriebenen lateinischen Anreden in

ihren Verlagswerken irreleiten lassen; letztere sind Arbeiten ihrer

litterarischen Freunde, namentlich des Dan. Heinsius. Sie gaben sich

alle Mühe, für gute Korrektoren zu sorgen, diese waren aber selten;

oft mussten sie sich deshalb in Betreff der Korrektur auf die Verfasser

selbst verlassen, die bekanntlich selten diese Arbeit in befriedigender

Weise üben. So giebt es neben sehr gut korrigierten Ausgaben der

Elzeviere auch fehlerreiche. Im allgemeinen sind ihre lateinischen

Klassiker sorgsam korrigiert, der Virgil von 1676 gilt sogar als

ein nicht leicht zu erreichendes Muster, auch ihre französischen und

italienischen Ausgaben, obwohl Nachdrucke, waren öfters weit korrekter

als die Originale. Viele bekannte Namen fanden sich unter ihren

Korrektoren nicht vor, berühmte gar nicht.

Das ausländische

Geschäft.

Als eine Eigentümlichkeit der Elzevierischen Geschäftsorganisation

wurde schon der ausgedehnte ausländische Vertrieb erwähnt, der bereits

von Ludwig begonnen und sowohl (seit 1630) von dem Leydener als später

von dem Amsterdamer Haus in System gebracht wurde.

Die meisten Glieder der Familie begannen ihre Thätigkeit mit dieser

Branche. Selbst nach seiner Association mit Matthias und Abraham setzte

Bonaventura seine Reisen fort; doch nötigten ihn später die steigenden

Geschäfte, diesen Teil der Arbeit dem Neffen, Ludwig, zu überlassen,

bis dieser sich 1638 in Amsterdam etablierte. Er wurde von Johann, dem

ältesten Sohn Abrahams, dieser wieder von Daniel, Bonaventuras Sohn,

abgelöst.

Als letzterer später dem Geschäft Ludwigs in Amsterdam beitrat, setzte

er seine Reisen für dieses fort.

Über die Depots in Frankfurt, Italien und Paris wurde schon oben

gesprochen. Eine grosse Bedeutung hatte die Verbindung mit den

skandinavischen Ländern. Kopenhagen, der Hauptsitz der Litteratur

im Norden, war gewohnt, sich in Frankfurt zu versorgen. Als jedoch

der Verkehr im 30jährigen Krieg immer schwieriger wurde, hielten

die Holländer mit ihrem merkantilen Genie es für angebracht, die

litterarische Versorgung des Nordens zu übernehmen. Der erste, der

den Versuch machte, war der Buchhändler Johann Jansson aus Amsterdam

und der Erfolg war ein so glänzender, dass die dänischen Buchhändler

bittre Beschwerden über die Eindringlinge führten. Eine Merkwürdigkeit

war, dass der Buchhandel dort in den Kirchen betrieben wurde, was erst

aufhörte, als Christian □iv.□ die prachtvolle Börse baute, in deren

erstem Stock eine Menge Detail-Läden, namentlich für den Buchhandel,

sich befanden. Hier mieteten Jansson und die Elzeviere Lokale. Ihr

Handel muss ein sehr bedeutender gewesen sein, denn sie liessen

besondere Kataloge drucken, von welchen einer auf uns gekommen ist:

_Catalogus omnium librorum, qui hoc tempore in officina Elzeviriana

prostant. Hafniæ 1642._ Man sieht, es handelt sich um eine vollständige

Filiale. Wer sie dirigierte, ist nicht bekannt; die Elzeviere selbst

besuchten jedoch oft Kopenhagen. Nicht weniger gut als dort waren sie

in Schweden angeschrieben, und die für die Wissenschaften eingenommene

Königin Christine machte ihnen vorteilhafte Anerbietungen, um sie zu

bestimmen, ein Haus dort zu gründen. Sie lehnten es ab, dagegen kamen

die Verhandlungen mit Joh. Jansson zustande, der 1647 das Privilegium,

eine Druckerei anzulegen, erhielt (vgl. S. 157).

Eigenschaften

der Associés.

Daniel Heinsius.

Zu dem Glanze des Leydener Hauses trug jeder der Associés bei.

Bonaventura leitete mit grossem Geschick den bibliopolischen

und kaufmännischen Teil des Geschäfts, wozu ihn eine sorgfältige

Vorbereitung geeignet machte. Mit ihm verhandelten gewöhnlich die

Gelehrten und die Kunden. Abraham besorgte mit gleicher Sorgfalt und

grosser Hingebung das typographische Departement. Eine gute Hülfe

hatten sie in Ludwig □ii.□, bis dieser selbst sich etablierte. Eine

ganz wesentliche Stütze für das buchhändlerische Geschäft war der

berühmte Gelehrte Daniel Heinsius, der so eigentlich die Seele der

litterarischen Produktion war. Heinsius war 1580 in Genf geboren. In

Leyden war er der bevorzugte Schüler von Jos. Scaliger und später

von dessen Nachfolger. Er war ein Universalgenie, in allen Fächern

des Wissens zuhause, zugleich ein Dichter von gutem Geschmack. Ganz

natürlich, dass ein solcher Mann einen Verleger im Guten sowohl wie im

Bösen vollständig beherrschen konnte. In beiderlei Hinsicht übte er

auf die Elzeviere, speziell auf Bonaventura, einen grossen Einfluss.

Ihm verdanken sie den Besitz einer Reihe der besten Verlagswerke, bei

deren Herausgabe er ihnen zuhilfe kam, indem er die Einleitungen und

Dedikationen, mit welchen die Verleger ihre Werke begleiteten, schrieb.

Er war jedoch eine streitsüchtige, egoistische Natur und hielt die

Elzeviere von denjenigen Gelehrten ab, die bei ihm nicht in Gunst

standen.

Tod Abrahams

u. Bonaventuras.

Bonaventura selbst zeigt sich auch nicht durchweg als liebenswürdiger

Charakter, namentlich scheint er von einem mitunter hässlichen Geiz

beherrscht gewesen zu sein. Nichtsdestoweniger suchte man gern

eine Verbindung mit den Elzevieren und rühmte ihre Genauigkeit,

Pünktlichkeit und ihren Eifer, sowie ihr warmes Interesse für ihren

Beruf, dem sie einen förmlichen Kultus erwiesen. Liebenswürdiger als

Bonaventura dürfte Abraham gewesen sein, Wenigstens spricht für seine

Beliebtheit, dass die Universität nach seinem Tode, am 14. Aug. 1652,

ihm zu Ehren eine goldene Medaille prägen liess, eine Auszeichnung, mit

der sie sehr sparsam war. Dagegen geschah nichts zu Ehren Bonaventuras,

als dieser einen Monat später, am 17. Septbr. 1652, verschied.

Die Auszeichnung Abrahams fällt um so mehr auf, als schon 1649

Differenzen mit der Universität auf Grund der von den Elzevieren

angesetzten Preise entstanden waren. Es kam sogar in Frage, ihnen die

Emolumente zu entziehen, während sie ihrerseits auf Erhöhung derselben

antrugen. Bei dem Tode Abrahams und Bonaventuras war noch nichts

entschieden, doch muss ein Ausgleich stattgefunden haben, denn man

bewilligte den Nachfolgern die bisherigen Emolumente, und so blieb es

bis zum Erlöschen des Hauses 1712.

* * * * *

Johann und

Daniel.

Bonaventura vermachte seinem ältesten Sohne Daniel sein Haus auf der

Rapenburg und seinen Anteil an allem, was er in Verbindung mit Abraham

besessen hatte. Ein Gleiches that Abraham in Betreff seines Sohnes

Johann.

□Johann□, der älteste Sohn Abrahams aus seiner Ehe mit Katharine van

Waesberge, war das einzige von dessen Kindern, welches der väterlichen

Laufbahn folgte. Er war zu Leyden im Febr. 1622 geboren; 1638 wurde

er, 16 Jahre alt, nach Paris gesandt, wohl weniger um sich in der

Typographie, als im Französischen zu vervollkommnen und um neue

Verbindungen anzuknüpfen oder die alten zu pflegen. Schon 1643 ist er

wieder dort, zum Vertrieb von Büchern; 1641 ging er nach Dänemark; 1644

wieder nach Paris. 1647 heiratete er Eva van Alphen aus Leyden; 1649

etablierte er sich im Hause des Grossvaters Bonaventura.

□Daniel□, der älteste Sohn Bonaventuras und der Sarah van Keulen, war

im Aug. 1626 in Leyden geboren. Aus seiner Jugendzeit wissen wir nur,

dass er 1645 nach Paris ging, um seine Ausbildung zu vollenden. Dort

blieb er gegen drittehalb Jahre, um dann in Leyden zu studieren, dabei

nahm er jedoch an den Geschäften teil.

Trennung

Daniels von

Johann.

Es war eine schwere Last, welche auf den Schultern der jungen Männer

ruhte. Sie begannen jedoch guten Mutes ihr Werk. Ihre Ausgaben der

Nachfolge Christi und des Psalters von 1653 gehören zu den besten

Erzeugnissen der Elzeviere. Aber die Aussichten für die Zukunft

waren weniger freundlich, als bisher. Gleichzeitig mit den Vätern

war eine grosse Zahl der gelehrten Freunde und Ratgeber von der Bühne

abgetreten; die Universität befand sich in einer Krisis; die Zeiten

waren vorbei, wo die Arbeiten ihrer Professoren die gelehrte Welt in

Bewegung setzten, sie genügten nicht mehr, um einer Druckerei eine

Fülle von Arbeit und Ehre zu bringen. Dabei war das Verhältnis der

jungen Männer zu der Universität ein nicht ganz ungestörtes. Es fehlte

ihnen noch an der nötigen Erfahrung und Autorität, um glücklich über

alle Klippen wegzukommen, Eigenschaften, die dagegen der Amsterdamer

Ludwig in hohem Grad besass. Diejenigen berühmten Gelehrten, die durch

Heinsius den Leydener Elzevieren entfremdet worden waren, näherten sich

Ludwig; selbst Leydener Gelehrte suchten die Verbindung mit ihm. Diese

Umstände, dazu Johanns schwankender Charakter werden wohl mitgewirkt

haben, um Daniel zu bestimmen aus dem Geschäft zu treten und sich mit

seinem Vetter Ludwig in Amsterdam zu verbinden. Ein weiterer Grund mag

wohl auch seine Heirat mit Anna Bierninck, Enkelin von seinem Onkel

Justus und Nichte und Mündel Ludwigs, gewesen sein. Er trennte sich

nach zwei und einem halben Jahre von Johann.

* * * * *

Wir werden nun □Ludwigs□ und □Daniels□ Schicksale in Amsterdam

verfolgen, um dann zu dem Leydener Geschäft und dessen traurigem Ende

zurückzukehren.

Ludwig □iii.□ und

das Amsterdamer

Haus.

Der Gründer des Amsterdamer Geschäfts, Ludwig □iii.□, ältester der

vier Söhne des Justus, war 1604 in Utrecht geboren. Früh vaterlos,

wurde er, um zu studieren, nach Leyden gesandt, wo er bei seinem

Onkel Matthias wohnte und Gelegenheit fand, sich mit Buchhandel und

Typographie bekannt zu machen. Durch seine vielen Reisen kreuz und quer

durch Europa hatte er sich vortrefflich für ein eigenes Etablissement

vorbereitet. Er war 33 Jahr alt geworden; Aussichten auf eine

selbständige Stellung in dem Leydener Geschäft waren nicht vorhanden;

Konkurrenz wollte er demselben nicht machen. Er wählte deshalb

Amsterdam zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Wennauch vorzugsweise

Handelsstadt, war Amsterdam doch durch seine gelehrten Gesellschaften

bekannt, und besass eine Art von Universität in seinem neu errichteten

Athenäum, welches schon berühmte Lehrer zu den Seinigen zählte. Die

Leydener Verwandten hatten nichts gegen das Etablissement einzuwenden,

sie hofften sogar Vorteile durch energische Verbreitung ihrer Artikel

seitens Ludwigs zu erreichen und druckten auch anfänglich mehrere Werke

für ihn.

Aufblühen des

Hauses.

Jedoch Ludwig war der Mann, um ganz auf eigenen Füssen zu stehen. Kaum

etabliert, suchte er die Verbindung mit dem berühmten Hugo Grotius,

der als schwedischer Gesandter in Paris lebte. Ohne Freigeist zu sein,

hatte Ludwig auf seinen Reisen doch in religiösen Angelegenheiten einen

freieren Blick erworben, als seine Leydener Verwandten, die eine grosse

Strenggläubigkeit entweder wirklich besassen, oder durch die Verbindung

mit der Universität zu zeigen gehalten waren. Er war so recht geeignet,

als Verleger die unabhängigen Geister um sich zu versammeln. Er zählte

sogar zur katholischen Kirche übergetretene zu seinen litterarischen

Freunden, ohne dass dies ihn verhinderte, Schriften zu verlegen,

welche die Katholiken wenig schonten. Seit 1642 druckte er alle Werke

des Cartesius, was auf die volle Unabhängigkeit seines Charakters

deutet, denn man weiss, welche heftigen Angriffe der Autor seitens der

holländischen Theologen auszustehen hatte, sodass es in Leyden sogar

verpönt war, den Namen Cartesius zu nennen. Auch die Werke der Schüler

und Anhänger desselben gab Ludwig heraus, ebenso die Schriften der

französischen Jansenisten.

Jedenfalls lag es gleich von Beginn ab in Ludwigs Absicht, eine

Druckerei anzulegen. Im Jahre 1640 besass er eine solche, wennauch

nach einem beschränkten Massstabe, denn seine Mittel waren nicht

bedeutend. Er liess sowohl bei seinen Verwandten, wie bei anderen

Kollegen, namentlich bei Fr. Hackius in Leyden drucken, der von allen

Buchdruckern den Elzevieren am nächsten stand, um so mehr als ein Sohn

des Hauses Hackius, Cornelius, mit Margaretha Elzevier, Schwester von

dem in Utrecht als Buchhändler etablierten Peter und Nichte Ludwigs,

verheiratet war.

Es dauerte nicht lange, so stand das Amsterdamer Geschäft dem Leydener

gleich. Von 1640-45 kamen 219 Verlagsartikel heraus. Die Geschäfte

wuchsen so rasch, dass es Ludwig nicht immer möglich war, die nötige

Ordnung und Pünktlichkeit zu zeigen; er sah sich deshalb nach Hülfe

um. So wurde die Association mit Daniel am 1. Mai 1655 abgeschlossen.

Bei dieser Gelegenheit gingen eine Menge Verlagsartikel des Leydener

Geschäfts auf Daniel über und von dieser Zeit an begannen auch die

Amsterdamer Pressen, die berühmten Duodeze zu reproduzieren, auf

welche das Leydener Geschäft bis jetzt faktisch das Monopol gehabt

hatte. Die Zahl der von Ludwig und Daniel, während eines neunjährigen

Zusammenwirkens, herausgegebenen Werke beträgt gegen 150; auch der

Anfang ihres Hauptwerkes, der grossen Bibel von Desmarest, stammt aus

dieser Zeit.

Druckerzeichen.

Als Zeichen bedienten sie sich der Minerva mit der Aegide, dem Ölzweig

und der Eule und mit der Devise _Ne extra oleos_. Der Gedanke der

Devise ist dem Wettrennen der Alten entlehnt, bei welchem das Ziel

durch eine Reihe von Ölbäumen bezeichnet war. Die Warnung: „nicht über

die Ölbäume hinaus“, heisst also soviel als: „Halte dich innerhalb der

richtigen Grenzen, und schiesse nicht über das Ziel hinaus“.

Geschäftslokal.

Das Geschäftslokal war „_opt Water_ in den _Olm-boom_“. Diese

Bezeichnung „Auf dem Wasser“ hatte ein Hauptquai in Amsterdam, wo

vorzugsweise die Lokale der Buchhändler und Buchdrucker sich befanden.

Die Elzeviere bewohnten dort nach und nach verschiedene Häuser; wenn

sie nichtsdestoweniger als „in der Ulme“ wohnhaft fort firmierten, so

ist dies durch die Sitte erklärlich, die Häuser nicht nur nach den,

von dem Besitzer über den Thorweg in Stein gehauenen Emblemen, sondern

auch nach den beweglichen Schildern der gewerbetreibenden Bewohner zu

bezeichnen.

Ludwigs Tod.

Im Jahre 1664 zog sich Ludwig zurück, und lebte auf seinem schönen

Landsitz, welchen er halbwegs zwischen Amsterdam und Utrecht besass.

Sein Name findet sich fernerhin nur auf der Bibel Desmarests, welche

1669 in 2 Bdn. in Folio vollendet wurde. Sie war bei dem Ausscheiden

Ludwigs Gegenstand eines besonderen Übereinkommens unter den Associés

geblieben. Ludwig starb 1670 in Leyden, infolge eines Beinbruchs.

In allen Angelegenheiten der Familie war Ludwig stets als das Oberhaupt

betrachtet worden, und er hatte gesucht, ihr Interesse, wo er konnte,

wahrzunehmen. Seine Rechtschaffenheit und Einsicht wurden überall

anerkannt. In seinem Testament zeigt er sich als einen durchaus noblen

Mann, sowohl gegen Andere, als auch gegen seinen Associé. Es sollten

alle Rechnungen mit ihm ohne irgend eine Revision geordnet werden. Es

war ihm freigestellt, die Artikel zu den Druck- und Papierkosten ohne

Zinsen und sonstige Lasten zu übernehmen, und die daraus entstehende

Schuld erst in langen Terminen unter 4% Verzinsung zu zahlen.

* * * * *

Daniels weitere

Wirksamkeit.

Die Weiterführung des ausgedehnten und vielseitigen Geschäfts war

für Daniel mit seinen alleinigen Kräften eine schwere Aufgabe, wozu

die grösste Energie notwendig war. Hierzu kamen noch ungünstige

Zeitverhältnisse. Kurz nach der Übernahme brach der Krieg mit England

aus, der zwei Jahre (1665-67) mit wechselndem Kriegsglück, aber unter

fortwährender Hemmung der Geschäfte, dauerte. Daniel nahm deshalb

Jakob Zetter in sein Geschäft, der den buchhändlerischen Teil sehr gut

leitete. 1669 fesselte er den jungen □Heinr. Wetstein□, der bestimmt

war, selbst einen bedeutenden Platz in der niederländischen Typographie

einzunehmen, an sich. Wetstein war 1649 in Basel geboren, wo sein Vater

Professor der griechischen Litteratur war. Er hatte eine vortreffliche

wissenschaftliche Erziehung genossen, aber sein Trieb zur Typographie

war ein unwiderstehlicher. Am besten glaubte er seinen Zweck in

Holland zu erreichen, trat daher mit seinem 20. Jahre bei Daniel in

die Lehre und blieb 7 Jahre bei ihm. 1676 verheiratete sich Wetstein

und etablierte sich dann als Buchhändler. Er war mit Zetter zusammen

dem Hause Elzevier von grossem Nutzen. Daniels Buchhandlung hatte

vorher nur aus Verlags- oder Kommissionsartikeln bestanden; jetzt fügte

Wetstein ein vollständiges Sortiment neuer und alter Bücher hinzu. 1674

gab Daniel, durch Wetstein unterstützt, seinen grossen Lagerkatalog,

über 20000 Werke enthaltend, heraus.

In den Jahren 1667-1672 wurden über 100 neue Werke gedruckt, daneben

die grosse Bibel fortgesetzt. Daniel sammelte, als letzter der

bedeutenden Elzeviere, die ganze Ehre des Namens auf sich und wurde

als einer der Buchdrucker _majorum gentium_ betrachtet. Als im Jahre

1672 ein grosser Brand einen bedeutenden Teil des Blaeuschen Geschäfts

vernichtete und Blaeu in Verlegenheiten kam, kaufte Daniel eine Anzahl

von dessen Verlagsartikeln. Auch von Hackius machte er bedeutende

Erwerbungen.

Trotz der schweren Zeiten hat man sich also Daniel nicht als mutlos

geworden zu denken, und noch in den Jahren 1675-1680 verliessen 90

Verlagswerke, unter welchen sich einige seiner bedeutendsten Leistungen

befinden, seine Pressen.

Daniels Tod.

Da überraschte ihn der Tod mitten unter den Vorbereitungen zu einer

Menge neuer grossartiger Unternehmungen. Am 13. Oktbr. 1680 unterlag er

dem wiederholten Anfall eines heftigen Fiebers, wie solche in Amsterdam

nicht selten auftreten.

Die Elzevier-

schriften.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 23 / 29 段