Lipsius war, der andere die Revisionsbogen von verschiedenen Werken
in bester Ordnung enthält, kommt man in das Zimmer der Korrektoren,
ein längliches Viereck und einer der grössten Räume des Hauses. Alles
steht noch auf seinem alten Platze, alles spricht von den grossen
Arbeitern, deren Namen mit dem Ruhme des Hauses Plantin verbunden sind,
und die hier viele Jahre in rastloser Wirksamkeit zugebracht haben. Zur
Rechten steht eine enorme Truhe, gefüllt mit Briefen, Korrekturbogen,
Manuskripten, weiter das Pult der Korrektoren, ein Meisterstück der
Holzschnitzerei. Eine Seite desselben lehnt an der Mauer. An zwei
Seiten sind Sitze mit hohen Rücklehnen und reichen Bildschnitzereien
auf einem Podium angebracht, so dass man eine Stufe hinaufsteigen muss.
Unter dem Pult befinden sich viele Fächer. Zwei mächtige Repositorien
enthalten eine grosse Anzahl von Kästen, jeder derselben trägt den
Namen einer der Städte, mit welchen Plantin Verbindungen unterhielt,
und umschliesst die Aushängebogen der in Arbeit befindlichen Werke
aus dieser Stadt und die darauf bezügliche Korrespondenz. Der übrige
Wandraum ist mit Wandschränken und Regalen ausgefüllt, welche Pakete
mit Vorratsschriften und Defekten zu den in Gebrauch befindlichen
Schriftsorten enthalten; durch alles geht der Geist der genauesten
Ordnung.
Bücherstube.
Schriftgiesserei.
In dem obern Stock ist die Bücherstube für das Trocknen, das Abpressen
und Komplettieren der Bücher. Hier steht auch ein Schatz von hohem
Wert, ein Schrank, dessen Kästen eine bedeutende Anzahl, mit grösster
Akkuratesse geordneter Geschäfts- und Familienbriefe bergen. Die
Schriftgiesserei nimmt zwei Räume ein; der eine für das eigentliche
Giessen bestimmt, der andere für das Schleifen, Fertigmachen und
Verpacken. Auch das Firniskochen wurde hier besorgt. Ferner zeigt man
eine Bronziermaschine. In diesen Räumen steht ebenfalls alles da, als
ob die Arbeit eben aufgehört hätte. Das Handwerkszeug hängt an den
Wänden, die Giessöfen enthalten Reste von flüssig gewesenem Metall.
Probepakete, Stempel, Instrumente liegen umher. Auch einige silberne
Buchstaben finden sich vor, jedenfalls Resultate von unpraktisch
befundenen Versuchen, Typen aus diesem Metall zu formen.
Die Bibliothek.
Die grosse Bibliothek (es giebt auch eine kleine) ist ein längliches
Viereck, dessen Wände, soweit sie nicht durch die Fenster unterbrochen
werden, mit Regalen bedeckt sind. Durch die ganze Länge des Zimmers
zieht sich ein Doppelpult, unten mit Fächern versehen. Hier lagern
Bücher, Zeichnungen, Stiche nach Rubens, Teniers, van Dyck, Jordaens
u. a., fast alle in den ersten Abdrücken vor der Schrift. Ein Album
umfasst mehr als vierhundert Handzeichnungen der grossen Meister,
darunter elf Rubens. Dreiunddreissig Familienporträts vollenden den
Schmuck des Raumes.
Selbstverständlich bilden die Plantinschen Drucke einen wichtigen
Bestandteil der Bibliothek, sie sind jedoch nicht ganz vollzählig.
Die Zahl der Manuskripte kann man auf 200 anschlagen. Von Inkunabeln
sind gegen 60 vorhanden. Die Zahl der sonstigen Bücher wird auf 9000
geschätzt, darunter eine auserlesene Sammlung von Missalen, Breviarien
u. dgl.
Eine typographische Kuriosität ist ein Band, welchen Johann Moretus
1576 Plantin gewidmet hat, der eine Sammlung der Titel von allen bei
Plantin bis zum Jahre 1576 gedruckten Büchern enthält, gewiss ein
interessantes Musterbuch für Typographen. Von noch grösserem Interesse
dürfte das Studium des Journals des Hauses und der Hauptbücher aus
drei Jahrhunderten, 1566 bis 1865, sein. Mit letzterem Jahre hörte die
Thätigkeit des Hauses auf, die bereits früher auf ein Minimum reduziert
war.
Die Schriftstücke
und andere Sel-
tenheiten.
Ferner sind noch aufbewahrt: die Messabsatz-, die Arbeits- und
die Buchbinderbücher, Kataloge der verschiedensten Art, sowie die
Korrespondenz-Brouillons, geeignet Licht über manches zu werfen, was
jetzt dunkel ist. Die Zahl der Holzstöcke beträgt mindestens 15000;
die der Kupferstiche 7 bis 8000. Von den kostbaren Porträts aus den
Meisterhänden Rubens', van Dycks und anderer, den prachtvollen Meubeln,
den seltenen Porzellanstücken und von vielen anderen Kostbarkeiten
wollen wir hier nicht reden. Abgesehen von diesen, bietet das
Plantinsche Museum in typographischer Hinsicht ein so ungemeines
Interesse, dass die typographische Welt sich zu der Opferwilligkeit der
Bürgerschaft der Stadt Antwerpen Glück zu wünschen hat, welche diese
Schätze der Zukunft erhielt.
Die Familie
Blaeu.
Eine zweite bedeutende Druckerfamilie war die der Blaeu in Amsterdam.
□Wilhelm Blaeu□[5], geboren zu Alkmar im Jahre 1571, legte sich auf
Astronomie und war ein Schüler und Freund des berühmten dänischen
Astronomen Tycho de Brahe (S. 155). Blaeus Hauptthätigkeit war der
Herausgabe astronomischer und Karten-Werke gewidmet. Selbst ein
tüchtiger Mechaniker, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die
Vervollkommnung der Druckpressen, deren neun, von verbesserter
Konstruktion und nach den neun Musen benannt, in seiner Offizin
aufgestellt waren. Die Verbesserungen bezogen sich namentlich auf den
elastischen Zug. Blaeu starb am 21. Okt. 1638 und sein Sohn □Johann□
(geb. 1596) setzte die Druckerei fort, zuerst in Verbindung mit
seinem Bruder Cornelius, von 1641 ab allein. Im Jahre 1663 lieferte
er einen prachtvoll ausgeführten Atlas in zwölf Grossfoliobänden, dem
mehrere ebenso grossartige Werke folgten. Seine Offizin galt für die
bedeutendste und schönste Europas, sie beschäftigte regelmässig über
40 Arbeiter namentlich mit dem Druck grosser Werke, mit Karten und
Illustrationen, für deren Herstellung er einen besonderen Ruf hatte.
Am 22. Febr. 1672 brannte die Offizin gänzlich ab. Die strenggläubigen
Protestanten erklärten dies für ein Strafgericht des Himmels, weil
Blaeu viele Breviarien und Missalen für die Papisten druckte. Er starb
am 28. Dezember 1673 und wurde von seinen Söhnen □Peter□ und □Johann□
gefolgt.
[5] □P. J. H. Baudet□, _Leven en Werken van W. J. Bläu_.
Utrecht 1871.
* * * * *
Der Stammvater
der Elzeviere.
Es bleibt noch die berühmteste der holländischen Buchdruckerfamilien,
die, wenn von den Leitsternen der Typographie die Rede ist, gewöhnlich
mit den Geschlechtern des Aldus und des Stephanus zusammen genannt
wird.
□Ludwig Elzevier□, der Stammvater des berühmten Geschlechts, ist zu
Löwen in Brabant um das Jahr 1540 geboren. Aus den Arbeitsbüchern des
Plantin geht hervor, dass ein Buchdrucker Johann aus Löwen mit dem
Beinamen _Helsevier_ bei ihm von 1565-1588 arbeitete. Ob dies Ludwigs
Vater war, ist nicht ermittelt, doch ist es nicht unwahrscheinlich,
da Ludwig sich schon in jüngern Jahren in Antwerpen aufhielt und ihm
dort zwei Kinder Matthias (1564) und Ludwig (1566) geboren wurden. Die
Mutter derselben hiess Mayke (Marie) Duverdyn. Die Hypothese in Bezug
auf Ludwig Elzeviers Vater gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass
Ludwig, der die Buchbinderei übte, von Plantin beschäftigt wurde, der,
selbst früher Buchbinder, sich der Buchdruckerei und dem Verlagshandel
mit so grossem Erfolge gewidmet hatte[6].
[6] □Ch. Pieters□, _Annales de l'impr. elzevirienne_. 2. Ausg.
Gent 1858. -- □A. de Reume□, _Recherches historiques_.
Brüssel 1847. -- □Minzloff□, _Les Elzevir etc. de St.
Pétersbourg_. 1862. -- □Ch. Fr. Walther□, _Les Elzevir
etc. de St. Petersbourg_. 1864. Ein Hauptwerk ist:
□Alphonse Willems□, _Les Elzevir. Histoire et annales
typographiques._ Brüssel 1880.
Lage der Protestanten.
Antwerpen war, wie schon erwähnt wurde, der Herd der reformatorischen
Bewegung in den Niederlanden geworden, von welcher auch Elzevier
ergriffen wurde. Die scharfen Edikte des Kaisers Karl □v.□, welche
Todesstrafe für den Anschluss an eine sektiererische Verbindung
feststellten, waren noch in Kraft, wenn sie auch unter der milden
Regierung der Statthalterin Margaretha von Parma nicht so gefährlich
waren. Die Lage änderte sich jedoch, als König Philipp □ii.□ den Herzog
von Alba (1567) mit dem Auftrag sandte, durch Feuer und Schwert jede
Spur der Ketzerei zu vertilgen. Tausende von Familien verliessen den
heimatlichen Herd; auch die Ludwig Elzeviers gehörte zu diesen und
zog nach Wesel, wo zahlreiche Emigranten sich zusammengefunden hatten
und von wo eine thätige Propaganda ausging. Viele Bücher und kleinere
Schriften reformatorisch-agitatorischen Inhalts in vlämischer Sprache
wurden dort gedruckt und von dort aus verbreitet, so dass Elzevier als
Buchbinder auf Beschäftigung rechnen konnte.
Wie man über seinen Aufenthalt in Antwerpen hauptsächlich aus den
Geburtsscheinen seiner Kinder Positives weiss, so auch über seine
Existenz in Wesel und später in Douai. In Wesel wurde sein dritter
Sohn, Aegidius; in Douai Justus und Arnold geboren. Nach seinem
Vaterland ist er jedenfalls erst nach der Übernahme der Regentschaft
durch Louis de Requesens i. J. 1574 zurückgekehrt, und mag wohl nur,
weil in Antwerpen schon verdächtig, Douai vorgezogen haben, das
seit 1462 eine wallonische Universität besass, die Philipp □ii.□
als Gegengewicht zu den Universitäten in Genf und Paris mit ihrer
freieren religiösen Bewegung errichtet hatte, so dass ein Buchbinder
auch hier auf Erwerb rechnen durfte. Der Friede zu Gent, 1576, schien
den religiösen Wirren ein Ende machen zu wollen; als sich jedoch die
wallonischen Provinzen 1579 wieder unter das Joch Spaniens begaben,
zogen die Protestanten, unter diesen Elzevier, wieder aus, letzterer
nach Leyden, damals, nächst Amsterdam, die volkreichste Stadt Hollands,
wo der Handel blühte und die von Wilhelm von Oranien begründete
Universität einen raschen Aufschwung nahm.
Ludwig Elzevier
in Leyden.
Elzevier fand, als er 1580 mit seinen fünf Söhnen und einer Tochter
Marie nach Leyden kam, eine Stütze bei den vielen emigrierten
Landsleuten. Im übrigen kann er nicht ganz ohne Mittel gewesen
sein, denn er erwarb bald zwei Häuser, von denen das eine auf der
„Rapenburg“, in der Nähe der Universität gelegen war. Dass er für
letztere beschäftigt war, beweisen viele Rechnungen. Die günstige Lage
im Zentrum der Gelehrsamkeit veranlasste ihn den Buchhandel anzufangen,
der bald einen ziemlichen Umfang genommen haben muss, wie man aus einem
unerfreulichen Zusammenstoss mit Plantin erfährt. Elzevier war diesem
für gelieferte Bücher 1270 Gulden schuldig und musste 1583 vor Gericht
erklären, dass Plantin berechtigt sei, sich an seine beiden Häuser zu
halten, wenn Zahlung in den übereingekommenen Terminen nicht erfolgen
würde.
Elzevier wird
Pedell.
Elzevier hatte Gelegenheit gehabt, verschiedene bibliopolische
Erwerbungen für die Universität in einer für diese vorteilhaften Weise
zu machen, was auch Anerkennung fand, so dass er am 30. September 1586
zum Pedell mit 72 Gulden Gehalt ernannt wurde. Noch mehr sollte ihm
aber die Gunst der Universität in indirekter Weise zustatten kommen.
Elzevier konnte die oben erwähnten Verbindlichkeiten gegen Plantin
nicht erfüllen und er musste seine Häuser diesem überweisen. In dieser
Not richtete er das Gesuch an den akademischen Senat, auf dem Grund
und Boden der Universität einen Laden errichten zu dürfen, weil es sehr
zum Nachteil der Professoren und Studierenden gereichen würde, wenn er
seinen Laden weit weg von der Universität verlegen müsste. Das Gesuch
Elzeviers wurde zugestanden; bis 1595 besass er den Laden ganz umsonst,
von da ab musste er 75 fl. Miete bezahlen. Dieser Laden war die Wiege
des Glanzes der Elzeviere, jedoch hatte Ludwig noch lange mit Sorgen
zu kämpfen. Erst das Jahr 1594, in welchem er Bürger von Leyden wurde,
scheint den Wendepunkt zum Günstigen gebildet zu haben.
Ludwigs Kinder.
Seinen ältesten Sohn □Matthias□ nahm er um 1590 als Teilnehmer auf,
später den zweitjüngsten □Bonaventura□; der zweite □Ludwig□ ging als
Buchhändler nach dem Haag, der vierte □Justus□ nach Utrecht. Der dritte
□Aegidius□ erscheint nur vorübergehend in dem Haager Geschäft, seine
übrigen zwei Söhne, Arnold und Adrian, gehören so wenig wie seine zwei
Töchter der Geschichte der Buchdruckerkunst an.
Sein Verlag und
seine Reisen.
Von seinen Verlagswerken erschien das erste 1592; nach 1594 folgten
sie in ununterbrochener Reihe. 1595 wendete er zum ersten male das
Insigne an: den Adler auf einer Säule, in den Klauen das Bündel mit
sieben Pfeilen haltend und mit der Umschrift: _Concordia res parvæ
crescunt_, wie bekannt die Devise der holländischen Republik. Um diese
Zeit fängt auch sein regelmässiger Besuch der Frankfurter Messen an.
Ludwig begriff sehr wohl, dass die Erzeugnisse des Geistes nicht
auf den heimischen Markt sich beschränken konnten und suchte den
ausländischen Markt auf. Er selbst war viel gereist und liess auch
seinen Sohn Bonaventura noch jung auf Reisen gehen. Seit 1601 besuchte
er regelmässig zweimal jährlich die Frankfurter Messe, wo er ein
besonderes Depot hatte, ohne sich durch die damals mit solchen Reisen
verbundenen vielen Mühseligkeiten und Gefahren abhalten zu lassen. Als
die Buchmesse sich mehr und mehr nach Leipzig zog, folgte Elzevier dem
Strom doch nicht, sondern fuhr fort, Frankfurt zu besuchen, wo er fast
das Monopol für Versorgung Deutschlands mit ausländischer Litteratur
hatte. Mit Paris unterhielt er ebenfalls regelmässige Verbindungen,
obwohl der Verkehr dort mancherlei Beschränkungen unterworfen war.
Der Umfang seiner Geschäfte und das Zutrauen der Autoren zu ihm
stiegen fortwährend. Nicht wenige der letzteren übergaben ihm ihre
Werke in vielen Exemplaren zum Debit. Wenn deshalb sein Name öfters in
Verbindung mit dem eines anderen Verlegers auf einem Titel vorkommt,
so ist daraus nicht zu schliessen, dass es sich um eine Association
handelte, sondern, dass ein Verleger ihm den Debit eines Werkes für das
Ausland übertragen hatte.
Geschäftliche
Manipulation.
Bei seiner grossen Thätigkeit im Vertrieb war er nicht immer gar zu
wählerisch in den Mitteln. Er kaufte öfters liegengebliebene Auflagen
und versah sie, unter Benutzung seiner Firma, mit neuen Titeln;
manchmal wurden einige Seiten neu angedruckt oder zwei Bände in einen
verbunden, und dann solche als neue Ausgaben versandt. Kurz, es wurden
verschiedene, auch noch heute im Buchhandel übliche Mittel angewendet,
die man nicht gerade als Unrecht bezeichnet, die aber doch auch
nicht zu den ganz soliden zählen. Dass sein persönlicher Charakter
ein ehrenwerter war, dafür sprechen das grosse Zutrauen und die
Auszeichnung, welche ihm von den Gelehrten, seinen Geschäftsfreunden
und seinen Mitbürgern entgegengetragen wurden.
So war der Name Elzevier, noch ohne Hinzutreten des Elements, welches
seinen eigentümlichen Ruhm begründen sollte, der Typographie, ein sehr
gut renommierter geworden. Ludwig selbst sollte eine Buchdruckerei
nicht besitzen, wohl aber erleben, dass sein Enkel Isaack, zweiter Sohn
des Matthias, eine solche (1616) erwarb. Noch konnte man nicht auf den
künftigen typographischen Ruhm schliessen, und die Werke, die Ludwig in
den verschiedenen Offizinen ausführen liess, zeichneten sich in Nichts
vor hundert anderen aus, wenn man auch später, als der Nimbus das
Haus umgab, oft versucht hat, einen besonderen Wert herauszufinden, wo
keiner vorhanden war.
Ende Ludwigs.
Ludwig näherte sich dem Ende seiner Laufbahn, auf die er mit
Befriedigung zurückschauen konnte. Der unbekannte Handwerker war ein
durch Europa angesehener Mann geworden. Vier Söhne hatten den Beruf
des Vaters ergriffen; ein Enkel übte die Buchdruckerei; sie konnten
sich in ihrer Wirksamkeit gegenseitig stützen und ergänzen. Sein neues
Vaterland war in seiner Freiheit anerkannt, es war ihm beschieden, auch
seinen religiösen Überzeugungen sich ruhig hingeben zu können.
Doch sollten seine letzten Tage noch in peinlicher Weise eine Störung
erleiden. Ludwig hatte erlangt, dass sein Sohn Matthias 1607 ihm
als Vicepedell adjungiert wurde. Am 11. Nov. 1616 wurde ein Teil der
Universitätsgebäude vom Feuer zerstört und die Untersuchungsrichter
gaben der Nachlässigkeit der Pedelle allein die Schuld. Matthias wurde
seines Amtes enthoben; über Ludwig wurde der Beschluss noch nicht
gefasst. Die Möglichkeit ist wohl nicht ausgeschlossen, dass dies
Ereignis heftig auf ihn eingewirkt hat; Thatsache ist es, dass er
gleich zu Anfang des Februar 1617 starb und am 4. Febr. neben seiner
Frau, die ihm schon vor drei Jahren im Tode vorangegangen war, begraben
wurde. Übrigens wurde Matthias in demselben Jahre wieder in sein Amt
eingesetzt, das er bis zu seinem Tode behielt. 1636 war ihm das Recht
zugestanden, sich durch seinen Schwiegersohn, Peter Caron, vertreten zu
lassen.
* * * * *
Ludwigs Söhne.
Nach dem Tode des Vaters übernahmen der älteste Sohn □Matthias□ und
der vorletzte □Bonaventura□ das Leydener Geschäft, jedoch bereits am
3. Septbr. 1622 übertrug der erstere seinen Anteil auf seinen ältesten
Sohn □Abraham□.
Der zweite Sohn Ludwigs, □Ludwig ii.□, wahrscheinlich 1566 geboren,
ging 1590 als Buchhändler nach dem Haag. Seinen Laden hatte er in
einem grossen Saal des Palais der Generalstaaten, vorzugsweise _de
Zaal_ genannt, an dessen Wänden Buchhändlerstände ringsum eingerichtet
waren. Mit einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1598-99 stand er
an der Spitze des Haager Etablissements, welches keine grosse Bedeutung
hatte, und nur eine ganz geringe Verlagsthätigkeit entwickelte. Ludwig
□ii.□ starb wahrscheinlich 1621. Das Geschäft erwarb Bonaventura und
übergab es wieder in demselben Jahre an Jacob Elzevier, den dritten
Sohn des Matthias. Jacob zog sich 1636 zurück, ging in Staatsdienst
über und siedelte sich schliesslich in Gensingen im Kurpfälzischen an.
Das Haager Geschäft blieb als Filiale bei dem Leydener. Von dem dritten
Bruder □Aegidius□ weiss man nur, dass er in der Abwesenheit Ludwigs
eine kurze Zeit das Haager Geschäft besorgte. Er starb als Kaufmann in
Leyden 1651.
Der vierte Bruder □Justus□ (geb. 1575) erhielt in Utrecht das
Bürgerrecht als Buchhändler. Von seinen vier Kindern war das älteste,
□Ludwig iii.□, der später so berühmte Gründer des Amsterdamer Hauses.
Sein Todesjahr ist nicht bekannt. Ein Enkel von ihm, □Peter□, trieb
kurze Zeit den Buchhandel in Utrecht und verschwand 1675 von der
geschäftlichen Bühne. Der fünfte Sohn wurde Landschaftsmaler, der
siebente, Adrian, trat in die Dienste der Ostindischen Compagnie und
wurde 1609 von den Wilden auf den Bandainseln ermordet.
Bevor wir an die weitere Geschichte des Stammhauses in Leyden unter
Bonaventuras und Abrahams Leitung gehen, müssen wir der Thätigkeit
des zweiten Sohnes des Matthias, des Buchdruckers Isaack, gedenken,
die fast ihr Ende erreicht hatte, als die zuerstgenannten die ihre
begannen.
Isaack, Ludwigs
Enkel.
□Isaack□ war am 11. Mai 1596 in Leyden geboren. Am 14. Febr. 1616
verheiratete er sich mit Jaquemine Symons van Swieten, einer Waise,
und wurde wahrscheinlich durch ihr Vermögen in die Lage versetzt, eine
Druckerei erwerben zu können, denn seine grossen für den Grossvater
ausgeführten Druckwerke datieren aus dem Jahre 1617. Isaack fuhr fort
vorzugsweise für Matthias und Bonaventura, später für Bonaventura und
Abraham zu drucken. Es finden sich auch Druckwerke vor, die keine
andere Firma als die Isaacks tragen, doch lässt sich daraus nicht
schliessen, dass er als Verleger und Konkurrent seiner Verwandten
aufgetreten wäre, sondern nur, dass solche Werke im Selbstverlage der
Autoren erschienen sind.
Isaack,
Universitäts-
Buchdrucker.
Am 9. Febr. 1620 erhielt Isaack die Stellung als akademischer
Buchdrucker, in der die Familie bis zu ihrem Ende 1712 blieb. Gleich
bei der Begründung der Universität Leyden war der Beschluss gefasst,
einen gelehrten, namhaften und erfahrenen Mann zum akademischen
Buchhändler und Buchdrucker zu ernennen. Die Wahl fiel auf Wilhelm
Sylvius, der in Antwerpen mit dem Titel königl. Buchdrucker etabliert
war (1579), Sylvius starb bereits 1580. Sein Nachfolger war der
berühmte Christoph Plantin (1584), der Antwerpen verlassen hatte,
jedoch bald wieder nach dort zurückkehrte. Seine Offizin und sein Amt
gingen auf seinen gelehrten Schwiegersohn, Franz von Rapheling, über;
das Amt erbte nach dessen Tode (20. Juli 1597) der Sohn Christoph, der
ihn jedoch nicht vier Jahre überlebte. Der Senat erwählte nun (1602)
Johann Paedts (_Patius_) zu seinem Nachfolger. Er starb 1620 und das
Amt wurde auf Isaack Elzevier übertragen. Als Universitätsbuchdrucker
war er verpflichtet, eine und eine halbe Presse für den Druck der
kleinen Universitäts-Schriften zur Disposition zu halten. Er hatte für
gute Korrektur und dafür zu haften, dass keine willkürlichen Änderungen
gemacht wurden; die Besorgung der Bücher zur Frankfurter Messe übernahm
er zu festgesetzten Bedingungen. Jährlich erhielt er eine Entschädigung
von 50 Gulden.
Die Druckerei.
Das Universitätsgebäude lag, und liegt noch, in einer breiten,
von einem Kanal, dessen Ufer mit grossen Bäumen bepflanzt waren,
durchzogenen Strasse, der „Rapenburg“. Das Gebäude war früher ein
Nonnenkloster gewesen, die Seitenfront kehrte es nach der Strasse,
daneben lief eine Mauer, in welcher sich der Eingang zu dem
Universitätshof und dem botanischen Garten befand. Das angrenzende Haus
hatte Matthias, Isaacks Vater, am 26. Aug. 1608 gekauft. Als Isaack
nun Universitätsbuchdrucker geworden war, teilte er dem Senat mit,
dass er bereit sei, das Haus seines Vaters zu beziehen, wenn man ihm
gestatten wollte, längs seinem Hause in dem unbenutzten Winkel des
Universitätshofes, der dem Ganzen keineswegs zur Zierde gereichte,
ein Atelier anzubauen. Es würde dies eine sehr grosse Annehmlichkeit
für die Professoren und die Studierenden sein. Man fand den Vorschlag
annehmbar und gestattete Isaack ein Gebäude von 14 Fuss Tiefe,
bestehend in einem Parterre mit einem hohen Dach, zu errichten. Der
Eingang für seine Arbeiter sollte jedoch durch sein Haus sein, und das
Hofthor nur für die Besucher der Universität dienen. Auch hinsichtlich
der Anbringung der Fenster wurden ihm verschiedene Beschränkungen
auferlegt. In diesem bescheidenen Lokal, das jetzt verschwunden ist,
blieb die Druckerei bis zu ihrem Aufhören.
Isaack erwirbt die
Offizin Erpenius.
Die Massregel der Universität, Isaack zu ihrem Buchdrucker zu ernennen,
war gewiss eine glückliche, denn durch die Ausführung schwieriger
Arbeiten, unter welchen namentlich das _Theatrum geographiæ veteris_ in
Folio, für Rechnung des Buchhändlers J. Hondius, besondere Erwähnung
verdient, hatte er sich bereits einen guten Namen erworben, und
sich auch in anderer Weise, durch den Ankauf der Buchdruckerei des
berühmten Orientalisten Erpenius (Th. van Erpe), klüglich vorbereitet.
Nicht damit zufrieden, die orientalischen Sprachen zu lehren und
Werke herauszugeben, hatte Erpenius eine Druckerei in seinem Hause
eingerichtet, die er selbst überwachte. Nach seinem plötzlichen Tod an
der Pest am 13. Nov. 1624 legte die Universität grosses Gewicht darauf,
seine Druckerei für Leyden zu erhalten. Mit dem seinem Geschlechte
eigenen Geschäfts-Instinkt war Isaack den Wünschen der Universität
bereits zuvorgekommen, und hatte alle Stempel, Matrizen und Schriften
des Erpenius erworben.
Druckerzeichen.
Als Druckerzeichen nahm Isaack eine Ulme an, die von einem Rebstock
voll Trauben umschlungen wird, daneben steht ein Einsiedler; die Devise
lautet: _non solus_. Der Baum mit dem Rebstock deutet dasselbe an, was
das Bund mit den Pfeilen ausdrücken will. Dies Druckerzeichen wurde
bis 1712 benutzt. Ein anderes, von Isaack verwendetes: ein Palmbaum
mit der Umschrift _Assurgo pressa_, war ursprünglich das Insigne des
Erpenius. Im übrigen bedienten sich Isaack sowohl als auch Bonaventura
und Abraham mitunter der Marke des Vaters.
Isaack giebt das
Geschäft auf.
Trotz des günstigen Fortgangs des Geschäfts fasste jedoch Isaack den
Entschluss, dasselbe aufzugeben, angeblich aus Besorgnis um die Folgen
des langwierigen Krieges in Deutschland. Durch Vertrag vom 24. Dez.
1625 übergab er die Offizin mit 5 Pressen und 1 Kupferdruckpresse, 10
000 Kilo Schriften, Stempeln, Matern etc. seinem Bruder Bonaventura
und seinem Neffen Abraham für die Summe von 9000 Gulden, und 2000
Gulden für das Lokal. Im Februar 1626 legte er auch sein Amt nieder
und verliess in den letzten Tagen des Jahres Leyden, trat in den
Marinedienst und hatte 1632 Kapitänsrang. 1648 finden wir ihn in Delft
in Association mit seinen zwei jüngsten Söhnen, um eine Brauerei zu
betreiben. Er starb in Köln am 8. Okt. 1651.
* * * * *
Bonaventura und
Abraham.