Eine hohe Stufe erreichte die □Buchbinderkunst□. Als Förderer

derselben steht obenan der erwähnte □Jean Grollier□, Vicomte d'Aguisy

(1479-1565), Schatzmeister unter mehreren französischen Königen. Er

hatte in Italien schöne Einbände lieben gelernt, ahmte sie nach und

veredelte sie. Er liess die Bücher in seinem Hause binden und legte

selbst Hand mit an. Die Bände Grolliers mit der Devise: _J. Grolliero

et amicis_ gelten noch heute als Edelsteine der Buchbinderkunst und

werden mit den höchsten Preisen bezahlt. Mit Grollier übernimmt

Frankreich die Führung in der Buchbinderei und behauptet sie.

Ausgezeichnet in seinen Bänden war der Zeitgenosse Grolliers, □Geoffr.

Tory□. Als würdiger Förderer gegen Ende des □xvi.□ Jahrh. erwies

sich □Ch. A. de Thou□, Direktor der königlichen Sammlungen. Während

Grolliers und Torys Bände phantastische arabische Ornamente zeigten,

sind die Fonds der meist in Maroquin ausgeführten Bände de Thous

hauptsächlich mit an die Natur sich anschliessenden Verzierungen:

Lorbeer-, Öl- und Eichenzweige gefüllt, während die Ornamente in

die Zwischenräume der Ranken verwiesen sind. Die Bände de Thous sind

ausserordentlich gesucht und mit bis zu 15000 Fr. bezahlt. Ebenfalls

geschätzt und selten sind die bei weitem einfacheren gleichzeitigen

Bände des Königs Franz □i.□ Sie sind meist in schwarzes Leder oder

Sammet gebunden, nur mit der königlichen Chiffre und einem Salamander

in Gold geschmückt.

Bibliothek der

Diana v. Poitiers.

Prächtig und sehr geschmackvoll sind die Bände des Königs Heinrich

□ii.□, namentlich diejenigen, welche er für seine Geliebte, die

geistreiche Diana von Poitiers, herstellen liess. Das für sie mit

Aufwand aller künstlerischen Ausschmückung eingerichtete Schloss

Anet enthielt eine Sammlung von gegen 800 in Ziegen- oder Schafleder

gebundenen Bänden. Sie sind reich mit Symbolen der Liebe ornamentiert,

z. B. den verschlungenen Anfangsbuchstaben H und D, zu welchem

letzteren noch galanterweise das Zeichen der jungfräulichen Göttin

Diana, die Mondsichel, gefügt wurde.

le Gascon.

Unter den späteren Meistern ist □le Gascon□, der Buchbinder der Königin

Anna von Österreich, berühmt geworden. Er war durchaus originell,

verzichtete auf die Wirkung verschiedener Farben und wendete nur

einfache Goldpressung auf dem einfarbigen Untergrund an; die leeren

Stellen zwischen den Linien wurden mit Punkten oder kleinen Ornamenten

ausgefüllt. Seine Hauptepoche fällt in die Zeit von 1640-1655.

Als Ersatz für die Vielfarbigkeit suchte man dem Leder durch künstliche

Texturen und neue Färbungen Abwechselung zu geben; so erhielt der rote

Maroquin den Charakter der schuppigen Schlangenhaut, in welcher Weise

die Bücher des Ministers Colbert gebunden wurden, man ahmte Marmor,

Granit, Stoffe nach, verliess die Pflanzenornamente und die Arabesken,

imitierte durch Punkte Spitzenmuster oder überspannte die Decken wie

mit goldenen Spinnengeweben.

du Seuil, Padeloup,

Derome.

Zu Anfang des □xvii.□ Jahrh. wirken □du Seuil□, □Padeloup□ und

□Derome□. Die Goldpressung wird übermässig angewendet. In der

Ornamentierung herrscht Zerfahrenheit. Um 1750 tritt noch eine anmutige

Art der Goldpressung auf: Vögel, die sich in Ranken wiegen oder um

diese herumflattern. Der Üppigkeit der Zeit gemäss werden die Deckel

mit Atlas oder Sammet überzogen und mit Gold-, Silber- und anderen

Stickereien geschmückt, sogar die Gobelins werden der Buchbinderei

dienstbar. Man verfällt aber nach und nach in Geschmacklosigkeit und

geht in dieser so weit, beide Deckelseiten und den Rücken mit einem

fortlaufenden Bild zu überziehen. An Stelle des reichen Vorsatzes tritt

farbiges marmoriertes, gefedertes oder verschiedene Stoffe nachahmendes

Luxuspapier. Schon zu Anfang des □xviii.□ Jahrhunderts macht sich der

Papierüberzug als Ersatz für das Leder bemerkbar und die Periode des

Halbfranzbandes beginnt.

[Illustration:Kapitelende]

[Illustration:Kapitelanfang]

XI. KAPITEL.

DIE NIEDERLANDE.

Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche

Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig □i.□, Matthias und

Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham □i.□ Johann und Daniel.

Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere.

Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei.

DAUERTE es auch lange, ehe die Buchdruckerkunst in dem jetzigen

Belgien und Holland recht heimisch wurde, so trieb sie, einmal dorthin

verpflanzt, um so tiefere Wurzel; die Blütezeit derselben währte viel

länger als in Deutschland, der Verfall war dort nie so gross als hier.

Die typographi-

schen Eigentüm-

lichkeiten.

Dieselben Eigenschaften, welche die niederländische Malerkunst

auszeichnen, die grosse Sauberkeit der Ausführung und die über alle

Einzelheiten sich erstreckende minutiöse Sorgfalt, kennzeichnen

auch die dortige Typographie. Gleich den malenden Künstlern des

Landes verfolgten die Buchdrucker und Verleger im allgemeinen eine

realistische Tendenz. Sie veranstalteten eine Menge für das Leben und

die Wissenschaft nützlicher Werke, huldigten jedoch selten der idealen

Richtung, welche vorzugsweise in Deutschland, jedoch auch in Frankreich

und Italien, durch Zusammenwirken des Griffels der Künstler mit der

Feder des Schriftstellers die uns bekannt gewordene Reihe prächtiger

Erzeugnisse des Buchgewerbes hervorgebracht hat.

Die Illustration.

Dennoch blieben die Niederländer nicht ohne Verdienste um die

vervielfältigenden Künste, doch machen sich diese hauptsächlich in dem

Kupferstich und der Radierung, weniger in der mit dem Buchgewerbe enger

verbundenen Xylographie, geltend.

Deutschlands Albrecht Dürer stellen sie ihren □Lucas van Leyden□

(Dammetz, geboren 1494, gestorben 1533) entgegen. Er lieferte etwa 200

Stiche; für den Holzschnitt ist seine Thätigkeit eine unbedeutende.

Im _Clair-obscur_-Druck zeichnen sich aus: □Hubert Goltz□ (geb. 1524,

gest. 1583), dessen _Icones imperatorum Romanorum_ in Kupferstich mit

aufgedruckten Holzschnittplatten ausgeführt sind; □Abraham Bloemaert□

(geb. 1567, gest. 1647); und □Heinr. Goltzius□. Dieser nähert sich

in mancher Hinsicht Luc. van Leyden. Schon 1523 erschien bei Dodo in

Amsterdam eine Passion in 62 Blättern von einem ungenannten Künstler

(□Joh. Walter von Assen□?), welcher ein Jahrhundert vor Rembrandt in

der bekannten Manier dieses Künstlers zeichnete. □Rembrandt□ selbst

(geb. 1606, gest. 1665) hat sich im Holzschnitt versucht und □Joh.

Livens□ (geb. 1607, gest. 1663), sowie □Dirk van Bray□ (gest. 1680)

ahmten mit Glück seinen Stil im Holzschnitt nach, während Rubens'

Zeichnungen einen tüchtigen Dolmetsch in dem Holzschneider und Zeichner

□Christoph Jegher□ fanden, einem geborenen Deutschen, der 1620-1660 in

Antwerpen wirkte.

Eine Notiz von K. v. Heinecken hat zu vielen Debatten über einen

mystischen frühesten Xylographen der Niederlande „Phillery“ Anlass

gegeben. Allem Anschein nach schrumpft derselbe zu einem erst in den

zwanziger Jahren des □xvi.□ Jahrh. lebenden Holzschneider „Willem“

zusammen und beruht der Name Phillery wohl nur auf undeutlichen

Schriftzügen.

* * * * *

Als Träger der Buchdruckerei erblicken wir in den Niederlanden wie in

Italien und Frankreich mehrere berühmte Familien, vornehmlich die der

Plantin, der Blaeu und der Elzeviere.

Blühende Lage

Antwerpens.

Das blühende und mächtige Brügge hatte auf Grund seiner Haltung

gegen den Kaiser Maximilian □i.□ seine Privilegien verloren, die auf

ANTWERPEN übertragen wurden. Hierdurch hatte die letztere Stadt seit

dem Beginn des □xvi.□ Jahrhunderts einen grossen Aufschwung als Depot

zwischen Nord und Süd genommen. Auch die Buchdruckerei behauptete dort

eine angesehene Stellung, und es erschienen viele wertvolle und gut

ausgestattete Werke. Unter Karl □v.□ erreichte die Stadt ihre höchste

Blüte, ward jedoch zugleich ein Angelpunkt für die reformatorische

Bewegung in den Niederlanden, welche, nachdem Karl □v.□ am 25. Okt.

1555 die Regierung zugunsten seines Sohnes Philipp □ii.□ niedergelegt

hatte, so schwere Zeiten über das Land heraufbeschwören, jedoch auch

ihre Freiheit begründen sollte.

Christ. Plantin.

Inmitten der politischen und religiösen Gährung liessen sich, um das

Jahr 1550 herum, Plantin und seine Frau Johanne Rivière in Antwerpen

nieder. □Christoph Plantin□[1], in Mont-Louis bei Tours in Frankreich

geboren, hatte bei Robert Macé in Caen gelernt und eröffnete nach

vielen Reisen einen kleinen Buchladen mit Buchbinderei, während seine

Frau mit Leinen-Waren handelte. Der Gerichtsschreiber Graphäus gab

Plantin seine Bücher zu binden und machte ihm kleine Vorschüsse. 1550

wurde er als Buchdrucker in die St. Lucas-Gilde aufgenommen, aber erst

1555 hatte er in dem von ihm angekauften Hause auf dem Freitagsmarkt

eine vollständig eingerichtete Offizin.

[1] □C. Ruelens□ et □A. de Backer□, _Annales Plantiniennes_.

Paris 1866. -- □M. Rooses□, _Plantijn an de Plantijnsche

Drukerey_. Brüssel 1877. -- □Léon. Degeorge□, _La maison

Plantin à Anvers_. 2. Aufl. Brüssel 1878.

Sorgsamkeit

Plantins.

Eifersüchtig auf den Ruhm derselben, sorgte er für die schönsten

Schriften und den besten Druck. Wennauch die Verwendung silberner Typen

in das Reich der Fabel gehört, so steht es doch fest, dass er in seiner

Giesserei mit dem Guss solcher experimentiert hat. Plantin gehörte auch

nicht zu den Druckern, die, nach dem Ausspruch des Erasmus, „lieber

6000 Fehler, wie Ameisen, in ihren Werken herumkribbeln sehen, als

einen tüchtigen Korrektor bezahlen“; im Gegenteil, er hatte sich die

Worte Heinrich Stephanus', dass „die Korrektur das für die Druckerei

ist, was die Seele für den Leib“, zu eigen gemacht. Überhaupt verstand

er, wennauch nicht in Besitz tiefer Kenntnisse, als vorzüglicher

Praktiker, dabei zäh ausdauernd in der Durchführung seiner Pläne, die

Talente Anderer zu benutzen.

Sein Korrektor

Corn. van Kiel.

Der erste seiner Korrektoren war der berühmte Cornelius van Kiel, oder

Kilianus (geb. um 1528, gest. 15. April 1607), der während seines

fünfzigjährigen Wirkens in dem Plantinschen Hause sehr zu dem Ruhme

desselben beitrug. Über alle Beschreibung anspruchslos, dachte van Kiel

nie daran, sich selbst geltend zu machen, zufrieden wenn nur das Haus,

an das er seine Existenz geknüpft hatte, gedieh.

Th. Pullmann.

Just. Lipsius.

Eine zweite Stütze hatte Plantin in dem gelehrten Theodor Pullmann

(geb. um 1510), von Profession ein Walkmüller, jedoch von seiner Jugend

ab den Wissenschaften mit Leidenschaft ergeben. Leider führte diese

ihn in seinem Emendieren der Klassiker zu weit, und oft füllte er die

Lacunen in kühnster Weise aus. Auch mit dem berühmten Justus Lipsius

stand Plantin in engem geschäftlichen Verkehr.

Franz Raphelin-

gius.

Einen Hauptmitarbeiter im Geschäft fand Plantin in □Franz

Raphelingius□. Derselbe hatte in Paris eifrigst griechisch und

lateinisch getrieben und seine Studien in Cambridge vollendet. Plantin

nahm ihn nicht allein als Korrektor auf, sondern gab ihm auch seine

älteste Tochter Margaretha zur Ehe. Als Plantin, 1582, das belagerte

Antwerpen verliess und das Geschäft in Leyden eröffnete, leitete

Rapheling die Stammoffizin und trieb zugleich den Buchhandel. Nach

der Rückkehr Plantins nach Antwerpen übernahm dagegen Rapheling das

Geschäft in Leyden und wurde an dortiger Universität Professor der

hebräischen Sprache. Er war ein Mann von bedeutenden Kenntnissen und

ein unermüdlicher Mitarbeiter an dem grossen Bibelwerke Plantins.

Eine geschäftlich noch kräftigere Stütze fand Plantin in □Johannes

Moretus□ (Jean Moerentorff), geboren in Antwerpen am 22. Mai 1543.

Anfänglich Arbeiter bei Plantin, gefiel er, wenn er auch dessen Ideale

von einem Buchdrucker nicht vollständig entsprach, doch durch seine

praktische Tüchtigkeit diesem noch mehr als der gelehrte Rapheling

und er gab ihm seine zweite Tochter Martina zur Frau. Die dritte

Tochter ward mit □Gilles Beys□, ebenfalls einem tüchtigen Buchdrucker,

verbunden, welcher der Filiale des Geschäfts in Paris vorstand.

Biblia

polyglotta.

Das Werk, welches den Namen Plantin in der Buchdruckerwelt unsterblich

gemacht hat, und in seinem Leben eben so eine Epoche bildet, wie der

_Thesaurus græcæ linguæ_ in dem Dasein des Heinr. Stephanus, ist die

„_Biblia sacra hebraice, chaldaice, græce et latine. Philippi II.

reg. cathol. pietate et studio ad sacro sanctæ ecclesiæ usum Christoph

Plantinus excud. Antwerpiæ_“.

Die erste Idee eines polyglotten Bibelwerkes[2] stammt von Aldus

Manutius, wie aus der in der National-Bibliothek zu Paris vorhandenen

Probe hervorgeht (S. 179). Diese dreispaltige Seite enthält den

hebräischen, griechischen und lateinischen Text und gab wahrscheinlich

Veranlassung zu der in den Jahren 1514-1517 in Alcala in Spanien

gedruckten Polyglotte des Kardinal Ximenes (S. 189), die bereits eine

grosse Seltenheit geworden, sodass öfters der Gedanke entstanden

war, eine neue Polyglottbibel zu drucken. Diesen Plan hatte auch

der Kurfürst August von Sachsen gefasst, gab ihn aber zugunsten des

Plantinschen Vorhabens auf. Auch Philipp □ii.□ beabsichtigte ein

ähnliches Werk ausführen zu lassen. Als Plantin ihm die Probebogen

seines Unternehmens überreichen liess, ging er bereitwillig auf dessen

Idee ein, bewilligte die Zahlung der für Druck und Papier allein auf

24000 Gulden veranschlagten Kosten, gewährte ausserdem einen Vorschuss

von 6000 Dukaten und bestellte seinen Kaplan Arias Montanus als

Überwacher der litterarischen Herstellung. Letzterer kam am 18. Mai

1568 nach Antwerpen und empfing vom König ausser seinem Gehalt noch

einen Zuschuss von 300 Kronen jährlich; für die Textrevision wurde eine

Anzahl tüchtiger Gelehrter gewonnen. Den Auftrag zur Anfertigung der

Schriften erhielt der berühmte Schriftgiesser Wilhelm le Bé in Paris.

[2] □G. Outhuis□, _Geschiedkundig Verslag der voornamste

uitgaven van de Biblia polyglotta_. Franecker 1822.

Druck der Polyglotte.

Der Druck begann im Jahre 1568 und dauerte bei fortwährender

Beschäftigung von 40 Arbeitern bis zum Jahre 1572. Anfänglich war

das Werk auf vier Bände berechnet; auf Plantins Vorschlag wurde

jedoch noch das Neue Testament in der syrischen Sprache, welches

bereits in Wien gedruckt war, mit einverleibt, so dass das Werk

mit Inbegriff der drei Bände „_Appendix_“ aus acht Bänden besteht.

Ausser 12 Pergament-Abdrücken wurden 1200 Exemplare gedruckt; 10

auf Imperial-Velin zu 40 Gulden das Ries; 30 Exemplare auf etwas

geringeres; 200 auf Royal-Velin aus Lyon und 960 Exemplare auf

Royal-Papier aus Troyes. Im Verhältnis zu den Kosten waren die

Verkaufspreise mässig gestellt. Der Preis betrug für eins der 200

Exemplare auf Royal-Velin 40 Kronen, für ein gewöhnliches 35 Kronen[3].

[3] Eine ganz ausführliche bibliographische Beschreibung

der Polyglotte befindet sich in □C. Ruelens□ et □A. de

Bacher□, _Annales_ S. 128 u. f.

Schwierigkeiten.

Ein mühsames Werk war vollbracht; Plantin selbst sagt: „Jetzt, wo die

Bibel vollendet ist, stehe ich mit Überraschung und Erstaunen vor der

Arbeit, welche ich nicht nochmals machen möchte, selbst wenn man mir

12000 Kronen dazu schenkte, und obwohl sie jetzt, wo die Schriften und

die Einrichtung vorhanden sind, vielleicht um 6000 Kronen billiger zu

stehen kommen würde“. Nimmt man seine Aussprüche buchstäblich, so war

ihm nicht allein kein angemessener Vorteil, sondern sogar ein direkter

Nachteil aus der Arbeit erwachsen; jedoch, Plantin war ein schlauer

Geschäftsmann, der sich nicht gern tief in die Karten blicken liess.

Ohne Verdriesslichkeiten sollte es nicht abgehen. Der König wünschte

die Approbation des Papstes Pius □v.□ Dieser verweigerte sie jedoch

entschieden und Plantin erhielt Ordre, vorläufig kein Exemplar

auszugeben. Montanus musste im Auftrag des Königs nach Rom gehen, um

womöglich die Angelegenheit zu ordnen. Er kam gerade an, als Gregor

□ix.□ den Stuhl des verstorbenen Pius □v.□ eingenommen hatte und fand

den neuen Papst günstiger für die Sache gestimmt. Die Approbation

wurde 1572 erteilt. Hiermit waren jedoch die Anfechtungen nicht vorbei.

Einer der erbittertsten Feinde des Unternehmens, der Professor León de

Castro in Salamanca, denunzierte Plantin und Montanus der Inquisition.

Montanus reichte seine Rechtfertigung ein, erhielt aber erst nach vier

Jahren, 1580, insoweit Recht, dass das Buch dem Schicksal entging, auf

den Index der verbotenen Bücher gesetzt zu werden.

Plantin, _Proto-

typographus_.

Durch Patent vom 10. Juni 1570 wurde Plantin zum _Prototypographus_

der Niederlande ernannt. Es handelte sich dabei nicht um einen blossen

Ehrentitel. Er hatte die Rolle der Meister und Lehrlinge, sowie

der autorisierten Korrektoren, Holzschneider und Kupferstecher zu

führen, eine Liste über alle Werke, deren erster und letzter Bogen

ihm behändigt werden mussten, anzufertigen, und sollte ausserdem die

Bücherpreise bestimmen. Alle Änderungen in den Arbeiterverhältnissen

waren ihm anzuzeigen. Die Mühen und Verdriesslichkeiten bei diesem

Amte waren jedoch so gross, dass Plantin i. J. 1576 seine Entlassung

nachsuchte. Einmal war er sehr nahe daran, die Gunst des Königs zu

verscherzen, indem auf Veranlassung des Wiedertäufers Niclaes aus

Münster, mit dem er in inniger Verbindung stand, mehrere ketzerische

Schriften, angeblich freilich ohne Wissen des zufällig abwesenden

Besitzers, in seiner Offizin gedruckt wurden. Über seine religiöse

Überzeugung herrschte bereits lange einiger Zweifel, er verstand es

jedoch so gut, sich wenigstens äusserlich als guter Katholik zu geben,

dass er allen drohenden Gefahren entging.

Umfang von

Plantins Thä-

tigkeit.

Plantins Druckerthätigkeit blieb eine sehr grosse. Ruelens und Backers

Annalen zählen von ihm 1031 Druckwerke auf, obwohl viele Bibelausgaben

und Missalen nicht mit angeführt sind. Mit dem _Missale Romanum_ von

1522 fängt eine Reihe von prachtvollen liturgischen Werken an, durch

welche die Plantinsche Druckerei sich langezeit auszeichnete.

Schönheit seiner

Typen.

Die Typen des Plantin halten den Vergleich mit denen seiner

Zeitgenossen, Aldus Manutius und Heinr. Stephanus, vollkommen aus.

Seine Cursiv ist besonders elegant und nicht so schreibschrift-ähnlich,

wie die Aldinische. Die Antiqua ist etwas derb und breit, jedoch für

das Auge gefällig, leicht lesbar und den Schriften des Stephanus

vollständig ebenbürtig. Die griechischen Schriften sind schöner

als die des Aldus. Zu loben ist ferner die Genauigkeit des Gusses,

einschliesslich des Durchschusses und der Quadrate. Die ganze

Disposition der Titel, der Schriftkolumnen und der Vignetten zeigt

Geschmack und Verständnis.

Plantins Druck-

zeichen.

Das erste, 1555 angenommene Druckerzeichen Plantins war ein Baumstamm,

um welchen sich ein Weinstock schlingt, mit zwischen den Zweigen

herabhängenden Trauben. Ein Weinbauer ist beschäftigt die schlechten

Zweige abzuschneiden. Als Umschrift liest man _Excerce imperium et

ramos compesce fluentes_[4]. Als Zeichen bedient er sich von 1558 ab

des Zirkels, von einer Hand aus den Wolken geführt, mit der Inschrift:

„_Labore et constantia_“. Zwei allegorische, schildhaltende Figuren

versinnlichen des weiteren den Gedanken, worauf der Zirkel schon

hinweist: der feste Teil desselben deutet auf die Beständigkeit in dem

einmal Vorgenommenen; der bewegliche auf die rastlose Arbeit.

[4] Abgebildet auf der Schlussseite von Ruelens, _Annales_.

Plantins Tod.

Plantin starb am 1. Juli 1589, 75 Jahre alt. Sein letztes Werk war der

□i.□ Band der: _Annales ecclestiastici Cæsaris Baroni Sorani_.

Die Nachfolger

Plantins.

Nach seinem Tode übernahm Rapheling das Leydener Geschäft. Beys behielt

die Pariser Filiale und Moretus die Antwerpener Offizin, deren Leitung

er schon seit zwei Jahren besorgt hatte.

□Johannes Moretus□ besass keine tiefergehenden Kenntnisse, verstand es

aber die Verbindungen mit den vielen Gelehrten aufrecht zu erhalten.

Als im Jahre 1592 die _Vulgata_ in Rom gedruckt wurde, erhielt er durch

päpstliches Breve vom 11. März 1597 für zehn Jahre das Alleinrecht,

jenseit der Alpen das Werk zu drucken und zu verbreiten, unter

der Verpflichtung, die grösste Sorgfalt auf Korrektur und Druck zu

verwenden und durchaus keine Änderungen vornehmen zu lassen.

Balthazar Mo-

retus.

Unter der Leitung von dem Sohne des Johannes, dem gelehrten □Balthazar

Moretus□, nahm die Plantinsche Druckerei noch durch lange Zeit eine

hochangesehene Stellung ein. Gegen die Mitte des □xvii.□ Jahrhunderts

jedoch schwand die Bedeutung mehr und mehr, und mit dem Beginn des

□xviii.□ Jahrh. war der geschäftliche Glanz des Hauses erloschen.

Äusserlich wurde jedoch alles mit grosser Pietät in dem alten Stand

gelassen und das Haus mit allen seinen reichen Sammlungen, welche

es, von dem grossen Publikum ungekannt und selbst für Auserwählte nur

schwer zugänglich, umfasste, sorgfältig erhalten. Da wurden seitens der

Verwaltung der Stadt Antwerpen Verhandlungen über die Erwerbung dieser

typographischen Schatzkammer angeknüpft. Nachdem der Graf von Flandern

die Initiative ergriffen hatte, zeigte sich die Staatsregierung

geneigt, einen wesentlichen Anteil der Kosten auf sich zu nehmen, der

aber später sehr zusammenschrumpfte. Schliesslich wurde i. J. 1875

ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem das Haus und die Sammlungen

für 1200000 Franken, von welchen der Staat die 200000, die Stadt die

1000000, zahlte, in den Besitz der letzteren überging. Hiermit ist

ein wahres graphisches Museum für alle Zukunft erhalten, welches mit

jedem Jahr, das uns ferner von der früheren Geschäftsweise rückt,

an Wert gewinnt. Es ist geboten, demselben in einer Geschichte der

Buchdruckerkunst einige Seiten zu widmen.

Das „Hôtel

Plantin“.

Das Vestibule.

Das HÔTEL PLANTIN, auf dem Freitagsmarkt gelegen, nimmt die eine Seite

desselben ganz ein. Die Façade wurde durch Joh. Moretus restauriert,

das alte Merkzeichen jedoch erhalten. Hat man die Thorschwelle

überschritten, befindet man sich in einem Vestibule mit vier

Eingangsthüren, zwei rechts, zwei links, während eine gut erhaltene

Glasthüre das Vestibule von dem Hofe abschliesst. Eine besondere

Zierde des ersteren ist das Medaillonporträt des Balthazar Moretus,

darüber ein Adler, in der linken Klaue einen, zu dem Wappen der Moretus

gehörenden, Stern haltend.

Der Hof.

Der Hof bildet ein grosses Viereck, von dessen vier Seiten drei ihr

ursprüngliches Aussehen ganz behielten. Das Hauptgebäude besteht

aus einem Erdgeschoss und zwei Etagen; der rechte Flügel aus zwei

Etagen und einem Bogengang, der sich auch unter die Hälfte des

Hintergebäudes erstreckt, das ganz von den Zweigen und Blättern

eines dreihundertjährigen Weinstocks, zwischen welchen die mit Blei

eingefassten Fensterscheiben sichtbar werden, überdeckt ist. Der linke

Flügel, aus neuerer Zeit stammend, besteht aus Einer Etage. Büsten von

Plantin, Johannes, Balthazar und Joh. Jak. Moretus, Just. Lipsius u. a.

zieren die Façaden. Der ganze Hof übt in seiner Abgeschlossenheit einen

besonderen Reiz aus, es ist, als könne von aussen keine Störung hier

hineindringen. Nichts Verunstaltendes, nichts Zerfallenes, wennauch

die Zeit dem Gemäuer ihr Gepräge aufgedrückt hat; man fühlt sich um

Jahrhunderte zurückversetzt.

Der Setzersaal.

In der Werkstätte findet sich der Apparat für 20-25 Setzer vor. Die

Setzkästen sind noch gefüllt, die Tenakel stehen noch darauf befestigt.

Die Kästen sind nicht so hoch angebracht, wie bei uns, man arbeitete

sitzend, und die Sessel stehen noch in den Gassen; an den Wänden hängen

die Kolumnenschnuren. Es ist, als wäre die Arbeit nur von der üblichen

Mittagspause unterbrochen und als müsste sie baldigst wieder begonnen

werden.

Im Hintergrunde des Zimmers liegen auf verschiedenen Tischen: Linien

in allen Grössen, Schiffe mit noch nicht umbrochenem Satz, Durchschuss

u. dgl. Die hintere Wand ist von Aufsätzen mit Regletten und Keilen

eingenommen. Zwei zum Druck fertige Formen lehnen an der Wand. Auch

ein Stoss Papier steht noch da. An der linken Langseite sind sieben

hölzerne Pressen aufgestellt.

Das Zimmer der

Korrektoren.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 21 / 29 段