tüchtiger Arzt, geschickter Buchdrucker und ausgezeichneter Gelehrter.
Der Wegzug Roberts von Paris war der Grund, dass Karl wider seinen
Willen das Geschäft übernehmen musste; er setzte aber dabei seinen
ärztlichen Beruf fort. Die Druckerei übte er nur bis zum Jahre 1561,
produzierte aber in der kurzen Zeit eine Reihe von guten Ausgaben, die
einen ehrenvollen Rang unter den Erzeugnissen der Familie einnehmen.
Er starb 1564 im Gefängnis, worin er sich, einige behaupten wegen
religiöser Ansichten, andere wegen Schulden, befand; Thatsache ist,
dass er vieles verloren hatte und dass man seit 1561 geschäftlich
nichts weiter von ihm hörte.
Robert □ii.□
Nach dem Tode Roberts □i.□ fiel das Geschäft dem Sohne Heinrich □ii.□
zu und Robert □ii.□ wurde enterbt; doch scheint dies keineswegs ein
Akt der Rache gegen Robert gewesen zu sein, der dem katholischen
Glauben treu geblieben war, sondern eine aus Klugheit getroffene
Massregel; denn wir sehen □Robert ii.□ seine Wirksamkeit auf Grundlage
des früheren Pariser Geschäfts beginnen und in freundschaftlichem und
geschäftlichem Verkehr mit seinem Bruder bleiben. Er starb 1571. Seine
Witwe heiratete Mamert Patisson, einen tüchtigen Buchdrucker.
Heinrich □ii.□
□Heinrich ii.□, dessen Ruhm denjenigen der übrigen Mitglieder der
Familie noch überragte, war 1528 geboren, in demselben Jahre, in
welchem die berühmte lateinische Folio-Bibel seines Vaters erschien. Er
wurde von dem Lehrer des Dauphin, Pierre Danis, auf das sorgfältigste
im Griechischen unterrichtet; auch schrieb er das Griechische ebenso
kalligraphisch schön wie sein Lehrmeister Angelus Vergecius und trieb
eifrig Mathematik, selbst Astrologie. Von 1546 ab liess ihn der Vater
an den litterarischen Arbeiten teilnehmen, die er mit der Redaktion
des Dionysius von Halikarnass begann. Nach dreijährigen Reisen in
Italien, wo er die Bibliotheken durchsuchte und Italienisch wie ein
Eingeborener sprechen und schreiben lernte, kam er 1549 nach Paris
zurück, reiste aber schon 1550 nach England und 1551 nach Flandern,
wo er das Spanische studierte. Wahrscheinlich folgte er dem Vater nach
Genf, kehrte aber bald nach Paris zurück und ging dann wieder nach Rom.
Seine typographische Laufbahn begann Heinrich erst 1557. Zwar nennt
er sich _Typographus Parisiensis_, welches aber nicht ausdrücken
soll, dass seine Offizin in Paris war; die Bezeichnung sollte ihm
nur ein grösseres Gewicht in den Augen des Publikums verschaffen.
Wahrscheinlich auf Grund seiner Reisen und der Kosten des
Etablissements kam Heinrich bald in Verlegenheit, wurde aber durch
ein Mitglied der berühmten Familie Fugger, Hulderich, unterstützt und
erhielt von ihm eine jährliche Rente. Er nannte sich deshalb auch zehn
Jahre lang _Fuggerorum Typographus_. Dies hörte aber, zugleich mit der
Freundschaft, 1568 auf.
_Thesaurus linguæ
græcæ._
Mit grosser Energie ging Heinrich an die Fortsetzung der Wirksamkeit
des Vaters, in einer Weise, die seine körperlichen Kräfte überstieg.
Wenn auch die typographische Ausstattung ein wenig hinter der der
Pariser Ausgaben zurückbleibt, so kann ihnen dies doch den inneren
Wert nicht rauben. 1572 erschien das Werk, welches seinen Arbeiten
die Krone aufsetzte, der _Thesaurus linguæ græcæ_, aber er hatte
damit seine pekuniären Kräfte erschöpft. Den grössten Schaden that ihm
Johann Scapula durch einen Auszug. Obwohl Scapula an der Korrektur von
Stephanus' Werk und an der Redaktion teilgenommen hatte, entblödete er
sich nicht zu erklären, dass er nur zufällig den Thesaurus gesehen habe
und dass seine Arbeit ganz dem eigenen Geiste entsprungen sei. Eine
_editio posterior_, die Heinrich einige Jahre nachher veranstaltete,
ist nur durch Umdruck einzelner Blätter eine neue Ausgabe.
Von jetzt ab fängt Heinrich ein nomadisierendes Leben an, das erst mit
seinem Tode aufhören sollte. Er folgte darin zumteil seinen Neigungen,
beabsichtigte aber auch seine grossen Lagervorräte an den Mann zu
bringen. Namentlich Deutschland und seine Büchermessen besuchte er
regelmässig, kam auch nach Wien und selbst nach Ungarn; war ebenso
öfters in Paris, wo er vom König Heinrich □iii.□ gut aufgenommen wurde.
Heinrich □ii.□ stirbt
in Lyon.
1597 wollte Heinrich von Genf aus wieder Frankreich besuchen. Er
verblieb eine zeitlang in Montpellier, wo seine Tochter Florence an den
gelehrten Isaak Casaubon verheiratet war, dem er seine Mitwirkung bei
dessen litterarischen Arbeiten anbot. Diese scheint abgelehnt worden zu
sein und Heinrich setzte nun seine Reise weiter fort, kam krank nach
Lyon und liess sich in das Spital bringen, wo er in den ersten Tagen
des März 1598, gegen 90 Jahre alt, starb. Heinrichs finanzielle Lage
war zwar nie glänzend gewesen, doch haben wir nicht nötig anzunehmen,
dass ihn die Armut in das Spital führte. Seine Verlegenheiten gingen
nicht so weit, dass seine Existenz gefährdet war, und der Verkauf
seiner Werke deckte nicht allein seine Schulden, sondern liess auch
noch etwas für die Witwe übrig und erhielt die Druckerei seinem Sohne
Paul.
Paul.
□Paul□ war zwar ein tüchtig gebildeter Mann, besass jedoch nicht
die geschäftliche Energie des Vaters, betrieb das Geschäft in wenig
hervorragender Weise und verkaufte dasselbe 1627 an die Gebr. Chouet.
Ein Sohn Pauls, □Antonius□, entwickelte Tüchtigkeit und Thätigkeit in
Paris, war jedoch nicht vom Glück begünstigt und starb 1674 schwach und
erblindet, 84 Jahr alt, im Hôtel-Dieu.
Franz □ii.□
Der jüngste Bruder Heinrichs □ii.□, □Franz ii.□, kam schon jung mit
seinem Vater nach Genf, wurde dort in der protestantischen Konfession
erzogen und wissenschaftlich ausgebildet. Im Jahre 1562 hatte er
in Genf eine Druckerei, die bis zum Jahre 1582 fortbetrieben wurde,
jedoch keine besondere Thätigkeit entwickelte. Später zog er nach der
Normandie.
Das grossartige Wirken der 1713 gegründeten Didot'schen Buchdruckerei
gehört der folgenden Periode an.
* * * * *
Die kgl. Buch-
druckerei.
Es ist mehrfach angenommen worden, König Franz □i.□ habe die königl.
Buchdruckerei gestiftet; dem ist nicht so, und das Verhältnis der
„Königlichen Buchdrucker“ zu ihm ist schon oben klargelegt. Er förderte
die Kunst durch Unterstützung einzelner hervorragender Drucker in
dieser oder jener Richtung, wo es über die Kräfte des einzelnen
gegangen wäre, die notwendigen Opfer zu bringen. Das Verdienst, die
königliche Buchdruckerei gegründet zu haben, gehört Ludwig □xiii.□ und
dem Kardinal Richelieu[6].
[6] □Aug. Bernard□, _Histoire de l'imprimerie Royale du
Louvre_. Paris 1867. -- □F. A. Duprat□, _Histoire de
l'impr. Royale de France_. Paris 1851.
Im Jahre 1631 hatte der zuletzt Genannte den Druck der liturgischen
und heiligen Schriften in verschiedenen, auch orientalischen
Sprachen, einem Consortium von Pariser Buchdruckern übergeben, unter
der Bedingung, dass eine Anzahl von Exemplaren zu Missionszwecken
der Regierung gratis zur Disposition gestellt würde. Der Verein
veröffentlichte auch mehrere solche Bücher in arabischer Sprache,
die Muselmänner wollten sie aber nicht annehmen, und Selim □i.□
erneute das strenge Verbot Bajazet □ii.□ (vgl. S. 76). Der Verein
entsprach überhaupt nicht den Absichten des Kardinals und hatte
selbstverständlich zunächst seinen eigenen Vorteil vor Augen. Richelieu
fasste nun 1640 den Entschluss, eine Staatsanstalt, □Die königliche
Buchdruckerei□, zu errichten.
Die königliche
Buchdruckerei.
Eine Grundlage war schon in den griechischen Schriften Franz □i.□
vorhanden gewesen, welche durch die Erwerbung der orientalischen
Schriften □Savary de Brèves'□ bedeutend vermehrt worden war. Der
Genannte war 1589 als französischer Gesandter nach Konstantinopel
gegangen, lebte dort eine lange Reihe von Jahren und hatte grosses
Interesse für orientalische Litteratur gefasst, eine bedeutende
Manuskripten-Sammlung angelegt und arabische, persische und syrische
Typen schneiden lassen, im ganzen über 1600 Stempel. Von Konstantinopel
zurückgekehrt, liess er mit seinen Typen 1613 in Rom, 1615 in Paris
drucken, wo mehrere Werke _ex typographia Savariana_ erschienen.
Savary de Brèves starb bereits 1627. Von mehreren Seiten erstrebte
man die Erwerbung der Typen, es gelang jedoch 1632 dem Buchdrucker
□Antonius Vitré□, diese und die Manuskripte im geheimen Auftrag des
Königs, der früher vergeblich 27000 Livres geboten hatte, für die
höchst mässige Summe von 4300 Livres anzukaufen.
Zwischen Vitré einerseits und den Erben de Brèves' und der Regierung
andererseits entstanden sehr langdauernde unerquickliche Differenzen;
schliesslich kamen die Typen nach dem Tode Vitrés 1691 definitiv in den
Besitz der königlichen Druckerei, welche sie den Pariser Buchdruckern
zur Disposition stellte. Die Typen waren bereits von Vitré zum Druck
der Polyglott-Bibel des Präsidenten le Jay benutzt. Diese Bibel in
hebräischer, samaritanischer, chaldäischer, griechischer, syrischer,
lateinischer und arabischer Sprache ist eins der merkwürdigsten
Druckerzeugnisse des □xvii.□ Jahrhunderts. Jay opferte mehr als 100000
Thaler für dieses Werk und ruinierte sich vollständig. Es lag, wie man
berichtet, ganz in seiner Hand, diesen Schlag abzuwenden, wenn er sich
dazu verstanden hätte, dem Kardinal Richelieu die alleinige Ehre als
Urheber einzuräumen; er wollte jedoch diese sich nicht nehmen lassen.
Die königliche Buchdruckerei ward auf das beste im Louvre eingerichtet
und □Sebastian Cramoisy□ zum Direktor ernannt. Richelieu hatte
namentlich Missionszwecke vor Augen und man begann daher mit dem
Drucke von Andachtsbüchern, die gratis verteilt werden sollten. Die
Wirksamkeit nahm aber bald eine typographisch grossartigere Richtung
an und man lieferte in dem ersten Jahrzehnt an 100 Werke, die mit dem
grössten Luxus und aller Sorgfalt ausgeführt, teilweise mit Stichen und
Vignetten der besten Künstler, selbst eines Nic. Poussin, geschmückt
waren.
Die königliche
Buchdruckerei.
Im Jahre 1692 bestimmte Ludwig □xiv.□, der sich nicht weniger als
sein Vorgänger für die kgl. Druckerei interessierte, dass ein grosses
Werk: _Description et perfection des arts et des metiers_, von
welchem der erste Band die Buchdruckerei, die Schriftgiesserei und
die Buchbinderkunst umfassen sollte, herauszugeben sei. Dieser Band,
der einzige, welcher überhaupt erschien, entsprach jedoch gerechten
Erwartungen nicht. Wichtiger war die Bestimmung des Königs, dass
eine besondere französische Schrift gezeichnet und geschnitten werden
sollte, welche nur in der königl. Druckerei Verwendung finden dürfe.
Zwar waren die, s. Z. von Claude Garamond geschnittene, vortrefflich,
man fand jedoch den Duktus etwas veraltet. Eine Kommission von
Akademikern wurde ernannt, die sich mit dem Schriftschneider Philipp
Grandjean in Verbindung setzte, in welcher ihm erst sein Schüler Jean
Alexandre 1723, dann dessen Schwiegersohn Louis Luce folgten. Die neue
prachtvolle Schriftengarnitur, welche 1745 vollendet wurde, leidet an
einer kleinen Geschmacklosigkeit. Die Schrift sollte, wie erwähnt,
nur für die kgl. Druckerei sein; man musste deshalb für sie etwas
eigentümliches erfinden. Dies bestand in einigen Strichelchen, welche
einer Anzahl Buchstaben angehängt wurden. Diese Geschmacklosigkeit
hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Die erste Verwendung fand
diese Schrift 1702 in einem Prachtwerke _Médailles sur les principaux
événements du règne de Louis le Grand_[7].
[7] Bei der grossen Bedeutung, welche diese Schrift in der
Geschichte der Typographie einnimmt, sei es gestattet
noch einige Einzelheiten zu erwähnen. Sie besteht aus
21 Graden mit den dazu gehörenden Cursivschriften und
den grossen Initialen (_lettres de deux points_). Der
St. Augustin-(Mittel-)Kegel, mit dem das oben erwähnte
Werk _Description_ etc. gesetzt wurde, war der erste
Grad, der als Prototyp für alle die anderen Grade
diente. Der Punkt der kgl. Druckerei bildet den 6. Teil
einer Linie des _pied du roi_; 2½ Punkte gleichen einem
Millimeter. Die besonderen Kennzeichen sind, dass an
einigen der gemeinen Buchstaben, namentlich den hinauf-
oder heruntersteigenden, oben resp. unten, quer über den
Grundstrich durchgehende horizontale Strichelchen statt
der damals üblichen einseitigen, etwas schrägen Striche
angebracht sind, und dass das l einen kleinen Ansatz an
der Mitte der linken Seite des Striches bekam, welcher
dem Buchstaben das Aussehen giebt, als hätte die Mater an
dieser Stelle einen kleinen Fehler gehabt.
Die königliche
Buchdruckerei.
Aus den erwähnten Jahreszahlen ist bereits ersichtlich, dass Ludwig
□xiv.□ nicht die Vollendung der von ihm angeregten Verbesserungen
erlebte. Für die Anstalt blieb dies ohne weitere Folgen, denn der
Regent sowohl als der junge König Ludwig □xv.□ waren der Druckkunst
wohlgesinnt. Der letztere hatte sogar in den Tuilerien für seinen
persönlichen Gebrauch eine kleine Buchdruckerei, aus der ein Werkchen:
_Cours des principaux fleuves et rivières de l'Europe composé et
imprimé par Louis XV, roy de France et de Navarra. Paris_ 1718, stammt.
Die griechischen Typen des Néobar und Stephanus wurden restauriert,
hebräische geschnitten und die Anfertigung chinesischer Typen unter
der Aufsicht des Herrn de Fourmont angeordnet, womit der Anfang schon
1742 gemacht wurde, während die Vollendung des im ganzen missglückten
Unternehmens sich jedoch weit über die Grenze unserer Periode
hinauszog.
Wie Ludwig □xiv.□ die Vollendung des sorgfältig Angebahnten nicht
erlebte, so auch nicht der verdienstvolle Direktor Sebastian Cramoisy.
Er starb i. J. 1669; sein Nachfolger und Enkel □Marbre-Cramoisy□, ein
eben so tüchtiger Mann wie der Grossvater, 1687. Diesem folgte der
bekannte Lyoner Buchdrucker □Jean Anisson□, der 1709 sein Amt zugunsten
seines Schwagers und Associés, □Claude Rigaud□, niederlegte; nach ihm
traten wieder die □Anissons□ ein.
Die grossartigen Werke alle aufzuzählen, die aus der königlichen
Anstalt hervorgegangen sind, ist nicht möglich, erwähnt seien nur die
_Biblia sacra_ in 8 Folio-Bänden; die _Concilia generalia etc._, 37
Bde.; _Scriptores historiæ Byzantinæ_, 29 Bde.; _Gallia christiana_, 13
Bde., alle in Folio; _Buffon, histoire naturelle_, 33 Bände in Quarto.
Als ein Zeichen des Ansehens, worin die Buchdruckerkunst stand,
kann es gelten, dass die Sitzungen der von Richelieu gegründeten
französischen Akademie bei ihrem Buchdrucker und Buchhändler, □Jean
Camusat□, stattfanden, der öfters als Repräsentant der Akademie
verwendet wurde. Bei seinem Tode 1639 veranstaltete dieselbe eine
Leichenfeier, ausserdem ehrte man sein Andenken, indem man seiner Witwe
die Funktionen als Buchdrucker der Akademie liess, gegen den Willen
Richelieus, welcher diesen Posten Cramoisy zugedacht hatte.
Doch, wie erwähnt, das wahre belebende Prinzip, die allgemeine gesunde
freiheitliche Bewegung, fehlte und konnte nicht durch persönliche
Vorliebe der regierenden Häupter ersetzt werden; der Verfall der
Buchdruckerei in Frankreich wurde zwar lange aufgehalten, konnte jedoch
nicht abgewendet werden, als die Revolution und dann die Reaktion über
Frankreich hereinbrachen.
* * * * *
Lyon.
In Frankreich spielte ausserhalb Paris nur □Lyon□[8] eine wichtige
Rolle in der typographischen Geschichte Frankreichs, namentlich durch
die Produktion einer grossen Anzahl illustrierter Werke. Es entstand
eine besondere Holzschneiderschule, deren berühmtestes Mitglied
□Salomon Bernard□ war. Auch Werke deutscher Künstler erschienen in
Lyon, vor allen anderen zu nennen Holbeins „Totentanz“ und dessen
Illustrationen zu dem Alten Testament. Von der Bedeutung des dortigen
Druckgewerbes kann man sich daraus eine Vorstellung machen, dass
bei dem Einzug Heinrichs □ii.□ in Lyon, 1548, nicht weniger als 413
Drucker, prachtvoll kostümiert, ihn im festlichen Aufzug empfingen.
[8] _Manuel du bibliophile et de l'archéologue Lyonnais._
Paris 1857.
Jean Grandjon.
Ausser durch seine illustrierten Werke zeichnete Lyon sich durch schöne
Schriften aus. □Jean Grandjon□ lieferte 1558 eine Cursivschrift, die
berühmt geworden ist. Er suchte die Feinheit der Federzüge nachzumachen
in ähnlicher Weise wie es in der Theuerdanktype der Fall war. Auch das
Binden der Bücher erreichte, namentlich durch das Interesse, welches
□Joh. Grollier□ daran nahm, hier eine grosse Vollkommenheit (vergl. S.
215).
Seb. Gryphius.
Zu den bedeutendsten Buchdruckern Lyons zählte □Sebastian Gryphius□
(1528-1566). Er war zu Reutlingen geboren und einer der gelehrtesten
Männer seiner Zeit, der eine grosse Anzahl nützlicher Bücher in
lateinischer, griechischer und hebräischer, dagegen nur wenige in
französischer Sprache herausgegeben hat. Sein Sohn □Anton□, ebenfalls
ein sehr unterrichteter Mann, aber im Geschäft unpraktisch, starb arm.
Jean de Tournes.
Ein Schüler von S. Gryphius war □Jean de Tournes□ (geb. 1504, gest.
1564). Er stattete seine Bücher reichlich mit künstlerischem Schmuck
aus. Besonders hervorzuheben sind: _Delectus amicorum_; _Ovid_; mehrere
Ausgaben der Bibel und des Neuen Testaments. Er starb an der Presse
arbeitend. Der Sohn □Jean de Tournes□ war noch gelehrter als der Vater,
kam ihm aber als Buchdrucker nicht gleich. Der Reformation ergeben,
wurde er eingekerkert, sein Haus geplündert, seine Bücher verbrannt
und seine Papiere verwüstet. Zwar kam er mit dem Leben davon, als
aber Heinrich □iii.□ Todesstrafe über die Bekenner der neuen Lehre
aussprach, zog er nach Genf und gründete dort eine Buchhandlung und
Buchdruckerei, die bald in Flor kamen.
Steph. Dolet.
Das Leben des unglücklichen □Stephan Dolet□[9] (1508/09-1546) gehört
mehr der Litteratur-, als der typographischen Geschichte an. Dolet
stammte aus einer angesehenen Familie in Orleans, genoss einer
ausgezeichneten Erziehung, und zählte unter die gelehrtesten Männer
damaliger Zeit. Sein stürmischer Charakter und die Kühnheit seiner
religiösen Ansichten stürzten ihn in Ungelegenheiten aller Art. Von
Toulouse verbannt, flüchtete er nach Lyon und wurde Korrektor in
Gryphius' Offizin, wo er wahrscheinlich die Kunst lernte. Bereits
1536-1538 druckte Gryphius das bedeutendste Werk Dolets: _Commentarii
linguæ latinæ_. Nachdem er in einem Streit den Maler Henri Guillot
getötet hatte, war er gezwungen, Lyon zu verlassen, erhielt jedoch
durch die Protektion der Königin Margaretha von Valois und vieler
mächtigen Freunde die Erlaubnis, nach Lyon zurückzukehren, wo er 1537
eine Druckerei errichtete, aus der viele geschätzte Werke hervorgingen.
Seine scharfe Feder schaffte ihm überall Feinde, mit seiner
Kollegenschaft überwarf er sich, indem er in Lohnstreitigkeiten sich
auf die Seite der Gehülfen stellte. Mehrmals eingekerkert, flüchtig
geworden, dann wieder zurückgekommen, wurde er angeklagt, Schriften
zugunsten der Reformation gedruckt zu haben, und am 3. Aug. 1546 in
Paris lebendig verbrannt.
[9] □Jos. Boulmier□, E. Dolet. Paris 1857.
Verschiedene
Drucker zu Lyon.
Ein ebenso gewandter Buchdrucker als Buchhändler war □Guillaume de
Roville□ aus Tours. An Geschmack wetteiferte er mit de Tournes, und
seine Druckwerke enthalten viele schöne Illustrationen. Er erwarb
sich grosses Ansehen und grosse Reichtümer. Die Gebrüder □Jean□ und
□François Frellon□ (1520-1570) sind namentlich als Drucker Holbeinscher
Illustrationen bekannt. Ausser den genannten hat Lyon auch im □xvii.□
Jahrh. noch manche tüchtige Buchdrucker aufzuweisen, unter diesen die
Mitglieder der Familie Anisson, deren bekanntestes, □Jean Anisson□,
in Verein mit seinem Bruder □Jacques□ druckte, bis er zum Direktor der
königlichen Druckerei im Louvre ernannt wurde. Anissons Druckerei war
die letzte von künstlerischer Bedeutung in Lyon, sie fabrizierte jedoch
später auch nur gewöhnliche Ware.
Rouen.
Von den Provinzstädten ist noch □Rouen□ zu erwähnen, wo namentlich
ein grosses Druckgeschäft mit Missalen stattfand, welche nach England
ausgeführt wurden, und □Sedan□, wo eine, noch heute geschätzte,
Sammlung von Klassikern mit einer sehr kleinen Schrift, _Sedanoise_,
von □Jean Jannon□, gedruckt wurde.
* * * * *
Schriftgiesserei.
Aus dem, was oben über die Schriften der kgl. Druckerei, der Stephane
und anderer in Paris und Lyon gesagt wurde, geht bereits hervor, dass
Frankreich in der STEMPELSCHNEIDEREI und SCHRIFTGIESSEREI den Vorrang
behauptete.
Die älteste der Privatschriftgiessereien ist die von □Guillaume le Bé□.
Mit den von ihm selbst geschnittenen Schriften vereinigte er 1561 einen
grossen Teil der Stempel des verstorbenen Garamond. Die le Bé folgten
sich in vier Generationen. 1730 kam das Geschäft in die Hände von
□Fournier l'ainé□.
Die Anfänge der zweiten Giesserei durch □Jacques Sansleque□, Schüler
des le Bé, reichen bis auf das Jahr 1596. Auch dieses Geschäft erbte
durch vier Generationen auf □Jacques□, □Louis□ und □Louis Eustache
Sansleque□.
Typogr. Punkt.
1736 begann □Fournier le jeune□, Bruder des Besitzers des le Béschen
Geschäfts, eine Schriftgiesserei eigentümlicher Art, indem er selbst
alle Schriften derselben zeichnete, schnitt, abschlug und justierte,
wozu er etwa 30 Jahre gebrauchte. Er schrieb das bereits erwähnte
_Manuel typographique_ (2 Bde. Paris 1764), dessen zweiter Band,
fast nur systematische Schriftproben enthaltend, uns ein ziemlich
klares Bild von dem damaligen Stande des Typenwesens giebt. In dem
ersten Band entwickelt Fournier sein, 1737 aufgestelltes, System des
typographischen Punkts, welches, später von Didot fortentwickelt, die
Einheit in der französischen Schriftgiesserei zuwege brachte[10].
Zwar bestand ein Reglement v. 28. Febr. 1723 sowohl in Betreff
der Schrifthöhe als der Progression der Schriftkegel. Dieses wurde
hinsichtlich der Höhe (10½ geom. Linien) nicht beachtet, so dass
letztere bis auf 10% differierte, und für die Kegel fehlte eine
„Normal-Einheit“, von welcher man auszugehen verpflichtet war, so dass
das Reglement gar keinen Nutzen erzielte.
[10] □Fournier□ stellt als Ausgang für sein System ein
Typometer auf von 2 Zoll oder 12 Linien, gleich 12
Cicero. Jede Linie teilt er in 6 typographische Punkte.
Die kleinste Schrift ist _Parisienne_ = 5 Punkte,
dann steigen _Nonpareille_, _Mignonne_, _Petit-Text_,
_Gaillarde_, _Petit-Romain_, _Philosophie_, _Cicero_
je um 1 Punkt; darauf _Saint-Augustin_, _Gros-Texte_,
_Gros-Romain_, _Petit-Paragon_, _Gros-Paragon_,
_Palestine_ je um 2 Punkte, die dann folgenden grösseren
Schriften wachsen in stärkeren Steigungs-Verhältnissen.
In der STEREOTYPIE hatte der Buchdrucker □Valeire□ bereits zu
Anfang des □xviii.□ Jahrh. Versuche gemacht und einen Kalender von
Messingplatten gedruckt. Die Typen wurden in Thon eingepresst; da die
Tiefe jedoch nicht gleichmässig war, konnten die Platten es auch nicht
werden.
* * * * *
Die Buchbinder-
kunst.
de Thou.