der Regierung Ludwigs □xiii.□ namentlich durch die Gründung der
Akademie und durch die Werke Corneilles Nahrung gefunden hatte, gewann
allgemeine Verbreitung in der Glanzperiode der Litteratur und der Kunst
während der Regierung Ludwigs □xiv.□ und äusserte seine Wirkung auch
auf die Buchdruckerei, der der König, sowie sein Minister Colbert,
sehr zugethan war, was sie jedoch nicht verhinderte, die beschränkenden
Massregeln fortzusetzen. Die Zahl der Pariser Buchdruckereien wurde auf
36 festgesetzt. Zugleich wurde bestimmt, dass jede Druckerei wenigstens
vier Pressen und acht Sorten Antiqua- und Cursiv-Schriften haben müsse.
Die Aufhebung des Edikts von Nantes (1683) hatte zur Folge,
dass die französischen Papiermacher nach England gingen, wo die
Papierfabrikation noch keine hohe Stufe einnahm. Als Ludwig □xiv.□ die
Fortschritte der englischen Papierfabrikation bemerkte, wendete er
grosse Summen auf, um die Arbeiter zur Rückkehr zu bewegen, was ihm
auch gelang; jedoch, die Fabrikation, die einmal dort Fuss gefasst
hatte, entwickelte sich trotzdem auf das glänzendste.
Im Jahre 1723 wurde von Ludwig □xv.□ ein Dekret erlassen, durch welches
die Pressverhältnisse geordnet wurden und das bis zum Beginn der
Revolution Bestand hatte.
* * * * *
Die
Xylographie.
Wenden wir unsere Aufmerksamkeit auch in Frankreich zuerst der
Xylographie zu, so finden wir, dass die Verhältnisse hier nicht
ganz so wie in Deutschland lagen. Dort war sie nicht, wie es hier
der Fall war, eine Lieblingsmanier der Künstler, um selbständige
Kunstwerke oder Kunstblätter herzustellen, sondern diente fast nur dem
Illustrationszweck, namentlich nur der Ornamentierung der Bücher. Die
Aufgabe, zu zeigen, was in letzterer Beziehung geleistet werden konnte,
fiel besonders den Andachtsbüchern zu. Die sehr beliebten illustrierten
Chroniken und Ritterromane enthielten fast nur rohe Umrisse, bestimmt
von den Künstlern ausgemalt zu werden, die öfters, wenn die Vorwürfe
ihnen nicht gefielen, die Stellen mit ganz anderen Kompositionen
ausfüllten und die vorhandenen Illustrationen ganz übermalten.
Die
_livres d'heures_.
Die Andachtsbücher (_livres d'heures_) wurden anfänglich fast nur
auf Pergament gedruckt, damit die Miniaturisten, von welchen Paris
eine Anzahl der gepriesensten besass, grössere Kompositionen und
Initialen, für welche Platz gelassen worden war, hineinmalen konnten.
Die bunten Figuren, nach byzantinischer Art auf Goldgrund gemalt,
boten einen prächtigen Anblick dar. Später versuchte man durch
Holzschnitte die Kunst der Miniaturisten, so weit dies ohne Farbe
möglich war, zu ersetzen und hatte es um 1486 soweit gebracht, solche
Bücher, dem Geschmack des Publikums angemessen, durch Hülfe allein der
Druckerpresse herstellen zu können.
Die
_Livres d'heures_.
Ein Teil der bekanntesten Herausgeber der _Livres d'heures_, als:
Pigouchet, Simon Vostre, Giles Hardoyn, Marnef, Michel le Noir u. a.,
nahmen die gothischen Schriften und den strengeren deutschen Stil an,
und manche Illustrationen verraten unverkennbar den Einfluss Dürers,
namentlich aus der Zeit seines Aufenthaltes in Venedig, so dass öfters
Dürersche Figuren, von italienischer Architektur oder Ornamenten
umgeben, vorkommen. Andere Herausgeber als: Guyot, Marchand, Gourmont,
Simon de Colines, Janot, Anabat, vor allen Geofroy Tory standen ganz
unter dem Einfluss des italienischen Geschmackes und adoptierten
folglich als Druckschrift die Antiqua.
Die schöne Ausführung dieser Bücher und ihr, im Vergleich zu den
Manuskriptenpreisen sehr wohlfeiler Ankaufspreis hatten einen
bedeutenden Absatz zur Folge. Man wandte sich von allen Seiten mit
Aufträgen nach Paris, wodurch die Buchdruckereien einen grossen
Aufschwung nahmen. Mit der zunehmenden Menge und Billigkeit liess
aber auch die Vortrefflichkeit der Ausführung nach. Die Feinheit
der Vignetten scheint auf Metallhochschnitt hinzuweisen, was durch
den Buchdrucker Jean Dupré, 1488, bestätigt wird, der von Vignetten,
_imprimées en cuyvre_, spricht. Wie hoch diese Bücher jetzt von den
Sammlern geschätzt werden, geht daraus hervor, dass die Preise seit dem
Beginn des Jahrhunderts bis auf das fünfzigfache gegen damals gestiegen
sind.
In wie weit die obengenannten und andere, deren Namen in Verbindung mit
den illustrierten Büchern gebracht werden, Drucker, Herausgeber oder
ausübende Künstler waren, ist nicht immer genau festzustellen.
Anton Verard.
□Anton Verard□, geboren zu Paris gegen d. J. 1450, gestorben 1512,
anfänglich Kalligraph und Miniaturist, hatte jedenfalls selbst eine
Buchdruckerei, obwohl es auch Bücher giebt, die bei Anderen für seine
Rechnung gedruckt wurden. Er widmete sich ganz besonders der Herausgabe
von Chroniken und Rittergeschichten. Ihm verdankt man die ersten
Ausgaben von Froissart und Monstrelet. Er wurde von der kunstsinnigen
Königin Anna von Bretagne sehr begünstigt und in verschiedenen seiner
Verlagswerke sieht man ein Bild, auf welchem er knieend der Königin
ein Exemplar überreicht. Die Zahl der von ihm herausgegebenen Werke
ist eine sehr grosse. Ist auch der künstlerische und litterarische
Wert dieser Bücher kein bedeutender, so trugen sie doch mächtig bei,
den Sinn für ritterliche Ehre und Ritterpflichten zu nähren, bis das
Erscheinen des Don Quixote dem Enthusiasmus einen mächtigen Dämpfer
aufsetzte. Von da ab haben diese Romane nur für den Bibliophilen Wert.
Geofroy Tory.
Unter den Herausgebern illustrierter Bücher, überhaupt unter den
Reformatoren der Kunst und der Schriftsprache in Frankreich, nimmt
□Geofroy Tory□ einen ganz hervorragenden Platz ein[2]. Geboren in
Bourges um das Jahr 1480, widmete er sich mit Erfolg den Studien,
begann zugleich um 1505 das Zeichnen und die Holzschneiderei. Eine
zeitlang trieb er diese und die Philosophie friedlich nebeneinander, er
war jedoch kein Mann der Halbheit, gab deshalb seinen Lehrstuhl auf und
widmete sich ganz der Kunst.
[2] □Auguste Bernard□, _Geofroy Tory, Peintre, graveur etc._
2. Ed. Paris 1869. Es ist ein Verdienst des deutschen
Buchhändlers Edwin Tross, auf die allgemeine Anerkennung
der grossen Bedeutung Torys eingewirkt zu haben.
_Champ-fleury._
Ein Werk des Italieners Sigismund Fanti über die Verhältnisse
der Buchstaben (Venedig 1514) gab Tory die Anregung zu seinen
späteren Arbeiten, auch waren ihm die Werke Dürers, in welchen
dieser sich mit Schrift beschäftigt, bekannt. Er liess sich in die
Zunft der Buchhändler aufnehmen, zu welcher er als Illuminator und
Holzschneider gehörte, und bereitete für ein Andachtsbuch eine Serie
von Einfassungen in antikem Stile vor. Während seiner Arbeiten, die
jedoch fast zwei Jahre durch den Schmerz über den Tod seiner geliebten
Tochter, Agnes, unterbrochen wurden, reifte bei ihm die Idee zu einem
linguistisch-typographischen Werke, das 1529 unter dem Titel erschien:
„_Champ-fleury, au quel est contenu L'art et science la deue et vraye
Proportion des lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres antiques
et vulgairement Lettres Romaines, proportionees selon le Corps et
Visage humain_“.
Das Werk zerfällt in drei Abteilungen. Die erste enthält die
Anweisung zu dem rechten Gebrauch der Sprache; die zweite behandelt
die Entstehung der Kapitalschrift und die Belehrung, wie die
Kapitalbuchstaben in Übereinstimmung mit dem Körper und dem Gesicht
eines wohlgebildeten Menschen stehen. Geistreiche Illustrationen in
Holzschnitt dienen zur Versinnlichung der Theorie, die zwar kaum für
etwas anderes als ein Paradoxon erklärt werden kann, jedoch in der
sinnreichsten Weise durchgeführt ist. Der dritte Teil wendet sich der
Praxis zu, und giebt genaue Zeichnungen der Buchstaben und begleitet
sie mit Untersuchungen über die Aussprache. Den Schluss machen
13 Alphabete, vier Gattungen französischer Schriften: _Cadeaulx_,
_Forme_, _Bâtard_, _Tourneure_, mehrere orientalische Schriften, grosse
Kapitalbuchstaben (_Imperiales_, _Bullatiques_), Phantasiebuchstaben
(_Utopiques_) mit Arabesken, verzierte Initialen u. s. w.
Einfluss Torys.
Das Werk, welches 1529 erschien, veranlasste eine wahre Revolution
in der französischen Typographie und Orthographie. In der Technik
wurde es eine Hauptveranlassung zur vollständigen Beseitigung der
gothischen Type und zu einem neuen Schnitt der Antiqua. Robert
Stephanus fand sich veranlasst, alle seine Schriften zu verwerfen und
andere einzuführen, die sich nun in ihrer neuen Gestalt beinahe bis zum
Anfang des □xix.□ Jahrhunderts unverändert erhielten. Noch wichtiger
waren die Veränderungen in philologischer Hinsicht, da von nun an die
Accente, Apostrophe und Cedillen, so wie eine verbesserte Orthographie
eingeführt wurden.
Tory wird Hof-
buchdrucker.
Torys Tod.
Seine Nachfolger.
Dies konnte von dem, die Wissenschaften und die Typographie so sehr
liebenden König Franz □i.□ nicht unbemerkt und unbelohnt bleiben. Er
ernannte Tory, 1530, zum königlichen Hofbuchdrucker, ein Titel, mit
dem reelle Einnahmen verbunden waren, auch wurde ihm zuliebe eine 25.
Stelle als Universitätsbuchhändler geschaffen, da die festgesetzte
Zahl 24 bereits voll war. Torys Todestag ist nicht genau bekannt,
er muss aber vor dem Jahre 1534 liegen, da seine Witwe, Perette le
Hulin, um diese Zeit das Geschäft fortführte. Im Jahre 1535 gingen
die verschiedenen Offizinen auf Olivier Mallard über; nur die
Holzschneiderei behielt die Witwe. Mallard, der das Zeichen Torys,
die zerbrochene Vase mit der Umschrift _non plus_, wahrscheinlich
eine Anspielung auf seine durch den Tod seiner Tochter vernichtete
Lebenskraft, fortführte, starb 1542. Das Material kam in die Hände
□Thielemann Kervers□. Der berühmte Schriftgiesser Claude Garamond, ein
Schüler Torys, war wieder ein Lehrer der nicht weniger berühmten Wilh.
le Bé und Jacques Sanleque.
Denys Janot.
St. Groulleau.
Die eigentliche illustrierte Litteratur, in der der Schriftsteller,
wenn nötig, sich der Illustration unterordnet, wurde von □Denys Janot□
(1530-1545), noch mehr von seinem Nachfolger □Stephan Groulleau□
(1547-1565) in System gebracht. Als Schriftsteller unterstützte sie
Gilles Corrozet mit seiner geschmackvollen Feder und als Künstler
□Jean Cousin□ mit seinem grossen Zeichnertalent. Es ist schwer die
Stellung der einzelnen Teile dieses vierblätterigen Kleeblattes genau
festzustellen. Die Begierde des Publikums nach ihren Produktionen war
eine so grosse, dass es nicht immer möglich war, sie zu befriedigen.
Man musste deshalb, in Ermangelung der schönen Renaissance-Vignetten,
öfters zu Zeichnungen älteren Datums greifen und so findet man, sogar
in einem und demselben Buch, oft neues und geschmackvolles neben altem
und stillosem.
Janots letztes Werk, _l'Amour de Psyché et de Cupidon_, erst durch
seine Witwe, aus der berühmten Buchdruckerfamilie de Marnef stammend,
herausgegeben, ist zugleich sein schönstes. Die Witwe heiratete 1547
Stephan Groulleau, der viele der zierlichsten illustrierten Ausgaben
lieferte. Gilles Corrozet, geb. 1510, starb 1568. Jean Cousin,
ebenfalls 1510 geboren, 1590 gestorben, war Zeichner, Goldschmied,
Bildhauer und Geometer.
Andere Künstler.
Von Zeichnern und Holzschneidern sind noch zu nennen: □Mercure Jollet□,
□Pierre Wojiriot□, nach seinem Geburtsort □de Bouzey□ genannt, ein
Schüler Cousins und vielseitiger Künstler. Die Prinzessin □Marie von
Medici□ (geb. 1573, gest. 1642) war nicht allein eine grosse Gönnerin
der Kunst, sondern soll auch die Xylographie in tüchtiger Weise geübt
haben.
□Jean Papillon□ (geb. 1660, gest. 1710) war der Stammvater einer
Holzschneider-Familie, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ohne
eigentlich grosse Ansprüche darauf machen zu können. Am bekanntesten
ist Jean Papillon durch seinen: _traité historique et pratique de la
gravure sur bois_ (2 Bde. Paris 1766) geworden, ein Werk, das zwar
ohne Kritik geschrieben ist, jedoch eine Menge von Nachrichten über
zeitgenössische Künstler enthält, die man sonst nicht haben würde.
Von den Papillons ab sank der Holzschnitt vollständig und nur der
Kupferstich wurde zur Bücher-Illustration benutzt, nicht allein durch
Beigabe besonderer Blätter, sondern auch indem man Vignetten in den
Text eindruckte[3].
[3] □H. Cohen□, _Les livres à vignettes du XVIII Siècle_.
Paris 1873.
Jodocus Badius.
Mich. Vascosan.
Unter den zugleich gelehrten und tüchtigen Buchdruckern ist zu
nennen □Jodocus Badius□[4] (1498-1535), nach seiner Vaterstadt Asch
bei Brüssel auch Ascensius genannt. In Lyon hatte er bei Trechsel
als Korrektor fungiert und dessen Tochter geheiratet. Er druckte
über 400 Werke, die sich durch Schönheit und Korrektheit empfehlen,
und versah viele Klassiker-Ausgaben mit seinen Anmerkungen. Er war
zu gleicher Zeit Buchhändler, Buchdrucker, Schriftschneider und
Schriftgiesser. Seine drei Töchter verheirateten sich mit drei der
berühmtesten Typographen, Michael Vascosan, Joh. Roigny und Robert
Etienne. Der Sohn, □Conrad Badius□, ebenfalls ein tüchtiger Gelehrter
und Buchdrucker, ging, als Calvinist verfolgt, 1549 nach Genf, wo er
litterarisch und typographisch fortwirkte. Sein Schwager □Vascosan□,
dessen Bücher in Druck und Papier gleich schön und grösstenteils mit
Antiqua gedruckt sind, wurde 1566 königlicher Typograph und lieferte,
ungerechnet neue Auflagen, 297 Werke.
[4] □E. Hoyois□, _Notice sur Jose Bade_. Mons o. J.
Die Familien
Morel u. Wechel.
Der Schwiegersohn Vascosans, □Friedrich I. Morel□ (1571-1583), ist
Stammvater einer gelehrten und berühmten Druckerfamilie, von welcher
der Sohn des Genannten, □Friedrich ii. Morel□, das bedeutendste Glied
war. Seine Kommentare zu den Psalmen sind noch heute hoch geschätzt.
Eine andere berühmte Familie war die Wechelsche, begründet 1522 von
□Christian Wechel□ aus Basel. Derselbe druckte öfters den Flavius
Vegesius, von dem mehr als 50 Ausgaben existieren, und gab die Werke
Dürers in lateinischer Sprache heraus. Maittaire verzeichnet 335 von
ihm verlegte Werke, durch welche er vorzugsweise die Medizin, die
Anatomie und die Chirurgie förderte. Er beschäftigte die berühmtesten
Korrektoren seiner Zeit, Friedr. Sylburge und Joh. Obsopäus. In
religiöse Streitigkeiten verwickelt, zog er es vor nach Frankfurt
a. M. zu gehen, wo er 1554 starb. Sein Sohn □Andreas□ (1535-1573)
war ebenfalls ein ausgezeichneter Drucker. Wie der Vater, nur noch
im höheren Masse, war er der Religion wegen Verfolgungen ausgesetzt.
In der Bartholomäusnacht entging er zwar der Todesgefahr, aber sein
Eigentum wurde konfisziert. Er zog, 1573, mit seiner Familie nach
Frankfurt (vergl. S. 131).
Die Familie Ste-
phanus.
Das Geschlecht, welches neben den Aldi zu den höchsten typographischen
Ehren gelangte und durch das ganze sechzehnte und einen Teil des
siebzehnten Jahrhunderts eine grossartige litterarisch-typographische
Thätigkeit entwickelte, war die Familie □Etienne□[5] oder nach
damaliger Sitte □Stephanus□, die mit dem □Heinrich Stephanus□ als
Stammvater begann.
[5] □F. J. Almeloven□, _De vitis Stephanorum dissertatio_.
Amsterdam 1633. -- □A. A. Renouard□, _Annales de
l'imprimerie des Estienne_. Paris 1837. -- □Aug. Bernard□,
_Les Estienne et les types grecs de François I_. Paris
1856.
Heinr. □i.□ Stepha-
nus.
Sein Geburtsjahr kennen wir nicht, wissen auch nichts von seiner
Jugendgeschichte und in welcher Weise er die Fähigkeiten erwarb, die
ihm einen hervorragenden Platz unter den tüchtigsten und gelehrtesten
Buchdruckern sicherten. Eine kurze Zeit (1502 bis 1504) arbeitete er
zusammen mit einem gelehrten deutschen Buchdrucker □Wolfgang Hopyl□,
dessen Ausgaben bis 1489 zurück- und bis 1522 heraufgehen.
Die Ausgaben Heinrich □i.□ Stephanus' erreichen, so weit bekannt,
die Zahl von gegen 130, wovon einige in Gemeinschaft mit andern
Buchdruckern oder für fremde Rechnung, 107 aber für eigene Rechnung
ausgeführt wurden. Die meisten waren in Folio und mit grosser Sorgfalt
gedruckt. Der Inhalt ist beinahe ausschliesslich theologisch und
philosophisch, denn die klassische Litteratur war noch immer Domaine
der Italiener und hatte sich noch nicht nach Frankreich den Weg
gebahnt.
Heinrich, welcher 1520 im August oder September starb, hatte drei
Söhne, Franz, Robert und Carl, welche alle Buchdrucker oder Buchhändler
wurden. Die Witwe Heinrichs verheiratete sich das Jahr nach dessen
Tod mit □Simon de Colines□ (_Colinäus_), der mutmasslich schon
Teilhaber des Geschäfts gewesen war und nun Besitzer der Buchdruckerei
wurde, deren Schriftenvorrat er vermehrte, namentlich durch eine,
grösstenteils von ihm selbst geschnittene Cursiv. Er machte sich durch
seine schöne Klassikerausgabe berühmt.
Robert Stepha-
nus □i.□
□Robert□, der zweite Sohn, war 1503 geboren. Über seine Jugend wissen
wir nichts, wahrscheinlich ist er im väterlichen Hause geblieben, wo er
auch nach der Verheiratung seiner Mutter mit Colines arbeitete. Robert
heiratete Perette, die Tochter von Jod. Badius, die eine gelehrte
Bildung hatte und das Lateinische fliessend sprach. Überhaupt war
durch den steten Verkehr der Gelehrten in Roberts gastfreiem Hause, das
öfters durch die Besuche Franz □i.□ und Margarethas von Navarra geehrt
wurde, das Lateinische die tägliche Umgangssprache geworden, die selbst
den Dienstboten geläufig war. Perette ward die Mutter von acht Kindern
und starb gegen 1550, worauf Robert Margaretha Duchemin heiratete.
Seine Wirksam-
keit.
Roberts Wirksamkeit richtete sich auf die Herausgabe der so sehr
notwendigen Elementarbücher für das Studium der alten Sprachen
und auf korrekte Ausgaben der Klassiker; die Angabe, dass er seine
Korrekturbogen öffentlich aushing, gehört jedoch in das Gebiet der
Dichtung. Vor allem beschäftigte ihn die Herausgabe der heiligen
Schriften, lateinisch, griechisch und hebräisch. Schon die, 1523
in Sedez gedruckte, sorgfältig revidierte lateinische Ausgabe des
Neuen Testaments erregte das Missvergnügen der Sorbonne gegen den
jugendlichen Herausgeber auf Grund der Emendationen, welche er
notwendig fand, und gab das Signal zu den Verfolgungen, unter welchen
er sein lebenlang zu leiden hatte. Jede neue Ausgabe der Bibel brachte
ihm zwar neue Ehren, aber auch neue Sorgen und Anfeindungen, gegen
welche ihn die Gunst Franz □i.□ nur wenig zu schützen vermochte.
_Thesaurus linguæ
latinæ._
Die Zahl seiner Drucke beträgt über 600. Sein Hauptwerk, welches
allein als Ehrendenkmal für ihn genügend gewesen sein würde, ist der
_Thesaurus linguæ latinæ_ (1532). Die vergeblichen Versuche, ein altes
Vocabularium des Calepin zeitgemäss zu korrigieren, gaben dazu die
Veranlassung. Alle Gelehrten, die Robert anging, ein neues Lexikon
zu liefern, schreckten vor der Arbeit zurück, an die nunmehr Robert
selbst unter Beihülfe eines bescheidenen Gelehrten Joh. Thierry mit
einem solchen Eifer ging, dass das grosse Werk nach zweijähriger Arbeit
vollendet war. 1536 erschien eine zweite, verbesserte Auflage, eine
dritte 1543 und später noch weitere Ausgaben.
Conr. Néobar.
Bei Gelegenheit des Druckes seiner hebräischen Bibel (1539-1546) wurde
Robert am 24. Juni 1539 vom König Franz □i.□ zum königlichen Drucker
für die lateinischen und hebräischen Schriften ernannt, wozu noch im J.
1545 die Erhebung zu demselben Posten für das Griechische kam, welchen
zuerst □Conrad Néobar□ inne gehabt hatte. Es war der Aufmerksamkeit
Franz □i.□ nicht entgangen, dass die griechischen Drucke Frankreichs
trotz der Anstrengungen des gelehrten François Tissard im Verein
mit dem tüchtigen Praktiker Gilles de Gourmont, die zuerst 1507 ein
griechisches Buch in Frankreich gedruckt hatten, weit den italienischen
nachstanden. Dem wollte der König abhelfen und glaubte in Conrad
Néobar (1538-1540) den rechten Mann gefunden zu haben. Durch Patent vom
17. Januar 1538 wurde er zum königlichen Drucker für das Griechische
ernannt mit einem Jahresgehalt von 100 Goldthalern nebst den Vorteilen
der Universitäts-Angehörigen, auch sollten alle von ihm zuerst
gedruckten Werke auf 5 Jahre Schutz geniessen. Die Schriften sollte
Claude Garamond schneiden. Dies erlebte Néobar nicht, der schon nach
zwei Jahren starb, in der kurzen Zeit sich aber bereits einen berühmten
Namen erworben hatte.
Rob. Stephanus,
kgl. Typograph.
Stephanus übernahm nun die weitere Leitung. Die Zeichnungen zu der
Schrift rühren von dem berühmten Kalligraphen Angelus Vergecius (_Auge
Vergece_) her, zumteil auch von dessen damals erst fünfzehnjährigen
Schüler Heinrich, dem Sohne Roberts. Diese Schriften sind kaum durch
irgend eine spätere Produktion übertroffen und wurden bis in die
neueste Zeit in der kaiserlichen Druckerei in Paris verwendet. Auch der
berühmte Schriftschneider und Schriftgiesser Wilhelm le Bé wurde von
Robert, namentlich für die hebräische Bibel, beschäftigt. Dafür, dass
die hebräischen Schriften ebenfalls für königliche Rechnung geschnitten
wären, liegen keinerlei Beweise vor.
Robert geht
nach Genf.
Der fortwährenden Verfolgungen durch die Sorbonne müde, ging Robert
1550 oder 1551 nach Genf, um dort in der Ruhe, die er in Frankreich
nicht hatte finden können, mit den Reformatoren Calvin, Theodor Beza
u. a. zusammenzuleben, ihre Werke zu drucken und die Bibelausgaben
ungestört fortzusetzen. Es scheint, als habe Robert mit Standhaftigkeit
und Kraft die mit der Übersiedelung verbundenen Verluste und das
Ungemach aller Art ausgehalten. Seine Wirksamkeit in Genf war gleich
eine bedeutende, das Pariser Geschäft wurde jedoch nicht geschlossen
und 1556 beginnt sein Sohn Robert □ii.□ dort seine Ausgaben.
Die griechischen
Schriften.
Dass die Genfer Robert unentgeltlich als Mitbürger aufnahmen,
konnte ihm seinen Verfolgern gegenüber, gegen die er eine bittere
Rechtfertigungsschrift veröffentlichte, als eine Genugthuung gelten. Es
ist ihm vielfach zum Vorwurf gemacht, dass er die berühmten königlichen
griechischen Schriften mit nach Genf nahm. Sein Biograph Renouard hat
mit schlagenden Gründen ihn gegen den Verdacht, als habe er damit etwas
unrechtmässiges gethan, verteidigt. Im Jahre 1621 wurden die Schriften,
welche für 1500 Goldthaler dem Rate von Genf von Roberts Enkel, Paul,
verpfändet waren, von der französischen Regierung für 3000 Livres
gekauft und von Paul nach Paris gebracht. Bei den Verhandlungen deutet
nichts darauf hin, als sei Paul nicht rechtmässiger Besitzer der Matern
gewesen. Seit 1774 befinden sie sich in der Staatsdruckerei in Paris.
Seinem lateinischen Wörterbuch wollte Robert ein griechisches folgen
lassen. Mit den Vorarbeiten beschäftigte er sich lebhaft, wurde aber
dabei vom Tode überrascht. Den Zustand dieser Vorarbeiten kennen wir
nicht, doch müssen dieselben nach der Aussage des Vollenders, seines
Sohnes Heinrich, weit vorgeschritten gewesen sein.
Franz □i.□
Robert starb am 7. Sept. 1559, 56 Jahre alt. Von seinen acht Kindern
werden Heinrich □ii.□, geb. 1528; Robert □ii.□, geb. 1530, und Franz
□ii.□ Gegenstand weiterer Besprechung sein. Von Roberts □i.□ Bruder
□Franz i.□ ist wenig zu sagen; man kennt das Datum seiner Geburt
nicht, weiss auch nicht, ob er verheiratet war. Wahrscheinlich war
er nur Buchhändler; ein Buch von ihm später als aus dem J. 1548 kennt
man nicht, schliesst deshalb auf seinen frühen Tod um diese Zeit, der
vielleicht auch nur Schuld gewesen sein wird, dass er keine grössere
Berühmtheit erlangte; denn seine kurze Wirksamkeit zeugt von grosser
Tüchtigkeit.
Karl.