[Illustration:Kapitelanfang]
IX. KAPITEL.
ITALIEN, SPANIEN, PORTUGAL UND DAS SÜDLICHE AMERIKA.
□Venedig.□ Die Familie Aldus: Aldus Pius Manutius, Paul Manutius,
Aldus □ii.□ Dan. Bomberg. Mechitar. □Rom□: Die Buchdruckerei
der „Propaganda“. □Genua.□ □Florenz□: Die Giunta. □Padua.□ □Die
Xylographie□: Cäs. Vecellius, der Clair-obscur-Druck. Ugo da Carpi,
Graf Ant. Zanetti, John Jackson.
SPANIEN UND PORTUGAL. Brocario und die complutinsche Polyglotte.
Madrid. Ant. Bortazar. -- MEXICO. Joh. Kromberger, Juan Pablos.
LIMA. PERU. ST. DOMINGO u. a.
RIESENHAFT waren bereits die Fortschritte Italiens in der ersten
Periode der Buchdruckerkunst gewesen, sie sollten in dieser zweiten
Periode noch weitergehendere werden.
Aldus Pius Ma-
nutius Romanus.
Der hervorragendste Wahrer und allezeit Mehrer des typographischen
Ruhmes Italiens war ganz besonders der Gründer der berühmten
aldinischen Familie. □Aldus Manutius□[1], der Mann, dem die Jünger
Gutenbergs neben diesem die grösste Verehrung schuldig sind, war in
der Zeit zwischen 1447 und 1449 in dem Städtchen Bassiano in der Nähe
der pontinischen Sümpfe geboren. Wenn Aldus von 1500 ab sich _Romanus_
nennt, so geschah es nur, weil diese Bezeichnung eine höhere Geltung in
den Augen des Publikums verlieh.
[1] □A. A. Renouard□, _Annales de l'imprimerie des Alde_.
Paris 1834. Dritte Auflage. -- □Ambr. Firmin Didot□,
_Alde Manutius et l'hellenisme à Venise_. Paris 1875.
Sein Taufname Aldo ist der typographische Familienname geblieben;
Manuzio kommt selten vor, dagegen nannte sich Aldus gewöhnlich Aldo
Pio, welchen Namen ihm sein Zögling Alberto Pio, Fürst von Carpi, als
Zeichen seiner hohen Achtung zuerteilt hatte. Seit 1503 wird _Aldo Pio
Manuzio Romano_ oder _Aldus Pius Manutius Romanus_ geschrieben.
Seine Jugend.
Aldus hatte eine zwar gelehrte aber nicht gute Erziehung gehabt. Er
war in die Hände eines Pedanten geraten und fand erst später in Rom
seine wirkliche Ausbildung. Von seinem ernsten Streben und seinem Eifer
legen die vielen, von ihm kommentierten griechischen Ausgaben und seine
wertvolle griechische Grammatik Zeugnis ab.
In dem freundlichen Verkehr mit den fürstlichen Angehörigen seines
Zöglings, des Albertus Pius, namentlich dem gelehrten Johannes Pius,
entstand ohne Zweifel die erste Anregung, eine „gelehrte Buchdruckerei“
zu gründen und ist es auch wahrscheinlich, dass die Mittel zur Anlage
derselben von den genannten herrühren.
Etablissement in
Venedig.
□Venedig□, wo Künste und Wissenschaften blühten, schien mit Grund
der günstigste Boden für ein solches Etablissement. Aldus begab sich,
entweder in dem Jahre 1488, oder 1489, dahin. Sein erstes datiertes
Druckwerk ist Constantin Lascaris' griechische Grammatik, im Jahre
1495 vollendet. Wahrscheinlich ist es, dass zwei kleine Werke ohne
Datum, wenn auch später als das von Lascaris angefangen, doch früher
erschienen sind, nämlich Musäus' Gedicht Hero und Leander, griechisch
und lateinisch, und die _Galeomyamachia_, griechisches Gedicht von
Theod. Prodromos.
Die Ausgabe von
Aristoteles.
Mit rastlosem Eifer ging Aldus an das grosse Werk, eine griechische
Ausgabe von Aristoteles, die noch nicht existierte, herzustellen.
Um sich von dem Umfang und den Schwierigkeiten dieses Unternehmens
ein klares Bild zu machen, muss man sich vergegenwärtigen, dass der
Inhalt von fünf Foliobänden aus zahlreichen noch nicht herausgegebenen
Abhandlungen in verschiedenen, beinahe unleserlichen oder durch die
Unwissenheit der Kopisten korrumpierten Manuskripten zusammengestellt
werden musste, ohne dass der Herausgeber eine frühere Ausgabe als
Leitfaden zur Seite hatte, so dass er selbst die jeden Augenblick
entstehenden Zweifel nur durch seinen Scharfsinn lösen konnte.
Bedenkt man ferner, dass diese Arbeiten sich nicht auf den Aristoteles
beschränkten, dass Aldus vielmehr eine grosse Zahl anderer Ausgaben in
derselben Weise besorgt hat, so muss man seine Arbeitskraft staunend
bewundern und kann unmöglich streng über einzelne typographische oder
kritische Fehler mäkeln. 1495 wurde das erwähnte Werk, welches Aldus
zu dem ersten Rang sowohl als Buchdrucker wie als Herausgeber erhebt,
begonnen; 1598 war es vollendet. Inzwischen förderte er viele kleinere,
aber doch wichtige Ausgaben an das Tageslicht und seine Wahl wurde
stets mit Einsicht und Geschmack getroffen. Während seine Kollegen
sich noch grösstenteils auf den Druck mystischer, scholastischer oder
höchstens juristischer Werke beschränkten, war es Aldus vorbehalten,
eine neue Richtung vorzuzeichnen, und nichts hat mehr zur Verbreitung
der klassischen Studien beigetragen, als seine billigen, korrekten und
handlichen Ausgaben, die es beinahe jedem möglich machten, die Werke
anzuschaffen.
Griechische
Werke in Italien.
Die Annahme, dass Aldus der Erste war, der ganze Bücher mit
griechischer Schrift druckte, beruht auf einem Irrtum. Zwar wurde
noch gewöhnlich der Platz für griechische Zitate freigelassen, um
diese später hineinzuschreiben; man hat jedoch griechische, sogar
umfangreichere, Werke vor denen von Aldus, als: aus Mailand Lascaris'
Grammatik von 1476; aus Florenz Homer von 1488. Aber die Zahl war
klein und die Werke folgten einander langsam, während die griechischen
Ausgaben des Aldus so zahlreich waren und so schnell zum Vorschein
kamen, dass es selbst bei gewöhnlichen Druckwerken überraschend gewesen
wäre.
Lateinische Aus-
gaben.
Cursivschrift.
Nachdem Aldus eine grosse Zahl griechischer Meisterwerke gedruckt
hatte, ging er an die des alten Roms. Auch hier fing er mit einer
Grammatik, und zwar einer eigenen Arbeit, an. Um seine Bücher allgemein
zu verbreiten, fasste er den Plan zu einer Sammlung in klein Oktav
(_enchiridii forma_), wovon ein Bändchen jedoch ziemlich so viel,
wie sonst ein Quartband, enthalten sollte, und liess von □Franz von
Bologna□, der auch den Schnitt der meisten seiner übrigen Schriften
geleitet hat, seine berühmte schrägliegende Schrift schneiden, nach
Muster der üblichen _Cancellaresca Romana Cursiva_. Als nächstes
Vorbild soll Petrarcas Handschrift gedient haben. Da die Mehrzahl der
Bücher noch geschrieben war, so heimelte diese Buchschrift, die mit der
Feder geschrieben zu sein schien, die Leser zwar sehr an, und ganze
Bücher, zuerst der Virgil, wurden auch damit gedruckt. Bald jedoch
behielt die gefällige, zugleich kräftige Antiqua die Oberhand, und die
Cursiv wurde dann hauptsächlich nur zu den Einleitungen, Noten und als
Auszeichnungsschrift zu der Antiqua benutzt, bis in neuester Zeit die
fette, halbfette, Egyptienne, Stein- und andere Schriften ihr den Rang
abliefen. In Deutschland behielt die Schrift den Namen _Cursiv_; in
Frankreich hiess sie _Italique_ (auch _Penche_); in England _Italic_.
Die kleinen
„Aldinen“.
Die Nachdrucke
der „Aldinen“.
Man kann sich vorstellen, mit welcher Begeisterung die schönen und
bequemen Ausgaben des Aldus aufgenommen wurden. Der Sprung von den
schweren Folianten und Quartbänden zu diesen niedlichen Bändchen,
die man überall mit sich führen konnte, war nicht viel kleiner, als
von den Manuskripten zu dem Gedruckten überhaupt. Am 13. Nov. 1502
erhielt Aldus vom Senat ein zehnjähriges Privilegium für seine Cursiv
und am 17. Dezbr. ein solches vom Papste Alexander □vi.□, welches von
Julius □ii.□ und Leo □x.□ verlängert wurde. Auch sonst wurde er durch
Privilegien geschützt, die indes wenig respektiert wurden. Schon 1502
fingen die Lyoner, jedenfalls auf Antrieb der Giunta in Venedig, an,
die Aldinen nachzudrucken. Aldus beschwert sich in einer gedruckten
Anzeige, welche er wahrscheinlich verteilte, über den Schaden, der
ihm, und namentlich seiner Ehre, durch die fehlerhaften Ausgaben der
Lyoner zugefügt werde, und giebt die Fehler an, woran letztere zu
erkennen wären. Die Lyoner druckten Cartons oder neue Ausgaben und
berichtigten diese Fehler, so dass die Käufer nun erst ganz sicher
waren, Originalausgaben zu kaufen.
In den Jahren 1501-1505 entwickelte Aldus eine grosse Thätigkeit und
es verging kein Monat, worin nicht wenigstens ein klassisches Werk aus
seiner Offizin hervorging. Alles war an diesen Büchern gut; der Satz
mit Verständnis und Gleichmässigkeit besorgt; der Druck rein auf gutem
starken geleimten Papier, mit vorzüglicher Farbe, die noch heute ihre
Tiefe und ihren Glanz behalten hat.
_Aldi
Neacademia._
Aldus war selbstverständlich nicht imstande gewesen, die Riesenaufgabe,
die er sich gestellt hatte, allein zu erfüllen. Er verstand es aber,
einen Kreis von gelehrten Männern um sich zu sammeln, die von demselben
Streben, die Schätze der Litteratur allen zugänglich zu machen,
beseelt waren. Von diesen lebte eine Anzahl in seinem Hause ganz von
ihm unterhalten, während andere für Honorar oder nur für die Ehre
arbeiteten. Diese sogenannte _Aldi Neacademia_, gegründet gegen 1500,
versammelte sich an gewissen Tagen bei ihm und bestand aus etwa 30
Mitgliedern. Durch Tod und Wegzug lichteten sich aber die Reihen, und
die Akademie hörte nach einigen Jahren auf. Ausser mit den Mitgliedern
dieser stand Aldus selbstverständlich mit vielen anderen Gelehrten in
Verbindung, unter welchen sich auch Erasmus befand, mit dem er zuerst
in einem engen Freundschaftsbunde, später aber beinahe in Feindschaft
lebte.
Beabsichtigte
Polyglott-Bibel.
Der orientalischen Sprachen, besonders des Hebräischen, selbst mächtig,
wollte Aldus auch an den Druck hebräischer Werke gehen. Es existiert
aus den letzten Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts ein Probeblatt
von einer Bibel in Folio, lateinisch, griechisch und hebräisch, mit
schönen Typen gedruckt, dieselbe ist jedoch nicht zur Ausführung
gekommen und Aldus hat sich somit den Ruhm nehmen lassen, zuerst
eine Polyglott-Bibel zu bringen. Dass weder von ihm, noch von seinen
Nachfolgern eine handliche Ausgabe des Neuen Testaments gedruckt worden
ist, mag vielleicht in den Verhältnissen zu Rom gelegen haben.
Gegen das Jahr 1500 verheiratete sich Aldus mit Maria Asola († 1520),
der Tochter von Andreas Torresanus aus Asola, welcher 1479 Jensons
Druckerei in Venedig gekauft hatte.
Geschäftliche
Schwierigkeiten.
1506 musste Aldus Venedig verlassen und seine Druckerei schliessen,
nachdem er durch den Krieg, welcher Italien verwüstete, den grössten
Teil seines Vermögens verloren hatte. 1507 fing er unter Sorgen wieder
zu drucken an, bis eine Assoziation mit seinem reichen, thätigen
Schwiegervater Andreas Asolanus ihn in den Stand setzte nach 1508 das
Geschäft wieder kräftig zu betreiben. In den Jahren 1510-11 ruhte es
jedoch nochmals und wurde erst 1512 wieder eröffnet, in welchem Jahre
auch sein dritter später so berühmte, Sohn, Paul Manutius, geboren
ward.
Tod des Aldus.
1513 und 14 entfaltete Aldus wieder grössere Thätigkeit und rüstete
sich für eine noch grössere, als ihn in seinem 66. Jahre der Tod am 7.
Febr. 1515 überraschte. Ob seine irdischen Überreste seinem Wunsche
gemäss nach Carpi gebracht wurden, wissen wir nicht. Der Abbé Zenier
liess im Jahre 1828 eine einfache Gedenktafel an dem Hause Nr. 2013
in der Nachbarschaft des _Campo di S. Agostino_, unzweifelhaft sein
Druckhaus, anbringen.
Sein Druckerzeichen.
Das berühmte Druckerzeichen des Aldus stellt einen, von einem Delphin
umschlungenen Anker vor und soll die, mit der Festigkeit verbundene
Beweglichkeit und Schnelligkeit, also das sprüchwörtliche _festina
lente_, symbolisch ausdrücken. Wie seine Typen und seine Ausgaben,
so wurde auch sein Druckerzeichen widerrechtlich von anderen, selbst
von den Giunta, nachgemacht, auch später von neueren Druckereien
angenommen.
* * * * *
Andreas Torresa-
nus de Asola.
Paul Manutius.
Nach dem Tode des Aldus wurde die Buchdruckerei von seinem
Schwiegervater □Andreas Torresanus□ aus □Asola□ in Verein mit
dessen Söhnen □Franz□ und □Friedrich□ fortgeführt. Andreas war ein
tüchtiger Mann, wenn er es auch nicht so wie Aldus verstand, die
besten geistigen Kräfte für seine Unternehmungen um sich zu sammeln.
Die Kinder von Aldus lebten erst mit ihrer Mutter in Asola, kehrten
aber bald wieder nach Venedig zurück, woselbst □Paul Manutius□ eine
sorgsame Erziehung genoss, jedoch durch geistige Anstrengungen seine
Gesundheit so sehr schwächte, dass er sich mehrere Jahre hindurch ganz
von den Studien zurückziehen musste. Bald sollte er auch in anderer
Weise den Ernst des Lebens kennen lernen, indem das Geschäft infolge
von Familienauseinandersetzungen vier Jahre lang (von 1529-1533)
geschlossen blieb. In dem letzteren Jahre übernahm Paul, nur 21 Jahre
alt, die Buchdruckerei, vorerst für gemeinschaftliche Rechnung mit
seinen Geschwistern und den Asolas.
Trotz seiner Jugend zeigte er gleich den überlegenen Geist und trat
mit grosser Energie in die Fusstapfen seines Vaters. Da dieser die
griechische Litteratur beinahe erschöpft hatte, legte sich Paul
namentlich auf Herausgabe der lateinischen Klassiker und gewann zu
diesem Zweck die tüchtigsten Gelehrten für sich. 1535 liess er sich
zwar durch falsche Vorspiegelungen verleiten, nach Rom zu gehen, wo
sein eigentlicher Zweck sich bald als verfehlt ergab; aber die dort
angeknüpften Verbindungen mit vielen wissenschaftlichen Notabilitäten
kamen ihm später zu statten.
Nachdem die Druckerei in Venedig 1541 nochmals auf Grund von
Familienmisshelligkeiten geruht hatte, übernahm sie Paul endlich 1542
ganz für seine und seiner Geschwister alleinige Rechnung und heiratete
1546 Katharina Odoni, welche vier Kinder gebar, von denen das älteste,
Aldus, am 13. Febr. 1547 das Tageslicht erblickte.
Von einer schweren Krankheit genesen, ging Paul 1555 nach Bologna, wo
man ihn, ebenso wie in Ferrara und in Spanien, zu fesseln versuchte;
aber sein Lieblingsgedanke, ein Etablissement in Rom zu begründen,
liess ihn alle vorteilhaften Anerbietungen abschlagen. Inzwischen hatte
in Venedig der Senator Badoano, 1556, die Idee zu einer grossartigen
_Academia Veneziana_, mit der eine gelehrte Buchdruckerei verbunden
werden sollte, gefasst. Dem Paul Manutius beabsichtigte man den
Lehrstuhl der Beredsamkeit und die Direktion der Buchdruckerei zu
übertragen. Bedeutende Vorbereitungen wurden getroffen, aber die
Akademie nahm ein schnelles und klägliches Ende.
Ruf nach Rom.
Da machte der Kardinal Seripandi, im Namen des Papstes Pius □iv.□, dem
Paul ebenso vorteilhafte als ehrenvolle Anerbietungen, wenn er nach
Rom kommen wollte, um dort eine Reihe heiliger Bücher, Kirchenväter
u. s. w., herauszugeben. Es wurden ihm für die Zeit von 12 Jahren
jährlich 500 Dukaten in Gold, ferner 300 Dukaten Umzugsentschädigung
zugesichert, und seinem Sohne eine Pension von 150 Dukaten in Aussicht
gestellt. Die Druckerei sollte auf Kosten des Papstes, der auch alle
laufenden Ausgaben zu zahlen hatte, eingerichtet, der Verdienst aber
zwischen dem päpstlichen Stuhl und Paul geteilt werden. Solchen mit
seinen Wünschen stimmenden Anerbietungen konnte Paul nicht widerstehen.
Paul Manutius
in Rom.
In Rom wurde er mit grosser Aufmerksamkeit aufgenommen und gut
eingerichtet. Typen wurden durch Vermittelung von Thomas Giunta
geliefert; denn die berühmten Cursiv-Matern des Aldus, die in den
Besitz der Torresanis gekommen waren, wollten diese nicht hergeben,
während die griechischen Matern, die man einem Bruder des Paul,
Antonius, der eine kurze Zeit in Bologna etabliert war, anvertraut
hatte, durch dessen liederliche Wirtschaft verloren gegangen waren.
Aber diese Aussichten für Aldus waren nicht von langer Dauer. Die
eine Hälfte der Buchdruckerei ging als Eigentum auf den Magistrat von
Rom über, während die von dem Papst Sixtus □v.□ im Vatikan gegründete
typographische Anstalt ganz den Platz ausfüllte, der ursprünglich für
Pauls Druckerei bestimmt war. Die vorteilhaftesten Arbeiten wurden
dieser entzogen; der Magistrat verpachtete sogar seinen Anteil an
andere und nach dem Tode Pius' □iv.□ liess man im Jahre 1566 Paul die
Schlüssel abfordern. Zwar wurde diese harte Massregel auf Anordnung
Pius' □v.□ rückgängig gemacht, aber für Paul sollte keine rechte Freude
mehr aus seiner Stellung erwachsen.
Rückkehr nach
Venedig.
Wiederumzug
nach Rom u. Tod.
Der mancherlei Chicanen müde, gab er 1570 seine Stellung in Rom auf, um
nach Venedig zurückzukehren, wo es mit der, an Dom. Basa verpachteten
Aldinischen Druckerei auch nicht zum besten ging. Vorher wollte er
jedoch seine Gesundheit durch eine Reise kräftigen. Den ganzen Winter
1571 verbrachte er in Mailand. Nach Venedig, wo er nun nicht mehr im
eigenen Hause Herr war, kam er erst im Mai 1572, kehrte aber schon im
Juni nach Rom zurück, um seine Tochter, die er dort in einem Kloster
zurückgelassen hatte, zu holen. Hier wurde er von seinen Freunden so
gut aufgenommen, dass er seinen Entschluss änderte und ganz dort blieb.
Der neue Papst Gregor □xiii.□ war ihm sehr gewogen und er erhielt von
ihm eine zwar mässige, jedoch seinen Bedürfnissen genügende Pension.
1573 verheiratete er seine Tochter mit Alexander Honorio. Paul hatte
nun die Aussicht, ruhig seinen Freunden und seinen Lieblingsneigungen
leben zu können; aber ein so heiterer Abschluss seiner sorgen- und
mühevollen Wirksamkeit war ihm nicht vergönnt. Er starb schon 1574 in
den Armen seines Sohnes Aldus, allgemein geachtet, allgemein betrauert,
und ward in der Kirche _Sancta Maria sopra Minervam_ begraben, wo noch
eine einfache Namensinschrift auf einem Denkstein die Stelle seiner
Gruft bezeichnet.
* * * * *
Aldus □ii.□
Sein Sohn □Aldus ii□., der älteste von vier Geschwistern, war, wie
erwähnt, 1547 geboren und ein frühreifes Kind, welches die Hoffnung
erregte, es werde seinem Vater und Grossvater gleich werden, wenn
nicht gar sie hinter sich lassen. Schon im zehnten Jahre war er bei
einer Ausgabe von Ciceros Briefen behülflich und im vierzehnten gab
er seine _Orthographiæ ratio_ heraus. Im Jahre 1562 ging er zu seinem
Vater nach Rom, wo er bis 1565 weilte, sich vielfach schriftstellerisch
beschäftigend.
Nach Venedig zurückgekehrt, wurde ihm von seinen Vettern Bernh. und
Hieron. Torresanus der Vorschlag gemacht, mit ihnen gemeinschaftlich
zu drucken, was sich jedoch zerschlug. 1572 heiratete er eine Tochter
aus der berühmten Buchdrucker-Familie der Giunta, Franzisca Lucrezia,
wodurch auch zwischen den rivalisierenden Familien eine geschäftliche
Verbindung eintrat, wahrscheinlich unter Mitbeteiligung Basas, des
Pächters der Aldinischen Druckerei, deren alleiniger Besitzer Aldus
nach dem Tode des Vaters geworden war.
Ruf nach Pisa
und nach Rom.
Einer Ernennung Aldus' zum Professor der schönen Wissenschaften (um
1576) folgte bald ein vorteilhafter Ruf nach Pisa von seiten des
Franz von Medici. Kaum hatte er diesen angenommen, als er ein noch
ehrenvolleres Anerbieten von Rom aus erhielt, und sein Ansehen war
so gross, dass sein Name, obwohl er die Stelle jetzt ausschlagen
musste, in die Liste der Professoren eingetragen wurde, und die Stelle
unbesetzt blieb. Gegen Ende des Jahres konnte er endlich diesem Ruf und
seiner Neigung folgen und nach Rom gehen, wo der Papst Clemens □viii.□
ihm auch die Aufsicht über die Vatikanische Druckerei anvertraute.
Die alte berühmte Aldinische Druckerei gab er 1585 ganz ab, überhaupt
war er mehr durch Umstände als durch Neigung Buchdrucker. Seine zeitige
geistige Reife und die ihm so früh zugefallene litterarische Ehre
hatten ihn der Druckerei abspenstig gemacht. Die Genugthuung, Bücher zu
schreiben, ging ihm über die lohnende materielle Arbeit der Förderung
der Buchdruckerei.
Aussterben der
Familie.
Aldus starb, nachdem seine vier Kinder ihm schon im Tode vorangegangen
waren, am 28. Oktober 1597 im 51. Jahre und mit ihm der letzte berühmte
Sprössling einer Familie, die der Wissenschaft und der Typographie die
grösste Ehre gemacht, und deren Ruhm nicht erlöschen wird, so lange
einer der zahlreichen Bände existiert, welche in dem Zeitraum eines
Jahrhunderts aus ihren Pressen hervorgingen. Renouard verzeichnet in
seinen Annalen 153 Ausgaben von Aldus Manutius; 109 von den Asolas; 592
von Paul Manutius; 215 von dem jüngeren Aldus; ausserdem noch 36 nicht
datierte Werke aus den Aldinischen Pressen, in Summa 1105 Ausgaben von
780 Autoren. Von Nachdrucken zählt er 64 auf.
* * * * *
Die Familie
Giunta.
Glücklicher in ihren äusseren Erfolgen und spekulativer als die Aldi
zeigt sich die zweite berühmte Buchdrucker-Familie Italiens, die der
Giunta (Junta) in FLORENZ. Hat sie auch nicht die höchsten Ehren der
Familie Aldus erreicht, so nimmt sie wenigstens nach ihr die erste
Stelle ein und die Mitglieder der Familie waren, ohne selbst Gelehrte
von Rang zu sein, unterrichtete und tüchtige Männer, die ihre Kunst
thatkräftig und mit Vorteil zu üben verstanden.
Luc-Ant. Giunta.
Seine
Nachkommen.
Die Familie □Giunta□[2] gehörte zu den angesehenen in Florenz und
existierte schon im 14. Jahrhundert. Luc-Antonius und sein Bruder
Philippus, deren Vater Wollhändler war, begannen zu derselben Zeit, wie
Aldus in Venedig, zu drucken.
[2] □A. M. Bandini□, _de Florentina Juntarum typgr._ 2 Bde.
Lucca 1791.
□Luc-Antonius Giunta□ kam, nachdem er das Geschäft eines Buchhändlers
schon in Florenz betrieben hatte, um 1480 nach Venedig, wo sein
erstes Verlagswerk sich aus dem Jahre 1482 schreibt; Buchdrucker
ward er wahrscheinlich 1503. Eine seiner Hauptunternehmungen war der
Druck des Galenus in lateinischer Sprache. Während Aldus mit seiner
grossen griechischen Ausgabe bedeutenden Verlust hatte, druckten die
Giunta in der Zeit von 1522-1625 elf Auflagen ihrer lateinischen. Sie
spekulierten auf einen billigen Preis und reussierten.
Luc-Antonius starb im Jahre 1537 oder 1538 und einer seiner drei Söhne,
□Thomas□, übernahm die Buchdruckerei. Thomas hinterliess keine Kinder,
aber seine Neffen führten das Geschäft unter der Firma: _apud Juntas_
weiter und zwar mit so vielem Glück, dass ihr Nachfolger, □Gio-Maria
Giunta□, in den Jahren 1626-1628 jeder seiner zwei Töchter 100000
Scudi, nach jetzigem Geldwerte gleich 500000 Mark, mitgeben konnte.
Sie heirateten zwei venetianische Nobili Foscarini und Cornaro, und
mit ihnen endigte der venetianische Zweig der Familie, während das
Geschäft in Venedig auch von dem Florentiner Zweig fortgesetzt und 1642
von einem □Modesto Giunta□ geleitet wurde. Noch im Jahre 1791 wird eine
dieser Familie angehörende Persönlichkeit erwähnt.
Philipp Giunta
und sein Stamm.
□Philipp Giunta□, der Bruder Luc-Antonius', hatte Florenz nicht
verlassen und etablierte dort eine Buchdruckerei und Buchhandlung.
Sein erster Druck: _Zenobii Proverbia_, aus dem Jahre 1497, war ein
griechischer, ebenso der im Jahre 1500 folgenden _Orphei Argonautica_,
sonst druckte er nur lateinische und italienische Ausgaben, namentlich
in kleinem Oktav mit der, der Aldinischen nachgebildeten Cursivschrift;
den griechischen Druck nahm er erst 1514 wieder auf.
Philipp starb am 16. September 1517, nachdem er die erste griechische
Ausgabe von Plutarch, von ihm selbst redigiert, gedruckt hatte. Sein
Sohn Bernhard führte das Geschäft für die Erben weiter und ihm hat man
die berühmte Quartausgabe von Boccaccios _Decamerone_ zu verdanken,
die als Prototyp aller späteren Ausgaben diente, bis die Entdeckung
eines, im Jahre 1384 angefertigten Manuskriptes den Wert des Buches
verringerte. Der enorme Preis der Giuntaschen Ausgabe veranlasste 1729
einen Nachdruck, der in allen Äusserlichkeiten das Original nachzuahmen
versuchte; der Betrug wurde jedoch bald entdeckt.