Der Introitus, die Abgaben der Ausgelernten, „das Titulgeld“, welches

der Verleger für den Druck eines roten Titels zahlte, oder sonstiges

Trinkgeld wurde jährlich zweimal, zu Fastnacht und zu Martini, verteilt

oder vertrunken. Zu Martini gab der Prinzipal einen Schmaus.

Der Lehrling.

Die Deposition.

□Der Lehrling□ wurde, wenn er eine Probezeit von einigen Wochen gut

bestanden und durch Zeugen nachgewiesen hatte, dass er in ehrlicher

Ehe geboren war, „aufgedungen“. Er hatte 5-6 Jahre zu lernen und

den Meister und die Gesellen zu bedienen. Hatte er seine Lehre

ehrlich bestanden, so wurde er „Kornut“ oder Hörnerträger und hatte

als solcher wöchentlich an die eigentlichen Gesellen eine Abgabe,

„nach christlicher Billigkeit“, zu zahlen. Wollte er nun als Geselle

losgesprochen sein, so musste er sich dem „Postulat“, oder der

Deposition, unterwerfen. Dies geschah unter scenischen Festlichkeiten

und in Anwesenheit der Gesellen und Bekannten mit ihren Damen. Erst

trat der Prologus auf und hielt eine salbungsvolle Lobrede auf die

Kunst. Mit dem unförmlichen, mit Hörnern versehenen Hut aus schwarzem

Leder bedeckt[4], wurde nun der Kornut von dem Knecht eingeführt,

von letzterem durchgehechelt, geschimpft, geschlagen und mit guten

Lehren versehen. Der Kornut lässt sich alles gefallen und verspricht

dem Depositor, den Gesellennamen mit Ehren zu führen, die Laster der

Jugend und die schlechten Sitten abzulegen, und einen tugendsamen

Wandel zu führen. Hierauf erhält er die Konfirmation als Geselle, und

die von ihm gewählte „Kranzjungfer“ setzt ihm den Kranz auf. Das ganze

Schauspiel wimmelte von Trivialitäten und Roheiten[5]. Der Schmaus bei

dem „Postulatvater“, der für gute Speise und guten Trank zu sorgen

verpflichtet war, bildete selbstverständlich durchaus nicht eine

Nebensache.

[4] Ein solcher Kornutenhut war in der Halleschen Ausstellung

1881, in der Abteilung der Faberschen Buchdruckerei aus

Magdeburg, zu sehen.

[5] Es giebt mehrere gedruckte Depositionsspiele; am

bekanntesten ist das im Jahre 1654 „der hoch- und

weitgerühmten Buchdrucker-Kunst zu unvergleichlichen

Ehren“ von □Johann Rist□ abgefasste, das in Ernestis

Handbuch mitgeteilt wird.

Sitten im allge-

meinen.

Von der Zucht und Ordnung in den Druckereien bekommen wir keinen

besonders vorteilhaften Begriff, wenn wir die Anordnungen lesen, in

welchen den Gehülfen eingeschärft wird, „ihrem Druckherrn gebührliche

Ehre und Gehorsam zu erzeigen, ihm nicht widersetzig zu sein, viel

weniger mit thatsächlicher Gewalt sich an ihm zu vergreifen“, und sie

ermahnt werden: „das Fluchen, Gottlästern, Andere zur Banckhauen zu

unterlassen; Abends nicht mit Ungestüm anzuklopfen, jauchzen, geschrey

zu tumultuiren, nicht die Wehren zu zucken; das liederliche Feiern,

mehrenteils um des unchristlichen Saufens, Schwelgens und Tollisirens

willen, sowie das Abhalten heimlicher Conventikula behufs des

Aufwiegelns anderer Gesellen, einzustellen“.

* * * * *

Aenderungen in

d. Buchbindung.

Steigender Ge-

schmack im Ein-

binden.

DIE BUCHBINDERKUNST[6]. Keine andere gewerbliche Technik konnte in

dem Masse durch die Buchdruckerkunst beeinflusst werden, als die

Buchbinderei. Die Folianten und Quartanten weichen den Oktavbänden

und zierlichen Bändchen, infolge dessen auch das Material für den

Einband ein leichteres wird. An Stelle der Holzplatten tritt die

Pappendecke oder der aus mehreren zusammengeklebten Blättern bestehende

Überzug. Die Beschläge fallen nach und nach weg, die Spangen bleiben

jedoch noch lange. Die Bereitung des Leders vervollkommnet sich

und es wird in allen Farben verwendet. Durch die Filetten wird ein

grösserer Reichtum an Mustern möglich. Jetzt kommen namentlich die

arabisch-maurischen phantasiereichen Flachornamente zur Geltung,

daneben erhalten sich jedoch Ornamente im Sinne der Renaissance aus

antiken Motiven entspringend unter Hinzufügung von Figuren-Schmuck.

Götter und Helden, Kaiser und Könige, Reformatoren, reiche Wappen,

ganze zusammenhängende Figurenbilder dienen als Einbandsschmuck, wobei

oft nicht die geringste Rücksicht auf den Inhalt genommen wird. Selbst

die namhaftesten Künstler, wie Hans Holbein d. j., Lucas Cranach Vater

und Sohn, Virgil Solis, u. a. verschmähten es nicht, ihre Talente

der Buchhülle zuzuwenden. Das Interesse des grossen Publikums und die

Bücherliebhaberei der Reichen und Grossen unterstützten die Kunst. In

vielen Privatbibliotheken war der Einband fast Hauptsache geworden.

Manche Liebhaber aus den höchsten Ständen, selbst Könige und Fürsten,

übten persönlich das Buchbinden.

[6] Vergl. die S. 89 angegebenen Quellen.

Die österreichisch-burgundischen kur- und pfalzbayrischen

Herrscher, die protestantisch sächsischen Fürsten Ernestinischer und

Albertinischer Linie, hatten schöne Büchersammlungen. Sowohl Kurfürst

Friedrich der Weise († 1525) als auch der unglückliche Johann Friedrich

der Grossmütige liessen ihre prachtvollen Bibelausgaben und die Werke

der Reformatoren für die Universitätsbibliotheken mit prächtigen

Einbänden versehen, die noch heute die Zierde der Sammlungen in Jena,

Weimar, Leipzig und Dresden sind. Die Hauptwerkstätte war Wittenberg,

der bedeutendste Buchbinder dort □Theodor Krüger□. Seinen Arbeiten

schliessen sich die von □Kaspar Krafft□ und die reichen farbigen

Lederbände aus den Offizinen der beiden □Cranach□ an. Auch der gelehrte

Herzog Georg der Bärtige († 1539) und sein Bruder Heinrich der Fromme

(† 1541) hatten dieses Interesse für die Kunst.

Die sächsischen

Einbände.

Unter den Förderern ist ferner der Kurfürst August von Sachsen (1526

bis 1586) zu erwähnen. Im Jahre 1555 legte er den Grund zu der jetzigen

königlichen Bibliothek in Dresden und umfasste diese Anstalt mit

grosser Liebe. Er berief die Buchbinder □Georg Krause□ und □Kaspar

Meuser□ als Hofbuchbinder, und sandte sie auf Reisen, dass sie Bücher

ankauften. Um den Betrieb besser unter Augen zu haben, errichtete

er ihnen im Schlosse eine Werkstätte und beteiligte sich selbst

eifrig bei den Arbeiten. Die Ornamentierung war eine mannigfaltige

und die Goldpressung prächtig. Bemerkenswert sind die, zumteil

unübertroffenen, gemalten Bände, die sich bis zu Ende des □xvii.□

Jahrh. hielten. Besondere Sorgfalt wurde dem Schnitt zugewendet. Auf

dem Goldschnitt schlug man mittels Punzen eine Zeichnung ein und malte

die Zwischenflächen aus. Interessant ist auch die Technik, den ein

wenig verschobenen Schnitt zu bemalen, und dann nachträglich den scharf

zusammengepressten Schnitt zu vergolden. Wird nun ein so gebundenes

Buch aufgeschlagen, und dadurch der Schnitt wieder verschoben, so tritt

die Untermalung in matten Farben hervor. Man hat diese Art von Arbeit

in neuester Zeit mit Glück wieder aufgenommen. Sehr praktisch sind die

Bände der kurfürstlichen Reisebibliothek. Damit sie nicht zu sehr ins

Gewicht fielen, wurden sie in feines Pergament ohne Pappenunterlagen

gebunden.

Etwas zurück gegen die früheren stehen die unter den Kurfürsten

Christian □i.□ und □ii.□ von □Christoph Weidlich□, □Matthias Hauffe□,

□Bastian Elert□ und □Kaspar Krafft□ gelieferten Arbeiten. Man wandte

sich damals wieder der Technik der durchbrochenen Metallarbeiten mit

unterlegtem Sammet zu, in der □Hans Reichardt□ in Leipzig Meister war.

Noch mancher tüchtige Buchbinder dieser Zeit aus dem Süden und Westen

wäre zu nennen.

Rückgang.

Die schweren Jahre brachten bald die Periode des Verfalls.

Der Lederband tritt zurück, die technische Behandlung wird

vernachlässigt und das Pergament meist glatt behandelt. Die glänzenden

Schweinslederbände der Holländer, die sogenannten Horneinbände, und

die lange in Holland in Gebrauch bleibenden Kartonnagen mit Rücken von

rotem Schafsleder und Pappendeckel, mit marmoriertem oder gefedertem

Papier überzogen, treten in den Vordergrund.

* * * * *

Befestigung des

Buchhandels.

DER BUCHHANDEL UND DIE BÜCHER-PRODUKTION[7]. Nach dem Ablauf des

ersten Viertels des □xvi.□ Jahrhunderts trat mit dem Buchhandel eine

Wandlung ein, indem er sich von den Jahrmärkten emanzipierte und eine

respektable Stellung einnahm. Viele der grösseren Buchdruckereien

verwandelten sich in Buchhandlungen. Die grosse Masse der Buchdrucker

geriet dagegen in Abhängigkeit von den Verlegern. Die Buchhandlungen

bemühten sich, als abgeschlossene Geschäftskorporationen von den

Regierungen anerkannt zu werden und Privilegien zu erlangen, ohne zu

bedenken, wie sehr sie damit den Regierungen eine Handhabe zu ihrer

Beaufsichtigung und der leichteren Durchführung der Zensur-Massregeln

gewährten. Überwachungs-Kommissionen wurden ernannt und die Buchhändler

verpflichtet, nichts regierungsfeindliches zu drucken. Die Zensur wurde

streng, und, was noch schlimmer war, launenhaft geübt; im Norden im

allgemeinen etwas freisinniger, als im Süden.

[7] Vergl. die S. 91 u. 92 erwähnten Quellen. -- Ferner □G.

Schwetschke□, _Codex nundinarius etc._ Halle 1850 und

dessen Fortsetzung. Halle 1877. -- Wertvolle Beiträge

liefern ausserdem die von dem Börsenverein für den

deutschen Buchhandel in zwanglosen Heften herausgegebenen

„Publikationen“, deren neue Folge den Titel führt:

„Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels.

Herausgegeben von der Historischen Kommission des

Börsenvereines etc.“.

Einfluss der Reformation.

Den Impuls zu einem grösseren Bücherbetrieb hatten zuerst Luthers

Schriften gegeben; selbst seine Feinde mussten einräumen, dass seine

Bücher fast in jeder Bauernhütte zu finden waren. Zwar verlor sich

das religiöse Lesebedürfnis nach und nach, aber die einmal geweckte

Leselust blieb. Die schönwissenschaftliche Litteratur verschaffte den

Buchdruckereien viele Arbeiten und gewährte dem Buchhandel ein neues

Feld für seine Thätigkeit. Namentlich war es die fremde Litteratur, der

das Publikum von Beginn ab seine Neigung zuwendete. Boccaccio, Äneas

Sylvius und der Amadis von Gallien blieben die erklärten Lieblinge.

Hebung der

Litteratur.

Erst im Laufe des □xvii.□ Jahrh. hebt sich die deutsche Litteratur

und erweckt eine grössere Teilnahme, trotz der ungeheuerlichen

Romane, Erzählungen von Naturereignissen, Missgeburten, Unglücken;

je scheusslicher, je besser. Die Verarbeitung dieser Stoffe geschah

namentlich in Augsburg und Nürnberg. Hier, sowie auch in Frankfurt

am M., erschienen zuerst „die neuen Zeitungen“[8], die sich aus

Flugblättern nach und nach in regelmässig erscheinende Zeitungen

umwandelten, damit aber auch mehr und mehr dem Buchhandel entzogen

wurden, um in die Hände der Postanstalten überzugehen, namentlich

war die Thurn und Taxissche Post bemüht, den ganzen Zeitungs-Verlag

ihres Bezirks in die Hände zu bekommen. Hingegen erhielten die, gegen

Ende des □xvii.□ Jahrh. entstandenen wissenschaftlichen Journale

eine besondere, immer wachsende Wichtigkeit für den Buchhandel.

Auch der Kalender-Vertrieb erlangte grössere Bedeutung. Einige waren

ausserordentlich verbreitet, wie die, von Leonh. Thurneysser in Berlin

1572-1585 herausgegebenen (vergl. S. 152). Angeblich um die Richtigkeit

der Kalender zu überwachen, wurden sie von den Regierungen mit Stempel

versehen und öfters zum Gegenstand eines Monopols gemacht, welches man

verpachtete.

[8] □Em. Weller□, Die ersten deutschen Zeitungen. Stuttgart

und Tübingen 1872. -- □J. O. Opel□, Die Anfänge der

deutschen Zeitungspresse. Leipzig 1879.

Die Klassiker und

die Reisewerke.

Auch ernsthaftere Lektüre bricht sich Bahn, namentlich Übersetzungen

der griechischen und lateinischen Klassiker, gewöhnlich mit

Holzschnitten, später mit Kupferstichen illustriert. In diesem Verlag

zeichneten sich namentlich Augsburg, Strassburg und Frankfurt a. M.

aus. Chroniken und Länderbeschreibungen, Originale und Übertragungen,

denen ebenfalls durch Illustrationen Reiz verliehen wurde, lieferten

namentlich Sigismund Feyerabend, Theod. und Joh. Th. de Bry sowie die

Matth. Merian in Frankfurt (s. S. 130); besonders bekannt waren die

Gottfriedsche Chronik mit ihren Fortsetzungen, das _Theatrum mundi_,

die Zeilerschen Topographien mit ihren unzähligen Kupferstichen und

Plänen. Eine Menge grosser Reisewerke, durchgehends reich illustriert,

erschienen bei L. Hulsius und später bei seiner Witwe in Nürnberg.

Schwierigkeiten

des Vertriebs.

Wennauch die Buchhändler selbst durch die Messen die neuen

Bücher kennen lernten, so blieb immer noch die Schwierigkeit des

Bekanntmachens derselben für das Publikum. Französische und englische

Buchhändler hatten schon früher Verlagsverzeichnisse gedruckt, deutsche

Buchhändler fingen jedoch mit solchen erst in der letzten Hälfte des

□xvi.□ Jahrh. an. Wenn die Gelehrten nicht durch ihre Korrespondenz

zufällig von dem Erscheinen eines Buches Kenntnis erhielten, so

waren sie ganz von ihrem Buchhändler abhängig. Hatten sie mit ihrem

Auftrag eine Messe versäumt, so musste in der Regel die nächste Messe

abgewartet werden.

Messkatalog.

Dies wurde wesentlich anders, als der Augsburger Buchhändler Georg

Willer 1564 den „Messkatalog“ ins Leben rief. Derselbe erschien

jährlich zweimal. 1592 hört der Katalog unter Willers Firma auf. Im

Jahre 1598 nahm die Stadt Frankfurt die Sache selbst in die Hand, und

der Messkatalog erschien nun bis 1615, bei Peter Kopff in Frankfurt:

_cum permissu superiorum_. Mit den Messkatalogen trat ein Umschwung

im Buchhandel ein. Die Buchhändler waren genötigt, ihre Erwerbungen

regelmässig auf den Messen zu machen und ein Lager des Neuesten zu

halten.

Messverkehr.

Für die Verleger war es natürlich von grösster Wichtigkeit, dass die

Neuigkeiten vor der Messe fertig vorlagen. Von den Besuchern waren

die Holländer, Belgier, sowie die Pariser und Lyoner Buchhändler

die wichtigsten. Das Hauptgeschäft beruhte auf Tausch, der sich

schon im □xv.□ Jahrh. ausgebildet hatte. Wennauch anfänglich den

Verhältnissen angepasst, hatte dieses System doch später auch seine

grossen Inkonvenienzen, da Produktion und Konsumtion der einzelnen

Länder und Städte und Firmen nicht immer sich die Wage halten konnten.

Dies verursachte eine teilweise Überproduktion in mittelmässigen

oder schlechten Büchern, um doch Tauschobjekte zur Messe mitbringen

zu können. Die grossen verlegenden Buchdruckereien, die nicht

Sortimentshandel trieben, konnten überhaupt nicht tauschen und so

bildete sich teilweise ein reiner Handel gegen Geld, der sogenannte

Nettohandel, aus.

Verfall d. Frank-

furter Messe.

Aufblühen Leip-

zigs.

Das erste grosse Sortimentslager gründete der Frankfurter Buchhändler

Paul Brachfeldt, in den letzten Jahren des □xvi.□ Jahrh. Ausländische

Verleger, wie die Elzeviere, hielten in Frankfurt Lager. Hierdurch

gestaltete sich neben dem Messhandel ein regelmässiger Verkehr der

Sortimentshandlungen mit Frankfurt, doch gestattete die Zerrüttung

der Verhältnisse kein rasches Emporblühen, wozu die Massnahmen der

kaiserl. Regierung das ihrige beitrugen. Auch die Frankfurter Behörden

hatten dieser in die Hände gearbeitet, als sie dem Kaiser Maximilian

□ii.□ vorschlugen, er möge selbst Beamte senden, um die Überwachung

des Buchhandels, welche der Rat abgelehnt hatte, zu besorgen. Die

Massregel war jedoch erst unter dem Kaiser Rudolph □ii.□, 1579,

zur Ausführung gekommen. Seit dem Jahre 1629 verfuhr die kaiserl.

Bücherkommission vollständig souverän und der Rat machte nur ab und zu

einen vergeblichen Versuch, den Einfluss derselben zu mindern. Darunter

litt begreiflicherweise die Frankfurter Messe ausserordentlich,

während das aufblühende Leipzig den Vorteil davon hatte. Doch wirkten

noch andere Gründe gegen Frankfurt. Je mehr die lateinische Sprache

als Gelehrtensprache durch die deutsche verdrängt wurde, um so mehr

schmälerte sich der Absatz der deutschen Bücher im Auslande. Die

fremden Buchhändler blieben deshalb nach und nach aus, namentlich weil

auch der Absatz ihrer Artikel durch die Übersetzungssucht der deutschen

Verleger geringer wurde. Der Verkehr mit Italien war schon um 1570

durch den _Index librorum prohibitorum et expurgendorum_ des Papstes

Pius □iv.□ so gut wie vernichtet. Mit den spanischen Niederlanden

verfiel der buchhändlerische Verkehr nach den Ordonnanzen Philipps

□ii.□ Am längsten hielt sich noch die Verbindung mit Holland, jedoch

bot letzteres bloss Bücher dar und nahm keine, wodurch der Handel

erschwert wurde, besonders da Holland zumteil seinem klassischen Verlag

untreu wurde, und sich den französischen Artikeln und dem Nachdruck

zuwandte. Wie Leipzigs Übergewicht um das Jahr 1650 eine vollendete

Thatsache wurde, ist bereits berichtet (S. 149). Ohne die Reformation

und ihren segensreichen Einfluss auf die Pflege der Wissenschaft, würde

es doch Leipzig kaum gelungen sein, seine Suprematie zu erlangen. Die

Gründung der Universitäten Wittenberg, Frankfurt a. d. O., später

Königsberg; die Kunstliebe der sächsischen und brandenburgischen

Kurfürsten und ihr Interesse für die Wissenschaften hatten einen

mächtigen Einfluss geübt, und im Norden ein bis jetzt brachgelegenes

Terrain dem Buchhandel, sowohl hinsichtlich der Produktion als der

Konsumtion, gewonnen[9].

[9] Zur näheren Kenntnis des Messverkehrs ist von besonderem

Interesse die Schilderung Heinrich Stephanus □ii.□

Das lateinische Original ist von □J. Lisieux□ ins

Französische übersetzt (Paris 1875) und von □H. Frommann□

in seinen „Beiträgen etc.“ Heft 1 (Jena 1879) im Auszug

deutsch wiedergegeben. -- Von besonderem Wert sind

ferner zwei Werke neuerer Zeit. In dem Frankfurter Archiv

wurde das Manuskript eines Messmemorials des Frankfurter

Buchhändlers □Michael Harder□ von der Fastnachtsmesse

1569 aufgefunden und 1873 durch den Druck veröffentlicht.

Aus demselben geht hervor, dass Harder von seinen 83

Messartikeln 5918 Bände verkaufte, davon 13 in mehr als

100, 18 in mehr als 50 Exemplaren. Am besten gingen die

Sammlungen belehrender Erzählungen und Ritterbücher.

Die Geschichte von den sieben weisen Meystern trug den

Sieg davon mit 233 Exempl., dann folgten Fortunatus,

die schöne Magelona, Melusine, Ritter Pontus, Ritter

Galmy mit je 196, 176, 158, 147, 144 Exempl. Die

deutschen Heldensagen waren aus der Mode gekommen.

Von den „Teufeln“ gegen verschiedene Laster waren die

gangbarsten: der Sauf-, Hof-, Ehestands-, und Spielteufel

in je 69, 67, 64, 62 Exempl. -- Das „Rechnungsbuch des

Froben & Episcopius, Buchdrucker und Buchhändler zu

Basel, 1557-1564. Herausgegeben von □Rud. Wackernagel□“

(Basel 1881) giebt sehr wertvolle Mitteilungen, nicht

allein in Betreff des Frankfurter Mess-Geschäfts, sondern

auch bezüglich der Herstellungskosten der Druckwerke.

Neben Leipzig und Frankfurt a. M. entstanden auch andere

Kommissionsplätze mit beschränkteren Geschäftskreisen, darunter

namentlich Augsburg, das ein Mittelpunkt des katholischen Verlags

wurde, und Nürnberg. Auch in Strassburg zeigte sich zu Beginn des

□xvii.□ Jahrhunderts ein weiter gehender Verkehr.

Die Verlagsver-

hältnisse.

Die Honorare.

Die Zensur.

□Die Autorenverhältnisse□ boten nicht viel erfreuliches. Bei der

Ungunst, in welcher die deutsche Litteratur stand, sahen sich viele

Autoren genötigt, ihre Werke auf eigene Kosten drucken zu lassen. Wer

keine bedeutende litterarische Bekanntschaften oder einflussreiche

Verbindungen hatte, war übel daran und der Willkür der Buchhändler

anheim gegeben. Diese suchten durch lockende Titel, in Kupfer

gestochene Titelblätter und in den Text gedruckte Vignetten die

Kauflust zu reizen, die eigentliche Ausstattung jedoch wurde immer

schlechter und die Inkorrektheit ging oft über alle Grenzen. Die

Honorare waren sehr klein, oft nicht so hoch wie Schreiberlöhne.

Manchmal wurde durch Freiexemplare gezahlt. Als Ausgleich musste die

„Dedikation“ an einen vornehmen oder reichen Mann dienen, der seine

Dankbarkeit für die erwiesene Ehre klingend zu zeigen imstande war, bis

auch dieses Mittel in Misskredit kam. Zu den schlechten Verhältnissen

trugen der Nachdruck und die sowohl strenge als willkürliche Zensur

noch das ihrige bei. Letztere wurde von Lutheranern, Calvinisten und

Katholiken, je nach ihrer Konvenienz, zur Unterdrückung der Schriften

der Gegner benutzt und bei der engen Verknüpfung der geistlichen mit

den politischen Wirren bald auf das weltliche Gebiet übergeführt.

Manchmal beruhte die Unterwerfung unter die Zensur auf vorheriges

Abkommen mit den einzelnen Buchdruckern, bis sie mit dem Anfang des

□xviii.□ Jahrh. vollständig organisiert war.

Zudrang zum

Buchhandel.

Da der Betrieb des Buchhandels jedem freistand, so war es natürlich,

dass manche, die nicht den genügenden Grad von Bildung besassen,

besonders zu dem Sortimentshandel sich drängten, namentlich solche,

die schon mit dem Buchhandel in Berührung standen, z. B. Papier- und

Pergamentmacher, Buchbinder u. s. w. Bei den ersteren mag wohl der

Eintritt in den Buchhandel öfters ein unfreiwilliger gewesen sein,

wenn sie statt Barzahlung Bücher annehmen mussten. Am wichtigsten war

die Beteiligung der Buchbinder. Je mehr sich der Sortimentshandel

organisierte, je mehr fiel der Kleinhandel, namentlich auf den

Jahrmärkten, den Buchbindern zu. Auf der andern Seite schmälerten

Reisende den Markt. In dem Grade wie die Bildung und die deutsche

Litteratur sich verbreiteten, stieg der Zudrang zum Buchhandel und

damit die Unsolidität.

Missbräuche im

Buchhandel.

Grossen Nachteil brachte ferner die Masse der Bücherauktionen.

Aus allen Winkeln wurden Bücher zusammengetrieben, gebundene und

rohe, komplette und defekte. Die Käufer wurden geprellt und gegen

die Buchhändler unwillig gemacht, die ihre Lager in jeder Weise

räumten, um Geld zu machen. An Stelle der Auktionen traten später die

Bücherlotterien, die sich bis in die Mitte des □xix.□ Jahrh. erhielten.

Nicht allein Sortimentslager, sondern ganze Verlagsgeschäfte wurden in

dieser Weise versilbert und das Publikum betrogen. Ebenfalls ein arger

Missbrauch war das, wennauch in seinen Anfängen nicht verwerfliche,

Pränumerationswesen, indem die Versprechungen gewöhnlich nur mangelhaft

oder gar nicht gehalten wurden.

Trennung des

Verlags vom

Sortiment.

Die Trennung des Verlags vom Sortiment wurde immer üblicher. Die

Zahl der Verleger wurde durch Buchdrucker vermehrt, die öfters durch

die ungünstigen Arbeitsverhältnisse zum Verlegen gedrängt wurden, um

das Personal in Zeiten zu beschäftigen, wo die Aufträge der Verleger

fehlten.

Hierdurch hörte das Tauschgeschäft ganz auf. Um die Artikel an den

Mann zu bringen, sah man sich genötigt die Neuigkeiten „in Kommission“

zu versenden. In dem letzten Viertel des □xviii.□ Jahrhunderts war

dies Geschäft vollständig organisiert und führte wieder zur Errichtung

der Kommissionslager und der Gross-Sortimentslager in Leipzig.

Viele Sortimentshändler zogen es vor, ihren Bedarf von den grossen

Leipziger Kommissionären zu beziehen, statt mit den vielen Verlegern in

Verbindung zu stehen.

Steigender

Nachdruck.

Durch diese Änderungen, verbunden mit der Verschlechterung des

Münzfusses, traten erhöhte Ladenpreise ein, wodurch wieder der

Nachdruck gefördert wurde, namentlich waren es der Süden von

Deutschland und Österreich, welche den Nachdruck gewerbsmässig

betrieben. Die kaiserliche Regierung leistete demselben in den

Erblanden Vorschub, indem sie in diesen die erteilten kaiserlich

deutschen Privilegien nicht respektierte, ein Beispiel, das gar zu

willig bei anderen deutschen Fürsten Nachfolge fand. Da der Verkehr

auf der Messe den Nachdruckern so gut wie verschlossen war, so nahmen

sie ihre Zuflucht zu dem Colportagehandel und zogen auch Buchbinder,

Landgeistliche, Schullehrer in ihr Interesse durch Gewährung von

grossen Rabatten. Die Verleger rechtmässig erworbener Schriften folgten

dem gegebenen Beispiel.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 16 / 29 段