DÄNEMARK[17]. Die Einführung der kirchlichen Reformation war nicht

ein so entscheidender Wendepunkt in dem geistigen Leben Dänemarks,

wie in dem Deutschlands. Der König Christian □ii.□ begünstigte zwar

die Bestrebungen der Humanisten und der Reformatoren, konnte sie

aber während seiner unruhigen und blutigen Laufbahn nicht genügend

stützen. Die erste dänische Ausgabe des Neuen Testaments wurde so zu

sagen unter seinen Augen in Leipzig 1524 gedruckt. Überhaupt war der

Buchdruck in Dänemark noch nicht imstande, mit den Bedürfnissen Schritt

zu halten und viele Bücher wurden in Paris, Antwerpen, Köln, Lübeck,

Magdeburg und Rostock ausgeführt, an letzterem Orte durch die _Fratres

vitæ communis_, namentlich aber durch □Ludw. Dietz□, der 1533 Luthers

Bibel plattdeutsch gedruckt hatte. Sein Name hatte in Dänemark einen

so guten Klang, dass er vom König Christian □iii.□, als dieser den

Vorsatz gefasst hatte, eine schöne Ausgabe der Bibel veranstalten zu

lassen, nach Kopenhagen berufen wurde, wo er das Vorhaben des Königs

in würdigster Weise ausführte. Der Vorschlag war von dem Reformator

Bugenhagen ausgegangen, der auch die erwähnte plattdeutsche Bibel

besorgt hatte, welche noch um ein Jahr eher erschien, als die erste

vollständige hochdeutsche Bibel durch Hans Lufft. Dietz wurde mit

seinem Gehülfen und seiner Druckerei 1548 nach Kopenhagen kostenfrei

übergeführt; dort erhielt er freies Quartier, eine Ladung Holz, 200

Reichsthaler Handgeld und für jedes der 3000 Exemplare der Auflage

1 Gulden. Durch eine Abgabe von 2 Reichsthalern auf jede Kirche

in Dänemark wurden die Kosten für das Papier zuwegegebracht. Am

Johannistage 1550 war der Druck zur grössten Zufriedenheit beendigt

und Dietz und seine Offizin wurden wieder nach Rostock gebracht.

Diese Bibel ist ein vorzügliches Druckwerk, mit guten Holzschnitten

geschmückt, welche teilweise schon früher in Deutschland benutzt

waren. Das Portrait des Königs und ein Titelblatt sind von Jakob

Binck ausgeführt. Ein anderer Deutscher, □Hans Stockelmann□, war

der erste eigentliche Universitätsbuchdrucker (1574) und genoss als

solcher bedeutende Vorteile. Die Universität besass jedoch keine

rechte geistige Selbständigkeit und man blickte nach Wittenberg als

nach einem Richterstuhl ohne Appell in Angelegenheiten der Kirche

und der Wissenschaft. Die Zensur, die sich 1524 Eingang verschafft

hatte, um gegen Luthers Schriften angewendet zu werden, wurde nun

umgekehrt von den Protestanten nach Herzenslust geübt. Die Herausgabe

eines Spottliedes gegen einen Bischof kostete 1586 dem Prediger Jakob

Nielsen den Kopf. Die Einfuhr gedruckter Bücher wurde 1562 verboten.

Ein litterarisches Eigentumsrecht erkannte die damalige Zeit nicht an.

Selbstverständlich konnte der □Buchhandel□ keine grossen Fortschritte

machen; eine zunftmässige Organisation desselben bestand nicht und die

Bücher waren verhältnismässig teuer und selten. Unter den Verlegern

fand, wie in Deutschland, ein Tauschhandel statt; Kataloge und

Bekanntmachungen waren nicht gebräuchlich, doch besuchten dänische

Buchhändler die Frankfurter und die Leipziger Messen und erhielten

Besuch von deutschen und holländischen Verlegern. 1614 wurden die

ersten Zeitungsprivilegien erteilt.

[17] □C. Nyrop□, _Bidrag til den danske Boghandels Historie_.

2 Bde. Kopenh. 1870.

Schrift u. Papier.

□Schriftgiessereien□ hatte Dänemark noch nicht gehabt und die nötigen

Typen führten Deutschland und Holland ein. Nicht nur das Druckmaterial,

sondern auch die Arbeiter wurden aus dem Auslande geholt. Mit der

□Papierfabrikation□ wollte es auch nicht recht vorwärts gehen. Die

erste Fabrik wurde auf Seeland i. J. 1576 errichtet, prosperierte aber

nicht. Sogar berühmte Schriftsteller mussten den Druck ihrer Werke

einstellen, weil das benötigte Papier nicht zu beschaffen war.

Im Jahre 1589 legte der berühmte Astronom □Tycho de Brahe□, neben

seiner schon seit 1584 bestehenden Privatdruckerei auf der kleinen

Insel Hveen im Öresund, auch eine Papierfabrik an; dieselbe hörte

jedoch bald auf. Bei ihm hielt sich der berühmte holländische

Buchdrucker und Geograph Wilh. Janszoon Blaeu längere Zeit auf und

arbeitete zusammen mit ihm zu wissenschaftlichen Zwecken.

Buchbinderei.

Um die □Buchbinderei□ war es nicht ganz übel bestellt, sie wurde aber

hauptsächlich von Franzosen und Deutschen betrieben. Von letzteren

berief man z. B. im Jahre 1550 □Christoph Schoch□ aus Wittenberg und

□Paul Knobloch□ aus Lübeck, um die 2000 Exemplare der obenerwähnten

Bibel Christians □iii.□ zu binden, wofür sie neben freier Station den

hohen Preis von 2 Mark dänisch pro Stück erhielten.

Verfall

der Wissenschaft.

Wie der Glanz und die Herrlichkeit der Geistlichkeit vor der

kirchlichen Reformation erloschen war, so sank nach der grossen

politischen Umwandlung durch die Einführung des absoluten Königtums im

Jahre 1660 die Macht des Adels auf immer und damit auch die von ihm der

Litteratur und den Wissenschaften gewährte Unterstützung. Ein freies,

aufgeklärtes und wohlhabendes Bürgertum als Ersatz gab es noch nicht.

Von den Königen wurden zwar viele Hofbuchdrucker und Hofbuchhändler

ernannt, es handelte sich jedoch nur um leere Titel. Pietismus und

Bigotterie herrschten in den oberen Kreisen und verbreiteten sich nach

unten, um dann dem Materialismus Platz zu machen. Lateinisch war immer

noch die Sprache der Gelehrten, wer nicht lateinisch schrieb, schrieb

deutsch und es dauerte lange, ehe die dänische Sprache und Litteratur

zu Ehren kamen. Die Zensur wurde mit Strenge gehandhabt; der Nachdruck

blühte und die Einfuhr von Büchern war hoch besteuert.

Buchhandel.

E. H. Berling.

Glänzend konnte demnach der Zustand der Buchdruckerei und des

Buchhandels nicht sein. Hierzu kam noch der grosse Brand von

Kopenhagen 1728, nach welchem das Geschäft ganz darnieder lag und

erst durch □Georg Höpfner□ wieder zu Ehren kam. Im Jahre 1722 gab es

ausserhalb Kopenhagens keine Presse in Dänemark, 1769 arbeiteten 12

Buchdruckereien. Vieles wurde jedoch in Deutschland gedruckt, wenn

auch nicht viel besser. Ein Deutscher, □Ernst Heinrich Berling□, hatte

um 1740 eine Schriftgiesserei angelegt, und das Verbot der Einfuhr

von Schriften-Guss erlangt. Aber dieses Verbot scheint nicht beachtet

worden zu sein. Die Fraktur war die allgemein gebräuchliche Type und

ein Versuch des Buchdruckers □Jokum Wielandt□, 1723, sie durch Antiqua

zu ersetzen, misslang. Im Jahre 1754 wollte man eine „Freie dänische

Buchdruckerei“ begründen mit ähnlicher Tendenz wie die „Gelehrte

Buchhandlung“ in Deutschland; sie endigte mit gleichem Misserfolg. Im

Jahre 1720 war das erste kritische Blatt erschienen. Mit den Zeitungen

sah es keineswegs gut aus. Die in deutscher Sprache geschriebenen waren

reine Abklatsche der elenden Hamburger Zeitungen. 1666 erschien eine

gereimte dänische Zeitung „Dansk Mercurius“. Erst ein Kopenhagener

Lokalblatt „Die Nachrichten des Adress-Komptoires“ hatte einen solchen

Erfolg, dass nun auch Provinzstädte Lust bekamen an dem Gewinne

teilzunehmen, was dann auch die Verbreitung der Buchdruckereien mit

sich brachte.

Norwegen.

In dem mit Dänemark politisch und sprachlich verbundenen NORWEGEN ging

die wissenschaftliche und litterarische Bewegung ganz in der dänischen

auf, so dass die Buchdruckereien dort nicht festen Fuss fassen konnten.

Das erste Buch wurde in CHRISTIANIA i. J. 1643 von einem wandernden

Buchdrucker, □Tyge Nielsen□ aus Kopenhagen, gedruckt. Eine fest

angesiedelte Offizin erhielt Norwegen erst durch einen Deutschen,

□Valentin Kuhn□.

Island.

Auf ISLAND herrschte und herrscht noch die von den eingewanderten

Norwegern mitgebrachte altnordische (_Norräna_-)Sprache und ein reges

geistiges Leben. Die Reformation ward 1551 eingeführt, und Island

erhielt, noch vor dem Mutterlande, eine Buchdruckerei. Dieselbe wurde

auf Veranlassung des letzten katholischen Bischofs Jon Arason durch

dessen Schreiber, den Schweden □Jon Matthiasson□, in HOLUM eingerichtet

und hier erschien 1531 das erste Buch _Missale Nidarosiense_

(Drontheimsches Missal). Als der Bischof, ein Opfer seiner Überzeugung,

gefallen war, nahm der weniger skrupulöse Matthiasson die lutherische

Lehre an, behielt die Druckerei und druckte mehrere evangelische

Schriften. Die Offizin zog öfters hin und her und wurde 1574 von

dem Bischof Guldbrand Thorlakson übernommen, mit neuem Material

versehen und erweitert, so dass sie 1584 eine Folio-Bibel, von der

später mehrere Auflagen erschienen, isländisch drucken konnte. Der

Bischof besorgte selbst eine sehr genaue Korrektur und soll sogar die

zierlichen Initialen gezeichnet und geschnitten haben. Im Jahre 1704

kam die Offizin nach SKALHOLT, wo sie über 40 Drucke lieferte, und

dann, nach längerem Stillstand, 1704 nach Holum zurück.

Schweden.

In SCHWEDEN wurde die Bibel zum erstenmale 1521 schwedisch gedruckt;

1548 das Neue Testament in finnischer Sprache. 1594 liess Karl □xi.□

eine königliche Buchdruckerei einrichten, deren erster Vorstand □Anund

Olai□ war, und die, bald unter deutschen, bald unter schwedischen

Dirigenten, tüchtiges geliefert hat.

Pet. v. Selou.

Heinr. Keyser.

Sowohl Gustav □ii.□ Adolf, als seine gelehrte Tochter, Christina,

förderten eifrig die Buchdruckerkunst. Zu einer Zeit, wo diese sonst

bereits anfing in Misskredit zu kommen, verlieh Gustav Adolf den

Buchdruckern Einkünfte. 1626 berief er aus Deutschland □Peter von

Selou□, damit er heilige Schriften mit russischen Typen drucke.

1636 gab er dem alten Bischofssitz STRENGNÄS eine Druckerei, nur

damit der Bischof von Schonen, Laurentius Paulinus, mit grösserer

Bequemlichkeit den Druck seiner Schriften überwachen konnte. Mit dem

Bischof wanderte die Druckerei später nach Upsala. Dem geschickten

Formenschneider und Kupferstecher □Heinrich Keyser□ schenkte er einen,

in Deutschland erbeuteten Buchdruckerei-Apparat, mit welchem Keyser,

unter der Regierung Christinas, die sehr geschätzte, sogenannte Bibel

der Königin Christina druckte. Bekannt ist Keyser namentlich durch sein

Werk _Insignia nobilitatis Suecanae_ mit sehr gut ausgeführten Wappen.

Als Keyser sich in seinen Hoffnungen auf guten Erfolg getäuscht sah,

zerstörte er in Unmut die Illustrationen, so dass das Werk sehr selten

geworden ist. Der tüchtige Sohn Keysers druckte in vorzüglicher Weise

die schönste Ausgabe der schwedischen Bibel, die erst 1703, nach seinem

1699 erfolgten Tode, vollendet wurde.

Die Königin Christina hatte einen bekannten Amsterdamer Buchdrucker

□Johann Jansson□ (nicht der berühmten □Blaeu□'schen Familie

angehörend) nach Stockholm berufen. Ausser festem Gehalt wurden

ihm manche Vorteile, darunter freie Papiereinfuhr, zugestanden. Als

die Königin die gelehrte Schule in Åbo in Finnland zur Universität

erhoben hatte, berief der akademische Senat 1642 □Peter Valdius□

als Universitätsbuchdrucker. 1713 wurde die Druckerei, auf Grund der

Kriegsunruhen, nach Stockholm gebracht.

Über der in Gothenburg 1650 von □Amund Grefwe□ errichteten Offizin

ruhte ein Unglücksstern. Erst ging ein Schiff, welches neue Typen und

Papier aus Hamburg bringen sollte, unter, und 1669 brannte, mit einem

grossen Teil von Gothenburg, die Druckerei ab.

Upsala.

In UPSALA mit seiner schon 1476 gestifteten Universität hatte □Paul

Griis□ 1510 die Kunst eingeführt. Der König Karl Gustav unterstützte

ihn dabei, indem er ihm die Einkünfte eines Ritterguts überliess.

Griechisch, hebräisch, Runen und arabisch wurden bereits mit dem Anfang

des □xvii.□ Jahrhunderts dort gedruckt; die letztere Schrift wurde

von Peter Kirsten aus Breslau eingeführt, die Runen verbesserte 1702

Peringskjöld.

Olaus Rudbeck.

In Upsala lebte auch der berühmte Gelehrte □Olaus Rudbeck□, bekannt

durch sein grosses Werk _Atlantica, sive Manheim_, von welchem Band

□i-iii□ in Folio mit einem grossen Atlas in den Jahren 1675-1698

fertig wurden. Um den Druck zu fördern, hatte Rudbeck selbst 1686 eine

Druckerei angelegt, mit welcher, bei dem grossen Brande Upsalas 1702,

der noch in der Presse befindliche □iv.□ Band so gründlich vernichtet

wurde, dass nur 3 oder 4 Exemplare übrig geblieben sind.

Lund.

LUND hatte 1666 durch Karl □xi.□ seine Universität erhalten. Die

Versuche, die 1668 und 1676 gemacht wurden, die Druckerkunst dort

heimisch zu machen, waren jedoch für lange Zeit ohne rechten Erfolg.

[Illustration:Kapitelende]

[Illustration:Kapitelanfang]

VIII. KAPITEL.

DER DRUCKBETRIEB UND DAS BUCHGEWERBE IN DEUTSCHLAND.

□Die Schriftgiesserei□ und die Druckschriften. □Die Technik□ des

Setzens und Druckens: Der Satzapparat, die Korrektur, die Presse,

die Farbe. Prinzipal, Geselle und Lehrling. □Die Buchbinderkunst.□

□Der Buchhandel□: Die litterarische Produktion, das Verhältnis

zwischen Autor und Verleger.

Technische Ver-

besserungen.

MÖGEN auch abweichende Urteile darüber herrschen, welcher Anteil an

der technischen Weiterbildung der neuen Kunst dem Erfinder selbst,

welcher seinen Genossen und ersten Nachfolgern gehört, so steht doch

das eine fest, dass die Technik der Kunst und der mechanische Apparat,

nachdem die ersten unsicheren Versuche hinter den genannten lagen,

eine derartige Festigkeit im Prinzip und Abrundung in der Ausführung

gewonnen hatten, dass man, trotz der Fortschritte der Gewerbe und der

Anwendung wissenschaftlicher Grundsätze auf dieselben, in der langen

Zeit von dem Jahre 1500 bis zu dem Jahre 1750 nicht imstande war, das

Überkommene durch Neues zu ersetzen[1].

[1] Vergl. die in der Einführung erwähnten technischen Werke.

Successive Verbesserungen in der Herstellung der Schriften und des

Druckes traten zwar ein, aber keine durchgreifenden Reformen. Erst

zu Ende des □xviii.□ Jahrhunderts zeigten sich die Vorboten solcher,

jedoch erst dem □xix.□ Jahrhundert war es beschieden, ihnen Fleisch und

Blut zu geben.

Schriftgiesserei.

In der SCHRIFTGIESSEREI bestanden die Verbesserungen, nachdem man schon

frühzeitig gelernt hatte, die Stempel in Stahl, die Matern in Kupfer,

die Schriften in härterer Metallmischung herzustellen, hauptsächlich

in der Einführung der nach bestimmten Regeln sich abstufenden

Schriftgrössen (□Kegel-System□), während anfänglich Zufälligkeiten oder

Laune bestimmend waren.

Kegel und

Schrifthöhe.

Leider wurde vom Beginn ab weder in Betreff des Kegels noch der

Schrifthöhe eine Einheitlichkeit in allen Ländern durchgeführt.

Nicht allein verfolgte jedes Land seinen eigenen Weg, sondern in den

einzelnen Ländern, und zwar ganz besonders in Deutschland, herrschte

Verschiedenheit, die sich sogar auf die einzelnen Städte ausdehnte, ja,

selbst in den Druckereien einer und derselben Stadt sah es oft traurig

genug um die Einheitlichkeit aus.

Giessinstrument.

Das □Giessinstrument□ war so eingerichtet worden, dass die Buchstaben

beim Giessen einen trichterförmigen Anguss erhielten, dessen

Schwere die scharfe Ausprägung des Buchstabenbildes förderte.

Die Interpunktionszeichen wurden vermehrt und erhielten eine

zweckmässigere, weniger prätentiöse Form. Die überaus zahlreichen

Ligaturen der Buchstaben wurden auf eine kleine Zahl beschränkt und

die sogenannten Auszeichnungsschriften zum Hervorheben einzelner Zeilen

oder Wörter eingeführt.

Signatur.

Die □Typen□ wurden mit einer Einkerbung (Signatur) versehen. Diese

diente nicht allein dem Setzer als Richtschnur, um den Buchstaben

gleich aus dem Kastenfach richtig zu fassen und in den Winkelhaken

einzureihen, sondern auch als Unterscheidung der verschiedenen, auf

einem und demselben Kegel gegossenen Schriftsorten, indem man mit der

Stellung der Signatur auf der unteren, beim Satz oberen, Langseite

der Type wechseln, nach Befinden auch gleichzeitig mehrere Signaturen

anbringen konnte.

Vermehrung der

Schriften.

Mit der steigenden Zahl der Schriften war dieses Unterscheidungszeichen

recht notwendig geworden. Bereits das, 1721 erschienene, Handbuch von

Ernesti weist nicht weniger als 47 verschiedene Frakturschriften bei

18 Kegelstärken auf. Man sieht auch hieraus, welche grosse Ansprüche

schon damals an die Schriftgiessereien und Buchdruckereien gestellt

wurden. In Deutschland verdoppelten sich diese Ansprüche, denn man

musste auch in Antiqua- und Kursiv-Schriften wohl versorgt sein. Das

erwähnte Handbuch bringt 21 Antiqua- und 14 Kursiv-Proben, daneben

11 Grade Griechisch und 9 Grade Hebräisch, ausserdem arabische,

samaritanische, armenische, koptische, cyrillische, glagolitische,

russische, hunnische, scytische, wendische Schriften, Runen, Choral-

und gewöhnliche Noten.

Das Clichieren.

War auch die eigentliche Stereotypie noch nicht zur Anwendung gekommen,

so kann doch kein Zweifel darüber obwalten, dass man bereits im □xv.□

Jahrhundert in ziemlich ausgedehnter Weise das □Clichieren□ geübt hat,

freilich noch aus freier Hand durch Eindrücken der grossen Initialen

oder der Holzstöcke in ein halberstarrtes Metall oder in Thon, wodurch

man eine, für das weitere Giessen verwendbare Mater gewann.

Die Fraktur und

die Zierschriften.

Obwohl die □Frakturschrift□ die in Deutschland herrschende Schrift

war, so zeigte sich doch keine grosse Thätigkeit in der Fortbildung

derselben; wir berührten diese bereits, als von Nürnberg die Rede war

(S. 129). Als Auszeichnungsschrift wurde hauptsächlich die Schwabacher

Schrift, nachdem sie aufgehört hatte Buchschrift zu sein, benutzt;

auch machte sich die Typographie die Kanzlei- und die Kurrentschrift

dienstbar. Mit der Kanzlei nahm der herumreisende Schriftschneider

□Schmidt□ in Leipzig einen nicht üblen Versuch vor; □Crabath□ in

Prag schnitt eine schattierte Schrift mit einem starken und einem

schwachen Strich. Mit der Kurrentschrift wurde zu Beginn des □xviii.□

Jahrhunderts verschiedentlich experimentiert. Voran ging □Christ. Zink□

in Wittenberg, ihm folgten Schmidt und in Wien □von Trattnern□. In

Basel zeichneten sich □Joh. Putorius□ und □W. Haas□ aus, in Frankfurt

a. M. □Luther□.

Die Antiqua.

Noch weniger als in der Fraktur leistete Deutschland in der □Antiqua□.

Frobens und Oporins Typen blieben noch zu Anfang des □xvii.□

Jahrhunderts massgebend, obwohl diese selbst mehr Nachahmungen des

römischen, als des verbesserten venetianischen Schnittes waren.

Als zu Ende des □xvii.□ Jahrhunderts die Verbreitung der holländischen

Ausgaben in Deutschland den Sinn für schöne Drucke geweckt hatte, fing

man an, sich Matrizen aus Holland kommen zu lassen. Besonders war es

der Schriftgiesser □Erhard□ in Leipzig, welcher sich die Janssonschen

Schriften anschaffte. In Nürnberg schnitt □Joh. Lobinger□ lateinische

Schriften, die Beifall fanden, ebenso, in Nachahmung der holländischen,

Christ. Zinck in Wittenberg. Ein eigentlicher Bahnbrecher erstand

jedoch nicht unter den deutschen Schriftgiessern. Wahrscheinlich

würde ein solcher auch, in Ermangelung jeglicher Unterstützung und

Aufmunterung, das Schicksal so mancher Bahnbrecher gehabt haben. Unter

solchen Verhältnissen findet man deutsches Geschick und Talent, wie in

manchem anderen Fach, so auch in der Schriftgiesserei hauptsächlich nur

im Dienste des Auslandes thätig.

Der Satzapparat.

DIE TECHNIK DES SETZENS UND DRUCKENS. Was den □Satz-Apparat□ betrifft,

so wurde der Setzkasten zweckmässiger eingeteilt, und für die Fraktur

und Antiqua verschieden eingerichtet; auch machte die öftere Benutzung

der orientalischen Schriften besondere Kästen für diese notwendig.

Der „Winkelhaken“ wurde verstellbar und aus Metall angefertigt. Das

„Schiff“ erhielt den Doppelboden (Zunge) zum Ausziehen, war jedoch noch

von Holz. Die eisernen Schliessrahmen fanden überall Eingang.

Der Satz.

Der □Satz□ selbst bekam durch den Durchschuss, die Absätze,

die Schmutztitel, Buch- und Kapitel-Einteilungen eine freiere,

übersichtlichere Gestaltung. Die Titel in der jetzigen Einrichtung

wurden allgemein, ebenso die Angabe des Druckorts und des Datums, des

Druckers, später auch des Verlegers. Die kleineren Schriftgattungen

gestatteten die Verwendung der kleineren, handlichen Formate. Die

Zahl der letzteren war eine übergrosse, ausser den gewöhnlichsten:

Folio, Oktav, Duodez und Sedez, wurden: Achtzehner, Vierundzwanziger,

Zweiunddreissiger, Achtundvierziger, Zweiundsiebenziger,

Sechsundneunziger oft verwendet, es kamen dazwischen aber auch noch

andere vor. Die Kolumnentitel, die Signatur, die Norm und der Kustos

waren an und für sich kleine, aber doch wesentliche Verbesserungen. Die

Accidenzarbeiten hatten noch keine grosse Bedeutung.

Die Presse.

Die □Presse□ von 1750 war im Prinzip und in allen wesentlichen

Bestandteilen dieselbe wie die aus dem Jahre 1500. Sie wurde aus Holz

konstruiert, jedoch fertigte man nach und nach die Spindel, die Mutter,

den Tiegel aus Messing oder Eisen und das Fundament und die Schienen

aus Eisen. Als Verbesserer der Pressen werden namentlich Danner in

Nürnberg und Wilh. Janszoon Blaeu in Amsterdam genannt.

Um eine Form zu drucken war ein zweimaliges Anziehen des Bengels

notwendig, da der Tiegel nicht gross genug war, um eine volle Form zu

decken. Der Karren wurde deshalb erst bloss bis auf die Hälfte der Form

hineingefahren und der erste Druck geübt, dann ganz hinein, damit auch

die andere Hälfte gedruckt wurde.

Die Drucker.

An der Presse arbeiteten zwei Drucker, der „Pressenmeister“ und der

„Ballenmeister“[2], die sich jedoch gewöhnlich in der Arbeit ablösten.

Der jedesmalige Ballenmeister hatte die zwei pilzförmigen Ballen

aus Holz, die mit Rosshaaren überdeckt und mit Schafleder überzogen

waren, einzufärben, die von dem Farbetische entnommene Farbe durch

tüchtiges Reiben der Ballen an einander gut zu verteilen und dann die

Form einzuschwärzen, indem er, unter fortwährend wiegender Bewegung

der Ballen, diese erst von oben nach unten und dann seitwärts auf

die Schrift drückte, und länger an den Stellen, die eine besonders

sorgfältige Einfärbung verlangten, z. B. bei grossen Titelschriften und

Illustrationen, anhielt.

[2] Die Gehülfen, welche sowohl setzen als drucken konnten,

nannte man „Schweizerdegen“. Wie so oft, wenn einer zu

viel treibt, waren sie gewöhnlich in keinem Fach recht

zuhause und deshalb weniger gut angeschrieben.

Trotz dieser zeitraubenden Manipulationen konnten doch zwei Drucker

in einem Arbeitstag 2000 Drucke, flinke Drucker sogar 3000, also resp.

1000 und 1500 vollständige Bogen fertig bringen.

Die Farbe.

Die □Farbe□ wurde von jeder Buchdruckerei selbst bereitet und bestand

aus Leinöl-Firnis und Kienruss. Sie war im allgemeinen eine gute,

und es kam hauptsächlich nur darauf an, dass der Firnis die richtige

Stärke erhielt. Da das Sieden desselben nicht ohne Feuergefahr war, so

gestattete man es nur auf einem, dazu von den Stadtbehörden bestimmten

Platz. Der Tag des Siedens galt als halber Festtag für die Drucker.

Um dem siedenden Öl sowohl die wässerigen als die überflüssigen

fettigen Teile zu nehmen wurden Stückchen von Brotrinde oder Semmel

hineingesteckt. Mit Salz bestreut, wurden diese Brotstückchen gern

gegessen, sie mehrten aber noch den selbstverständlichen Durst ins

unberechenbare und das Bier schmeckte nun um so besser.

Die Korrektur.

Die □Korrektur-Abzüge□ wurden mittels der Bürste abgeklopft, mitunter

auch in grausamer Weise abgetreten! Man legte eine Partie Makulatur

über den abzuziehenden Bogen und trat nun den Druck ab, indem man sich

auf die Form stellte.

Grössere Offizinen hatten ihre Haus-Korrektoren und es bildete sich

ein besonderer Stand der Korrektoren von Beruf. Soll man nach den

Ermahnungen eines ihrer Kollegen[3] urteilen, so müssen sie nicht immer

sich des solidesten Lebenswandels befleissigt haben, denn neben einem

guten Auge verlangt er vor allen Dingen von einem guten Korrektor, dass

er „mit allem Fleiss für der Trunkenheit sich hütet, auff dass er nicht

etwa gantz nichts, oder hingegen mehr, als in Wahrheit vorhanden, sehe

oder auffzeichne. Und, welcher zu dieser Verrichtung verordnet, gerne

trincket, ist ein unnützer Mensch, zu welchem der Druckherr, wann er

ihm offt also bezecht sihet, ohne Vorwunderung wol sagen möchte: troll

dich du Bösewicht“.

[3] □Hieronymus Hornschuh□, Ορθοτυπογραφία. Leipzig 1634 und

in mehr. Ausg.

Der Prinzipal.

□Der Buchdruckerprinzipal□ musste, bevor er eine Offizin eröffnete, den

Buchdruckereid ablegen, der, wenn auch nicht überall der gleiche, stets

darauf ging, nichts ohne Zensur und keine Schmähschrift zu drucken und

den Buchdruckerei-Ordnungen gemäss sich zu betragen. Die Rechte der

Innungen waren durch die Statuten und Freiheiten in den Artikel-Briefen

gesichert. Die Überwachung derselben, die Aufbewahrung der Lade und die

Führung der Innungsrechnungen war dem Oberältesten, dem „Ladenvater“,

übertragen, der auf dem Generalsitz (Session), welcher jedesmal 14 Tage

vor der Messe abgehalten wurde, gewählt ward.

Der Geselle.

□Die Gesellen□ bildeten ebenfalls unter sich einen Verein, der seine

zwei Obergesellen oder Assessoren, einen Drucker und einen Setzer,

hatte, die bei den Gesellen ungefähr die Stellung einnahmen, wie der

Oberälteste bei den Meistern, und für den Nutzen der Gesellschaft zu

sorgen hatten.

Die Gesellen arbeiteten entweder in festem Lohn oder konsensweise, d.

h. wurden per Stück bezahlt. Das Engagement galt von Messe zu Messe; 14

Tage vor der Messe wurde der „Anredetag“ abgehalten; wollte der Meister

den Gesellen noch ein halbes Jahr behalten, so wurde er „angeredet“,

geschah dies nicht, so wusste er, dass er nach 14 Tagen „Feierabend“

hatte. Was der Geselle von Messe zu Messe von seinem Lohn stehen

liess, hiess seine Messbesoldung. Wurde er verschrieben, so erhielt er

„Laufgeld“. Beim Eintritt musste er „Introitus“ zahlen, war er nicht

gut beleumundet, so wurde er von seinen Kollegen zurückgewiesen. Er

hatte das Recht den Degen zu tragen.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 15 / 29 段