zurück. Die Folgen des dreissigjährigen Krieges und der Türkenkriege
blieben nicht aus; die Bedeutung der Wiener Buchdruckereien sank
fast auf ein Nichts und die meisten Verlagswerke wurden in Nürnberg,
Augsburg und Ulm gedruckt. Der bedeutendste Wiener Drucker ist □Johann
von Gehlen□. Er stammte aus einem alten westfälischen Geschlecht
und war zu Antwerpen am 17. Mai 1645 geboren, widmete sich den
Studien und erlernte dann den Buchhandel und die Buchdruckerei. Durch
Geschicklichkeit und Fleiss erwarb er sich bald ein Vermögen, sodass er
1672 die Buchdruckerei seiner Schwägerin, der Witwe des Buchdruckers J.
B. Haquet, kaufen konnte. Er war in Besitz bedeutender linguistischer
Kenntnisse und erwarb sich die Freundschaft der Gelehrten. Vom Kaiser
Leopold □i.□ erhielt er im Jahre 1678 das Privilegium eines k. k.
italienischen Hofbuchdruckers und wurde ermächtigt, eine italienische
und lateinische Zeitung herauszugeben. Während der Belagerung von
Wien durch die Türken liess er die Druckerei ruhen und stellte sich
in die Reihe der Verteidiger. Nach aufgehobener Belagerung versuchte
er eine deutsche Zeitung zu gründen, welche in unbestimmter Zeitfolge
herausgegeben wurde. Die Regierung, welche das nützliche einer
regelmässigen Zeitung einsah, sicherte einer solchen bedeutende
Vorteile zu, infolgedessen Gehlen die erste regelmässige Zeitung unter
dem Titel „Posttäglicher Mercurius“ 1703 zweimal wöchentlich herausgab.
Am 8. Aug. d. J. begann er eine zweite politische Zeitung „Das
Wiener Diarium“, ebenfalls posttäglich. Dasselbe wurde später Organ
der Regierung und es entstand daraus die k. k. privilegierte Wiener
Zeitung.
Gehlen starb am 13. Mai 1724, 72 Jahre alt. Sein Sohn Joh. Peter Gehlen
wurde in den Adelstand erhoben.
Breslau.
BRESLAU hatte in seiner „Stadtbuchdruckerei“ ein sehr angesehenes
Geschäft, das noch nach 350 Jahren blüht. Der Begründer □Andreas
Winkler□ war ein gelehrter Mann, der in Krakau studiert hatte und
die Kunst in echt wissenschaftlichem Sinne (1538-1555) übte. Auf ihn
folgten □Crispinus Scharffenberg□, dessen Sohn □Johann□, dann □Georg
Baumann□ und dessen gleichnamiger Sohn; die späteren Nachfolger gehören
der nächsten Periode an.
* * * * *
Das nördliche
Deutschland.
Leipzig.
Es wurde schon früher erwähnt, dass ein solches Zusammenwirken der
zeichnenden Kunst, der Xylographie und der Buchdruckerei, welches
im Süden Deutschlands eine gar stattliche Reihe herrlicher Drucke
zuwege brachte, in dem Norden Deutschlands nicht angetroffen
wird, wo die Presse sich hauptsächlich nur als treue Dienerin der
Wissenschaft und der Reformation zeigte. Es gilt dies ganz besonders
von LEIPZIG[11], welches dieser Aufgabe bis auf den heutigen Tag treu
geblieben ist. Kunstbegeisterte Fürsten und Künstler ersten Ranges
besass Leipzig nicht; Schule und Universität waren die Mäcene seiner
Buchdruckereien. Leipzigs Klassiker-Ausgaben zeichnen sich durchweg
durch ihre Sauberkeit und Genauigkeit aus und viele derselben stehen
noch heute neben den Aldinen und Juntinen in Ansehen. Gelehrte Männer
verschmähten es nicht, die Korrekturen zu übernehmen, und Leipzig
hat es verstanden, sich den Ruhm der Sorgsamkeit für die Textreinheit
seiner Presserzeugnisse zu wahren.
[11] _Jubilæum typogr. Lipsiensium._ Leipzig 1640. --
Gepriesenes Andenken. Jubelschrift. Leipzig 1740. -- □F.
Ch. A. Hasse□, Kurze Gesch. d. Leipziger Buchdk. Leipzig
1840. -- □C. B. Lorck□, Die Druckkunst und der Buchhandel
in Leipzig durch vier Jahrhunderte. Leipzig 1879.
Mart. Landsberg.
Wolfg. Stöckel.
Val. Schumann.
Jakob Thanner.
Als Mann von Geschmack ist □Martin Landsberg□ aus Würzburg (1499-1516)
zu erwähnen. Er gehörte zu den gelehrten Buchdruckern, interessierte
sich sehr für die Herausgabe wissenschaftlicher Werke und machte sich
namentlich durch seine Klassiker-Ausgaben bemerkbar. 1519 siedelte er
nach Halle über. □Wolfgang Stöckel□ (_Molitor_), aus München, ward in
Erfurt, wo er eine zeitlang eine Buchdruckerei hatte, Bakkalaureus.
1495 kam er nach Leipzig. Er druckte hauptsächlich Klassiker:
Ovid, Priscian, Seneca, Aristoteles, später theologische Schriften,
von welchen die, bis zum Jahre 1520 gedruckten, Partei für Luther
nehmen, zumteil von diesem verfasst waren. Von da ab wurde er ein
heftiger Gegner der Reformation und druckte schon im Jahre 1520 eine
Streitschrift des Franziskaner Alveld, eines der erbittertsten Gegner
Luthers; wahrscheinlich ist er auch der Drucker der Schriften Emsers
gegen jenen. Herzog Georg der Bärtige rief ihn 1524 als Hofbuchdrucker
nach Dresden. □Valentin Schumann□ (1525-1535) brachte vorzügliche
Klassiker-Ausgaben, darunter das erste griechische Buch Leipzigs.
□Jakob Thanner□ (_Abiegnus_) lieferte sehr gute Schulausgaben.
Melch. Lotter.
Unter den Buchdruckern, bei welchen die Reformation eine bereite Hülfe
fand, ist □Melchior Lotter□ obenan zu nennen. Er stammte aus Aue im
sächsischen Voigtlande, heiratete die Tochter Kachelofens, Dorothea,
und erhielt am 16. Juni 1498 das Leipziger Bürgerrecht. Ungefähr in dem
Jahre 1500 wurde er der Geschäftsnachfolger seines Schwiegervaters.
Die zweite Ausgabe des Meissner Missale hatten Kachelofen und Lotter
gemeinsam gedruckt, von nun an ging eine grosse Anzahl Missalen,
Breviarien und dergl., die das Bisthum Meissen herausgab, aus
Lotters Pressen hervor. Dieser selbst siedelte, vor der Pest aus
Leipzig fliehend, für eine zeitlang nach Meissen über. Seine eigene
Verlagsthätigkeit auf dem Gebiete der Philosophie und der Philologie
war eine ausserordentliche. Ein treuer wissenschaftlicher Mitarbeiter
war ihm Hermann Tulich, der später Professor in Wittenberg wurde.
Seit 1518 hatte Lotter wiederholt für Luther Druckaufträge bekommen
und letzterer bewog ihn, eine Druckerei in Wittenberg anzulegen, aus
der jedoch Lotter kein Segen erwachsen sollte. Er selbst übersiedelte
jedoch nicht nach Wittenberg, sondern sandte seine beiden Söhne
Melchior und Michael. Zum grossen Teil sind die zahlreichen Schriften,
welche Luther im Anfang der zwanziger Jahre in die Welt sandte,
aus Lotters Pressen hervorgegangen. Selbst das Monumentalwerk des
Reformators, die Bibelübersetzung, wurde von diesem unternommen und
schon am 21. Sept 1522 war der Druck des Neuen Testaments vollendet.
Während des Drucks des Alten Testaments tritt jedoch ein Erkalten
des freundschaftlichen Verhältnisses Luthers zu ihm ein und Hans
Lufft erscheint nun als der bevorzugte Bibeldrucker, wenngleich die
Verbindung zwischen Luther und Lotter nicht ganz aufhörte. Der Grund,
weshalb der letztere von dem ersteren fallengelassen wurde, und weshalb
auch der Kurfürst Friedrich ihm ungnädig wurde, ist nicht bekannt.
Lotters Thätigkeit, die jedoch sehr erlahmte, lässt sich noch bis Ende
der dreissiger Jahre verfolgen. Er soll im Jahre 1542 gestorben sein.
Valentin Bapst.
Luther über Illu-
strationen.
Ein Buchdrucker ersten Ranges ist □Valentin Bapst□ (1541 bis 1589).
Seine Erzeugnisse werden von Kennern als den besten ebenbürtig erklärt.
Ein reich illustriertes Werkchen sind die „Geistlyche Lieder mit einer
neven Vorrede D. M. Luth.“. Interessant dürfte es manchem sein, aus
dem Vorwort zu erfahren, wie ein so ernster Mann wie Luther über die
Bücher-Illustration denkt:
„Wer nicht singen vnn sagen wil, das ist ein Zeichen, das ers nicht
glaubet, vnn nicht ins new fröliche Testament, Sondern vnter das alte,
faule, vnlustige Testament gehöret. Darumb thun die Drucker sehr vol
dran, das sie gute Lieder fleissig drucken vnd mit allerley zierde,
den Leuten angeneme machen, da mit sie zu solcher Frewde des Glaubens
gereitzet werden, vnnd gerne singen. Wie denn dieser Druck Valentin
Bapsts sehr lustig zugericht ist, Gott gebe, das damit dem Römischen
Bapst, der nichts denn heulen, trawren vnd leid in aller welt hat
angericht, durch seine verdampte, vntregliche vnd leidige Gesetze,
grosser abbruch vnd schaden geschehe, Amen“.
Ernst Vögelin
u. a.
Berühmt waren die Klassiker-Ausgaben von □Ernst Vögelin□ (1559
bis 1578), dem Schwiegersohn V. Bapsts, sowohl hinsichtlich der
technischen Ausführung als der Korrektheit, so dass sie den Aldinen
gleich geachtet werden. Vögelin, selbst ein studierter Mann, wurde in
Religionsstreitigkeiten verwickelt, flüchtete, und starb in Heidelberg
1590. Grossen Ruf erwarben sich Abraham Lamberg (1587 bis 1629),
Henning Gross (1575 bis 1621), Gregorius Ritzsch (1624 bis 1643)
und dessen Sohn Timotheus Ritzsch (1638 bis 1678), der bedeutende
theologische und juristische Schriften verlegte.
Steigende
Bedeutung
Leipzigs.
Infolge der Reformation war der Schwerpunkt der Kultur immer mehr nach
dem Norden verlegt. Hier wehte eine frischere Luft, während der Süden
weit mehr dem Einfluss der katholischen Kaiser, den Einflüsterungen
des Klerus und den Plackereien der kaiserlichen Bücherkommissionen
und Zensoren preisgegeben war. Auch die städtischen Behörden in
Frankfurt a. M. hatten nicht den Wert eines vollständig unbehelligten
buchhändlerischen Verkehrs genügend erkannt.
Nichts war deshalb natürlicher, als dass der Norden sich von den
Büchermessen Frankfurts zu emanzipieren und in der berühmten Messstadt
des Nordens -- wo die Regierung jetzt liberaleren Ansichten huldigte,
die Zensur in humanerer Weise üben liess und die Bücher von der Accise
befreit hatte -- einen selbständigen Büchermarkt zu gründen wünschte.
Zur Michaelis-Messe 1594 erschien der erste Leipziger Messkatalog,
herausgegeben von dem Buchhändler und Buchdrucker □Henning Gross□,
zu dem sich in den Jahren 1598-1619 ein zweiter Katalog von □Abraham
Lamberg□ gesellte, der 1620 mit dem von Gross vereinigt wurde. Zwar
konnte Leipzig als Verlagsplatz im Jahre 1595 nur 68 Artikel gegen
117 in Frankfurt aufweisen, aber schon 1600 war das Verhältnis
ein besseres, nämlich 125 gegen 148, und 1632 trug Leipzig seinen
glänzendsten Sieg davon mit 221 Werken gegen 68 aus Frankfurt. Die
Messkataloge von 1565-1640 verzeichnen 8216 in Leipzig erschienene
Werke, davon kommen 243, als die stärkste Zahl einer Jahresproduktion,
auf das Jahr 1613.
Rückschlag.
Aber der Rückschlag der ungünstigen Zeiten sowohl für den Buchhandel
als für die Buchdruckerei konnte nicht ausbleiben und Leipzig litt mit
ganz Sachsen vorzugsweise unter den Drangsalen des dreissigjährigen
Krieges. Mangelhafte Schriften, nachlässige Korrektur, schlechtes
Papier kennzeichnen die Mehrzahl der Bücher aus damaliger Zeit. Nicht
besser war es mit der Xylographie bestellt. Hiergegen halfen natürlich
weder Beschränkungen der Buchdruckereien auf Leipzig, Wittenberg und
Dresden, noch kurfürstl. konzessionierte Buchdruckereiordnungen, Taxen
zur Regulierung der Papier- und Bücherpreise und Visitationsabschiede
an die Universitäten, worin Rektor und Dekane ermahnt werden, für guten
Druck und sorgfältige Korrektur zu sorgen.
Neuer Auf-
schwung.
Selbst nach dem endlich eingetretenen Frieden dauerte es lange,
ehe sich die Buchdruckerei von ihrem tiefen Verfall erholen konnte.
Trotzdem hat Leipzig, selbst aus der trübsten Periode, Druckwerke und
Drucker aufzuweisen, die jeder Zeit Ehre gemacht haben würden, und
hörte nie auf, namhafte Werke aus allen Gebieten der Wissenschaften an
das Tageslicht zu fördern. Ein wesentlicher und andauernder Aufschwung
tritt jedoch erst gegen Ende des □xvii.□ Jahrhunderts ein. Die Zahl
der angesehenen Verlagshandlungen wuchs, unter denen die von M. G.
Weidmann, J. F. Gleditsch, Joh. Fritsch, Joh. Fr. Zedler, Joh. S.
Heinsius zu nennen sind.
Der Messkatalog[12], dieser Gradmesser des Buchhandels, wies eine
Steigerung auf. Leipzig, das Frankfurt im Jahre 1604 zum erstenmale
überholt hatte und von da ab bald vorangeht bald zurückbleibt, behält
nun, mit Ausnahme des Jahres 1680, die Führung und weist im Jahre 1689
310 Werke gegen Frankfurts 90 auf; 1699 319 gegen 109 und im Jubeljahre
1740 253 gegen 74. Die Zahl der Presserzeugnisse Leipzigs von 1641 bis
1740 betrug 19711, wozu das Jahr 1698 mit 401 Artikeln das stärkste
Kontingent stellte.
[12] □G. Schwetschke□, _Codex nundinarius Germaniae literatae
bisecularis_. Halle 1850.
Bernh. Christ.
Breitkopf.
Mit den Buchhändlern mussten die Buchdrucker Schritt halten.
Unter letzteren zeichneten sich aus: □Heinr. Christ. Takke□ durch
orientalische Schriften, ganz besonders aber □Bernh. Christoph
Breitkopf□[13]. Er war am 2. März 1695 in Klausthal geboren. 1718
kam er nach Leipzig, heiratete 1719 die Witwe des Buchdruckers Joh.
Kasp. Müller, und übernahm die Buchdruckerei, die damals sehr in
Verfall geraten war. Breitkopfs Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit
liessen ihn jedoch Gönner finden, die ihn in den Stand setzten,
sich herauszuarbeiten und den „Goldenen Bären“ zu bauen, der das
Geschäft 135 Jahre lang beherbergen sollte und Veranlassung zu dem
Druckerzeichen dem „Bären“ gab. Der „Silberne Bär“ ward dem goldenen
gegenüber 1765-67 erbaut. Die Offizin, im Jahre 1722 die dreizehnte in
der Rangordnung, war 1742 schon die dritte und der Besitzer zur Zeit
des Jubelfestes 1740 angesehener Oberältester der Innung, welche damals
17 Prinzipale mit 137 Gehülfen zählte. Auf dem Boden des tüchtigen
Druckerhandwerks erwuchs bald ein ansehnlicher Bücherverlag, der 1723
mit einer hebräischen Handbibel begann. Die Messkataloge von 1725 bis
1761 weisen 656 Verlagswerke Breitkopfs auf. Den wesentlichen Charakter
erhielt der Verlag jedoch durch die engen Beziehungen Breitkopfs zu J.
Chr. Gottsched und dessen Frau Luise, geb. Kulmus. Gottsched blieb bis
zu seinem Ende Breitkopfs Freund und Hausgenosse im Goldenen Bären.
Seine Druckerei übergab Breitkopf 1745 seinem Sohn; im Verlage wirkte
er noch bis 1762 und starb hochbetagt und geehrt am 26. März 1777. Er
erlebte es noch, wie Gottsched ihm 1736 prophezeit hatte, dass, obwohl
er als der erste Buchdrucker Deutschlands gegolten hatte, sein Sohn ihn
noch überstrahlte. Die Geschichte darf aber nicht vergessen, dass dies
dem Sohne vielleicht nur dadurch möglich geworden ist, dass der Vater
ihm die Druckerei in einem Zustande hinterliess, der ihm gestattete,
sich ohne Schranken seinen, mitunter sehr kostspieligen Versuchen und
Erfindungen hinzugeben.
[13] □Dr. O. Hase□, Breitkopf und Härtel. Leipzig 1875.
Wittenberg.
Hans Lufft, der
Bibeldrucker.
Ein schlagendes Beispiel, wie das Buchdruckergewerbe mit dem geistigen
Leben fällt und steigt, giebt WITTENBERG[14], wo Luthers Wirksamkeit
die Kunst zu einer schnellen Blüte trieb. □Melchior Lotter d. jüng.□
(1519-1523) begann die Reihe der Reformationsdrucker. Ihm folgte
□Georg Rhawe□ (1520-1548), welcher sowohl Schriften von Luther als von
Melanchthon druckte. Sein _Hortulus animæ_ mit Cranachs Zeichnungen
ist ebenso geschätzt wie □Gabr. Schnellboltzs□ Sammlung von Portraits
in einer so vorzüglichen Ausführung, dass man die Zeichnungen Lucas
Cranach zuschreibt. Der bekannteste unter Wittenbergs Buchdruckern
ist □Hans Lufft□, „der Bibeldrucker“ (1525-1584). Er druckte 1534 die
Luthersche Bibelübersetzung, die 1541, 1545 und 1546 in neuen Auflagen
wiederholt wurde. Da auch die meisten andern Schriften Luthers aus
seinen Pressen hervorgingen, so gewann sein Geschäft eine grosse
Ausdehnung. Für den Bibeldruck allein arbeiteten fortwährend drei bis
vier Pressen, und man behauptet, dass gegen 100000 Exemplare der Bibel
aus seiner Offizin hervorgegangen sind. Die Pressen von Hans Weyss,
Peter Seitz und Johann Kraft wurden ebenfalls durch die Reformation im
Gang erhalten.
[14] □E. G. Eichsfeld□, Relation vom Wittenbergischen
Buchdrucker Jubilio 1740. Wittenberg 1740.
Hamburg.
Auch in HAMBURG eröffnete die Reformation der Presse ein weiteres
Feld, jedoch hatte sie hier mit einer besonderen Schwierigkeit
zu kämpfen. Während die hochdeutsche Schriftsprache durch die
Reformation fast überall Boden gewann, blieb sie hier dem Volke ein
mehr oder weniger fremdes Idiom. Die Verleger Hamburgs konnten für
Werke in niederdeutscher Sprache nur auf ein kleines, mehr lokales,
Publikum rechnen, anderseits die für das Volk bestimmten Schriften
nicht hochdeutsch drucken. Hierin trat erst zu Anfang des □xvii.□
Jahrhunderts eine Änderung ein.
Rostock.
In ROSTOCK bestand schon 1476 eine angesehene Buchdruckerei der „Brüder
des gemeinsamen Lebens“. Die Reformation bereitete ihr den Untergang
(1534) und zwar zum grossen Verdruss der Gelehrten. Noch im Jahre 1564
klagt der Professor Chyträus, dass es in Rostock nur einen Buchhändler
mit einer Druckerpresse und einem Lehrling gebe, sodass viele gelehrte
Ausländer nicht einmal wüssten, dass in Rostock eine hohe Schule
vorhanden sei.
Berlin.
BERLIN[15] war im Jahre 1500 zwar die Residenz der Kurfürsten in
den Marken, aber eine unbedeutende Stadt, die nicht einmal eine
Buchdruckerei besass, während Stendal und Kloster Zinna bei Jüterbogk
deren vor dem Schluss des □xv.□ Jahrhunderts hatten (vergl. S. 53), und
Frankfurt a. d. O. wenigstens 1502 eine solche, wenn auch nur in einem
kleinen Massstabe, durch Martin Tretter erhielt.
[15] □G. G. Küster□, _Historia artis typographicæ in Marchia_.
Berlin 1746. -- Abhandlung, worin etwas von märkischen
Formschneidern. -- □J. C. W. Moehsen□, Beiträge zur
Geschichte der Wissenschaften in Mark Brandenburg.
Berlin 1783. -- □G. Friedländer□, Beiträge zur
Buchdruckergeschichte Berlins. Berlin 1834.
Joh. Weiss.
Erst um das Jahr 1540, zu einer Zeit, wo der Süden Deutschlands
bereits über seinen typographischen Glanzpunkt hinaus war, erfolgte
die Einführung der Kunst in Berlin und zwar auf besonderen Betrieb
des Kurfürsten Joachim □ii.□, welcher 1539 □Johann Weiss□, der schon
seit 1525 als ein anerkannt tüchtiger Buchdrucker in Wittenberg
gewirkt hatte, nach Berlin berief. Das erste dort gedruckte Buch, die
Kirchenordnung im Kurfürstenthum der Marken, erschien 1540.
Bis 1544 lieferte Weiss etwa 20 Druckwerke, von da ab hört man weiter
nichts von ihm, und da auch die in Frankfurt a. d. O. bestehende
einzige Buchdruckerei von □Joh. Hanaw□ eingegangen war, so hatte die
Mark Brandenburg 1544 keine Buchdruckerei.
□Frankfurt a. d. O.□ erhielt endlich, nachdem Nikolaus Wolrab dort
auf kurze Zeit (1547-1549) aufgetreten und dann wieder verschwunden
war, in □Joh. Eichhorn□ aus Nürnberg einen tüchtigen Buchdrucker mit
einem alleinigen Privilegium für die Mark ausgerüstet (1567). In Berlin
findet sich aber fast 30 Jahre lang keine Spur einer Buchdruckerei, bis
1574 Leonhard Thurneysser zum Thurn als solcher erscheint.
Leonh. Thurn-
eysser.
Dieser □Leonhard Thurneysser□ war kein gewöhnlicher, aber ein unsteter
Mensch. Geboren zu Basel 1530, war er nach einander Goldschmied,
Naturhistoriker, Chemiker, Bergmann, Arzt, in allen Eigenschaften
tüchtig; bald arm, bald reich. Nach langen Reisen in Europa und
Asien kam er 1568 zurück und erwarb sich Ruf als Arzt durch seine
Wunderkuren, die er auch mit Glück an der Gemahlin des Kurfürsten
Johann Georg in Frankfurt a. d. O., wo er sich wegen des Druckes seiner
Werke aufhielt, übte. Der Kurfürst nahm ihn in seine Dienste und gab
ihm in Berlin ein Lokal in dem Grauen Kloster, um dort zunächst für
seine eigenen Werke eine Druckerei einzurichten, aber auch, um für den
Kurfürsten zu drucken. Die Offizin stattete Thurneysser auf das beste
nicht nur mit deutschen, sondern auch mit allerlei orientalischen
Schriften aus. Später kam eine Schriftgiesserei und Holzschneiderei
dazu. Seine Bücher sind sehr sorgfältig gedruckt. Bedeutend und weit
verbreitet war sein Verlag von Kalendern, die zu der Zeit überhaupt
fast nur von Ärzten herausgegeben wurden.
In Thurneyssers damals glänzenden Verhältnissen trat aber ein
allmählicher Rückgang ein. Unruhig wie er war, siedelte er 1579 nach
Basel über und ging dort eine unglücklich ausfallende Ehe ein, die
durch einen Prozess ihm grossen pekuniären Verlust brachte. Nach Berlin
zurückgekehrt, verliess er 1584 heimlich die Stadt und verschwand von
der Bühne. Die Druckerei hatte er schon 1577 für 1100 Thaler an seinen
tüchtigen Gehülfen □Michael Hentzke□ verkauft, der bereits 1580 starb.
Dessen Witwe heiratete □Nik. Voltz□, einen tüchtigen Buchdrucker,
der jedoch aus Mangel an Mitteln gezwungen war, einen Teilhaber zu
nehmen, den er in dem Rektor des Gymnasiums zum Grauen Kloster, □Wilh.
Hilden□, fand. Sie druckten jeder unter seinem Namen, bis Voltz 1586
wieder in den alleinigen Besitz des Geschäftes kam, mit welchem er 1593
nach Frankfurt a. d. O. zog. Hier fand er 1619 sein Ende, jedoch ohne
bessere Erfolge seiner Thätigkeit erreicht zu haben.
Christoph
Runge.
Von 1593 bis 1599 tritt nun wieder eine Pause in der Druckthätigkeit
Berlins ein. In diesem Jahr berief der Kurfürst Joachim Friedrich
□iii.□ □Christoph Runge□, Buchdrucker zu Neudamm, nach Berlin, wo er
bis 1607 druckte. Sein Sohn Georg, später sein Enkel Christoph, setzten
das Geschäft fort. Letzterer entwickelte mit seiner gut ausgestatteten
Offizin eine bedeutende Thätigkeit. Bei ihm wurde 1615 die erste
Zeitung Berlins gedruckt. Sein sorgenvolles Leben schloss im Jahre
1681[16].
[16] □J. O. Opel□, Die Anfänge der deutschen Zeitungspresse.
Leipzig 1879. -- □E. Dominik□ und □Otto Wenzel□, Zwei
Abhandl. in: „Der Bär“ 1881, Nr. 24 u. 42.
Die Hofbuch-
drucker.
Im Jahre 1660 wurde der erste Hofbuchdrucker ernannt, □Georg Schultze□,
der eine gut eingerichtete Buchdruckerei aus Guben mit nach Berlin
brachte, wo ihm im Schlosse ein Lokal eingeräumt wurde. Er starb 1685.
Seine Nachfolger im Amte brachten es nicht weit, und von 1721 ab, in
welchem Jahre der damalige Inhaber kassiert wurde, hört man nichts
weiteres von der Schlossdruckerei.
Dieserart waren die bescheidenen Anfänge der Buchdruckerkunst in der
jetzigen Kaiserresidenz, Millionenstadt und dem Hauptsitz deutscher
Wissenschaft und Kunst.
DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER.
Dänemark.
Die Reformation.
Lud. Dietz und
die Bibel.
Die Universität.
Die Zensur.
Der Buchhandel.