Hier stand auch die geschäftliche Wiege des weltberühmten Cottaschen

Etablissements. Die Familie □Cotta□ war eine der ältesten und reichsten

Adelsfamilien der Lombardei und behauptet, ihre Ahnen bis in die

römische Konsularzeit verfolgen zu können. Durch ihre Parteinahme

gegen Franz Sforza ging sie ihrer Güter verlustig und wanderte nach

Deutschland aus. Bonaventura Cotta, der Stammvater des im Buchhandel

und Buchdruck berühmten Zweiges der Familie, liess sich in Sachsen

nieder. Durch die Verhältnisse darauf angewiesen lernte □Joh. Georg

Cotta□ den Buchhandel bei Zimmermann in Wittenberg, ging 1640 nach

Tübingen und erwarb durch Heirat das frühere Brunnsche Geschäft. Der

Glanz des Hauses gehört der nächsten Periode.

Heidelberg.

Nach HEIDELBERG, das durch seine Bibliothek in Ruf stand, war der

berühmte □Hieronymus Commelinus□ (1587-1597) gekommen. Seine Ausgaben

griechischer und römischer Schriftsteller, unter welchen Athanasius

und Chrysostomus besonders geschätzt werden, sind so angesehen wie die

Drucke der Stephane und der Aldi. Die Offizin wurde nach Commelinus'

Tod von □Judas Bonnutius□ fortgesetzt. In Heidelberg druckte auch

□Ernst Vögelin□, der Leipzig auf Grund seiner krypto-calvinistischen

Schriften hatte verlassen müssen. Das Vorzüglichste in Bezug

auf typographische Ausstattung dürften wohl die römischen

Geschichtschreiber von □Haurisius□ sein.

Strassburg.

STRASSBURG zeichnet sich in zweifacher Beziehung aus, erstens durch

eine grosse Zahl von bedeutenden illustrierten Werken, dann durch

die lebhafte Beteiligung der Humanisten bei seiner litterarischen

Produktion. Die Stadt hatte seit 1459 ihre Universität und das

benachbarte Schlettstadt war der Sitz einer gelehrten Schule, wo der

Humanismus besondere Pflege fand. Namentlich waren es Jakob Wimpfeling,

Johann Geiler von Kaisersberg und vor allen Sebastian Brant, welche zum

Schluss des □xv.□ und zum Beginn des □xvi.□ Jahrhunderts einen grossen

Einfluss übten.

Joh. Grüninger.

Was die bildende Kunst betrifft, so besass Strassburg schon im

□xv.□ Jahrh. nicht allein den bedeutendsten Kupferstecher □Martin

Schongauer□, sondern war auch im Holzschnitt sehr produktiv. Kein

deutsches Buch damaliger Zeit hatte einen so durchgreifenden Erfolg

gehabt wie Seb. Brants zuerst in Basel (vergl. S. 44) erschienenes

„Narrenschiff“, zu welchem er, nach Behauptung Einiger, selbst

Zeichnungen, sogar Holzschnitte geliefert haben soll. Wenn dies auch

nicht der Fall gewesen wäre, so beweist wenigstens dieses Werk und die

Beteiligung Brants bei verschiedenen der bedeutenden Unternehmungen

des □Johann Reinhard□, genannt □Grüninger□ (1483-1528), welch grosses

Gewicht dieser merkwürdige Mann und Schriftsteller auf die Verbindung

von Text und Illustration legte.

Die Hauptwerke Grüningers sind der „Horaz“ in 4°, aus d. J. 1489; der

„Terenz“ in Folio, von 1496; besonders aber der „Virgil“ in Folio,

von 1492, mit über 200 „sorgfältig ausgeführten, durch Seb. Brant

beigefügten Figuren und Bildern“, von welchen etwa 40 die Grösse von

zweidrittel, 170 von einer halben Folioseite haben. Einen sonderbaren

Eindruck machen die Helden und Götter in dem Kostüm des □xvi.□ Jahrh.

Eine in Lyon gedruckte Ausgabe bringt, ohne Wissen Seb. Brants, ausser

den Holzschnitten der Strassburger eine Anzahl von weniger zarter

Natur, die er in der letzteren unterdrückt hatte. Es ist dieses Buch

nächst dem Theuerdank eins der interessantesten illustrierten Werke

des □xvi.□ Jahrh. Kunstkenner haben behauptet, die Schnitte seien

Metallhochschnitte, sie sind aber die Beweise dafür schuldig geblieben.

Ein merkwürdiges Buch ist die von Grüninger gedruckte _Logica

memorativa_, ein Lehrbuch der Logik des Thomas Murner in Krakau in

Form von Spielkarten. Die erste Auflage war in Krakau erschienen;

der Verfasser erlitt als Zauberer den Flammentod. Auch zwei

grosse illustrierte Ritterromane erschienen bei Grüninger, die

wahrhaftige Historie von Hug Schapler, einem Fleischersohn, der

die Krone Frankreichs errang (als Hugo Capet) und die Geschichte

einer französischen Königstochter, die nach vielem Unglück Königin

von England wurde. 1503 erschien bei ihm: _Hortulus animæ_ mit 57

Holzschnitten von Hans Springinklee und Erhard Schön.

Joh. Knoblauch.

□Johann Knoblauch□ brachte 1508 eine „Passion“ mit 25 Blatt von Urse

Graff, ferner Geiler von Kaisersbergs „Granatapfel“, von Hans Baldung

illustriert.

Bedeutende

Drucker.

Ausser den Genannten druckten noch □Joh. Scott□, □Wendelin Richel□,

□Reichart Beck□, □Bernh. Jobin□ u. a. viele illustrierte Ausgaben.

Besonders nennenswert sind Jobins: _Icones illustrium virorum,

recensente Nic. Reusnero_, 1587, mit Zeichnungen von Tob. Stimmer.

Zu HAGENAU waren □Heinr. Grau□ und □Theodor Anselm□ unternehmende

Verleger, die mit auswärtigen Künstlern von Rang, z. B. mit Hans

Schaeuffelein, in Verbindung standen. Ein Elsasser Formenschneider,

□Jakob von Strassburg□, gab 1503 in Venedig den „Triumphzug Cäsars“ in

12 Folioblättern heraus.

Peter Pilgrim.

Das Auftreten der Renaissance in Strassburg beginnt mit □Joh.

Wächtlin□, genannt □Pilgrim□ oder der Meister mit den gekreuzten

Pilgerstäben, der Maler und Formenschneider zugleich gewesen sein soll.

Er zeichnete sich namentlich durch den xylographischen Farbendruck aus.

Mit dem „Clair-obscur_-Druck“ sollte durch zwei oder drei Holzstöcke

mit verschiedenen Farben die Wirkung der damals sehr beliebten

Federzeichnungen auf farbigem Papier mit weiss aufgesetzten Lichtern

erreicht werden. Der Ursprung gehört jedenfalls Deutschland, in der

Weiterbildung war jedoch bald Italien voran.

* * * * *

Basel.

Nur wenige Städte haben auf eine so glanzvolle Druck-Periode

zurückzublicken, wie BASEL auf seine in der ersten Hälfte des □xvi.□

Jahrh. Selten haben Wissenschaft, Kunst und Technik brüderlicher

zusammen gewirkt, als dort. Namentlich ist es das Dreigestirn Froben,

Petri und Oporinus, welches einen hellen Glanz verbreitet.

Joh. Froben.

Verhältnis zu

Erasmus.

□Johannes Froben□ (geb. um 1460, gest. im Okt. 1527) stammt aus

Hammelburg in Franken. Er bezog die Universität zu Basel und bekam

durch die Bekanntschaft mit Ammerbach, in dessen Offizin er als

Korrektor arbeitete, Lust zur Buchdruckerei. Im Jahre 1491 fing er

seine Thätigkeit mit dem Druck einer Bibel in höchst zierlicher Schrift

an. Seine Hauptwirksamkeit beginnt aber erst von der Zeit, als Erasmus

1514 nach Basel zog und seine Wohnung im Frobenschen Hause aufschlug,

wo er mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Tode weilte. Erst mit

vier, dann mit sieben Pressen druckte er über dreihundert, meist sehr

bedeutende Werke, darunter die erste griechische Ausgabe des Neuen

Testaments.

Das Verhältnis zu Erasmus erweckte grossen Neid unter Frobens Kollegen;

aber nicht nur mit dem Neide, sondern auch mit dem Nachdruck und

anderen geschäftlichen Sorgen hatte er zu kämpfen. Neben den Vorteilen,

welche die Verbindung mit Erasmus ihm brachte, musste er den Nachteil

mit in den Kauf nehmen, dass Luthers Schriften, die vorzugsweise

nachgefragt wurden, und alle anderen Schriften in den Hintergrund

drängten, von seiner Druckthätigkeit ausgeschlossen blieben, während

sein Kollege, Adam Petri, der Luther-(Nach-)drucker Basels wurde.

Frobens Schick-

sale.

Trotz aller Thätigkeit erwarb Froben kein Vermögen. Eine nicht gut

geregelte Wirtschaft und die Ausgaben, die er auf seine Druckwerke,

namentlich auf eine sorgfältige Korrektur derselben, verwendete, waren

zu gross. Als Korrektoren, oder „Kastigatoren“ wirkten für ihn, ausser

Erasmus, namentlich sein Schwiegervater Wolfgang Lachner, dann Marc.

Heiland, Wolfg. Musculus und Joh. Oecolampadius. Zu den Titeln liess er

sich meist Zeichnungen von Hans Holbein d. j. und Urse Graff liefern.

Froben verlor sein Leben infolge eines Falles von einer Leiter. Die

Vollendung seines Lieblingswerkes, der schönen Ausgabe des Augustinus,

welche er im Verein mit Ammerbach und Petri angefangen hatte, sollte

er nicht erleben, aber sein treuer Freund Erasmus that alles, damit

die Ausgabe im Interesse der Kinder Frobens rasch gefördert wurde. Der

Sohn □Hieronymus Froben□ (geb. 1501, gest. 1563) hielt das Verhältnis

zu Erasmus aufrecht, der in Frobens Hause „Zur Luft“ im Jahre 1536,

siebenzig Jahre alt, starb. Hieronymus druckte später im Verein mit

seinem Schwager Nikolaus Episcopius d. ä. (Bischoff) und seinen Söhnen

Ambrosius und Aurelius Froben eine Reihe von bedeutenden Werken[7].

[7] Interessante Mitteilungen über diese geschäftliche

Verbindung verbreitet das in Basel 1881 erschienene:

Rechnungsbuch des Froben und Episcopius 1557-1564.

Familie Petri.

□Johannes Petri□, zu Langendorf an der Saale 1441 geboren, ward

1488 Bürger von Basel. Er druckte nur wenige Bücher allein, die

meisten gemeinschaftlich mit Ammerbach und Froben. Er brachte seinen

sechsjährigen Neffen □Adam Petri□ (geb. 1482, gest. um 1525), der

nach Johannes' Tod (1511) das Geschäft übernahm, mit nach Basel. Die

Reformatoren, namentlich Luther, wurden gute Beute für seine Pressen.

Blitzschnell folgten seine Nachdrucke den Originalen auf dem Fusse.

Luthers Neues Testament erschien im Sept. 1522; im Dez. war schon

der Nachdruck Petris da. Er machte bessere Geschäfte als sein Freund

Froben und scheint trotz seiner reformatorischen Druckthätigkeit gut

katholisch gesinnt gewesen zu sein, wenigstens stand er in dem besten

Verkehr mit den Kartäusern. Für die künstlerische Ausschmückung seiner

Druckwerke arbeitete namentlich Hans Schaeuffelein. Der Sohn □Heinrich

Petri□ (geb. 1508, gest. 1579) studierte erst die Medizin, übernahm

jedoch später die Druckerei und führte sie mit Eifer fort. Vom Kaiser

Karl □v.□ wurde er in den Ritterstand erhoben.

Die Druckthätigkeit seiner Nachfolger war seit 1620 nur eine geringe,

doch bestand die Firma noch 1660. Durch verschiedene Hände kam die

Offizin schliesslich in die Thurneisens und Schweighausers.

Joh. Oporinus.

Zu grossem Ansehen gelangte auch □Johannes Oporinus□[8] (Herbster).

Unter ärmlichen Verhältnissen am 25. Jan. 1507 zu Basel geboren,

wurde er in einem Kontubernium armer Schüler in Strassburg, woher

sein Vater stammte, erzogen. Später bekleidete er eine Lehrerstelle

an der Klosterschule St. Urban im Kanton Luzern, gab jedoch, von der

neuen Lehre angezogen, jene auf, fand 1526 bei Froben Beschäftigung

als Korrektor und gewann die Freundschaft des Erasmus. Später folgte

er dem berühmten Theophrastus Paracelsus als Famulus nach Strassburg,

wo er unter dessen Leitung die Medizin studierte, kehrte jedoch

nach zwei Jahren nach Basel zurück und wirkte als Professor erst im

Lateinischen, dann im Griechischen. Im Jahre 1539 kaufte er mit drei

Anderen, darunter seinem Schwager Rob. Winter, die Offizin des Andreas

Brabander. Die Teilnehmer wirtschafteten jedoch nicht gut und Oporin

versuchte es nun mit Winter, später, unter schweren Sorgen, allein.

[8] □A. Jociscus□, _Oratio de ortu etc. J. Oporini_.

Strassburg 1569.

Oporin wetteiferte in Beziehung auf Schönheit der Ausgaben, Sorgfalt

der Korrekturen und inneren Wert der Verlagswerke mit Froben. Selbst

sehr wissenschaftlich gebildet, stand er mit vielen Gelehrten in

innigem Verkehr und zeigte in allen Verhältnissen einen eisernen Fleiss

und eine unermüdliche Ausdauer. Er beschäftigte über fünfzig Arbeiter

und druckte mehr als siebenhundert und fünfzig grössere und kleinere

Werke, darunter viele von ihm selbst emendierte oder übersetzte

Klassiker.

Die Anatomie

des Vesalius.

Bis jetzt hatte man den Holzschnitt hauptsächlich nur als

künstlerischen Schmuck der Bücher verwendet, jetzt sollte man durch

die berühmte Ausgabe von Vesalius' Anatomie verstehen lernen, welchen

Wert der Holzschnitt für den wissenschaftlichen Zweck und das leichtere

Verständnis eines Werkes hat. Der berühmte Arzt und Anatom Andreas

Vesalius hatte in Venedig von Johann de Calcar, einem Schüler Tizians,

zahlreiche Holzschnitte anfertigen lassen, durch die mit grossem Talent

die Anatomie des Menschen erläutert wurde. Diese sandte Vesalius seinem

Freunde Oporin (1543), um damit sein Werk: _De humani corporis fabrica_

zu illustrieren. Das grosse Portrait Vesalius' an der Spitze des

Buches konnte für ein Meisterwerk Tizians gehalten werden. In seiner

Sorgfalt um den guten Druck ging Vesalius so weit, dass er den Faktor

der berühmten Bombergschen Druckerei in Venedig mitfolgen liess, dass

er die Ausführung überwache. Um so mehr mussten ihn die schlechten

Ausgaben der Nachdrucker empören.

Im Jahre 1566 zog sich Oporin von dem Geschäft zurück und starb am

6. Juli 1568. Er war viermal verheiratet, ohne jedoch besonderes

häusliches Glück zu geniessen.

Unter die verdienten Buchdrucker Basels gehören ferner □Michael

Isengrin□, welcher eine zweite, die erste des Aldus Manutius an

Schönheit übertreffende, vollständige Ausgabe des Aristoteles druckte,

dann auch □Josias Münsch□ (1550), □Konrad von Mecheln□ (1685) und

□Emanuel Thurneisen□.

Zürich.

Chr. Froschauer.

Mit Stolz blickt ZÜRICH auf □Christoph Froschauer□[9] (oder

Froschower), dem es zu einem grossen Teil die Blüte seines

litterarischen Lebens verdankt. Im □xv.□ Jahrhundert zeigt sich in

Zürich noch keine Spur der Buchdruckerkunst. Der erste bekannte Druck

ist ein, am 6. Januar 1504 von dem Rate erlassenes Mandat, ohne Namen

des Druckers. Wahrscheinlich war dieser □Hans am Wasen□, der 1508

einen Kalender mit guten Vignetten druckte. Von Wasen hörte man weiter

nichts.

[9] □S. Vögelin□, Christoph Froschauer, erster berühmter

Buchdrucker in Zürich. Zürich 1840. -- □E. Camillo

Rudolphi□, Die Buchdrucker-Familie Froschauer in

Zürich (1521-1595). Verzeichnis der aus ihrer Offizin

hervorgegangenen Druckwerke. Zürich 1869.

Erst 1519 erhielt Christoph Froschauer aus Neuburg bei Oetting in

Bayern das Bürgerrecht. Sein Geburtsjahr kennt man nicht; es fällt

jedoch wahrscheinlich in das zweitletzte Jahrzehnt des □xv.□ Jahrh. Ob

Christoph ein Verwandter des Augsburger Druckers, Johann Froschauer,

war, ist nicht bekannt.

Froschauers

Thätigkeit.

Froschauer war ein wissenschaftlich gebildeter, sehr thätiger und

zugleich glücklich spekulierender Mann. Er schloss sich sofort Zwingli

an und blieb diesem und der Reformation ein innig ergebener, wenn auch

nicht zelotischer Freund. Seinem Beruf gab er sich mit grosser Liebe

und mit heiligem Ernst hin. Das ihm entgegengetragene Vertrauen und den

erworbenen Wohlstand verwendete er in der edelsten Weise.

Seine ersten datierten Drucke fallen in das Jahr 1521. Es waren

zwei von dem gelehrten Leo Jud ins Deutsche übersetzte Schriften des

Erasmus: „Ein klag des Frydens“ und „Ein nützliche wndervisung eines

Christenlichen Fürsten wol zw regieren“. Von Zwingli erschienen bei

ihm gegen 80 Schriften, oft in mehreren Ausgaben, einige davon druckte

□Hans Hager□ (1520-1526). Von da ab hörte man vom letzteren nichts

mehr, und Froschauer war der alleinige Drucker bis 1554, als sich

□Andreas Gessner□, ein naher Verwandter des bekannten Conrad Gessner,

etablierte. Zahlreiche Schriften von Leo Jud, Rod. Gualther (Walther),

C. Pellikan, Peter Martyr, Ludwig Lavater und namentlich von Heinrich

Bullinger, ausserdem eine grosse Anzahl Ausgaben der Klassiker wurden

von Froschauer verlegt.

Der Bibeldruck.

Seine wichtigste Thätigkeit war jedoch sein Bibeldruck. In den Jahren

1524-1529 stellte er die erste vollständige Schweizerausgabe der Bibel

in Folio fertig, und von da ab verging selten ein Jahr, in welchem

nicht entweder die ganze Bibel oder wenigstens Teile derselben in

deutscher, lateinischer, selbst in englischer Sprache erschienen. Zu

der ersten deutschen Ausgabe wurde mit Ausnahme der poetischen und

prophetischen Bücher, welche von Schweizer Gelehrten übersetzt wurden,

die lutherische Übertragung benutzt. Später führten Einheimische das

ganze Werk aus. Im Jahre 1535 wurde die berühmte englische Bibel, von

Moses Coverdale übersetzt und mit Holzschnitten von Hans Sebald Beham

illustriert, gedruckt. In den Jahren 1524-1564 erschienen nicht weniger

als 27 Ausgaben der vollständigen Bibel und viele Abdrücke des Neuen

Testaments. Anfänglich benutzte Froschauer die Antiquaschrift, später

veranlasste er den Schnitt einer an die Schwabacher sich anlehnenden

Schrift, liess Vignetten und Initialen anfertigen und verwandte

überhaupt die grösste Sorgfalt auf die Ausstattung. Die lateinischen

Ausgaben der Bibel waren von den Gelehrten sehr geschätzt.

Die Froschau.

Mit der Erweiterung des Geschäfts musste er auch nach einer

grösseren Lokalität suchen und fand eine solche in einem ehemaligen

Barfüsserkloster. Als diese Räumlichkeit jedoch i. J. 1551 eine andere

Bestimmung erhielt, kaufte er ein früheres Dominikaner-Frauenkloster,

welchem er den Namen: „Die Froschau“ gab, den es noch heute trägt. Auf

dem Brunnenhäuschen dort befindet sich noch sein Insignium. Er modelte

dasselbe in verschiedener Weise um, immer blieb jedoch der Frosch ein

Hauptbestandteil. In der ältesten Ausführung wird dieser von einem

behelmten Knaben geritten, der in der Linken den Zaun, in der Rechten

eine Fahne, mit der Inschrift CR. FR., hält.

Die Frankfurter Messe besuchte Froschauer eine lange Reihe von

Jahren zweimal jährlich und machte mit seinem Verlage vorteilhafte

Geschäfte. Mit Gelehrten des In- und Auslandes stand er auf dem

freundschaftlichsten Fusse und zeigte sich ihnen gefällig, wo er nur

konnte; so räumte er beispielsweise ein ihm gehörendes Haus flüchtigen

englischen Gelehrten vollständig ein, die sich mehrere Jahre hindurch

in Zürich aufhielten.

Froschauers

Nachfolger.

In seinem Geschäft wurde er getreulich von seinem Bruder Eusebius

und von dessen Söhnen Eusebius und Christoph unterstützt. Kinderlos

verheiratet, hinterliess er dem Neffen □Christoph Froschauer□ das

ganze Geschäft zu sehr billigen Bedingungen. Er starb hochbejahrt am 1.

April 1564. Der Neffe blieb unverheiratet. Nach dessen Tode, 2. Febr.

1585, wurde das Geschäft noch bis 1590 fortgeführt und dann aufgelöst.

Die Druckerei ging auf □Johann Wolf□ über, der jedoch noch bis 1595

einzelnen Werken die Bezeichnung _typis Froschovianis_ beifügte. Das

Verzeichnis des Froschauerschen Verlags zeigt 1564 bereits 601 Nummern,

von da bis 1595 noch 264. Im J. 1626 kam die Druckerei in den Besitz

der Familie Bodmer, 1723 an Heidegger & Rahn und wurde 1765 mit der

Orellschen Buchdruckerei, die jetzt noch blüht, vereinigt.

St. Gallen.

Leonh. Straub.

ST. GALLEN erhielt erst 1578 eine Buchdruckerei durch □Leonhard

Straub□, der eine sorgfältige Erziehung genossen und in den besten

Offizinen gearbeitet hatte. Ein von ihm gedruckter Wandkalender hat

eine zu merkwürdige Geschichte, um sie hier mit Stillschweigen zu

übergehen. Auf dem Kalender waren die Wappen der 13 Kantone, darunter

das Appenzeller, ein Bär, abgebildet. In Appenzell bemerkte man indes,

dass es eine Bärin, nicht ein „männlicher Bär“ sei! Grosse Aufregung

entstand; man verlangte Rüstung zu einer Fehde gegen St. Gallen. Der

dortige Rat erbat sich drei Tage Bedenkzeit, die aber nicht gewährt

wurde. In dieser kritischen Lage übernahm der Abt von St. Gallen die

Vermittelung. Der Bär hatte jedenfalls nur den Vorwand abgegeben, der

arme Straub musste jedoch Abbitte leisten und eidlich erklären, er habe

nur aus Einfalt gehandelt. Straub lebte in ewigem Hader mit der Zensur;

schliesslich musste er die Stadt verlassen, und starb 57 Jahre alt 1607

in Konstanz. Sein Geschäft blühte noch im Besitz seiner Söhne und Enkel

über hundert Jahre fort[10].

[10] □G. Binckert□, Leonhard Straub, der erste Buchdrucker in

St. Gallen. 1878.

* * * * *

Wien.

Joh. Singriener.

In WIEN eröffnete □Hieronymus Victor□ aus Liebenthal im Fürstenthum

Jauer seine Offizin im Jahre 1510. Die Kunst hatte er wahrscheinlich

in der Hallerschen Druckerei in Krakau erlernt. Er vereinigte sich

mit Joh. Singriener aus Oetting in Bayern, trennte sich jedoch 1514

wieder von ihm, worauf letzterer seine eigene Druckerei eröffnete.

□Joh. Singrieners□ Wirksamkeit durch 33 Jahre war eine bedeutende und

eine grosse Zahl gut ausgestatteter Werke ging aus seiner Offizin

hervor, unter welchen das 1517 erschienene _Tripartium opus juris

consuetudinarij incluti regis Hungarie_, über 70 Bogen stark, einen

bedeutenden Platz einnimmt. Die vielen in dem Werk vorkommenden

Druckfehler entschuldigt der Drucker damit, dass er das Werk in 40

Tagen (!) habe liefern müssen, eine Leistung, die selbst heute für eine

grosse Druckerei eine bedeutende gewesen sein würde. Singriener war

nicht nur ein tüchtiger Buchdrucker, sondern auch ein wissenschaftlich

gebildeter, von den Gelehrten und Geistlichen gern gesehener Mann.

Unter seinen vielen Drucken sind besonders schön ausgeführt: _Pomponius

Mela_ in Fol.; _Bandinus_ auf Pergament; _Cicero_, _Pro lege Manilia_.

Seine Söhne Matthäus und Johannes setzten das Geschäft fort, bis es mit

dem Tode des letzteren erlischt.

Hans Kohl.

□Hans Kohl□ (_Johannes Carbo_) gehörte zu den fahrenden Buchdruckern

und arbeitete in Wien von 1549 bis 1551. Er war gut mit deutschen,

hebräischen und griechischen Lettern versehen und druckte zuerst

in Verbindung mit □Aegidius Adler□ (_Aquila_), aus den Niederlanden

gebürtig. Im J. 1550 arbeitete letzterer allein und übertraf seinen

früheren Compagnon durch die Menge und Schönheit seiner Ausgaben. Er

starb bereits am 17. Aug. 1552.

Michael Zimmer-

mann.

Die Offizin wurde von □Michael Zimmermann□ (_Cymbermannus_) übernommen,

dem bedeutendsten Buchdrucker Wiens aus dieser Zeit. Er druckte Werke

in italienischer, spanischer, arabischer, hebräischer und syrischer

Sprache, zu denen er die Schriften von Kaspar Kraft aus Ellwangen

bezogen hatte. Seine Ausgaben schmückte er mit rotem Druck, sowie mit

illuminierten Figuren und Landkarten.

Raf. Hofhalter.

Ein Pole, □Rafael Hofhalter□ (_Skrzetuski_), der sein Vaterland

auf Grund religiöser Misshelligkeiten verlassen hatte, kam nach

vielen Wanderungen nach Wien, wo er mit □Kaspar Kraft□, 1556, ein

Privilegium für eine Buchdruckerei „mit schönen, zierlichen, auf die

neue französische Art geschnittenen Buchstaben“ erhielt. Er lieferte

sehr hübsche Ausgaben. Eine interessante Erscheinung ist das bei ihm

(1561) erschienene „Thurnier Buch“ mit einem kunstreich geschnittenen

Titel und Wappen in Holzschnitt, sowie mit sieben grossen und kostbaren

Kupferstichen, von Hanns Lautensack gestochen. Im Jahre 1562 wanderte

Hofhalter, ebenfalls wohl aus religiösen Gründen, nach Ungarn aus; 1565

druckte er in Debreczin calvinistische Schriften. Sein Sohn Rudolph

betrieb die Buchdruckerei in Grosswardein und folgte später dem Ruf des

Fürsten Johann nach Weissenburg in Siebenbürgen.

Die Jesuiten-

druckerei.

Ferdinand □i.□ hatte 1551 die Jesuiten nach Wien berufen. Der Rektor

Johann Victoria, ein geborener Spanier, kam auf den Gedanken, zum

besten der Religion und armer Studenten durch milde Beiträge eine

Druckerei anzulegen, die schon 1559 eröffnet wurde. Ein Hauptartikel

war der, auf Befehl des Kaisers von dem bekannten Pater Canisius aus

Nymwegen verfasste Katechismus, der in viele Sprachen übersetzt wurde

und noch jetzt in österreichischen Volksschulen im Gebrauch ist. Die

Druckerei hörte 1565, kurz nach dem Tode des kaiserlichen Beschützers

der Jesuiten, auf, und wurde 1577 als „Zeug“ an den Generalvikar von

Gran, Nikolaus Telegdi, verkauft, der damit eine Druckerei zu Tyrnau

gründete.

Buchdruck im

□xvi.□ u. □xvii.□ Jahrh.

Die Buchdruckerkunst in Wien hatte, namentlich durch Fremde gepflegt,

im □xvi.□ Jahrh. im ganzen genommen auf einer hohen Stufe gestanden.

Dasselbe war mit der Xylographie der Fall. Unter den Verlegern, die

eine besonders gute Einwirkung auf die Wiener Buchdruckerei dieser

Periode übten, ist die Familie Atlantsee zu erwähnen, die unter den

Buchhändlern damaliger Zeit einen bedeutenden Namen hatte, namentlich

was Lukas Atlantsee betrifft.

Joh. von Gehlen.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 13 / 29 段